ADB:Voltz, Johann Michael

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Artikel „Voltz, Johann Michael“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 280–282, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Voltz,_Johann_Michael&oldid=2508615 (Version vom 10. Dezember 2018, 13:39 Uhr UTC)
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Voltz: Johann Michael V., Maler, Radirer und Zeichner, geboren am 15. October 1784 in der alten schwäbischen Reichsstadt Nördlingen als der Sohn eines Schullehrers und Cantors. Obwol der Knabe schon frühzeitig einen unüberwindlichen Trieb nach künstlerischen Darstellungen bewährte und jeden Streifen Papier, auch Mauern und Wände benützte, um darauf zu zeichnen, [281] so erhielt derselbe, weil zum Knopfmacher bestimmt, erst mit dem zwölften Jahre einen nothdürftigen Unterricht im Zeichnen. Sein reger Geist schöpfte neue Anregung und Nahrung durch die Bekanntschaft mit dem Bürgermeister Doppelmayer, in dessen umfangreichen Sammlungen der junge V. insbesondere mit Riedinger’s Thierbildern bekannt wurde. Im J. 1801 kam V. als Lehrling zu einem Stubenmaler, dann zu dem Kupferstecher und Landschafter Friedrich Weber nach Augsburg, welcher hauptsächlich einen Bilderbogenhandel betrieb, wofür der Knabe meist im Coloriren verwendet wurde, aber doch auch mehrere technische Fertigkeiten lernte. Bessere Förderung fand er dann bei dem Herrn v. Herzberg, für dessen Verlag er schon selbständige Blätter lieferte. Mit den dadurch mühsam gemachten Ersparungen wagte sich V. in Begleitung seines gleichstrebenden Landsmannes Albrecht Adam (des nachmals so berühmten Schlachtenmalers) 1808 nach München, wo beide im königlichen Marstall Pferde zeichneten. Während der weltgewandte Albrecht Adam bald Geltung errang und als Stallmeister des Grafen Froberg-Montjoye nach Wien ging und daselbst seinen guten Namen begründete, wendete sich der arme, schüchterne und an seiner höheren Begabung irre gewordene V. 1809 nach Nürnberg, wo er als Zeichner für Friedrich Campe’s Verlag ermunternde Aufnahme und als Illustrator vielfache, seine ganze Existenz und Kunstrichtung vollständig bestimmende Beschäftigung fand. Nun überschütteten ihn auch andere Kunsthändler, die sein Talent erkannten, mit erklecklichen Aufträgen und ließen ihn nicht mehr los. Im J. 1812 übersiedelte V. nach dem Wunsche seines Vaters wieder nach Nördlingen, heirathete daselbst 1814 und blieb hier, mit einer geringen Unterbrechung in den Jahren 1824–27, welche er in Augsburg verbrachte, bis zu seinem am 17. April 1858 erfolgten Ableben, unermüdlich thätig mit einer über viertausend Nummern zählenden Fülle von originellen Schöpfungen, Illustrationen und Bildern! Staunenswerth bleibt seine immer frische Vielseitigkeit. V. war in der historischen Malerei, im Zeitbild, in Schlachtenscenen ebenso bewandert, wie in der Darstellung religiöser Gegenstände, nicht minder in der Humoristik und in der Caricatur; auch im Genrebild bewegte er sich in der umfassendsten Weise. Er schilderte das Treiben der Erwachsenen ebenso wahr, wie er sich in das Gemüthsleben der Kinder versenkte; das ganze Gebiet der Thierwelt und der Landschaft zog er gleichmäßig in das Bereich seiner Darstellung, kein Zweig der Kunst blieb ihm fremd. Alle seine Gebilde wurden anmuthig und gemüthlich, auch verstand er die Kunst, allen seinen Empfindungen mit den einfachsten, anspruchslosesten Mitteln Ausdruck zu geben. Indem er für alle Stände arbeitete und immer den Beschauer packte, erfüllte er seinen ethischen Zweck, das Volk im weitesten Sinne zu veredeln und den Geschmack zu läutern. Obwol das heute so geläufige Wort „Kunstgewerbe“ damals noch völlig fehlte, so schuf doch V. thatkräftig ganz in diesem Sinne. Wie es ihm aber als Familienvater Freude gewährte, seinen Kindern ihre Spielsachen zu verfertigen (darunter eine Postkutsche mit zwei Pferden genau nach dem Leben), so ging er Jedem, der ihn darum ersuchte, mit Rath und That an die Hand, malte den Kaufleuten und Bürgern sogar ihre Aushängschilde, verbesserte den Handwerkern ihre Werkzeuge oder erfand wohl auch neue und nutzbare.

Vorerst waren es Zeitbilder aus der Epoche des Napoleonischen Ruhmes und den Freiheitskriegen: Schlachten, Festlichkeiten, Einzüge, Congresse und dergleichen Staatsactionen; sie brachten natürlich die jeweilige Stimmung zum unmittelbaren Ausdruck, wobei auch die Treue des Costüms, die Aehnlichkeit der Hauptpersonen und der Oertlichkeiten anerkannt werden dürfen, wozu übrigens Campe immer das beiläufige Material lieferte, welches V. in seiner stillen Stube mit idealer Phantasie gestaltete, belebte und verarbeitete. Zur weiteren Signatur der Zeit zählen die zahlreichen Caricaturen, dann die in der Litteratur schon [282] längst eine große Rolle spielenden Räubergeschichten, die Modethorheiten und Schwächen der Menschen, die theure Zeit und der Erntesegen (1817), die Jubelfeier der Reformation, allerlei Rückblicke in die frühere Zeitgeschichte mit den Trachten und Gebräuchen aller Völker, insbesondere aber, als Folge einer 1819 unternommenen Reise, die Bilder aus dem Schwarzwald und der Schweiz: die Hauensteiner Bauernstube, Glasfabrikation auf dem Aile, Uhrmacherwerkstätte in der Neustadt, Hochzeit im Kirchgarterthal, Weinlese bei Mühlheim, Goldwaschen bei Karlsruhe, Morgen auf der Alpe, Betende Schäferin, Der Schütz, Auszug auf die Alpe, Ringer und Schwinger. Ferner allerlei Darstellungen mit religiösem Inhalt, darunter zu Hebel’s „Biblischen Erzählungen“ (1827). Dann eine ganze Reihe mit den damals vielbeliebten Kleinstädtereien (Kotzebue) und „Krähwinkliaden“, deren Hauptwitz darin gipfelt, daß eine Redensart wörtlich genommen wird (wie z. B. der siegreiche General eine Besatzung über die Klinge springen läßt oder eine Festung schleift) u. dergl. Dann wie ein Sturm nach der bleiernen Reaction und Windstille: die Julirevolution, die Kriegsscenen aus der Türkei, aus Rußland und Polen, Becker’s Rheinlied-Rummel (1840). Zwischendurch entstanden eine Menge von Kinderbüchern und Bilderbogen (darunter eine Weihnachtsbescheerung, ein Kunstreiterzug), Illustrationen zu einem neuen Orbis pictus (1835), ganze Serien von Taschenkalendern mit Illustrationen zu Goethe’s Faust, Hermann und Dorothea, zu Körner’s Dramen, Langbein’s und Uhland’s Gedichten, zu berühmten Opern (Oberon). Dann warf er sich wieder auf die Oelmalerei und schuf sogar etliche höchst respectable Kirchenbilder, eine „Christliche Bilderakademie“, auch Zeichnungen für Münzen und Medaillen (im Auftrag des Medailleur Neuß in Augsburg). Daß V. bei allen größeren Festen, Jubiläen, Durchreisen von hohen Herrschaften als Decorateur sich hervorthat, war selbstverständlich; er baute gerne große, mit gemalten Statuen ausgestattete Triumphbogen, welche sogar die Bewunderung Schwanthaler’s erhielten, der in V. das Talent zu einem großen Bildhauer bewunderte, welches leider nicht zur Entwicklung gelangte. Ebenso lieferte V. zahllose Diplome, Jubiläumstafeln, Adressen u. dgl. mit ornamentalen und figürlichen Verzierungen. Das Verzeichniß seiner Werke hat Karl Hagen zusammengestellt mit einer schönen Würdigung dieses originellen Künstlers, dessen Thätigkeit im Museum seiner Vaterstadt Nördlingen wol am besten studirt werden kann.

Seine Söhne widmeten sich der Kunst: der älteste, Friedrich V. (1817–1886), excellirte als Thiermaler, Ludwig V. (geboren 1825) wurde ein beliebter Jagdscenenmaler und Karl V. (geboren 1826) bildete sich zuerst unter Amsler und Thäter als Kupferstecher und wirkte als Professor der Zeichnungskunst zu Kaiserslautern und Nürnberg.

Vgl. Nagler 1850, XX, 527 ff. und dessen Monogrammisten 1871, IV, 165 (Nr. 541) u. 1879, V, 240 (Nr. 1221). – Dr. Karl Hagen, Der Maler Johann Michael Voltz von Nördlingen und seine Beziehungen zur Zeit- und Kunstgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderte. Stuttgart 1863 (mit dem Porträt des Meisters, gezeichnet von Fr. Voltz, radirt von A. Schultheiß). – Fr. Pecht, Geschichte der Münchener Kunst. 1888, S. 33.