ADB:Werther, Karl Freiherr von

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Artikel „Werther, Karl Freiherr von“ von Hermann von Petersdorff in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 113–116, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Werther,_Karl_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 17:24 Uhr UTC)
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Werther: Karl (Anton Philipp) Freiherr v. W., preußischer Diplomat, geboren am 31. Januar 1809 zu Königsberg in P., † am 8. Februar 1894 zu München, hat bei den wichtigsten Ereignissen der neueren deutschen Geschichte eine bemerkenswerthe Rolle gespielt. Als der Sohn des ebenfalls als Diplomat hervorgetretenen Heinrich v. W. (siehe oben) trat er, nachdem er im Juni 1830 die erste juristische Prüfung bestanden hatte, Ende 1832 in die diplomatische Laufbahn und wurde nach abgelegter diplomatischer Prüfung 1834 Legationssecretär in München. In derselben Eigenschaft kam er 1835 in den Haag. 1836 wurde er dem Schwiegersohn Wilhelm’s v. Humboldt, Heinrich v. Bülow, in London als Legationsrath beigegeben. Zur selben Zeit ernannte ihn Friedrich Wilhelm III. zum Kammerherrn. Der junge Diplomat begeisterte sich für den feinfühligen Bülow auf das lebhafteste. Bei der langwierigen belgischen Conferenz in London kam er öfter, besonders 1839, in die Lage den überarbeiteten kranken Chef zu vertreten. 1840 wurde er nach Paris versetzt und hatte so Gelegenheit die orientalische Krisis dieses Jahres an einem wichtigen Orte genau zu verfolgen. Schon Ende 1841 wurde er als außerordentlicher Gesandter nach der Schweiz (Bern) geschickt, womit gewisse Kreise (Varnhagen), die ihn für unfähig hielten, nicht zufrieden waren. Von dort kam er 1844 als Gesandter nach Athen, wo er bis 1849 blieb. Damals (30. Juli 1846) verheirathete er sich mit der achtzehn Jahre jüngeren Mathilde Gräfin Oriola (geboren 3. Februar 1827). Mit seiner Versetzung nach Kopenhagen im J. 1849 begann die Zeit, in der sein Name auf das engste mit den bedeutsamsten Ereignissen verknüpft werden sollte. Am dänischen Hofe hatte er es besonders mit der Verzichtleistung des Augustenburgers und der Erbfolgeordnung zu thun. Im Frühjahr 1854 wurde er zum Gesandten in Petersburg bestimmt, um die schwierigen Verhandlungen wegen des Ausgleichs zwischen Oesterreich und Rußland zu führen. [114] Man scheint damals eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten gehabt zu haben; denn in den maßgebenden Kreisen der Gerlach u. s. w. wurde auch sein Name unter den möglichen Candidaturen für das auswärtige Ministerium genannt. Einige Wochen vor seinem Abgang nach Rußland betraute ihn König Friedrich Wilhelm IV. zeitweilig mit der Wahrnehmung der Geschäfte eines Unterstaatssecretärs des Auswärtigen. Er hatte mit dem König, Leopold Gerlach, dem Gesandten in Wien Alvensleben, Dohna, Gröben und Balan eingehende Besprechungen. Im Juni ging er nach Petersburg ab. Bekanntlich drehten sich die mit dem russischen Kanzler Nesselrode zu führenden Verhandlungen hauptsächlich um die vier österreichischerseits geforderten Zugeständnisse. Als Aufpasser der Kamarilla stand ihm der Militärbevollmächtigte Graf Münster zur Seite. Nach dem Pariser Frieden erhielt er den Titel Excellenz (5. Juni 1856). Bei Beginn der italienischen Verwicklungen ersah man ihn wiederum aus, um einen Ausgleich herbeizuführen. Doch war sein Ansehen inzwischen entschieden etwas gesunken. Denn Leopold Gerlach bemerkte spöttisch zu seiner Sendung: „Der gute akkommodante W., der weder imponirt, noch Vertrauen einflößt“. Mehr und mehr trat bei ihm als Hauptzug seines Wesens die ausgleichende Natur hervor, die sich mit allen auf das freundschaftlichste stellt und auf das ängstlichste jedem Verdruß aus dem Wege geht. Er war darin seinem Vater ähnlich, nur daß die conciliante Art bei ihm noch ausgeprägter gewesen zu sein scheint. Mit dem Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg, befand er sich bald auf dem herzlichsten Fuße, aber derartig, daß in verständigen politischen Kreisen zu Berlin, wie denen Theodor’s v. Bernhardi, arg räsonnirt wurde über die schwächliche Vertretung Preußens durch ihn. Auch sonst nahm er nicht immer eine glückliche Stellung bei Beurtheilung der preußisch-deutschen Politik ein, indem er sich u. a. (1859) gegen den vernünftigen Antrag Usedom’s auf Herstellung der kurhessischen Verfassung von 1831 erklärte. Nicht leicht war seine Aufgabe in der Krisis des Zollvereins von 1863 und bei den handelspolitischen Erörterungen mit Oesterreich. Kaum waren diese beendigt, da rückte die Entscheidung in der schleswig-holsteinischen Frage heran. W. hat mit Balan den Wiener Frieden paraphirt und am 30. October 1864 unterzeichnet. Mit dem neuen Leiter der österreichischen Politik, Graf Mensdorff, war er auch sofort eng befreundet. Das hinderte nicht, daß es zu argen Mißverständnissen wegen Schleswig-Holsteins kam. Ein solches Mißverständniß, in das ihn die Verschlagenheit des österreichischen Diplomaten Biegeleben brachte, erwies sich als höchst unangenehm für W. Während Krieges von 1866 war W. Vertreter des Grafen Bismarck im Ministerium des Auswärtigen zu Berlin. Er führte auch die Conferenzen mit dem österreichischen Bevollmächtigten v. Brenner zu Prag, die am 23. August 1866 zur Unterzeichnung des Prager Friedens durch ihn als preußischen Vertreter führten. Nach dem Kriege wurde er wiederum in Wien beglaubigt und als rechter Vetter Beust’s, des neuen leitenden Ministers, wußte er sich auch mit diesem trefflich zu stellen. Freilich war er dort nicht gerade auf Rosen gebettet. Denn Beust sagt ganz richtig: „Jedes neue Gesicht wäre in Wien angenehmer gewesen als dasjenige des Mannes, mit dem man vor der erlittenen Niederlage zu thun gehabt hatte.“ Wenn Graf Bismarck ihn doch daselbst beließ, so wird er vermuthlich ein besonders großes Vertrauen zu der versöhnlichen Natur seines Gesandten gehabt haben. Indeß gab es doch in der Folge verschiedene Reibungen, so bei der Pester Krönung, wegen der Begünstigung der welfischen Umtriebe durch Beust, bei Auseinandersetzungen über die Entstehung des letzten Krieges u. s. w. W. wurde höchst schlecht behandelt und man fand es daher gerathen, ihn im October 1869 als norddeutschen Botschafter nach Paris zu entsenden. Der dortige Aufenthalt wurde verhängnißvoll für seine diplomatische [115] Laufbahn und für seinen geschichtlichen Namen. Wohl selten hat es sich schlagender gezeigt, daß versöhnliche Naturen, die sich sonst als höchst befähigt für das schwierige Amt der hohen Diplomatie erwiesen haben mögen, in entscheidungsschweren Augenblicken die ungeeignetsten Vertreter der Mächte sind, als bei der Mission Werther’s in Paris. Das Interesse an dieser Mission beschränkt sich auf wenige Julitage des Jahres 1870. Nachdem König Wilhelm sich zum Gebrauch der Brunnenkur nach Ems begeben hatte, brach W. am 4. Juli dorthin von Paris auf, um seinem Herrn aufzuwarten. Bei seinem Abschiede von dem seit dem 15. Mai ernannten auswärtigen Minister, seinem alten Bekannten von Wien her, Herzog von Gramont, forderte dieser ihn nachdrücklich auf, dem Könige die angebliche Gefährdung der Lage durch das Auftauchen der hohenzollernschen Candidatur vorzustellen. W. fühlte sich dem in Ems eingetroffenen Benedetti am frühen Morgen des 9. bewogen zu erklären, daß der König dem Prinzen Leopold die Annahme der Candidatur nach den Hausgesetzen nicht habe verbieten können, daß er also schwerlich die Entsagung befehlen oder anrathen könne. Wie man weiß, vermochte er jedoch dadurch nicht zu verhindern, daß Benedetti den König aufsuchte. Am 12. Juli war W. bereits wieder in Paris bei Gramont, der eben die Nachricht vom Verzicht des Hohenzollern erhielt. Jetzt war es, wo Gramont das Ansinnen stellte, daß König Wilhelm eine Art Entschuldigungsbrief schreiben sollte, wozu er gleich den Entwurf aufsetzte. W. wies die Zumuthung des Herzogs nicht zurück, sondern versprach dem Könige Kenntniß von den Wünschen Gramont’s zu geben. Sowie Graf Bismarck von diesem schwächlichen Verhalten seines Gesandten Nachricht erhalten hatte, schickte er ihm (am 13.) mit einem scharfen Verweise den Befehl zu, auf der Stelle wegen Unwohlseins Urlaub zu nehmen und Paris zu verlassen. Als W. diese Weisung erhielt, verlor er vollends den Kopf, indem er wiederum Gramont aufsuchte, mit dem naiven Geständniß, daß er in einer mißlichen Lage wäre, da ihn seine Regierung scharf getadelt hätte, weil die französische Zumuthung überhaupt von ihm angenommen worden wäre. Er solle jetzt abreisen. Durch solche Ungeschicklichkeit wurde die gefahrvolle Lage noch gespannter. So kam es, daß W. vom Bundeskanzler in der Reichstagsrede vom 20. Juli vor dem Lande bloßgestellt wurde. Nach Beendigung des Krieges wurde er dann auch verabschiedet (Juli 1871). Er nahm seinen Wohnsitz in München. Jedoch nach drei Jahren entsann sich der Leiter der deutschen Politik wieder seiner, indem er ihn im Mai 1874 zum deutschen Botschafter in Konstantinopel ernannte. Er mochte Werther’s Geschmeidigkeit und Gewandtheit bei dieser Gelegenheit wieder verwerthen können. Auch war W. ja ein gewiegter Kenner der orientalischen Verhältnisse. Bis zum Beginn des russisch-türkischen Krieges (Frühjahr 1877) hat W. den Botschafterposten bei der Pforte bekleidet und das deutsche Reich auch in der seit Ende 1876 zur Regelung der türkischen Wirren in Konstantinopel tagenden Botschafterconferenz vertreten, die bekanntlich infolge des Widerspruchs Sultan Abdul Hamid’s fruchtlos verlief. Dann trat er endgültig in den Ruhestand und zog sich abermals nach München zurück, wo er auch einst seine diplomatische Laufbahn begonnen hatte. 1879 verlieh ihm des Königs Gnade den Schwarzen Adlerorden. Nach seiner recht wechselreichen staatsmännischen Thätigkeit ging er, wie Ferd. Gregorovius, der ihn in München kennen und schätzen lernte, treffend dem gemeinsamen Freunde Hermann v. Thile schrieb, „ruhig unter die Philosophen oder Eremiten,“ „als ein Mann, der weiß, daß der Mensch sein Leben anzusehen hat wie den Schatten einer Wolke, die vorüberzieht“. Am 2. Juni 1889 verlor er seine Frau. Am 8. Februar 1894 starb er selbst, 85jährig. Er hinterließ einen Sohn, der 1877, und eine Tochter, die 1874 katholisch geworden war.

[116] Reichsanzeiger 12. Febr. 1894. – Freiherrnkalender 1896. – Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold’s v. Gerlach. Band 2, Berlin 1892. – Sybel, Begründung des deutschen Reiches. – Beust, aus dreiviertel Jahrhunderten, Band 2, Stuttgart 1887. – Denkwürdigkeiten aus dem Leben Theodor’s v. Bernhardi III, Leipzig 1894, S. 278. – Briefe von Ferdinand Gregorovius an den Staatssecretär Hermann v. Thile, Berlin 1894. – Gabriele v. Bülow, Tochter Wilhelm’s v. Humboldt, Berlin 1893.