ADB:Wilhelm (Markgraf von Brandenburg)

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Artikel „Wilhelm, Erzbischof von Riga“ von Joseph Girgensohn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 177–180, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wilhelm_(Markgraf_von_Brandenburg)&oldid=- (Version vom 9. Dezember 2019, 12:49 Uhr UTC)
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Wilhelm, Markgraf von Brandenburg, Erzbischof von Riga (1539 bis 1563), spielte in der letzten Periode der Deutschordensgeschichte in Livland eine verhängnißvolle Rolle. Ohne hervorragende Eigenschaften, steht er doch vielfach im Mittelpunkt der politischen Verwicklungen, die durch die preußisch-polnische Politik im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts in der südöstlichen Ecke der baltischen Küste hervorgerufen wurden. Insofern darf dieser Hohenzoller ein eingehenderes Interesse beanspruchen. Fern von dem Lande, in dem er als Mann seinen Wirkungskreis fand, stand seine Wiege. Am 29. Juni 1498 schenkte die Markgräfin Sophie, Tochter des Königs Kasimir von Polen, ihrem Gemahl, Markgraf Friedrich von Ansbach einen Sohn, der am 2. Juli auf den Namen Wilhelm getauft wurde. Den ersten Unterricht wird er von demselben Magister Udalrich Seger von Mönchberg erhalten haben, der auch den Bruder Albrecht, den späteren Hochmeister des Deutschen Ordens, unterrichtet hat. Im J. 1516 bezog er die Universität zu Ingolstadt. Drei Jahre waren für das Studium in Aussicht genommen, doch finden wir ihn 1517 und 1518 in Preußen, dazwischen wieder am Hofe zu Ansbach, bis er 1520, also 22 Jahre alt, als Mitglied der Regentschaft in Königsberg genannt wird, während sein älterer Bruder, der Hochmeister Albrecht, in Deutschland nach Hülfe im bevorstehenden Polenkrieg umherspäht. Eine Zeit lang dachte man daran, dem Markgrafen W. das Bisthum Riesenberg zu übertragen, sah dann aber wieder davon ab, weil es zu stark verschuldet war, auch aus einer Bewerbung um das Herzogthum Masovien wurde nichts; ebenso vergeblich war der Versuch, dem jungen Fürsten in ungarischen Diensten eine einträgliche Stelle zu verschaffen; man erlangte nur einige Pfründen in den Capiteln von Mainz und Köln. Da aber W. und seine Brüder – es waren nicht weniger als zehn – aus dem verschuldeten Fürstenthum Ansbach nur ein geringes Deputat bezogen und sie sich alle nach Bisthümern und anderen einträglichen Stellen umsehen mußten, war es der ganzen Familie willkommen, daß sich im J. 1529 für W. die Aussicht eröffnete, Erzbischof von Riga zu werden. Daß er innerlich mit der alten Kirche gebrochen, machte ihm wenig Scrupel. Ja, er hoffte, als Erzbischof dem Evangelium dienen zu können. Um diese Hoffnung zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die damaligen Zustände in Livland werfen.

Riga und die übrigen livländischen Städte gehörten zu den ersten im Reiche, die sich der neuen Lehre zuwandten. Auch unter den weltlichen Ritterschaften des Landes, den Vasallenschaften des Ordens und der Bisthümer, ja selbst unter den Deutsch-Ordensbrüdern machten sich antipäpstliche Regungen bemerkbar, und wenn der livländische Ordensmeister Walter von Plettenberg seinem Mönchsgelübde nicht unerschütterlich treu geblieben wäre, hätte die lutherische Bewegung eine Säcularisation der geistlichen Gebiete Livlands, ähnlich wie in Preußen zur Folge gehabt. Schon hatten im J. 1526 auf einem Landtag zu Wolmar die Ritterschaften und Städte die anderen Stände, die Bischöfe und die Ordensherren, zu dem Beschlusse gedrängt, gemeinsam den Meister Walter von Plettenberg an die Spitze Livlands zu stellen. Nur einer der Prälaten, der Rigasche Erzbischof Johann, aus der Berliner Familie der Blankenfelds, that alles, um die bevorstehende Verwandlung des Landes der heiligen Maria in ein weltliches Herzogthum zu hindern. Aber wichtiger war, daß die Hauptperson in der Action, der Meister selbst, alt und den neueren Zeitströmungen [178] abhold, sich, wie bemerkt, entschieden weigerte, sein geistliches Amt mit der Herzogskrone zu vertauschen.

In so weit kam es doch zu einer Einigung, daß alle Stände, auch der Erzbischof und seine Suffragane von Oesel, Reval und Kurland (Dorpat hatte Blankenfeld selbst inne), sich unter den Schutz des Ordensmeisters stellten und sich ihm gegenüber zu Rath und Hülfe in Krieg und Frieden verpflichteten. Freilich beobachtete der Erzbischof diese Verpflichtung nicht. Er reiste nach Spanien zu Karl V., um die Stadt Riga zu verklagen, die sich ein Jahr vorher von dem katholischen Fanatiker abgewandt und dem Ordensmeister als ihrem alleinigen Herrn gegen Zusicherung freier Religionsübung unterworfen hatte. Ehe er noch seine Absicht ausführen konnte, starb der Erzbischof in der Nähe von Valencia in Spanien 1527. Sein Domcapitel aber nahm seine Politik auf. Es suchte dem Erzstift die verlorene halbe Herrschaft über die Stadt zurückzugewinnen und erwählte zu Blankenfeld’s Nachfolger einen Rigaschen Bürger Thomas Schöning (s. A. D. B. XXXII, 312–313), der das Versprechen gab, die geistliche Herrschaft herzustellen, namentlich aber die Wiedergabe der von der Stadt arrestirten Güter des Erzbischofs und des Capitels im Reiche zu erwirken. Wenn Schöning das nicht zu erreichen vermöchte, sollte er sich einen Coadjutor aus fürstlichem Stamme erwählen, der dann mit Hülfe anderer Fürsten dem Capitel zu seinem Rechte verhelfen könnte. In diesem gegen die Stadt Riga gerichteten Vorgehen wurde das Capitel von der erzstiftischen Ritterschaft unterstützt. So kam es, daß Schöning nach vergeblichen Bemühungen, beim Kaiser Gehör zu finden oder die Rigaer zur Unterwerfung zu bringen, W. zu seinem Coadjutor berief (1529). Schnell entschlossen griff der junge Hohenzoller zu, besonders da er auf die Hülfe seines in Riga hoch angesehenen Bruders, des Herzogs Albrecht von Preußen, baute. Die geheime Absicht des letzteren war, das Erzstift, wenn es erst in den Händen des Bruders war, zu säcularisiren und es mit Preußen zu vereinigen. Da man in Livland diese Pläne ahnte, jedenfalls wußte, daß W. evangelisch gesinnt war, wurde dessen Erwählung zum Coadjutor von den verschiedenen Parteien im Lande mit verschiedenen Empfindungen aufgenommen. Der Ordensmeister protestirte gegen Wilhelm’s Wahl, da er die Einigung der Stände vom Jahre 1526 gefährdet sah. Wie sollte sich ein geborener Fürst dazu bequemen, dem Ordensmeister rathspflichtig zu werden! Und noch ein weiteres war zu bedenken. W. war durch seine Mutter mit dem polnischen Königshause verbunden, auch Dänemark und Mecklenburg standen zu den Hohenzollern in verwandtschaftlichen Beziehungen. Es drohte also leicht eine Einmischung auswärtiger Fürsten, namentlich des Königs von Polen in die livländischen Angelegenheiten. Plettenberg wollte daher nichts von dem neuen Coadjutor wissen, ließ sich aber endlich herbei, nachdem W. ins Land gekommen war, ihn vorläufig zu dulden. Die Stadt Riga und die erzstiftische Ritterschaft mochten von einem evangelischen Landesherrn kräftigen Schutz gegen die vermeintlichen Uebergriffe des Ordens erhoffen. Sie begrüßten den jungen Coadjutor auf seinem Einzug in die Stadt Riga und auf die ihm vom Erzbischof eingeräumten Schlösser in festlicher Weise (1530). Bald genug aber sollte sich zeigen, daß die Furcht, durch die Einmischung eines Fürsten aus dem mächtigen Hohenzollern-Hause werde dem Lande wenig Nutzen, vielmehr große Gefahr bereitet werden, gerechtfertigt war. Die stattlichen Schlösser, die der Erzbischof dem Coadjutor eingeräumt hatte, entsprachen zu wenig den Anforderungen des fürstlichen Hofes. Um seine Einkünfte zu vermehren, ließ sich der junge Markgraf von einem Theil des oeselschen Adels zum Bischof von Oesel wählen, während der andere Theil für Reinhold von Buxhöwden eintrat (1532). Bald erfüllte ein das Land verwüstender [179] Krieg die Insel Oesel und die dazu gehörige Küste Esthlands, so daß ein zu Fellin versammelter Landtag einschritt und beide Parteien zur Ruhe verwies, Reinhold von Buxhöwden aber als den rechten Bischof anerkannte, für den sich dann auch Kaiser und Papst entschieden. Die Partei Wilhelm’s gab den Gedanken an Rache nicht sofort auf, und es entstanden durch die Flucht einiger Edelleute aus Oesel nach Preußen, mit dem Herzog Albrecht neue Verwicklungen, bis endlich Plettenberg mit größter Strenge, ja mit Härte gegen alle Ruhestörer vorging und der angestifteten Unruhe ein Ende bereitete.

Durch den im August 1539 erfolgten Tod Erzbischof Schöning’s bot sich dem Coadjutor W. endlich die Aussicht, zum ersehnten Ziel, dem erzbischöflichen Stuhl, zu gelangen. Aber die Stadt Riga, durch die oeselsche Fehde und dadurch, daß der Markgraf äußerlich an den katholischen Ceremonien hing, mißtrauisch gemacht, weigerte zunächst die Huldigung, auch wollte sie die Capitelsgüter nicht herausgeben, die bereits Kirchen und Schulen zugewiesen worden waren. Verhandlungen auf dem Landtage blieben erfolglos. Der neue Erzbischof wurde aber vom Ordensmeister Brüggeney, dem Nachfolger Plettenberg’s, anerkannt und begann Rüstungen zu veranstalten, gegen die die Stadt Riga durch Beitritt zum Schmalkaldischen Bunde (1541) sich einen Rückhalt zu verschaffen suchte. Endlich, nach jahrelangen Wirren gelang es dem Ordensmeister, die Stadt zum Nachgeben zu bewegen: im Vertrag von Neuermühlen (1546) gestand Riga dem Erzbischof die Huldigung zu und versprach, wegen Rückgabe der Stiftsgüter in Unterhandlung zu treten. Im Januar 1547 hielten beide Herren, der Ordensmeister und der Erzbischof, ihren feierlichen Einzug in die Stadt. Nachdem noch längere Zeit ohne Entscheidung beim Reichskammergericht processirt worden war, verzichtete endlich (1551) die Stadt auf die Häuser und Besitzlichkeiten der Domherren, behielt aber die Domkirche. Doch ruhte der Zwist nur kurze Zeit. Erzbischof W. ernannte gegen den feierlichen Receß des Landtags von 1546 einen jungen auswärtigen Fürsten, den Herzog Christoph von Mecklenburg, zu seinem Coadjutor und rief, als der Orden sich dagegen erhob, den Herzog von Preußen und den König Sigismund von Polen zu seinem Beistande herbei. Durch aufgefangene Briefe erfuhr man von diesen Machenschaften, und der Ordensmeister Heinrich von Galen ließ den Erzbischof mit seinem eben ins Land gekommenen Coadjutor gefangen setzen (1556). Nun erhob sich der König von Polen und eilte mit großer Heeresmacht an die Grenzen Livlands. Diesem plötzlichen Ansturm von außen vermochte der neue Ordensmeister Fürstenberg nicht zu widerstehen. Er beugte seinen deutschen Stolz und schloß den Vertrag von Poswol (1557), wonach der Erzbischof W. und sein Coadjutor von der Gefangenschaft befreit, in ihren Aemtern wieder anerkannt werden mußten.

Als der Großfürst von Moskau, Iwan der Grausame, von dieser Demüthigung des einst so mächtigen Ordensstaats an der Düna hörte, beschloß er, die Angriffe auf Livland, die über ein halbes Jahrhundert geruht hatten, zu erneuern. Trotz eines Bündnisses mit Polen und trotz wiederholter Versprechungen des deutschen Reichstags, dem entfernten Grenzgebiet Hülfe zu leisten, wurde doch Livland von allen Nachbarn und bisherigen Freunden im Stich gelassen.

In der langen Friedenszeit war die kriegerische Kraft der livländischen Stände, die noch immer dem Ansturm aus Osten widerstanden hatten, erlahmt. Bald durchzogen russische und tartarische Kriegshorden das unglückliche Land, schleppten die Einwohner zu Tausenden fort und zertrümmerten mit Barbarenhand den nur zu kunstvollen Bau des alten livländischen Ordensstaates. Erst als Livland schon am Boden lag und das Stift Dorpat dem Zarenreiche eingefügt [180] war, rührten sich die Nachbarn. Schweden occupirte Esthland, Dänemark das Stift Oesel, Polen machte das noch übrige Livland zu seiner Provinz (1561); Kurland endlich wurde dem letzten Ordensmeister Gotthard Kettler als polnisches Lehnsherzogthum gelassen. Im Februar 1562 trat Erzbischof W. den Subjectionspacten bei; man ließ ihm seinen fürstlichen Rang und zwei seiner Schlösser. Ein Jahr darauf, am 4. Februar 1563, ist er auf dem Bischofshof zu Riga nach längerem Krankenlager entschlafen. Sein Grab im Chor der Domkirche deckte ein gewaltiger Stein, in den sein Bild im erzbischöflichen Ornat von kunstvoller Hand eingemeißelt wurde. Dieser Grabstein, heute an der Nordseite des Querhauses aufgestellt, ist merkwürdigerweise der einzige, der sich von allen Bischofsgräbern erhalten hat außer dem kleinen Grabstein des Apostels von Livland, Bischof Meinhard.

Vgl. außer den allgemeinen Darstellungen der livländischen Geschichte noch: Die letzten Zeiten des Erzbisthums Riga etc. in den Monum. Livoniae antiqua, V. Bd.