ADB:Wilhelm (Prinz von Preußen)

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Artikel „Wilhelm, Prinz von Preußen“ von Hermann von Petersdorff in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 171–177, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wilhelm_(Prinz_von_Preu%C3%9Fen)&oldid=- (Version vom 22. November 2019, 14:48 Uhr UTC)
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Band 43 (1898), S. 171–177 (Quelle).
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Wikipedia-logo-v2.svg Wilhelm von Preußen (1783–1851) in der Wikipedia
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Wilhelm, Prinz von Preußen, der vierte Sohn König Friedrich Wilhelm’s II. aus der Ehe mit der Prinzessin Friederike Luise von Hessen-Darmstadt und Bruder König Friedrich Wilhelm’s III., zum Unterschiede von dem nachmaligen ersten deutschen Kaiser häufig Prinz Wilhelm Bruder genannt, wurde am 3. Juli 1783 zu Berlin geboren und starb ebenda am 28. Septbr. 1851. Er ist eine der edelsten deutschen Fürstengestalten. Zwar hat er nicht zu den führenden Männern seiner Zeit gehört. doch tritt er in den napoleonischen Tagen mehrere Male in bemerkenswerther Weise hervor. Wie sein um 13 Jahre älterer königlicher Bruder zeichnete er sich von Anfang an durch ein schüchternes, menschenscheues Wesen aus. Wie sichs im preußischen Königshause von selbst verstand, empfing er eine streng methodische militärische Erziehung. Unter anderem war der bekannte Militärschriftsteller Tempelhoff auch sein Lehrer. 1799 trat er in das 1. Bataillon kgl. Leibgarde zu Potsdam ein, wo er sich eng mit dem ihm schon aus dessen Pagenzeit bekannten Oldwig v. Natzmer, dem späteren militärischen Mentor des ersten deutschen Kaisers, befreundete. Diese Freundschaft hat bis zum Tode des Prinzen ungeschwächt fortbestanden. Ihr gleich kam die Freundschaft mit Graf Anton Stolberg († 1854). Am 21. December 1801 wurde Prinz W. als Stabsrittmeister zu den Gardes du Corps versetzt. Im Frühjahr 1803 lernte er in Wilhelmsbad bei Hanau die am 14. October 1785 geborene Prinzessin Marie Anna von Hessen-Homburg kennen, die Tochter des patriotischen Landgrafen Friedrich’s V., mit der er sich am 21. August 1803 verlobte und am 12. Januar 1804 zu Berlin vermählte. Wie der Prinz so war auch die nachmals so hochberühmte Prinzessin anfänglich steif und zurückhaltend, so daß es der treuen Oberhofmeisterin Gräfin Voß sehr in die Augen fiel. Doch es sollte sich bald zeigen, daß sich hinter diesem scheuen Wesen ein glühend pattiotisches Herz verbarg. An der denkwürdigen Vorstellung der Prinzen und Generale vom 2. September 1806 gegen die Cabinetsregierung und die widerspruchsvolle Haugwitz’sche Politik, die Preußen um Macht und Ehre bringe, hat dieser schüchterne Prinz einen hervorragenden Antheil gehabt. Das Mißfallen des Königs, der darin eine Meuterei erblickte, bekam Prinz W. alsbald zu fühlen, indem er Tags darauf von den Gardes du Corps zu den Carabiniers nach Rathenow versetzt wurde. Am verhängnißvollen Tage von Auerstädt (14. Oct.) befehligte Prinz W. als Oberstlieutenant 10 Schwadronen Leibcürassiere und Leibcarabiniers sowie eine reitende Batterie. Mit seinen Carabiniers und der Batterie kam er auf dem rechten Flügel gegen die Division Morand zur Verwendung. Im December 1806 wurde er Vorsitzender einer zu Tilsit niedergesetzten Commission, welche die Bildung von Reserven für die [172] Cavallerie übernahm. In dieser Zeit trat ihm der wackere Marwitz näher, der sich mit kühnen Plänen zur Schaffung von Freicorps trug. Am 9. März 1807 wurde er zum Obersten ernannt. Am Unglückstage von Tilsit (9. Juli) war er in der Begleitung Friedrich Wilhelm’s III. Damals wurde er mit allen Gefährten des Königs im Leid bekannt und gewann sich die Zuneigung der Besten unter ihnen, so besonders des Freundes seiner Gemahlin, Stein. Doch brachte es sein Wesen mit sich, daß er sich kaum mit jemand in ein eingehenderes Gespräch einließ. Am meisten Vertrauen scheint er noch, wie auch sein königlicher Bruder, zu Scharnhorst gefaßt zu haben. Der König und Stein waren einig in dem Streben, ihn zu politischer Thätigkeit heranzuziehen. Die Reorganisationscommission schlug ihn im November 1807 zum Vorsitzenden der Commission vor, die mit der Untersuchung gegen die pflichtvergessenen Officiere beauftragt wurde. Der König ging jedoch hierauf nicht ein, weil er, angeregt vom Geh. Legationsrath Le Coq, seinem Bruder eine wichtigere Aufgabe zugedacht hatte. Prinz W. sollte als außerordentlicher Gesandter nach Paris gehen, um der unerhörten Bedrückung Preußens durch Napoleon, welche auf eine allmähliche Ruinirung des Staates hinzuzielen schien, sobald wie möglich vermöge eines Tractats ein Ende zu machen. Eine schwierigere und peinlichere Mission war kaum zu denken, zumal da der 24jährige Prinz noch gar keine Erfahrung in den Geschäften besaß, ein Mangel, der auch kaum dadurch genügend ausgeglichen worden wäre, wenn er, wie Stein vorschlug, zum Kriegsminister ernannt worden wäre. Durch die Sendung seines eigenen Bruders mit den umfassendsten Vollmachten wollte Friedrich Wilhelm dem Kaiser der Franzosen den bündigsten Beweis liefern, daß das preußische Entgegenkommen durchaus aufrichtig sei. Insofern war die Wahl des Prinzen die beste, die geschehen konnte. Auf sonstige Weise große diplomatische Erfolge zu erreichen, dazu war die Lage gar nicht angethan.

Am 6. Novbr. trat Prinz W. diesen schwersten Gang seines Lebens von Memel an, nachdem er sich noch vorher zu seiner Belehrung vom Geheimen Finanzrath Beguelin eine Denkschtift über den Handel hatte anfertigen lassen. An Scharnhorst schrieb er: „Leben Sie wohl; ich reise morgen früh von hier nach jener großen Stadt, die ich nie gewünscht habe zu sehen“. Am 7. empfing er in Königsberg seine erste Instruction. Am selben Tage von hier abreisend, traf er in Frankfurt mit Alexander v. Humboldt, von dem er sich einst in die Räthsel der Natur hatte einführen lassen, zusammen, der als eine in Paris höchst gern gesehene Persönlichkeit voraus reiste, um den Boden für den Prinzen zu bereiten, während dieser in der Heimath seiner Frau, in Homburg, auf die Ausfertigung seiner Pässe wartete, die sich infolge von Eigenmächtigkeiten des eitelen preußischen Gesandten in Paris, Brockhausen, unliebsam verzögerte. Erst am 3. Januar 1808 konnte der seit dem 13. November 1807 zum Generalmajor ernannte Prinz in Paris eintreffen. Zu seinen Begleitern gehörte u. a. der Lieutenant August Hedemann. Außerdem traf er dort den Grafen Anton Stolberg. Von Napoleon formell mit Achtung behandelt, wurde er jedoch volle acht Monate hingehalten. Gleich in der ersten Audienz (8. Januar) hielt der Prinz, der alle seine Beredsamkeit zusammengenommen hatte, den Augenblick für gekommen, das Herz des Despoten von Europa im ersten Anlaufe durch einen unvergleichlichen Beweis von Edelmuth zu erobern, indem er sich bereit erklärte, mit seiner Gemahlin dem Kaiser so lange als Geisel zu dienen, bis die verlangten Contributionen gezahlt worden wären. Diesen Schritt hatte er vorher mit seiner Gattin verabredet. In der That rührte das hochherzige Anerbieten einen Augenblick Napoleon’s vereistes Herz. „Das ist sehr edel, aber ich kann es nicht annehmen, nie, nie!“ rief er vor ihn tretend und ihn umfassend. Dann [173] aber verwies er ihn auf die Verhandlung mit den französischen Ministern und Prinz W. erkannte, daß sein Versuch mißglückt war. Bei der zweiten Audienz (23. Februar) ward es ihm klar, daß nicht Erwägungen der Billigkeit, sondern lediglich Combinationen der augenblicklichen politischen Lage für Napoleon bestimmend waren, den Abschluß der Auseinandersetzung zu verzögern. „Der Beifall, den meine Freunde mir zollen, unter denen ich kühn Sie mitbegreife, ist mir Freude genug und Belohnung“ schrieb er an Stein, schmerzlich bedauernd, daß er nicht mehr ausrichten konnte. Der Gedanke Stein’s (20. Jan. 1808), der Prinz solle dem Kaiser eine Pathenstelle bei dem jüngsten Kinde Friedrich Wilhelm’s anbieten, scheint glücklicherweise nicht ausgeführt worden zu sein. In der rein geschäftsmäßigen Behandlung mußte der Prinz in der Folge gegenüber Napoleon, bei dem er sich noch eine ganze Reihe von Audienzen verschaffte, und seinen gewiegten Helfern (insbesondere Champagny) den Kürzeren ziehen. Man trieb zudem ein schnödes Spiel des Lugs und Trugs mit dem ehrlichen Prinzen. Die Entdeckung von Umtrieben preußischer Politiker, so des ihm beigegebenen Geheimraths Le Roux und des Geheimen Oberfinanzraths Sack zu Berlin bereitete ihm peinliche Stunden, weil sie den Zweck seiner Sendung, an der Ehrlichkeit des preußischen Entgegenkommens keinen Zweifel zu lassen, im höchsten Grade beeinträchtigten. Das versöhnliche Wesen des Prinzen, sein unermüdlicher Eifer, sein Tact, ja auch die Umsicht und Gewandtheit, die er in diesen kritischen Monaten bewies, können nur mit Bewunderung erfüllen. Aber hier hätte auch der größte Staatsmann nicht mehr ausrichten können. Der schweigsame Prinz mit dem schwermüthigen Gesichtsausdruck, der sich stets gleich blieb, nöthigte nicht nur der französischen Gesellschaft, sondern auch dem Kaiser Anerkennung und Freundlichkeit ab. Die Stellung des Prinzen war um so schwieriger, als seine Instructionen häufig recht mangelhaft waren und er Ursache hatte, mit dem Gesandten Brockhausen sehr unzufrieden zu sein. In der Zwischenzeit veranlaßte ihn Stein sich mit dem französischen Kriegswesen vertraut zu machen und zu dem Behufe Denkschriften über Ausbildung des Heeres und militärisches Erziehungswesen anzufertigen, welche später für Preußen nützlich werden könnten. Als die Erfolge der Sendung immer noch auf sich warten ließen, dachte man schon daran den Prinzen abzuberufen. Doch er hoffte noch immer; und im August nahmen die Dinge thatsächlich eine günstige Wendung für Preußen, da Napoleon nothgedrungen die verlangte Räumung des preußischen Gebiets von den es noch immer besetzt haltenden Truppen zugestehen mußte, um sie in Spanien zu verwenden. Da verdarb der beim Assessor Koppe aufgefundene Stein’sche Brief an Wittgenstein vom 15. August alle Vortheile der Lage, zumal da auch Oesterreich, das schon zum Kriege bereit gewesen war, den Muth wieder sinken ließ und auf Unterstützung vom Zaren nicht zu rechnen war. So kam am 8. September 1808, gleichsam dictirt von Napoleon, der berüchtigte Pariser Vertrag zu Stande, in dem Napoleon nur wenig von den ursprünglichen Forderungen nachließ und der recht eigentlich die tiefste Erniedrigung Preußens bezeichnet. Hätte Prinz W. nicht unterschrieben, so lief Preußen Gefahr vernichtet zu werden. Zwar waren einige der äußersten Concessionen, zu denen König Friedrich Wilhelm zeitweilig bereit gewesen wäre, glücklicherweise noch nicht gemacht worden und Prinz W. suchte sich damit etwas zu trösten. Aber das waren schlechte Trostgründe. Am 14. September verließ er Paris. Wie er später Leopold v. Ranke erzählte, hat er unter dem Triumphbogen das Gefühl gehabt, daß all diese Herrlichkeit nicht von Bestand sein würde. Er glaubte auch in dieser trostlosen Lage noch an Preußens Stern. In Erfurt, wo Napoleon die wankende Freundschaft mit Zar Alexander neu befestigte und wo der Vertrag am 8. October vom König ratificirt [174] werden mußte, war Prinz W. auch zugegen; doch hat er nicht im Wagen neben Napoleon gesessen, wie der Legendenbildner Müffling berichtet. Am 23. October 1808 traf er, freudig von den aufathmenden Freunden begrüßt, wieder in Königsberg ein. Um die Wende des Jahres 1808 auf 1809 betheiligte er sich, begleitet von Scharnhorst, an der Reise des Hofs nach Petersburg. Als im Frühjahr 1809 in Königsberg Berathungen wegen der Theilnahme am Kriege Oesterreichs gegen Napoleon stattfanden und der König außer den Generalen auch ihn um seine Meinung anging, antwortete Prinz W. am 1. Mai voller Freimuth: „Sein Wunsch wäre dahin gegangen, sofort Theil an dem Kampfe gegen Frankreich zu nehmen, doch sei er durch die Gründe seines Bruders von der Nothwendigkeit überzeugt worden, einige Zeit zu warten“. Im December 1809 ging er nach Berlin zurück, wo er still und zurückgezogen lebte. Währenddessen begann seine edle Gemahlin mehr und mehr hervorzutreten, auf die sich die Liebe des preußischen Volkes zur Königin Luise nach deren Tode übertrug. Die geistreiche Prinzessin ward eine der bedeutendsten Frauen ihrer Zeit und erwarb sich in den Jahren des Leids und des Befreiungskampfes unvergängliche Verdienste um Preußen.

Sobald der Krieg vor der Thür stand, war der Prinz gleich wieder thatkräftig bei der Hand. In der Nacht vom 17. zum 18. Januar 1813 ritt er nach Potsdam, um den König vor einem Attentat der Franzosen zu warnen. Zu Breslau, wohin er sich bald darauf mit dem König begab, suchte er den dort erkrankenden Freiherrn vom Stein (Februar 1813) auf, während der König nicht einmal nach dem Befinden des großen Mannes fragen ließ. Als der in russische Dienste getretene Clausewitz im April in das preußische Hoflager kam und ihn fast alles mit ausgesuchter Kälte behandelte, da offenbarte sich wieder die Herzensgüte und Charakterstärke des Prinzen, indem er seine Menschenscheu überwand und den klugen patriotischen Officier sichtlich auszeichnete. Später verwandte er sich sogar bei seinem königlichen Bruder für die Wiedereinstellung Clausewitzens. Der Tag von Großgörschen (2. Mai), an dem ihm ein Pferd unter dem Leibe erschossen wurde, brachte ihm schönen kriegerischen Lorbeer. Der Norweger Henrich Steffens hat uns sein Bild von jenem Tage bewundernd festgehalten, wie der schöne junge Prinz auf edlem Rosse gewandt daher reitend „mild lächelnd und ruhig um sich blickend“ sich furchtlos dem Kugelregen aussetzte. Das war bei dem Dorfe Starsiedel, wo Prinz W. mit seinen brandenburgischen Cürassieren ein französisches Infanteriecarré zersprengte. Am nächsten Tage war er um den verwundeten Blücher. Zum Gelingen der Schlacht bei Leipzig hat er dadurch beigetragen, daß er am 18. October in Blücher’s Begleitung zu dem säumigen Kronprinzen von Schweden ritt und die kräftigen Worte seines Feldherrn, durch die Karl Johann zum Eingreifen veranlaßt wurde, verdolmetschte. Er war es auch, von dem Blücher am 20. October die königliche Ernennung zum Feldmarschall empfing. Gleich darauf kam er in das Yorck’sche Hauptquartier, um einstweilen die Stelle des verwundeten Prinzen Karl von Mecklenburg, der die 2. Brigade des Yorck’schen Corps geführt hatte, zu übernehmen. Ende 1813 erhielt er endgültig Hünerbein’s (8.) Brigade, was mit Jubel begrüßt wurde. Selbst Yorck, der sonst nicht über die Prinzen als Truppenführer erbaut war, hatte seine Freude daran. Des Prinzen Generalstabschef wurde der nunmehrige Major von Hedemann, der spätere Gemahl der geistreichen Tochter Wilhelm’s v. Humboldt, Adelheid, sein Adjutant Anton Stolberg. Der Prinz war einer derjenigen, die am meisten darauf drangen, in rastlosem Marsche gen Paris zu eilen. Auf französischem Boden erntete er neuen Ruhm. In der unglücklichen Schlacht von Montmirail (11./12. Febr. 1814) vertheidigte er anfangs den Marneübergang und stellte sodann seine [175] Brigade auf den Höhen hinter Chateau-Thierry an der Straße nach Soissons auf. Seinem Rath war es zu danken, daß das Corps auf dem Marsche nach Rheims durch Benutzung einer Seitenstraße vier Meilen Umwegs ersparte. Als ihn der strenge Yorck einstmals wegen Unpünktlichkeit indirect anherrschte, wußte er durch fröhliche Laune der Scene eine gute Wendung zu geben. In dem siegreichen Nachtgefecht bei Laon am 9. März fiel ihm eine entscheidende Rolle zu, indem er, jetzt an der Spitze einer Division stehend, einen glänzenden Bajonnetangriff auf zwei feindliche Bataillone im brennenden Dorfe Athis leitete und das Dorf nahm. Als wenige Tage darauf der kritische Augenblick eintrat, in dem Yorck im Grimm die Armee verließ und den Befehl des Corps einstweilig dem Prinzen übertrug, da war wieder einmal Gelegenheit für Prinz W., die Rolle des Vermittlers zu spielen. Er that es in einem wundervollen Schreiben an Yorck (12. März): „Als Ihr Mitbürger, als Ihr Unterfeldherr, als Enkel, Sohn und Bruder Ihrer Könige beschwöre ich Sie das Commando nicht niederzulegen“. Er hatte die Freude, daß Yorck einlenkte. Auf Laon erfolgte (15. März) seine Ernennung zum Generallieutenant. In der Schlacht bei Paris (30. März) hatte er eben eine Brücke wiedererobert und stand im Kampfe um das Dorf La Vilette, als das Zeichen des Waffenstillstandes gegeben wurde und man das Gefecht abbrechen mußte. Gleich darauf (2. April) wurde er zum General der Cavallerie befördert. In richtiger Würdigung der Persönlichkeit des Prinzen wollte ihn Stein im October 1814 als sächsischen Statthalter nach Dresden schicken, um die Sachsen dem preußischen Regiment günstig zu stimmen. Doch lehnte Hardenberg diesen Vorschlag ab und sendete an des Prinzen Stelle den Minister v. d. Reck nach Dresden. Bald darauf ging man mit dem Gedanken um, den Prinzen zum Statthalter der wiedererworbenen Rheinlande zu ernennen, aus ganz ähnlichen Beweggründen. Dagegen erhob sich aber Niebuhr’s angesehene Stimme, der auf die Schwierigkeiten aufmerksam machte, den Prinzen von den Verwaltungsgeschäften, für die er wenig Neigung besaß, zu entlasten. Der Wiederausbruch des Krieges nöthigte zur Vertagung dieser Erörterungen. Wir finden den Prinzen im Feldzuge von 1815 als Führer der Reservecavallerie beim 4. (Bülow’schen) Corps. Als solcher betheiligte er sich am 18. Juni beim Kampf um Planchenoit. Als Gneisenau die rastloseste Verfolgung des Feindes verlangte, folgte der Prinz nur widerstrebend, weil er meinte, daß die Truppen der Schonung bedürften, eine Rücksicht, die diesmal allerdings nicht angebracht war, ebenso wie es falsch war, wenn er vor Paris die Absicht hatte, die Verfolgung einzustellen, weil man sonst die Pariser reizte. Wol seit jener Zeit setzte sich eine Verstimmung bei Gneisenau gegen den Prinzen fest. Er fand, daß Prinz W. unter dem Drucke einer gewissen Unentschlossenheit stände. In Paris kam es abermals zur Erwägung seiner Entsendung in die Rheinprovinz, gegen die Gneisenau Widerspruch erhob. Als Hardenberg im März 1816 wiederum darauf zurückkam, weil der König es lebhaft wünschte, entwickelte Gneisenau (26. März) ausführlich seine Bedenken, unter Vorzeichnung, wie die Stellung des Prinzen eingerichtet werden müßte. Sein Haupteinwand scheint der Hang des Prinzen zur Zurückgezogenheit gewesen zu sein. Der Gedanke wurde nun für diesmal aufgegeben.

Heimgekehrt, wurde der Prinz allerdings immer einsiedlerischer. Er suchte sich einzureden, daß er dazu genöthigt sei durch die verhältnißmäßig geringen Mittel, die ihm zu Gebote standen. Nur mit einigen näheren Freunden, bei denen er streng darauf hielt, daß sie gegen ihn das Du aus der Jugendzeit beibehielten, verkehrte er gern. Die Innerlichkeit seines Wesens, die nicht frei von einer gewissen Sentimentalität war, geht am deutlichsten aus seinen Briefen [176] an Natzmer hervor. Unablässig trachtete er darnach, sich als Mensch zu vervollkommnen. Als ihm der König ein Porzellanservice schenkt, schreibt er: „Mein Wunsch ist alles noch zu verdienen“ und verräth dem Freunde (1821), daß er „im Ganzen mit sich zufriedener wäre als vor einigen Jahren“. Er lebte mit seiner Gemahlin in reizendem Familienleben abwechselnd in Berlin und Schönhausen. Durch Stolberg’s Vermittlung erwarb er sich im Frühjahr 1822 das Gut Fischbach im Kreise Hirschberg mit einer alten modernisirten Burg und wurde so Nachbar Gneisenau’s, der Prinzessin Luise Radziwill, der frommen Gräfin Reden und anderer in der napoleonischen Zeit rühmlich hervorgetretenen Persönlichkeiten. Besonders sagte ihm der Verkehr mit der Gräfin Reden zu. Am 8. September 1824 wurde er mit der Stelle des Gouverneurs der Bundesfestung Mainz betraut, ein Posten, der eine versöhnliche Natur wie die seinige durchaus erforderte und den er bis zum 22. October 1829 behielt. Als Adjutant stand ihm damals der spätere Minister Karl Freiherr v. Canitz († 1850) zur Seite. Nicht lange darauf (24. Sept. 1830) wurde durch seine Ernennung zum Generalgouverneur von Niederrhein und Westfalen ein alter Gedanke verwirklicht. Die Unruhen in den Niederlanden ließen die Anwesenheit einer beruhigenden Persönlichkeit in den westlichen Provinzen erwünscht scheinen. Es wurde bei der Organisation des prinzlichen Geschäftskreises ganz in dem Sinne der Gneisenau’schen Vorschläge vom 26. März 1816 verfahren. Zum Sitz des Gouverneurs wurde Köln bestimmt. Militärischer Beirath wurde der von Ligny her bekannte General Graf Nostitz (der Prinz hatte sich Clausewitz gewünscht), Civilcommissar Anton Stolberg. Die Anwesenheit des Prinzen am Rhein war von der erfreulichsten Wirkung. Noch über Menschenalter hinaus bewahrten ihm die Rheinländer ein freundliches Andenken, obwol der Aufenthalt nur etwa anderthalb Jahre währte (bis zum Frühjahr 1832). In dieser Zeit frischte der Prinz die alte Freundschaft mit Stein auf. Doch gab es in der Frage der Reichsstände ein Mißverständniß mit dem alten Freiherrn und dem westfälischen Landtage, an dem die Unentschiedenheit sowol des Prinzen als des Königs die Schuld trug. Stein konnte nun Gneisenau bestätigen, daß dieser seinerzeit richtig über den Mangel an Entschlossenheit bei dem Prinzen geurtheilt hatte. Vorübergehend nahm der Prinz im Sommer 1833 noch einmal Wohnung in Köln. Vom 7. März 1834 bis 8. October 1839 bekleidete er zum zweiten Male, vom 3. October 1844 bis 12. October 1849 ein drittes Mal den Posten des Gouverneurs von Mainz. Den Weberunruhen im Riesengebirge und der Niederlassung der Zillerthaler in seiner Nachbarschaft widmete er seine Theilnahme. Am 14. April 1846 verlor er seine angebetete Gattin, 1849 in Münster auch seinen vielversprechenden Sohn Waldemar. Ein Trost in der Einsamkeit der alten Jahre war es ihm, daß sein nächster Freund General Natzmer sich in seiner Nähe ankaufte. Am 28. September 1851 ist er 68jährig gestorben. Von zehn Kindern überlebten ihn sein Sohn Adalbert, der spätere Admiral der preußischen Flotte und seine Töchter Elisabeth (geboren am Tage von Belle-Alliance), die sich mit dem Prinzen Karl von Hessen-Darmstadt, und Marie, die sich mit König Max von Baiern vermählte.

Paul Hassel, Geschichte der preuß. Politik 1807, 1808. Leipzig 1881. – Max Duncker, Preußen während der französischen Occupation. – Derselbe, Eine Milliarde Kriegsentschädigung, welche Preußen Frankreich gezahlt hat. Beide Aufsätze in dem Werke Duncker’s: Aus der Zeit Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelm’s III. Leipzig 1876. – G. H. Pertz, Leben Stein’s. – Pertz-Delbrück, Leben Gneisenau’s. – Hardenberg’s Denkwürdigkeiten. – v. Natzmer, Unter den Hohenzollern I–IV. Gotha 1887–1889. – J. G. Droysen, Leben Yorck’s. – Karl Schwartz, Leben des Generals [177] v. Clausewitz. – Max Lehmann, Scharnhorst. – Aus d. Nachlasse F. A. L. v. d. Marwitz’. – v. Kleist, Die Generale der preuß. Armee 1840–1890. Hannover 1891. – Wilhelm Baur, Prinzeß Wilhelm von Preußen. 2. Aufl. Hamburg 1889. – Fürstin Reuß, Friederike Gräfin v. Reden. Berlin 1888.