Albrecht Bengel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Hermann von Bezzel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Albrecht Bengel
Untertitel: Ein Lehrer unsrer Tage
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Verlag der Evang. Gesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Hermann von Bezzel - Albrecht Bengel.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


|
Albrecht Bengel
Ein Lehrer unsrer Tage



Vortrag
von D. Dr. von Bezzel
Konsistorialpräsident in München



Preis 20 Pfg.



Stuttgart 1916
Verlag der Evang. Gesellschaft


|
Albrecht Bengel,
Ein Lehrer unsrer Tage.

Vortrag gehalten in Stuttgart am 7. Mai von D. Dr. von Bezzel,
Konsistorialpräsident in München.

Der heutige Sonntag, den meine fränkische Heimat den Sonntag vom guten Hirten nennt, heißt uns in einer Zeit, da man, mit dem alten Sarcerius zu reden, für einen Hirten nach Gottes Herzen wohl Arm und Auge geben kann, auf den sehen, der ein Vorbild gegeben, sein ganzes Wesen in ein schlichtes und doch so lichtes Bild gefaßt hat, daß wir nicht nur von dem guten, sondern mit dem Hebräerbriefe von dem großen Hirten reden (13, 20), der in seiner Treue, die das Kleinste groß und bedeutsam und das Größte der Liebe gering sein ließ, für alle Hirten Muster und Meister geworden ist. Er allein und er zuerst hat als eigentliche, alle Kraft anstrengende und alle Erfordernisse umfassende Tugend die Treue geübt und gezeigt. Und ihm nach gehen die Knechte, die Führer und Berater, die auf rechter Straße führen.

 Es ist unserer Kirche fast zu wenig angelegen, dieser Führer und Väter, obgleich sie dazu durch Bibelwort und Bekenntnis gemahnt ist, recht zu gedenken, wie aus der Angst, Menschenkultus zu treiben und zu hoch von den Werkzeugen, zu gering von dem zu denken, der sie gebraucht hat. Es ist aber auch der Mangel an geschichtlichem Sinne, der nichts zu lernen vorhat und die Gegenwart, wie vom Dank gegen die Vergangenheit, so von der Verantwortung vor der Zukunft freizuhalten und ganz auf sich selbst zu stellen bestrebt ist. Wir aber wollen in dieser Stunde von den Nöten und Fragen, Bedürfnissen und Sorgen des gegenwärtigen Weltkrieges uns in vergangene Zeiten führen lassen, die auch ihre eigene Plage hatten und diese Plage für uns überwanden, und am Sonntag vom guten Hirten eines Mannes gedenken, der „eine Zeitlang selbst in Württemberg vergessen| war, aber wieder ins Gedächtnis kam“ (Ötinger), um deswillen der Abt Steinmetz vom Kloster Bergen Ihr schönes reiches Land einen Augapfel Gottes nennen konnte.

 Johann Albrecht Bengel! Dem Theologen treten alsbald sein Gnomon, dieses tiefinnerliche Werk der Handleitung zum Verständnisse des Neuen Testaments, vor Augen, seine sechzig Reden zur Offenbarung, wie sie aus Bibelstunden in Herbrechtingen hervorgegangen waren, endlich seine Erklärung der Offenbarung, mit ebensoviel Nüchternheit und Keuschheit als Genauigkeit und gewissenhaftem Ernst. Der Kenner der württembergischen Verhältnisse preist den seelsorgerlich weisen Berater seiner Kirche, der mit Bilfinger und Weissensee den Gemeinschaften die Herberge bereitete, das Brot in Liebe mit ihnen brach, ihre eigenen Gaben und Kräfte zum gemeinen Nutzen verwertete (1743) und durch seine maßvolle aber wahre und kluge Kritik Zinzendorfs diesen vor Abgründen rettete und Württemberg vor ungesunder Schwärmerei schützte (1748). Der Erzieher verweilt gerne bei den kernigen, gesunden, aus heilsamer Erfahrung ergangenen pädagogischen Winken, die manche dickleibige Pädagogik wenn auch nicht aufwiegen, so doch ersetzen. Der konfessionelle Lutheraner, dessen Herz ebenso weit und frei als sein Gewissen enge ist, dankt dem teuren Manne, der nicht mit den Bekenntnisschriften Abgötterei trieb, was meist ein Zeugnis dafür ist, daß man sie nicht gelesen hat, sondern sie in gesunder Weise einschätzte, daß er für die künstliche Heraufführung einer Union nicht zu haben war, weil man es in ihr nicht weiter bringe als zu einem „politischen-Herr-Brudersagen“. Die Trennung der beiden evangelischen Konfessionen betrachtete er als eine „Strafe, die hintendrein zur Wohltat“ werde. Der schlichte Christ aber braucht die Schrift- und Ewigkeitsgedanken zur Erweckung gehorsamer Treue gegen das ganze Schriftwort, zur Erregung des seligen Heimwehs. Und nicht bloß im Schwabenlande versenken sich Seelen in das tiefe Lied: Du Wort des Vaters, rede du. –

 Was kurz nach seinem Tode (2. November 1752) der ehrwürdige Frankfurter Senior Joh. Philipp Fresenius von ihm bezeugt hat, daß ein Freund Gottes erblaßt sei,Gänge des Lichtes verschlossen,| Kräfte des Wortes und Schätze der Gnade zurückgetreten seien, ein starker Geist die Erde verlassen und ein biblischer Krafttheologe Abschied genommen habe,


Albrecht Bengel (Gnomon).jpg
[1]


eignen wir uns dankbar an, ohne doch das Wort Ötingers zu Vergessen: Der Herr kennt die Seinen; seine Heiligen rangiert er, nicht wir.

 I. Wer das Bild des teuren Prälaten auf sich wirken läßt, wie es etwa seinem Gnomon von 1887 vorgebunden ist, erkennt auf der Stirne den Ernst der Ewigkeit, auf dem Kinderaugen einst staunend ruhten und vor dem hier in Stuttgart junge Mädchen, innerlichst bewegt, zurückbebten,| daß sie nicht in die Oper gehen konnten, sondern in sich gekehrt nach Hause gingen. Es ist die milde, verklärte Geistlichkeit, die sich den Körper baut, die heilige Leiblichkeit als Abglanz des in Gebet und Zucht bewährten Innenlebens. Leiblichkeit ist das Ziel aller Wege Gottes – hat Bengels Schüler gesagt. Und der mittelalterliche Denker, der Mystiker weisen gleicherweise darauf hin, daß es Gerechtigkeit auf Erden sei, wenn die Gesichter wie die Menschen werden. Blöden Auges – seine Umgebung wußte es nicht – ne uxor quidem[2] – sah er mit dem nach innen gewandten desto besser, bemaß und betrachtete die Dinge in heiliger Gelassenheit und lebte mitten in der Welt für sie, nicht von, noch mit ihr. Auf dem Antlitze aber ruht der Friede des guten Gewissens, der dem Nächsten das Herz heimatlich stimmt und es der Seele wohl sein läßt, die sich in einem über Denken und Wünschen hoch erhabenen Frieden geborgen weiß. „Jaschar,“ das Psalmwort (Ps. 37), erwählte Bengel zu seinem Wahrspruche: „Gerade, schlecht und recht“ – ganz wie es einst Löhe getan hat. Weil er gerade vor sich hin wandelte, kam und brachte er zum Frieden. „Im Sturm des Meeres spiegelt nicht die Sonn’ ihr heilig Angesicht,“ aber die Stille in Gott ist Ihm ein willkommenes Bild seiner selbst und wird durch Gott dem Antlitze aufgeprägt. So oft wir das Bild ansehen, ist es wie Feierabendgeläute und Sabbatfrieden.
.
 II. Und das Bild predigt von einem stillen, geradlinigen Leben „ohne Sprung“. Die beiden mit Bengel oft verglichenen und ihm in manchem Stück verwandten Ötinger und Hamann, dieser der Magus des Nordens, jener des Südens, sind durch allerlei wunderliche Abbiegungen und Seitenwege, durch Absonderlichkeiten und Abenteuerei gegangen. Wie die großartig zerrissene und zerklüftete Berglandschaft mit hohen Felsen und mächtigen Wasserstürzen das Herz erbeben und erschauern läßt, während die stille Flur am Waldeshang mit ihren tausend Blumen und Blüten die Seele erquickt und zur Ruhe bringt, so reden jene beiden Männer mächtig an und auf, treiben und drängen, nötigen und zwingen. Aber Bengels einfaches Pfarrerleben, im engen Rahmen einer wohlbehüteten Amtsarbeit ablaufend,| stärkt und tröstet. Winnenden und Tübingen, Kloster Denkendorf und Herbrechtingen, endlich Alpirsbach bezw. Stuttgart waren die Stätten seiner Tätigkeit, die nur in jungen Jahren durch eine Studienreise auch an die Schule zu Kloster Heilsbronn bei Ansbach, nach Nürnberg und seine Universität Altdorf unterbrochen war. 28 Jahre lang Lehrer von über dreihundert Jünglingen, die er durch den Vorhof der Sprachen in die Heiligtümer der Geschichte und das Allerheiligste der Schrift eingeführt hat. Seelsorger und Prediger, pünktlich und treulich als Rat im Konsistorium, hat er seinem engeren und seinem ewigen Vaterland die Treue gehalten. Gegenüber der Vielgeschäftigkeit unserer Tage, ihrer Kongresse, Tagungen, Sitzungen, Veranstaltungen, in denen man die Jahre zubringt wie ein Geschwätz, und angesichts der Vielseitigkeit, welche gesunde Einseitigkeit Borniertheit nennt, überall zu finden ist, zu raten weiß und zu wirken sich beeilt, ist diese fides in parvis, die Treue im Kleinen, „eine heroische Tugend“. Sie will nur Eines und dieses Eine ganz, sie beschränkt sich auf die Tiefe, weil sie der Weite mißtraut, hält es für echt lutherisch, zu schweigen zu seiner Zeit und auch zu seiner Zeit zu reden, das Seine im engen Raume des Berufs zu tun und die Lektion zu lernen, die ein Tag bringt und der andere nimmt. Luther hat ein mal gesagt, nach seinem Tode kämen die gewaltigen Feinde an die Pforten der Kirche: Undank, Weisheitsdünkel und stolze Sicherheit. Bengels Leben ist Ein Dank gegen Gott, heilsame Demut und frohe Gewißheit. Recordatio, an betende Erinnerung, respicentia, ernste Selbstbesinnung, und prima opera, die ersten Werke, werden von ihm nach Offbg. 2, 5 empfohlen, auf welchem Wege man zur ersten Liebe, zur Jugendfreude an und zum Jugendglück in Jesu gelange. Während des Kriegs und nach ihm wird mancher Neubau aufgeführt, aber nicht auf altem Grund, manche Großtat vollbracht, aber ohne den Herrn der Wahrheit und Klarheit, ohne den man vielgeschäftig sein, aber nichts tun kann. Was alles im Namen Luthers und unter der Firma des Protestantismus ersonnen, erbeten, gesprochen werden wird, wer mag’s verstehen? Aber die Seele des Knechts ist stille zu Gott, und sein Auge schaut allein auf den, der die Stillen liebt.
.
|  III. Der tragende Grund des Wesens war die heilsame und wachsame Gottesfurcht, die nicht in knechtlicher Weise bebt, daß der Herr kommen könne, sondern in kindlicher Sorge fürchtet, daß der Vater gehen möchte. Von Jugend auf an Gott gewiesen, frühe verwaist, aber mit dem Andenken eines treuen Vaters gesegnet, der sein Leben der Herde geopfert hatte, Sohn einer frommen, gebetsstarken Mutter, „Schüler ernster Lehrer, deren Gebete ihn trugen,“ hat er gestrebt, vor Gott zu wandeln. Aber er machte nicht Viel Aufhebens von seiner Frömmigkeit, er war und blieb bei allem Wachsen in der Gottseligkeit „wie ein Gras, das auf niemand harrt“. Seine Gottesfurcht war nicht gesetzlich – „es gibt Bekehrungen, die leicht zu Heterodoxien führen“, sondern aus der kindlichen Unmittelbarkeit des von seiner Jugend an auf Gott geworfenen Gemüts. „Wo ich geh’, sitz’ und steh’, laß mich dich erblicken und vor dir mich bücken.“ Denn Gott war ihm nicht eine abgeblaßte Begrifflichkeit, ein Bild, das uns gleich sei, in das man das Seine legt, Wunsch und Wille, Belieben und Begehren, um dann schwärmerisch zu beten „dein Wille geschehe“; sondern Gott war ihm der Vater unseres Herrn Jesu Christi und darum der rechte Vater über alles, was Kinder heißt. Und zu diesem Gott, der ihn aus schwerer Jugendkrankheit errettet und ihm die Gewißheit Luthers ins Herz gegeben hatte: Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen (Ps. 118, 17), konnte er beten, wie ein liebes Kind zu seinem lieben Vater. „Der Wille war folgsam, aber im Verstande war mancher Zweifel.“ Aber das einfache Gebet, das „nicht abläßt, bis der himmlische Vater selbst beurlaubt“, hielt ihn aufrecht und ließ ihn durchdringen und das Feld behalten. Er war ein Beter, weil er täglich sich starb, von sich ab und auf Jesum hinsah, dessen Leiden nicht spielerisch auszumalen, sondern innig und stetig zu betrachten ihm Anliegen war. „O Welt sieh hier dein Leben,“ daß er auch zu dieser Welt gehöre und daß dieses ihr Leben auch ihm an gehöre, das machte ihn traurig und froh zumal. Er wuchs in die Gnade hinein, „einen guten Grund hat mir der Verkehr mit meinem Gott gegeben“. Darum ward er, der vor Gott zeitlebens ein Kind war, vor Menschen ein Mann, den nichts beugt als das Elend, und nichts erschreckt als die Sünde.| Nec temere nec timide, nicht unbedacht, aber unverzagt, „war die Losung des Mannes, der mit ewigen Wirklichkeiten umging, nicht pompös, sondern mit aller Ehrfurcht“. Weil ihm Gott und seine Nähe Tatsache, Lebenskraft und Bestand war, darum wußte er sich von ihm beschützt und in ihm geborgen, aber auch nur ihm verantwortlich.

 Mit Gebet, wie ein Mann mit seinem Freunde redet, hat er sein Haus gebaut und es zu einer Heimat ernster Zucht und frommer Sitte erhoben, daß von ihm kein blendender Glanz, aber ein milder heimatlicher Schein ausging, der es den Insassen friedlich und den Fremden anziehend machte. Seine Ämter hat er durch den ständigen und stetigen Umgang mit Gott innerlich geheiligt, daß auch das Unscheinbarste ihm wichtig genug und das Schwerste nicht zu bitter war. Weil er wußte, daß „je krümmer der Sinn sei, desto mehr Schritte die Geradheit des Heilands durchmache“, ging er stets und in allen Fragen mit Gott zu Rate, hielt aber auch daran fest, daß „die über andere gesetzt sind, oft etwas tun müssen, dazu sie sattsam Grund haben und doch deswegen über sich räsonnieren lassen“. Ihm lag es am Herzen, mit den Leuten säuberlich zu verfahren, und darum erreichte er in dem bescheidenen Amte das Größte, was ein Mensch dem andern schenken kann, Vertrauen, und in seinem letzten kirchenregimentlichen, das die einen als unnütz unterschätzen, die andern als herrlich begehren, daß sein Gewissen unverletzt blieb. Sein Ahne von Mutterseite, Johann Valentin Andreä, hatte das Kirchenaufsichtsamt als eines gekennzeichnet, in dem es weder gelinge, etwas Gutes zu fördern, noch etwas Schlimmes zu verhindern. Er aber hat durch Fürbitte und Vorbild genützt und Segen gestiftet, im übrigen aber es mit dem alten Meister gehalten: multo tutius est stare in subjectione quam in praelatura.[3]

 Durch das Gebet, das bei seinem Freunde Ötinger immer ernsteste Anstrengung, bei ihm „natürlichste Regung und Bewegung“ war, konnte er Angst und Not überwinden, wenn sie in Anfechtung und Sorge ihm nahten, aus dem Munde eines Klosterschülers den gemeinen Christentrost,| daß das Blut Jesu Christi von den Sünden frei mache, als „lutherischen Spezialtrost“ dankbar und gläubig hin nehmen, mit den Studierenden zu Tübingen ernste Gemeinschaft haben, vor allem aber in den Kreisen der Erweckten, für deren Gefahren er das offene Auge und Wort sich bewahrt hatte, Wurzel schlagen und das manchfache Edelgut in ihnen ehren und bewahren, ohne doch Rost und Mängel zu verkennen. Er tadelt es ernstlich, wenn man um der Sünden der Geistlichen und der Zuchtlosigkeit der Gemeinde willen, wegen des Apap (der umgekehrte Papa)[4], des Staatskirchentums und seiner Schäden von der Kirche als von einem Sumpfe rede, in der nur Frösche quaken. und schreien, während es ein Teich mit manchen edlen Fischen sei, will nicht die Kirche verlassen, weil sie ein gebrochenes und schadhaftes Schiff ist, sondern ihr neue Kraft erbitten und erarbeiten, lobt auch nicht die Flucht vor ihr und aus ihr, als ob dies ein Vollmaß von Treue wäre, sondern heißt die Gemeinschaft der Stillen, der Beter und Getreuen ein Salz und Licht für die Kirche werden. Wie warnt er vor dem Hochmut und der Sattheit der Besitzenden in der Kirche, aber auch vor dem lieblosen Urteil derer, die so viel der Kirche sein könnten, wenn sie ihr Urteil über sie zu einem Gebet für sie wenden wollten. So recht in der Mitte zwischen Überschätzung der Kirche nach dem achten Artikel unseres Augsburgischen Bekenntnisses und der Unterschätzung ihrer Wesensgestalt trotz aller Schatten und Flecken nach dem siebenten Artikel konnte er die arme Gestalt der Kirche tragen, weil sein Herr ihn trug und sie noch litt und duldete, mit seinem Worte und Sakramente noch bei ihr weilte, und sie trotz ihrer Untreue die Seine heißt. Er fragt wohl, ob jemand noch des Namens Jesu Christi denken würde, wenn er sein heiliges Nachtmahl nicht gestiftet hätte mit dem treu meinenden „Zu meinem Gedächtnis“, aber weil das Herrenwort noch verkündet und seine Stiftung noch verwaltet wird, will er das Beste der Kirche hoffen und suchen. Vielleicht sind jetzt die Tage noch schwerer als zu Zeiten des teuren Mannes, die Kirche scheint noch mehr ins Weltwesen verflochten, das Gebetsleben erkaltet, der Ernst der Heiligung| gemindert und verflacht. Aber es ist nicht Treue, wenn man scheidet, weil es schwer wird zu bleiben, sondern es ist nötig, daß man leidet, um zu siegen, und kämpft, um zu bessern. Die lutherische Kirche hat nie leichte Zeiten gehabt, – Bengel sagt wohl mit Recht, das habe sie von ihrem Vater Luther geerbt. Denn seit Christi und der Apostel Zeiten habe wohl niemand soviel Schmach und Schimpf erdulden müssen als jener, und zwar habe er es allein getragen, während die Apostel doch miteinander und aneinander sich getröstet hätten, – unsre Kirche will auch, solange und weil sie auf Erden ist, nicht leichte Zeiten haben, es ist nicht nötig, daß man in ihr glücklich ist, aber sehr nötig, daß man zu ihr und in ihr treu ist. Die Außenseite der Kirche und ihre Zerrissenheit bestaunen ist Schwäche, die nicht sehen will, ihre Innerlichkeit und geheime Schönheit verachten ist Undank, der nimmer erkennen will. Gott stärke uns den Glauben: die Eine heilige christliche Kirche bleibt Glaubensartikel. Weil Bengel durch das den Anker hinter die Erscheinung der Dinge in Jesu Zusage und Verdienst senkende Gebet überwand, konnte er Treue halten, nüchtern von dem lähmenden Pessimismus und dem knochenerweichenden und markverzehrenden Optimismus frei bleiben und um so enger mit denen zur ecclesia possidentium sich zusammenschließen, die Christi Erscheinung trotz, ja in ihrer Niedrigkeit lieb haben, „gut Freund sein mit allen, die Jesum lieb haben, und den verführten Karren der Kirche doch nicht stehen lassen“. Das Gebet ließ ihn zu einem Knechte werden, „der eben abbitten konnte, daß ihm der Herr allsogleich zehntausend Talente schenkt“ (Matth. 18, 24) und zuletzt das große Wort sagen: „Ich halte mich für einen alten, absterbenden Baum und freue mich über junge frische (al. grüne) Jünglinge und Streiter. Je mehr ich mich der Berührtheit unter Menschen entziehe, desto süßer ist mir der Genuß des Bewußtseins Gottes. Auf Gottes väterliche Diskretion lebe ich fort, bis er mich am Ende zu sich bringt. Ich weiß nirgends etwas aufzuweisen als meinen Jesum und befehle mich dem getreuen Schöpfer, dem wohlbekannten Erlöser und meinem bewährten Tröster.“ Wie Luther hat er an seinem letzten Ende Haus und Vaterland, Obrigkeit und Freunde, Schule und Kirche in die getreue Hand Gottes befohlen und mit der| erkaltenden Hand auf die Brust gedeutet: Herr Jesu, dein bin ich, tot und lebendig. Das Gebet hat die Seele des Knechtes in die Hände und das Haus des Herrn getragen.

 IV. Das Gebet ist die Tat des rückhaltlosen und uneingeschränkten Vertrauens, eines mannhaften Willens zur Wahrheit des Gotteswortes. „Zuvor aber weiß ich, daß du deine Zeugnisse ewiglich gegründet hast.“ (Psalm 119, 152.) „Gottes Gesetz ist eine durchaus sich erwahrende Wahrheit.“ Daß diese frohe Gewißheit einer aller Menschenkritik entragenden, weil über sie himmelhoch erhabenen Wahrheit des Schriftganzen, der gesamten Heilsökonomie unsres Gottes, die von dem Kleinsten bis zum Größten reicht, diese Freude an dem Gottesgarten, drin Gewächse schönster Arten stehn in Blust und Lieblichkeit, ins Herz der Kirchenleute gesenkt ist, verdanken sie neben Luthers grandioser Schriftanschauung der heiligen und ernstlichen Arbeit Bengels, des Schrifttheologen, der als demütiger Bekenner weder die Schrift meistern noch sie buchstäbeln wollte, sondern anbetend ihren Spuren folgte, ein Brunnenmacher, nach eigenem Geständnis, der die ewigen Quellen in arme Röhren leitet, sich bescheidend, was er nicht und wo er noch nicht versteht, zufrieden mit dem und reichlich dankbar für das, was ihm kund und wissend war. Ihm ist die Schrift nicht nur Norm und Gesetz, sondern Lebensquelle, und „der Brief aus Freundeshand, der ihm teuer ist ohne Urteil über die Hand, die den geliebten Brief überbringt“. Ein Liebes und Lebensgedanke, wie er dort im 1. Verse des 1. Kapitels des Hebräerbriefs angedeutet ist, geht durch alle Zeiten und Stimmen und Schriften, bis er in dem Sohne Ja und Amen wird. „Nicht jeder muß alles begreifen, aber alle Heiligen aller Zeiten und Orte sind wie ein einiger Lehrjünger gegenüber dem Worte des Vaters.“

 Von der Fülle der Lesarten in den griechischen Handschriften und Erstdrucken, in den Zitaten der Kirchenväter, in den Übersetzungen wie geblendet, hat Bengel die Kritik dieser Lesarten nicht zum Selbstzweck gemacht, wie etliche zu tun pflegen, die niederreißen, um den Schutt zu sehen, und zerpflücken, um das Spiel der welken Blätter und Blüten anzuschauen; sondern im Dienste der Wahrheit, die sich scheut, zu Gottes Ehren ein falsches Zeugnis abzulegen, hat er die| Varianten geprüft, die ursprüngliche und grundmäßige Bedeutung der Worte des Neuen Testaments festgestellt und so zu seinem anbetenden und ehrfürchtigen Erstaunen die heilige Einfalt, die wundersame Übereinstimmung – omnia inter se quadrant, alles fügt sich aufs beste ineinander –, die heilwertige Kraft der himmlischen Begriffe festgestellt. Als er am 8. September 1741 den Gnomon, dieses unübertreffliche Werk ernster Treue und frommer Gewissenhaftigkeit, vollendet hatte, dem so voneinander entlegene Persönlichkeiten wie Wesley und Rudelbach, Ihr Beck und unser von Hofmann das höchste Lob spenden, dem Generationen von Theologen auf der Kanzel und Generationen unter ihr den Einblick in Gottes heiliges Wort verdanken, brach er in die Worte aus: „Höchster Formierer der löblichsten Dinge, der du mich Armen so ferne gebracht.“ Wie groß und klar ist das Wort, dieser fons limpidissimus, der kristallklare Quell, der bald vernehmbar durch die Gefilde rauscht, bald still wie der Tempelquell einhergeht, immer getragen von dem tiefstinneren Zeugnisse des Heiligen Geistes an das Menschenherz! Die Lehrschriften der Kirche werden von ihm genährt, dämmen ihn nicht ein, an ihm geprüft, nicht ihn beengend, ganz wie die Konkordienformel lehrt. Die Schrift, die gesamte Heilige Schrift ohne Zutat und Abstrich (Offb. 22, 18 und 19), hält die Kirche aufrecht, solange und weil diese die Schrift bewahrt. (Offb. 3, 10.) Wenn die Kirche von der Treue gegen die Schrift läßt, fällt ihre Ehre dahin.
.
 Wir stehen in dieser schriftwidrigen Zeit des Welt und Kirchentags. Die religionsgeschichtliche Betrachtung der Schrift findet allenthalben Anklänge, Vorgänge, Anleihen, Unechtheiten, Ungereimtheiten, und die heiligen Männer Gottes waren mittelmäßige Skribenten, die der Volksbildung ebensowenig kundig waren, als sie die Bedürfnisse der Menschheit recht verstanden. Viel größer sind die Ursprünglichkeiten der vorchristlichen Denker und Redner. Die Echtheit der Jesusaussagen wird um einer vorgefaßten Meinung willen bezweifelt und bestritten, nachgewiesen, daß und warum er nicht so gesagt haben kann, und angedeutet, wie er gesagt haben könne. „So redete ich von ungefähr, wenn ich der Evangelist Matthäus wär’“ – spottet selbst Goethe. Und was echt ist – viel bleibt in dieser Palästra des Scharfsinns| nimmer über – mag ehrwürdiges Literaturdenkmal sein, kann aber nicht dem Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts genügen, für den der Krieg neue Werte und neue Worte schuf, Predigten von deutschen Gedanken und von gepanzerter Ehre und vom Recht des freien Mannes und von der Seligkeit des Heldentodes – tönendes Erz und öfter noch klingende Schelle. Der Heiligen Schrift aber, auch in ihren abgelegenen Teilen, hat ihr Herr die gelehrte Zunge gegeben, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden, nicht mit Worten menschlicher Weisheit, die dem Schiffbrüchigen sich versagt, weil sie nicht Arme hat emporzuheben, sondern mit dem Trost der Vergebung und mit der Treue der Heimat. Letztlich wird es eben darum darauf ankommen, daß wir erstlich die unvergleichlichen Nachrichten von dem Heilsplan Gottes, der über die ganze Zeit und alle Menschen aus purlautrem Erbarmen sich erstreckt, dankbar auf- und annehmen. Die Widersprüche einen sich dem näherblickenden Ernste, und die Gegensätze wandeln sich in gesegnete Harmonie. Welches Urteil würde wohl über die Schrift gefällt, wenn sie in Nebensächlichem ganz die gleiche Meinung und Sprache hätte! Die lichte Sonne der himmlischen Wahrheit, die auf ewige Hauptsachen führt und drängt, will nicht durch menschliche Fackeln erst erleuchtet werden, sondern leuchtet durch sich selbst. Es ist kleinlich, an der hellen Sonne Flecken entdecken zu wollen, statt sich zu freuen, daß sie „freundlich pflegt die Höhen anzusehen und auch in die Täler lacht“, daß wir in ihr und ihrem Gnadenstrahl leben und weben und sind. Die Vernunft ist nicht das Prinzip der Dinge, als ob sie meistern, ersinnen und ersetzen dürfe, was Gottes Gnade über Menschenvernunft gibt und erhält, sondern das schwache Werkzeug, mit dem man heilsame Gnaden faßt und anbetend erkennt. Wenn man nicht mit reinen Händen und ernster Ehrfurcht an Gottes Wort herangeht, so entleert man das eigene Leben: es verträgt alle Kritik, nur nicht die, welche kritisieren will.
.
 Bengel hat in seinem herrlichen Buche reiche Schätze zutage gefördert, den Ertrag vieljähriger Arbeit der Gemeinde geschenkt, aus den unscheinbarsten Worten hellen Schein ins Herz und Haus der Kirche fallen lassen: wie hat er sich wohl einen Monat hindurch um eine Stelle – 1. Joh. 5 – so gemüht! Ich erinnere etwa an die Auslegung des „Ja“ in| Matth. 11, 26, an die Erklärung der Abschiedsreden, an den Schluß der Apostelgeschichte, an Römer8. Wohin das Auge fällt, trifft es auf Blüten und Früchte des Gottesgartens, von der Treue aufgezeigt und gesammelt. –

 Es soll heute am Sonntag vom guten Hirten wenigstens Ein Lob für die ewige Treue zu Dienst und Dank sein, daß wir ihr bezeugen:

Dein Wort bewegt des Herzens Grund,
dein Wort macht Leib und Seel gesund,
dein Wort ist’s, das mein Herz erfreut,
dein Wort gibt Trost und Seligkeit –

und aus solch einstimmigem Lobpreise versprechen, zu dem mitßdeuteten Worte und zerrissenen Gebote zu stehen als Knechte, die auf ihren Herrn warten, nicht als geistreiche Denker, sondern als gehorsame Täter. –

 V. Auf einem Buche aber hat das Auge des teuren Mannes, eines homo desiderii, eines Mannes mit starkem Heimweh, in besonderer Liebe geruht, das er in ernster Treue und gesunder Zurückhaltung der Gemeinde in Bibel stunden und Schrift auslegte. „In meinen Augen ist diese Welt hier gar klein, der Verbrennung nahe, groß ist allein der Herr, der da kommt.“ Es mögen manche Einzelauslegungen nicht ganz zutreffen, manche Berechnungen, wie er selbst willig zugab, auf falschen Voraussetzungen beruhen, „ob er alles recht getroffen, können wir nicht mehr als hoffen. Unsre Augen sind zu blind“, sagt Prälat Hiller in seinem Nachruf auf Ötinger. Aber überraschend sind die tiefen weiten Blicke in das Wesen der Zeit, die, am Worte Gottes geschärft, klare Erkenntnis der Dinge beweisen.

 Zunächst mehr Äußerlichkeiten. Er weist darauf hin, daß in den nächsten Jahrzehnten die lateinische Sprache aufhören werde, die Sprache der Bildung zu sein. Christian Thomasius in Halle war darin vorangegangen, die Hochschulen folgten langsam nach. Am Eingang des 19. Jahrhunderts verschwanden die lateinischen Vorlesungen der Professoren, von denen die Theologen am längsten standhielten, traten die lateinischen Prüfungsaufgaben und ihre Bearbeitung zurück. Er zeigt an, daß das alte Römische Kaisertum Deutscher Nation bald aufhören müsse. „Gebt| acht, ob nicht der König von Frankreich Deutscher Kaiser wird.“ Und Franz von Österreich legte 1806 die Kaiserkrone nieder, und Napoleon I. ward zwar nicht Deutscher Kaiser, aber doch Kaiser in deutschen Landen. Ernster und ein dringender werden die Worte, welche auf die Zeit des „Denkglaubens“ hinweisen, der zu denken glaubt und zu glauben denkt und zu beiden gleich unfähig ist, daß ernste Bücher wenig gesucht und auch die heiligsten Wahrheiten nur beachtet werden, wenn sie in gefälliger, leichter Form erscheinen. Dann werden auch die alten Karten unbrauchbar werden, der Globus wird ein neues Bild bekommen, Leute aber, die den Grund des christlichen Glaubens mit der Feder umreißen, werden unterstützt werden. Skeptizismus und Naturalismus und Romanismus werden „gegen den Artikel vom Heiligen Geist streiten. Der von Christo geht auf die Neige, und der Artikel von der Schöpfung hängt nur noch an einem Fäserlein“. Ist es nicht so gekommen? Zuerst Leugnung des persönlichen Heiligen Geistes, der zuerst in eine Kraft, dann in eine Regung verflüchtigt ward, dann Bestreitung der Göttlichkeit, der reinen Menschlichkeit, der Fehllosigkeit, ja der Persönlichkeit Jesu Christi, jetzt in dem trunkenen Pantheismus, in dem selbstversunkenen Monismus die Bezweifelung des persönlichen Gottes, der schließlich mit der Welt ganz vereinerleit wird. Alle Irrtümer sind frei, wenn sie nur anmutig vorgetragen werden. Die Art, Böses zu tun, muß zur Kunst werden, dann wird sie von den Zeitungen gepriesen. „Was wird die Lehre vom Inneren Wort Unheil anrichten, wenn erst die Philosophen darüberkommen.“ Den Mangel an Vertrauen auf Gegebenes und Geoffenbartes, die Zuversicht zu eignen Gedanken, die Ausscheidung des Übersinnlichen aus dem Gedankenleben – alles hat Bengel klar vorausgesagt. Wie ein Prophet entwirft er ein Bild unserer Tage mit schweren, nächtigen Zügen. Der Romanismus, gegen den man vergeblich durch Einziehung des Kirchenguts, durch wissenschaftliche Bestreitung aus kirchengeschichtlichen Erwägungen heraus – ich erinnere an unsern Döllinger, Ihren Hefele – angehen wird, soll neuerlich blühen und mit dem Nationalismus, so entfernt dieser von jenem zu sein scheint, sich verbünden. Luther würde zu beiden sagen: merus enthusiasmus, eitel Schwärmerei!| Ich muß es mir versagen, nachzuweisen, worin der äußere Gehorsam gegen das Bekenntnis und die völlige Emanzipation von ihm innerlich sich berühren, nur darauf will ich den Finger legen, daß in der Abneigung gegen das klare Bekenntnis zur Autorität des Bibelwortes, in der Betonung der Diesseitigkeit, in der Verherrlichung der Werkerei beide sich finden. Daß über den angstvollen Zeiten der großen Trübsal die kleine Herde nur das Eine erfleht, bis ans Ende beharrlich erfunden zu werden, weissagt das letzte Buch des Neuen Testaments, das die hoffende Gemeinde und ihren himmlischen Geleitsmann in dem Gebete einig zeigt: Ja, komm, Herr Jesu! In eine, vielleicht die letzte Stunde der Weltgeschichte eingetreten, schaut die heilige Gottesgemeinde, der aus Gnaden durch Wirrnis und Abfall bewahrte Rest, von einer Morgenwache bis zur andern auf die Zeichen und Zeiten, welche ihrem Herrn den Weg bereiten, und obwohl sie weiß, daß er verziehen kann, vielleicht noch will, wird sie nicht müde, auf sein Licht zu achten und auf die anschwellenden Stimmen der Mitternacht: Siehe, der Bräutigam kommt. – Es ist nicht not, daß wir in Träumen schwelgen, welche, statt zur Buße zu führen, „empfindliche Süßigkeit“ gewähren, nichts nütze, Zeit und Stunde, die selbst der Sohn nicht weiß, auszuklügeln, aber auf die Kraftfülle der Irrtümer, des Götzen Wissenschaftlichkeit und ihrer freien Forschung, der persönlichen Überzeugung, der Fortbildung der Religion, der weltoffnen Orientierung gilt es zu achten, auf die Gewalt der widerchristlichen Menschenvergötterung und Menschenverachtung, auf die Rückkehr der Kirche zu ihren kleinen Anfängen, und die Sorge muß man haben, zu der kleinen armen Schar zu gehören, die nicht Kirchenbaupläne und Kirchenpolitik ersinnt und treibt, sondern, ob sie daheim ist oder walle, dar nach trachtet, daß sie ihm wohlgefalle.
.
 VI. Ein letzter Dank gelte dem Erzieher Bengel, der uns zu Joh. 21, 16 das schöne Wort gelassen hat, der Hirte solle zumeist der Alten gedenken, weil bei ihnen am wenigsten Zeit zu verlieren sei, und der Kinder, denn von ihnen sei die meiste Frucht zu erwarten. Er rät dem Lehrer, wie ein Schiff zu sein, das unbeweglich sei, während die angekettete Barke noch im Sturme der Wellen schwanke. Feste Grundsätze| auf Gottes Wort und aus ihm sollen den Erzieher leiten, der auf Wahrhaftigkeit und Geradheit dringen, aber auch etwas an jugendlichem Übermut hingehen lassen und übersehen soll. Man darf mit der Jugend nicht kleinmünzeln, sondern müsse großartig sein, müsse die Art der Gluckhenne haben, die es wohl trage, wenn die Küchlein ihr auf den Rücken laufen, wenig von Religion reden, aber fleißig für die Jugend beten und sie zum Beten anleiten, viel aus der biblischen Geschichte erzählen mit gebührlicher Ehrfurcht, nicht zuviel lernen lassen, weil zu früh belastet Gedächtnis und Gemüt satt und stolz und übersättigt werden. Die „seligste und sonnigste Provinz“ der Kirche, die Schule, müsse mit Lust bebaut werden. –

 Wie indes Bengel zürnen konnte, beweist sein Brief an den Sohn, der in Tübingen törichte Streiche verübt hatte. So spricht heiliger Ernst des Mannes, der lieber einen toten, als einen ungeratenen Sohn haben will. Klar, wahr, mit einer nie ermüdenden Liebe hat nur der zu unterrichten Gabe und Kraft, den Gott gelehrt hat.

 Spener hat einmal gesagt, wenn er einen erwecken könne, so wäre es Joh. Valentin Andreä. Wir möchten wohl den Mann der Schrift, den Mann nach der Schrift, Johann Albrecht Bengel, seiner Heimat, der er eine gesegnete Schule biblischer Theologen erweckt hat, unserer Kirche von den Toten wieder holen.

 Aber der Herr der Kirche, der große Hirte, hat vor seinem Scheiden nicht ein vergebliches Wort gesagt, als er verhieß: Ich will euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch.

 Mitten in dem Weltgetriebe verbirgt er sein Volk heimlich in seinem Gezelt nicht zu tatenloser Ruhe, sondern in seliger Stille, die Kraft ist und Kraft wirkt, und gibt ihm Hirten und Evangelisten nach seinem Herzen.


Buchdruckerei Chr. Scheufele, Stuttgart.


|
Verlag der Evang. Gesellschaft, Stuttgart.

Neu: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte.
6 Vorträge in schwerer Zeit.
Oktav, 92 Seiten 90 Pf.

 Inhalt: Krieg und Evangelium. Von Amtsdekan Gros, Stuttgart. Die Rätsel der göttlichen Lebensführungen und ihre Lösung für den Christen. Von Stadtpfarrer Heim, Stuttgart. Krankheiten an unserem Volkskörper und ihre Heilung. Von Pfarrer Th. Löffler, Stuttgart. Unser Trost in allem Leid. Von Missionsprediger G. Munz, Stuttgart. Felsenboden in Sturmeszeiten. Von Pfarrer Weismann, Basel. Zukunftsfragen, Zukunftshoffnungen, Zukunftsaufgaben. Von Evangelist Zimmermann, Korntal.


Das schwäbische Gemeinschaftsleben
in Bildern und Beispielen gezeichnet
von Fr. Baun, Pfarrer.
230 Seiten. Gebunden Mk. 2.50.

 Ein echtes Volksbuch, das man mit Freuden liest und noch mehr mit innerem Gewinn. Wir empfehlen darum dieses Buch angelegenlichst.

„Westf. Sonntagsblatt“.


Israel Hartmann.
Ein Schulmeisterleben aus dem 18. Jahrhundert.
Von A. Bertsch, Pfarrer.
Broschiert Mk. 1.–, gebunden Mk. 1.50.

 Ein hübsch erzähltes reiches Leben aus einer interessanten Zeit, deren getreuer Spiegel die Schrift ist.

„Christl. Volksbote“.

 Das lebensvoll geschriebene Buch kann aufs wärmste empfohlen werden.

„Lehrerbote“.


Ludwig Hofacker.
Ein Herold des Evangeliums.
Von Th. Jäger, Stadtpfarrer.
Broschiert 60 Pf., gebunden Mk. 1.–.

 Diese kurze Lebensbeschreibung mit dem daran angeschlossenen Auszuge aus Predigten ist erbaulich zu lesen und verdient weite Verbreitung.

„Reformation“.

 Wir empfehlen das vortreffliche Büchlein bestens.

„Grüß Gott.“



  1. Obiges Bild ist entnommen dem Gnomon Novi Testamenti. In Halbfrz. geb. M 10. Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart.
  2. nicht einmal die eigene Frau.
  3. viel sicherer ist es in niedrigem Stand als obenan zu stehen.
  4. Papst.