BLKÖ:Jireček, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Jiřiček, Joseph
Band: 10 (1863), ab Seite: 183. (Quelle)
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Jireček, Joseph (böhmischer Philolog und Literarhistoriker, geb. zu Hohenmauth in Böhmen 9. October 1825). Sohn bürgerlicher Eltern und Bruder des Hermenegild J. [s. d. Vorigen]. Das Gymnasium besuchte J. in Leitomischl (1838–1843), Philosophie und Rechte studirte er an der Prager Universität (1844–1849). Bereits während der Studienjahre betrieb J. mit besonderer Vorliebe das Studium der Muttersprache und übersetzte damals des Tacitus „Annalen“ und Lessing’s „Nathan den Weisen“ in das Čechische. Seine erste literarische Arbeit, die zum Drucke gelangte, war die Uebersetzung einer polnischen Novelle: „Kamenný dům“, d. i. Das Steinhaus (im Almanach Horník 1845). Im Jahre 1848 gab er eine nach englischem Originale bearbeitete Jugendschrift über die mechanischen Fertigkeiten der Thiere: „Streyčka Bohuslava rozmluvy o mechanických schopnostech zviřat“, heraus; redigirte in Gemeinschaft mit Ritter von Hasner, später mit K. J. Erben die „Pražské noviny“, d. i. Prager Zeitung; vertrat Tomek in den Geschäften eines Secretärs der „Matice česká“ und Wocel in der Redaction der Museumszeitschrift „Časopis českého Museum“ so lange beide im Reichstage saßen, und nahm Theil an der von Erben, Neubauer und Grünwald unternommenen čechischen Uebersetzung des allg. bürgerlichen Gesetzbuches. Im Jahre 1849 arbeitete er an einer ethnographischen Karte von Böhmen, welche sammt einer nach Bezirken geordneten ethnographischen Uebersicht des Landes: „Národopisný přehled králowstwí českého“ Prag 1850, 4°.) mit Unterstützung des Fondes der „Matice česká“ erschien; es ist die erste Karte Böhmens mit slavischer Nomenclatur. Nachdem Im J. 1849 die juridischen Studien vollendet, verwendete er sich als Translator bei dem Prager Gubernium, und trat im Februar 1850 bei dem Ministerium für Cultus und Unterricht als Conceptsadjunct in den öffentlichen Dienst. Im J. 1850–1851 betheiligte er sich an der Leitung des in Wien gegründeten conservativen Journals „Vídenský denník“, d. i. Das Wiener Tagblatt. Im August 1851 wurde er zum Mitgliede der in Prag von dem Unterrichtsministerium [184] gebildeten Commission ernannt, welche unter dem Vorsitze P. J. Šafařik’s mit der Feststellung der wissenschaftlichen Terminologie in čechischer Sprache für die Zwecke der Mittelschulen betraut war. Ueber Aufforderung des Ministers Leo Grafen Thun unternahm es J., čechische Lesebücher für Gymnasien zusammenzustellen. In dieser Richtung gab er zunächst „Obrazy z rakouských zemí, národův a dějin“, d. i. Bilder aus Oesterreichs Geschichts-, Länder- und Völkerkunde (Prag 1853, 8°.), heraus; es ist dieß ein Versuch eigener Art. Sämmtliche Schilderungen sind den Literaturen der betreffenden Sprachen und Länder entnommen, und in böhmischer Uebersetzung wiedergegeben. Diesem folgten Lesebücher für die erste und dritte Unterclasse: „Čítanka pro první třídu nižšího gymnasia“ (Prag 1856, 8°.) und „Čítanka pro třetí třídu nižšího gymnasia“ (Prag 1857, 8°.). Für das Obergymnasium bearbeitete J. eine literar-historische Chrestomathie, deren drei Theile unter d. Tit.: „Anthologie ze staré literatury české“ (1860); „Anthologie z literatury české doby střední“ (1858) und „Anthologie z novočeské literatury“ (1861, sämmtlich in Prag, 8°.) die alte, mittlere und neue Zeit umfassen. Außerdem führte J. seine dienstliche Aufgabe zu einer umfangreichen Betheiligung an dem Zustandekommen der Schulbücher in allen slavischen Sprachen Oesterreichs. Die Studien, welche er zu diesen Zwecken zu machen veranlaßt war, leiteten J. zu weiteren Arbeiten auf den Gebieten slavischer Philologie und böhmischer Literargeschichte, und er begann mit der Veröffentlichung von Ausgaben älterer Werke aus Handschriften, und zwar zunächst, 1855, mit jener des bisher wenig gekannten literarischen Nachlasses des böhmischen Hofkanzlers Wilhelm Grafen Slawata, wovon Bruchstücke im „Blahověst“, „Světozor“ und „Pražské noviny“ erschienen. Selbstständig gab er heraus: „Viléma hraběte Slavaty Děje království uherského za panování Ferdinand I.“, d. i. Wilhelm Graf Slawata’s Geschichte Ungarns unter K. Ferdinand I., 1857, 1. Thl. (Wien, 8°.); – aus der von P. Ign. Hradil in der Theresianums-Bibliothek gefundenen Handschrift, gemeinsam mit dem Entdecker, des Bruderbischofs Joh. Blahoslav „Grammatik der böhm. Sprache“ verfaßt, 1550–1571, welcher er noch desselben, Blahoslav, Anleitung zur Poetik, beide unter den Titeln: „Grammatika česká dokonaná léta 1571“ und „Musika, to jest kníža zpěvákům náležité zprávy v sobě zavírající“ (Wien 1857, 8°.), folgen ließ. Daran reiht sich die Ausgabe der von J. Radwański aufgefundenen Schrift eines Peter Hubáček aus Kolin über Fischerei, Vogelfang und Baumzucht vom J. 1553: „P. Hubáčka kolinského o věcech rybářských, ptáčnických a štěpařských“ (Wien 1857, 8°.); ferner eines vom kais. Gesandten bei der osmanischen Pforte Hermann Graf Černin über die Legation vom Jahre 1644–1645 verfaßten Tagebuches: „Denník hraběte Černína o druhé cestě poselské do Constantionpole“, welches in Miklosich’s „Slavischer Bibliothek“ (II. Thl. 1858) abgedruckt war; dann einer Dorothea-Legende aus dem 15. Jahrhunderte, nach einer Handschrift der Lemberger Universität, unter dem Titel: „Legenda o sv. Dorotě“ im „Časopis českého Museum“ (1859); die Ausgabe metrischer Uebersetzungen des Psalters von Komenský (Comenius) Blahoslav, Benešovský und Nudožerin in dem [185] selbstständig herausgegebenen Werke: „Časoměrné překlady žalmův Br. J. A. Komenského, pak Br. J. Blahoslava, Kn. Mat. Philonoma Benešovského a M. Vavř. Benedikta Nudožerského“; endlich die Ausgabe eines Abrisses der böhmischen Brüdergeschichte von J. Japhet unter dem Titel: „Br. Jana Jafeta krátká zpráva o biskupích a starších Jednoty bratrské“, welche im erwähnten „Časopis“ (1862) erschien. Von J.’s literar-historischen Abhandlungen sind zu erwähnen, im Časopis českého Museum: „Přehled českého časopisectva r. 1848 a. 1849“, d. i. Ueberblick der böhm. Zeitschriften in den J. 1848 und 1849 (1849); – „Štítného Řeči nedělni a sváteční“, d. i. Ueber Th. Štitný’s Homilien (1861); – „Kancional bratrský“, d. i. Ueber das Cantionale der böhmischen Brüder; – „Leryova cesta do Brasilie“, d. i. Ueber die aus dem 16. Jahrhundert herrührende böhmische Uebersetzung von Jean de Lery’s Reise nach Brasilien – und „České sbírky rozprávek pod názvem Gesta romanorum známých“, d. i. Ueber die altböhmischen Sammlungen der Gesta romanorum (sämmtlich 1862); – in den Abhandlungen der königl. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften: „O českém prvotním překladu sv. evangelií a o obměnách jeho až do XV. stoleti“, d. i. Ueber den ursprünglichen Text der böhmischen Evangelien-Uebersetzung und dessen Umgestaltungen bis in das 15. Jahrhundert (1859, 4°.); – in den Rozpravy: „Paměti turecké Michala Konstantinoviće z Ostrovice“, d. i. Türkische Memoiren des Mich. Konstantinović von Ostrovic, worin der Beweis versucht wird, daß der sog. Dzennik Jańczara, eines der ältesten Originalwerke der polnischen Literatur bilde, und daß die böhmische Ausgabe vom Jahre 1565 und 1581 nicht, wie Kuchařski geglaubt hatte, das Original, sondern eine Uebertragung aus dem Polnischen sei; – „Dědictví sv. Václava“, d. i. Geschichte der St. Wenzelshäredität, eines im Jahre 1666 gegründeten, von den Jesuiten verwalteten und 1859 wieder restaurirten Fondes zur Herausgabe böhmischer religiöser Schriften (1861); ferner mehrere kleinere Abhandlungen im schon erwähnten Časopis im Blahověst und Světozor (1858–1861). Von J.’s philologischen Arbeiten sind anzuführen in den Rozpravy: „O účincích přídechův a zvláště joty v řeči české“, d. i. Von den Wirkungen der Anschlaglaute und insbesondere des Jota im Böhmischen, eine historische Darstellung des für die Entwickelung der böhmischen Schriftsprache bedeutendsten Lautgesetzes (1860); – im Časopis českého Musea: „Kriteria jazykoslovná k ustanoveni věku staročeských památek“, d. i. Linguistische Kriterien zur Bestimmung des Alters altböhmischer Denkmäler (1861); – „Staročeská prosodie a jeji zvláštnosti“, d. i. Die altböhmische Prosodie und ihre Eigenheiten (ebd.); ferner „Historická zpráva o prosodii časoměrné“, d. i. Historische Nachricht von der metrischen Prosodie, bei der Psalmen-Ausgabe 1861. Außer den bisher in čechischer Sprache herausgegebenen Werken und Abhandlungen veröffentlichte J. in deutscher Sprache folgende Schriften: „Ueber den Versuch, das Ruthenische mit lateinischen Schriftzeichen zu schreiben“ (Wien 1859, 8°.); – „Aktenmässige Darstellung der Verhältnisse der griechisch-nicht-unirten Hierarchie in Oesterreich, dann der illirischen National-Congresse und Verhandlungssynoden“ (Wien 1861, 8°.); – endlich: „Die Echtheit der Königinhofer Handschrift“ (Prag 1862, 8°.), letztere in Gemeinschaft [186] mit seinem Bruder Hermenegild, mit dem er drei Jahre früher (1860) ein Sammelwerk: „Rozpravy z oboru historie, filologie a literatury“, d. i. Abhandlungen aus dem Gebiete der Geschichte, Philologie und Literaturgeschichte, herauszugeben unternommen hatte. J. ist correspondirendes Mitglied der königl. böhm. Gelehrtengesellschaft, der archäologischen Museumssection in Prag und Ehrencorrespondent des mährischen Landesarchivs. Mit Allerh. Entschließung vom 16. April 1859 wurde J. zum Secretär im später aufgelösten Ministerium für Cultus und Unterricht ernannt.

Ost und West (in Wien erscheinende politisches Parteiblatt, Fol.) 1862, Nr. 331–343. –