BLKÖ:Kolbielsky, Karl Friedrich Glave

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Kolbe, Wenzel
Band: 12 (1864), ab Seite: 314. (Quelle)
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Kolbielsky, Karl Friedrich Glave (geb. in Galizien 1750, gest. zu Ofen im Jahre 1831), jüngerer Sohn eines wenig bemittelten masurischen Edelmannes – daher die unpolnische Schreibart mit y unrichtig – war er in einem unbesiegbaren Hasse gegen Preußen aufgewachsen, den ihm eine, wenngleich kurze und auch bald vergessene Festungshaft in Colberg zugezogen hatte. Mittel- und unmittelbar hatte er nacheinander allen Parteien seines Vaterlandes Polen, ferner den Interessen Oesterreichs, aber niemals jenen von Preußen und Rußland gedient, und so sah man ihn mit den Kollontay’s, Potocki’s, mit den Czartoryski’s und Poniatowski’s gehen, aber stets gegen Stackelberg und insbesondere gegen Lucchesini, welchen letzteren er persönlich haßte, mit Erfolg agiren. Es ist nicht möglich, alle Streif- und Querzüge dieses merkwürdigen Agenten, der unter den verschiedenartigsten Masken und Namen, als Kugler, Kraus, Baron Mondenfels u. dgl. m. auftrat und wieder verschwand, hier zu verfolgen und sie aufzuzählen; es genüge vorderhand darauf hinzuweisen: daß seine reichhaltigen Memoires in mehreren Abschriften vorhanden sind; freilich kann Herausgeber nicht angeben, wo? Hormayr selbst, welcher die erste nähere Kunde über diesen originellen Abenteurer bringt, konnte noch eine Abschrift derselben in 3 Bänden benützen, eine interessante Silhouette des merkwürdigen Mannes hinwerfen und den Wunsch aussprechen, daß einer der allerdings wenigen Besitzer dieser Kolbielsky’schen Denkwürdigkeiten die Herausgabe derselben veranlasse. Zu Kolbielsky selbst übergehend, erfährt man aus seinen „Denkwürdigkeiten“, daß er während des Türkenkrieges (1788 bis 1790), dann während der Wirren um die Grodnoer Constitution und während der zweiten Theilung Polens im Cabinet des Königs Stanislaus August Poniatowski gearbeitet habe und von dort aus in Verhältnisse zu Thugut getreten sei. Durch Thugut kam Kolbielsky nach Wien und von Wien in das Hauptquartier der Rheinarmee zu Herzog Albert von Sachsen-Teschen. Kolbielsky hat nach Wien Nachrichten über das ungarische Comité in Berlin und dadurch Enthüllungen über die Martinovits-Haynoczy’sche Verschwörung in Ungarn gegeben. Die Leidenschaftlichkeit, mit der er, ohne ein Maß zu kennen, gegen Alles auftrat, was mit seinen Ansichten nicht stimmte, gewann ihm einerseits mächtige Freunde, aber zog ihm nicht minder gefährliche Gegner auf den Hals, die zuletzt doch über ihn triumphirten. Während der k. k. Reichsreferendar und Hofrath Peter Anton Freiherr von Frank [Bd. IV, S. 327} zu Kolbielsky’s wärmsten und einflußreichsten, Vertretern zählte, war er dem Grafen [315] Stadion, der freilich eine durch und durch edle Natur, mit solchen wüsten Zwittercharakteren nichts zu schaffen haben wollte, unausstehlich. Fürst Franz Dietrichstein war gleichfalls ein mächtiger Gönner des merkwürdigen Polen, den der Kaiser Franz bevorzugte, und oft und meist des Morgens nach der Messe zu sprechen pflegte. Der Kaiser schien einiges Gewicht auf des gewandten Agenten Ansichten zu legen, denn er ließ ihn über verschiedene Finanz- und politische Gegenstände Denkschriften ausarbeiten, welche er dann jedesmal den Ministern, gegen die sie gerichtet waren, öfter wie durch Verstoß, zukommen ließ. Daß K. dadurch den Haß und die Rache der mächtigsten Männer gegen sich heraufbeschwor, ist leicht erklärt. Im Haß gegen Bonaparte, schreibt Hormayr, blieb sich K. immer gleich und auf seine Weise ehrlich. Im denkwürdigen Jahre 1809 war K. inmitten der Feinde in Wien und der Mittelpunct der Machinationen. welche man gegen die Franzosen von Ofen nach Neuhäusel aus in Wien und in den vom Feinde besetzten Provinzen wirken ließ; aber er that auch den gleichen Dienst für die Bevollmächtigten Englands und der spanischen Cortes. Später kam K. nach Totis, wo zwei Parteien, die Widerstands- und Unterwerfungspartei, sich feindlich gegenüberstanden und sich wechselseitig befehdeten; hier hatte Kolbielsky’s feine Spürnase Wild von allen Sorten aufzustöbern; sein Agentengeschäft wurde ein sehr ergiebiges, aber auch um so gefährlicheres, und da Kaiser Franz seiner Gewohnheit nach sich Kolbielsky’s Gutachten über verschiedene politische Conjuncturen und Finanzoperationen niederschreiben ließ, sein Verderben. So hatte K. auch dasselbe über des Grafen O’Donnel Finanzproject abgegeben und darin den Grafen nichts weniger als geschont. Nun war es aber um K.’s Freiheit geschehen; mehrere an ihn von mächtiger Seite ergangene Warnungen, auf der Hut zu sein, waren erfolglos geblieben und in der That wurde K. am 26. März 1810 Abends in seiner Wohnung verhaftet. Lange wurde er im Polizeihause in der Krebsgasse in geheimer Haft gehalten, die verschiedensten Gerüchte über seine Verhaftung und deren Ursachen wurden ausgesprengt und endlich neugierigen Fragern die Ansicht in höchst glaubwürdiger Weise zugeflüstert: „wer es gut mit ihm meine, solle vor Allem sein gänzliches Vergessen und Verschwinden befördern“. Nach geraumer Zeit kam K. auf die ungarische Festung Leopoldstadt an der Waag, wo er übrigens in ziemlich leichter Haft gehalten wurde, sein gutes Auskommen hatte, seine Denkwürdigkeiten schrieb, die besten Familien der Umgebung: die Erdödy, Mednyansky, Zay u. A. in Begleitung eines Officiers besuchen durfte und seine Denkwürdigkeiten unangefochten vorlas. Auch während seiner Haft machte er Mittheilungen an den Monarchen, bei welchem die Tochter Kolbielsky’s die Vermittlerrolle spielte. Als die Behörde dahinter kam, wurde das Mädchen zusammengepackt, einem Vertrauten übergeben und über die Grenze gebracht. In Regensburg überließ der Vertraute das Mädchen, dem er noch eine Summe Geldes eingehändigt, sich selbst. Während dieses im Gasthaus allein dastand und darüber nachsann, was es zunächst beginnen sollte, kam eine polnische Dame angefahren, welche aus Wiesbaden nach Wien zurückkehrte. Diese kannte die Verlassene noch von Wien her, erfuhr von ihr was eben geschehen und brachte sie nach Wien zurück, wo sie [316] ihr alsbald eine Audienz bei Sr. Majestät dem Kaiser vermittelte. Dieser gewährte dem Vater 1828 die Freiheit und Kolbielsky verlebte die letzten Lebensjahre bei seiner Tochter. Diese aber hatte sich mit einem Hauptmanne des Geniecorps, Emanuel Zitta, Fortifications-Localdirector zu Ofen, verheirathet und wurde vom Kaiser selbst ausgesteuert. Trotz seiner Fehler schätzten bedeutende Männer K.’s Vorzüge und ehrten insbesondere seinen patriotischen Eifer; konnten sich aber das Loos, das ihm in einer zwanzigjährigen Haft zugefallen, nicht erklären.

Gräffer (Franz), Francisceische Curiosa oder ganz besondere Denkwürdigkeiten aus der Lebens- und Regierungsperiode des Kaisers Franz II. (I.) (Wien 1849, Ign. Klang, 8°.) S. 88: „Kolbielsky, der geniale, vielkundige und vielseitige Abenteurer“. – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation (Hamburg, Hoffmann und Campe, kl. 8°.) Abtheilung: „Oesterreichs Hof und Adel“, Bd. X, S. 55. – Der Radikale (Wiener polit. Blatt) 1848, Nr. 38 u. f.: „Ein Mitglied von Kaiser Franzens Cabinets-Contre-Polizei“. – Charakteristik Kolbielsky’s. Kolbielsky war klein und elegant von Statur, von unverwüstlicher Gesundheit bis in sein achtzigjähriges Alter, trotz unausgesetzter Arbeit, trotz wilder Leidenschaftlichkeit in allen, auch in den geringsten Dingen und trotz großer Verluste und Unglücksfälle. Seine Lebensart war mäßig, seine priapeische Virtuosität berühmt und dankbar anerkannt. Die Protection des Herrn vom Hause suchte er meist durch die Liebschaft mit der gebietenden Dame des Hauses zu verkitten. Seine Manieren waren meist die der guten Gesellschaft, etwa die unangenehme Heftigkeit in Bewegungen und Reden abgerechnet, und die maßlose Eitelkeit, mit der er in gleicher Zuversicht die Finanzen oder den Schraubstock zerlegte, den Staat oder eine Uhr zurecht richtete, und noch als Greis unwiderstehlich für alle Damen zu sein, fest überzeugt war. Die rege Wildheit im Blicke, der Grimm in den Mundwinkeln, der schwarzgallige Teint, die ersten unbewachten Aeußerungen zeigten alsbald den Mann, der weder Tugend, noch Laster kenne, sondern nur Mittel. In der That erzählte man von ihm in Wien (mit Grund oder Ungrund) ein Vademecum sinnreicher Betrügereien. Wie Viele seines Gleichen diente er stets der Polizei, war aber auch von ihr unaufhörlich bewacht. Er hatte manche Vorzüge, aber auch alle Fehler des polnischen Nationalcharakters. Kolbielsky hatte ein ausschweifendes Gedächtniß und mathematisches Talent. Die großartigsten Berechnungen, die verwickeltsten Probleme waren ihm ein Spiel. Er brachte auch aus den sciences exactes allen Eigensinn, alle Infallibilitätswuth, alle Beschränktheit mit in die Verwaltung und in die Politik hinüber im Dunkel eines universellen Genies. ... Seine Unklugheit und Unverschämtheit waren nicht geringer, als sein scharfer Feuergeist, als seine ausgebreiteten Kenntnisse, als seine an mehreren wichtigen Höfen, in mehreren Hauptquartieren, Cabineten und Ministerien, Clubbs und Orgien gesammelten Erfahrungen. Im Bonapartehaß war Kolbielsky sich immer gleich und auf seine Weise ehrlich. Es ist auch keine Spur, daß man dort je versucht hätte, ihn zu gewinnen. Man muß es Kolbielsky nachrühmen. daß er den Faßbender’schen Umtrieben und gegen den Erzherzog Karl gerichteten Kniffen stets fremd geblieben. Er fiel wenigstens ehrlich in jenem ruhmvollen, wenn auch unglücklichen Kampfe von 1809 für den ganzen armen Ueberrest seines brausenden und schäumenden Lebens [Hormayr in seinen „Anemonen“.]