BLKÖ:Pistor, die Künstlerfamilie

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pistotnik, Edmund
Band: 22 (1870), ab Seite: 355. (Quelle)
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Pistor, die Künstlerfamilie. Karl Pistor (Hofschauspieler, geb. zu Hamm in Westphalen im Jahre 1780, gest. zu Wien im Mai 1863). Der Sohn eines preußischen Staatsbeamten zu Hamm, war P. von seinem Vater für die Gelehrtenlaufbahn bestimmt und besuchte die Hochschulen zu Halle und Berlin. An letzterem Orte sah er die dramatischen Dichtungen Schiller’s, Goethe’s von einem Fleck[WS 1], Iffland, einer Unzelmann so meisterhaft darstellen, daß er seine Studien aufgab und Schauspieler wurde. Im Jahre 1804 war er Mitglied der Hofschauspieler-Gesellschaft in Schwerin, wo er sich auch mit der Tochter einer geachteten Familie aus Hamburg, die gleich ihm aus Neigung und im Einverständnisse mit ihren Eltern dieselbe Laufbahn erwählt hatte, verheirathete. Im Jahre 1806 nahm P. einen Antrag der Bühne zu Bremen an, wo er mit seiner Gattin durch sieben Jahre wirkte und im Verkehre mit Männern wie Franz Horn, Karl Giesebrecht und W. Müller wesentlich sein dramatisches Talent ausbildete. Von Bremen gingen Pistors nach Braunschweig, wo die Bühne unter des tüchtigen Klingemann Leitung stand. Die politischen Verhältnisse jener Zeit blieben nicht ohne Einfluß auf die Bühnenzustände Deutschlands; unter kriegerischen Wirren blieb alle Kunst verwaist, und erst, als nach der Leipziger Schlacht geregelte Zustände wiederkehrten, kamen auch für die Schauspielkunst bessere Tage. In Braunschweig und Hannover wurden stehende Bühnen errichtet und die Familie Pistor für das kön. Hoftheater in Hannover gewonnen. Dort führte Pistor unter Franz von Holbein’s Oberregie die Regie des Schauspiels. Als Holbein später die Direction des Theaters in Prag übernahm, folgte ihm im Jahre 1820 Pistor mit seiner Gattin dahin und wirkte vier Jahre an dieser Bühne. Im Jahre 1826 wurde das Ehepaar Pistor bei dem k. k. Hofburg-Theater in Wien engagirt, wo Beide viele Jahre in verdienstlichster Weise wirkten. In der ersten Zeit spielte P. die jugendlichen Liebhaber und glänzte als Jaromir in der „Ahnfrau“, als Ferdinand in „Kabale und Liebe“, als Hugo in Müllner’s „Schuld“ u. s. w.; später, als er das Fach der Charakterrollen übernahm, zählte er Rudolph in „Hedwig“ von Körner, König Philipp im „Don Carlos“, Unbekannter in den „Galeerensclaven“, Kanzler Fleßel in den „Mündeln“, Wurm in „Kabale und Liebe“, Secretär Allbrand in den „Verleumdern“, Jören in „Johann von Finnland“, Paolo Monfrone im „Bajard“, Stepanoff in der „Verschwörung auf Kamtschatka“, Pizarro in „Rolla’s Tod“, Reimbrau in „Die Waise und der Mörder“, Ezzelino in „Bianca de la Porta“, Marchese di Sorrento im „Bild“ von Houwald, Fabian in „Ueble Laune“ von Kotzebue u. s. w. zu seinen besten Rollen. Zu Anfang der Fünfziger-Jahre feierte P. das fünfzigjährige Jubiläum seiner dramatischen Laufbahn. – Wilhelmine (geb. zu Hamburg, gest. zu Wien hochbejahrt am 13. October 1866), Gattin des Vorigen, widmete sich, wie schon bemerkt, gleichfalls dem dramatischen Fache, spielte vereint mit ihrem Gatten an verschiedenen Bühnen und seit 1826 auf dem Burgtheater; ihr Repertoir umfaßte mehr als 180 Rollen und darunter galten, die Großmama im gleichnamigen Schauspiele von Ziegler, die alte Frau von Werthheim in der „Deutschen Hausfrau“, die Unter-Steuereinnehmerin in den „Deutschen Kleinstädtern“, die Nachbarin in „Das war ich“, alte Madame Freser im „Fremden“ von Iffland, Frau Sarler im „Herbsttag“. Fräulein Ulrika in der „Ueblen Laune“, Madame Hertz in „Reue und Ersatz“, Jungfer Jacobe Schmalheim in der „Aussteuer“, Frau Rosa in „Armuth und Edelsinn“, Viarda in „Präciosa“ u. [357] s. w. als ihre besten. – Von des Ehepaars Pistor Kindern widmeten sich die drei Töchter, Betty, Josephine und Minna gleichfalls der Bühne. Die älteste, Betty, nachmalige verehelichte Wintersteiner, war die Bedeutendste unter ihnen; als sie noch Kinderrollen gab, würdigten Iffland und der berühmte Schröder das talentvolle Mädchen ihrer Aufmerksamkeit. Sie zählte zu den Lieblingen des Prager Publicums und machte sich später auch auf der Wiener Hofbühne beliebt; diese letztere betrat sie zuerst als Melita in Grillparzer’s„Sappho“; mit günstigem Erfolge spielte sie auch die Louise in „Kabale und Liebe“, Julie in „Romeo und Julie“, Hedwig im Stücke gleichen Namens, Emilie Galotti, Jerta in der „Schuld“, Natalie in den „Corsen“, Eboli im „Don Carlos“, Ophelia im „Hamlet“, Thekla im „Wallenstein“, Leonore im „Fiesko“, Beatrice in der „Braut von Messina“, Minna von Barnhelm im gleichnamigen Stücke, Madame Danville in „Die Schule der Alten“, Victoria in „Die Waise und der Mörder“, Julie in der „Beschämten Eifersucht“ u. s. w. Natürlicher Weise wiederfuhr ihr auch das in den wohl für alle Zeit verschwundenen Tagen des Wiener Phäakenthums verschwenderisch gespendete Glück: in Sonetten und kleineren Gedichten angesungen zu werden. Ueber die künstlerische Laufbahn der beiden anderen Töchter Josephine und Minna liegen keine näheren Nachrichten vor. Eine von ihnen wurde die Gattin des Hofburg-Theaterarztes Dr. Eduard Reisinger. Zu Pistor’s hinterlassenen Enkeln zählt die Gattin des unglücklichen Bildhauers Fernkorn [Bd. IV, S. 188].

(Hormayrs) Archiv für Geschickte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) Jahrg. 1825, Nr. 76, S. 492: „Die Künstlerfamilie Pistor“. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 229. – Wiener Zeitung 1863, Nr. 101, S. 353. – Zellner’s Blätter für Musik, Theater und bildende Kunst (Wien, kl. Fol.) 1866, Nr. 84.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Flek.