BLKÖ:Piter, auch Pitter, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pistotnik, Edmund
Band: 22 (1870), ab Seite: 361. (Quelle)
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Piter, auch Pitter, Joseph, mit dem Klosternamen Bonaventura (Abt des Benedictinerstifts Raygern und Geschichtsforscher, geb. zu Hohenbruck im Königgrätzer Kreise Böhmens 5. November 1708, gest. zu Raygern 15. Mai 1764). Der Sohn eines Töpfers in Hohenbruck. Den ersten Unterricht genoß er in der Ortsschule, später kam er, um die deutsche Sprache zu erlernen, nach Arnau, wo ihn sein Oheim mütterlicher Seits, Fr. Eleutherius, Franziskanermönch im dortigen Kloster, auch in der Musik ausbilden ließ. Im Jahre 1721 kam er in das Sängerknaben-Convict nach Braunau, beendete dort das Gymnasium und trat am 21. September 1728 in das dortige Benedictinerkloster ein. Die theologischen und canonistischen Studien legte er im Hausstudium zu St. Margareth zurück. Im November 1735 las er die erste Messe, wurde dann Prediger in Braunau und im folgenden Jahre Lehrer am Gymnasium daselbst. Nur kurze Zeit verblieb er auf diesem Posten, denn sein Abt schickte ihn bald in die Seelsorge nach Politz, berief ihn aber von dort Ende 1737 nach Braunau zurück, um den Clerikern des Stiftes Philosophie vorzutragen. Von nun an wurde P. in den mannigfachsten Aemtern, aber, wie uns seine Biographen berichten, meist in solchen verwendet, die es ihm nicht nur gestatteten, sondern ihn geradezu anregten, das ihm lieb gewordene Studium der Geschichte emsig fortzusetzen. Als Secretär der böhmisch-mährischen Benedictiner-Provinz kam er bei den damaligen Streitigkeiten der Aebte mit den Consistorien öfter in die Lage, die Archive der streitenden Klöster zu benützen; ja, als im Jahre 1752 unter Abt Friedrich der Immunitätsstreit begann, begab sich P. als Agent der Provinz nach Wien, wo sich in Folge der Austragung dieser Angelegenheit sein Aufenthalt auf vier Jahre ausdehnte. Dort trat er mit Gelehrten in persönlichen Verkehr, benützte die Handschriften der Hofbibliothek für seinen Plan zu einem Codex diplomaticus und zu einer Sammlung der Scriptores rerum Bohemicarum et Moravicarum. Bald darauf wurde er, obgleich ihn seine rohen und unerträglichen Manieren im Kloster nichts weniger als beliebt gemacht, von seinen Klosterbrüdern im Jahre 1756 zum Abte erwählt und bekleidete diese Würde durch nicht ganz zehn Jahre bis zu seinem im Alter von 56 Jahren erfolgten Tode. Die Gnaden, welche er während dieser Zeit seinem Kloster vom Apostolischen Stuhle verschaffte, haben für dieses Werk durchaus kein Interesse und können von Jenen, die sie zu erfahren wünschen, in Dudik’s „Geschichte des Stiftes Raygern“, Bd. II, S. 382 u. 383, nachgelesen werden. Weniger glücklich war Abt Piter, wie dieselbe Quelle meldet, in seinen Finanzoperationen, da er, wenn es dem Stifte am Gelde fehlte, zu dem einfachsten Mittel, der Schulden-Contrahirung, die Zuflucht nahm. Ebenso wenig wollte es ihm mit den von ihm unternommenen Bauten, und zwar mit dem des rechten Kirchenthurms, der Brücke über die Schwarzawa, welche gerade zum Stifte führt, und des Stiftsmeierhofes zu Raygern, glücken, wie darüber ebenfalls in der angeführten Quelle das Nähere verzeichnet steht. Als Gelehrter aber nimmt P. unter den Prälaten und Ordenspriestern [362] seines Stiftes, sowie im Lande überhaupt eine ehrenvolle Stelle ein. Es lebhaft fühlend, daß es der Geschichte Böhmens und Mährens vor Allem an der Eröffnung der wahren Geschichtsquellen Noth thue, da die Sammlungen Fremder, wie Freher, Menken, Pez, Hoffmann, Ludewig, Ziegelbauer, Legipont u. A. nicht nur sehr mangelhaft, sondern auch wegen Unkenntniß der böhmischen Sprache sehr fehlerhaft waren, die Werke Balbin’s in dieser Hinsicht wenig Stoff boten, und die Sammlungen Pessina’s, Středowsky’s, Hoffer’s u. A. theils nicht vollendet, theils nicht veröffentlicht waren, faßte er den Gedanken, ein solches Quellenwerk anzulegen, und so nahm er zuerst selbst überall getreue Abschriften von den Urkunden, ließ alte Chroniken und Diplome copiren und brachte auf diese Art großartige Materialien zu einem diplomatischen Werke zusammen. Die von ihm durch den Druck veröffentlichten Schriften sind seinem handschriftlichen Nachlasse gegenüber von geringer Bedeutung, es sind folgende: „Hlas na výsosti náříkání a pláce Rachel“, d. i. Ruf in die Höhe. Rachel’s Wehklagen und Thränen (Königgrätz 1748, 8°.), ein aszetisches Werkchen; – Pietas Benedictina„“ (Venetiis 1751, 8°.), eine kleine, aber an historischem Material ungemein reiche Schrift; – „Řehole, aneb Zakon sv. Otce Benedikta Opata, tiž jeho život“, d. i. Regel des heil. Abtes Benedict und dessen Leben (Brünn 1760, 8°.), P. ließ diese Ordensregel in böhmischer Sprache für die Aebtissin am Hradschin in Prag drucken; – „Thesaurus absconditus in agro Břzewnoviensi seu vita S. Guntheri“ (Brunae 1762, 4°.), ein Werk, wie d’Elvert schreibt, voll tiefer Gelehrsamkeit, welchem die Kirchengeschichte Böhmens und Mährens viel zu danken hat – und „Wenceslai e Chvaletitz, Benedictini Rayhradensis Tractatus de passione et morte Domini nostri Jesu Christi“ (Brunae 1764, 8°.). Von seinem handschriftlichen Nachlasse werden im Archive zu Raygern aufbewahrt eine Collectio scriptorum Bohemiae, welche folgendes enthält: „Christianus ex codice Metrop. Prag. erutus cum notis et lectionibus cod. Trebon.“; – „Cosmas Pragensis itidem ex codice Metrop. Prag. cum notis variantibus codicis Carloviensis“; – „Jaroslaus continuator Cosmae“; – „Chronicon Franc. Canonici et Praepos. Prag.“; – „Vita S. Adalberti carmine heroico scripta“; – „Vita S. Venceslai eruta ex Bibliotheca Rayhradensi saeculi XI.“; – „Joannis a Holleschow Benedictini Brzewnown. opuscula omnia; – „M. Andreae de Broda planctus super civitate Praga“; – „Dalemili historia Boleslav.“; – „Benessii ab Horzowicz continuatio“; – „M. Pauli Zideck libri tres consiliorum caet.“; – „Codex literarum publicarum adversus Georgium Podiebradium“; – „Mathiae Boleluczky analogia correctorea Hagecii caet.“; – „Chronicon Rosense“; – „Chronicon Hradecense“; – „Chronicon Dietmari“; – „Chronicon Benedictini anonymi Gradicensis“; – „Chronicon Petri Abbatis Zbraslaviensis“; – „Monasticon Moraviae“; – „Codex diplomatico-historicus pro compilanda Bohemia Benedictina“; – „Balbini Bohemia docta“; – „Rationarium temporum“; – „Hussiticae haeresaeos ortus et progressus“; – „Commentarius in Bibliothecam Bohemiae Ziegelbaueri“; [363] „Historia antiquae Plznae in Bohemia adjectis eiusdem et novae Plznae Privilegiis“. Außer den vorgenannten Chroniken und Quellen-Materialien zu Böhmens und Mährens politischer, kirchlicher und literarischer Geschichte bewahrt das Stiftsarchiv von Raygern ferner eilf Quartbande des „Monasticon Moraviense“ eine von Piter angelegte Sammlung mährischer Klosterurkunden vom eilften bis zum vierzehnten Jahrhunderte, welche mehr als 2000 Urkunden umfaßt und ungemein reiches Material für die Diplomatik, Kirchen- und politische Geschichte Mährens enthält, nach dem Urtheile Wolny’s aber höchst unvollständig und nicht verläßlich ist, da P. die Urkunden nicht an Ort und Stelle copirte, sondern ihm diese von den Klöstern in Abschrift zugesendet wurden; übrigens hat P., die Kapuziner, Franziskaner, Piaristen und Barmherzigen ausgenommen, für alle bestandenen und noch bestehenden Klöster Mährens gesammelt. Hingegen wird Piter’s vorerwähnte Collectio scriptorum Bohemiae et antiguorum selbst nach den in diesem Fache unstreitig sehr verdienstlichen Leistungen eines Pelzel, Dobrowsky und Dobner als des Druckes höchst würdig bezeichnet. Ueber seine sonstige Wirksamkeit als Abt des Klosters gibt Beda Dudik in dem in den Quellen bezeichneten Werke über das Stift Raygern eine unbefangene eingehende Darstellung. Eine ausführlichere Lebensbeschreibung Piter’s, in welcher desselben sämmtliche gedruckte und handschriftliche Werke und Sammlungen verzeichnet stehen, verfaßte der als Handschriftensammler bekannte Cerroni [Bd. II, S. 324], welche auch Manuscript geblieben ist und in welcher bemerkt ist, daß P. außer den oberwähnten Handschriften noch eine Geschichte der Collegiatkirche in Brünn und eine „Historia diplomatica Ecclesiae et juris patronatus ad S. Jacobum Brunae“ (Fol.) verfaßt habe.

Dudik (Beda Dr.), Geschichte des Benedictinerstiftes Raygern im Markgrafthume Mähren (Wien 1868, Gerold’s Sohn, gr. 8°.) Bd. II, S. 378–393: „Bonaventura Piter. 1756 bis 1764. – Pelzel (Franz Martin), Abbildungen böhmischer und mährischer Gelehrten und Künstler, nebst kurzen Nachrichten von ihrem Leben und Wirken (Prag 1782, 8°.) Theil IV, S. 143. – d’Elvert (Christian), Historische Literaturgeschichte von Mähren und Oesterreichisch-Schlesien (Brünn 1850, R. Rohrer’s Witwe, 8°.) S. 219 u. f. – Derselbe, Geschichte des Bücher- und Steindrucks, des Buchhandels, der Büchercensur u. s. w. in Mähren und Oesterreichisch-Schlesien (Brünn 1854, gr. 8°.) S. 294 u. 318. – Časopis českého Museum, d. i. Böhmische Museal-Zeitschrift (Prag, 8°.) Jahrg. 1828, Theil II, S. 49. – Jungmann (Joseph), Historie literatury české, d. i. Geschichte der böhmischen Literatur (Prag 1849, Řiwnáč, 4°.) Zweite, von W. Tomek besorgte Ausgabe, S. 610 [erscheint daselbst Pitr geschrieben). – Lumír, belletristický týdenník, d. i. Lumir, belletristisches Wochenblatt. Herausg. von Mikowec (Prag, gr. 8°.) Jahrg. 1863, Nr. 48, S. 1147: „Stoleté památky literárni“, d. i. Hundertjährige literarische Erinnerungen [nach diesem gest. am 26. Mai 1764]. – Porträt. Unterschrift: Bonaventura Pitter. Kupferstich o. Ang. des Zeichners u. Stechers [auch in Pelzel’s „Abbildungen böhmischer und mährischer Gelehrten u. s. w.“].