BLKÖ:Raič, Johann

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 24 (1872), ab Seite: 249. (Quelle)
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Raič, Johann (serbischer Gelehrter und Schriftsteller, geb. zu Karlowitz 22. November 1726, gest. zu Kovil, 23. December 1801). Erscheint auch Raich und Raitsch geschrieben. Seine Eltern, arme Leute, stammten aus Widdin. R. besuchte 1744–1748 das Jesuiten-Gymnasium in Komorn, ging dann nach Oedenburg, wo er die Humanitätsclassen und philosophischen Studien an dem dortigen evangelischen Lyceum, 1749–1752, beendete. Seinen Lebensunterhalt erwarb er sich durch Unterrichtertheilen. Entschlossen, die Theologie zu studiren, machte er sich mit einer kleinen ersparten Summe 1753 zu Fuß auf den Weg nach Kiew in Rußland, das er nach einer beschwerlichen Wanderung erreichte. An der dortigen Akademie beendete er in drei Jahren den theologischen Cursus, worauf er sich nach Moskau begab, dort ein Jahr zubrachte und nun in seine Heimat zurückkehrte. Daselbst erkannte er bald, wieweit sein Volk noch in Bildung und Kenntnissen zurückstand, und sein erstes Werk war nun ein Plan, der auf Verbesserung der religiösen und sittlichen Zustände seines Volkes abzielte. Aber damit kam er übel an. Nicht nur stellte man seinen Reformplänen alle erdenklichen Hindernisse entgegen, man ließ es auch den Reformator fühlen, indem man ihm, wo man nur konnte, [250] Kränkungen zufügte. Durch dieses unerwartete Vorgehen eingeschüchtert, endlich ermüdet, beschloß R. neuerdings der Heimat den Rücken und nach Kiew zurückzukehren. Da sich ihm aber auch dort wenig Aussichten auf eine entsprechende Wirksamkeit darboten, so beschloß er in den Orient zu wandern, theils um seine Studien zu vervollständigen, theils um in den Klöstern des Orients Forschungen über die ältere Geschichte seines Volkes anzustellen. Kaum mit den nothdürftigsten Mitteln zur Reise ausgestattet, begab er sich nach Konstantinopel, welches er aber bald wieder verlassen mußte, weil dort eben die Pest wüthete. Er setzte nun sein Vorhaben, den Klosterbesuch, in’s Werk. Er begab sich nach dem Berge Athos und sprach zuerst im Kloster Chilendar ein. Da begegneten ihm die Mönche mit Unfreundlichkeit und Rohheit und ließen ihn kaum einen Blick thun in die kostbaren alten Urkunden und Denkmäler, welche daselbst aufbewahrt werden und reiche Ausbeute zur Aufhellung der älteren serbischen Geschichte versprachen. Voll Unwillens und in seinen Hoffnungen getäuscht verließ R. die argwöhnischen, zelotischen Einsiedler und begab sich, um sein Glück nochmal zu versuchen, in das Kloster Detschan, wo es ihm aber nicht um ein Haar besser erging, als im vorigen. Unverrichteter Dinge trat er demnach die Rückreise an und langte über Belgrad im Jahre 1758 in Karlowitz an. Hier schien sein Loos im Anbeginn sich freundlicher zu gestalten. Man trug ihm eine Lehrerstelle an, die er auch annahm, und nun begann R. seine Wirksamkeit, und zwar in reformatorischer Weise, weil es ihm unmöglich war, im hergebrachten Schlendrian nur einigermaßen Ersprießliches zu leisten. Der alte Verfolgungsgeist war jedoch neuerdings erwacht, und zuletzt gestalteten sich die Verhältnisse für R. in so drohender Weise, daß er, um den Gefahren für seine Person sich zu entziehen, genöthigt war, 1761 die Flucht zu ergreifen. Das nächste Ziel seiner Flucht war Temesvar, wo er endlich an dem geistvollen und hochsinnigen Bischof Vincenz Vidák einen Mäcen fand, wie er ihn brauchte. Der Bischof übertrug ihm sofort den Unterricht der zu seinem Kirchensprengel gehörigen Kleriker. Aber trotz der Patronanz des edlen Kirchenfürsten blieben auch in dieser Stellung die Verfolgungen nicht aus. Sein Wirken auf dem Posten war von den besten Erfolgen begleitet, und der Bischof verlieh ihm in Anerkennung seiner Leistungen die Stelle eines Archimandriten in dem griechisch-nichtunirten Kloster zu Kovil. Jedoch eben diese Beförderung weckte nun umso mehr den Neid und das Mißbehagen seiner zahlreichen Gegner, und es kam so weit, daß selbst der Erzbischof, der übrigens dem gelehrten Professor nie sonderlich zugethan gewesen, seine Mißbilligung über diese Beförderung dem Bischofe Vidák zu erkennen gab. R. selbst lebte auf diesem letzten Posten ganz zurückgezogen seinem priesterlichen Berufe und den gelehrten Studien, die er in der Muße des Klosterlebens mit allem Eifer betrieb. Fünfzehnmal soll ihm während dieser Zeit die Würde eines Bischofs angeboten worden sein, aber R. von dem Treiben der Welt angewidert und durch die unablässigen Verfolgungen seiner Feinde eingeschüchtert, war nicht mehr zu bewegen, die unanfechtbare Stille seiner Zelle gegen irgend einen äußeren Prunk oder eine hervorragende Stelle in der Welt zu vertauschen. Nahezu dreißig Jahre brachte er in dieser Abgeschiedenheit zu, bis ihm im Jahre 1801 im Alter [251] von 75 Jahren der Tod die Augen schloß. Seine schriftstellerische Thätigkeit war eine ungemein große. Seine in Karlowitz in Handschrift aufbewahrten Arbeiten umfassen ein Dutzend mit beispielloser Genauigkeit geschriebene Folianten. Sie bestehen aus sprachlichen, didaktischen, historischen und theologischen Arbeiten. Ein Gewährsmann, dessen Urtheil alles Vertrauen verdient, Šafařik , urtheilt darüber folgendermaßen: „Seine schriftstellerische Thätigkeit fiel in eine Zeit, wo es ihm, von seinem Standpunkte aus, auch bei den schönsten Fähigkeiten und dem besten Willen unmöglich war, sich über das Mittelmäßige zu erheben. Um gründlicher Historiker oder Theolog zu sein, dazu fehlte es ihm zu sehr an ausgebreiteten Sprachkenntnissen und an scharfer tiefgehender Kritik; auch waren die Quellen, aus denen er schöpfte, ziemlich beschränkt und dürftig. Was die Darstellung anbelangt, so kann sie schon der Sprache wegen, die ein sonderbares, das Gefühl kaltlassendes, ja anwiderndes Gemisch aus dem Altslavischen, Russischen und Serbischen ist, nicht musterhaft genannt werden. Auch seine poetischen Erzeugnisse, in denen er sich schon frühzeitig versuchte, und zu denen er oft noch im hohen Alter mit einer großen Vorliebe zurückkehrte, ermangeln aller wahren dichterischen Weihe. Dieß soll jedoch seinen sonstigen hohen Verdiensten die wahre Anerkennung nicht im mindesten schmälern. Er bleibt immer als Schriftsteller und Priester einer der thätigsten, verdienstvollsten, ehrwürdigsten Männer unter den Serben neuerer Zeiten.“ Sein eigener Monarch anerkannte auch dieß, Kaiser Leopold verlieh ihm nämlich ein goldenes Kreuz an einer Doppelkette. Die Kaiserin Katharina II. von Rußland schickte ihm aber, nachdem ihr sein Geschichtswerk durch den Grafen Jankovic überreicht worden war, durch ihren Botschafter in Wien eine goldene Denkmünze nebst hundert Ducaten, und ließ dem Verleger Stephan von Novakovic ebenfalls hundert Dukaten auszahlen. Seine gedruckten Schriften, sämmtlich in slavischer Sprache – den bibliographischen Titel gibt Šafařik in dem in den Quellen bezeichneten Werke genau an – sind ein kleiner Katechismus zum Gebrauche der serbischen Jugend – Palmblätter – Baumgarten, eine Sammlung von 224 Erzählungen, meist aus der bekannten Acerra philologica geschöpft, leider aber mit zu viel Mysticismus getränkt, um so wirksam zu sein, wie sie es in anderm Falle sein müßten; – Predigten auf alle Sonn- und Feiertage – eine Geschichte der slavischen Völker in vier Bänden, für welche eben ihm die oben erwähnte Auszeichnung der russischen Kaiserin ward; – eine kurzgefaßte Geschichte Serbiens – der Krieg des Drachen mit den Adlern, eine gereimte Geschichte des Türkenkrieges jener Jahre und das Trauerspiel Uroš. Seine in Handschrift vorhandenen Arbeiten wurden von ihm noch bei Lebzeiten gegen eine jährliche Leibrente von 400 fl. durch den Erzbischof von Stratomirovics gegen dem angekauft, daß sie nach seinem Tode der erzbischöflichen National-Bibliothek in Karlowitz einverleibt werden sollten, was auch geschah.

Paul Joseph Šafařík’s Geschichte der südslavischen Literatur. Aus dessen handschriftlichem Nachlasse herausgegeben von Jos. Jireček (Prag 1865, Friedr. Tempsky, 8°.) III. Das serbische Schriftthum, S. 304 u. f. [nach diesem geb. 11. November 1726 a. St. gest. 11. (23.) December 1801]; S. 385, Nr. 407; S. 398, Nr. 497; S. 399, Nr. 503 u. s. w. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) [252] Bd. IV, S. 343. – Baur (Samuel), Allgemeines historisch-biographisch-literarisches Handwörterbuch aller merkwürdigen Personen, die in dem ersten Jahrzehend des neunzehnten Jahrhunderts gestorben sind (Ulm 1816, Stettini, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 273 u. f. [daselbst Raitsch geschrieben]. – Allgemeine Literatur-Zeitung 1797, Nr. 369. – Engel, Geschichte des ungarischen Reichs, 1. Theil, S. 284. – Ungarischer Plutarch oder Biographien merkwürdiger Personen des Königreichs Ungarn. Aus authentischen Quellen geschöpft und ... dargestellt von Carl Vinc. Kölesy und Jacob Melzer (Pesth 1816, Jos. Eggenberger, 8°.) Bd. III, S. 158 u. f. – Horányi (Alex.), Memoria Hungarorum et Provincialium scriptis editis notorum (Viennae 1776, A. Loewe, 8°.) Tomus III, p. 130 [erscheint daselbst Raich geschrieben]. – Illirska čitanka za gornje gimnazije, d. i. Illyrisches Lesebuch für Obergymnasien (Wien 1856, Schulbücher-Verlag, gr. 8°.) 1. Band, S. 452.