BLKÖ:Starhemberg, Camillo Rüdiger Fürst

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 37 (1878), ab Seite: 197. (Quelle)
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Starhemberg, Camillo Rüdiger Fürst (k. k. erblicher Reichsrath, geb. zu Preßburg am 8., n. A. 9. September 1804, gest. zu Wien am 9. Juni 1872). Er ist der älteste Sohn des Grafen Karl Gundakar, welcher als Huszaren-Rittmeister in kaiserlichen Diensten am 10. Mai 1796 bei Lodi schwer am Fuße und im Unterleibe verwundet wurde, am 13. Mai 1809 als österreichischer Parlamentär [198] die Capitulation von Wien an Napoleon I. nach Schönbrunn zu überbringen beauftragt war und am 3. October 1859 zu Linz starb, aus dessen erster Ehe mit Maria Gräfin Colloredo-Wallsee. Er wurde theils im elterlichen Hause, theils in dem bestandenen Klinkowström’schen Institute zu Wien erzogen und trat 1823 als Cadet in das damalige 7. Chevauxlegers-Regiment Graf Nostitz ein, wo er binnen Jahresfrist zum Lieutenant befördert, 1825 aber zum 27. Infanterie-Regimente Ritter von Luxem übersetzt wurde. 1831 zum Oberlieutenant ernannt, machte er in diesem Jahre die Occupation in der Romagna mit und war zu Bologna und Ancona in Besatzung. Im Herbste 1833 mit seinem Regiments in Gratz, hatte er das Unglück, bei einer Feuersbrunst in Puntigam, wo er, selbst Hilfe leistend werkthätig einschritt, von einem brennenden herabstürzenden Balken derart am Fuße beschädigt zu werden, daß er sich einer langen, sehr schmerzlichen Cur unterziehen mußte und nicht mehr weiter fortdienen konnte. Er trat daher Ende 1833 aus dem activen Stande der Armee, lebte zu Gratz, später zu Wien und nahm 1840 seinen bleibenden Wohnsitz in Linz, von nun an mit seinem ganzen Herzen und mit all seinem Streben dem Lande Oberösterreich angehörend. Im Jahre 1841 wurde Graf Camillo bei der oberösterreichischen Landtafel als Ausschußrath des altrudolphinischen Herrenstandes eingeführt, trat in den durch das Patent vom 15. März 1848 berufenen Landtag ein und wurde hier in den Ausschuß zur Beantwortung des k. k. Rescriptes vom 18. März gewählt. Mit lebhaftem Interesse der neu angebrochenen Zeit folgend und die Forderungen der sich umgestaltenden Welt anerkennend, entzog er sich nicht scheu und schmollend, wie so viele seiner Standesgenossen, in der Stunde der Gefahr dem öffentlichen Leben; er trat sofort in die Nationalgarde als Gemeiner ein, wurde zum Lieutenant gewählt und zeigte sich so eifrig im Dienste, daß er, obgleich immer etwas kränkelnd, die Aufforderung seines Hauptmannes, sich zu schonen, zurückwies und die höchst beschwerlichen Nachtdienste bei Patrouillen wie in der lärmenden, raucherfüllten Hauptwache mitmachte. Am 28. März ging er mit der ständischen Deputation nach Wien, die Adressen der oberösterreichischen Stände an Se. Majestät den Kaiser, die Stände Niederösterreichs und die Wiener Hochschule zu überbringen. Als am 17. Mai Abends der Kaiser Wien verließ und sich überall Deputationen bildeten, den Monarchen zur Rückkehr in seine Residenzstadt zu bewegen, ward auch Graf Starhemberg mit mehreren anderen Herren von den oberösterreichischen Ständen nach Innsbruck entsendet, Se. Majestät zur Rückkehr einzuladen und ihm in Linz ein sicheres Asyl anzubieten (25. bis 27. Mai). Am 31. stattete er über den ungünstigen Erfolg dieser Mission Bericht ab; er wohnte von nun an eifrig den mit 3. Juni begonnenen Sitzungen betreffs der Ablösung der Zehente, Robot und Natural-Urbarial-Leistungen bei und wurde am 3. Juli mit drei anderen Herren in den verstärkten ständischen Ausschuß gewählt. Nach Eröffnung des Landtages, am 24. Juli, wurde Graf Starhemberg in den Commissions-Ausschuß zur Abfassung der Beglückwünschungs-Adresse an Erzherzog Johann, den Reichsverweser, berufen. Der denkwürdigste Tag aber in der Laufbahn Starhemberg’s war der 20. Juli. An diesem Tage war in der Sitzung der [199] oberösterreichischen Stände über die wichtige Frage abzustimmen: „Sollen bei der Bildung des neuen Stände-Institutes die alten ständischen Vorrechte berücksichtigt oder zu Gunsten einer „freien Volksvertretung“ aufgehoben werden?“ Schon hatten 18 Mitglieder der Versammlung ihr Votum für Beibehaltung der feudalen Form abgegeben, als der Träger des ältesten adeligen Namens im Lande, Graf Camillo Starhemberg, die historischen Privilegien den Forderungen der neuen Zeit opfernd, mit „Nein“ stimmte. „Lauter, anhaltender Beifall“, sagt das amtliche Sitzungsprotokoll, „im Saale und auf den Galerien begleiteten diese Erklärung“. Ihr folgten, getragen von der begeisterten Stimmung des Hauses, sämmtliche Mitglieder des Herren- und Ritterstandes und 49 bürgerliche Deputirte. 64 Stimmen hatte der Graf für sich, sein Votum hatte auch die ängstlicheren seiner Standesgenossen mit fortgerissen, und die Verkündigung des Resultates dieser Abstimmung rief einen neuen Beifallssturm hervor. Aber auch außer dem Saale herrschte allgemeiner Jubel über den so glänzend bekundeten Freisinn eines Mannes der hohen Aristokratie; als Zeichen der Dankbarkeit wurde dem Grafen ein solenner Fackelzug gebracht. Der pensionirte Hauptmann Karl Schmutz eifriger Patriot, Gründer des Gewerbe- und landwirthschaftlichen Vereines in Linz (heute ein 86jähriger Greis), führte die mit Bändern und Cocarden geschmückten Fackelträger und zahlreichen Nationalgardisten zu Pferde an; tausendstimmige Rufe begrüßten den Grafen, welcher mit seinem greisen Vater dankend unter die Menge trat. Am 9. August ging der Graf als eines der vier neu zu wählenden Mitglieder des Verordneten-Collegiums mit 25 Stimmen aus der Wahl hervor; im April 1849 zwang ihn Kränklichkeit, diese Stelle definitiv niederzulegen. Mittlerweile war er zum Oberlieutenant der Nationalgarde gewählt worden und hatte am 11. September, nach dem Rücktritte des Grafen Weißenwolf bei der Wahl eines neuen Obercommandanten die meisten Stimmen nach Freiherrn von Grammont, der schließlich aus der Wahl für jene Charge hervorging, für sich. Am 26. September wurde dieser so bewegte Landtag des Jahres 1848 geschlossen. Nur sieben Sitzungen am Schlusse der Session hatte der Graf wegen seiner tief erschütterten Gesundheit nicht beigewohnt; in allen früheren 42 Protokollen desselben findet sich dessen Name, und zwar stets im Einklange mit der liberalen Majorität der Versammlung. Im October erlitt der Graf einen Schlaganfall; er trat nunmehr gänzlich ins Privatleben zurück und lebte nur für sich, seine Familie und einen kleinen Kreis liebgewonnener Freunde. Durch den am 3. October 1859 erfolgten Tod seines Vaters gelangte Graf Camillo Starhemberg in den Besitz des Fideicommisses, Schloß Eschelberg u. s. w., welches der Gundakar’schen Linie des Starhemberg’schen Hauses gehörte und seit 1871 auch mit dem seit zwei Jahrhunderten abgetrennten Fideicommisse der 1857 erloschenen Heinrich’schen Linie vereint war. Durch den Tod seines Oheims, des Fürsten Georg Adam von Starhemberg, am 7. April 1860 gelangte Graf Camillo zur Fürstenwürde und zu dem Besitze des Fideicommisses der älteren Linie und der alten Schaumburg’schen Herrschaften Stadt und Burg Eferding, des Schlosses Schaumburg, des Wiener Freihauses u. s. w., so daß nun seit genau 200 Jahren [200] der Trennung zum ersten Male wieder sämmtliche Starhemberg’sche Majorate in einer Person vereinigt waren. Mittelst Allerhöchsten Handbillets ddo. 18. April 1861 erhielt Fürst Camillo Starhemberg seine Berufung als erbliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses, wurde ferner 1863 wirklicher geheimer Rath und gleichzeitig Ehrenritter des souveränen Johanniterordens. Mit ausdauerndem Eifer gab sich der Graf einer Lieblingsneigung hin: er sammelte nämlich Bildnisse kaiserlicher Officiere und ausgezeichneter Soldaten, welche seit 1792 in Oesterreichs Kriegen vor dem Feinde gedient und irgend eine Schlacht, ein Gefecht oder eine feindliche Belagerung mitgemacht hatten. Im Jahre 1847 begonnen, hatte diese Sammlung an 4000 Bildnisse erreicht. Se. Majestät Kaiser Franz Joseph besichtigten dieselbe während Ihrer Anwesenheit in Linz im September 1853; nebstbei besaß er sämmtliche Militärschematismen, Militär-Zeitschriften, Fachblätter und militärische Werke, welche Sammlungen er alle dem Starhemberg’schen Familien-Fideicommisse einverleibte. Auch ordnete er das gesammte Starhemberg’sche Archiv zu Eferding. Seiner politischen Richtung nach gehörte Fürst Camillo Starhemberg zur Verfassungspartei, der er unter allen Schwankungen der Regierungspolitik treu blieb. Fürst Carlos Auersperg rühmt in seinem am 11. Juni 1872 im Herrenhause abgehaltenen Nachrufe die Loyalität des Fürsten Camillo Starhemberg und seinen regen Eifer, mit dem er nie eine Sitzung ausließ. Fürst Camillo Starhemberg war ein treuer Sohn Oesterreichs und ein Wohlthäter der Armen. Alle öffentlichen Blätter widmeten ihm, dieß anerkennend, warme Nachrufe. Nach einem mehrwöchentlichen Leiden starb er im 68. Lebensjahre. Er war zweimal vermält, und zwar zuerst, seit 1834, mit Guidobaldine von Steinmetz, der Tochter eines begüterten Herrschaftsbesitzers in Steiermark. Doch starb die Gräfin an den Folgen ihres Wochenbettes am 19. August 1835, aus welchem ein Sohn, Camillo Heinrich, damaliger Fürst Starhemberg [s. d. S. 197] entstammt. Am 28. August 1838 hatte sich Graf Camillo Rüdiger das zweite Mal vermält mit Maria Reichsgräfin von Thürheim, welche ihren Gemal nach einer nahezu 34jährigen, glücklichen, jedoch kinderlosen Ehe überlebte. Sie ist Palast- und Sternkreuzordens-Dame.

Oesterreichische Militär-Zeitung (Wien, gr. 4°.), Jahrgang 1853, S. 85; Jahrg. 1856, Nr. 37, S. 294 und 295. – Linzer Tagespost 1872, Nr. 135. – Springer (Anton), Geschichte Oesterreichs seit dem Wiener Frieden 1809, 2. Theil, S. 369. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) vom 26. Juni 1872, Nr. 2815: „Fürst Camillo Rüdiger von Starhemberg“, von J. M. K.