BLKÖ:Széchy, Maria

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Széchy, Dionys
Band: 41 (1880), ab Seite: 291. (Quelle)
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2. Maria Széchy, auch Szécsy[WS 1] geschrieben, gehört demselben Geschlechte an, wie der vorerwähnte Erzbischof Dionys Széchy, erster Primas von Ungarn. Von Maria, einer Tochter des durch seinen Heldenmuth berühmten Georg Széchy (gest. 1625) und der Maria Drugeth (gest. 1643) lebt folgende Geschichte im Volksmunde: Es war die Zeit, als nach Bethlen Gábors Tode die Stände Georg Rákóczy zum Fürsten von Siebenbürgen gewählt, der in Ungarn einfiel, um sich zum Fürstenhute auch die Krone dieses Landes zu holen. Die Kaiserlichen hatten die meisten festen Plätze bereits mit Gewalt genommen, nur Murány leistete noch beharrlichen Widerstand. Daselbst befehligte Maria Széchy, eine begeisterte Anhängerin Rákóczy’s, für den sie als eifrige Protestantin mit Entschiedenheit Partei ergriff. Sie war von ihrer Kindheit an durch ihren männlichen Charakter bekannt. Als ihr, der kaum zur Jungfrau Emporgeblühten, die Eltern den alternden Adam Bethlen zum Gatten aufdringen wollten und selbst zu Gewalt schritten, leistete sie den entschiedensten Widerstand. Was aber Gewalt nicht vermochte, erreichten die flehenden Bitten des Vaters, denen sie endlich nachgab. Beim Ausbruch des Krieges war sie Witwe. An der Spitze eines starken Heerhaufens erschien Franz Wesselényi vor ihrer Burg, und als er erfuhr, daß eine Frau die Belagerung leite, wollte er Murány um jeden Preis zu Falle bringen. Aber dieses hielt sich, und Wesselényi mußte sich sagen, daß er einen ebenbürtigen Gegner in der Burgfrau sich gegenüber habe. Nachdem alle Bemühungen, die Feste einzunehmen, gescheitert waren, verfiel er auf einen Ausweg. Er sandte einen Boten an Maria mit der Bitte um sicheres Geleit für seinen Unterfeldherrn, der mit ihr persönlich zu verhandeln komme, währenddessen alle Feindseligkeiten eingestellt werden sollten. Als Maria zugesagt hatte, übernahm er selbst die Rolle des Abgesandten, ohne sich ihr zu erkennen zu geben. Aber auch seine persönlichen Vorstellungen vermochten sie nicht zur Uebergabe zu bewegen, und als sie über sein ferneres Zureden unwillig zu werden begann, brach er alle Unterhandlungen ab, überreichte ihr ein versiegeltes Schreiben und entfernte sich. Sie erstaunte nicht wenig über [292] den Inhalt des Briefes. Wesselényi bekannte darin, daß er, getrieben von der Bewunderung ihres Muthes und von dem unwiderstehlichen Drange, die ob ihrer Schönheit allgemein gepriesene Frau zu sehen, Zuflucht zu dieser List genommen, und nun, nachdem er vor ihr gestanden, biete er ihr Herz und Hand an. Wesselényi, eine stattlich schöne Erscheinung, hatte sichtlich auf die edle Heldin Eindruck gemacht. Lange ging Maria über den Antrag mit sich zu Rathe, endlich aber kam sie doch zum Entschlusse, und sie schrieb an den ritterlichen Brautwerber: „Wolle der Schreiber Antwort haben, möge er sie selbst holen. Sei er redlich, Muth seine Tugend, so finde er an der Nordseite der Veste in der Mitternachtsstunde ein erleuchtetes Fenster, zu dem vom Boden aus eine Strickleiter führe, auf welcher er, jedoch ganz allein, der Entscheidung entgegeneilen möge“. Die Antwort lautere anders, als Wesselényi erwartet hatte, aber nach einigem Ueberlegen wollte er den Schritt doch wagen. Nur Einem vertraute er sich an und traf Anordnungen für den Fall, daß das Abenteuer einen anderen, als den erwarteten Verlauf nehmen sollte. Zur festgesetzten Stunde der Nacht begab er sich an die bezeichnet Stelle, und siehe da, die Strickleiter hing herab. Nach kurzem Bedenken stieg er auf derselben empor und erreichte das Fenster, von welchem er in ein leeres, matt erleuchtetes Gemach sprang. Kaum aber hatte er den Boden erreicht, als er, von rückwärts ergriffen, niedergeworfen wurde. Dann brachte man den Ueberlisteten in ein kleines, festes, vergittertes Gelaß, worin er aber nur kurze Zeit allein blieb, denn in einer Weile erschien ein älterer ernst blickender Mann und brachte ihm folgende Botschaft: wenn er die Sache seines Gebieters verlassen und ein Anhänger Rákóczy’s werden wolle, biete ihm die Herrin des Schlosses die Freiheit und ihre Hand; weigere er sich, diesen Antrag anzunehmen, so sei er und seine Truppe sicherem Verderben verfallen. Mit Entrüstung lehnte Wesselényi diesen Antrag ab, der Burgfrau jedes Recht über ihn und sein Leben bestreitend. „Hier ist von Recht keine Rede“, entgegnete der Abgesandte, „sondern blos von der Macht, einen erlangten Vortheil auszunützen. In einer Stunde kehre ich zurück, bis dahin wählet zwischen Uebertritt oder Tod“. Aber Wesselényi schwankte nicht in der Wahl. Als in der festgesetzten Frist der Abgesandte wieder erschien und alles versuchte, ihn zum Uebertritte zu bewegen, beharrte der Held fest auf seinem Entschlusse. Nun füllte sich der Kerker mit Gewappneten und ihnen folgte mit entblößtem Schwerte der Henker. Wesselényi zagt nicht und schreitet erhobenen Hauptes dem Vollstrecker des Gewaltspruches entgegen. Nach kurzem Gebete mit er ihm zu: „Thue, was deines Amtes ist“. Schon holt der Henker das Schwert zum Streiche aus, da ruft eine helle Stimme: „Halt!“, und vor Wesselényi tritt die Burgfrau. „Du hast“, spricht diese, „die Probe wie ein echter ungarischer Edelmann bestanden. Einem solchen Manne meine Freiheit zum Opfer zu bringen, zage ich nicht. Hier meine Hand und mit ihr diese Veste, die von nun an Dir und Deinem Könige gehört“. Dies ist die Geschichte von Maria Széchy, der Burgfrau von Murány, und ihrem Gemal Franz Wesselényi, nach der alles verklärenden Dichtung. Die Historie klingt ähnlich, aber doch wesentlich anders. Maria Széchy, eine geborene Siebenbürgerin, hatte ihren ersten Gatten Adam Bethlen durch den Tod verloren, den zweiten, Stephan Kun, hintergangen und muthwillig verlassen und dadurch die sittliche Entrüstung der vornehmen Gesellschaft wachgerufen. Nun begab sie sich nach Ungarn, um bei ihrer Mütter Maria geborenen Drugeth (gest. 1643) zu leben, welche auf ihrem Witwensitz Murány wohnte. Es war die Zeit der Rákóczy’schen Unruhen, und Maria hielt zum Rebellen und vertheidigte thatsächlich die Festung mit merkwürdiger Entschlossenheit gegen die Kaiserlichen. Da es Wesselényi, dem Führer der kaiserlichen Truppen und Commandanten der Festung Fülek, trotz aller Versuche nicht gelang, die Burg Murány mit Gewalt zu nehmen, schlug er einen Ausweg ein. Von Maria’s Heldenmuth und bekannter Schönheit zur Bewunderung hingerissen, warb er, nachdem er einen Diener Mariens gewonnen, um ihre Hand und bat um ein Stelldichein. Sie gewährte ihm dieses, und nun wurde der Plan verabredet, nach welchem Wesselényi in der Nacht vom 5. Juli 1644 mit 600 Mann ohne Kampf nach Murány gelangte und der Festung sich bemächtigte. Drei Tage später ließ er sich mit Maria trauen. Die Einnahme Muránys gewann Wesselényi die volle Gunst des Kaisers, er wurde mit dem [293] goldenen Vließ geschmückt und zum Palatin von Ungarn erhoben. Maria aber war durch diese Würde ihres Gatten zur höchsten Stellung, die sie erreichen konnte, gelangt. Bald mischte sie sich wieder in die politischen Angelegenheiten ihres Gemals, knüpfte hinter seinem Rücken ein Liebesverhältniß an und hielt heimlich zu den Verschwörern. Da starb 1668 Wesselényi, und nun hatte Maria freie Hand. Nicht mehr heimlich, sondern offen unterstützte sie die Rebellion, konnte es aber nicht verhindern, daß sie kaiserliche Besatzung in das Schloß Murány aufnehmen mußte. So wurden dort die Schriften jener Männer gefunden (Frangipan, Zrinyi, Tattenbach, Nádasdy), welche nach vergeblichen Vorstellungen gegen die Unterdrückung der evangelischen Lehre und die heillose Wirthschaft der Jesuiten und Wenzel Euseb Lobkowitz’s sich endlich dahin geeinigt hatten, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Die Sache endete freilich anders. Nicht sie vertrieben die Gewalt, sondern sie erlagen ihr durch das Henkerbeil. Die spätere Geschichte Marias von Széchy, nach Uebergabe der Burg Murány, wurde erst in neuerer Zeit genauer Forschung unterzogen, und Emerich Hajnik behandelte dieselbe in einer Monographie, welche Ladislaus Szalay in der Sitzung der ungarischen Akademie der Wissenschaften vom 30. November 1863 vorlas. Hajnik stützte sich bei dieser Arbeit, in welcher er vornehmlich die letzten Lebensjahre Marias, von 1670 ab, behandelt, auf deren eigenhändige Briefe. Auch widerlegt er darin die bis dahin herrschende Ansicht, daß Maria Széchy in Wien gestorben sei, indem er nachweist, daß sie 1679, zwölf Jahre nach dem Tode ihres Gatten, bei ihrem Verwandten Peter Széchy zu Güns das Zeitliche gesegnet hat. Maria Széchy war seither der poetische Stoff verschiedener ungarischer Dichter, so behandelte bereits Stephan Gyöngyösi die „Venus von Murány“, wie er treffend Maria Széchy nennt, in einem epischen Gedichte; in neuerer Zeit Johann Arany in seiner „Belagerung von Murány“, Alex. Petöfi in seiner „Maria Szécsy“, und Karl Szász. Das Büchlein „Maria Szécsy“ (Wien [1879], Manz, 12°.), Nr. 3 von Obentraut’s „Jugend-Bibliothek für Knaben von 10–15 Jahren“, erzählt in halb wahrer, halb poetischer Einkleidung die Geschichte dieser ungarischen Amazone. [Ungarische Illustrirte Zeitung (Pesth, 4°.) II. Jahrgang (1872), Nr. 58: „Ein ungarisches Frauenbild aus der Kuruczenzeit“. – Kubinyi F. und Vahot I., Magyarország képekben, d. i. Ungarn in Bildern (Pesth, 4°.) Bd. III, S. 81.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Zu dieser Person gibt es Band 55, S. 150, einen 2. Artikel.