BLKÖ:Lobkowitz, Wenzel Franz Euseb Fürst

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 15 (1866), ab Seite: 330. (Quelle)
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50. Wenzel Franz Euseb, gewöhnlich nur Wenzel Euseb Fürst (geb. 20. Jänner 1609, gest. zu Raudnitz 22. April 1677), von dem Chlumetzer Nebenaste; einziger Sohn Zdenko Adalbert’s, ersten Fürsten von Lobkowitz, aus dessen Ehe mit Polyxena von Pernstein, verwitweten Heinrich Wilhelm von Rosenberg, den sie – nachdem ihre erste Ehe kinderlos geblieben – ihm erst im 43. Jahre geboren. Wenzel Euseb erhielt im Elternhause unter Leitung seiner ausgezeichneten Mutter, mit der er als zehnjähriger Knabe von den protestantischen Baronen bedroht, eine mehrmonatliche Haft ertragen mußte, eine ausgezeichnete Erziehung. Am 7. April 1625 – erst 16 Jahre alt – disputirte er öffentlich über die Thesen aus der Logik und machte dann, auf Reisen geschickt, die übliche Cavaliertour durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Spanien und Italien. Zwanzig Jahre alt, war er bereits kön. Kämmerer. Nun ergriff er den Waffendienst, und zwar als Arnheim, 1631, in Böhmen einfiel. Er warb nun auf eigene Kosten Kriegsvolk, errichtete fünf Compagnien Kürassiere, kleidete, rüstete sie aus und verpflegte sie. Unter Commando des Feldmarschall-Lieutenants Illo führte er sie als kön. ernannter Oberst persönlich an. Im Jahre 1636 übernahm er von dem abberufenen General-Feldwachtmeister Grafen von Ostfriesland und Rittberg den Oberbefehl über die von ihm geführten Truppen. Zwei Jahre später übergab ihm Franz Markgraf von Savona, Graf von Millesimo, das Commando aller nach den Grafschaften Lippe, Schaumburg und Ravensperg ziehenden Regimenter zu Roß und zu Fuß. Mit seiner militärischen Stellung verband er die diplomatische und erhielt im Jahre 1640 eine Mission an den Churfürsten von Sachsen, deren glücklicher Erfolg aus dem gegebenen Versprechen des Churfürsten, „alles zur Wiederherstellung eines dauerhaften Friedens beitragen zu wollen“, erhellet. Weniger glücklich war er im Jahre 1644, als Torstensohn an der böhmischen Grenze stand und Lobkowitz mit Hatzfeld und Johann von Werth den Plan einer Hauptschlacht entwarf, welche den Schweden geliefert werden sollte. Es war dieß die unglückliche Schlacht bei Jankau, am 6. März 1645, in welcher das kaiserlich-bayerische Herr unter Goetz, Hatzfeld und Johann von Werth nahezu vernichtet, und der Weg für Torstensohn über Böhmen nach Mähren und Oesterreich frei wurde, dieser auch vor Brünn drang und es belagerte und endlich an den Wiener Donaubrücken erschien, wo er sich mit Rakoczy zu verbinden suchte, der zwischen [331] Tyrnau und Preßburg sich aufgestellt hatte. Nun wurde der Fürst zu der am 6. August 1646 stattfindenden Krönung des Kronprinzen Ferdinand IV. zum Könige von Böhmen durch ein eigenes kaiserliches Handschreiben eingeladen. Er trug bei dieser Feier die königliche Krone und nahm vor allen dabei anwesenden Fürsten den ersten Rang ein. Als zu Ende dieses Jahres der Erzherzog Leopold Wilhelm, welcher bisher den Oberbefehl über das Herr führte, zu einer persönlichen Unterredung mit dem Kaiser nach Wien sich begeben mußte, übernahm der Fürst Wenzel Euseb, der mit dieser Nachricht der Berufung des Erzherzogs an das kais. Hoflager an denselben entsendet worden, den Oberbefehl aus dessen Händen und behielt ihn bis zur Ankunft eines in der Person des Grafen Gallas ernannten bestimmten Nachfolgers. Nun erhielt der Fürst eine Mission an den bayerischen Hof, dort galt es, den Churfürsten gegen die unablässigen Verlockungen Frankreichs mißtrauisch zu machen und jede Verbindung mit dem Westen, die dem Kaiser und Reiche gefährlich werden konnte, zu hintertreiben. Im Jahre 1647 übernahm er eine Sendung an den Feldmarschall Peter Grafen Holzapfel. Das kaiserliche und das schwedische Heer standen sich bei Pilsen unthätig einander gegenüber und brandschatzten das ganze Land. Dieser Situation mußte ein Ende gemacht werden. Lobkowitz verabredete nun mit Holzapfel eine Vereinigung des bayerischen mit dem kaiserlichen Heere und eine Bewegung beider gegen die schwedischen Feldherren Königsmark und Wrangel. In der Zwischenzeit hatte der Fürst Würde an Würde erstiegen und wurde, nachdem er schon im Jahre 1636 – erst 27 Jahre alt – kaiserlicher Hofkriegsrath, 1640 Feldzeugmeister, 1644 Hofkriegsraths-Vicepräsident, 22. Jänner 1647 geheimer Rath, 28. August 1647 General-Feldmarschall geworden, am 2. März 1652 Hofkriegsrath-Präsident. Als nach dem Tode des Kaisers Ferdinand III. (2. April 1657) eine neue Kaiserwahl stattfand, ging der Fürst als Haupt der kön. böhmischen Wahlgesandtschaft nach Frankfurt, und vornehmlich seine klugen Unterhandlungen und sein geschicktes Vorgehen in Beseitigung der von Frankreich, Schweden und Savoyen heimlich und offen geschmiedeten Ränke bewirkten die Wahl Leopold’s I. zum Kaiser. Bei dieser Gelegenheit[WS 1] führte Wenzel Euseb auch den Satz durch, daß Böhmens König nach vollendetem 16. Jahre großjährig sei, denn Leopold zählte damals, als er Kaiser wurde, nicht mehr denn 17 Jahre. Nun richtete der Fürst sein Augenmerk wieder nach den inneren Angelegenheiten des Reiches, dem in seiner Erschöpfung nach den langwierigen Türkenkriegen der Friede noth that. Der Sieg, den Raimund Graf Montecuculi bei St. Gotthard über den Großvezier Achmet Kiuprili Pascha erfochten, hatte dessen Trotz gebeugt; diese Stimmung benützte der Fürst und es gelang ihm, den Vezier zu Friedensvorschlägen, die er ihm angetragen, geneigt zu machen. Thatsächlich trat auch bald eine Waffenruhe ein, welcher endlich der förmliche Friedensschluß folgte. Aber mit dieser Wendung der Dinge waren die Stände Ungarns, unter denen sich eben die tapfersten Türkenbekämpfer befanden, ganz unzufrieden. Der Kaiser berief demnach die vornehmsten der Mißvergnügten, um sie zu beschwichtigen, und wieder unterzog sich der Fürst L. und mit Erfolg dieser Aufgabe. Dafür gab der Kaiser den Ungarn die Zusage, er werde die Festungen an der Waag bauen und die deutschen Truppen, die im Frieden wenig willkommene und nicht minder bedenkliche Gäste als die Türken im Kriege waren, aus dem Lande ziehen. Im Jahre 1665 wurde der Fürst Obersthofmeister und nach dem Abgangs des Ministers Fürsten Auersperg vom kais. Hofe, im Jahre 1669, erhielt der Fürst im geheimen Rathe, wenn der Kaiser in demselben anwesend war, die erste Stimme und bei dessen Abwesenheit die oberste Leitung desselben. Nun war er zunächst bemüht, das vollkommenste Einverständniß und die Vereinigung der beiden Linien des Hauses Habsburg in Spanien und Oesterreich herzustellen. Durch mehrere Veranlassungen, namentlich aber durch Frankreichs Ränke, war das Band derselben gelockert worden. Aber welche Höhe der Fürst auch erklommen, sie sicherte ihn nicht vor Verfolgungen, die ihm der Haß seiner zahllosen und erbitterten Feinde aus allen Schichten der Gesellschaft bereitete. Diesen Haß hatte er sich aber vornehmlich durch seinen beißenden Sarkasmus, mit dem er Niemand verschonte, der ihm eben Anlaß dazu gab, zugezogen. Und dieser Haß wurde endlich der Sieger über den allmächtigen Minister, der plötzlich, ohne eine noch heut recht begründete Ursache – über Nacht – von seiner Höhe stürzte. Die nächste Veranlassung [332] zu seinem Falle will man in dem nicht erwiesenen Bruche eines Staatsgeheimnisses suchen, den weiteren in seinen hoch erbitterten Gegnern am kais. Hofe, unter den Jesuiten und im Magistrate. Der politische Anlaß wäre demnach folgender gewesen. Der Landgraf Wilhelm von Fürstenberg war Fürst des heil. röm. Reiches und Gesandter des Churfürsten von Cöln. Im Solde Frankreichs, das ihm noch am Ende seiner Tage als Abt zu St.-Germain de Prez eine Jahresrente von hundertfünfzigtausend Livres verschaffte, war er die Hauptursache des Krieges zwischen Frankreich, Holland und Oesterreich und daher von Kaiser Leopold als Reichsfeind und treuloser Unterthan geächtet worden. Im Februar des Jahres 1674 ließ ihn der Kaiser zu Cöln arretiren und allen Protesten Frankreichs ob Verletzung des Völkerrechts u. s. w. zu Trotz, nach Wien führen, wo ihm der Proceß gemacht wurde. Im geheimen Rathe von vier Ministern, unter denen Lobkowitz den Vorsitz führte, wurde das Todesurtheil Fürstenberg’s ausgesprochen und schon am folgenden Tage sollte er enthauptet werden. Lobkowitz stimmte gegen diese Ansicht der verurtheilenden Minister aus völkerrechtlichen und politischen Gründen, wurde aber überstimmt und konnte an dem Spruche nichts ändern. Das im Cabinetsrathe ausgefertigte Urtheil, dessen Vollzug auf den nächsten Tag festgesetzt war. ließ er in seinem Arbeitszimmer offen liegen, und es blieb noch dort, als er sich aus dem Hause entfernte. Einer seiner Diener fand es dort, las es und eilte – wohl um sich ein Stück Geld zu verdienen – mit der Nachricht zum päpstlichen Nuntius. Dieser wollte es nun in keiner Weise dulden, daß ein Standescollege durch des Scharfrichters Hand und auf Befehl der weltlichen Obrigkeit hingerichtet werde, begab sich mit dem frühesten Morgen zum Kaiser und reclamirte im Namen des Papstes den Bischof, damit er von geistlicher Behörde gerichtet werde. Der fromme Kaiser wurde ängstlich und befahl vor der Hand einen Stillstand jeder weiteren Procedur. Aber das Urtheil über Fürstenberg war im geheimen Rathe des Kaisers beschlossen worden. Wie war der Nuntius zur Kenntniß desselben gekommen? Diese Frage quälte den Monarchen und er verlangte von dem Nuntius, dem er ja auch willfahrt, offene Mittheilung, und als dieser sich noch immer weigerte, erklärte der Kaiser, den Nuntius nicht eher aus dem Gemache entlassen zu wollen, bis dieser Alles entdeckt haben werde, dagegen den Landgrafen ohne weiteres zu begnadigen, sobald ihm der Nuntius eröffnet haben werde, von wem und wie er die Nachricht von dessen Verurtheilung erhalten habe. Der kaiserlichen Gnade für seinen Schützling im Voraus versichert und keine weiteren Folgen seines Geständnisses argwöhnend, erzählte nun der päpstliche Legat, daß ihm die Nachricht aus dem Lobkowitzischen Hause zugekommen sei. Von diesem Augenblicke verlor der Fürst das vorher genossene Vertrauen seines Kaisers und wurde für einen heimlichen Freund Frankreichs gehalten. Da er überdieß mit dem Landgrafen von Fürstenberg verwandt war, so wurde diese Stimmung des Kaisers von den Feinden des Fürsten, unter denen die Jesuiten obenan standen, benützt, um ihn vollends zu stürzen. Die Ursache des Ordens, den Fürsten zu hassen, war ja für diesen auch groß genug. Der Fürst war ihr offener Gegner, der ihnen in allen ihren Unternehmungen mit seiner ganzen Macht und oft fühlbar genug entgegentrat. So hatten sie einmal wieder von dem Kaiser die Zusage eines bedeutenden Stück Landes, welches zu den Domänen gehörte, erhalten. Die Sache ging aber vor ihrer endgiltigen Entscheidung durch die Hände des Fürsten. Als nun die Jesuiten-Deputation vor dem Fürsten in dieser Angelegenheit erschien, wies er ihnen auf einem Crucifix die vier Buchstaben I. N. R. I. und fragte, ob sie die Bedeutung derselben verstünden? Der Sprecher der Deputation erwiederte, daß ihm keine andere Erklärung dafür bekannt sei, als die: Jesus Nazarenus Rex Judaeorum. Das mag wohl für gewöhnlich der Fall sein, entgegnete der Fürst, für dieses Mal aber heißt es: Jam Nihit Reportabunt Jesuitae, und damit entließ er sie und der Orden erhielt das Stück Land nicht. Auch hatte der Fürst schon zu wiederholten Malen darauf angetragen, die unermeßlichen Güter, welche der Orden in Oesterreich und Böhmen besaß, einzuziehen und zur Bestreitung der Kriegskosten zu verkaufen. Bei der dem Fürsten selten fehlenden guten, ja ironischen Laune pflegte er oft zu sagen: „Die Ungarn, Juden und Jesuiter berauben den Kaiser der schönsten Güter“, oder auch: „Eine VII schadet dem Kaiser mehr, als das gesammte Türkenheer“. Mit der VII deutete er auf die in den Worten Vngarn, Iuden und Iesuiten vorkommenden lateinischen [333] Anfangsbuchstaben. Von dieser Seite wurde nun Alles in Bewegung gesetzt, um den allmächtigen Minister zu stürzen. „Einem Manne“, so ging es nun aus diesem Kreise in andere über, „dem der Verrath des Fürstenberg’schen Todesurtheils möglich war, von dem müsse man auch den Verrath der österreichischen Staatsgeheimnisse, Frankreich betreffend, besorgen“, und mehrere von des Fürsten Widersachern aufgestachelte deutsche Gesandte erklärten geradezu: „Ihre Höfe könnten dem Kaiser kein Vertrauen schenken, so lange Lobkowitz Theil an den Geschäften habe“. Man schritt nun weiter, verhaftete des Fürsten vertrautesten Secretär Ferri, brachte ihn auf die Folter, aber auch diese vermochte nicht einen Laut des Verdachtes gegen seinen Herrn abzuzwingen. Ungeachtet dessen war der Fürst nicht zu bewegen, freiwillig den Hof zu verlassen und seine Stellung aufzugeben. Der berühmte Esaias Pufendorf, damals schwedischer Gesandter am kaiserlichen Hofe, schreibt (den 27. März 1675): „Der Fürst sei dazu durchaus nicht zu bereden, sondern entschlossen, den Ausgang abzuwarten, in der unbezweifelten Hoffnung, es werde dem Kaiser, welcher seine Treue in vielen wichtigen Dingen und absonderlich bei der Wahl zu Frankfurt genugsam probirt hatte, an Beständigkeit nicht mangeln, ihn gegen seine Angeber zu vertheidigen und wenigstens zur Verantwortung kommen zu lassen. Wie sehr er sich aber in seiner Rechnung betrogen, hat die Erfahrung gelehrt“. Der Widerwille, den die Kaiserin Claudia Felicitas gegen Lobkowitz hegte, trug wohl das Meiste zu seinem so vorbereiteten Sturze bei. Der Fürst hatte sich eines Tages im Gemache des Kaisers befunden, als dieser Witwer geworden, zur Wahl einer neuen Gemalin schreitend, die Bildnisse von verschiedenen ihm zur Braut vorgeschlagenen Prinzessinen in seinem Gemache aufgestellt hatte. Der Kaiser fragte den Fürsten vor dieser interessanten Gallerie um Rath: welche Prinzessin er wählen solle, sagte ihm aber von keinem der Bildnisse den Namen. Wenzel Euseb rieth zur pfälzischen Prinzessin und ging an dem Porträte der Erzherzogin Claudia mit einer ironischen Bemerkung vorüber. Und eben diese wurde des Kaisers Gemalin. Der Kaiser selbst, schreibt Pufendorf, war damals gegen Lobkowitz erbittert, „quod de Oenipontanua virgine haud satis reverenter locutus fuerat“. Auch war der Kaiserin die Bemerkung Wenzel Euseb’s nicht verborgen geblieben. Nun war der Moment gekommen, wo der rücksichtslose mißliebige Spötter vom Hofe entfernt werden konnte. Am 16. October berief Kaiser Leopold den Fürsten von Schwarzenberg, die Grafen Lamberg, Montecuculi und Zinzendorf, den Hofkanzler Paul Hocher und den Secretär Abele zu einer geheimen Conferenz, die bis um Mitternacht dauerte und einzig nur Lobkowitzens Sturz zum Zwecke hatte. Als der Fürst am 18. October wie gewöhnlich in den geheimen Rath kam, überreichte ihm der Hofkanzler Hocher im Namen des Kaisers das Hofdecret, das ihn aller Ehren und Aemter entsetzte und ihm befahl, „innerhalb drei Tagen sich vom Hofe und aus der Stadt zu machen und zu Raudnitz in Böhmen auf seinem Gute sich aufzuhalten, von da sich nicht wieder wegzubegeben, noch mit einem Menschen Briefe zu verwechseln. Die Ursache dessen soll er zu wissen nicht begehren“. Ueber die Ursachen seines Falles trug man sich in Wien mit den widersprechendsten Gerüchten. Einverständniß mit den Franzosen, Correspondenz mit den Rebellen in Ungarn und dergleichen Unsinn mehr wurde gerathen. „Gewiß ist’s“, sagt Rink im Leben Leopold’s, „daß ihn viele für schuldig erkannten, angesehen ihm auch viele, denen er sich mit seiner allzufreyen raillerie verhaßt gemacht, in die Haare wollten“. Pufendorf in seiner Relation an den Staatsrath zu Stockholm meldet aber: „Es ist übrigens der Fürst von L. vir magni et acutissimi ingenii, aber wenn ich es ihm ohne Scheu sagen soll, non sine mixtura dementiae, hat auch durch solche wunderliche Conversation und ungewöhnlichen modum agendi bei denen, so ihn recht kannten, sich den Namen eines Phantasten zu Wege gebracht. Er trauet sich dabei allzuviel zu, und indem er auf seine Erfahrung pochet, verachtet er andere neben sich, machet sich auch nichts daraus, andere ohne Noth zu offendiren, deßwegen er auch nachgehend nicht viel Freunde gefunden und wenig beklaget worden.“ Wie bemerkt, hat er sich, wie bei den Jesuiten, auch beim Wiener Magistrate verhaßt gemacht. Die Unsauberkeit der Straßen der Stadt hatte der Fürst öfter, aber immer vergebens gerügt. An einem recht regnerischen Tage beschied er den Bürgermeister zu sich, gab aber, als er kam, Geschäfte vor, die ihn fortzufahren nöthigten und lud den Bürgermeister ein, mitzufahren. Der Kutscher [334] hatte Befehl, in die kothigste Straße zu fahren und im tiefsten Kothe mit dem Wagen still zu halten, und that, wie ihm geheißen. „Hier“, rief nun der Fürst, „wird der Herr Bürgermeister absteigen müssen, weil mir eben Geschäfte beifallen, die mich in eine andere Stadtgegend rufen.“ Der Bürgermeister sollte aussteigen, aber an dieser Stelle war der Koth denn doch gar zu arg, und er bat den Fürsten, den Kutscher einige Schritte weiter fahren zu lassen. Da entgegnete aber der Fürst: „Herr Bürgermeister, die Straßen dependiren von seiner Aufsicht, also werden sie sich gegen ihren Vorgesetzten wohl nicht übel verhalten“ – und der Bürgermeister, in Staatskleidern und seidenen Strümpfen, mußte nolens volens in den Koth, da er am dicksten und höchsten lag. Das Mittel half endlich, „denn die Füße erinnerten an den Kopf“, die Unsauberkeit der Straßen verschwand – wenigstens auf einige Zeit. Wenn also Lobkowitz als Hof- und Staatsmann die Regentin, den Hof, die Geistlichkeit und der gemeinen Stadt Wien ansehnlichen Rath in solcher Weise gegen sich aufbrachte, was konnten seine übrigen Verdienste noch nützen?! Rink (im Leben Leopold’s, S. 718) sagt: „Seine Bonmots werden noch auf diese Stunde an dem kaiserlichen Hofe täglich repetiret, obgleich manchmal dabei die Natur ohne Kleidung erscheint“. Der spanische Gesandte am kaiserlichen Hofe, Johann Sagredo, schildert ihn so: Princeps de Lobkowitz, qui hoc tempore supremi Aulae Magistri munere fungitur, capax est et satis idoneus, qui discernat, quid aulae noceat, quid prosit; sed dum rebus maxime seriis ubique jocos inspergit et gravioribus negotiis intempestivas facetias immiscet, vix quicquam decernit, exteros partim diligit, nec tamen etiam se ipsum sine rivali amat. Der Fürst selbst war bestürzt und niedergeschlagen über seinen unerwarteten Sturz. Am 20. August frühe mußte er abreisen, von einer Compagnie Dragoner escortirt, die dafür verantwortlich war, den Fürsten an den Ort seiner Verbannung in Böhmen zu überliefern. Er wurde aller seiner Aemter – selbst des Ordens des goldenen Vließes, den er am 18. September 1643, also vor 30 Jahren, erhielt – verlustig erklärt und sein Vermögen confiscirt. Im Exil, wohin ihm später die Versicherung seines Kaisers, daß er nichts Strafwürdiges begangen habe, als mächtiger Trost folgte, gewann der Fürst seine Fassung wieder. Die ironische Lebensanschauung, die seinen Sturz veranlaßt, wurde nun sein Trost. Von dem Zimmer, das er bewohnte, hatte er die eine Hälfte auf das Prunkvollste, ganz im Hofgeschmacke ausgestattet, die andere Hälfte stellte das Innere einer ärmlichen Bauernhütte dar, und die Wände waren mit Spöttereien und Witzen auf seine Feinde überfüllt. So, sagte er zu Freunden, die ihn besuchten, könne er am besten der Vorzeit und Gegenwart, seines ehemaligen und jetzigen Zustandes sich erinnern. Auch die Grabschrift, welche er als Exulant sich fertigte, verrieth jene Stimmung und endigte, nach einem kurzen Abriß seiner Biographie, also: „Ich war | Graf – Fürst – Herzog | bin | Staub – Schatten – Nichts | Erwägt es, ihr Großen, denn klein ist der Raum | der Tod und Leben trennt | Erwäg es auch du, o Wanderer! | Wünsche mir Ruhe und geh’ von dannen.“ Zwei Jahre nach seinem Falle starb die Kaiserin Claudia und acht Monate nachher folgte ihr die pfälzische Prinzessin Eleonora Magdalena als Gemalin Leopold’s; aber Lobkowitz überlebte diesen für ihn so günstigen Umschwung der Verhältnisse nur um wenige Wochen. Er starb, 69 Jahre alt, und zwar wie man glaubt und wie auch ein gleichzeitiger Schriftsteller (Marquis Rochefort in seinen Memoiren, S. 303) sagt – vergiftet. Gar viele mochten eine Wiedervergeltung gefürchtet haben! Aber die neue Kaiserin suchte an Witwe und Kindern das dem Vater zugefügte Unrecht wieder gut zu machen; ja der Kaiser selbst bot dazu die Hand, indem er der Familie die confiscirten Güter wieder gab und den ältesten Sohn zu den höchsten Hofämtern beförderte. Für den Glanz und die Macht seines Hauses hat Fürst Wenzel Euseb wesentlich gewirkt. Als er im Jahre 1631 aus eigenen Mitteln ein Kürassier-Regiment errichtete, gab ihm der Kaiser den dritten Theil der Nassau-Saarbrück’schen Herrschaft Weilburg, wofür er jedoch, nachdem die Confiscation derselben wieder aufgehoben wurde, eine k. Verschreibung von 200.000 fl. rhein. erhielt. Im Jahre 1641 erwirkte er die Umänderung der Herrschaft Neustadt an der Waldnabe in eine gefürstete Grafschaft Sternstein, nach der sich die Lobkowitz noch heute gefürstete Grafen von Sternstein schreiben. Am 21. Juli 1646 erwarb er von Kaiser Ferdinand III. das schlesische Fürstenthum Sagan und erhielt den Titel eines Herzogs von [335] Sagan, an dessen Stelle später jener eines Herzogs von Raudnitz trat. Im Jahre 1660 kaufte er das Gut Waldheim. Die Herrschaft Waldthurm in Bayern erhielt er mit Lehensbrief ddo. Wien vom 24. Juli 1666, die Herrschaft Schönsee in Bayern mit den Schlössern Frauen- und Reichenstein und dem Städtchen Schönsee mit Lehensbrief vom 16. Juni 1673. Mit kaiserlichem Consense vom 15. October 1672 errichtete er in seinem Testamente, Raudnitz ddo. 19. Februar 1677, ein Familien-Fideicommiß mit der Nachfolge der Primogenitur, wozu er namentlich das schlesische Fürstenthum Sagan, die gefürstete Grafschaft Sternstein und Neustadt, dann die Herrschaften Waldthurm und Schönsee in Bayern, die böhmischen Herrschaften und Güter Raudnitz, Enzovan, Střekow (Schreckenstein), Nelahozeves (Mühlhausen), Unter-Beřkovic, Střem, Ctinoves, Račinoves, Chlumec, Kamyk, Krásnáhora, Jistebnik und Waldheim, drei Häuser in der Altstadt zu Prag, einen Hof und Weingarten in der Neustadt, Hradek genannt, und das Familien-Archiv in Raudnitz bestimmte. Vermält war der Fürst zweimal, zuerst (seit 2. November 1638) mit Johanna Myska von Zlunic, verwitweten Wenzel Felix Petipecky, welche zwei Monate vor ihrer Ehe mit Wenzel Euseb am 2. September 1638 von Kaiser Ferdinand III. in den Grafenstand erhoben wurde; zum andern Male (seit 2. Februar 1653) mit Auguste Sophie gebornen Pfalzgräfin bei Rhein-Sulzbach. Die erste Frau starb kinderlos am 17. Jänner 1650, die zweite gebar ihm drei Söhne und eine Tochter, von denen Ferdinand August Leopold [s. d. S. 320, Nr. 16] den Stamm fortpflanzte. Die Fürstin selbst übersiedelte nach dem Tode ihres Gatten im Jahre 1677 nach Nürnberg, wo sie am 30. April 1682 starb. Auf Wenzel Franz Euseb sind zwei Gedenkmünzen vorhanden, eine Medaille in Guldengröße, 11/16 Loth schwer. Avers: geharnischtes Brustbild von der Linken. Umschrift: + WENCESLAUS FRANCISCUS EUSEBIUS + Revers: Wappen, dabei zwei Rosetten. Umschrift: POPL DE LOBCOWITZ. Rosette. 1615 [beschrieben in Appel’s Repertorium. Theil III, S. 493, Nr. 1715] – und eine vergoldete ovale Silbermedaille, 21/16 Loth schwer. Avers: Umschrift: WENCESLAV(s): D:(ei) G:(ratia) S:(acri) R:(omani) I:(mperii) PRINC:(eps) GUB:(ernator) D:(omus) LOBCO(vicz). Revers: Ein Korallenbaum, darüber die Inschrift: TEMPORE DURESCIT. Oben eine offene Krone. – Es gibt davon auch Exemplare in Kupfer [beschrieben in Miltner’s „Beschreibung böhmischer Privatmünzen“, S. 283, Abbildung auf Tafel XXIX, Nr. 245]. Die Veranlassung, wann beide Denkmünzen geprägt worden, ist unbekannt. [Allgemeines historisches Lexikon (Leipzig 1730, Thom. Fritschen’s sel. Erben, Fol.) Bd. III, S. 214. – Großes vollständiges (sogenanntes Zedler’sches) Universal-Lexikon (Halle und Leipzig, J. H. Zedler, kl. Fol.) Bd. XVIII, Sp. 42. – Hormayr (Jos. Freih.), Taschenbuch für die vaterländische Geschichte (Stuttgart, Frankh), I. Jahrg. (1830), S. 224, 263–280. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Bd. XIX, Abthlg. 2, S. 682. – Neues Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) II. (als Fortsetzung des Hormayr’schen XXI.) Jahrg. (1830), S. 88 u. 144. – Leidenfrost (Karl Florentin Dr.), Historisch-biographisches Handwörterbuch der denkwürdigsten, berühmtesten und berüchtigsten Menschen aller Stände, Zeiten und Nationen. Nach den besten Quellen bearbeitet (Ilmenau 1825, B. Friedr. Voigt, 8°.) Bd. III, S. 466. – Miltner, Beschreibung der bisher bekannten böhmischen Privatmünzen und Medaillen u. s. w., S. 303–306. – Realis, Curiositäten- und Memorabilien-Lexikon von Wien u. s. w., Bd. II, S. 155. – Porträte. 1) Unterschrift: Wenzel Euseb Fürst von Lobkowitz. Joseph Axmann sc.; – 2) Bloem del., Van der Steen sc. (Medaillonformat, 4°.); – 3) P. Troschel sc. (8°.); – 4) J. Borcking sc. (kl. Fol.); – 6) Phil. Kilian sc. (gr. Fol.).] –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Geleheit.