BLKÖ:Thürheim, Johann Wilhelm Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 44 (1882), ab Seite: 294. (Quelle)
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Thürheim, Johann Wilhelm Graf (Präsident der Landschaft in Oberösterreich, geb. zu Linz am 3. August 1692, gest. zu Weinberg am 23. April 1749), ein Sohn Christoph Wilhelms Grafen von Thürheim aus dessen Ehe mit Maria Francisca Michaela Gräfin Kuefstein, trat, nachdem er seine Studien auf der Universität Löwen (Louvain im heutigen Belgien) vollendet hatte, in den Staatsdienst, in welchem er bald kaiserlicher Rath und Landrath, später auch Ausschuß und Raitrath in Oberösterreich wurde. Als Volontär ging er 1717 in den Feldzug gegen die Türken und wohnte der Belagerung und Schlacht von Belgrad bei. 1718 aus dem Kriege heimgekehrt, präsidirte er bei der Untersuchung und Einrichtung der landschaftlichen Administration des oberösterreichisch-ständischen Vermögens. Im folgenden Jahre dem in außerordentlicher Mission an die Pforte abgehenden Feldzeugmeister Grafen Virmont als Gesandtschaftscavalier beigegeben, sah er sich nach seiner Rückkehr aus der Türkei zum niederösterreichischen Regimentsrath ernannt, bald auch zum k. k. Kämmerer, in welcher Eigenschaft er für einige Zeit der verwitweten Kaiserin Amalia zur Dienstleistung zugetheilt wurde. Nach dem Tode seines Vaters kam er 1738 in den Besitz der Herrschaft Weinberg. Später zum Präsidenten der Landschaft in Oberösterreich erhoben, erhielt er von Kaiser Karl VI. die Würde eines wirklichen geheimen Rathes. In seiner hohen Stellung überraschten ihn wichtige Ereignisse, welche sein Herz mit Bitterniß erfüllten: zunächst das Hinscheiden seines ihm stets gnädigen Kaisers Karl VI. im Jahre 1740, dann 1741 der Einfall der bayrisch-französischen Armee in Oberösterreich, die feindliche Occupation dieses Landes und die erzwungene Huldigung des Kurfürsten Karl Albert. Da letztere Ereignisse von den Geschichtsschreibern nicht genau berichtet werden, folgt hier eine Darstellung nach authentischen Angaben. Am 11. September letztgenannten Jahres hatten sich die bayrischen Truppen aus dem Lager bei Schärding nach Linz in Marsch gesetzt, wo sie mit dem zu Donauwörth eingeschifften französischen Hilfscorps des Generallieutenants Grafen Ségur sich vereinigten. Den erhaltenen Befehlen gemäß zog sich der Commandant der in Oberösterreich befindlichen Truppen Feldmarschall-Lieutenant Graf Pálffy mit diesen vor den anrückenden übermächtigen feindlichen Heeresschaaren zurück. Angst und Schrecken verbreiteten [295] sich im Lande, als die kleine österreichische Streitmacht nach Niederösterreich übertrat und überdies das zu jedem ernsteren Widerstande gänzlich unfähige Landesaufgebot nach Hause entlassen wurde. Bereits am l. September hatten die Stände den Grafen Hohenfeld an die Königin geschickt mit der Bitte um schleunige Absendung einer hinreichenden Zahl regulärer Truppen und um eventuelle Verhaltungsbefehle. Maria Theresia befahl, daß von jedem der vier Stände ein Verordneter zur Besorgung der Geschäfte, während des mit Waffengewalt nicht mehr hintanzuhaltenden Einfalls der Bayern, in Linz zu verbleiben habe; daß eine Ständeversammlung nicht mehr abgehalten werde, sondern ein jedes Mitglied derselben sich nach Hause begebe und nach Möglichkeit sich zu behelfen suche; daß eine Huldigung jedoch um jeden Preis zu umgehen sei, „was aber wegen der feindlichen Uebermacht nicht zu vermeiden oder zu ändern wäre, würde die Königin niemals ungnädig ansehen“. Diesen Bescheid brachte der vom 7. datirte Bericht des Grafen Hohenfeld. Bei der Annäherung der immer drohender sich gestaltenden Gefahr hatte indeß Graf Thürheim im Auftrage der Stände ein halbofficielles Schreiben ddo. Linz 6. September an seinen in Wien weilenden Bruder Joseph Gundakar abgeschickt, welcher als Abgeordneter der Stände nach Preßburg gehen, dem Hofkanzler Grafen Sinzendorf eine Denkschrift über die „Nothdurft des Landes“ überreichen und in einer zu erbittenden Audienz Ihrer Majestät der Königin die unterthänigsten eindringlichsten Vorstellungen über die höchst betrübenden Umstände und die Nothlage des Landes vorbringen sollte. In diesem Schreiben empfiehlt Johann Wilhelm seinem Bruder die „Ehiste Expedition dieser Angelegenheit, da die Gefahr des Einfahls täglich anwachse“, von welchem er sagt, „daß er wohl geschehen, aber nicht lang von dem Feind behauptet werde“. Doch die Zeit drängte, und ehe noch ein Bescheid der Königin auf dieses zweite Ansuchen nach Linz gelangen konnte, hatte der Feind die oberösterreichische Hauptstadt, welche von jeder Truppe entblößt war, eingenommen, und am 15. September um 2 Uhr Nachmittags hielt Kurfürst Karl Albert seinen Einzug in Linz, von wo aus noch tagszuvor, obgleich die Festung schon von fremden Truppen besetzt war, das Collegium der ständischen Verordneten der Königin von Ungarn über die Vorfälle im Lande Bericht erstattet und die zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte, ihrer Regierung nicht lange entfremdet zu bleiben. Nur vier Ständemitglieder wirkten in sträflicher Weise zu Gunsten Karl Alberts und betrieben, dem Feinde in Allem Vorschub leistend, die Huldigung. Es waren dies Joseph Clemens Freiherr von Weichs und die drei Grafen Ferdinand, Joseph Friedrich und Joseph Anton von Seeau, von denen Letzterer sich am eifrigsten zeigte. Alle übrigen Ständemitglieder, welche sich theils in Linz, theils in dessen nächster Umgebung befanden, fügten sich nur widerwillig und durch die Gewalt der Umstände gezwungen, in die neuen Verhältnisse, auch wohl in der Absicht, dem gänzlichen Ruin des in den Händen der Feinde befindlichen Landes vorzubeugen, darunter auch Johann Wilhelm Thürheim, der sich übrigens ungeachtet dieser Zwangslage noch das Verdienst erwarb, die Realisirung zweier Forderungen des Feindes, von 200.000 und 75.000 fl., zu verhindern; ferner vermauerte [296] er am Tage vor der Besetzung der Hauptstadt daselbst alle wichtigen Archivsacten, vorzugsweise jene auf die pragmatische Sanction bezugnehmenden, und befahl „den darüber bestellten Landschaftsofficianten noch im Fall feindlicher Nachfrage die äußerste Verschwiegenheit und vorschützende Verschikhung“; endlich, wie auch Johann Wilhelm im vierten Punkt seiner an die Königin gerichteten Bittschrift sagt: „hatte er durch seine heftige und eifrige Zusprache die feindliche Generalität zu der Chamade bewogen und dadurch die gänzliche Einäscherung von Linz verhindert“. Zum Beweis der Abneigung des Feindes führt er Punkt 7 an: „daß seine eigenen Herrschaftsunterthanen nicht geschont wurden, sondern 50 deren beßten Häusern erbärmlich ausgeplündert und deren Insaßen zu aufgelegten Bettlern gemacht worden“. Die Stände stellten ihm ein schriftliches Zeugniß ddo. Linz 15. December 1742 aus, dessen gerichtlich vidimirte Copie uns vorliegt; darin haben selbe „ungeachtet seiner gezwungen mitgemachten Huldigung, dessen Amtsthätigkeit im Interesse des Dienstes seines rechtmäßigen Herrschers das ehrendste Zeugniß“ gegeben. Unterschrieben sind vom Prälatenstande: der Propst Johann Georg zu St. Florian; vom Herrenstande: Georg Leo Freiherr von Hohenek und vom Ritterstande: Johann Achaz Gottfried Willinger von Aw. Ein Beweis für Johann Wilhelms Schuldlosigkeit ist ferner, daß an dessen Stelle der Kurfürst von Bayern den Freiherrn von Weichs zum Präsidenten der Stände ernannte. Ueberdies war Graf Thürheim, wie er Punkt 5 seines Bittgesuches an die Königin anführt: „nur auf Eurer königlichen Majestät Erlaubniß mit der Hülffe des Verordneten Collegyj allhier in loco geblieben und hat die nöthige Fourrage und übrigen Lebensmitteln für die zahlreiche feindliche Armee mit Allergnädigsten Königlichen Vorwissen und alleinig zur Abwendung eines größeren Lands-Unheyls ausgeschrieben und herbeygeschaffet“. Ungeachtet aller dieser mildernden Umstände, ja trotz seiner verdienstvollen Thätigkeit, erhielt Johann Wilhelm, als er sich am Tage des Einzuges des Großherzogs von Toscana am 24. Jänner 1742 zur Audienz bei diesem meldete, um im Namen der Stände seine ehrfurchtsvollsten Glückwünsche darzubringen, einen abschlägigen Bescheid, und Feldmarschall Graf Khevenhüller theilte ihm ein Handschreiben der Königin ddo. 21. Jänner mit, welches den Befehl enthielt, den Grafen Thürheim, Salburg und Alle, welche dem Feind gehuldigt, aus der Stadt fortzuschaffen; und sollten dieselben die weiteren Befehle auf ihren Gütern erwarten. Auch wurde Johann Wilhelm auf ausdrücklichen Befehl Maria Theresia’s seiner Würde als Präsident der Landschaft entsetzt. Tief gekränkt im Gefühle seiner treuen Anhänglichkeit an seine Monarchin, der er ungeachtet seiner Zwangslage im Angesichte des Feindes die noch möglichen Dienste geleistet, verließ er sogleich mit seiner in Folge der Leiden des Bombardements schwer erkrankten, in gesegneten Umständen befindlichen Gemalin Linz. In drei Tagreisen, in strengster Winterkälte, wobei die Gräfin in einer Sänfte getragen werden mußte, erreichte er Schloß Weinberg. Der Mangel an ärztlicher Hilfe daselbst machte den angegriffenen Gesundheitszustand seiner Gemalin noch qualvoller. Neun Tage später, am 6. Februar kam zu Weinberg zur Welt die jüngste Tochter Johann Wilhelms, [297] Namens Josepha Albertina, welche 21 Jahre nachher die Mutter eines in der österreichischen Kriegsgeschichte rühmlich bekannten Helden, des Feldzeugmeisters und Maria Theresien-Ordens-Commandeurs Gabriel Marquis Chasteller wurde. Im December 1742 erhielt der Graf wieder die Erlaubniß zur Rückkehr nach Linz. Schon aus seinem Hauptquartiere Passau am 4. Februar dieses Jahres hatte ihm Feldmarschall Graf Khevenhüller einen sehr theilnahmsvollen freundschaftlichen Brief geschrieben, worin er unter Anderem sagt, daß er gar gerne glaube, daß Johann Wilhelm unschuldig sei, und daß er „aus ganzem Herzen gern“ ihm was Dienstgefälliges erweisen wolle. Diese Worte aus der Feder eines Retters der Monarchie und erprobten Mannes, dessen Anschauungen strenge waren, sind an und für sich schon ein Zeugniß für die geringe Schuld Johann Wilhelms, die sich nur auf die erzwungene passive Huldigungsleistung beschränkt! Was hätte Thürheim, der sich in Linz auf ausdrückliches Geheiß und Vorwissen der Königin aufhalten mußte, thun können, um den Huldigungsact in dem vom Feinde besetzten, von jeder kaiserlichen Besatzung entblößten Lande zu verhindern? Und endlich lautete der von dem Grafen Hohenfeld vom 7. September 1741 datirte Bericht über den erhaltenen Bescheid ausdrücklich dahin, daß die Königin das in Folge der feindlichen Uebermacht Unvermeidliche niemals ungnädig ansehen würde. Ueberdies hatte Thürheim in dieser Zwangslage mehrere Beweise seiner Anhänglichkeit an seine Königin und an sein Land gegeben: so die Rettung wichtiger Documente, die Hintertreibung vom Feinde versuchter Geldanlehen, seiner Zusprüche zur Uebergabe von Linz an die kaiserlichen Truppen zu geschweigen. Aller dieser nicht unwichtigen Momente wird in mehreren Geschichtswerken mit keiner Sylbe gedacht, sondern es werden nur Anklagen und solche Thatsachen vorgebracht, die Thürheim geradezu schuldig erscheinen lassen. Der gleichfalls vorgebrachten Beschuldigung, daß er die Oberstkämmererwürde bei dem Kurfürsten Karl Albert bekleidet habe, liegt aber eine Verwechslung mit dem Grafen Georg Sigmund Thürheim von der bereits seit 1666 abgezweigten bayrischen Linie zu Grunde. Letztgenannter, ein bayrischer Unterthan, bekleidete diese Würde bei dem Kurfürsten Karl Albert, war zugleich geheimer Conferenzrath und Chef des kurbayrischen Ministeriums und Conferenzrathes, auch Großkreuz des bayrischen St. Georgordens, starb aber im 72. Lebensjahre am 27. November 1738 zu München, war also damals bereits drei Jahre todt. Jene traurige Begebenheit des feindlichen Einfalls und die Kränkung, welche Thürheim in Folge desselben erlitten, nagten von jener Zeit an seinem Leben, das er größtentheils in ländlicher Zurückgezogenheit zu Weinberg verbrachte. Nur 1745 tritt er noch einmal in öffentliche Thätigkeit, als Präsident der oberösterreichischen Commercien- und Manufacturs-Hofcommission. Nach langwierigem Leiden starb er im Alter von 57 Jahren zu Weinberg, in den Armen seines ältesten Sohnes Christoph Wilhelm, plötzlich an einem Schlagflusse. Johann Wilhelm stiftete im Verein mit seinen Brüdern für die Pfarrkirche zu Käfermarkt, sowie für Schulhaus, Spital und Armenanstalt daselbst, ein Capital von 43.000 fl. Sein Porträt nebst zwei großen Gemälden, von denen eines den feierlichen Empfang [298] der österreichischen Gesandtschaft in Constantinopel, das andere die Audienz derselben im Divan beim Großherrn darstellt, befindet sich im Ahnensaale des Schlosses Weinberg. Graf Johann Wilhelm Thürheim hatte sich am 28. August 1729 mit Maria Albertine Gräfin Sprinzenstein vermält, welche sich nach seinem Tode 1753 mit Carlo Conte Molza verheiratete, aber schon ein Jahr darauf starb. Der Ehe Thürheim’s entstammen acht Kinder, vier Söhne: Christoph Wilhelm der Jüngere [S. 284], Maximilian Joseph [S. 282, Nr. 32], Franz Joseph [S. 286] und Anton Norbert (1746 als Zögling der bestandenen Ritterakademie zu Kremsmünster gestorben) und vier Töchter: Aloisia Francisca (geb. zu Linz 1732, gest. 1809), Hofdame der Kaiserin Maria Theresia vor ihrer am 8. Jänner 1756 erfolgten Vermälung mit dem k. k. geheimen Rath, Kämmerer und Oberstküchenmeister Joseph Guyard Herrn von St. Julien, Grafen von Waldsee. Aloisia Francisca, seit 5. Jänner 1794 Witwe, war Sternkreuzordens- und Palastdame, Aja der Erzherzogin Elisabeth und erste Assistentin des Sternkreuzordens; – Maria Maximiliana (geb. zu Linz 1735, gest. 1777) wurde 1755 Stiftsdame des Maria Theresianischen Damenstiftes am Hradschin; – Maria Francisca (geb. zu Linz 1736) starb 1774 als Stiftsdame zu Mons in den Niederlanden; – Josephine Albertine (geb. zu Weinberg 6. Februar 1742, gest. 1765), Stiftsdame zu Mons vor ihrer Vermälung mit dem k. k. Kämmerer und geheimen Rath Marquis Franz Gabriel Chasteller. Dieser stammte von einem Seitenzweige des Hauses Lothringen, nämlich von Dietrich, einem jüngeren Sohne des 1206 verstorbenen Herzogs Friedrich I. aus dessen Ehe mit der polnischen Königstochter Ludmilla. Nach genau und streng vorgenommener Prüfung erkannte Kaiserin Maria Theresia in einer Urkunde ddo. 28. März 1769 die Abkunft der Chasteller von den Lothringern als echt und erwiesen an. Albertine war die Mutter des Feldzeugmeisters Maria Theresien-Ordens-Commandeurs Gabriel Marquis de Chasteller [siehe dieses Lexikon Bd. II, S. 331–334].