BLKÖ:Warrens, Eduard

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Warou, Daniel
Band: 53 (1886), ab Seite: 92. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Eduard Warrens in der Wikipedia
GND-Eintrag: 11714262X, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Warrens, Eduard|53|92|}}

Warrens, Eduard (Journalist und Publicist, geb. in Altona, nach anderen Angaben in Stockholm 1820, gest. zu Wien am 5. Jänner 1872). [93] Sohn jüdischer Eltern. Der Vater Wolf Arens war ein geachteter israelitischer Haus- und Assecuranzmakler in Hamburg, und mehrere Brüder des Obigen lebten und leben vielleicht noch daselbst in geachteten Verhältnissen. Die Angabe, daß Eduard in Stockholm geboren sei, rührt wohl davon her, daß die Familie aus Schweden nach Hamburg übersiedelte. Warrens kam in jungen Jahren nach Amerika, wo er öffentlicher Sachwalter wurde und als Redacteur des „Anzeiger des Westens“ sich an den politischen Debatten betheiligte. In dieser Stellung verstand er es, die Aufmerksamkeit in den maßgebenden Kreisen, was in Nordamerika, wo in der Regel das Individuum im lärmenden und tobenden Haufen leicht verschwindet, immer etwas bedeuten will, auf sich zu richten und wurde zur Belohnung für seine agitatorische Thätigkeit bei der Präsidentenwahl James Polk’s als amerikanischer Consul nach Triest gesendet. Dies geschah in den Vierziger-Jahren. In Triest trat er bald in Verbindung mit dem „Oesterreichischen Lloyd“, einem nach dem Vorbilde der englischen Compagnie eingerichteten großartigen Institute. Er zog die Blicke Bruck’s, des Directors dieses Institutes, und des Grafen Franz Stadion, damaligen Gouverneurs in Triest, auf sich. Zu Beginn des Sommers 1848 berief ihn der Graf, nachdem er seinen galizischen Gouverneursposten niedergelegt und sich nach Wien begeben hatte, auch dahin, um die Einleitungen zur Herausgabe eines journalistischen Organs zu treffen, dessen er bedurfte, um seine Ideen und Pläne durch dasselbe ins Publicum zu bringen. Die für den Beginn erforderlichen Geldmittel wurden von dem Grafen zusammengebracht durch Beiträge vermöglicher Patrioten, vorzüglich aus den Kreisen der Aristokratie. Zugleich war er darauf bedacht, geistige Kräfte um sich zu sammeln, weniger um sie mit der Feder in dem neuen Journale zu verwenden, was überhaupt außerhalb der Sphäre ihrer Berufsthätigkeit lag, sondern vielmehr um den aus diesen politischen Debatten gewonnenen praktisch ausführbaren Ideen Freunde und Anhänger im großen Publicum zu werben. Die Mitglieder dieses Kreises, zu welchem hochgestellte in dem damaligen Wien ihres Einflusses beraubte Staatsmänner, Gelehrte, Professoren, Reichstagsmitglieder[WS 1] u. s. w. gehörten, versammelten sich an gewissen Abenden in Stadion’s Wohnung am Leopoldstädter Donauquai, und Warrens war regelmäßiger Theilnehmer dieser politischen Conventikel, „wo“, wie Helfert in seinem Werke: Die Wiener Journalistik im Jahre 1848, treffend skizzirt, „nicht so sehr augenblickliche Tagesfragen, als allgemeine Ausgangspunkte und Grundsätze der inneren Politik erörtert wurden, und wo dann Stadion sich von Warrens mit den Worten zu verabschieden pflegte: „Schreiben Sie uns etwas darüber, was wir Ihnen da erzählt haben“, und wie sich Stadion auf das „Erzählen“ verstand, so verstand sich Warrens aufs „Schreiben“, während das eigentlich Technische seines Blattes minder seine Sache war“. Wir fassen nun seine publicistische Thätigkeit und seine politischen Wandlungen kurz zusammen, denn eine ausführliche Darstellung derselben gäbe ja eine Geschichte der Wiener Journalistik in zwei ereignißvollen Decennien (1848–1870). Seine publicistische Thätigkeit war eine ebenso mannigfaltige als geistvolle. Unter dem Ministerium Schwarzenberg schrieb er für den „Oesterreichischen Lloyd“, dem er momentan während des Krimmkrieges zu einer [94] politischen Bedeutung verhalf; als das Blatt aufhören mußte, gründete er unter Bruck’s Patronat die „Oesterreichische Zeitung“, wendete aber derselben später den Rücken, um sich unter Schmerling am „Botschafter“ zu betheiligen. Einige Zeit, unmittelbar nach Gründung der „Neuen Freien Presse“ 1864, arbeitete er bei der alten von Zang herausgegebenen „Presse“, an welcher er mit einem Jahresgehalt von Zehntausend Gulden angestellt worden, was damals über ihn das Wortspiel hervorrief: „Auf den Frieden hat er speculirt, und nun lebt er von Zank“ (Zang); als dann Graf Belcredi ans Ruder kam, redigirte er das von der Regierung begründete stempelfreie „Tagblatt“, das seine Erfindung war, und gründete schließlich seine eigene „Wochenschrift“. So viel Blätter, so viel politische Farben. Aber er heimste seinen Lohn ein. Mit a. h. Entschließung vom 22. Juli 1866 wurde dem ehmaligen amerikanischen Consul Eduard Warrens in Anerkennung seiner durch eine lange Reihe von Jahren bethätigten österreichisch-patriotischen Gesinnung taxfrei der Titel und Rang eines Hofrathes allergnädigst verliehen. Es muthet uns diese „durch eine Reihe von Jahren bethätigte patriotisch-österreichische Gesinnung“ ganz sonderbar an. Was hatte der Hamburger Israelit und spätere nordamerikanische Sachwalter mit österreichischem Patriotismus zu schaffen? Wir sind anderer Ansicht: Warrens diente, wie ehemals die deutschen Landsknechte oder in Italien die Condottieri, dem, von dem sie bezahlt wurden. Unter Schwarzenberg war er der Anwalt für Beseitigung der Verfassung; er gehörte zu den Lobrednern des bonapartistischen Staatsstreichs und huldigte dem Bonapartismus, bis das Jahr 1859 auch darin eine Wendung und den Witz brachte, daß aus den Tuilerien ein Handschreiben an ihn gelangt mit den lakonischen Worten: „Mein Freund waren’s!“; im amerikanischen Bürgerkriege vertheidigte er die Sache des Südens wider die Union, deren Bürger zu sein er sich rühmte; er begeisterte sich sogar für das mexikanische Kaiserreich; in der innern Politik diente er unter Bach dem Absolutismus, was ihn übrigens nicht abhielt, sodann anfangs zu Schmerling’s Fahne zu schwören, der er aber auch wieder untreu wurde, um Belcredi’s Sistirungspolitik zu vertheidigen, woraus für ihn der Hofrathstitel erblühte. Als dann das parlamentarische Ministerium ans Ruder trat, befand er sich unter dessen Gegnern und widmete sich, da ihm zum Politisiren Zeit genug übrig blieb, dem Börsenspiele; hierauf verfocht er in der deutschen Politik die Sache der Depossedirten, agitirte bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges für die französische Allianz mit Oesterreich; dem Ministerium Hohenwart widerstand er im Anbeginn, zuletzt jedoch bekehrte er sich und prangte bereits auf der Liste der neuen Pairs auch Warrens, dessen „bethätigte österreichisch-patriotische Gesinnung“ ja wohl solchen Lohnes werth war. Der Ministerwechsel trieb ihn wieder in die Opposition, und die letzteren Artikel sind geradezu eine Negation seiner früheren Politik, nun war er ja doch Hofrath geworden, warum sollte er nicht? Wie in der Politik ihm Consequenz und Ueberzeugungstreue völlig fremd, so galt ein Gleiches auch von seinen publicistischen Arbeiten auf volkswirthschaftlichem Gebiete, wo er neben glänzender Kritik oft die barocksten Einfälle zu Tage förderte und sich von seinen Privatspeculationen nicht selten zur Verleugnung der Wahrheit verführen [95] ließ, wie dies leider heutzutage bei der Mehrzahl der einflußreichen politischen Blätter gang und gäbe ist. In einem ihm gewidmeten Nachrufe heißt es: „Es verschlug ihm nichts, auf die unrichtigste mit den Thatsachen im grellsten Contraste stehende Voraussetzung hin die excessivsten Schlüsse aufzubauen und Theorien nachzugehen, die jeder Laie als unhaltbar erkannte. Es war manchmal, als ob er ein Behagen darin fände, seinen Scharfsinn – und solchen besaß er in hohem Grade – dafür einzusetzen, um bewußt etwas Falsches als richtig darzustellen, wie seine Banktheorie beweist, die ihn in den letzten Zeiten zum Dogma von der Zulässigkeit der endlosen Notenvermehrung verführte und er jede metallische Notenbedeckung perhorrescirte. Natürlich wußte er dagegen oft genug in den verwickeltsten Fragen durch seine durchdringende Kritik zu frappiren und selbst die Gegner stutzig zu machen.“ Die vorgeschilderte freilich nicht panegyrische, aber umfassende journalistische und publicistische Thätigkeit nahm ihn aber ganz und gar nicht völlig in Anspruch; abgesehen davon, daß er sie manchmal ganz unterbrach, verstand er es, neben ihr sich hunderterlei anderen Interessen, vornehmlich aber dem Börsenspiele zuzuwenden. Er selbst war Börsenspeculant von Rang und spielte als solcher zeitweise eine hervorragende Rolle, in den Regierungskreisen ward er, wie dies schon aus seiner politisch-publicistischen Thätigkeit erhellt, als politischer Rathgeber und anderseits wieder in Finanzkreisen gern bei der Erörterung neuer großer wirthschaftlicher Projecte, so namentlich bei dem berüchtigten Nationalanlehen zugezogen. Bei Schwarzenberg, Buol, Bruck, Belcredi, Hohenwarth leistete er die intimsten politischen Dienste, in den Salons der Wiener meist jüdischen Banquiers war der einstige Jude wie zu Hause. Des Morgens verkehrte er in den Ministerien, um sich über die Situation des Tages zu unterrichten, Mittags besorgte er in der Nähe der Börse seine Speculationen, Nachmittags besuchte er die Generalversammlung irgend einer der in jenen Tagen des Schwindels wie Pilze über Nacht auftauchenden Actiengesellschaften, je nachdem er entweder der Anwalt oder Widersacher des Verwaltungsrathes war, und Abends schrieb er seinen Leitartikel. Dabei fand er immer noch Zeit, allen geselligen Freuden nachzugehen, und in der Gesellschaft vollzog sich selten ein festliches Ereigniß, an welchem er sich nicht betheiligte. Seine Achillesferse aber war das Spiel, und zwar das Börsenspiel. Mit diesem seltsamen Gemisch von Eigenthümlichkeiten, von Fähigkeit und Untugend, von Einsicht und absichtlicher Verblendung, von Indifferenz und Egoismus ging Hand in Hand sein Sinnen und Trachten als Speculant. Drei- oder viermal in den zwanzig und mehr Jahren seiner Wiener Laufbahn brachte er es zu einem Vermögen von Millionen, das er immer rascher, als er es gewonnen, zu verlieren wußte. Aber dieser jähe Wechsel brachte ihn nichts weniger als aus dem Gleichgewicht. Heute von Allem entblößt, begann er morgen von vorn, da er immer wieder Helfer fand, und selbst als er auf dem Höhepunkt angekommen war, vermochten seine besten Freunde nichts über seine Lust am Spiele. Er fand sich für die ihm ertheilten guten Lehren kurzweg mit der Erklärung ab: er spiele nicht, um zu gewinnen, sondern wolle nur gewinnen, um desto mehr spielen zu können, und so mag dann das jähe Ende, das ihn dahin gerafft, den Seinigen für die er noch zu sorgen hatte, zu Hilfe [96] gekommen sein, da er ihnen ein ansehnliches Vermögen hinterließ. Nun noch über seine Begabung als Schriftsteller, die in der That keine gewöhnliche war. Er verfügte in Schrift und Rede über eine große Darstellungskunst. Sein Styl war glänzend, bei allem Reichthum an Bildern überaus anschaulich, mit dem Anscheine der nüchternsten Bonhomie wirklich geistvoll, unter dem Deckmantel einer unerschütterlichen Sicherheit eine bestrickende Sophistik verbergend. Als der „Oesterreichische Lloyd“ oder wie er kurzweg hieß, der „Lloyd“ zu erscheinen begann, brachte er in der Regel zwei, auch drei Leitartikel an der Spitze; jene, die Warrens selbst geschrieben, waren auf den ersten Blick zu erkennen, ohne daß sein Name oder seine Chiffre darunter stand, was bei diesem Blatte überhaupt nicht üblich war. An selbständig erschienenen Flugschriften aus seiner Feder sind uns nur folgende bekannt: „Die orientalische Frage“ 2. Aufl. (Wien 1854, Hügel) – „Das Nationalanlehen“ (ebd. 1855) – „Ueber Deák’s Rede“ 2. Aufl. (Wien 1861, typ. lit. art. Anstalt), doch möchten wir kaum fehlgehen, wenn wir ihn hinter mancher anonym erschienenen Flugschrift jener Jahre als Verfasser vermuthen. Als Redner kam ihm eine überaus milde Sprachweise zu Hilfe, die selbst die energischesten Bemerkungen des Stachels beraubte, und seine in amerikanischen Verhältnissen erworbene parlamentarische Gewandtheit gab ihm in den Generalversammlungen, wo er meist redeunkundigen Gegnern gegenüberstand, eine Ueberlegenheit, welche er bisweilen mit cynischer Grausamkeit fühlen ließ. Wenn er nun trotz der vielfachen und berechtigten Gegnerschaft, die ihm von allen Seiten auftauchte, doch in jenen Kreisen, in denen er gekannt war, zu den wirklich gern gesehenen Persönlichkeiten zählte und trotz der vielen Treulosigkeiten, deren er sich schuldig machte, sich doch in der guten Gesellschaft behauptete, so mochte er dies zumeist seiner liebenswürdigen Methode im Umgange verdanken. Seine Redeweise übte einen großen Zauber auf die Zuhörer, die er durch Scharfsinn, gute Einfälle und Duldsamkeit zu fesseln und oft zu bestricken wußte. Er war kein Charakter, und das ist zu beklagen, da er alle Anlagen hatte, ein großer Charakter zu sein, aber er war ein bedeutender Mensch, und wohl nur die zerfahrene Zeit, in welche seine ganze Thätigkeit fällt, mag viel an seiner Inconsequenz schuld sein. Er war mit Zang und Schwarzer der Vater der nachmärzlichen Publicistik in Oesterreich, und erst später gesellte sich als viertes Blatt zu diesem Kleeblatt Friedländer,; alle vier repräsentiren ebenso die eminenten Vorzüge wie die Schattenseiten der Publicistik. Noch sei kurzweg einer recht komischen Episode in seinem Leben, seines Duells mit Landsteiner, gedacht, das in die erste Hälfte der Fünfziger-Jahre fällt. Während Warrens sich vollkommen correct benahm, war das Verhalten seines Gegners und der Secundanten desselben ein so urkomisches, daß es ein köstlicher Stoff für die „Fliegenden Blätter“, oder wenn sie damals bestanden hätten, für die Wiener Witzblätter „Floh“ und „Bombe“ gewesen wäre. Warrens hatte sich ein eigenes Landhaus in Payerbach erbaut, an einem der reizendsten Punkte, die man sich denken kann. Die Villa war fertig, und, seltsames Verhängniß, bevor er sie beziehen konnte, starb er. Anstatt in ihr, fand er im Grabe die Ruhe, die er vielleicht im Landhause gesucht. Die Villa aber hatte zwei merkwürdige Bewohner, der eine war der [97] amerikanische General Sherman, und nach diesem Ihre Majestät die Kaiserin ]Elisabeth.

Breslauer-Zeitung, 1856, Nr. 9, im „Wiener Feuilleton“. – 1864, Nr. 345: „Anekdoten über eine gefallene Größe“. – Neue Freie Presse (Wiener polt. Blatt) 1865, Nr. 686 und 704; 1872, Nr. 2646 in der „kleinen Chronik“, Nr. 2647 MB. und Nr. 2648. – Grenzboten 1850, Bd. I, S. 154–159: „Der Lloyd und Mr. Warrens“; – 1855, Bd. I, S. 76–80: „Warrens als Redacteur des Lloyd“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1872, S. 93. – Magazin für die Literatur des Auslandes von Josef Lehman (Leipzig, 4°.) 1864, Nr. 37, S. 580.
Porträt. Unterschrift: „Eduard Warrens“. Kriehuber (lith.) 1856. Gedr. bei J. Stoufs in Wien. – Das „Illustrirte Wiener Extrablatt“, 1872, Nr. 99 enthält eine Ansicht der Villa Warrens in Payerbach aus der xylogr. Anst. Mataloni in Wien.
Warrens’ Charakteristik von Baron Helfert. Es ist eine ungemein nachsichtige, ja milde und doch im Ganzen zutreffende Charakteristik, welche dieser Historiograph der Bewegungsperiode Oesterreichs von Warrens entwirft. „Wenn man, schreibt der Freiherr, Warrens die bedeutendste, die kunstvollste und gewandteste politische Feder nennt, deren sich die neuösterreichische Journalistik damals und seither zu rühmen hatte, so ist das kaum Uebertreibung. War es Leopold Landsteiner, der den feinen und eleganten Ton der französischen Presse in die Wiener Journalistik einführte, so zeigte sich Eduard Warrens als der Mann, der die englisch-amerikanische Zeitungssprache, jenes klare durchsichtige Hantieren mit knappen Sätzen, mit reichen und bei allem Schimmer und Glanz immer anschaulichen Bildern, mit oft überraschend einfachen und ebendadurch um so mehr packenden Antithesen in einem Grade in seiner Macht hatte, die ihn gerade zu einem Meister dieser Art Styls machten. Warrens hatte eine ziemlich mangelhafte Jugendbildung genossen, deren Lücken er als Mann mit eisernem Fleiß und mit unermüdlicher Ausdauer, mit Abbruch vom Schlaft zu ergänzen wußte, und so mit den Jahren ein reiches Wissen ansammelte. Aber der Untergrund davon, die Hauptstärke seines geistigen Schaffens, blieb immer sein angebornes eminentes Talent, frühzeitig angeregt, vielseitig geübt und geschärft in einem so hastig dahinrollenden politischen Treiben, wie das des nordamerikanischen Volkes. Oder wehte es Einen nicht wie transatlantische Luft an, aus dem Lande allgemeiner und entschiedener Parteiung, wenn Warrens, das alte Solon’sche Gesetz vor Augen, gleiches von den österreichischen Vollbürgern verlangte? „Wir haben uns verpflichtet“, begann er den zweiten Leader der ersten Wiener Nummer (des Lloyd), „bei jeder wichtigen politischen Frage des Tages Partei zu ergreifen. Es gibt kein anderes Mittel, um den Zweck des constitutionellen Staates zu erreichen, welcher ist: dem Willen der Mehrheit innerhalb der Grenzen, welche die Constitution zieht, Geltung zu verschaffen, als durch die Bildung der Parteien. Wir betrachten diejenigen zuvörderst als unsere Gegner, welche keine Meinung aussprechen, dann erst solche, die eine andere Meinung als wir zu der ihrigen gemacht haben. In dieser Zeit ist Neutralität das höchste politische Vergehen. Warrens ging keiner Frage aus dem Wege, er faßte jede scharf ins Auge, er entschied sie, wie er sich vorgesetzt hatte, sie zu entscheiden, mit einer blendenden, oft mochte man sagen sinnverwirrenden Dialektik. Es war nicht immer das Wahre, wofür er sich einsetzte, aber jedenfalls für Jeden, der sich seinem bestrickenden Raisonnement hingab, und gewiß mit innerem Behagen hingab, schien es das Wahre. Letzteres war besonders auf dem Gebiete der Fall, wo Warrens von Beginn nicht unbefangen dastand. Die Wiener Metamorphose des Triester Handelsblattes sollte so viel von ihrem früheren Naturell beibehalten, daß darin handelspolitische, volkswirthschaftliche, finanzielle Fragen mit Vorliebe behandelt wurden, und hier befand sich Warrens in seinem eigentlichen Revier, inner dessen Marken er sich mit Lust und Laune herumtrieb. Mehr als bei anderen Gegenständen war es hier der Fall, daß er seine ganze Kunst darein legte, Sätze zu vertheidigen,. von deren ausnahmsloser Richtigkeit er selbst nicht überzeugt war, Behauptungen aufzustellen, deren stellenweise Blößen nur durch das brillante Beiwerk, womit er sie zu umrahmen wußte, überdeckt werden konnten, und daß er dabei nicht selten in eine Leidenschaft und Schärfe hinein gerieth, wobei er gleichwohl jene Formen zu wahren [98] wußte, die unter gesitteten Leuten Uebung sind. Gemein, wie gewisse andere nachmärzliche Streiter mit der Feder konnte Warrens nie werden. Auch trat er mit derlei Vorwürfen in der ersten Zeit nur allmälig und mit Vorsicht auf.“ So milde diese Charakteristik ist, so stimmt sie doch mit der obigen, in welcher der Gegenstand nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt wird, überein. Wenn es aber gilt, die Corruption der Presse nachzuweisen, die so viel Weh über Oesterreich gebracht, so kann die Wahrheit nicht schneidig genug gesagt werden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Reichstagsmitgieder.