Benutzer Diskussion:Fw/Was die Heimat erzählt

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Was die Heimat erzählt
Untertitel: Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Digitalisat der SLUB Dresden und bei Wikimedia Commons
Kurzbeschreibung: Beiträge zur Sächs. Volks- und Heimatkunde. I. Ostsachsen
Mit Zeichnungen von O. Seyffert und Maler F. Rowland
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Titel und Vorwort:

[001]

Was die Heimat erzählt.


Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige
Begebenheiten aus Sachsen.




Beiträge zur Sächs. Volks- und Heimatkunde.
Von
Fr. Bernh. Störzner.

Mit Zeichnungen von Professor O. Seyffert und Maler F. Rowland.
I. Ostsachsen.
Leipzig
Verlag von Arwed Strauch.

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Alle Rechte vorbehalten.

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Vorwort.

Wenn ich vorliegende Arbeit der Öffentlichkeit übergebe, so komme ich einem Wunsche derer nach, die noch Sinn für Gottes schöne Natur und für die Vergangenheit der Heimat haben. Seit vielen Jahren stehe ich mitten unter dem Volke und verwende meine freien Tage zu kleinen Streifzügen durch die verschiedenen Teile des sächsischen Vaterlandes. So lernte ich Land und Leute kennen. Über die Vergangenheit unserer Heimat unterrichteten mich die im Volke lebenden Sagen, die Erzählungen alter, glaubwürdiger Leute, die verschiedenen Ortschroniken. Ich habe alles schriftlich aufgezeichnet. Von Zeit zu Zeit veröffentlichte ich nun kleine Skizzen, um weitere Kreise für die Heimatgeschichte zu interessieren. Ich habe die Freude gehabt zu erfahren, daß diese Skizzen wiederholt den Unterhaltungsstoff in Familien bildeten. Mit Eifer wurden jene heimatkundlichen Aufsätze gelesen. In manchem Orte der westlichen Lausitz habe ich Vorträge über heimatkundliche Themen gehalten und dabei die Erfahrung gemacht, daß in allen Schichten der Bevölkerung auch noch Sinn für die Geschichte der Heimat vorhanden ist, man muß es nur verstehen, denselben zu wecken. Oftmals bin ich aufgefordert worden, jene Skizzen zu sammeln und in Form eines Büchleins jedermann zugänglich zu machen. So mache ich denn mit vorliegendem Werke den Anfang. Möge das Buch, das mir von der Liebe zur Heimat diktiert worden ist, eine freundliche Aufnahme finden! Bescheiden klopft es an und bittet um Einlaß in Schule und Haus, für die es bestimmt ist. –

Bei dem Bemühen, Stoff für den heimatkundlichen Unterricht zu sammeln, entdeckte ich gar bald manchen vergrabenen Schatz. Dieses Auffinden regte mich zu weiterem Forschen an, und so entstanden mit der Zeit die verschiedenen Aufsätze im vorliegenden Buche. Mit Recht legt man heute ein großes Gewicht auf den heimatkundlichen Unterricht. Er ist gleichsam grundlegend für den Gesamtunterricht der Volksschule. Darum wird auch gefordert, daß die Heimatkunde nicht etwa schon mit dem 3. oder 4. Schuljahre abschließe, sondern daß sie [004] den Unterricht auf allen Stufen und in allen Fächern weiter begleite und belebe. Herr Schulrat Dr. Lange sagt hierüber in seinem vortrefflichen Werke „Über Apperzeption“ folgendes: „Die Heimatkunde muß den Unterricht auf allen Stufen und in allen Fächern weiter begleiten. Die Gewinnung und Bearbeitung ihres Lehrstoffes ist nicht auf die ersten Schuljahre zu beschränken, sondern auf die ganze Schulzeit zu verteilen. Jedes der folgenden Schuljahre soll die ihm naheliegenden und ihm unentbehrlichen heimatkundlichen Stoffe zur Belebung des Unterrichtes sich dienstbar machen.“ Vor allen Dingen bedürfen die realistischen Fächer einer fortdauernden Beziehung zur heimatlichen Erfahrung der Kinder. Das gilt vor allen Dingen beim Geschichtsunterrichte. Ihm reicht die Heimat so mannigfach die Hand und oft reichliche Unterstützung. Der Lehrer sollte da recht dankbar sein und solche Hilfen stets annehmen. Herr Schulrat Dr. Lange sagt weiter: „Der historische Unterricht, welcher nicht in den heimatlichen Anschauungen des Kindes seine stärkste Hilfe sucht, spielt auf einem Instrumente, dem die Saiten fehlen. Draußen im Walde und auf der Heide gewinnt das Kind leicht ein Bild von dem Urzustande der Heimat, von einer Zeit, da keines Menschen Fuß das Gehölz durchschritt; während wiederum vielleicht Sagen und Geschichten von der Gründung des Heimatortes dem Kinde einen Einblick gestatten in die Bedingungen, unter welchen in der Regel Ansiedelungen unserer alten Vorfahren zustande kamen und ihm zeigen, auf welche Weise nach und nach aus dem Dunkel der Wälder einzelne Gehöfte oder ganze Dörfer sich erhoben. Die Hünengräber und heidnischen Opferstätten der Heimat, zu denen die Kinderschar mit dem Lehrer wandert, die zahlreichen Sagen von Stromnixen und Wassermännern, von Otterkönigen, Zwergen und sonstigen Berggeistern, die abergläubischen heimatlichen Gebräuche, von denen die Kleinen so viel und lebhaft zu erzählen wissen, sie vermögen in die altheidnische Zeit, da unsere Vorfahren dem Wodan oder Swantewit dienten, mit derselben Lebendigkeit zu versetzen, mit der eine einsame Waldkapelle, eine altersgraue, verfallene Kirchenruine die Jahrhunderte eines Bonifacius, eines Adalbert von Prag uns vor die Seele führt. Die alten Burgen und Schlösser der Heimat, die wir fleißig besuchen und eingehend besichtigen, geben dem Schüler eine deutliche Vorstellung von der Wohnung und zugleich auch von der Beschäftigung des mittelalterlichen Adels, während die großen zusammenhängenden Feldgrundstücke des benachbarten Rittergutes, neben denen auch jetzt noch die zerstreuten Besitzungen der übrigen Dorfbewohner fast verschwinden, einen Schluß gestatten auf die soziale und wirtschaftliche Lage der Bauern unter der Feudalherrschaft, auf das Verhältnis zwischen dem Burgherrn und seinen leibeigenen Untertanen. Wie eindringlich und beredt erzählen die alten Ringmauern der heimatlichen Stadt mit ihren Schießscharten, Zinnen, Toren, ein alter Turm, ein verfallenes Kloster von vergangenen Tagen, wie anschaulich und lebendig vermögen sie jedermann, auch das Kind, zurückzuführen in die Zeit seiner mittelalterlichen Vorfahren! Gewinnt es doch in solchen heimatlichen Anschauungen [005] für die Schilderungen aus dem deutschen Städteleben einen Grund und Boden, auf dem seine Apperzeptionstätigkeit leicht und sicher sich bewegen kann. Machen wir endlich den Zögling vertraut mit dem Ursprunge und der Bedeutung gewisser volkstümlichen Feste der Heimat, suchen wir die Spuren großer Kriege, wie sie ja leider fast in jedem Gau unseres Vaterlandes zu finden sind, etwa eine alte Schwedenschanze, eine Wüstenei oder wüste Mark aus der Zeit des Hussitenkrieges, des 30jährigen oder des 7jährigen Krieges, ein Franzosenkreuz und einen Schwedenstein an der Landstraße, einen Denkstein mitten im Felde oder auch in der Kirche, eine Erinnerungstafel oder eine Friedenseiche aus der jüngsten Zeit auf, so wird es uns auch für die neue und neueste Geschichte an analytischem Unterrichtsstoffe nicht fehlen. Natürlich fließt der Quell desselben nicht in allen Landschaften gleich stark, hier reicher, dort spärlicher. Aber so arm ist ganz gewiß keine Gegend an historischen Zeugnissen, so völlig neu und von heute keine Heimat, daß sie der Anschauung und Beobachtung des Kindes gar nichts darböte, daß der Geschichtsunterricht nicht in den meisten Fällen von ihr ausgehen könnte.“

Bei dieser Bedeutung des heimatkundlichen Unterrichtes ist natürlich vom Lehrer zu fordern, daß er ein fleißiger Forscher seiner jeweiligen Heimat sei, daß er in seinem Wirkungsorte nicht ein sogenanntes Eintagsleben führe. Er muß in ihm Wurzel schlagen. Vor allen Dingen muß der Lehrer in geschichtlicher Beziehung die Heimat durchforschen. Darum gilt es, die Sagen, Sitten und Gebräuche einer Gegend kennen zu lernen, die Ortschroniken zu studieren, die Berichte alter, glaubwürdiger Leute zu notieren, mit dem Volke zu verkehren. Die heimatliche Flur muß dem Lehrer gleichsam ein Buch sein, von dem er ganz genau weiß, was auf der einzelnen Seite steht. – So wird er dann den heimatkundlichen Unterricht fruchtbringend für den Gesamtunterricht gestalten. Wer es getan hat, den heimatkundlichen Unterricht bis in das letzte Schuljahr, ja bis in das letzte Fortbildungsschuljahr mit einzuflechten, der wird es auch erlebt haben, wie bei solchen Gelegenheiten die Kinder so aufmerksam zu Füßen des Lehrers sitzen, daß man das Niederfallen eines Blattes vernehmen könnte. Die Augen der Kleinen leuchten dann wie Sonnenschein, und mit Lebendigkeit wissen sie noch lange von jener Unterrichtsstunde zu berichten. Solche Unterrichtsstunden klingen im Schüler noch nach, wenn er längst zum Manne herangereift ist.

Aber nicht nur der Schule will vorliegendes Buch eine Gabe sein, sondern auch dem Hause, der Familie. Wie es dem Lehrer für den heimatkundlichen Unterricht willkommenen und brauchbaren Stoff an die Hand gibt, so auch den Eltern, die vielleicht am Sonntage Nachmittag oder auch zur Ferienzeit mit ihren Kindern zur Erholung hinaus in Gottes schöne Natur, durch die gesegneten Fluren mit ihren fruchttragenden Feldern und grünen Wiesen, durch die rauschenden Wälder, hinein in die lieblichen Täler mit ihren [006] klappernden Mühlen und rauschenden Bächen, hinauf auf die turmgekrönten und sagenumwobenen Berge der Heimat wandern, doch nicht gedankenlos, wie so manche in unseren Tagen. Dabei kann der Vater der Lehrer seiner Kinder werden, wenn er sie aufmerksam macht auf diese und jene Stätte. Da steht vielleicht mitten im weiten Felde ein sagenumklungener Baum, von dem das Volk sich gar viel zu erzählen weiß. Dort liegt eine einsame Heide. Auf ihr stand einst ein schmuckes Dörflein. Da plätscherten Brunnen und spielten Kinder auf den Straßen. Heute ist es hier einsam still. Kriegsstürme haben dieses Dörfchen dem Erdboden gleichgemacht. In jenem Tale gab es einst Bergwerke. Da wurde das harte Gestein durchwühlt nach Schätzen. Heute sind diese Bergwerke verfallen. Zwerglein in Tarnkappen hüten die in die Tiefe gesunkenen Schätze und bewachen sie vor der Habgier der Menschen. Dort steht am Wege oder am Rande des Waldes ein verwittertes Steinkreuz. Es redet zu dem Wanderer von dem, was einst hier geschah. Wie lauschen dann die Kinder, wenn der Vater an Ort und Stelle von der Vergangenheit der betreffenden Stätte erzählt, wenn er berichtet aus den vergangenen Tagen der Heimat, oder wenn er vielleicht im trauten Familienkreise aus unserem Buche vorliest! Es belebt sich vor der Seele des Kindes die heimatliche Flur, und innige Bande verbinden das Kind mit der Heimat. In ihm wird die Heimatliebe genähret, die den Menschen noch im hohen Alter die alte Heimat lieb und wert macht und zu der es ihn in der Fremde draußen wieder und immer wieder zieht. – Liebe zur trauten Heimat hat dieses Buch geschrieben, und die Liebe zur Heimat zu wecken und zu nähren, das möchte vor allen Dingen vorliegendes Buch erreichen. – Mit allen Fasern des Herzens hängen die meisten Menschen an ihrer Heimat, an der Stätte, wo es noch ein Paradies, einen Garten Eden und ein Erdenglück gibt. Herr Geh. Schulrat Grüllich schreibt: „Unsere Zeit freilich mit ihren Verkehrsverhältnissen und mit ihrer Freizügigkeit entnimmt den Menschen leichter dem heimatlichen Boden, um so mehr ist es aber geboten, in der Jugend schon die Liebe zur Heimat und Achtung vor ihr zu wecken und zu nähren. Es ist wahrlich schlimm, wenn der in die Fremde Gewanderte nichts mehr fühlt von Heimweh, von Sehnsucht nach der Stätte, wo sein Vaterhaus steht und wo er seine glückliche Jugendzeit verlebte. In der Heimatliebe liegt ein sittlicher Halt für den Menschen auch in der Fremde, und sie ist auch der rechte Boden für die Gottes- und Vaterlandsliebe.“ – „Lassen wir die Zerstörungslust beim Kinde, bei der Jugend nicht aufkommen, pflanzen wir ihm Respekt ein vor dem, was eine Geschichte hat.“ (Palmer.) Mit der erwachten Liebe zur Heimat zieht aber auch jenes stille Glück wieder ein in das Herz, die Zufriedenheit, die in unseren Tagen, in der Zeit des Hastens und Jagens, freilich vielen verloren gegangen ist.[1]

[007] Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, daß heute wieder mehr als sonst Interesse für die Heimatgeschichte erwacht ist und zwar in den verschiedensten Kreisen. Der Verfasser würde sich glücklich schätzen, wenn auch vorliegendes Buch mit dazu beitragen könnte, bei diesem und jenem die Liebe zur Heimat und zur Volkskunde zu wecken, ihm die Augen für den Wert und die Schönheit der Heimat zu öffnen.

So sende ich denn das Buch hinaus mit der Bitte um freundliche Aufnahme und Nachsicht. Bescheiden klopft es bei den einzelnen Familien im Vaterlande an und bittet höflich um Einlaß. Man öffne ihm die Türe. Ein Hausfreund möchte es werden.

Ich danke herzlich dem Herrn Verleger für die hübsche Ausstattung des Werkes und Herrn Professor O. Seyffert in Dresden, dem unermüdlichen Museumsleiter des Vereins für Sächsische Volkskunde, sowie Herrn Maler F. Rowland für die künstlerische Mitwirkung. Ganz besonderen Dank spreche ich an dieser Stelle auch aus Herrn Prof. Dr. Mogk in Leipzig und Herrn Dr. A. Meiche in Dresden, dem Verfasser vom Sagenbuche des Königreiches Sachsen, welche das Werk im Manuskript durchsahen, mir gute Winke und Ratschläge erteilten und mir manche Anregung gaben.

Schulhaus Arnsdorf in Sachsen, im Januar 1904.

Kantor Fr. Bernh. Störzner.     

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Aufsatzsammlung:

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1. Die westliche Lausitz.

Die Gegend zwischen Bautzen und der Dresdner Heide wird vielfach als die westliche Lausitz bezeichnet, die an landschaftlichen Reizen keinem anderen Teile Sachsens nachsteht; und doch versteigen sich nur selten Touristen von weither in diese anmutige Gegend. Tausende suchen wohl alljährlich die Sächsische Schweiz auf und erfreuen sich an der zerklüfteten Bergwelt derselben. Wer aber stets dem allgemeinen Touristenstrome folgt, dem bleiben gar manche liebliche Punkte seitwärts unbekannt. Die westliche Lausitz ist aber reich genug an wirklichen Naturschönheiten, sodaß sie inbezug auf ihre landschaftlichen Reize auch besonderer Beachtung wahrlich wert ist. „Die Lausitz ist unstreitig einer der interessantesten und schönsten Landesteile Sachsens und dem vielgepriesenen Vogtlande, sowie der Sächsischen Schweiz ebenbürtig.“[2] Einen besonderen landschaftlichen Reiz bieten die romantischen Täler der Röder, Pulsnitz, Schwarzen Elster, Wesenitz, Spree. Wer gerne Berge steigt, der hat in der westlichen Lausitz genügend Gelegenheit, solches zu tun. Vom Valtenberge bei Niederneukirch bis zum Keulenberge bei Oberlichtenau-Königsbrück zieht sich über die Städte Bischofswerda, Elstra, Kamenz, Pulsnitz, Radeberg, Königsbrück Berg an Berg. Inselartig erheben sich diese vielfach aus der Ebene und erscheinen darum höher, als sie in Wirklichkeit sind. Von den Gipfeln jener Höhen schweift das Auge des Wanderers meilenweit über eine blühende Landschaft. Jeder Berg bietet ein anderes Bild. Man wird des Schauens und der köstlichen Eindrücke nicht müde. Mit inniger Liebe hängen die Bewohner jeder Gegend an „ihrem Berge“, der in der Nähe der Siedelung liegt und diese gewissermaßen meilenweit beherrscht. Zu ihm hinauf wandern Sonn- und Festtags die Umwohner gern, förmliche Wallfahrten dahin finden von Zeit zu Zeit statt. Meist sind diese waldumrauschten Bergeshöhen auch turmgekrönt. „Wenn auch die Lausitzer Landschaft in ihrer eigenartigen Schönheit noch heute zu wenig von dem Strome der Sommerreisenden gewürdigt wird, so haben doch ihre Bewohner selbst seit altersher um so mehr Freude aus der Natur geschöpft, ich kenne kein anderes deutsches Mittelgebirge, in dem mir die Liebe zu den heimatlichen Gipfeln so stark entgegengetreten ist wie hier. In den Oster- und Pfingstfeiertagen ist es eine gute alte Sitte des Landvolkes, frühzeitig die Kuppen zu erreichen, um die Sonne dreimal hüpfen zu sehen, wie der Volksglaube für diese Tage annimmt.“ (Dr. Curt Müller.) Johannes Renatus singt von „seiner Lausitz“:

[010]

„Sahn muß mersch, sonst’n weeß mersch ne,
Wies ei dr Lausitz is,
Und war’sch ne g’sahn, dar thutt mr leed,
Dos is ak mol gewiß.
Ehr könnt oich imsahn, wu dr wullt,
D’r Kroiz un Quare ziehn,
Kommt ak mol hen, dr werd’s schu sahn,
Dort is es wunderschien.“ –


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Die westliche Lausitz bietet aber auch noch einen anderen Reiz als den der landschaftlichen Schönheit. Sie ist nämlich ganz besonders reich an geschichtlichen Erinnerungen und Zeichen. Überall trifft man auf geschichtliche Spuren, allerorten gibt es Zeugen aus alter Zeit. Die westliche Lausitz ist altbesiedelt, nicht etwa erst seit heute und gestern. Sie trägt so manche Erinnerungszeichen selbst aus grauer Vorzeit. Alle Geschichtsperioden sind vertreten und zwar von der Bismarckeiche, Wettineiche, Lutherlinde und Friedenseiche an bis zu der mit Asche und Knochenresten gefüllten Urne, den alten Heidenschanzen, den Bronzewaffen und der uralten Steinaxt. Wüste Marken sind zahlreich vorhanden, freilich sind sie meist vom Moos und Heidekraut verhüllend bedeckt, und über ihnen rauscht heute der dämmernde Wald, oder es zieht über sie hin der Pflug seine Furchen. Uralte Straßen erinnern an die ehemaligen Verkehrsverhältnisse in dieser Gegend. Verwitterte Steinkreuze, Schweden- oder Bischofssteine genannt, stehen hie und da in Orten, an Wegen, auf freiem Felde, in einsamer Heide. Altersgraue, ehrwürdige Gotteshäuser reden noch von den Tagen, da die ersten Christenboten zu den Vorfahren der Bewohner der westlichen Lausitz kamen. Die weit in das Land hinausgrüßende Kirche zu Lichtenberg am Eggersberge, die herrliche Stadtkirche zu Bischofswerda, das schmucke Gotteshaus zu Göda bei Bautzen erinnern lebhaft an die Zeit des Wundertäters Sankt Benno. Der heilige Berg bei Bischheim-Gersdorf trägt Erinnerungen

[011] an Walburgia, die als Botin des Heils segensreich unter den Lausitzern gewirkt haben soll. Ihr errichtete man auf den Bergen der Lausitz Kapellen. – Auf mancher Höhe der westlichen Lausitz thronen noch jene Felsenaltäre, auf denen einst die heidnischen Umwohner ihren Göttern opferten und wohin noch heute am Himmelfahrtstage und Pfingstfeste die Leute jeden Alters aus den umliegenden Ortschaften immer gern wallfahrten, um von hier oben aus den Sonnenaufgang zu

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Alt-Radeberg: Das Rathaus um 1840.

beobachten und die Blicke einmal weit über das ringsum liegende Land schweifen zu lassen. – Die heimische Erde enthält noch zahlreiche Urnen. Ganze Urnenfelder, altheidnische Friedhöfe sind vorhanden. Erd- und Steinwälle, Ringwälle, fälschlich als Schweden- oder auch als Hussitenschanzen bezeichnet, die vor Jahrtausenden den frühesten Bewohnern der westlichen Lausitz in Kriegszeiten als Bollwerke und Festungen dienten, im Frieden als Kultus- und Begräbnisstätten, finden wir an so manchem Orte, z. B. bei Rähnitz, Hermsdorf, auf dem Ohorner Steinberge, bei Prietitz, Kamenz, Göda, Bautzen und Stolpen. An den ehemaligen Erzbergbau in der westlichen Lausitz erinnern die verfallenen Gold- und Silberbergwerke in verschiedenen Gegenden. – Mancher Kriegssturm hat die westliche Lausitz durchbraust und zwar von der Römerzeit an bis in die jüngsten Tage. Gewaltige Völkerkämpfe fanden hier statt und ein großes Stück der deutschen Geschichte hat sich gerade auf den Fluren der westlichen Lausitz abgespielt. Slaven und Deutsche kämpften allein Jahrhunderte miteinander, und wie ehedem während der großen weltgeschichtlichen Völkerwanderung dringt auch heute wieder mehr als je das slavische Element in diese Gegend ein. Wie vor 1000

[012] Jahren wird früher oder später das Deutschtum gegen das immer mehr und mehr überhandnehmende Slaventum sich zu wehren haben. Königsbrück ist noch eine Erinnerung an das mutige Vordringen der Deutschen gegen die fast allmächtig gewordenen Slaven, nicht minder die Burg Meißen. Die Radeberger und Pulsnitzer Gegend sahen blutige Kämpfe Heinrich I. gegen den größten Feind des Germanentums. Mancher Ortsname erinnert an jene deutschen Stämme, die Heinrich der Städtegründer zum Schutze gegen die Sorben und Wenden rief, z. B. Frankenthal bei Bischofswerda. Vom blutigen Hussitenkriege, vom 30jährigen Kriege, vom nordischen Kriege, vom 7jährigen Kriege, von den Freiheitskriegen im Anfange des 19. Jahrhunderts weiß gar mancher Ort in der westlichen Lausitz zu erzählen. – Und wo die Geschichte schweigt, da redet die Sage um so deutlicher. Geradezu reich ist die westliche Lausitz auch an schönen, lieblichen Sagen. Sinnend wandelt Frau Saga durch das Land. Mit ihrem duftenden Gewande hüllt manchen Ort sie ein. Um stolze Burgen schwebt sie. Sie lauscht am Felsenhang und spielt am Waldesbach. Sie thront hoch oben auf Felsensteinen und weilt beim Halmendach. In den stillen Hainen rauscht und flüstert sie. (Ludwig Storch). Die dunklen, oft weit ausgedehnten Waldungen der westlichen Lausitz belebt die Sage mit allerlei Gestalten. In den weiten Forsten, welche meist die Höhen der westlichen Lausitz überziehen und miteinander verbinden, jagt Berndittrich, der wilde Jäger. Wenn die Stürme das Geäst der dunklen Waldbäume durchbrausen und die Wolken am Himmel dahintreiben, dann hält er seinen Jagdumzug in den betreffenden Wäldern. Um die Mittagszeit, aber auch in hellen Mondnächten, eilt durch die Forsten nach dem Volksglauben Dziwica, die wendische Waldgöttin. An Bächen und Seen wohnen noch heute die Nixen. Sie kommen herein in die einsamen Walddörfer und mischen sich unter die tanzende Jugend. In den Bergen hüten noch jetzt Zwerglein die vergrabenen Schätze. An den Berghängen blühen noch gegenwärtig in tiefster Einsamkeit zur Mitternachtsstunde Wunderblumen, mit deren Hilfe man verborgene Türen zu den Schatzkammern in den Bergen finden und öffnen kann. Man rede nur mit dem Großmütterchen drüben im einsamen Dorfe. – Düsteres Gemäuer ist von der Sage lieblich umrankt und mit all ihrem Zauber umsponnen worden, dem immergrünen Epheu der deutschen Volksdichtung.

Die altdeutschen Gottheiten erkennen wir wieder in so mancher Sage, in so mancher Sitte, in so manchem Aberglauben. – Die Sitte des Osterwasserschöpfens finden wir noch heute in manchem Dorfe der westlichen Lausitz, freilich nicht da, wo die eisernen Schienenstränge seit Jahrzehnten eine Gegend durchschneiden und wo die Großstadtluft weht. – An geschichtlichen Denkmälern, die weit bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen, ist hier kein Mangel. Dazu haben schöne und sinnige Sagen manchen Ort, Berg, Wald, Fluß und See, ja selbst die einsame, stille Heide, mit einem duftenden Gewande umhüllt. Will der Wanderer freilich davon etwas merken, dann muß er wiederholt rasten und mit den Bewohnern verkehren und plaudern. Der Lausitzer ist bieder und schlicht, treu und mitteilsam, gastfreundlich und beredt. Ihm geht das Herz auf, wenn er fühlt, daß auch der „Fremde“ die Lausitz schön findet.

So bietet die westliche Lausitz, nicht minder auch das übrige östliche Sachsen nicht nur dem Naturfreunde alles das, was er sucht und gern hat, sondern auch der Geschichtsfreund findet hier so manchen kostbaren Schatz, so manche verborgene Perle, wie ihm nunmehr bewiesen werden

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2. Das Schloss zu Radeberg.

Eine Sehenswürdigkeit für Freunde der Naturschönheiten und des Altertums bildet das romantisch gelegene Schloß zu Radeberg, die ehemalige „Burgveste“ der Stadt, seit Jahrhunderten gleichzeitig auch der Sitz des Amtsgerichtes. Niemand sollte versäumen, bei einem Besuche der Stadt auch das Schloß zu besichtigen. Dasselbe liegt am östlichen Ende der Stadt und erhebt sich auf Granitfelsen am rechten Ufer der Röder, unmittelbar am Eingange zum schönen Hüttertale. Das Schloß ist zum Teil in Felsen eingebaut, und die Stufen zum Amtsgericht führen durch eine Felsengasse hinauf. Die Lage des Schlosses ist eine höchst anmutige. An der südöstlichen Seite führt durch ein Ausgangstor aus dem oberen Stockwerk ein breiter, gepflasterter Gang, der sogenannte Fürstengang, längs des Schlosses abwärts an den Fluß des Burgberges zur Schloßmühle. Dieser Fürstengang diente den Bewohnern des Schlosses zum Aus- und Eingange in die Burg und wird noch heute benützt. Es dürfte wohl selten ein anderes Schloß einen derartigen Aufgang haben.

Am östlichen Fuße der Burg, also im hinteren Teile des äußeren Burghofes, steht auf einem Felsvorsprunge noch ein halbverfallener Turm, der Eulenstein genannt. Derselbe soll ein Rest des früheren Schlosses sein, das auf dem gegenüberliegenden Schloßberge gestanden habe. Noch im vorigen Jahrhundert diente der Eulenstein als Gefängnis für schwere Verbrecher. –

Um das jetzige Schloß lag vor Zeiten der Tiergarten, und noch heute wird der Platz, den er ehemals einnahm, so genannt. An der südwestlichen Seite des Schlosses befindet sich der alte Schloßteich, in dessen Mitte eine bepflanzte Insel bemerkbar ist. In früheren Zeiten wurden hier Schwäne gehalten. Der Garten, welcher hinter dem Schlosse liegt, hieß ehemals der Zwinger. Die in der Nähe des Schlosses zu beiden Seiten des einstigen Schloßtores der Stadt und nach dem früheren Oberorte hin gelegenen Bürgerhäuser werden von altersher „das Burglehen“ genannt.

Das Schloß zu Radeberg hat auch für Freunde der schönen Literatur ein gewisses Interesse; denn hier wurde der Dichter und Schriftsteller August Friedrich Ernst Langbein am 6. September 1757 geboren, dessen Vater Justizamtmann in Radeberg war. Über dem Eingangstore zum Schlosse befindet sich eine in Erz gegossene Gedenktafel mit folgender Inschrift:

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„Hier wurde am 6. Sept. 1757 der Dichter
August Friedrich Langbein geboren.“[3]

Das gegenwärtige Schloß zu Radeberg wurde vom Herzog Moritz von Sachsen, dem späteren Kurfürsten, in den Jahren 1543 bis 1546 erbaut und erhielt von ihm, da es auf Felsenklippen aufgebaut war, den Namen „Klippenstein“. Die Baukosten betrugen, wie alte Urkunden melden, 3240 Meißnische Gulden, 17 Groschen und 3 Pfennige. – Vom Erbauer wurde der Klippenstein zu einem Jagdschlosse bestimmt, sowie zu einem Grenzhause und zum Sitze der Amtsexpedition. Die am Fuße des Felsens gelegenen Gebäude, welche noch heute das eigentliche Schloß kreisförmig umschließen, dienten als Amtshaus und wurden später zu Wohnungen für den Schloßtorwärter und den Amtsfrohn, sowie zu Gefängnissen und Stallungen eingerichtet. Noch heute wohnt hier der Amtswachtmeister; auch befinden sich in diesen Gebäuden seit vielen Jahrzehnten die Gefängniszellen.

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Alt-Radeberg: Das Amt.

Schloß Klippenstein war ein Lieblingsaufenthaltsort des Kurfürsten Moritz. Jedes Jahr weilte er hier mehrere Tage und hielt in der waldreichen Umgebung große Jagden ab. Damals war die Gegend noch überaus reich [015] an Wild. In den umfangreichen Waldungen gab es außer Hirschen und Rehen auch wilde Schweine, Wölfe, Luchse und Bären. –

Im Jahre 1715 wurde ein steinerner Turm des Schlosses, nachdem er am 25. Mai 1603 bei einem furchtbaren Gewitter infolge eines Blitzes arg beschädigt und recht baufällig geworden war, bis auf den Grund abgetragen. In diesem Turme befand sich die Schloßuhr, die seit jener Zeit dem Schlosse fehlt. 1772 erhielt die Burg eine neue Bedachung. –

Dem Schlosse schräg gegenüber, am linken Ufer der Röder, liegt der jetzige Schloßgarten. Derselbe wurde nach dem siebenjährigen Kriege vom damaligen Justizamtmanne Ludwig Langbein, dem Vater des Dichters Langbein angelegt, mit Lusthäusern, Statuen und Springbrunnen versehen. Hier befanden sich vordem die sogenannten Lehden, kahle Abhänge. Beim Anlegen dieses Gartens stieß man auf allerlei Mauerwerk von ehemaligen Gebäuden und Kellereien. Hier standen in früheren Zeiten die Wohnung für die Jäger, dazu die umfangreichen Hundeställe, in denen die zahlreichen Hunde verpflegt wurden, die man in damaligen Zeiten bei den großen Treibjagden brauchte. Darum nannte man diesen Platz „bei dem Hundestalle“. Noch heute ist den älteren Bewohnern der Stadt der Name „Hundezwinger“ bekannt, womit man die früheren Lehden im linken Röderufer, bezeichnete.

Schon vor Erbauung des gegenwärtigen Schlosses stand in Radeberg eine Burg. Dieselbe wurde aber im Hussitenkriege 1430 dem Erdboden gleichgemacht. Über den Standort des alten Schlosses gehen die Meinungen aber auseinander. Allgemein wird angenommen, die Burg habe auf dem Schloßberge gestanden, welcher am rechten Ufer der Röder dem jetzigen Schlosse gegenüberliegt und nur durch eine schmale Felsengasse, durch welche ein Weg vom Rödertale aus an Scheunen vorbei nach dem Schützenhause führt, getrennt ist. Die noch vorhandene Turmruine sei ein Überrest der ehemaligen Burg. Hier soll der westliche Turm des alten Schlosses gestanden haben, so daß diese Ruine das Westende desselben darstelle. Die Gasse wurde später durch die Felsen gebrochen. Diese Turmruine muß im 17. Jahrhunderte auch bedeutend höher gewesen sein, als gegenwärtig; denn eine Amtsordnung im Lichtenberger Gemeindearchive meldet deren Abtragung vom Jahre 1692. In dieser Verordnung wird die bezeichnete Ruine „der alte Turm“ genannt.

Daß der Schloßberg in den frühesten Jahrhunderten bewohnt gewesen ist und verschiedene Gebäude getragen hat, kann niemand leugnen; denn wiederholt hat man dortselbst alte Mauerreste, Wälle, Gräben und sonstige Denkmäler aus vergangenen Zeiten aufgefunden. Wann und von wem aber die alte Burg Radeberg erbaut worden ist, weiß niemand. Alte Urkunden schweigen darüber, und selbst die Sage berichtet nichts.

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3. Altrabrig.

Den Flurteil zwischen dem alten Schloßberge oberhalb der Schloßmühle zu Radeberg und der aus der Stadt nach Pulsnitz führenden Landstraße nannte man sonst „Altrabrig“, und noch heute wird diese Bezeichnung für jene Feldfläche von alten Leuten gebraucht. Wie die Sage berichtet, habe ehemals die Stadt Radeberg daselbst gestanden. Das Wort Altrabrig soll heißen: Altradeberg. Jedenfalls hat diese Sage auch ihre Berechtigung; denn in den Jahren 1810–1830 wurden auf Altrabrig wiederholt Grundmauern von Gebäuden entdeckt, und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß man bei näherer Untersuchung auch heute solche auffinden würde. – Nicht umsonst wird die Höhe am rechten Röderufer oberhalb der Schloßmühle der Schloßberg genannt. In alten Zeiten stand hier oben die Burg von Radeberg. (Siehe Nr. 2) Diese, heute am östlichen Ende der Stadt gelegen, bildete damals die westliche Befestigung der Stadt, indem Radeberg östlich von der Burg sich ausdehnte. In einer alten Urkunde heißt es:

Petrus et Friczco habent in foedum Allodium in Radeberg, Item Ius patronatus Ecclesie parochialis ibidem, Item 1 ortum (hortum) et piscariam de Hezcilsberg usque in aldenradeberg. Das soll heißen: Peter und Fritz von Reckenitz haben zu einem Lehn ein Freigut in Radeberg. Desgleichen das Patronatsrecht der Pfarrkirche daselbst, desgleichen einen Garten und einen Fischteich von Hezcilsberg bis nach Altenradeberg. –

Durch den Inhalt dieser Urkunde wird die Sage von dem früheren Standorte Radebergs zur geschichtlichen Tatsache; denn die Urkunde nennt das alte Radeberg und gibt Andeutungen, daß der Ort einst die Höhen zwischen dem Schloßberge und der heutigen Pulsnitzerstraße einnahm. Sie berichtet, daß Peter und Fritz von Reckenitz einen Garten und einen Fischteich, „von Hezcilsperg bis nach aldenradeberg“ reichend, in Lehn hatten. Unter dem Hezcilsberg ist ohne Zweifel der Schafberg bei Wallroda gemeint, auf dem heute der vielbesuchte Felixturm steht. Hezcilsberg soll Höselberg, Haselberg bedeuten. Es erinnere dieser Name daran, daß einst auf dem Schafberge der Haselnußstrauch zu Hause gewesen wäre und die Höhe und die Anhänge [017] jenes Berges bedeckt habe. Diese Erklärung hat das Volk sich selbst zurecht gelegt und soll hier zur Vervollständigung mit angeführt worden sein. In der am nördlichen Fuße dieses Berges beginnenden Talschlucht erkennt man deutlich das Bett eines langen Teiches, welcher einst das Tal bis in die Nähe des Arnolddenkmales unfern der Hüttermühle ausfüllte und bis an das alte Radeberg sich ausdehnte. Noch hie und da bemerkt der aufmerksame Beobachter im Hüttertale einige Querdämme. Ob dieselben zu dem erwähnten Teiche gehörten, kann nicht bestimmt gesagt werden. Es wäre nicht ganz unmöglich, daß diese Querdämme aufgeworfen worden sind, um etwaige Fahrwege zu gewinnen. In jener Urkunde vom Jahre 1349 (Staatsarchiv zu Dresden, Cop. Nr. 24) ist die Rede von „Aldenradeberg“, woraus hervorgeht, daß es damals schon ein Neuradeberg gegeben haben muß. Darum wird durch die erwähnte Urkunde auch jene Sage berichtigt, nach der das alte Radeberg im Hussitenkriege 1430 zerstört und erst nach demselben auf dem jetzigen Standorte wieder aufgebaut worden sein soll. Der Mönch von Pirna, (ein Chronist mit Namen Mag. Joh. Lindner, der 1480–1530 im Dominikanerkloster zu Pirna lebte und ein „historisch-geographisches Sammelwerk“ verfaßte, das jetzt in der Leipziger Ratsbibliothek aufbewahrt wird, und dem wir die meisten Nachrichten über unsere engere Heimat aus frühester Zeit verdanken), berichtet allerdings, daß im Jahre 1430 die Hussiten unter Anführung des Procopius „slos und Radeberck“ bis auf den Grund niederbrannten. Doch nach jener Urkunde kann man annehmen, daß die alte Stadt bereits 1349 verschwunden war, da dieselbe von „aldenradeberg“ redet. Es muß darum Radeberg zur Zeit der Zerstörung durch die Hussiten bereits den heutigen Standort eingenommen haben.

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Alt-Radeberg: Das Schießhaus vom Jahre 1830.

Der um die Erforschung der Heimatgeschichte sehr verdiente Lehrer Praßer in Großröhrsdorf gibt in der von ihm verfaßten Chronik vom Jahre 1869 noch folgenden Beitrag:

[018] „Unterhalb der Kirche zu Kleinröhrsdorf läuft ein uralter Weg aus dem Dorfe heraus quer durch die Fluren und wird darum der Querweg geheißen, hört aber am Walde des Dorfbergs auf. Sollte dieser Weg nicht etwa von dem Dorfe aus nach jenem alten Radeberg geführt haben, der, nachdem diese Stadt wüste geworden war, verpflanzt und auf der Radeberger Seite geebnet worden ist? – Selbst in dem Falle, daß unter jenem Hezcilsperg die Höhe hinter dem roten Vorwerke (der heutige Spitzberg) und unter dem Fischteiche der Landwehrteich gemeint sei, was jedoch ganz unwahrscheinlich ist, wird das alte Radeberg auf den oben bezeichneten Platz versetzt, da dieser Teich unterhalb des Schießhauses ausgemündet hat.“ –

Auf welche Weise Altradeberg zur wüsten Mark wurde, das meldet freilich kein Buch und keine Überlieferung. Möglich ist es, daß solches geschah in den Kämpfen zwischen den Deutschen und Wenden, oder daß eine gewöhnliche Feuersbrunst das alte Radeberg in einen Aschehaufen verwandelte. Nur selten baute man in jenen Zeiten einen zerstörten Ort wieder an ein- und derselben Stelle auf. Daß Altrabrig aber sicherlich uralt besiedelt war, kann man wohl bestimmt sagen, wenn man daran denkt, daß der alte Schloßberg schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt wohnliche Stätten trug, wie durch gemachte Funde bewiesen wird. Seit Jahren hat freilich der Ackerpflug alles geebnet. Vielleicht stößt man aber noch einmal auf interessante Gegenstände, wenn Neuradeberg sich immer weiter ausdehnt und jene Feldflächen zu Baustellen gebraucht werden. Dann wird „Altrabrig“ von neuem sich erheben, von dem heute wenige nur noch den Namen kennen.


4. Das alte Grabgewölbe bei Radeberg.
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Zu den ältesten Ortschaften im oberen Rödertale Sachsens gehört die jetzige Stadt Radeberg, deren Gründung noch vor jene Zeit fällt, da die Wenden die Herren unserer Gegend wurden, was im 5. Jahrhunderte geschah. Damals soll der Ort schon einige Jahrhunderte bestanden haben. Es ist fast mit Sicherheit anzunehmen, daß die Uranfänge Radebergs in die Zeit der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt zurückfallen.

Die ältesten Teile der Stadt Radeberg haben wir in der Nähe des jetzigen Schlosses zu suchen und zwar auf dem diesen gegenüberliegenden Gelände, also auf dem rechten Röderufer. Hier liegen unter Rasenhügeln und Feldflächen die Uranfänge Radebergs vergraben, die uns in jene Zeit versetzen, da die Römer bis an die Weser und Elbe in die deutschen Urwälder vorgedrungen waren. (Vgl. Nr. 3)

[019] Es war im Jahre 1768. Der damalige Besitzer der Schloßmühle, Herr Senf, trug sich mit dem Gedanken, die Anlagen seines Gartens zu vergrößern, der den südlichen Teil des sogenannten Schloßberges einnahm. Auf dem Lande, welches außerhalb des Gartens lag und nun zum Garten mit eingezogen werden sollte, befanden sich uralte Schanzen. Dieselben ließ der Schloßmüller ebnen und dann mit Linden bepflanzen.

Beim Graben und Abtragen der erwähnten Schanzen stieß man auf ein altes Mauerwerk. Man grub nun vorsichtig weiter und kam bald auf ein Gewölbe. Dasselbe war gegen 6 m breit und gegen 7 m lang. Die Wände hatten eine Stärke von 5/4 m, ebenso auch die gewölbte Decke. Das Gewölbe war innen weiß übertüncht und ziemlich gut erhalten. Aufgeführt war es in der Hauptsache aus behauenem Sandstein von verschiedener Gestalt und Größe. Der Eingang lag nach Norden und war nur etwas über 1 m hoch. Das Gewölbe selbst war mit Schutt vollständig ausgefüllt.

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Alt-Radeberg: Das Archidiakonat um 1830.

Über 50 Jahre blieb das entdeckte Gewölbe völlig unbeachtet, bis der hochverdiente Rentamtmann Preusker zu Großenhain hier Nachforschungen veranstaltete. Das Gewölbe wurde gewissenhaft untersucht, und der Erfolg blieb nicht aus. In diesem unterirdischen Raume entdeckte man kleine Nischen, welche in den Wänden angebracht waren. Die Nischen enthielten verschiedene irdene Urnen, die zum Teil recht gut erhalten waren. Dieselben waren mit unbekannten Zeichen versehen, die man nicht zu enträtseln vermochte. Außerdem wurden Überreste von eisernen Waffen aufgefunden, ferner auch Münzen. Dieselben waren meist aus Kupfer hergestellt und entweder rund oder viereckig gestaltet. Sie stammten aus der Zeit der Kaiser Augustus, Claudius, Commodus [020] und Constantin. Die aufgefundenen Münzen aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus zeigten auf der einen Seite den Kopf des genannten Kaisers, auf der anderen Seite das Bild einer sitzenden und auf einen Stab sich stützenden Frau, daneben die Buchstaben S. C. (Senatus Consultu.) Die Münzen aus der Zeit des Kaisers Constantin zeigten auf der Vorderseite das Brustbild dieses Kaisers mit der Umschrift: „Constantinus Junior Nobilis Caesar“, auf der Rückseite zu beiden Seiten stehende, auf ihre Speere und Schilde gestützte römische Krieger in voller Rüstung mit der Umschrift: „Gloria Exercitus“. Zwischen den Kriegern waren zwei römische Kriegszeichen angebracht.

Über die hier gemachten Fundgegenstände hat Herr Rentamtmann Preusker eine besondere Schrift verfaßt mit dem Titel: „Beschreibung einiger bei Radeberg aufgefundenen Urnen mit unbekannten Charakteren. Halle 1828.“[Lit 1]

Münzen waren auch schon von dem Schloßmüller Senf am Schloßberge aufgefunden worden und zwar zu wiederholten Malen.

Das entdeckte unterirdische Gewölbe war ein Grabgewölbe und stammte noch aus den frühsten Jahrhunderten. Vielleicht hat es ehemals als Familienbegräbnis gedient. Praßer schreibt in seiner im Jahre 1869 verfaßten Chronik über das aufgefundene Grabgewölbe bei Radeberg folgendes:

„Man weiß wohl, daß die römischen Heere sowohl in den Zeiten vor, als nach Christi Geburt bis an die Elbe vorgedrungen waren; allein von einem Übergange derselben über dieselbe meldet die Geschichte nichts. Da sich jedoch die Römer nach den Niederlagen, die ihnen der Cherusker Hermann bereitet hatte, durchaus nicht auf die Dauer für überwunden ansahen, sogar von Zeit zu Zeit wieder festen Fuß in Deutschland gewannen, sich die Germanen tributpflichtig machten, und während ihrer Oberherrschaft Deutschland besetzt hielten; – ferner: obgleich die Römer Erbfeinde der Germanen waren, standen diese mit ihnen dennoch zeitweilig in gutem Einvernehmen und schickten z. B. ihre Jünglinge nach Rom, damit sie sich daselbst ausbilden sollten. Darum liegt es nicht fern, anzunehmen, daß die Römer wohl auch unter der Maske guter Freundschaft die zahlreichen Besuche der Deutschen in Rom hier erwiderten, indem ihnen ja dadurch die bequemste Gelegenheit geboten wurde, das Land und Volk auszukundschaften, um sich dadurch für spätere Kriege Vorteile zu sichern. Auch ist es wohl denkbar, daß einzelne Trupps von den jenseits der Elbe lagernden römischen Heeren herüberkamen, um unter dem Schutze von Wäldern und Schluchten, darin sie sich auch jene Gruft gebaut haben, ihren Kameraden einen Weg ausfindig zu machen.

Deshalb ist es nicht unbedingt nötig, daß man, wie Preusker meint, in der erwähnten Höhle eine Grabstätte der Deutschen erkennen muß, die solche nach römischem Schnitte anlegten, nach ihrer Gewohnheit, den Römern alles nachzuahmen. Mußten es ja auch nicht eben gefallene Helden, sondern es konnten im Frieden verstorbene Römer sein, die man daselbst bestattete; denn Schlachten und Kämpfe der Germanen mit den Römern diesseits der Elbe lassen sich geschichtlich nicht nachweisen.“ – (Praßer’s Chronik, Seite 29 u. 30.)

Das aufgefundene Grabgewölbe ist nach Preuskers Zeit leider der Vernichtung schonungslos preisgegeben worden. Es ist völlig verfallen, die Steine hat man hie und da verwandt, so daß das alte Grabgewölbe heute spurlos verschwunden ist. Heute würde es sicherlich eine Wallfahrtsstätte für Freunde des Altertums sein und zu den größten Sehenswürdigkeiten der Stadt Radeberg gehören. Nicht ausgeschlossen ist es aber, daß durch Zufall ein ähnlicher Fund am Schloßberge gemacht werden könnte. Hoffentlich werden dann einsichtsvolle Männer für Erhaltung desselben rechtzeitig Sorge tragen!

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5. Der Freudenberg in Radeberg.

Südlich vom ehemaligen Dresdner Tore der Stadt Radeberg liegt der uralte Stadtteil, der „Freudenberg“. Außer mehreren Gärten befinden sich gegenwärtig hier oben einige alte Scheunen, diesen gegenüber, nur durch einen marktähnlichen Platz getrennt, eine Reihe zweistöckiger Wohnhäuser und am westlichen Rande desselben die ehemalige Exerzierhalle aus der Zeit, da Radeberg noch Garnison war. (Bis 1879.) – Nach dem Rödertale zu fällt der Freudenberg ziemlich steil ab, und man überblickt von hier oben aus die ganze südwestliche Vorstadt, das sogenannte Fabrikviertel Radebergs, welches sich mehr oder weniger um den Bahnhof konzentriert.

Der Freudenberg ist eine geschichtlich denkwürdige Stätte. Hier oben war es, wo die Wenden eine ihrer ersten Niederlassungen gründeten und zwar schon um’s Jahr 500 nach Christi Geburt. Auf dem Freudenberge errichteten sie ihre Hütten und verwandelten die Höhe in eine Art Festung, die als Vorhut ihrer Ansiedelungen rechts der Elbe diente. Ihre Gründung sollen sie nach dem wendischen Sonnen- und Kriegsgotte Radegast genannt haben, woraus der jetzige Name der Stadt Radeberg entstanden wäre.

Nach neueren Forschungen habe der Ort aber erst im 12. Jahrhundert den Namen Radeberg erhalten. – Auf einem gegenüberliegenden Hügel, im Volksmunde als der „Wendische Kirchhof“ bezeichnet, bestatteten die Wenden ihre Toten. Hierselbst hat man seit Jahrzehnten zahlreiche Urnenfunde gemacht und auch andere wertvolle Gegenstände ausgegraben.

Mit der Zeit wurde diese Ansiedelung der Wenden erweitert. Man errichtete nordwärts vom Freudenberge neue Hütten, und der Mittelpunkt der wendischen Niederlassung wurde nach Jahrhunderten mehr oder weniger der jetzige Marktplatz der Stadt Radeberg. Nicht unmöglich wäre es, daß die ehemaligen Bewohner Altrabrigs und die des Freudenberges infolge gleicher Schicksalsschläge einen gemeinsamen Platz besiedelten, der sich da befand, wo heute der Mittelpunkt Radebergs liegt.

Wie die Volkssage berichtet, soll im frühen Mittelalter auf dem Freudenberge ein Kloster gestanden haben und zwar ein Nonnenkloster mit Namen Freydenberg. Eine Äbtissin desselben habe einst den Radeberger Handwerksinnungen [022] das zwischen der Probstmühle und der Herrenmühle gelegene Meisterwehr geschenkt. Sichere geschichtliche Nachrichten über das fragliche Nonnenkloster auf dem Freudenberge zu Radeberg sind leider nicht vorhanden. In welches Jahrhundert die Gründung fällt, wird nirgends berichtet, ebenso ist auch nichts über den Verfall des Klosters bekannt. Wenn ein Kloster hier oben gestanden haben sollte, dann könnte sein Verfall nicht etwa erst nach der Reformation geschehen sein; denn sonst würden wir sicher irgend welche Kunde darüber haben. Das Kloster ist jedenfalls lange Zeit vor der Reformation aufgehoben oder zerstört worden. Vielleicht ist es eine Beute des Krieges oder der elementaren Gewalten geworden. Überreste hat man bis heute noch nicht entdecken können. Das alte Kirchen- und Ratsarchiv der Stadt, welches wertvolle Urkunden enthielt, wurde am 18. Mai 1741 bei einem furchtbaren Brande Radebergs ein Raub der Flammen. Vielleicht hätten uns jene alten Schriften Aufschluß geben können.

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Alt-Radeberg: Das sogen. Fabrikgebäude um 1830.

Nicht unmöglich wäre es, daß das fragliche Kloster auf dem Freudenberge im Hussitenkriege vielleicht völlig zerstört worden ist. (Vgl. Nr. 3.)

Dazu erwähnt der „Mönch von Pirna“ eine Kapelle „Sankt Wolfgang“ auf dem Freudenberge, welche auf das ehemalige Vorhandensein eines Klosters hier oben hindeuten kann.

In der Chronik von Radeberg, geschrieben von Dr. Heinrich v. Martius im Jahre 1828, gedruckt in Bautzen bei Weller, heißt es wörtlich:

„Im Jahre 1430, wo Radeberg eine gar stattliche Festung gewesen sein mag, nahmen sie die Hussiten unter Anführung des Procopius, trotz der verzweifelten Gegenwehr der bewaffneten Bürger mit Sturm ein, steckten sie an, nachdem sie alles rein ausgeplündert und brannten sie bis auf den Grund aus.“

Der erwähnte „Mönch von Pirna“ schreibt hierüber folgendes:

„Radebergk, 2 meilen von Dresen an der schwarzen Reddir (Röder gemeint) bey Wache und Erkmannsdorf in Meisen, hat ein slos und Sankt [023] Wolfgangerkapell auf dem freudenbergen, ward von den Hussiten 1430 ausgebrannt“. –

Die Insassen des Klosters sind wahrscheinlich vor dem Herannahen der Hussiten geflohen, oder sie haben unter den brennenden Trümmern ihren Tod gefunden. Das Nonnenkloster wurde nicht wieder aufgebaut, und sein ehemaliges Vorhandensein fiel gar bald der Vergessenheit anheim, so daß uns heute nur noch die Sage dunkle Kunde hiervon gibt.

Noch vor 200 Jahren waren auf dem Freudenberge umfangreiche Gärten und Grasplätze vorhanden. Letztere dienten den Kühen der Stadt als Hutung. An die Gärten stießen die Stadtscheunen. Im Jahre 1713 ließen auf dem Freudenberge der Rittmeister Bruckmeyer und der in Königsee geborene Arzneilaborant Hausen mehrere weitläufige Gebäude aufführen, um die seit dem Jahre 1645 in Radeberg eingeführte Salpetersiederei in größerem Maßstabe zu betreiben, nachdem sie die landesherrliche Genehmigung hierzu eingeholt hatten. Grund und Boden gehörten der Stadt. Doch die beiden Herren hielten es nicht für nötig, den Grundeigentümer um die Bauerlaubnis zu fragen. Mit beispielloser Unverschämtheit ließen sie auch allen guten Rasen „500 Schritte im Quadrat“ ausstechen und umwühlen. Der Rat und die Bürgerschaft erhoben anfangs in aller Güte Einspruch gegen das Gebahren der beiden Männer. Man befürchtete auch für die nahen Stadtscheunen mit Recht ernstliche Feuersgefahr. Doch alle Vorstellungen waren vergeblich. Da kam es so weit, daß sich die Bürgerschaft am 20. September 1714 erhob. Der Gerichtsdiener schlug mit seiner Trommel Alarm. Die Bürger kamen hierauf auf dem Marktplatze zusammen und zogen, von dem „Amtssteuereinnehmer, dem Generalaccisseneinnehmer“, sowie einigen Beamten und Ratsmitgliedern angeführt, in großen Scharen nach dem Freudenberge, erstürmten die Siedehütten und machten sämtliche Gebäude dem Erdboden gleich. Seit jener Zeit hat die frühere Salpetersiederei in Radeberg ihr Ende gefunden. Auf dem Freudenberge entstanden nun wieder freundliche Bürgerhäuser, und er ist noch bewohnt bis auf den heutigen Tag.

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6. Ehemaliger Bergbau bei Radeberg.

In vielen Gegenden unseres Vaterlandes wurde vor Jahrhunderten Bergbau getrieben, so auch in der Umgegend von Radeberg. Daran erinnern noch heute verschiedene Namen. So nennt man eine Höhe zwischen Radeberg und dem nahen Augustusbad den Silberberg, der nach dem Tannengrunde zu ziemlich steil abfällt. Hier im Tannengrunde, in dem das idyllische Augustusbad liegt, waren im 16. Jahrhunderte mehrere Bergwerke im Gange und zwar vom Jahre 1548 bis 1582. Man trieb hier starken Bergbau auf Eisen, gold- und silberhaltiges Kupfer, auf Vitriol und Schwefel. Auch die Namen der damals gangbaren Gruben, die unter das Bergamt Glashütte gehörten, sind noch bekannt. So gab es hier ein Bergwerk „Sonnenglanz“, „Neue Gottesgabe“, „Sankt Peters-Zeche“, „Segen Gottes“ und „Unser lieben Frauen Empfängnis“. – Hie und da sind im Tannengrunde die Überreste alter Halden, Pingen, Schachte und Stollen zu erkennen.

Wann der Bergbau bei Radeberg eingestellt worden ist, läßt sich nicht bestimmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Bergbau hier nicht nach und nach eingegangen, sondern er hat urplötzlich sein Ende gefunden. Infolge von Kriegsunruhen und der auftretenden Pest war man gezwungen, den Bergbau im Tannengrunde plötzlich einzustellen. Man nimmt allgemein an, daß dies während des 30jährigen Krieges oder schon im Anfange des 17. Jahrhunderts geschehen sei. Um das Jahr 1600 wütete in der Stadt die Pest in geradezu verheerender Weise. – Daß der Bergbau hier urplötzlich sein Ende gefunden haben kann, schließt man aus den verschiedenen Gegenständen, die im 18. Jahrhunderte beim Durchforschen der alten Stollen und Gänge aufgefunden wurden. Man fand bei dieser Gelegenheit allerhand Bergmannsgerätschaften in großer Menge. Bei einem allmählichen Aufgeben der Bergarbeiten würden auch die Bergmannsgerätschaften nicht in so großer Menge aufzufinden gewesen sein. – Im Jahre 1553 wurde eine Schmelzhütte im Tannengrunde errichtet, von der man noch im Anfange des 19. Jahrhunderts Überreste aufgefunden hat. Nicht weit von dem Platze, welchen ehemals die Schmelzhütte einnahm, fand man beim Graben einen unversehrten Wasserbehälter aus Eichenholz, der drei Meter lang war. Daneben befand sich eingefallenes Ziegelgemäuer, ferner entdeckte man die Grundmauern von alten Feuerherden und Oefen, auch eine ansehnliche Halde „von Schlacken und gerösteten Erzen“, weshalb man annahm, und das wohl auch mit Recht, daß im Tannengrunde eine sogenannte Vitriolhütte gestanden habe. – In den Jahren 1716 und 1717 unterzog der damalige Bürgermeister der Stadt Radeberg, namens Seidel, die verfallenen Stollen und Gänge im Tannengrunde einer genauen Untersuchung. [025] Ja, er fing an, nachdem er vom Bergamte zu Glashütte die Erlaubnis erhalten hatte, die eingezogenen Bergwerke wieder in Betrieb zu setzen. Das geschah am 13. Februar 1717. Seinem Bau gab er den Namen „Sonnenglanz“. Doch den Bergbau stellte Seidel auch wieder ein, nachdem er statt Gold und Silber ein heilkräftiges Wasser in den alten Stollen entdeckte. Er hatte die Heilquellen des heutigen Bades Augustusbad aufgefunden. Im Tannengrunde entstand nun ein Bad. Seit jener Zeit sind die alten Bergwerke daselbst wieder in Vergessenheit geraten. Der Tourist, welcher durch den romantischen Tannengrund wandert, denkt wohl kaum daran, daß hier einstmals an den Talwänden lebhafter Bergbau getrieben worden ist. –

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Alt-Radeberg: Die Superintendentur um 1830.

Vom nahen Großerkmannsdorf kommt ein Bächlein. Dasselbe mündet unterhalb der Probstmühle in die Röder und führt den Namen „der Goldbach“. So gibt es bei Radeberg auch einen Goldbachteich. Nicht ganz unwahrscheinlich ist es, daß dieses Bächlein und der erwähnte Teich dem früheren Bergbau in der Umgegend von Radeberg die Namen verdanken.

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7. Die Radeberger Bürgerwehr.

Zu denjenigen Städten unseres Vaterlandes, welche allezeit treu zum angestammten Fürstenhause gestanden haben, zählt auch Radeberg an der Westgrenze der sächsischen Lausitz. Bei ausgebrochenen Landesfehden leisteten die Bürger dem Landesherrn vortreffliche Dienste und verhalfen diesem zu manch glorreichem Siege. Aus Dankbarkeit erhob darum der Markgraf Friedrich der Streitbare für ihre treuen Dienste die Stadt Radeberg in aller Form an der Mittwoch nach Lätare des Jahres 1400 zu einem Weichbilde und zur Festung.

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Er verlieh den Bürgern ansehnliche Stadtgerechtigkeiten. Dazu gestattete der Markgraf den Bürgern, die Stadt mit Mauern, Gräben und Toren zu versehen, darin zu kaufen und zu verkaufen, Handel und Wandel zu treiben, und zu üben, zu brauen und zu backen, Wein, Meth und Bier auszuschenken, Handwerke und Innungen zu haben, und freien Salzschank im Umkreise einer Stunde zu besitzen. – Die Stadt machte natürlich von dieser landesherrlichen Gnade auch den bestmöglichen Gebrauch. Sie erhielt eine starke Umfassungsmauer und einen breiten Graben. Reste davon sind bei der Stadtkirche und dem früheren Obertore bis heute erhalten geblieben. –

Nach dem Jahre 1400 wurde Radeberg eine gar stattliche Festung, versehen mit Mauern, Gräben, Brücken und Türmen. Dazu waren die Bürger in den Waffen von Jugend auf geübt. Militärische Übungen wurden fast täglich abgehalten, und alsbald entstand die sogenannte Bürgerwehr, eine militärische Vereinigung der Bürger. Jeder junge Bürger und Meister ward in damaliger Zeit angehalten, eine Hellebarde in die Rüstkammer des Rathauses zu liefern. Bei etwaigen Kriegsunruhen wurden den wehrhaften Bürgern aus dieser Rüstkammer die Waffen geliefert. Ein verpflichteter Rüstmeister oder Harnischmeister hatte die Aufsicht über die Rüstkammer, in der alle Waffengattungen aufbewahrt wurden. Gewöhnlich verwaltete der Rüstmeister, einer der angesehensten Bürger der Stadt, gleichzeitig das Amt eines Armbrustmachers, Werk- und Zeugmeisters.

Jeder Hauseigentümer war verpflichtet, eine völlige Bürgerrüstung in tauglichem Zustande zu halten. Diese Rüstung der Bürgerwehr bestand aus einer eisernen Sturmhaube, aus einem Brustharnisch, aus Arm- und Beinschienen, dazu aus den üblichen Waffen: Streitaxt, Streitkolben, Spieß, Flamberg, Armbrust. Diese genannten Ausrüstungsgegenstände bildeten das Heergeräte. Dasselbe erbte der jedesmalige Eigentümer des Hauses oder der nächste „Schwertmagen“, d. h. der nächste Anverwandte männlicher Linie. In späteren Zeiten wurde das Heergeräte unter die Söhne des Erblassers durch das Los verteilt.

Jede Abteilung der Bürgerwehr besaß ein eigenes Panier und wurde von einem Ratsherrn befehligt. Zu wiederholten Malen hat sich die Radeberger [027] Bürgerwehr rühmlichst hervorgetan, so auch in der Fehde zwischen dem Bischof Johann IX. von Haugwitz und den Erben des Bischofs Niklas II. von Carlowitz. Diese Fehde wurde von vielen als der Saukrieg bezeichnet, weil die Partei des Carlowitz dem Bischofe bei Wurzen nicht weniger als 700 Schweine wegnahm. Der damalige Kurfürst Vater August war über diese eigenmächtige Fehde nicht wenig entrüstet. Deshalb gab er der Bürgerwehr zu Dresden den Befehl, die Bergfestung Stolpen, wo sich der Bischof Johann IX. für gewöhnlich aufhielt, zu besetzen und den Bischof gefangen zu nehmen. Als die Dresdner anrückten, gesellte sich zu ihnen eine Abteilung der Radeberger Bürgerwehr, die nun gemeinschaftlich gegen die Bergfestung Stolpen zogen und hier Weihnachten 1558 ihren siegreichen Einzug hielten.

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Alt-Radeberg: Der Marktplatz um 1840.

Der damalige Kurfürst Vater August versäumte keine Gelegenheit, die Radeberger Bürgerwehr auszuzeichnen. Als am 8. April 1575 der deutsche Kaiser Maximilian II. in Dresden auf Besuch beim Kurfürsten weilte, mußte ein Teil der Radeberger Bürgerwehr nach der Residenz kommen, um vor der Kaiserlichen Wohnung Wache zu stehen. Auch im Jahre 1608 wurden vom Kurfürsten Christian II. zwanzig bewaffnete Bürger von Radeberg „in voller Rüstung und vollem Waffenschmucke, allenthalben wohlgeputzt“ nach der „Festung Dresden“ beordert, und dieselben mußten dort während der Monate Mai und Juni Ehrendienste tun. Für die Ausrüstung und Beköstigung hatte der Stadtrat zu sorgen. Die Kosten betrugen 181 Schock und 53 Groschen. (1516 Mk. 20 Pf.) – Alljährlich wurden damals die waffentragenden Bürger Radebergs von dem Amtshauptmann von Stolpen einer peinlichen Musterung unterzogen. Dabei hielt man Schau über den Heerfahrtswagen, der mit Bürgerpferden regelmäßig bespannt war. – Die Radeberger Bürgerwehr hat Jahrhunderte hindurch in Ehren bestanden und sich jederzeit des Wohlwollens und der Hochachtung des jeweiligen Landesfürsten erfreut. Ihre Uranfänge greifen bis in die Zeit des Faustrechtes zurück.

Aus der Bürgerwehr ging mit der Zeit die jetzige Schützengilde hervor, die sich rühmen kann, zu den ältesten in unserem Vaterlande zu gehören.

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8. Das Todaustreiben in Radeberg.

Den ältesten Bewohnern Radebergs ist in der Nähe der Stadt eine Wiese bekannt, die man früher allgemein als die „Totenwiese“ bezeichnete. Dieselbe erinnert an einen uralten Gebrauch der ehemaligen Bewohner Radebergs. Am

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Sonntage Lätare, dem früheren Totensonntage oder Frühlingsanfange, putzte das junge Volk ein Jahr um das andere eine große Puppe aus Stroh auf das Abenteuerlichste an. Diese Puppe zierte man mit Blättern und Kränzen von Wintergrün, ferner mit bunten Tüchern und Bändern, setzte ihr eine Flachshaube auf und steckte dann das Ganze auf eine lange Stange. Dieser Strohmann oder auch dieses Strohweib stellte den Tod dar. Nach beendigtem Nachmittagsgottesdienste versammelte sich alt und jung auf dem Marktplatze. Es bildete sich hier ein langer Zug, dem der angeputzte Strohmann vorangestellt wurde. An der Spitze standen ein Knabe und ein Mädchen, beide hatten eine ganz besondere Tracht angelegt. Der Knabe stellte den Winter dar, das Mädchen den Frühling. Nachdem der Zug sich also geordnet hatte, setzte er sich unter Sang und Klang in Bewegung. Dabei wurde fast fortwährend das Verschen gesungen:

„Nun treiben wir den Tod auß,
Dem alten Juden in seinen Bauch,
Dem jungen in den Rücken,
Das ist sein Ungelücke.
Wir treiben ihn über Berg und tieffe Thal,
Daß er nicht wieder kommen soll,
Wir treiben ihn über die Hayde,
Das thun wir den Schäfern zu Leyde.“

Der Zug bewegte sich durch sämtliche Straßen der Stadt, zuletzt zum Tore hinaus auf die Totenwiese. Hier angekommen, wurde die phantastische Strohpuppe von der jubelnden Schar in Stücke zerrissen. Die Fetzen warf man darauf in den Röderfluß, worauf dann alle Zugteilnehmer unter fröhlichen Gesängen wieder nach der Stadt zurückkehrten. Spät am Abende versammelte sich das lustige Völklein abermals auf dem Marktplatze, zog von hier mit langen Strohfackeln auf den Schloßberg oder auf eine andere nahegelegene Anhöhe und zündete hier diese Strohfackeln an. Verschiedene Lieder wurden dabei unter fröhlichem Lachen abgesungen, und am Schlusse warf man die brennenden Fackelreste auf einen Haufen und umtanzte jubelnd das lodernde Opferfeuer. Viele andere schwenkten während dessen brennende Reißigbündel über den Köpfen und sprangen tobend und lachend umher. Alle verweilten auf der genannten [029] Höhe bis spät in die Nacht. Endlich des Lärmens müde, kehrte man unter Anstimmung lustiger Gesänge heim. Man sang:

„Den Tod haben wir ausgetrieben!
Den Sommer bringen wir wieder!
Den Sommer und auch den Meyen!
Der Blümelein sind mancherleyen!“


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In späteren Jahren nahmen die Erwachsenen keinen Anteil mehr an diesem Spiele, da im Anfange des 18. Jahrhunderts das sogenannte Todaustreiben durch eine landesherrliche Verordnung allgemein untersagt wurde. Das Todaustreiben blieb von da an nur eine Unterhaltung der Straßenjugend und erhielt sich in dieser Form noch Jahrzehnte hindurch. Am 28. März 1745 fand dasselbe aber das letzte Mal statt. Damals hatte man den Strohmann in den Teich des Bürgermeisters Teichmann geworfen, der sich in der Nähe [030] der Röder auf der kalten Ruhe befand. Hier wuchs der giftige Wasserschierling in großer Menge (Cicuta virosa!) – Die Wurzel dieser Giftpflanze war von den Kindern für Pastinak gehalten worden, darum hatten nicht weniger als neun Schulknaben sie ahnungslos verzehrt. Fünf von ihnen starben kurze Zeit darauf unter den schrecklichsten Schmerzen. Infolge dieses Unfalles wurde das Todaustreiben als ein abergläubisches und unschickliches, ja gefährliches Possenspiel vom Magistrate und der Geistlichkeit der Stadt von nun an „für ewige Zeiten“ strengstens untersagt und zwar bei Androhung schwerer Strafe. –

Das Todaustreiben war ein uralter Überrest aus grauer Vorzeit und galt ursprünglich als das Frühlingsfest unserer heidnischen Vorfahren. Die riesige Strohpuppe sollte nicht etwa den Knochenmann Tod darstellen, sondern das Ende der ruhenden Natur, den glücklich überstandenen Winter. Bei dem Todaustreiben wollte das jubelnde Volk seiner Freude darüber Ausdruck verleihen, daß nunmehr der kalte Winter vorüber sei und der holde Frühling seinen Einzug halte. Bei Verbreitung der christlichen Religion wurde das altheidnische Frühlingsfest auf den Totensonntag, den Sonntag Lätare, verlegt.

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9. Der Pestkirchhof in Radeberg.

Neben dem alten Gottesacker in Radeberg liegt ein kleines Stück Land, das man im Volksmunde als den „Pestkirchhof“ bezeichnet. Hier wurden in früheren Jahrhunderten die an der Pest Verstorbenen begraben, die nach der Sitte jener Zeiten eine besondere Ruhestätte erhielten. Der Pestkirchhof erinnert an eine traurige Zeit, in der unsere Vorfahren von verheerenden Krankheiten heimgesucht wurden. Besonders wütete die Pest, oder auch der schwarze Tod genannt, in der Radeberger Gegend in den Jahren 1584 und 1585. Die Zahl derer, welche von der heimtückischen Seuche weggerafft wurden, belief sich auf Tausende. Damals verlor Sachsen auch seine wohltätige Landesmutter, die edle Kurfürstin „Mutter Anna“.

Im Jahre 1586 wurde, um der Pest den Eingang in die Stadt zu wehren, das frühere Stolpener Tor mit Brettern verschlagen. Dazu war hier eine Wache der Bürgerwehr aufgestellt, die Tag und Nacht auf dem Posten stand und jedermann den Eintritt in die Stadt untersagte. Doch trotz dieser Vorsichtsmaßregeln hielt die schreckliche Pest in der Stadt Radeberg ihren Einzug und forderte 1586 Hunderte von Bewohnern zum Opfer.

Zum ersten Male wütete die Pest in ihrer furchtbarsten Gestalt in der Radeberger Gegend im Jahre 1348. Sie trat damals als „bösartigstes, nervöses Faulfieber“ auf. Der Körper bedeckte sich gewöhnlich mit schwarz-blauen Flecken und Beulen, die in Brand übergingen. Noch nie hatte der Würgengel vernichtender unter der Menschheit gewütet. Der Tod trat bei den meisten Opfern schon nach 24 Stunden ein, spätestens aber nach drei Tagen. Mehr als 90 Prozent der Erkrankten starben. Allen Pestkranken wurde auf Befehl des Papstes Clemens VI. Ablaß verkündigt, der einzige Trost, welchen die Unglücklichen damals hatten. Helfende Arzneimittel kannte man noch nicht. Bis zum Jahre 1680 kehrte die Pest in der Radeberger Gegend öfters wieder, und der Schnitter Tod hielt oft eine reiche Ernte.

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10. Eine Erinnerung an den Vater des Dichters Langbein.

Radeberg, die Stadt an der Röder, ist der Geburtsort des Dichters und Schriftstellers Langbein. Der Vater desselben war hier Justizamtmann und lebt noch in der Erinnerung der ältesten Bewohner der Stadt und ihrer Umgegend. Im Jahre 1806, am 18. März, feierte dieser sein 50jähriges Amtsjubiläum und zwar unter allgemeiner Beteiligung der Bewohner Radebergs. Dasselbe gestaltete sich zu einem wahren Volksfeste. Wenige Monate darauf beging der rüstige Greis im engeren Kreise einiger Freunde am 22. Juni desselben Jahres seine goldene Hochzeit in Tharandt. Seine Lebensgefährtin hatte ihm 15 Kinder geboren, unter diesen den späteren Dichter und Schriftsteller, der am 2. Januar 1835 in Berlin starb. Ernst Ludwig Langbein überlebte beide Feste noch 18 Jahre in dem ungestörten Genusse vollster Lebenskraft. Merkwürdig ist der Umstand, daß sein Vater 1724 die Stelle als Justizamtmann in Radeberg erhalten hatte, der Sohn aber 1824 als Justizamtmann starb.

Im Jahre 1818 wurde der Justizamtmann Ernst Ludwig Langbein in den Ruhestand versetzt, während sein Vater ein Jahrhundert früher, also im Jahre 1718, als Aktuarius in Radeberg verpflichtet worden war.

Hochinteressant ist eine Begebenheit aus dem Leben des Vaters unseres Dichters, die an das Fabelhafte grenzt und eben darum verdient, allgemein bekannt zu werden. Der Justizamtmann Langbein wollte am 2. Dezbr. 1811 mit dem Amtssteuereinnehmer Müller in Amtsangelegenheiten nach Arnsdorf fahren. Zur Gesellschaft hatte er seine jüngste Tochter Wilhelmine mitgenommen. Auf der hohen, steinernen Brücke, die bei der sogenannten „Kalten Ruhe“ vor dem Pirnaer Tore über die Röder führt, stutzten die Pferde und wollten nicht mehr weiter. Unten an der Brücke spülten die anwohnenden Gerber Leder am Ufer der Röder. Offenbar scheuten die Pferde vor dem Geruche des Leders. Als nun der Kutscher durch einige kräftige Peitschenhiebe die Pferde zum Weitergehen antrieb, sprangen diese nach der entgegengesetzten Seite über das Brückengeländer. Von dem heftigen Anprall des Wagens gibt das hölzerne Geländer nach, und der Wagen stürzt mit den darinsitzenden vier Personen von der fast 5 m hohen Brücke hinunter in die Röder, doch so glücklich, daß der Wagen auf alle vier Räder zu stehen kommt. Die Insassen waren zum Tode erschrocken, nur der alte Justizamtmann Langbein bewahrte seine Ruhe und rief dem leichenblaß gewordenen und an allen Gliedern zitternden Kutscher, der starr auf dem Kutschbocke saß und sich nicht von [033] der Stelle zu rühren wagte, zu: „Nun, was sitzt Er denn da? Mache Er, daß wir fortkommen, hier können wir doch nicht stehen bleiben!“ –

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Den entsetzlichen Sturz hinab in den Röderfluß hatten mehrere Leute mit Grausen beobachtet. Dieselben sprangen eiligst herbei, um den Verunglückten Beistand zu leisten, doch war die Sache günstiger verlaufen, als man vermutete. Alle waren mit heiler Haut davongekommen, nur der Kutscher hatte eine leichte Verletzung am Knie erhalten. Von den Pferden war nur das Handpferd etwas am Kopfe verletzt. Auch der Wagen war noch ganz, nur die Deichsel war zerbrochen. Ein Wunder war hier geschehen. Man half den Insassen des Wagens ans Land, die dann wohlgemut zu Fuß wieder zurück nach dem Schlosse wanderten. Pferde und Wagen waren auch bald wieder glücklich ans Ufer gebracht und traten dann den Heimweg an. Die Reise nach Arnsdorf aber unterblieb für diesen Tag, sie mußte Umstände halber verschoben werden. Den Gerbern wurde infolge des Unfalles verboten, die Felle noch ferner in der Nähe der Brücke zu spülen. – Der Justizamtmann Ernst Ludwig Langbein starb, 91 Jahre, alt im Jahre 1824 zu Radeberg, tiefbetrauert von jedermann. Seinen Namen trägt heute eine Straße der Stadt, die Langbeinstraße.

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11. Ein Schreckenstag in der Geschichte der Stadt Radeberg.

Ein ewig denkwürdiger Tag in der Geschichte der Stadt Radeberg an der vereinigten Röder ist und bleibt der 13. Juli. An diesem Tage brach einst ein furchtbares Unglück über diese Stadt herein. Ein gewaltiger Brand suchte am 13. Juli 1714 Radeberg heim. Die ganze Stadt wurde damals ein Raub der Flammen, nur die einzelstehende Pastoratswohnung, das Pirnaische Torhaus, vier daranstoßende kleine Häuser, dazu zum Teil die Pirnaer und Dresdner Vorstadt blieben von dem verheerenden Elemente verschont. –

Der 13. Juli war in jener Zeit der 2. Landesbußtag. Im Vormittagsgottesdienste hatte der Oberpfarrer D. Siegismund Richter eine gar ernste Bußpredigt gehalten und den zahlreichen Zuhörern scharf und eindringlich ins Gewissen geredet. Er verglich die Stadt Radeberg mit Sodom und Gomorrha und schloß seine Predigt mit den Worten:

„Ihr werdet es erfahren, Gott wird noch mit Donner und Blitz dareinschlagen. Amen!“ –

Diese letzten Worte seiner Predigt sprach er mit kräftiger Stimme und begleitete sie mit einem gewaltigen Schlage auf den Rand der Kanzel. Auf alle Zuhörer hatte diese ernste Bußpredigt einen tiefen Eindruck gemacht, und sie bildete nach dem Gottesdienste das Tagesgespräch der Bewohner. Zum größten Schrecken derselben sollten die Worte des Bußtagspredigers schon nach wenigen Stunden in Erfüllung gehen. Abends gegen 8 Uhr zogen drohende Wetterwolken über der Stadt sich zusammen. Es wurde finstere Nacht. Blitze flammten auf und durchzuckten die Finsternis. Grollend rollte der Donner. Die Bewohner ahnten Schlimmes, dazu war ihnen die ernste Bußtagspredigt noch zu frisch im Gedächtnis. Kurz nach 8 Uhr folgten Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Gleichzeitig schlug es dreimal an verschiedenen Stellen der Stadt ein und zwar in das Rathaus, in ein Gebäude am Pirnaischen Tore und in ein solches am Markte. Der Blitz hatte gezündet. In wenigen Stunden stand die ganze Stadt in Flammen, da die Wohnhäuser in jener Zeit zumeist aus Holz aufgeführt waren. Zusammen wurden 108 Wohnhäuser, 15 Scheunen und viele Viehställe, die Malz- und Brauhäuser, die Gebäude am Schloßtore, am Ober- und am Dresdner Tore, die Schule, die Wohnungen des Archidiaconus und des Diaconus, dazu die Stadtkirche, welche kurz vorher einen ganz neuen Turm erhalten hatte und auf dem vier schöne und wohlklingende Glocken hingen, ein Raub der Flammen. Die Glut war eine so furchtbare, daß fast niemand dem Feuerherde sich nähern konnte,

[035] ohne in die größte Lebensgefahr zu kommen. An ein Löschen und Retten war unter solchen Umständen gar nicht zu denken. Die brennenden Schindeln der Dächer flogen, wie Augenzeugen berichten, bis in die nächsten Dörfer und brachten auch diesen eine große Gefahr. Die anfängliche Windstille ging in Sturm über, der heulend durch die Gassen fuhr und die Flammen förmlich vor sich her über und in alle Häuser der Stadt warf. Als ein wahres

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Alt-Radeberg: Die Kirche um 1830.

Wunder ist es zu bezeichnen, daß niemand in dem wütenden Feuermeere umkam. Nicht ein einziges Menschenleben war zu beklagen. Eine Frau, mit Namen Anna Büttner, hatte jedoch das Unglück, den Arm zu brechen. Sonst war niemand zu leiblichem Schaden gekommen. –

Die Aufregung der Bewohner war eine große. Das Jammern und Wehklagen wollte fast kein Ende nehmen. Der größte Teil der Bürger hatte Hab und Gut verloren und war an den Bettelstab gekommen. Als am anderen Morgen die Sonne aufging, beleuchtete sie kein blühendes Städtchen mit glücklichen Bewohnern mehr, sondern eine rauchende Trümmerstätte, an der die Radeberger standen und klagten. Sie gedachten dabei der Worte ihres ersten Predigers, die so schnell und unverhofft in furchtbarer Weise in Erfüllung gegangen waren. Dazu sahen sie, wie das Haus des Oberpfarrers unter denjenigen sich befand, die von den Flammen verschont geblieben waren. Deshalb erfaßte die unverständigen Leute eine wahre Wut gegen den Oberpfarrer, den sie allein für das schreckliche Unglück, von dem die Stadt betroffen worden war, verantwortlich machten. Sie schrieen ihn für einen Wettermacher, Brandstifter und Hexenmeister aus, rotteten sich zusammen, [036] zogen nach der Oberpfarre, belagerten diese und drohten, den ernsten Bußtagsprediger vom Tage vorher, zu steinigen. Doch gelang es noch zur rechten Stunde verständigen und einflußreichen Bürgern, die aufgeregte Menge zu beruhigen und den Oberpfarrer, welcher doch nur seine Pflicht getan hatte, vor Tätlichkeiten des Volkes zu schützen. Der Sturm der Aufregung legte sich, und Besonnenheit trat allmählich unter der verhetzten und törichten Menge ein.

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Alt-Radeberg: Die Bürgerschule im Jahre 1840.

Oberpfarrer D. S. Richter erlebte aber noch ein zweites Brandunglück der Stadt Radeberg. Nach dem Brande am 13. Juli 1714 entstand die Stadt auf den Trümmern allmählich von neuem und bekam ein freundlicheres Aussehen. Aber am 18. Mai 1741 entstand durch Verwahrlosung und Unvorsichtigkeit abermals ein großes Feuer, das wiederum fast die ganze Stadt in einen Schutt- und Aschehaufen verwandelte. Nur die Kirche, die Schule und 28 Häuser in den Vorstädten blieben vom Feuer verschont. Bei diesem zweiten Brande gingen leider auch die am 13. Juli 1714 geretteten Schriften und Urkunden des Kirchen- und Ratsarchives mit sehr wertvollen Manuskripten und anderen Denkmälern aus der Zeit bis vor Einführung der Reformation in Radeberg verloren.

Oberpfarrer D. Siegismund Richter, der am 13. Juli 1714 jene ernste Bußtagspredigt gehalten hatte, war von 1700 bis 1742 Pfarrer zu Radeberg. Über 60 Jahre hat er in verschiedenen Pfarrämtern gestanden und starb nach einer segensreichen Amtszeit in einem Alter von 87 Jahren und 5 Monaten. Er liegt in der Kirche zu Radeberg begraben.

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12. Das Gregoriusfest in Radeberg.
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Ein großes Freudenfest für die männliche Schuljugend Radebergs war in früheren Zeiten das Gregoriusfest. Dasselbe fiel in den Monat März und wurde eine volle Woche hindurch gefeiert. Aber schon Wochen vorher rüstete man auf diese Festtage. Die Knaben versammelten sich im Schulgebäude und zwar in der abenteuerlichsten Kleidung. So kamen die einen an als Soldaten, die anderen als Türken und Mohren, die dritten als Ritter und Bergleute, die vierten als fahrende Schüler. Von dem Schulhause aus zogen dann die Kinder unter Vorantragung einer eigenen Fahne mit ihren Lehrern in die Kirche. Mit dem Gesange: „Surrexit Christus hodie!“ marschierten sie um den Altar, von da dann vor das Pastorat. Hier wurde der Anfang des Gregoriussingens gemacht. Choräle und andere geistliche Lieder stimmte man hier an. Nachdem daselbst die nötigen Lieder abgesungen worden waren, bewegte sich der sogenannte „Gregoriusfestzug“ durch die ganze Stadt. Vor jedem Bürgerhause hielten die Zugteilnehmer an und brachten ihre Lieder dar. Eine volle Woche nahm das Gregoriussingen in Anspruch. Es wurde vom frühsten Morgen bis zum späten Abend gesungen, nur zu Mittag trat eine kleine Pause ein. Die Knaben eilten heim zum Mittagsbrot. Zwei Trommler riefen alsdann die Kinder wieder zusammen. Hatte man in der Stadt vor jedem Bürgerhause gesungen, dann bewegte sich der Festzug zuletzt auch hinaus nach Lotzdorf und Liegau.

Nachdem das Gregoriussingen zu Ende war, zogen die Knaben und ihre Lehrer unter Anstimmung des Liedes: „Nun danket alle Gott!“ nochmals durch die ganze Stadt bis zur Schule. Zwischen jedem Verse wurde getrommelt, die Fahne geschwenkt, dazu führten die Knaben allerlei Gaukeleien aus.

Im Jahre 1775 erfuhr das Gregoriussingen eine Einschränkung. Der neue Rektor Klemm untersagte den Knaben „die Possen und alles Gaukelspiel“. Seit jener Zeit hielten bloß die drei Knabenlehrer mit den Chorschülern den althergebrachten Umgang durch die Stadt. Es wurde vor den Bürgershäusern gesungen, und am Sonnabend Morgen fand der Singumgang sein Ende. Lehrer und Schüler versammelten sich noch einmal auf dem Kirchhofe, das Gesicht nach dem Schulhause gewendet. Hier wurden einige Lieder, [038] Choräle und Motetten gesungen. Dann traten einzelne Schüler und zwar ältere hervor und hielten kurze Ansprachen. Hierauf machten die Knaben Kehrt, und jeder ging nach Hause. In dieser Form erhielt sich der Singumgang noch viele Jahre hindurch bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die älteren Bewohner der Stadt können sich an den Gregoriusumgang noch sehr wohl erinnern, ja, viele von ihnen haben in ihrer Jugendzeit ihn selbst mitgemacht und gedenken gern jener Zeiten.

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Das Gregoriusfest in Radeberg.

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13. Wie die Heilquellen von Augustusbad bei Radeberg entdeckt wurden.

Im Gebiete des oberen Rödertales liegt das weithin bekannte „Augustusbad“, in dem alljährlich Hunderte Genesung suchen und auch finden. Die Heilquellen von Augustusbad haben seit fast zwei Jahrhunderten einen guten Namen und wurden seitdem von Kranken aus allen Ländern aufgesucht und gebraucht. Im idyllischen Tannengrunde ruht das freundliche Bad, umschattet von hundertjährigen Fichten und Tannen. In das Bad, das seitwärts von der Landstraße gelegen ist, dringt nicht das Lärmen der geschäftigen Welt. Wer nebenbei wahre Ruhe und stillen Waldesfrieden genießen will, dem ist zu raten, Augustusbad aufzusuchen, das nur ein halbes Stündchen von der Stadt Radeberg entfernt liegt und auf bequemen Wegen leicht zu erreichen ist.

Wie jedes Bad seine Entstehungsgeschichte hat, so auch das Bad Augustusbad bei Radeberg. Eigentümlich ist der Umstand, wie die Heilquellen hier entdeckt wurden.

Es war im Jahre 1714. Ein furchtbare Feuersbrunst legte am 13. Juli fast die ganze Stadt in Asche. (Siehe Nr. 11). Der damalige Rat der Stadt ließ in der Umgegend Untersuchungen anstellen nach geeignetem Baumaterial. Auch im Tannengrunde wurde das Erdreich daraufhin untersucht. Bruchsteine fand man am Freudenberge, Mühlberge, Schloßberge, in der Goldbach, Sand in großer Menge an der Pulsnitzerstraße, Backsteine und Dachziegel fertigte die Ziegelscheune der Stadt. Es fehlte nur noch an Kalksteinen. Daher durchforschte der damalige Bürgermeister Seidel, ein sehr erfahrener und kenntnisreicher Mineralog seiner Zeit, den Tannengrund. Er hoffte, hier das Gewünschte zu finden. Doch fand er keinen Kalkstein, dafür aber im Jahre 1716 einen eisenhaltigen Spat, der seine Aufmerksamkeit in anderer Hinsicht auf sich zog und ihn zu genauerer Untersuchung und zu weiteren Versuchen reizte. Ihm war bekannt, daß einst im Tannengrunde Bergbau getrieben worden war, den man aber im Jahre 1584 aufgehoben hatte. Daher trug er sich mit dem Gedanken, den Bergbau im Tannengrunde [040] wieder aufzunehmen. So untersuchte er denn jene alten Gruben und Stollen von neuem genauer und zwar bergmännisch. Zur Förderung des Unternehmens traten gleich anfangs mehrere Personen mit ihm in Verbindung. Allein durch mancherlei Schwierigkeiten abgeschreckt, welche sich dem Vorhaben entgegenstellten, und aus Furcht vor einem ungewissen Ausgange, zog sich einer nach dem andern zurück, so daß zuletzt Seidel und dessen Schwager Stelzer allein dastanden. Nur der von ihnen gedungene Bergsteiger Klemm hielt treulich bei den beiden Männern aus und wußte deren Mut zu erhalten. Voller Hoffnung und auf Gott vertrauend führten die drei Männer das begonnene Werk weiter. Bei Öffnung des Stollens strömte ihnen plötzlich starkes Gewässer entgegen. Weil aber alle drei Männer während des Schürfens Wunden an den Füßen bekommen hatten, so riet der erfahrene Steiger Klemm den beiden


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[041] anderen, die Berggewässer erst verlaufen zu lassen, weil diese vielleicht mit arsenikhaltigen Stoffen gemischt sein könnten, was dann Blutvergiftung zur Folge haben dürfte. Doch Seidel, zu begierig auf die zu hoffenden Entdeckungen, ließ sich nicht abhalten, sogleich in das geheimnisvolle Berginnere einzudringen. Er entkleidete sich und stieg mit männlicher Entschlossenheit in den Stollen. Seine Gefährten, um den kühnen Wagehals besorgt, folgten seinem Beispiele. Was der besorgte Bergsteiger Klemm befürchtet hatte, trat glücklicherweise nicht ein. Das frische Bergwasser brachte den Wunden Seidel’s vielmehr eine auffallende Linderung. Es wurden nun an den nächstfolgenden Tagen die Reinigung und Untersuchung des Stollens fortgesetzt. Mit Staunen sahen die kühnen Forscher ihre Wunden heilen. Die wohltätige Einwirkung der unbekannten Quellen war nicht zu verkennen. So hatte Seidel statt der erhofften Goldquelle eine Heilquelle entdeckt. Sofort regte sich in ihm der Gedanke, hier ein „Gesundbad“ anzulegen. Schon im Jahre 1719 führte er diesen Gedanken auch aus. Dazu legte Seidel in aller Stille eine eigene unterirdische Erwärmungsanstalt nach Glaubers Methode an. Maschinen beförderten das siedende Wasser zu Tage, so daß es von selbst warm hervorzuquellen schien, und dieser unschuldige Betrug war der Hauptmagnet, welcher von allen Orten und Enden viele Menschen anzog. Die unwissenden Leute staunten über die wundervollen Erscheinungen! Allerlei Kranke strömten herbei und suchten Heilung oder wenigstens Linderung ihrer Schmerzen, die sie dann auch fanden. Auch nach der nahen Residenz wurden viele Tausende Eimer des entdeckten Mineralwassers verschickt, und selbst der Kurfürst August der Starke bediente sich desselben zum Baden und Trinken. Der Entdecker der Heilquellen im Tannengrunde bei Radeberg nannte das errichtete Gesundbad nach dem Namen seines hohen Gönners, des Kurfürsten August II., Augustusbad, welchen Namen die Gesundquellen heute noch führen.

Weitere Heilquellen entdeckte hier im Tannengrunde im Jahre 1768 ein Bergknappe mit Namen Häcker, dann 1790 und 1803 der damalige Badeinspektor Winkler. Diese Heilquellen haben sich seit ihrer Entdeckung bis zur Gegenwart voll und ganz bewährt.


14. Der Lampertswald.

Östlich von Augustusbad, nur durch die Landstraße getrennt, welche Radeberg mit Wachau und Seifersdorf verbindet, breitet sich ein umfangreiches Waldgebiet aus. Dasselbe erstreckt sich östlich bis an die Pulsnitzer Straße, nördlich bis Leppersdorf und südlich fast bis an das Vorwerk Friedrichsthal. –

Der Lampertswald steigt von Westen sanft nach Osten an und findet im Spitzberge, der 300 Meter über dem Spiegel der Ostsee liegt, seine höchste Erhebung. Von dort aus schweift das Auge über ein landschaftlich reizendes Bild. Am südlichen Fuße des Spitzberges breitet sich das idyllisch gelegene Vorwerk Friedrichsthal aus. Nach Süden hin überblickt man in seiner ganzen Ausdehnung die gewerbfleißige Stadt Radeberg. Nach dieser Richtung zu schweift das Auge bis an die Höhen bei Pillnitz. Man überblickt die Hochebene von Schönfeld, die ihren Abschluß im Porsberge bei Pillnitz findet. Aus dem Hintergrunde dieser Hochebene grüßen die Höhen des östlichen Erzgebirges herüber. Nach Westen zu schweift das Auge über die Langebrücker Heide, nach Norden hin wird die Aussicht durch den aufragenden Wald gehemmt. Doch überblickt man nach Nordosten und Osten hin einen großen Teil der westlichen

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Lausitz Sachsens. Da grüßen aus der Ferne der turmgekrönte Schwedenstein bei Obersteina-Pulsnitz, der sagenumwobene Sibyllenstein bei Elstra, der Valtenberg bei Niederneukirch-Bischofswerda. Das Auge überschaut das weitausgedehnte Waldmeer der Masseney. Von Südosten herüber grüßt die althistorische Bergfestung Stolpen. Wer ein Freund von Gottes schöner Natur ist, der wird immer und immer wieder seine Schritte nach dem Spitzberge lenken, zu dem von Augustusbad aus verschiedene Wege um und durch den herrlichen Lampertswald führen. Zu jeder Zeit des Jahres ist eine Wanderung durch diesen Wald höchst anziehend, sei es im Winter, wenn alles tief verschneit ist und die ernsten Bäume im schönsten Winterschmucke prangen, sei es im Frühlinge, wenn das Leben im Walde von neuem erwacht, oder sei es im Hochsommer, wenn der Wanderer gern des Waldes Kühle aufsucht. An einem Wege, der nach dem Spitzberge führt, findet man fast mitten im Lampertswalde ein einfaches Denkmal, das folgende Inschrift trägt:

„Dem treuen Hüter dieses Waldes.
Johann Traugott Görner.
† 1885“

Der Lampertswald ist auch ein Heimgarten der Frau Saga. Hier lauscht und flüstert sie seit Jahrhunderten und weiß zu berichten, daß einst hier im stillen Waldesgrün ein stattliches Dörflein stand. Dasselbe soll den Namen Lampertswalde getragen haben. Längst aber ist es im Kampf und Streit untergegangen. Seine Trümmer haben Moos und Heidekraut verhüllend umschlungen. Nicht unmöglich ist es, daß man beim Nachgraben auf Mauerreste stoßen könnte. Lampertswalde ist jedenfalls im Hussitenkriege verwüstet worden, wie noch so mancher Ort in seiner Nähe, z. B. Diensdorf bei Seifersdorf, Rudigersdorf in der Masseney, Reinhardtswalde oder Ludwigsdorf im Karswalde bei Arnsdorf, Rottwerndorf bei Großerkmannsdorf. Die Bewohner fanden sicherlich den Tod im Kampfe um den heimischen Herd, oder sie flüchteten in die umliegenden Wälder. Man baute den verwüsteten Ort nicht wieder auf, und bald hatte der Wald sich da ausgebreitet, wo einstmals glückliche Menschen wohnten.

Wer die Sprache des Waldes versteht, der wird in seinem Rauschen so manches vernehmen. Da erheben sich im Vollmondschein zur Mitternacht kleine, strohbedeckte Hütten um einen freien Platz. In der Mitte desselben plätschert der Dorfbrunnen. Hierher kommen am Abende die Mädchen, um Wasser zu schöpfen und – um zu plaudern. Unter einer alten Linde, die weitaus ihre Äste breitet, sitzen die Männer und halten wichtige Beratungen ab, oder sie lauschen den Erzählungen eines Greises. In einiger Entfernung tummeln sich die Kinder in fröhlichem Spiele. Vor den Türen der Hütten stehen die Frauen und schauen dem lustigen Treiben ihrer Kinder zu.

Das Rinnsal, welches einst mitten durch den Lampertswald floß und den [043] romantischen Tannengrund, in dem das liebliche Augustusbad ruht, als munteres Bächlein durcheilt, um sich bei Liegau der Röder in die Arme zu werfen, haben wir uns als den ehemaligen Dorfbach von Lampertswalde zu denken, dessen Quelle wahrscheinlich der Dorfbrunnen war.[4]

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Auch noch eine andere wüste Mark enthält der Lampertswald. Einen Teil desselben bezeichnet der Volksmund als die Hilgerswiesen. Hier soll in früheren Jahrhunderten ebenfalls ein Dorf gestanden haben, das den Namen „Hilgersdorf“ getragen habe.

Den Lampertswald nennt man gewöhnlich auch „die Landwehr“. Jedenfalls ist der letztere Name die Verstümmelung, die aus dem Worte Lampertswald entstanden ist. In dem Worte Lampertswald finden wir versteckt den Namen Lampert oder Lamprecht, also einen Personennamen. Am östlichen [044] Rande des Lampertswaldes liegt das freundliche Kirchdorf Leppersdorf. Man vermutet, daß in dem Worte Leppersdorf der Name Lampert leis hindurchklinge, ob freilich diese Ansicht berechtigt ist, das bleibe dahingestellt. –

Vielleicht ist Lampert oder Lamprecht der Gründer des sagenhaften Dorfes Lampertswalde gewesen. Als frommer Einsiedler mag er hier sein Hüttlein im grünen Walde unfern des Spitzberges aufgeschlagen haben, von wo sein Auge weit in das umliegende Land schweifen konnte. Zu „Lampert im Walde“ werden andere Ansiedler gekommen sein, die ebenfalls ihre Hütten hier aufschlugen. Mit der Zeit entstand ein Dörflein. Der neuen Ansiedelung gab man zur Erinnerung an den ersten Bewohner derselben den Namen Lampertswalde. Dieser Name ist trotz des Wechsels der Zeiten bis auf den heutigen Tag in der Bezeichnung jener Waldfläche, die sich zwischen Augustusbad und Leppersdorf ausbreitet, erhalten geblieben.


15. Die wüste Mark Diensdorf.

Wenige Minuten nördlich von Grünberg bei Radeberg entfernt liegt ein kleiner Ort, Diensdorf genannt. Im Jahre 1839 zählte derselbe acht selbständige Besitzungen und zwar ein Erbgericht, eine Schenke, fünf Gartennahrungen und ein Haus jenseits der Röder. Über vierzehn Jahre alte Einwohner hatte der Ort damals neunundzwanzig. Ackerbau und Leinweberei waren deren Hauptnahrungszweige. –

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Zwischen Ottendorf und Seifersdorf befindet sich eine größere Feldfläche, welche den Namen die „Diensdorfer Felder“ führt; dieselben gehören teils den beiden Rittergütern Grünberg und Seifersdorf, teils Einwohnern von Grünberg, Ottendorf und Hermsdorf. Wie nun die Sage berichtet, habe vor Jahrhunderten Diensdorf da gelegen, wo heute sich die „Diensdorfer Felder“ befinden. Der Ort sei einst sehr groß und nach Seifersdorf eingepfarrt gewesen, wohin die Diensdorfer noch Mitte des 19. Jahrhunderts sogenannten Decem zu entrichten hatten. Das frühere Diensdorf soll im Jahre 1430 von den fanatischen Hussiten vollständig verwüstet und dem Erdboden gleichgemacht worden sein. Die meisten Bewohner wären bei diesem Kampfe um den heimischen Herd, um Weib und Kind, gefallen. Die noch Überlebenden mochten nicht mehr an der Stätte des Jammers wohnen, sie verkauften Grund und Boden und siedelten sich „der Sicherheit wegen“ näher bei Grünberg an. Zur Erinnerung aber an das im Hussitenkriege untergegangene Dorf führt die Stätte, da einst das frühere Dorf Diensdorf stand, noch heute den Namen „die Diensdorfer Felder“.

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16. Das Rittergut Kleinwolmsdorf bei Radeberg.
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Denkstein an der Flurgrenze zwischen Kleinwolmsdorf und Großerkmannsdorf.

Am östlichen Eingange von Kleinwolmsdorf, eines freundlichen Kirchdorfes bei Radeberg, liegt ein Rittergut. Dasselbe trägt den Namen des nahen Dorfes, von dem es nur durch das Tal der Schwarzen oder Kleinen Röder getrennt ist. Es ist das Rittergut Kleinwolmsdorf eine alte Besitzung und zwar ein sogenanntes schriftsässiges Rittergut. Seine Gründung fällt um’s Jahr 1200. Es soll früher ein Vorwerk des großen, später zerlegten Radeberger Kammergutes gewesen sein. Bis zum Jahre 1659 gehörte das Rittergut Kleinwolmsdorf dem Landesherrn, wurde aber im genannten Jahre von diesem verkauft und kam in außerfürstlichen Besitz.

Auf dem ehemaligen Vorwerke Kleinwolmsdorf haben von altersher die Herren Cuchinmeyster, d. h. Küchenmeister, gewohnt. Dieselben versahen bei den Sächsischen Herzögen und Kurfürsten entweder die Stelle eines Oberküchenmeisters, bez. Speisemeisters, oder sie führten nur dessen Titel. Der Titel Küchenmeister war eine ehrende Auszeichnung, und stolz konnten diejenigen sein, welchen der hohe Landesherr diese zukommen ließ. Die Küchenmeister von Kleinwolmsdorf standen in gar großem Ansehen. Der bekannteste unter ihnen ist Herr George Ernst von Döhlau, der am 19. Dezember 1656 aus der Reihe der Kurfürstl. Sächs. Kammerjunker berufen ward, die Stelle eines Oberküchenmeisters am Kurfürstlichen Hofe zu Dresden einzunehmen. 24 Jahre hindurch hat er die ihm übertragene Stelle und Würde behauptet und mit Ehren verwaltet und durchgeführt. Das ihm bei Übernahme dieser Stelle zugesicherte Einkommen war nach damaligen Verhältnissen ganz ansehnlich. Ihm wurden jährlich „auf seinen Leib“ 4 Pferde zugeschrieben, außerdem 3 Diener, für seinen persönlichen Dienst ein Äquivalent von 1000 Talern, „für ihn, einen Schreiber und einen Jungen die Kost am Hofe“. – Bis auf das bare Geld scheint Döhlau auch alles erhalten zu haben. Bares Geld hatte damals einen bedeutend höhern Wert als heutzutage. Es war ja sehr selten zu haben. Der damalige Kurfürst Johann Georg II. sieht sich darum veranlaßt, seinem treuen Diener 1659 an Stelle der baren Besoldung das Vorwerk und Küchengut zu Kleinwolmsdorf „an der kleinen Redern bei Ragebergk“ in Lehn und Erbe zu geben. Der hierüber ausgestellte Lehnsbrief stammt vom 25. Juli 1656. – Herr v. Döhlau war ein Mann von großer Umsicht, Tatkraft, Geduld, von großem Geschick und großer Festigkeit. Der 30jährige Krieg war auch für das Küchengut Kleinwolmsdorf in mannigfacher Hinsicht verderblich gewesen. Herr v. Döhlau verstand es aber, die ehemalige Ertragsfähigkeit der Teiche, des Waldes, der Wiesen und der Felder [046] wieder herzustellen. Unter ihm blühte das Rittergut Kleinwolmsdorf sichtlich empor. Weithin war Herr v. Döhlau bekannt unter dem Namen: „Der neue Wolmsdorfer Herr.“ Im Herrenhause des Schlosses zu Wolmsdorf entfaltet Herr v. Döhlau ein Leben, wie es seiner Stellung und dem Geschmacke und Luxus jener Zeit entsprach. Wagen vom kurfürstlichen Vorwerk Kleinwolmsdorf, welche Jagdbeute, die Erträgnisse der Fischerei oder Früchte an den Hof nach Dresden führten, traf man zu jener Zeit wiederholt auf dem Wege nach Dresden über Großerkmannsdorf, Ullersdorf, Bühlau, Loschwitz. Den Ort Weißer Hirsch gab es damals noch nicht. – Der neue Wolmsdorfer Herr ritt immer eins der schönsten Pferde des kurfürstlichen Marstalles. Dem Herrn v. Döhlau voran sprengte stets ein Diener in der neuen, geschmackvollen Hoftracht auf mutigem Rosse, um die Bahn freizuhalten. Zwei wohlbewehrte Diener folgten ihrem Herrn und zwar hoch zu Roß.

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Das Schäfereigebäude des Rittergutes Kleinwolmsdorf.

Diese Begleitung war damals nicht nur durch die Hofsitte geboten, sondern mehr noch durch die Notwendigkeit. Der Weg durch die Heide war nicht immer gefahrlos. Zwischen der Dresdner Heide und dem Karswalde und der Masseney bei Arnsdorf wechselte in förmlichen Herden das Hochwild, dazu waren Wölfe damals keine seltene Erscheinung. Auch allerhand Gesindel machte die Gegend unsicher. – Als Küchenmeister hatte Herr George Ernst v. Döhlau für die kurfürstliche Küche zu sorgen, außerdem den Landesherrn bei Jagden und Fischfesten in der Umgegend von Radeberg zu bewirten und zu beherbergen, und sehr oft haben die Landesherren bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts Einkehr im Herrenhause zu Kleinwolmsdorf gehalten. Der erwähnte Küchenmeister Herr George Ernst v. Döhlau starb im Jahre 1683. In der Familiengruft unter dem Altarplatze der Kirche zu Kleinwolmsdorf liegt er begraben und ruht darin noch heute. – Bei seiner Beisetzung wurden sein kunstreich geschnitztes und gemaltes Familienwappen (3 silberne Fische auf blauem Grunde), sowie sein Degen und zwei schwarze, mit goldenen Inschriften versehene Fahnen in der Nähe der Kanzel aufgehängt und eine den Verstorbenen betreffende Inschrift darunter angebracht. – Wo er so gerne weilte, wollte [047] er auch im Tode sein. – Im Besitze derer v. Döhlau blieb das Rittergut bis zum Jahre 1725. Die Besitzer wechseln nun vielfach. Es werden folgende Besitzer genannt: v. Gaultier, Christian Fr. Schlötter, Christian Gotthelf v. Gutschmidt, der den heutigen Felixturm bei Wallroda erbauen ließ, Felix Freiherr v. Gutschmidt, Christian Fr. Just, Dr. Minckwitz aus Pulsnitz, unter dem ein gar großer Teil des Gutes parcelliert und verkauft ward, Johann Gotthelf Hübner, Joh. Fr. Gotthelf Zänker, 1870–1871 Philipp, 1871–1883 Kammerherr v. Beust und dessen Sohn Freiherr von Beust, 1883–1890 Suhle, 1890–1898 Amtsrat Braune und von 1898 bis zur Gegenwart Herr Gustav Georg Fleischer, der vorher mehrere Jahre hindurch Pachter des Rittergutes gewesen war.

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Jahrhunderte alte Röderbrücke in Kleinwolmsdorf.
(Im Hintergrunde das Herrenhaus des Rittergutes.)

An die herrschaftlichen Gebäude des Rittergutes stößt ein schattiger, im englischen Geschmack angelegter, parkähnlicher Garten, der von einer hohen Mauer rings umgeben ist. An der östlichen und südlichen Parkseite vorüber führt der Fahrweg nach dem Dorfe über zwei uralte Brücken, welche die Röder und einen Abzweig derselben, den Mühlgraben, überspannen. Romantisch ist die Lage des schloßartigen Herrenhauses nach Westen hin oder nach dem Rödertale zu. Die Gebäude sind auf steilen Granitfelsen aufgeführt und von hohen Bäumen beschattet. – Südöstlich vom Rittergute liegen die Hofehäuser, gegen 20 Gebäude mit ungefähr 100 Einwohnern. Die Hofehäuser gehörten noch im Jahre 1839 zum Rittergute, auf dessen ehemaligem Grund und Boden sie stehen. Sie bildeten mit diesem eine Gemeinde mit eigener Gerichtsbarkeit. Infolge des neuen Heimatgesetzes wurden die Hofehäuser oder die Hofgemeinde mit der Kleinwolmsdorfer Gemeinde links der Röder, der sogenannten Amtsgemeinde, zu einem Heimatbezirke mit einer gemeinschaftlichen Armenkasse vereinigt. Amtsgemeinde und Hofgemeinde traten zu einem einzigen Gemeindeverbande zusammen, wodurch die Hofgemeinde auch Anteil an den ziemlich umfangreichen Besitzungen der bisherigen Amtsgemeinde erhielt und dagegen sämtliche Gemeindelasten mitzutragen übernahm. –

[048] Zum früheren Vorwerke Kleinwolmsdorf, dem jetzigen Rittergute, gehörten schon im Jahre 1349 nach einer alten Urkunde die Dörfer Wolmsdorf, Häslich, Wallroda, Arnsdorf, Rudigersdorf (jetzt wüste Mark in der Masseney), Erkmannsdorf, etliche Grundstücke von Groß- und Kleinröhrsdorf. Im Erbbuche des Gerichtsamtes Radeberg vom Jahre 1551 heißt es:

„Dieser Dörfer Einwohner haben vor Zeiten neben andern der kleinen Pflege-Dorfschaften das Vorwergk zu Wolmisdorff mit aller Notdurft, wie sichs gehöret, beschicken müssen. Als es aber den 2. Juni Anno 1558 von unserm gnädigsten Herrn vererbet, sind ihnen besagte Dienste an ein gewisses Geld geschlagen worden. Obwohl nun wiederum die Leute mit solchen Diensten gegen Ostra gewiesen, so muß doch der Verwalter dieses Ortes jährlich solch Dienstgeld einantworten.“

Im Jahre 1604 hatte nach dem Copialbuche des Kgl. Sächs. Haupt-Staats-Archivs das Rittergut Kleinwolmsdorf folgende Allodialbesitzungen:

„Arnsdorf, das wüste Dorf Reinhardtswalde, einige Fluren in Radeberg, Wallroda, Lotzdorf, im Amte Stolpen 2 Zinswiesen, Kleinerkmannsdorf, Wiesen in Fischbach und Wilschdorf, Grundstücke in Groß- und Kleinröhrsdorf, ein wüstes Gut in Wallroda außerhalb des Dorfes, Straußens Gut genannt, das den 1. Mai 1605 zu Wolmsdorf kam.“ –

Zum Rittergute wurde das ehemalige Vorwerk Kleinwolmsdorf am 4. Januar 1665 unter dem damaligen Besitzer George v. Döhlau durch kurfürstlichen Spruch umgewandelt „für alle Zeiten“, dazu schriftsässig mit aller Ober- und Untergerichtsbarkeit für die ganze Pflege belehnet. –

Auf dem Rittergute Kleinwolmsdorf wurde früher bedeutende Schafzucht getrieben. Seit Jahren hat man aber die Zucht aufgegeben, da verschiedene Grundstücke nach und nach an Privatpersonen verkauft wurden und auf diese Weise mit der Zeit Mangel an genügender Weide eintrat. Doch die ehemalige Schäferei, ein großes, umfangreiches Gebäude, ist noch vorhanden. Eine große Schäferei des Rittergutes stand auch auf dem Schafberge bei Wallroda, den heute der Felixturm krönt. Der Berg trägt zur Erinnerung noch heute diesen Namen. – Das Rittergut Kleinwolmsdorf hatte ehemals auch eine eigene Försterei. Die umfangreichen Waldungen, welche vordem zu dieser Besitzung gehörten, wurden von einem Förster oder Jäger beaufsichtigt, die frühere Jägerwohnung, das alte Forsthaus des Rittergutes, ist noch gegenwärtig vorhanden. –


17. Der Lange Teich bei Kleinwolmsdorf.

Es war im Jahre 1429. Die Hussiten, jene fanatischen Mordbrenner, wüteten im Meißner Lande. In unmittelbarer Nähe von Helmsdorf bei Stolpen hatten sie ein befestigtes Lager hergerichtet, von dem Gräben und Dämme bis heute erhalten sind. Von hier aus beunruhigten die Hussiten die weiteste Umgegend. Manches Dorf brannten sie nieder, das nicht wieder aufgebaut wurde und seitdem in Trümmern liegt. So zerstörten sie auch das im großen Karswalde bei Arnsdorf gelegene Kirchdorf Reinhardtswalde, von dem heute nur noch der Name erhalten ist. Verhüllend haben Moos und Heidekraut die wenigen Trümmer überzogen.

[049] Von Reinhardtswalde aus wollten die Hussiten nach dem benachbarten Arnsdorf und dieses in Brand stecken, doch hinderte sie beim Vorwärtsdringen ein seeartiger Teich, der von der heutigen Arnsdorfer Mühle bis hinab nach Kleinwolmsdorf reichte. Dieser Teich war tief und sehr umfangreich. Nur auf einem großen Umwege konnten die Hussiten nach Arnsdorf gelangen. Unterdessen war Befehl eingetroffen, welcher die Hussiten in’s Hauptlager bei Helmsdorf zurückrief. So war Arnsdorf gerettet; denn bald darauf brachen die Hussiten von ihrem Lager auf und zogen eiligst ostwärts.

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Jener seeartige Teich hieß „der Lange Teich“. Derselbe soll im 13. Jahrhunderte von den Markgrafen zu Meißen, denen Kleinwolmsdorf zugehörte, angelegt worden sein. Jahrhunderte hindurch bildete er einen hochschätzbaren Teil unter den Besitzungen des Rittergutes „Wolmsdorf“, dem Grund und Boden jetzt noch zum größten Teile zugehört.

Der Lange Teich nahm das ganze Wiesental ein, welches sich von dem Rittergute zu Kleinwolmsdorf bis weit hinauf über die Arnsdorfer Mühle erstreckt und von der Kleinen oder der Schwarzen Röder durchflossen wird. Die Kleine Röder führte dem Langen Teiche das nötige Wasser zu und bildete auch den Abfluß dieses Teiches. Seinen Abschluß fand der Lange Teich in der Nähe des Kleinwolmsdorfer Rittergutes. Dort befindet sich noch jetzt ein ungefähr sechs Meter hoher Damm, der ehemalige Teichdamm, welcher quer durch den Wiesengrund sich zieht.

[050] In früheren Jahrhunderten legte man in wässerigen Niederungen, um von denselben nach den damaligen Verhältnissen den bestmöglichen Ertrag zu erzielen, Teiche an. Es bestand zu jener Zeit manches tiefliegende Bauern- und Rittergut zum größten Teile aus Teichen. Auch die Bischöfe drangen in ihren Besitzungen auf Anlegung von Teichen und ließen auch auf eigene Kosten Teiche bauen; denn man bedurfte in den Fastenzeiten der Fische. Darum bildete die Fischzucht in jener Zeit einen bedeutenden Erwerbszweig der Grundbesitzer, dazu gewährten die Teichbauten und Ausbesserungen der Teiche vielen Bewohnern des Landes Arbeit und Unterhalt.

Der Lange Teich war noch im Anfange des 19. Jahrhunderts über 100 Acker oder 50 ha groß, ist früher aber bedeutend größer gewesen. In seiner Mitte befand sich eine größere, bewaldete Insel, zu der man auf Kähnen gelangte. Auf dieser Insel wurden in früheren Zeiten allerhand Vergnügungen und Belustigungen abgehalten.

Unter den vielen Teichen, welche einst zu dem Rittergute Kleinwolmsdorf gehörten, war der Lange Teich der vorzüglichste. In ihm gediehen die Fische am besten. Der Teich stand unter Aufsicht und Verwaltung eines kurfürstlichen Fischmeisters, der in Kleinwolmsdorf seinen Sitz hatte. Aller zwei Jahre wurde der Lange Teich gefischt. Viele Wochen vorher schon ward er gezogen und bedurfte sorgfältigster Überwachung während dieser Zeit. Das Fischen selbst nahm mehrere Tage Zeit in Anspruch und lockte aus der weitesten Umgegend Hunderte, ja Tausende von Zuschauern herbei. Gegen 300 Fischer waren auf dem entwässerten Teichbette tätig, um die Fische zu sammeln. An den Ufern herrschte reges Leben. Hier wimmelte es geradezu von Zuschauern. Wagen waren in langen Reihen aufgefahren, um die Fische nach ihrem Bestimmungsorte zu bringen. Diese Wagen, welche den Transport der Fische zu besorgen hatten, mußten die Lehngerichtsgüter des Radeberger Amtes stellen. In der Teichschenke, welche am Damme stand, und in der gewöhnlich auch der Fischmeister wohnte, war an solchen Tagen kein Platz zu haben, so groß war das Gedränge. Hier wurden auch damals die berühmten und weithin bekannten Fischfeste gefeiert, zu denen aus stundenweiter Entfernung die Leute herbeiströmten, um des Teichwirtes Braunbier und Fische zu kosten. Da herrschte hellster Jubel viele Tage hindurch für jung und alt. Wer es ermöglichen konnte, der stellte sich ein. Im Freien mußten freilich die meisten Gäste lagern. Sie waren dann oft noch froh, ein passendes Plätzchen gefunden zu haben. Zelte und Buden waren auf den angrenzenden Wiesen aufgeschlagen, um den vielen Festteilnehmern notdürftigen Unterschlupf zu gewähren. Bei solchen Fischfesten erschien oftmals auch der Landesfürst, der dann im Rittergute Kleinwolmsdorf mehrere Tage Quartier nahm und vom sogenannten „Küchenmeister“, dem kurfürstlichen Verwalter des Rittergutes, bewirtet werden mußte. Gewöhnlich wurden dann auch große Jagden in den umliegenden Forsten abgehalten und gleichzeitig berühmte Jagdfeste gefeiert. Das waren dann Tage, an welchen lebhaftes Treiben im Rittergute herrschte. Das letzte Fischfest wurde im Jahre 1814 abgehalten.

In dem Langen Teiche gab es außer allerhand Fischen auch viele Fischottern, die jedes Jahr zu einer gewissen Zeit gefangen wurden. Die Leitung der Fischotterjagd war einem bestimmten Manne übergeben, den man den Fischotterjäger nannte. Zu dieser Jagd brauchte der Fischotterjäger viele Leute, sogenannte Hilfsmannschaften, die er aus den umliegenden Dörfern erhalten mußte; selbst das entfernte Großröhrsdorf hatte solche zu stellen, wenn der Fischotterjäger es befahl. Vielfach kaufte man sich von dieser Arbeit mit [051] Geld los, was dem Fischotterjäger auch recht war und ihm manchen harten Taler einbrachte.

Im Jahre 1776 kam das Rittergut Kleinwolmsdorf in den Besitz des „Kurfürstlich Sächsischen Kabinetsministers und Staatssekretärs Christian Gotthelf von Gutschmidt“. Vom damaligen Kurfürsten Friedrich August erhielt er den Langen Teich als Geschenk, weil er, wie die Sage erzählt, in Gegenwart des Landesherrn diesen Teich als eine „Entenpfütze“ bezeichnet hatte.

Als im Kriegsjahre 1813 die Franzosen die hiesige Gegend unsicher machten, wäre für sie der Lange Teich beinahe sehr verhängnisvoll geworden. Die Franzosen waren von den Preußen in ihrem Lager zwischen Arnsdorf und Kleinwolmsdorf überrumpelt worden und mußten eiligst die Flucht ergreifen. Die Franzosen wurden von den Preußen nach dem langen Teich zu getrieben und sollten in demselben auf Wunsch der Preußen ertrinken oder zum mindesten ein unfreiwilliges Bad nehmen. Doch konnten die Franzosen zum Glück noch rechtzeitig eine Schwenkung ausführen und so den Langen Teich umgehen.

Christian Gotthelf von Gutschmidt ließ im Jahre 1815 den Langen Teich trockenlegen und in Wiesenland umwandeln, freilich trugen die Wiesen viele Jahre hindurch meist nur schilfiges Gras, das nicht gerade ein gutes Futter für das Vieh war.

Fast jedes Jahr kommt es vor, daß die Kleine Röder zur Zeit der Schneeschmelze oder langandauernden Regens aus ihren Ufern tritt und die angrenzenden Wiesengrundstücke weithin überschwemmt und seeartige Wiesenflächen bildet. Zu solchen Zeiten hat man ein kleines Bild von dem Umfange des ehemaligen Langen Teiches.

An diesen Teich erinnert heute noch die einstige Insel, welche als bebuschter Hügel auf der ausgedehnten Wiesenfläche sich erhebt und bei Überschwemmungen als wirkliche Insel aus der Flut emporragt. Auch der alte Teichdamm, welcher den Langen Teich am unteren Ende abschloß, ist noch vorhanden. An ihm führt ein Fahr- und Fußweg hinüber zur alten Teichschenke, einer einzelnstehenden Wirtschaft, welche heute noch den früheren Namen führt und dem Wanderer Erholung bietet. Vom Arnsdorfer Bahnhofe aus geht ein alter Fahrweg, der sogenannte Rittergutsweg, der die ehemalige deutsche Lithotrit- oder Sprengstofffabrik, die jetzige Blei- und Zinnrohrfabrik von Kirchhoff und Lehr, berührt, nach Kleinwolmsdorf und führt den Wanderer zum größten Teile an dem nordöstlichen Uferrande des ehemaligen Teiches vorüber.[5]

In früheren Zeiten war der Lange Teich auch von Nixen bewohnt, doch sind sie, wie die Sage berichtet, nach Trockenlegung des Teiches in andere Gewässer verzogen. Nur nachts, wenn der Nebel auf den sumpfigen Wiesen lagert und der Vollmond durch sein Silberlicht die Nacht zum Tage macht, kehren die Nixen und Elfen hierher zurück und wiegen sich auf den weißen Nebelstreifen in lieblichen Tänzen und Reigen. Gespenstisch ragen dann die alten Weiden und Erlen, welche die Ufer der Kleinen Röder einnehmen, aus der Nebelmasse hervor. Murmelnd zieht das Bächlein durch den stillen Wiesengrund dahin.

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18. Das wüste Dorf Reinhardtswalde.

Im großen Karswalde, einer umfangreichen Waldung, die sich zwischen den Dörfern Arnsdorf, Kleinwolmsdorf, Dittersbach, Wilschdorf und Fischbach ausbreitet, liegen seit Jahrhunderten die moosbewachsenen Trümmer eines ehemaligen Dorfes, das einst Reinhardtswalde genannt wurde. Dasselbe ward im Hussitenkriege zerstört. Seit jener Zeit liegt Reinhardtswalde wüste. Allgemein bezeichnet man noch heute diese Trümmerstätte mit dem Namen: „Das wüste Dorf“. Oft wurden hier alte Mauersteine, Mauerreste, Kellerräume, behauene Balken, Haken, Eisenbänder, Eisenklammern und dergl. mehr aufgefunden. Auch heute geschieht es nicht selten, daß beim Waldroden an bezeichneter Stelle ähnliche Gegenstände gefunden werden. So fand man beim Bau der Bahnlinie „Arnsdorf–Pirna“, welche den Karswald mitten durchschneidet, in der Nähe des wüsten Dorfes eine hussitische Streitaxt.

Reinhardtswalde dehnte sich von Nordosten nach Südwesten aus. Diese Richtung erkennt man aus dem Laufe eines Bächleins, das jene stillen Waldwiesen durchschlängelt, und an dessen Ufern sich der Ort jedenfalls hinzog, wie aus den Brettern, Balken, Pfosten und Steinen zu schließen ist, die in diesem Wasser aufgefunden worden sind und auch noch gefunden werden. Dieser Graben ist darum wohl als der ehemalige Dorfbach von Reinhardtswalde anzusehen. Derselbe entspringt in der Nähe des Schänkhübels an der Bautzener Straße.

Das verwüstete Dorf Reinhardtswalde war ein gar stattliches Kirchdorf und als solches Filial von Kleinwolmsdorf bei Radeberg. Darum gehören auch die einstigen Reinhardtswalder Grundstücke heute zu Kleinwolmsdorf. Wohl der größte Teil des wüsten Dorfes gehört seit den ältesten Zeiten dem Kleinwolmsdorfer Lehngerichte.

Am erwähnten Bächlein wandern wir aufwärts. Zu beiden Seiten breiten sich einsame Wiesen aus, die vom Walde umrahmt sind. Nach kurzer Wanderung kommen wir in ein kleines, enges, von dunkelm Fichtenwalde überdecktes Tal. Hier war die Mitte des Dorfes, und auf dem Hügel zur rechten Hand stand die Kirche von Reinhardtswalde. Noch heute nennt man diesen Hügel den Kirchberg. Neben der Kirche befand sich der Kirchhof. Vor einigen Jahrzehnten wurde auf dem Kirchberge ein Grabgewölbe entdeckt.

Am oberen Ende dieses anmutigen und walddunkeln Tales lag die Mühle von Reinhardtswalde. Die Dämme der ehemaligen Mühlteiche, die sehr umfangreich gewesen sein müssen, sind noch ganz deutlich zu erkennen. Diese Teiche sind trockengelegt und in Wiesenland umgewandelt worden. Vom alten Wehre sind noch Spuren vorhanden.

[053] Am Kirchberge vorüber führt quer durch das wüste Dorf ein alter Waldweg, der die Dörfer Kleinwolmsdorf, Wilschdorf und Dittersbach seit den ältesten Zeiten verbindet. Denselben nannte man früher den Reinhardtswalder Weg. Er gilt allgemein als der frühere Weg, auf dem die Reinhardtswalder nach den erwähnten Dörfern gingen. Auf einem Hügel hart an diesem Wege stand der Kirche gegenüber die alte Dorfschenke. Noch vor Jahrzehnten sah man hier Mauerreste und alte Gewölbe, ja sogar einen verfallenen Backofen. In den Gewölben lagen Flaschen, Teller, Schüsseln und Töpfe, die altertümliche Formen zeigten und gut erhalten waren. Ein Mann aus Kleinwolmsdorf nahm diese alten Fundgegenstände mit nach Hause und hat sie in seinem Haushalte viele Jahre benutzt, bis sie mit der Zeit leider ganz verloren gingen. In der Nähe des alten Backofens entdeckte man unter dem Steingeröll einen umfangreichen und mit Steinen regelrecht belegten Platz, wahrscheinlich den Hof des alten Reinhardtswalder Wirtshauses. Heute ist von diesen Trümmern leider nichts mehr zu sehen, da man dieselben beseitigt, den Platz geebnet und in eine Wiese umgewandelt hat. Aber unter der Oberfläche dieser Waldwiese, in 1/2 m Tiefe, stößt man noch jetzt auf den mit Steinen belegten Hof des Reinhardtswalder Gasthauses.

Warum zerstörten die Hussiten das Dorf Reinhardtswalde?

Reinhardtswalde lag im Stifte Meißen. Der damalige Bischof von Meißen hatte, als er noch Rektor der Universität Leipzig war, dem Todesurteile, das man über Huß ausgesprochen hatte, zugestimmt. Hierfür suchten sich die Hussiten zu rächen und plünderten und brandschatzten besonders die Dörfer in der Nähe des Schlosses Stolpen, wo der Bischof damals sich aufhielt. Nachdem die Hussiten das Städtchen Jockrim bei der Burg Stolpen, dann die Dörfer Röthendorf und Letzsche dem Erdboden gleichgemacht hatten, brandschatzten sie auch die umliegenden Ortschaften. Reinhardtswalde war den Bischöfen besonders lieb und wert. Die Reinhardtswalder galten als vermögende Leute und zahlten hohen Zins an den Bischof. Das wußten die Hussiten. Deshalb zündeten sie Reinhardtswalde eines Tages an allen Ecken und Enden an und verwandelten dieses stattliche Dorf in einen rauchenden Trümmerhaufen. Nicht ein Haus blieb stehen. Alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Bewohner des brennenden Dorfes wurden aber zur höchsten Wut getrieben und warfen sich mit allerhand Waffen tigerähnlich auf den erbarmungslosen Feind. So kam es zwischen den Hussiten und den Reinhardtswaldern zu einem blutigen Kampfe. Doch die Reinhardtswalder unterlagen. Weiber, Kinder und Greise flüchteten in die umliegenden Wälder. Die Männer und Jünglinge aber fanden fast alle ihren Tod im Kampfe um den heimischen Herd, im Kampfe um Weib und Kind. Das Blut soll nach der Sage in Bächlein über den Waldboden gelaufen sein. Die Waldwiese aber, auf der die Hussiten bei Reinhardtswalde ihr Lager aufgeschlagen hatten und auf der es zwischen ihnen und den unglücklichen Bewohnern von Reinhardtswalde zum verzweiflungsvollen Kampfe kam, führt zur Erinnerung an jenes traurige Ereignis, zur Erinnerung an den Untergang der Reinhardtswalder Männer und Jünglinge, noch heute den Namen: „Die Krigkwiese“. [Kriegwiese.]

Was wurde nun aus den noch am Leben gebliebenen Bewohnern von Reinhardtswalde?

Die geflohenen Kinder, Weiber und Greise von Reinhardtswalde fanden liebevolle Aufnahme in den benachbarten Dörfern, besonders in Kleinwolmsdorf und Wilschdorf. Das Dorf Reinhardtswalde wurde aber nicht wieder aufgebaut. Es blieb ein Trümmerhaufen, den bald Heidekraut und Wald [054] überzog. Nachdem einige Jahre vergangen waren, wurde der Grundbesitz auf staatliche Anordnung geteilt. Zu dieser Verteilung erhielten die Bewohner von Wilschdorf und Kleinwolmsdorf, da dortselbst die geflüchteten Reinhardtswalder sich aufhielten, Einladung. Sie sollten die Flur von Reinhardtswalde für die rückständigen Steuern übernehmen. Doch die Wilschdorfer waren gar nicht erschienen und hatten sämtlich abgesagt. Nun wurde die Reinhardtswalder Flur den Kleinwolmsdorfern durch den Staat zugesprochen.

Die Sage erzählt über diese Verteilung folgendes:

Bei der Verteilung des wüsten Dorfes Reinhardtswalde ging nicht alles ab. Eine Frau aus Reinhardtswalde, die in Kleinwolmsdorf im Hause Nr. 66 wohnte, sagte: „Ich nehme, was übrig bleibt.“ – Und es blieben „34 Acker“ (68 Scheffel) Wald übrig. Dieses kleine Waldgebiet heißt in Urkunden „Der Frau ihr Holz“. Heute nennt man es das „Frauenholz“.

Diese Frau hinterließ keine Erben. Dadurch kam das Frauenholz wieder an den Staat und wurde im Jahre 1852 vom Lehnrichter Hübner in Kleinwolmsdorf durch Tauschhandel erworben. Hübner trat für das Frauenholz, das etwa 1/2 km westlich von der Bahnlinie „Arnsdorf–Pirna“ liegt, den Pinchteich und Flüchteich an den Staat ab, der dieselben entwässern ließ und bewaldete.

Das wüste Dorf ist eine reiche Sagenstätte. Hier lauscht und flüstert die Sage seit Jahrhunderten. Viel wissen die Leute von hier sich zu erzählen. Einige der schönsten Sagen mögen hier folgen:

Vor vielen, vielen Jahren, als noch Wildschweine unsere Wälder bewohnten, wurde im wüsten Dorfe eine Glocke aufgefunden. Dieselbe war von einem Wildschwein aus der Erde gewühlt worden. Eine Henne scharrte die noch mit Erde bedeckte Glocke frei und eine Frau, mit Namen Hanne, soll diese Glocke im Walde beim Beerensuchen gefunden haben. Seit jener Zeit hängt die aufgefundene Glocke auf dem Kirchturme des benachbarten Wilschdorf und ist von den drei dortigen Kirchenglocken die kleinste und älteste. Dieselbe ist noch gut erhalten, nur der untere Rand ist etwas beschädigt, doch ist trotzdem der Klang rein und silberhell. Noch heute ruft sie allsonntäglich die Beter zum Gotteshause. Eine Jahreszahl enthält die Glocke nicht, ebenso fehlt auch jede andere Inschrift. Aus dem Klange dieser altehrwürdigen Glocke hat man früher die Worte hören wollen:

„Saue wühle,
Henne scharre,
Hanne fand se.“ –

Vor Jahren ging zur Sommerzeit ein Handwerksbursche von Dittersbach nach Kleinwolmsdorf. Er benützte den alten Reinhardtswalder Weg und kam um die Mittagsstunde durch das wüste Dorf. Heiß brannte die Sonne nieder, doch wohltuend war der kühle Schatten des Waldes. Da stand, als er in einen stillen Wiesengrund kam, hart am Wege ein altes, mit Stroh gedecktes Wirtshaus, aus dem lustige Töne klangen. Er trat näher und merkte, daß hier eine Hochzeit gefeiert und in der niedrigen Gaststube Hochzeitstanz abgehalten wurde. Schüchtern trat der Wanderbursche ein und wunderte sich über die altertümlichen Trachten der Hochzeitsgäste. Wie er so zusah und sich verwunderte, kam die Braut auf ihn zu, forderte ihn zum Tanze auf und tanzte mit ihm. Darauf reichte sie ihm einen Krug mit perlendem Weine. Der Handwerksbursche tat einen kräftigen Zug, sah dann dem Tanze noch einige Zeit zu und setzte sich darauf draußen vor der Türe auf eine Steinbank nieder. Hier schlief er gar bald ein. Als er erwachte, war kein Wirtshaus [055] mehr zu sehen. Der Wanderbursche saß auf einem bemoosten Steine am Waldesrande, und vor ihm lag eine einsame Waldwiese. Die Sonne neigte sich zum Untergange, und oben in den Wipfeln der Bäume sangen die Vöglein ihr Abendlied. Dem Handwerksburschen war alles wie ein Traum, er stand auf und ging nach Kleinwolmsdorf. Dort erzählte er den Leuten, was ihm begegnet war. – Diese Scheinhochzeit soll sich jedes Jahr wiederholen. –

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Das alte Wirtshaus im wüsten Dorf Reinhardtswalde. Die Scheinhochzeit.

Das wüste Dorf liegt abseits von den Verkehrswegen. Still ist es dort, waldeinsamstill an der Stätte jenes ehemaligen Dorfes. Nur den Wald hört der Wanderer rauschen und die Waldvöglein singen. Doch des Nachts, wenn die Waldkäuzchen klagen und der Vollmond über dem Waldmeere droben am Himmel steht, dann hört man durch den stillen Forst die Glocken von Reinhardtswalde lauten. Auf dem Kirchberg erhebt sich ein altehrwürdiges Kirchlein mit hellerleuchteten Fenstern. Geisterhafte Gestalten ziehen hinaus zum Gotteshause. [056] Aus dem grünen Wiesengrunde heben sich kleine, strohbedeckte Hütten empor. Das sind die Häuser von Reinhardtswalde. Das Bächlein plätschert, zu dessen Ufer die Hirsche kommen und trinken. Wer es wagt, zur Mitternachtsstunde in das wüste Dorf zu gehen, dem soll dort noch mancher Spuk begegnen.


19. Nixen beteiligen sich am Tanz im Arnsdorfer Erbgericht.

Die Landstraße, welche die Städte Radeberg und Stolpen miteinander verbindet, wird zwischen Arnsdorf und Wallroda von der Bahnstrecke Pirna–Kamenz gekreuzt. Nördlich vom Bahnübergange führt die Landstraße dammartig durch eine größere Wiesenfläche, an die ein kleines Gehölz stößt. Diese Wiesen wurden ehemals zum größten Teile von Teichen eingenommen. Vor Jahrzehnten sind dieselben jedoch schon trockengelegt und in Wiesen umgewandelt worden, weshalb man diese heute als die Teichwiesen bezeichnet.

Wie die Sage berichtet, waren die ehemaligen Teiche hier von Wasserjungfrauen oder Nixen bewohnt. Das ist aber schon lange, lange her. Drei derselben kamen regelmäßig Sonntags, wenn im Arnsdorfer Erbgericht Tanz abgehalten wurde, in’s Dorf herein und beteiligten sich an dem Vergnügen der Jugend. Ja, sie mischten sich selbst mit unter die tanzenden Paare und versäumten keinen Reigen. Die Nixen waren bildschöne Jungfrauen, hatten goldblondes, lang herabfallendes Haar. Sie trugen meergrüne Kleider, deren Rand unten seltsamerweise stets naß war. Kurz vor 11 Uhr nachts verließen die drei fremden Mädchen, welche niemand kannte, jedesmal gemeinschaftlich den Saal; ja, sie ließen oft plötzlich mitten im Reigen ihre schmucken Tänzer stehen und – verschwanden spurlos. Verblüfft sahen die Burschen den so schnell davoneilenden Tänzerinnen nach.

Jedermann hatte die drei gleichgekleideten, bildschönen und heiteren Mädchen lieb, und zum größten Ärger mancher Dorfschönen tanzten die Burschen nur gar zu oft mit jenen fremden Jungfrauen. Niemand wußte, woher diese drei schönen Mädchen kamen. Doch hatten manche Leute eine dunkle Ahnung.

Einmal war Kirmeß in Arnsdorf. Lustig schwenkten sich die Paare oben in der alten Erbgerichtsschenke. Auch die drei fremden Mädchen hatten sich wiederum eingestellt. Zwei Burschen, die zum Besuch bei Verwandten im Dorfe waren, faßten starke Neigung zu ihnen und boten den schönen Jungfrauen an, sie nach Hause zu begleiten. Die drei Mädchen wiesen aber dieses Anerbieten mit allem Ernste zurück und verbaten sich jede Begleitung. Als die Burschen nun sahen, daß alles Bitten ihrerseits fruchtlos sei, beschlossen sie, den spröden Mädchen heimlich nachzuschleichen. Kaum zeigte die alte Schwarzwälderuhr ¾11 Uhr an, da verschwanden wie gewöhnlich die drei Nixen. Sogleich eilten die zwei Burschen ihnen nach, obgleich sie auch von mehreren alten Leuten ernstlich gewarnt worden waren.

Lange wartete man im Saale auf die Rückkehr der beiden jungen Leute. Doch vergebens! Die Nacht verging, ohne daß die Burschen wiedergekommen wären. Auch der andere Tag verging, aber niemand kam. Da machten die Arnsdorfer Leute sich auf, die Vermißten zu suchen. Nach stundenlangem, vergeblichem Forschen in der Umgegend fand man diese draußen in den Teichen, [057] aber – – – als Leichen. Nebeneinander lagen beide Jünglinge im Wasser. So waren ihr frevelnder Übermut und Leichtsinn von den drei Nixen bestraft worden.

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Nixen beteiligen sich am Tanz.

Über diesen Unfall waren die Leute gar sehr erregt. Furcht und Haß erfüllten ihre Herzen. Sie beschlossen daher, den Teichjungfrauen den Aufenthalt zu verleiden. Deshalb durchstachen einige beherzte Männer die Teichdämme und legten die Teiche trocken. Seit jenem Tage sind die drei Nixen verschwunden. Man hat sie nie wieder im Dorfe beim Tanze gesehen. Wo sie nun jetzt wohnen mögen, hat bis heute noch niemand erfahren können. Aber nachts, wenn der Wanderer auf der einsamen Landstraße daherkommt, vernimmt derselbe in der Nähe der Teichwiesen ein leises Ächzen und Stöhnen. Das soll von den drei Wasserjungfrauen herrühren, welche um den Tod der beiden Jünglinge klagen. –

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20. Der Schatz in den Teichwiesen.

Wie eine Sage berichtet, soll in der Nähe der Teichwiesen, da, wo die Landstraße, welche von Arnsdorf über Wallroda nach Radeberg führt, die Bahnlinie Arnsdorf–Kamenz kreuzt, in den frühesten Zeiten ein Kloster gestanden haben. Es sind freilich geschichtliche Nachweise nirgends zu finden. Doch weiß die Sage ferner von einem großen Schatze zu erzählen, der hier in der Erde vergraben liegen soll. Das wäre der alte Klosterschatz. Derselbe bestehe aus einer großen Braupfanne, gefüllt mit allerlei Gold- und Silberstücken. Ein graues Männchen, das dahin verbannt sei, hüte denselben und werde dem, der es erlöse, den ungeheueren Schatz aus Dankbarkeit zur Belohnung geben. Aber hierzu ist nur aller 100 Jahre ein einziges Mal Gelegenheit gegeben, und wer zur selbigen Stunde dort vorüberkommt, kann den Klosterschatz heben. Das graue Männchen wird ihn dann führen. Wenn der Glückliche es fertig bringt, nicht zu sprechen, was auch vorgehen mag, dann schlägt für das graue Männlein die Erlösungsstunde. Und wer dasselbe erlöst hat, der wird reichlich belohnt. Die Gelegenheit hierzu ist noch jetzt geboten, denn das graue Männchen soll auch heute noch auf seinen Retter sehnsuchtsvoll warten. –

Einem früheren Besitzer des Arnsdorfer Erbgerichtes ist in der Nähe der Teichwiesen folgendes begegnet:

Der Landrichter, so nannte man in früheren Zeiten den Erbgerichtsbesitzer, war wegen Amtsgeschäften nach Radeberg geritten. Im hellen Mondscheine trat er den Rückweg an. Als er in die Nähe der Teichwiesen kommt, scheut das Pferd und will nicht mehr vorwärts. Alles Zureden hilft nichts. Darüber verwundert sich der Landrichter sehr und sucht die Ursache zu ergründen. Da bemerkt er, wie neben dem Pferde ein tischhohes Männchen, gehüllt in ein graues Mönchsgewand, steht. Das wundersame Mönchlein schmiegt sich förmlich an das Pferd und streckt bittend seine Hände zu dem Landrichter empor und spricht: „Erlöse mich! Du kannst es, wenn du willst. Folge mir mutig, nur sprich kein Wort, was dir auch widerfahren mag. Mich wirst du dadurch erlösen. Meines Dankes bist du gewiß. Ich werde dich unermeßlich reich machen!“ – Der Landrichter, ein sonst beherzter Mann, verspürte aber freilich keine Lust, dem dringenden Wunsche des grauen Mönchleins nachzukommen. Er gab vielmehr dem Pferde die Sporen mit aller Macht, so daß sich dieses hoch aufbäumte und im rasenden Galopp auf der Landstraße dahinstürmte. Dem Landrichter entging es nicht, wie es mitten auf der Straße funkelte und glitzerte. Dieselbe war mit Gold- und Silberstücken [059] förmlich überstreut. Nach kurzer Zeit erreichte der Landrichter das Dorf und begab sich zur Ruhe. Freilich konnte er lange nicht den Schlaf finden, denn er sah noch im Geiste das bittende Männchen vor sich. Als der Landrichter am Morgen erwachte, dachte er sofort wieder an sein Erlebnis am Abende vorher. Die Neugierde trieb ihn mit Tagesgrauen hinaus zu den Teichwiesen. Er wollte sehen, ob das Geld noch auf der Landstraße liege. Dasselbe war allerdings verschwunden, aber da, wo das Pferd mit den Hufen das Geld berührt hatte, lag es noch auf der Straße. Der überraschte Landrichter hob es auf. Es waren echte Gold- und Silberstücke. Als er heimkam und in den Pferdestall trat, sah er auch hier noch einige Goldstücke liegen, die er ebenfalls zu sich nahm. Diese aufgehobenen Gold- und Silbermünzen sind lange im Besitze der Arnsdorfer Landrichter gewesen. Sie haben ihnen viel Glück und Segen gebracht, dazu unermeßlichen Reichtum. Die Landrichter Arnsdorfs waren die reichsten Leute in weitester Umgegend.


21. Sage von der Gründung Arnsdorfs.
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Kirche zu Arnsdorf
(v. O.)

Da, wo jetzt das rasch emporblühende Kirchdorf Arnsdorf liegt, stand in früheren Jahrhunderten undurchdringlicher Wald, in dem allerhand Raubtiere hausten. Da gab es noch Bären, Wölfe, Luchse und Wildkatzen. Der letzte Wolf wurde in hiesiger Gegend im Jahre 1779 bei Kleinwolmsdorf erlegt und zwar in dem Grunde zwischen dem Rittergute daselbst und dem Dorfe.

[060] Wie die Sage berichtet, baute sich zu Anfange des 13. Jahrhunderts ein Einsiedler namens „Arnold“ hier im einsamen Walde am Tannenberge ein Hüttlein. Nach Jahren siedelten sich neben dem frommen Beter auch noch andere Leute an, und so entstand mit der Zeit ein Dörflein, das man zur Erinnerung an seinen Begründer und ersten Bewohner „Arnoldsdorff“ nannte, woraus später der jetzige Name entstand.

In Urkunden wird Arnsdorf zum ersten Male im Jahre 1349 erwähnt. Damals gehörte es als Lehngut den Herren von „Cuchinmeyster“ zu Kleinwolmsdorf. Deutsche sind die Begründer des Dorfes gewesen. Schon der Name des Ortes deutet darauf hin. Auch die Anlage des Dorfes ist ein Beweis dafür. Der Grundriß ist in die Länge gezogen. Die Häuser liegen rechts und links der Dorfstraße. So pflegten die Deutschen ihre Ortschaften anzulegen. Ringförmig oder hufeisenförmig angelegte Dörfer, denen auch ein marktähnlicher Dorfplatz nicht fehlt, weisen immer darauf hin, daß Sorben-Wenden die Begründer gewesen sind.

Im Jahre 1349 hatte Arnsdorf noch keine Kirche. Dieselbe entstand erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Ursprünglich war sie nur eine Kapelle, von der das geschmackvolle Spitzbogengewölbe, das sich heute noch schirmend über den Altarplatz ausbreitet, ein Überrest ist.

Im Jahre 1353 befreien die Landgrafen Friedrich und Balthasar von Thüringen in einer Fehde den gestrengen Ritter Niclaus Küchmeister zu „Wolffsramdorff“ und stellen ihm unter anderen Ortschaften auch „Arnoldsdorff“ wieder zu. Nach dieser Zeit entstand die Kirche, die der befreite Niclaus aus Dank zu Gott erbaut haben soll.


22. Der Gedenkstein im Karswalde bei Arnsdorf.

Nicht weit von der Schlesischen Bahnlinie entfernt steht im dichtesten Unterholze des Karswaldes ein alter, verwitterter Steinblock, ein Granitstein mit eingehauenem Kreuz. Derselbe erinnert an einen traurigen Vorfall: Im Kriegsjahre 1813 waren im Arnsdorfer Erbgericht zwei junge französische Offiziere einquartiert. Beide liebten ein und dasselbe Mädchen. Da sollte ein Pistolenduell entscheiden, wer den gerechtesten Anspruch habe. Als Kampfplatz war eine verborgene Stelle im Karswalde gewählt worden. Hier kamen die entzweiten Freunde zusammen. Einer von beiden sollte den Kampfplatz nicht wieder lebend verlassen. Seine Leiche wurde vorläufig in einer alten Scheune verborgen und in der nächsten Nacht nach der Heimat befördert und zwar nach Dresden. An jener Stätte aber, da der Offizier im Zweikampfe fiel, wurde von dessen Freunden ein einfacher Granitblock zur Erinnerung errichtet, dessen Bedeutung heute nur noch wenige kennen.


23. Der Schwedenstein an der Kirchhofsmauer zu Arnsdorf.

An der Kirchhofsmauer zu Arnsdorf ist ein altes Steinkreuz zu sehen, das die Leute allgemein als den Schwedenstein bezeichnen. Derselbe besteht aus Sandstein, ist über 1 m hoch und 40 cm stark. Dieses altehrwürdige Steinkreuz stand bis zum Jahre 1840 in dem gegenüberliegenden Leunert’schen Garten. Als man die Dorfstraße verbreiterte, mußte dieses Denkmal entfernt

[061] werden. Die Pietät der Väter verschaffte ihm aber Schonung. Der Schwedenstein wurde zur bleibenden Erinnerung in die Kirchhofsmauer eingesetzt, wenige Schritte rechts vom Haupttore. – Welche Bedeutung dieser Stein hat, darüber herrscht noch Dunkel. Es wird von manchen behauptet, dieses alte Steinkreuz stamme aus der Zeit, da die Schweden in unserem Vaterlande gehaust hätten, also aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

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Der Schwedenstein erinnere an einen schwedischen Heerführer, der hier gefallen sei und begraben liege. Andere meinen, der Stein sei ein Dankopfer, dargebracht dem Herrn für die glückliche Verschonung des Ortes durch die schwedischen Mordbrenner. Eine Erklärung ist auch folgende: Als die Schweden siegend durch die deutschen Lande zogen, wurden von den Bewohnern vieler Ortschaften große, weithin sichtbare Steinkreuze gesetzt. Dadurch bekundeten die Bewohner der betreffenden Ortschaften, daß sie sich zu den Schweden bekannten, ihre Freunde sein wollten und um Schonung flehten. – Daß dieses Steinkreuz an die Schwedenzeit erinnert, kann man wohl mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen; denn in der Nähe des Dorfes, in der Richtung nach Kleinwolmsdorf zu, liegt ein umfangreicher Teich, der Schwedenteich genannt. Seit 1893 ist er aber trockengelegt worden. An ihm sollen die Schweden einst ein Lager gehabt haben.[6]

Nach anderer Meinung soll der Schwedenstein ein sogenannter Bischofsstein sein. Durch das Setzen derartiger Steine kennzeichneten die früheren Bischöfe ihr Gebiet. Auch sollen solche Steine von ihnen da aufgerichtet worden sein, wo sie auf ihren Reisen durch ihr Land Halt machten und den Segen dem Volke erteilten. Welche Erklärung nun die richtige ist, wer vermag das zu entscheiden? Wenn der Schwedenstein eine Inschrift oder ein [062] besonderes Zeichen hätte, dann würde man einen sicheren Anhalt haben. Gewiß ist aber der Schwedenstein in hiesiger Kirchhofsmauer ein Gedenkstein an irgend ein geschichtliches Ereignis; denn wie in der Jetztzeit Denkmäler aufgerichtet und Bäume gepflanzt werden zur Erinnerung an wichtige Vorgänge im Vaterlande, an berühmte Personen u. s. w., so ist sicher solcher Brauch auch schon in früheren Jahrhunderten vorhanden gewesen. Wenn der Schwedenstein reden könnte, dann würde er uns sicherlich viel erzählen von den Leidenstagen unserer Väter, von wichtigen Ereignissen in der Gemeinde, im Vaterlande. Er bedeutet ein Stück Orts- und Vaterlandsgeschichte. –


24. Eine denkwürdige Hausinschrift.
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An dem Wohnhause des im Jahre 1799 erbauten Gutes Nr. 31 in Arnsdorf bei Radeberg befindet sich über der Haustüre eine größere Holztafel mit folgender Inschrift:

„Verehre die Gottheit, die alles erschuf!
Das ist der Menschheit ihr erster Beruf.
Erkenne dich selbst, vergib deinem Feind,
Behandle einen jeden als Bruder und Freund.
Glaube ein Wesen, das über dir wohnt,
Das Böse bestraft, das Gute belohnt.“

Über die Entstehung dieser Tafel wird folgendes erzählt: Im Jahre 1813 lag in diesem Gute viele Wochen hindurch ein französischer Offizier im Quartier. Derselbe war ein Mann von großer Herzensgüte und duldete nicht, daß seine Untergebenen plünderten und die Leute „drangsalierten“. Ja, er war bestrebt, die Not der Bewohner zu lindern, so viel er vermochte. Solange er in Arnsdorf sich im Quartier befand, hatten die Bewohner des Oberdorfes, zu dem jenes Gut gehört, Ruhe vor plündernden Franzosen. Kurz vor seinem Aufbruche von Arnsdorf ließ jener menschenfreundliche Offizier die obenerwähnte Tafel mit jener Inschrift unter dem einen Fenster seines Wohnzimmers anbringen und zwar mit der Bitte, diese Tafel zur bleibenden Erinnerung nicht zu entfernen. Dieser Bitte sind denn auch die Besitzer dieses Gutes bis heute getreulich nachgekommen und haben die Tafel [063] mit jener Inschrift unversehrt an Ort und Stelle gelassen. Den Namen des edlen Offiziers, der nach wenigen Tagen in der Schlacht bei Dresden im Oktober 1813 gefallen sein soll, kennt man nicht mehr.


25. Die Masseney.

Zwischen den Dörfern Arnsdorf, Seeligstadt, Großharthau, Frankenthal, Bretnig, Klein- und Großröhrsdorf breitet sich ein umfangreiches Waldgebiet aus. Man bezeichnet dasselbe allgemein als die Masseney, im Volksmunde als die „Mastche“. Vielfach hört man auch den Namen „Masteney“. Der erstere Name ist aber wohl der ursprünglichere, wie er auch in den ältesten Zinsregistern des Domstiftes zu

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Meißen, aus dem 12. Jahrhunderte stammend, zu finden ist.

Unter den dunklen Waldbäumen der Masseney hat Frau Saga einen Heimgarten.

Die Sage weiß von einem weißen Hirsche zu erzählen, der sich fast allabendlich auf einer größeren Wiesenfläche in der Masseney zeigt, den aber kein Weidmann jemals zu erschauen vermag.

Nicht gern gehen die Leute in dunkler Nacht den Weg allein von Arnsdorf über den Tannenberg nach Großröhrsdorf, der eine Strecke durch die Masseney führt. Wo derselbe über ein Bächlein führt, tritt oft aus dem Walde heraus ein kleines, buckliges Männchen. Es springt dem einsamen Wanderer auf den Rücken, der es dann, mag er wollen oder nicht, eine große Wegstrecke weit tragen muß. An einer bestimmten Stelle hüpft der kleine Hockauf „Bornematz“, wie man jenes Männlein nennt, ab und verschwindet spurlos im Walde. Andere erzählen, es verwandle sich manchmal der neckische Bornematz in ein altes, häßliches Weib und ängstige in dieser Gestalt die Leute.

Es war vor Jahren, zur Zeit der Heuernte. Eine Anzahl Leute aus Großröhrsdorf waren mit dem Mähen einer einsamen Waldwiese an der Steinbach in der Masseney beschäftigt. Während der Frühstückspause nahmen die Mäher Platz im Schatten einer hohen Fichte. Man unterhielt sich dabei [064] von verschiedenen Dingen. Gar bald kam das Gespräch auch auf den spukhaften Bornematz. Da rief einer der Mäher im Übermute laut in den Wald hinein: „Bornematz, komm und frühstück mit!“ – Plötzlich kam aus dem Walde heraus ein riesenhafter Hase gesprungen, setzte mit gewaltigen Sprüngen über die erschrockenen Mäher hinweg, warf die gefüllten Krüge und Flaschen um und verschwand wieder spurlos. Der vorwitzige Mäher aber erhielt von unsichtbaren Händen einige so gesalzene Ohrfeigen, daß ihm schier die Sinne vergingen. Er hat es nie wieder versucht, den Hockauf Bornematz zum Frühstücke einzuladen.

Am Schäferteiche in der Masseney läßt sich nicht nur in der Nacht, sondern selbst in den hellsten Mittagsstunden eine seltsame Gestalt sehen. Den Weg des Wanderers kreuzt hier zu manchen Zeiten ein schneeweiß gekleidetes Männchen in langem, silberglänzendem Barte. Wer dieser Gestalt begegnet, der hat in den nächsten Tagen ein großes Glück zu erwarten; doch darf er nicht ausplaudern, was er gesehen, sonst verwandelt sich das zu erhoffende Glück in Unglück.

In dunklen, stürmischen Nächten aber durchjagt mit einer starken Meute Hunde den weiten Forst der Masseney „Berndittrich“, der wilde Jäger. Schreien und Toben und lautes Hundegekläff durchschallen dann den Wald, wenn Berndittrich seinen Jagdzug hält. Wehe dem, der etwa aus Übermut ihn ruft!

So umrankt der Epheu der Sage die grünen Waldeshallen der Masseney.

In Kriegszeiten bildete die Masseney die Zufluchtsstätte der Bewohner der umliegenden Dörfer. Hier hielten sie sich mit ihrem Vieh oft Monate hindurch vor den plündernden Feinden verborgen. Besonders war dies der Fall im Dreißigjährigen Kriege und in den Kriegsjahren 1812 und 1813. Noch heute wissen alte Leute die Schlupfwinkel zu bezeichnen, wo deren Väter während der Kriegszeiten Zuflucht in der Masseney nahmen.

Hie und da findet man in der Masseney auch noch verfallene Wolfsgruben, in denen einst die Wölfe gefangen wurden, die bis Ende des 18. Jahrhunderts in diesem Walde hausten. –


26. Rudigersdorf in der Masseney.

Da, wo jetzt die dunklen Waldbäume der sagendurchklungenen Masseney rauschen, stand vor alters im stillen Waldesgrün ein großes, gar stattliches Kirchdorf, das hieß Rudigersdorf oder Rörschdorf und war Filial von Großröhrsdorf. Von diesem Dorfe Rudigersdorf ist aber jetzt nichts mehr zu sehen; denn längst ist es im Kampf und Streit untergegangen. Still ist es geworden an dem Orte, da es gestanden. Die alten Trümmer sind von Moos überzogen worden. Nur wenige Leute kennen noch den Namen dieses im Kriege untergegangenen Dorfes. – Das verwüstete Dorf Rudigersdorf oder Rörschdorf lag längs der Steinbach, eines Bächleins, das die Masseney durchschlängelt. Hier wurden auch seit Ende des 18. Jahrhunderts eine große Anzahl Trümmer aufgefunden. Da fand man in einer Tiefe von ungefähr bis 1 Meter hölzerne und steinerne Türschwellen, kunstgerecht vierseitig bearbeitete Baumstämme, Brandtrümmer von Bau- und Hausgeräten, Klammern, Haken und Türbänder, Nägel, Messer, angebrannte Bretter von Möbeln, Scherben von tönernen Gefäßen. Ferner wurden in dem moorigen und sumpfigen

[065] Waldboden

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bearbeitete und durchbohrte Bretter, die jedenfalls als ehemaliger Wasserschutz gedient haben mochten, aufgefunden.

Rudigersdorf hatte auch eine Mühle. Dieselbe stand in dem niederen Teile des Ortes oder im sogenannten Niederdorfe. Man erkennt an einer länglichen, metertiefen und -breiten Grube heute noch den Platz, an dem das Wasserrad sich befunden hat. Im Jahre 1770 wurden hier sogar eiserne Mühlenwellenringe, Zapfen, hölzerne Kämme ausgegraben. Diese aufgefundenen Gegenstände beweisen es ganz deutlich, daß hier eine Mühle gestanden haben muß. –

Von dieser Stelle läuft eine lange, muldenförmige Vertiefung krummlinig aus. Dieser Graben, welcher der Mühle zu Rudigersdorf das nötige Wasser zuführte, war der ehemalige Mühlgraben und wird darum heute noch als solcher bezeichnet. An diesem Mühlgraben, der leider zum Teil schon verschüttet worden ist, aufwärts gehend, kommt man an das Wehr, das durch Anspannung der Steinbach entstand. Das durch dieses Wehr angesammelte Wasser reichte bis hinauf über den sogenannten „Siebenweg“. Dieser Weg, welcher das Wehr dammartig durchzog, soll von Meißner Bischöfen angelegt worden sein, die auf ihm nach dem Schlosse Stolpen zogen, wo sie seit dem Jahre 1227 von Zeit zu Zeit ihr Hoflager aufschlugen.

Rudigersdorf muß ein umfangreicher Ort gewesen sein. Die meisten Trümmer hat man von dem Mühlplatze aus aufwärts zu beiden Seiten des Mühlgrabens gefunden. Aber auch von der Mühle abwärts bis an den sogenannten Schäferteich sind Trümmer ausgegraben worden. In der Nähe des erwähnten Wehres scheint das Dorf sehr breit gewesen zu sein, da weit nach rechts und links Überreste gefunden wurden. Hier scheint die Kirche gestanden zu haben. –

Im Hussitenkriege, welcher so namenloses Elend über unser Vaterland brachte, wurde Rudigersdorf zerstört. Es erlebte dasselbe Schicksal, wie so viele andere Orte. Das blühende Kirchdorf sank in Trümmer. Die Bewohner, die, soweit sie nicht niedergemetzelt waren, sich geflüchtet hatten, bauten es [066] nicht wieder auf, und schon nach Jahrzehnten hatte dichter Wald auf der Trümmerstätte Wurzel gefaßt. Jetzt ist sein Andenken fast verweht, und selbst sein rechter Name ist von vielen vergessen.

Doch in stillen Nächten hört der Wanderer, der etwa in später Stunde auf der einsamen Straße mitten durch den Forst dahinzieht, ein seltsames Summen und Läuten. Es sind die Glocken von jenem untergegangenen Dorfe, welche so feierlich und klagend in die tiefe Nacht hinausklingen.


27. Der alte Waldheger und Berndittrich, der wilde Jäger.


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Vor Jahren, als noch zahlreiches Hoch- und Schwarzwild die umfangreiche Masseney belebte, stand mitten in diesem großen Walde ein Jagdhäuschen. In demselben hielten sich von Zeit zu Zeit die Waldheger auf, um von hier aus dem Wilde aufzulauern, besonders aber den wilden Schweinen. Durch [067] ausgestreute Erbsen suchte man diese in die Nähe der Schutzhütte zu locken. – An einem Herbstabende war der alte Waldheger aus Seeligstadt wieder einmal in dem Jagdhäuschen, um seines Amtes zu walten. Doch da der erste Teil der Nacht sehr dunkel war und der Mond erst nach Mitternacht leuchtete, so hatte er sich zu einem kurzen Schlafe auf eine Bank in der Jagdhütte ausgestreckt. Mehrere Stunden mochte er geschlummert haben. Gegen Mitternacht wurde der Schlafende durch ein Geräusch aufgeschreckt. In der Luft rauscht es seltsam, in den Wipfeln der dunklen Waldbäume braust der Herbststurm, Hunde kläffen, Büchsen knallen und Hussarufe erschallen. Der alte Waldheger ist darüber sehr verwundert und meint, man wolle ihn um die Beute bringen und das Hoch- und Schwarzwild verscheuchen. Darum springt er ärgerlich vom Lager auf, öffnet das Fenster des Jagdhäuschens und ruft in die rabenschwarze Nacht hinaus: „Halb Part! Halb Part! (Halb Teil!) Kurze Zeit darauf ist der tolle Lärm vorüber. – Nach einer Stunde geht der Mond auf, es wird hell, und der alte Waldheger verläßt die Jagdhütte, um Beute zu machen. Wie groß ist aber sein Erstaunen, als er draußen vor dem Jagdhäuschen eine große Anzahl erlegter Hirsche und Wildschweine erblickt, die an den Bäumen rings umher aufgehängt sind! Nun wußte er, wer jenen Höllenlärm verursacht hatte. Berndittrich, der wilde Jäger, hatte Jagd in der Masseney gehalten und mit dem alten Waldheger die gemachte Beute „Halb Part“ redlich geteilt.


28. Seeligstadt.

Das erste Dorf, durch welches die Kleine Röder auf ihrer Wanderung kommt, ist das schöngelegene Kirchdorf Seeligstadt. Seit Jahren wird dasselbe von Dresdner Malern gern aufgesucht. Seeligstadt gehört zu denjenigen Dörfern im Rödertale, welche ehemals zum benachbarten Königreich Böhmen zählten. Die frühere Landesgrenze zwischen dem Meißner Lande und Böhmen lief längs der Kleinen Röder hin. Es heißt da in den alten Grenzbestimmungen jener Zeit wörtlich:

„Und die Grenze läuft förder an Fischbach u. an die
Redern, die durch Seeligstadt fleußt.“

Da nun die Röder mitten durch Seeligstadt fließt und das Dorf in zwei Ortsteile trennt, so kann nur die eine Ortshälfte, die südliche, zu Böhmen gehört haben, während die nördliche im Meißner Lande lag. Demnach wird das halbe Dorf mit den nordöstlich gelegenen Feldern und Wohnungen damals nicht zum Amte Stolpen gehört haben und nie böhmisch gewesen sein. Als nun am 18. Oktober 1227 das Amt Stolpen durch Kauf in die Hände des Bischofs Bruno I. von Meißen überging, kam auch die südliche Ortshälfte Seeligstadts in bischöflichen Besitz. Die Grenze des Amtes Stolpen wird nördlich bis an die Steinbach in der Masseney vorgeschoben. Ganz Seeligstadt mit allen Feldern, Wiesen und Wäldern befindet sich nun in den Händen des Bischofs.

Von jeher ist Seeligstadt ein deutsches Dorf gewesen. Deutsche haben es jedenfalls schon im 12. Jahrhundert gegründet. Wie die Sage berichtet, soll an diesem Orte ursprünglich eine Begräbniskapelle gestanden haben. Für diese Annahme spricht allerdings der Name des Dorfes, der gedeutet wird: „Stätte der Seeligen“.[7] In alten Urkunden des Meißner Domstifts wird der Ort

[068] geschrieben: „Seeligstadt“, „Seligenstat“, „Silisstadt“, „Seligstat“. Was zur Anlage einer Begräbniskapelle Veranlassung gegeben haben mag, das sind nur Vermutungen. Eine Begräbniskapelle ohne damit verbundenem Kirchhof ist wohl nicht denkbar. Man erzählt, daß zur Pestzeit die an der Pest Verstorbenen hier im stillen Walde beerdigt worden wären. Andere meinen, zur Kriegszeit seien gefallene Krieger hier beerdigt worden. Zu deren Andenken habe man eine Kapelle erbaut, in der nach Brauch jener Zeit Messen für die Verstorbenen gelesen worden wären. Mit den Jahren entstand ein Ort. Waldarbeiter ließen sich in der Nähe des einsamen Waldkirchleins nieder. Ihrer Ansiedlung gaben sie zur Erinnerung an den stillen Kirchhof den Namen „Seligstatt“, woraus mit der Zeit der Name Seeligstadt wurde. Aus jener Kapelle entstand später ein größeres Gotteshaus, das mit zu den ältesten im oberen Rödertale gehört.

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Kirche zu Seeligstadt ums Jahr 1840.

In Seeligstadt und der nahen Masseney legten die Bischöfe später Teiche an. So ließ Bischof Johann VI. von Salhaußen, der von 1487 bis 1518 den Bischofsstuhl zu Meißen einnahm und sich meist auf der Burg Stolpen aufhielt, im Jahre 1570 den Sankt Johannesteich in der Masseney und den Sankt Bennoteich unterhalb des Dorfes Seeligstadt herrichten. Heute sind diese Teiche trockengelegt und in Wiesen und Wald umgewandelt worden. –

Vor Einführung der Reformation war Seeligstadt Filial von Schmiedefeld. Als man am 9. Januar 1559 die Reformation in Fischbach und Seeligstadt gleichzeitig einführte, wurde Seeligstadt mit Fischbach kirchlich vereinigt und zum Filial von Fischbach gemacht, da man Schmiedefeld mit Harthau zu vereinigen gedachte, was tatsächlich auch acht Wochen später geschah.

In Praßers Chronik vom Jahre 1869 ist über Seeligstadt folgendes erzählt:

„Seeligstadt hat seit 100 Jahren kein Schadenfeuer betroffen. Nach einer alten Sage soll eine Zigeunerin das Dorf „versprochen“ haben. Als darum in den 1820er Jahren daselbst ein Feuerbrand auf ein Strohdach geworfen wurde und trotzdem das Haus unversehrt blieb, gedachte man dieser Sage aufs Neue. Es scheint aber die hiesige Gemeinde dieser Wahrsagung nicht zu vertrauen, denn sie hat in der Neuzeit eine neue, große und ausgezeichnete

[069]

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Freigut: Seeligstadt.

[070] Feuerspritze angekauft, mit welcher sie bei Feuersbrünsten immer schnell hilfreich zur Hand ist.“ –

In den Jahren 1880 bis 1898 ist allerdings Seeligstadt wiederholt von ganz bedeutenden Bränden heimgesucht worden. Der Feuersegen jener alten Zigeunerin scheint keine Wirkung mehr auszuüben!


29. Die Sträuchermühle.

An der Schwarzen Röder, zehn Minuten unterhalb des Kirchdorfes Seeligstadt, liegt einsam, von Feldern und Wiesen umgeben, eine Mühle. Dieselbe führt von altersher den Namen „Die Sträuchermühle“. Früher lag diese mitten im Gebüsch, im Erlicht, das aber heute gelichtet und bis auf nur wenige Sträucher entfernt worden ist. Vom Dorfe Seeligstadt ist die Sträuchermühle seit dem Jahre 1846, als die Bahnlinie Dresden–Görlitz gebaut wurde, durch einen haushohen Damm getrennt, unter welchem vom Dorfe her der Fahrweg zur Mühle führt. Im Jahre 1886 wurde die Sträuchermühle ein Raub der Flammen, erstand aber von neuem wieder.

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Seeligstadt um das Jahr 1830.

An ihr vorüber führt ein alter Weg, der Bischofsweg genannt. Auf ihm sollen die Meißner Bischöfe nach ihrem Lieblingsaufenthaltsorte Stolpen gezogen sein. Dieser Weg kommt herüber von der Masseney, geht mitten durch die Felder als fahrbarer Feldweg, und zieht sich östlich von Fischbach dahin über Rennersdorf nach Stolpen.

Die Sträuchermühle bei Seeligstadt besaß im Anfange des 18. Jahrhunderts ein Mann mit Namen Tensel. Derselbe stand bei dem damaligen Kurfürsten August dem Starken in ganz besonderer Gunst. Sehr gern hielt der genannte Kurfürst in den umliegenden Wäldern, in der Masseney und im Karswalde, große Treibjagden ab. Bei solchen Jagden waren viele Hunde nötig, die besonders abgerichtet sein mußten. [071] Die Abrichtung und Pflege der nötigen Jagdhunde hatte der Kurfürst dem Besitzer der Sträuchermühle übertragen. Zur Unterbringung so vieler Hunde waren aber besondere Ställe errichtet, die Hundeställe genannt, von denen noch im Anfange des 19. Jahrhunderts Reste vorgefunden wurden. Für seine Bemühung erhielt der Sträuchermüller Tensel zwei Güter im Orte geschenkt, die der Kurfürst August der Starke zu Freigütern erhob, und die noch heute in Seeligstadt vorhanden sind. Zu dem einen Freigute, dem Rüdrig’schen, hat die Sträuchermühle bis zum Jahre 1896 gehört. Im genannten Jahre verkaufte der Freigutsbesitzer Rüdrig dieselbe.


30. Fischbach.
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Fischbach um das Jahr 1830.

Hart an der sogenannten böhmischen Glasstraße, welche die Städte Radeberg und Stolpen verbindet, liegt das gegen 700 Einwohner zählende Kirchdorf Fischbach. Dasselbe erstreckt sich in südöstlicher Richtung von der Kleinen Röder an bis hinaus zur Bautzener Landstraße und wird daselbst vom Walde begrenzt. Mitten durch’s Dorf schlängelt sich ein plätscherndes Bächlein, ein Zufluß der Kleinen Röder. Draußen am Waldesrande liegt die im Jahre 1857 neuerbaute Oberförsterei. Das alte Forsthaus befindet sich im Oberdorfe und ist durch Kauf in Privathände übergegangen. –

Fischbach gehört im Gebiete des oberen Rödertales zu denjenigen Dörfern, welche von den Deutschen gegründet worden sind. Der Name des Dorfes ist zurückzuführen bis zum Jahre 1200. Damals und noch in den späteren Jahrhunderten schrieb man ihn Vyschbach und Vyschpach.

Unter den von Deutschen gegründeten Ortschaften im oberen Rödertale ist Fischbach das älteste. Von jeher gehörte es zum Amte Stolpen und mit diesem bis zum Jahre 1227 zu Böhmen. Am 18. Oktober 1227 kaufte jedoch Bischof Bruno I. von Meißen das Amt Stolpen von dem wendischen Edelmanne Mocco für 168 Mark Silber, und Fischbach blieb nun mehrere Jahrhunderte [072] hindurch bischöfliches Eigentum. Erst im Jahre 1558 kam es unter Vater August zum Kurfürstentume Sachsen und stand von da an unter kurfürstlicher Gerichtsbarkeit. Als Fischbach noch den Bischöfen zugehörte, erlebte es auch das Schicksal, von den Bischöfen, die öfters in nicht geringer Geldnot waren, verpfändet zu werden. Solches geschah am 21. Oktober 1357, wodurch der Ort längere Zeit dem Burggrafen Friedrich von Dohna zugesprochen war. Doch lösten später die Bischöfe den Ort wieder aus.

Im Jahre 1494 wird Gregor Naumann vom Bischof Johann VI. zu Stolpen mit dem Gerichte belehnt. Jährlich einmal wurde in Fischbach vom Stolpener Amte Gericht gehalten; bei dieser Gelegenheit hatte der Kretzschmar oder Kretzschmer, so hieß früher slavisch der Gastwirt des Dorfes, den Gerichtshaltern die Kost, der Richter das Futter und die Gemeinde das Trinken zu geben. „Das Richteramt ist erblich und ist Lehngut, zinset und dienet nicht und tut dem Lohn gebührlich Folge!“ –

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Pfarrhaus zu Fischbach.

Die Gründung Fischbachs versetzt man in den Anfang des 12. Jahrhunderts, also in jene Zeit, in welcher von den Deutschen die Bergfestung Stolpen gegründet worden sein soll. Wie die Sage allgemein berichtet, bestand der Anfang des erwähnten Dorfes in einigen Fischerhütten, die wegen der daselbst befindlichen fischreichen Bäche und Teiche erbaut worden waren und so die Ursache zu weiterer Bevölkerung des Platzes geworden sein sollen. Vor allen Dingen hielten auch die Bischöfe in ihren Gebieten auf Vermehrung der Teiche, wie die alten Akten im Domstifte Meißen vielfach bekunden. In Fischbach legte z. B. der Bischof Johann VI. einen großen Teich an, obgleich es hier schon viele Teiche gab. So sorgten die Bischöfe auch dafür, daß der Ort Fischbach sich vergrößerte. Um das Jahr 1346 besitzt das Dorf bereits eine Kirche und wird unter den Kirchdörfern der Stolpener Pflege mit angeführt. Über die früheren Schicksale der Kirche zu Fischbach erfahren wir aus einem Berichte von Christian Heckel, dem Verfasser der Bischofswerdaer Chronik, der von 1699 bis 1719 Kantor zu Bischofswerda war, folgendes:

[073] „Die Kirche zu Fischbach ist 1600 und etliche 30 (die Dokumente sind alle verbrannt), nachdem der Feind das Gerichte angezündet, auch vom Feuer ergriffen und nebst den schönen Glocken, Pfarr- und Schul- und anderen Gebäuden in die Asche geleget worden. Ob nun wohl die Eingepfarrten die Kirche nebst denen Pfarr- und Schulgebäuden nach weniger Zeit wieder aufgebauet, so hat ihnen doch dieselben auszubauen und aufs Neue Glocken anzuschaffen, unmöglich fallen wollen, daher Kurfürstliche Durchlaucht Johann Georg I. auf beschehenes, unterthänigstes Supplicieren (Ansuchen, Bittstellen) dazu durch den ganzen Meißner Kreis Collekten zu sammeln, 1641 gnädigst anbefohlen. Von solchem Gelde sind zwei Glocken angeschaffet, auch die Kirche und Pfarre wohl ausgebauet worden.“ – Im Jahre 1696 erhielt der Kirchturm eine Schlaguhr und die Kirche 1697 eine neue Orgel. –

Die Bewohner Fischbachs haben von jeher außer Fischzucht Landbau getrieben. Heute beschäftigen sie sich ausschließlich nur mit der Landwirtschaft, indem die meisten Teiche trockengelegt und in Acker- und Wiesenland umgewandelt worden sind. Viele Ortsbewohner sind nebenbei aber auch im Königlichen Forste als Holzarbeiter und an der Bahn tätig. Wiederholt ist der Ort von Brandunglücken heimgesucht worden, die meist infolge von Blitzschlägen entstanden. – Im Jahre 1889 wurde das alte Erbgericht niedergelegt und von neuem aufgebaut. Im alten Erbgerichte haben nach der Sage oftmals die Nixen aus den nahen Teichen am Tanze der Jugend sich beteiligt.


31. Der Sankt Bennoteich bei Seeligstadt.

Zwischen dem Dorfe Seeligstadt und der Sträuchermühle breitet sich ein weiter Wiesengrund aus, den die kleine Röder durchfließt. Dieses Wiesental wurde früher von einem seeartigen Teiche ausgefüllt, den im Jahre 1511 der Bischof Johann VI. von Salhausen angelegt hatte. Derselbe nannte diesen Teich dem Bischof Benno zu Ehren, der im Jahre 1107 als ein Greis von 97 Jahren nach reichgesegneter Tätigkeit gestorben war, „Sankt Bennoteich“. In dem Verwaltungsberichte des Bischofs Johann von Salhausen heißt es über den Sankt Bennoteich bei Seeligstadt wörtlich: „Item wir haben zu Seeligstadt unden am Dorffe, im Jar 1511 ein Teich gebauet, Bischof-Bennenteich genanndt, dorein alles geile Waßer im gantzen Dorffe kommen und fließen muß, deshalben man dorein 60 Schock Karpen zu guten Wachse vorsetzen kann, ist unserm Stift umb 600 fl. gar nicht zu entperen.“ – Der Sankt Bennoteich bei Seeligstadt wurde von der kleinen Röder gespeist. Derselbe bestand bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts. Bei andauerndem Regenwetter und im Frühjahre bei schneller Schneeschmelze, wenn jener Wiesengrund zwischen dem Dorfe und der Sträuchermühle einen förmlichen See bildet, hat man ein Bild von dem Umfange des ehemaligen Sankt Bennoteiches bei Seeligstadt.


ein Bericht Christian Heckels Verwaltungsberichte des Bischofs Johann von Salhausen

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32. Das Kriegslager bei Fischbach im Jahre 1813.
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Eine geschichtlich denkwürdige Stätte bilden die nördlich an das Dorf Fischbach grenzenden Grundstücke. Da Fischbach hart an der Bautzener Landstraße, einer alten Heerstraße liegt, hat es in Kriegszeiten viel dulden und leiden müssen. Das für Sachsen verhängnisvolle Kriegsjahr 1813 war für Fischbach besonders wegen der nahen Heerstraße sehr unheilbringend. Die Not erreichte für den Ort in den Monaten August, September und Oktober des genannten Jahres den höchsten Grad. Genug schon hatte das Dorf in den vergangenen Monaten desselben Jahres leiden müssen. Bei den vielen Durchmärschen von Militär aller Gattungen war Fischbach vollständig ausgeplündert worden. Doch am größten wurde die Kriegsnot erst Ende Juli des Jahres 1813. Über 13 000 Mann Franzosen hielten eines Tages ihren Einzug und errichteten auf den Feldern nördlich vom Dorfe ein festes Lager. Die ausgehungerten Truppen zehrten fast plötzlich den noch gebliebenen Rest aller Nahrungsmittel in Fischbach für Mensch und Tier auf und schleppten dann, nachdem in dem Dorfe Fischbach nichts mehr zu haben war, aus der Umgegend zusammen, was nur zu erreichen war. Da die französischen Soldaten auch die nächstliegenden Dörfer Seeligstadt, Arnsdorf, Wilschdorf und Rennersdorf ausgeraubt hatten, zogen sie ihre Kreise immer weiter und brachten selbst aus der Gegend von Kamenz und Königsbrück Lebensmittel herzugeschleppt.

Zum Bau von Baracken und zur Unterhaltung der unzähligen Nachtfeuer rissen die Franzosen Zäune, Schuppen und Scheunen ein, warfen das Dachwerk von den Häusern und schafften alles in’s Lager. Im Oberdorfe zu Fischbach, von der Schule bis hinaus an die Bautzener Straße, war weder eine Scheune noch ein Schuppen zu finden. An den Wohnhäusern fehlten [075] Türen und Fenster, sowie die Dächer. Nur in einem einzigen Hause des Oberdorfes war noch ein Fenster vorhanden. Dieses Haus wurde von zwei Generälen bewohnt. Sämtliche Einwohner dieses Dorfteiles waren geflohen. Einige derselben hielten sich im Niederdorfe auf, die meisten aber draußen im Walde in der Nähe der Torfstiche des Karswaldes und in der Masseney. Hier lagen sie bei Tag und Nacht, bei Regen und Kälte, halb verhungert und teilweise krank. Es wütete zu dieser Zeit unter den Leuten das bösartigste Nervenfieber und raffte in Fischbach allein gegen 100 Personen, also den dritten Teil der damaligen Einwohnerschaft, hinweg. Die am Nervenfieber Erkrankten brachte man „allesamt“ auf dem Hausboden des Pfarrhauses, wo sie wenigstens notdürftigen Schutz gegen Kälte und Nässe hatten, unter.

Mit großer Sehnsucht erwartete man den Aufbruch der Franzosen. Die Geduld der armen Ortsbewohner sollte aber auf eine lange und harte Probe gestellt werden. Erst nach vollen elf Wochen wurde das französische Lager aufgehoben, weil es dann die Franzosen für geraten hielten, den von Harthau und Schmiedefeld her anrückenden Russen, von denen sie durch Kanonenschüsse beunruhigt wurden, aus dem Wege zu gehen. Die Franzosen zogen in der Richtung nach Dresden zu ab. Ihr verlassenes Kriegslager bezogen nun aber die Russen, doch blieben diese nicht lange in Fischbach liegen.

Die Russen zeigten sich während ihrer Anwesenheit auch menschenfreundlicher als die Franzosen und meinten es besonders mit den Kindern gut. Deshalb gingen auch beherzte Knaben fleißig zu ihnen in’s Lager hinaus und brachten den Russen Trinkwasser, woran es diesen sehr mangelte. Dafür erhielten die Kinder regelmäßig ein Stückchen Brot oder Fleisch, was diesen natürlich vortrefflich mundete. Endlich zogen auch die Russen ab, und die in die Wälder der Umgegend geflohenen Dorfbewohner kehrten allmählich zurück. Da galt es nun zunächst, die halbverwüsteten Wohnhäuser wieder in wohnlichen Zustand zu bringen. Jahrzehnte hat es gedauert, ehe der Ort sich erholt hatte. Im ganzen Dorfe war nicht ein Stück Melk- oder Zugvieh zu finden. Zum Ankauf fehlte auch das nötige Geld. Es waren traurige Zeiten!

Da, wo einst das Kriegslager der Franzosen und Russen bei Fischbach aufgeschlagen war, hat man wiederholt beim Ackern und Graben Kugeln, Metallknöpfe, Hufeisen, Waffengegenstände u. dergl. m. aufgefunden. Meist hat man leider diese Fundgegenstände unachtsam beiseite geworfen. –

[076]

33. Der Gasthof „Zum Schwarzen Ross“ bei Fischbach.

An der Bautzener Landstraße, da, wo diese vom Fahrwege, der von Fischbach nach Wilschdorf führt, gekreuzt wird, steht ein jahrhundertalter Gasthof, der weithin unter dem Namen „Zum Schwarzen Roß“ bekannt ist. Dieses Gasthaus, in früheren Zeiten „Zur weißen Rose“ genannt, gehört zu dem daneben gelegenen Gute und ist mit diesem seit Jahrhunderten verbunden gewesen. Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts standen die Gutsgebäude nicht südlich, sondern nördlich vom Gasthause und zwar da, wo heute die Kegelbahn, der anstoßende Obst- und Gemüsegarten sich befinden. Die Stelle der Kegelbahn nahm das ehemalige Schlachthaus ein. Im Obstgarten standen die Ställe. Über der Haustüre des altehrwürdigen Gasthauses befinden sich die Jahreszahl 1773 und ein kleines, in Stein gehauenes schwarzes Roß, dazu die Buchstaben G. C. F. V. Das Gebäude hat sich trotz der Jahre sehr gut erhalten.

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Schwarzes Ross in Fischbach.

Mancher Kriegssturm umtobte dieses Gasthaus. Hier vorüber zogen während der Freiheitskriege Tausende von Kriegern, Freunde und Feinde. Oft häuften sich die Einquartierungen so, daß kaum noch ein einziger Mann untergebracht werden konnte. Wiederholt nahmen im „Schwarzen Roß“ auch hohe Offiziere Quartier, selbst Fürstlichkeiten rasteten hier, z. B. Alexander von Rußland, auch Napoleon. Hier eilte Napoleon, als er aus dem brennenden Moskau floh, als Flüchtling vorüber. Nach einigen Wochen kam auch das Heer, welches Napoleon im Stiche gelassen hatte, traurige Reste der stolzen Legionen, die dem blutigen Korsen Rußland erobern sollten.

Im Frühjahre 1813 kam Napoleon, der in Frankreich rasch ein neues Heer gesammelt hatte, wieder. Für die Orte an der Bautzener Straße sollten nun die schrecklichsten Tage kommen. Vom 2. Mai 1813 bis Ende desselben Jahres hörten auf der Bautzener Landstraße die Durchmärsche und im [077] „Schwarzen Roß“ die Einquartierung und „Drangsalierung“ nicht auf. Wenn das alte Gebäude reden könnte, von wieviel Not damaliger Zeit würde es uns erzählen!

Die russische Armee war bei Dresden von den Franzosen zurückgedrängt worden. Napoleon hatte den Übergang über die Elbe erzwungen und jagte die Russen vor sich her. Bei Bühlau und Weißig kam es am 11. Mai 1813 zum Treffen, die Russen wurden abermals geschlagen. Sie zogen sich auf der Bautzener Straße immer mehr zurück. Bei Fischbach, in unmittelbarer Nähe des „Schwarzen Rosses“ und der jetzigen Oberförsterei, machten sie Halt. Die Nacht war angebrochen. Am 12. Mai 1813, früh 8 Uhr, begann hier und bei Arnsdorf das Gefecht abermals. Die Russen versuchten die nachdringenden Franzosen aufzuhalten, allein vergebens. Erst auf dem Kapellenberge bei Schmiedefeld konnten die Russen auf einige Stunden festen Fuß fassen. Bald aber entspann sich ein mörderischer Kampf, in dem auch Schmiedefeld ein Raub der Flammen wurde. Die Bewohner aus Fischbach, Wilschdorf, Schmiedefeld und den benachbarten Orten hatten schon Tage vorher Zuflucht in den nahen Wäldern genommen, wohin sie auch ihr Vieh und ihre Habseligkeiten, um sie vor der Raubgier der Feinde sicherzustellen, gebracht hatten.

Von Ende Mai bis zum Oktober wurden auf der Bautzener Straße am „Schwarzen Roß“ vorüber Tausende von Verwundeten auf Schiebeböcken und Karren in das Hauptlazarett nach Dresden gebracht. Aus der Umgegend mußten Karren gestellt werden, so an einem einzigen Tage im Juni aus den beiden Ämtern Radeberg und Stolpen über 3000 Schiebeböcke mit Bemannung. Die Gasthöfe zum „Fuchs“ und zum „Schwarzen Roß“ waren die Punkte, an welchen die Beorderten einzutreffen hatten. Vgl. „Der Fuchs bei Schmiedefeld“.

Bis zur Eröffnung der Schlesischen Bahnlinie 1846 herrschte reger Verkehr im Gasthause „Zum Schwarzen Rosse“. Vor dieser Zeit wurden die Frachtgüter zwischen dem Osten und Westen unseres Vaterlandes mittels Fuhrwerken befördert. Die Bautzener Landstraße war diejenige, welche den Hauptverkehr hatte. Das „Schwarze Roß“ bildete in jener Zeit eine wichtige Station für die Fuhrleute und für das reisende Publikum. Oftmals waren hier so viele Wagen aufgestellt, daß die Wagenreihe vom Gasthause bis hinauf zum ehemaligen Chausseehause an der Kreuzung der Bautzener und Stolpener Straße reichte. An manchen Abenden waren über 100 Pferde unterzubringen und fast ebensoviel Personen. Mit besonderer Vorliebe blieben hier im „Schwarzen Roß“ die polnischen Juden, welche die Leipziger Messe bezogen. Dieselben hatten ihr Gastzimmer für sich; dasselbe besteht heute noch, freilich ist es jetzt die Geschirrkammer geworden. Die eigentliche Gaststube war damals viel größer als gegenwärtig. Ein großer Teil derselben ist zur Küche eingerichtet und abgetrennt worden. Täglich wurden damals 1 bis 2 Zentner Fleisch verspeist und mehrere „Eimer“ Bier verzapft. Aus allen Gegenden trafen die Reisenden hier zusammen. Mit dem Jahre 1846 wurde es aber, wie schon erwähnt, anders. Von Jahr zu Jahr stellten sich weniger Fuhrleute ein, und zuletzt blieben sie ganz aus. Doch hat darum das „Schwarze Roß“ noch immer seine Gäste, und gern nimmt der Wanderer unter den schattigen Bäumen im Garten, auf der „Wilhelmshöhe“, einem erhöhten Platze zwischen den Kronen einiger Linden, wohin man auf einer Treppe gelangt, oder am braunen Tische in der Gaststube Platz. Auch am Abend finden sich stets treue Stammgäste im „Schwarzen Roß“ ein. Wer Sinn für die Vergangenheit hat, wer noch die ländliche Einfachheit liebt, der hält gern hier [078] Rast und fühlt sich hier äußerst wohl. Freilich, es werden die Räume dieses altehrwürdigen Gasthofes für den Wanderer nicht allzulange mehr geöffnet sein. Die Gasträume entsprechen heute nicht mehr den gesetzlichen Vorschriften und Bedingungen, darum ist im Monate Juli 1902 der Grundstein zu einem neuen Gebäude gelegt worden, das nur wenige Schritte von diesem alten Gasthause aufgeführt wurde. In dem neuen Gebäude wird künftig der Wanderer Erholung finden. Der neue Gasthof „Zum Schwarzen Roß“ soll im Spätherbste 1902 dem Verkehre übergeben werden. Die Räume des alten Gasthofes werden dann für immer geschlossen.

Das ist nunmehr geschehen und zwar am 27. Februar 1903. An diesem Tage wurden die Räume des alten Gasthofes zum „Schwarzen Roß“ für den öffentlichen Verkehr geschlossen und die Räume des neuen, schmuckeren Gasthofes, der zur Erinnerung aber auch den Namen „Zum Schwarzen Roß“ führt, bezogen. – Am 16. Juni 1903, abends 9 Uhr, kam der alte Gasthof in große Gefahr. In den angrenzenden Scheunen war Feuer ausgebrochen, das wütend um sich griff und auch den westlichen Giebel des alten Gasthofes in Brand steckte. Doch gelang es dem energischen Eingreifen der Feuerwehren, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Über 20 Spritzen aus stundenweiter Entfernung waren herbeigeeilt. Das altehrwürdige Gebäude wurde zwar etwas beschädigt, ist aber erhalten geblieben, und seine Räume dienen jetzt Sommerfrischlern zum Aufenthalt.


34. Der „Schwarze Teich“ bei Fischbach.

In der Nähe des Gasthauses „Zum Schwarzen Roß“ wird die Bautzener Landstraße von einem Fahrwege gekreuzt, der von Fischbach nach Wilschdorf führt. Dreihundert Schritte von dieser Wegkreuzung entfernt liegt in der Richtung nach Dresden zu, ganz unmittelbar an der erwähnten Landstraße, zur Linken eine mit Stangen umrahmte sumpfige Fläche, auf der Sträucher und verschiedenes Gestrüpp sich ausbreiten. Man bezeichnet diese moorige Stelle als den „Schwarzen Teich“. Auch auf den Generalstabskarten ist diese Bezeichnung zu finden. – Der „Schwarze Teich“ gilt als ein unheimlicher Ort, den niemand gern betritt, und an dem nachts niemand gern vorübergeht. Hier erblickt der nächtliche Wanderer zu manchen Zeiten Irrlichter, oftmals vernimmt er Stöhnen und Seufzen, selbst Hilferufe. – Vor Jahren war der „Schwarze Teich“ noch weit umfangreicher und dazu auch wasserreicher. Wehe demjenigen, der sich hier verirrte und ihm zu nahe kam! Gar bald verloren die Füße den Untergrund, und der Verirrte versank unrettbar; denn der „Schwarze Teich“ war sehr tief, indem den Untergrund dieses Teiches ein bodenloser Moor bildete. Noch heute ist es besser, diesem umrahmten Platze fernzubleiben; denn die Gefahr des Versinkens ist auch jetzt noch groß. Mancher Wanderer soll hier in früheren Zeiten verunglückt sein. In dem Kriegsjahre 1813 sind mehrere französische Reiter im „Schwarzen Teiche“ versunken, die man hierher gelockt hatte. Auch wird erzählt, daß verwundete Krieger, welche man vom „Fuchs“ bei Schmiedefeld auf Schiebeböcken nach Dresden in das Hauptlazarett bringen mußte, an dem „Schwarzen Teiche“ abgeworfen und ohne Erbarmen in den Sumpf gestoßen worden wären, in dem dieselben nach wenigen Augenblicken für immer versanken. Sie sollen es sein, die da nachts stöhnen und klagen und um Hilfe rufen.

[079]

35. Der Sankt Donathsteich zu Wilschdorf.

An jene Zeit, da die Meißnischen Bischöfe noch die Herren in der Stolpener Pflege waren, erinnert im oberen Teile von Wilschdorf bei Stolpen ein großer Teich, der „Sankt Donathsteich“ genannt. Derselbe besteht nun beinahe schon 400 Jahre. Er wurde vom Bischofe Johann VI. von Salhausen im Jahre 1510 angelegt. Wilschdorf erstreckte sich in jener Zeit noch nicht soweit nach Osten wie gegenwärtig. Der Karswald hatte damals einen größeren Umfang als heutzutage. Wo heute die Häuser des oberen Teiles von Wilschdorf liegen, breitete sich im 16. Jahrhunderte noch der Karswald aus. Hier ließ nun Bischof Johann VI. einen umfangreichen Teich anlegen, den er nach dem Schutzheiligen der Stolpener Gegend „Sankt Donathsteich“ nannte. Der heilige Donath, ein ehemaliger Bischof von Arezzo in Italien, galt neben dem Evangelisten Sankt Johannes als Stiftspatron von Meißen.

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Kirche und Pfarre in Wilschdorf.

[080] Bischof Johann VI. von Salhausen schreibt über die Gründung des Donathsteiches zu Wilschdorf in seinem auf Schloß Stolpen abgefaßten Rechenschaftsberichte folgendes:

„So haben wir im 1510. jare vorm Kariswalde obir Wilßdorff ein teich gebauet, Sankt Donathsteich genandt, darinnen kein Hecht ist, es kann auch kein fisch daraus weg gehenn, dorain man alle jar bey 1000 schock ierige Karpichen umb Sankt Georgenstag setzen mag, sich dorinnen biß uff Galli zu erstrecken lassen, uff dieselbe Zeit man ihn wieder ablaßen, und den Samen uff die Zeit rauß nehmen, und in andre Teiche setzen, das er dorinne, weil derselbe teich nicht fließwasser hatt, nicht erstecke, und den Teich von stund an wieder zusetzen muß. Der Stifft kann diesen teich umb 600 fl. nicht entperen“. –

Der Sankt Donathsteich zu Wilschdorf gehört heute in weitester Umgegend von Stolpen zu den schönsten und bestgepflegten Teichen. Wenn er gefischt wird, so kommen Schaulustige aus allen benachbarten Orten herbei, und Hunderte von Neugierigen und Fischliebhabern stehen dann am Ufer des jahrhundertalten Sankt Donathsteiches.

[081]

36. Der Weinberg bei Wilschdorf.

Ungefähr 1000 m nördlich von der Kirche zu Wilschdorf bei Stolpen entfernt liegt ein kegelförmiger Hügel, der Weinberg genannt. An ihm hinauf ziehen sich ringsum wohlgepflegte Feldstreifen. In früheren Jahren jedoch war hier der Weinstock angepflanzt, wodurch jener Hügel auch zu seinem Namen gekommen ist. Es gab einst eine Zeit, da man in unserem Vaterlande dem Weinbau mehr Aufmerksamkeit schenkte als heutzutage. –

Es war im Jahre 1829. Da erfuhr die Kirche zu Schönfeld bei Pillnitz einen größeren Umbau. Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein Leichenstein mit der Jahreszahl 1523 aufgefunden. Bald darauf stießen die Arbeiter beim Abgraben des Fußbodens auf eine Anzahl Grabgewölbe, in denen noch wohlerhalten verschiedene Särge standen. Unter diesen entdeckten Grüften befand sich auch das Erbbegräbnis der Familie Dehn-Rothfelser. Die Dehn-Rothfelser waren Jahrhunderte hindurch die Herren des nach Schönfeld eingepfarrten Rittergutes Helfenberg. Es hat die Ritterfamilie Dehn-Rothfelser einen ehrenwerten und bekannten Namen. Der berühmteste aus dieser edlen Familie ist Ernst Albert von Dehn-Rothfelser. Derselbe war zur Zeit des 30jährigen Krieges Besitzer von Helfenberg und liegt ebenfalls in der erwähnten Gruft der Schönfelder Kirche begraben. Über ihn weiß die Chronik jener Zeit nur Gutes zu berichten. Von ihm wird erzählt, daß er sich um den Obst- und Weinbau in der ganzen Umgegend von Pirna bis Meißen sehr verdient gemacht habe. Er munterte die Leute dazu auf, Wein- und Obstbau zu treiben und gab ihnen selbst auch Anleitung zur Anpflanzung des Obstbaumes und der Weinrebe. Ernst Albert von Dehn-Rothfelser war auch schriftstellerisch rege tätig auf diesem Gebiete. Im Jahre 1629 gab er ein Buch heraus über den Wein- und Obstbau. Dieses Werk war das erste Buch, das über den Wein- und Obstbau Sachsens geschrieben ward. Es fand eine begeisterte Aufnahme und hat viel Segen gestiftet. Damals war der Weinbau noch sehr einträglich, da die Zufuhr aus anderen Ländern schwierig und selten war. Darum legten die Bauern jener Tage fleißig Weinberge an und verwandelten nicht selten das meiste Ackerland in Weinland. Es kam sogar soweit, daß deshalb über die Bauern des Elbtales und weit darüber hinaus auf manchem Landtage Beschwerden laut wurden. Mancher Weinberg des Elbtales und der angrenzenden Gegend ist in jener Zeit entstanden und verdankt seine Entstehung der erwähnten Schrift des edlen Herrn Ernst Albert von Dehn-Rothfelser auf Helfenberg bei Schönfeld, der noch heute in der Schönfelder Kirche ruht. Mit der Zeit ging ein Weinberg nach dem andern wieder ein, und nur der Name „Weinberg“, den verschiedene Hügel hie und da führen, erinnert an das Vergangene. Auch der Weinberg bei Wilschdorf ist eine Erinnerung an verflossene Zeiten, in denen Ernst Albert von Dehn-Rothfelser auf Helfenberg durch sein vortreffliches Buch die Leute für den Obst- und Weinbau mit großem Erfolge förmlich begeisterte.

[082]

37. Die Ostersäule bei Lauterbach.
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Am westlichen Ende des Dorfes Lauterbach bei Stolpen steht auf einem der Gemeinde gehörigen Wiesengrundstücke, dicht an dem Fahrwege nach Bühlau und Schmiedefeld, eine gegen 3 m hohe Steinsäule, welche man im Volksmunde als die Ostersäule bezeichnet. Dieselbe nimmt alljährlich zur Osterzeit besonderes Interesse in Anspruch, weil dieser Gedenkstein in unmittelbarer Beziehung zu dem Osterfeste steht. Die höchst denkwürdige Ostersäule ruht auf einem runden Sandsteine, der einem Mühlsteine gleicht und 3 m Umfang hat. Der Kopf der Säule zeigt auf der der Straße zugekehrten Seite das erhaben ausgearbeitete Bild des Heilandes am Kreuze. Auf der dem Dorfe Lauterbach zugekehrten Seite befindet sich folgende Inschrift:

1584
Jar
Das ist war
zwene Ostern
in einem Jar.

Darunter sind die Worte eingemeißelt:

Erneuert im Jahre 1884.

Die übrigen beiden Seiten des Aufsatzes, sowie die Säule selbst, enthalten keinerlei Zeichen. An der der Straße zugekehrten Seite der Ostersäule befinden sich in der Mitte zwei tiefgebohrte Löcher, die 30 cm voneinander entfernt sind. Man vermutet, daß diese Öffnungen zur Befestigung einer Tafel gedient haben, die entweder über die Entstehung dieser Säule oder auch über die Wegerichtung Auskunft gab. Als man die Ostersäule im Jahre 1884 renovierte, wurde dieselbe völlig abgetragen, da man unter derselben Urkunden aufzufinden hoffte. Doch man fand nur Scherben und ein Häufchen Asche. Bei Wiederaufstellung der Ostersäule höhlte man den oberen Teil derselben aus und legte in einem Glase eine Urkunde und verschiedene Münzen bei.

An die Entstehung der Ostersäule bei Lauterbach knüpfen sich verschiedene Erzählungen. Wie Hasche im Magazin der sächsischen Geschichte schreibt, soll die Ostersäule bei Lauterbach ursprünglich eine sogenannte Martersäule gewesen sein und an jene Zeit erinnern, da die Bewohner der Stolpener Pflege noch katholisch waren. Die Säule habe demnach bereits vor dem Jahre 1584 gestanden. Im Jahre 1584 wurde jene Martersäule vom damaligen Amtsschösser Thomas Treuter zu Stolpen erneuert. Derselbe ließ die Inschrift, welche die Säule jetzt noch trägt, anbringen und zwar aus folgendem Grunde: „Papst Gregor XIII. ließ 1582 den nach ihm benannten Kalender einführen, der aber auch in der katholischen Religionspartei nicht gleich aufgenommen wurde. Die Lausitzer bequemten sich erst 1584 dazu. Es ist also sehr natürlich, daß es in diesen Jahren mehrfach vorgekommen sein muß, Ostern an verschiedenen Orten auch an verschiedenen Tagen zu feiern. Jedenfalls hat [083] dies gedachten Amtsschösser wichtig genug erschienen, die künftigen Geschlechter an dieses Ereignis durch Eingrabung jener Worte zu erinnern. Auch in der Stolpener Gegend kam es in jener Zeit wiederholt vor, daß Ostern in einzelnen Gemeinden in einem Jahre zweimal gefeiert wurde, da der eine Teil der Bevölkerung bei der Feier des Osterfestes sich nach dem alten, dem Julianischen Kalender, richtete, der andere Teil nach dem neuen, dem Gregorianischen. Solches geschah auch in der Gemeinde Lauterbach bei Stolpen.“ –

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Lauterbach um das Jahr 1830.

Eine andere Erzählung ist folgende:

„Ein Fuhrmann aus Lauterbach unternahm einst eine Fahrt nach Rußland. Dort feierte er das Osterfest mit. Gleich darauf trat er seine Heimreise an. Als er in Lauterbach ankam, wurde daselbst eben das Osterfest eingeläutet. Er feierte das Osterfest nun noch einmal. Solches geschah im Jahre 1584. Zur Erinnerung an diese zweimalige Feier des Osterfestes in einem Jahre ließ jener Lauterbacher Fuhrmann, ein vermögender Bewohner des Ortes, diese denkwürdige Steinsäule errichten und gab ihr den Namen Ostersäule.“[8]

Welche Erklärung die Wahrheit für sich hat, wird sicherlich schwer zu entscheiden sein. Jedenfalls aber bleibt die Ostersäule bei Lauterbach ein hochinteressantes Denkmal, das schon durch sein hohes Alter die Beachtung des Wanderers verdient. Sehr löblich ist es von der Gemeinde Lauterbach, daß dieselbe jene denkwürdige Ostersäule als ein geschichtliches Denkmal schützt und die Erhaltung desselben sich angelegen sein läßt. –

[084]

38. Der Rossendorfer Teich.

Zwei Stunden östlich von Dresden entfernt liegt an der Bautzener Landstraße das idyllische Forsthaus und Restaurant „Zum Schenkhübel.“ Dahin führt den Wanderer von Dresden aus der Weg über Weißer Hirsch, Bühlau und Weißig. Unter jahrhundertalten Linden kann man am Schenkhübel rasten und den regen Verkehr auf der nahen Landstraße beobachten. Drüben auf einer Anhöhe liegt das von Herrn von Quandt schloßartig erbaute Rittergut Rossendorf, das bis in die Radeberger Gegend grüßt. – Zwischen dem Schenkhübel und dem Rossendorfer Rittergute breitet sich in einer Talsenke der stattliche und umfangreiche „Rossendorfer Teich“ aus. An ihm führt hart der von der Bautzener Landstraße nach Rossendorf, Eschdorf und Großerkmannsdorf abbiegende Fahr- und Fußweg vorüber. Ein hoher Damm schließt den Teich nach Westen zu ab. –

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Denkstein am Wege nach Rossendorf.

In diesem Teiche, dessen Röhricht und Schilf im Frühlinge und Sommer von zahlreichen Wasserenten belebt ist, entspringt die Prießnitz, die auf ihrem weiteren Lauf die Dresdener Heide durchfließt und ein anmutiges Tal, den [085] romantischen Prießnitzgrund, bildet. Gern suchen dasselbe zu jeder Jahreszeit die Dresdener auf.

Die Prießnitz oder der Birkenbach erreicht vom Rossendorfer Teiche aus nach einem fünfstündigen Laufe durch die Dresdener Heide oder den Prießnitzwald die Elbe bei Dresden. Der Bach läuft nach Westen zu ab, geht über eine moorige Wiese durch Gebüsch und schneidet nach wenigen Minuten die Bautzener Landstraße am Postberge. Nun fließt die Prießnitz durch die Klinken- und Hainwiesen am Waldessaume entlang, nimmt bald einige Zuflüßchen auf, kreuzt den Kirchweg, der von Ullersdorf nach Weißig führt, und tritt nach dreiviertelstündigem Laufe bei der Todmühle am Wege von Ullersdorf nach Bühlau und Weißig in die Dresdener Heide ein. Auf ihrem weiteren Laufe durch den Prießnitzwald berührt der Birkenbach zwei Gebäude, die romantische Heidemühle und das im Jahre 1903 eröffnete „Kronprinz Friedrich August-Bad“ bei Klotzsche. –

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Herrenhaus des Rossendorfer Rittergutes.

Das Wasser der Prießnitz gilt allgemein für heilkräftig und soll auf alle, die an Gicht und ähnlichen Krankheiten leiden, eine wohltätige Wirkung ausüben. Wie durch geologische Untersuchungen nachgewiesen worden ist, [086] zieht sich unter dem Rossendorfer Teiche ein großes Lager von bituminösem, d. h. harzigem Holze, hin, und diesem soll das Wasser der Prießnitz die wunderbare Heilkraft verdanken.

Aus der Mitte des Rossendorfer Teiches ragt eine kleine, mit Strauchwerk verdeckte Insel hervor, auf der im Jahre 1835 eine Jagdhütte erbaut wurde. Dieselbe diente dem Weidmanne als Schlupfwinkel, von dem aus er den wilden Enten unbemerkt nachstellen konnte. Die Jagdhütte ist aber wieder verfallen. Von ihr sind heute nur noch spärliche Überreste vorhanden. Am Ufer aber liegt ein Kahn, auf dem noch heute der Jäger zur Insel hinüberfährt, um von dort aus den Wasserenten nachzustellen.

Wie eine Sage vom Jahre 1690 berichtet, stand einst auf jener Insel im Rossendorfer Teiche eine Kapelle, ein Altar der heiligen Barbara. Ein Kaplan der nahen Burg Stolpen habe hier in jedem Monate Messe gelesen. Auch Mönche des Dominikanerklosters zu Pirna wären von Zeit zu Zeit nach hier gekommen, um Andachtsübungen zu verrichten.

Allgemein bezeichnet der Volksmund jenen Hügel im Rossendorfer Teiche als die „Nixeninsel“. Frau Saga hat um diese Insel ein duftendes Gewand gehüllt. Sie lauscht und flüstert hier, wenn der Mond sein Silberlicht über die Gegend ausgießt und im Mondenscheine die am Ufer stehenden Bäume ihre Wipfel träumend wiegen. Dann entsteigen dem Gewässer und Röhricht zauberisch schöne Wesen, wundervolle Nebelgebilde, die Nixen des Rossendorfer Teiches.

Auf der Nixeninsel wohnte einst ein alter Nix mit seiner bildschönen Tochter, die oftmals nach Rossendorf zum Tanze ging. Ein braver Jüngling durfte einst diese Nixe nach Hause begleiten. (Vgl. Dr. Meiche: Sagenbuch des Königreichs Sachsen. 1903, Nr. 490)[WS 1]

In manchen Nächten treibt einsam ein Einbaum über die Fluten des Sees. Mönche sitzen in ihm, die hinüber zur Sankt Barbarakapelle ziehen, um Gottesdienst zu halten. –

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39. Die „Schöne Höhe“ bei Dittersbach.

Zu den schönsten Punkten in der weiteren Umgegend Stolpens gehört die „Schöne Höhe“ bei Dittersbach. Das im reizenden Talgrunde gelegene Kirchdorf Dittersbach mit seinem bescheidenen Marktplatze und seinem geschmackvollen Schlosse schmiegt sich an den nordöstlichen Fuß dieses Berges. Mehrere Wege führen vom Dorfe aus hinauf zur anmutigen Höhe. Man wähle aber denjenigen, der anfangs durch das wildromantische Wesenitztal führt und sich dann steil im Zickzack emporwindet. Dieser Weg ist der beschwerlichste, jedoch auch der lohnendste. Oben auf der Höhe finden wir eine bescheidene Restauration und einen steinernen Turm mit reizender Architektonik.

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Dittersbach um das Jahr 1830.

Der Turm, den man ersteigen kann, erschließt von seiner Plattform aus, dem Auge ein gar anziehendes Landschaftsgemälde. Fast alle Berge der Sächsischen Schweiz liegen gleichsam vor dem Beschauer ausgebreitet. Nach Osten hin schweift der Blick hinüber zu den Lausitzer Bergen, unter denen der turmgekrönte Valtenberg bei Niederneukirch am deutlichsten hervorragt. Aus derselben Richtung herüber grüßt auch die altehrwürdige Bergfestung Stolpen, ferner im Hintergrunde der hohe Rücken des Unger bei Neustadt. Den südwestlichen Horizont schließt der lange Zug des Erzgebirges ab. Nach Norden hin überblickt das Auge den Karswald, hinter dem die Höhen bei Pulsnitz, Elstra und Kamenz emporragen.

Der Turm enthält schöne Restaurationsräume, dazu im Erdgeschoß einen herrschaftlichen Saal mit hübschen Wandgemälden von Professor Peschel, die verschiedene Gedichte Goethes illustrieren. Da finden wir die Bilder: „Der König in Thule“, „Erlkönig“, „Der Fischer“ und außerdem verschiedene Sinnsprüche. Zwei Nischen des Saales sind mit geschmackvollen byzantinischen Schränkchen, die zur Aufbewahrung von Trinkgefäßen dienen, geschmückt. Die [088] schöne Holzschnitzerei dieser Schränkchen stellt ineinander verschlungene Weinreben dar.

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Die Hubertuskapelle am Fuße der Schönen Höhe bei Dittersbach.

Dieser burgartige Turm hat eine Höhe von 20 Meter. Denselben ließ in den Jahren 1841 bis 1843 der kunstsinnige Johann Gottlob v. Quandt, der frühere Besitzer des Dittersbacher Hofes, durch den Amtsmaurermeister Herbert erbauen. In der parkähnlichen Umgebung der „Schönen Höhe“ errichtete v. Quandt sinnige und geschmackvolle Denkmäler. Das schönste derselben ist aber wohl die Sankt Hubertuskapelle unten im Lieblingsgrunde. Wer die „Schöne Höhe“ bei Dittersbach besucht, versäume nicht, auch die reizende Umgebung dieses Berges mit in Augenschein zu nehmen.

[089]

40. Die Rockauer Linde.

Zwischen Loschwitz und Pillnitz liegt hoch oben auf den rechten Uferhöhen der Elbe das freundliche Dörfchen Rockau. Dicht oberhalb desselben steht eine ehrwürdige, mächtige Linde, durch deren Geäst der Sturm schon seit Jahrhunderten gebraust ist. Herrlich ist der Anblick der Landschaft, die ringsum ausgebreitet liegt. Wie ein Garten Gottes ruht das gesegnete Elbtal vor dem Auge des Beschauers. Die Elbe zieht sich wie ein breites Silberband durch diese liebliche Landschaft, belebt von allerlei Fahrzeugen. Nach Westen hin begrenzt den Horizont der Kamm des Erzgebirges, nach Süden zu die Sächsische Schweiz. Nördlich breitet sich das Häusermeer Dresdens aus. Gern läßt sich der Wanderer im Schatten dieser uralten Linde nieder und lauscht dem seltsamen Rauschen dieses Baumes. An Reiz gewinnt diese Stätte durch den duftenden Zauber einer lieblichen Sage, welche sich an den altersgrauen Lindenbaum knüpft und in einer Chronik berichtet wird. Diese Sage meldet folgendes:

Vor mehr als 400 Jahren lag in der Nähe der Rockauer Linde eine gar stattliche Burg, die Hilfenburg genannt, deren Ruinen heute noch im Helfenberger Grunde zu sehen sind. Diese Burg bewohnte damals die edle Burgfrau Frau von Rothfelsen, die von allen ihren Untertanen geliebt und verehret wurde. Einst erkrankte die Burgfrau und war dem Tode nahe. Das machte ihre Untertanen gar traurig, die deshalb für ihre Beschützerin täglich um baldige Genesung fleißig beteten. Der Herr erhörte auch deren Gebete, und die edle Burgfrau wurde zu aller Freude wieder gesund. Nach ihrer Genesung unternahm Frau von Rothfelsen eine Wallfahrt in die Kirche des nahen Dorfes Schönfeld, um dem Höchsten für die gnädige Hilfe Dankopfer darzubringen. Auf der Rückkehr nahm die Burgfrau ihren Weg über Rockau. Ihre Dienstmannen, die Landleute der Umgegend, streuten der Herrin Blumen auf den Weg zum Zeichen der Freude und der dankbaren Anerkennung. Da bemerkte die Burgfrau ein kleines Mädchen am Wege, das bitterlich weinte. Nun blieb Frau von Rothfelsen stehen und frug das Mädchen nach der Ursache seiner Traurigkeit. Schluchzend antwortete das Kind: „Ich wollte Euch, da Ihr so lieb und gut seid, auch Blumen streuen, aber ich fand keine und kann Euch nur ein Lindenbäumchen darbringen!“ — Die edle Burgfrau war von der Liebe und Einfalt des braven Kindes tief gerührt, nahm das Lindenbäumchen mit Freuden entgegen und befahl den Dienstmannen, dasselbe zu pflanzen und zwar an derselben Stätte, da sie das weinende Mägdlein angetroffen hatte. Das soll am 28. August 1488 geschehen sein. Das Lindenbäumchen entwickelte sich allmählich zu einem mächtigen Baume, der in Dresdens Umgebung unter dem Namen „die Rockauer Linde“ weithin bekannt ist. –

Zur Erinnerung an jenes Ereignis wurde am 28. August 1888 in Rockau das 400 jährige Jubiläum des altersgrauen Lindenbaumes gefeiert. „Ein Zug von Landleuten, zum Teil in altertümlichen Gewändern, zog mit Musik und unter zahlreicher Teilnahme der Bewohner aus der Umgegend hinauf zur Rockauer Linde. Ein Landmann aus Cunnersdorf hielt eine schlichte Ansprache und erzählte die Geschichte des alten Lindenbaumes, der schon manches Geschlecht hat kommen und gehen sehen, an dem auch die Kriegsstürme vorüberbrausten.“ Wie man erzählt, habe Napoleon I. im Jahre 1813 an dieser Stätte geweilt und die Bewegungen seiner Heeresmassen beobachtet.

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41. Die Schwert- oder Schildkiefer bei Porschendorf.

Auf dem Lohmener Staatsreviere, Porschendorfer Abteilung Nr. 59, im sogenannten Wäldchen, steht nicht gar weit von der Porschendorfer Ziegelscheune entfernt ein lebendes Stück Altertum, nämlich die im Volksmunde bekannte Schwert- oder Schildkiefer. An dieser Kiefer befindet sich ein eingeschnittener Schild, umgeben von Jagdtrophäen. In dem Schilde sind folgende Worte, die eingegraben sind, zu lesen:

„Frhrr. von Mantteufel. Immer fanden wir hier gelagert Ruhe und Freude nach dem wechselnden Glück jeder ermüdenden Jagd. Wanderer, seid Ihr Freunde wie wir, versucht es und setzt Euch; was wir fanden, auch Euch gibt es der freundliche Baum. Heinrich von Gablenz, Hans von Gersdorf, Carl Gottlob von Oppel, Christian Gottholdt Auerswaldt, Christian Ernst Melzer; den 17. Oktober 1801.“ –

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Ältere Ansicht von Porschendorf.

Diesen alten Baum, den schon mancher Sturm umbraust hat, zu erhalten und seine Umgebung auszuzeichnen, haben im Jahre 1889 der Oberförster Schulze-Lohmen und der Förster Keutel-Porschendorf ein Rundteil, welches an den Enden mit Fichten bepflanzt und in der Mitte mit Sand bestreut ist, angelegt. Am Eingange des Rundteiles sind zwei Lindenbäumchen gepflanzt, in deren Mitte sich die Kiefer majestätisch erhebt. Rechts und links sind erhöhte Rabatten angebracht, welche die Buchstaben A und C, (Albert und Carola) durch kleine Fichten ausgeführt, vorstellen. Einige Bänke laden den Wanderer zur Rast ein.

Das Alter der sehenswerten Schwert- oder Schildkiefer wird von den Forstleuten auf mehr als 300 Jahre geschätzt. Sie soll zu jener Zeit angepflanzt worden sein, da Vater August Kurfürst von Sachsen war.

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42. Die Hochburkersdorfer Linde.
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Lohmen um das Jahr 1830.

Am Wege von Stolpen nach Rathewalde steht ein uralter Baum, der in meilenweiter Runde unter dem Namen „Die Hochburkersdorfer Linde“ bekannt ist und ein sichtbares Wahrzeichen der Stolpener Gegend bildet. Vom Standorte dieser Linde aus hat man bei heiterem Wetter eine der schönsten Fern- und Rundsichten über die Sächsische und Böhmische Schweiz, weit in die nördliche und östliche Lausitz, sowie über das ganze östliche Erzgebirge. Leider ist diese uralte Linde vom Zahne der Zeit sehr benagt worden. Sie besteht gegenwärtig nur noch aus einem gegen 4 m hohen Stumpf. An mehreren Stellen sind neue Triebe zu finden, die büschelartig ineinander verwachsen sind. Vor Jahren trug diese Linde noch eine stattliche Baumkrone. Der Sturm hat sie wiederholt arg beschädigt. Früher führte in das Geäst eine Treppe empor zu einer Art Podium mit Tisch und Bänken. Tausende haben im Laufe der Zeit hier oben geweilt und sich an dem herrlichen Rundblicke ergötzt. Zu den Besuchern zählten ehedem sogar die hochseligen Könige Anton und Johann, die beide mit großer Vorliebe hier weilten. Im Jahre 1813 besuchte auch Napoleon die Hochburkersdorfer Linde und hielt von hier oben aus Umschau über das Gelände nach Böhmen zu. Vor einigen Jahren lebten noch Leute in dem nahen Hochburkersdorf, die sich an Napoleons Aufenthalt hier lebhaft erinnern konnten.

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43. Sebnitz wird von der Teuerung in den Jahren 1718 und 1719 schwer heimgesucht.

In den Jahren 1718 und 1719 trat in Sachsen eine anhaltende und sehr große Dürre ein. Die Hitze war so groß, daß viele Gewässer, Flüsse und Teiche, vollständig austrockneten und Tausende von Fischen zugrunde gingen. Die Folge dieser außerordentlichen Dürre war eine sehr große Teuerung, die besonders in Sachsen, und da wieder in den Gebirgsgegenden, sehr fühlbar wurde. Die Not war groß. Brot, Bier und andere Nahrungsmittel waren so teuer, daß arme Leute in arge Bedrängnis kamen. Recht fühlbar aber wurde diese Teuerung in Sebnitz. Die armen Weber daselbst litten doppelt, da in diesen Jahren Handel und Gewerbe schwer darniederlagen. Infolge der großen Hitze war der Flachs in der Sebnitzer Gegend vollständig verdorben. Schrecklich war darum die Not der Sebnitzer Weber, die an Hab und Gut durch eine vorangegangene Wasserflut schon viel verloren hatten. Um nicht zu verhungern, sahen sich viele genötigt, aus Kleie Brot zu backen. Andere wieder sammelten die Baumrinden, zerstampften dieselben zu Mehl und vermischten dieses mit etwas Kleie und Hafermehl. Aus diesem seltsamen Gemenge wurde dann Brot gebacken. Doch soll dasselbe vielen den Tod gebracht haben.

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Sebnitz. (Die Kirche)

Der Scheffel Korn galt damals nicht weniger als 6 Taler, Erbsen 5 Taler, Hirse 8 Taler, Grütze 8 Taler 12 Groschen, Hafer 2 Taler 12 Groschen, Gerste 4 Taler. Das waren Preise, die in damaliger Zeit selbst von den wohlhabenden Leuten auf die Dauer kaum bezahlt werden konnten. Manche hatten wohl Geld, diese hohen Preise zu zahlen, doch oft war die betreffende Ware gar nicht zu haben. Die Verkehrsmittel der damaligen Zeit ließen sehr viel zu wünschen übrig. Es gab ja noch keine Eisenbahnen, die einen schnellen Austausch ermöglicht hätten. Dazu gab es auch hartherzige [093] und lieblose Menschen, sogenannte Wucherseelen, welche die allgemeine Not zu ihrem Vorteile auszunützen wußten. Diese häuften Getreide auf und machten dann die Preise, die nach ihrem Sinne nicht hoch genug werden konnten. Wer nicht verhungern oder kümmerlich leben wollte, der mußte dann schon kaufen. Ob die Armen dabei zugrunde gingen, darnach frugen diese Wucherer nicht, wenn nur ihre Säckel sich füllten. Sie konnten es ja aushalten. Doch diese „christlichen Wucherer“ wurden durch die edle Handlung eines Juden nicht wenig beschämt. Demselben ging die Not seiner Mitmenschen so zu Herzen, daß er zum sächsischen Kurfürsten ging und sich erbot, den Scheffel Korn für 3 Taler 12 Groschen zu liefern, wenn er von allem Zoll und Geleite befreit würde. Ein solch edles Anerbieten konnte der Fürst freilich nicht zurückweisen. Er erließ ihm natürlich jeglichen Zoll und jegliches Geleite. Der Jude, dessen Namen man leider nicht kennt, verkaufte dann den Scheffel Korn für den angegebenen Preis in der weiteren Umgegend von Dresden, obgleich andere Kornhändler doppelt so viel und noch mehr sich bezahlen ließen. Der edle Kornjude ließ jedoch Getreide nur den Armen ab, nicht aber solchen, die damit etwa Wucher treiben wollten.

Im Jahre 1721 ging es glücklicherweise mit der Teuerung zu Ende. Es traten wieder bessere Zeiten ein. Die Witterung ward fortan eine günstige, sodaß allerorten, und somit auch in der Sebnitzer Gegend, die Früchte des Feldes vortrefflich gediehen. Die Teuerung war nun mit Gottes Hilfe vorüber, doch hatte dieselbe leider manches Opfer gefordert. In der Sebnitzer Gegend waren Hunderte von Menschen verhungert.

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44. Das Wesenitztal.
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Niederlohmen mit der Kirchschule (+).

Reich ist unser Vaterland an schönen und lieblichen Flußtälern. Zu ihnen hin zieht es wieder und immer wieder den Wanderer, dessen Herz nun einmal erwärmt ist für Gottes schöne Natur. Gern besucht er darum auch das Wesenitztal, das seinen Anfang nimmt droben in der Nähe des weit in das Land grüßenden, turmgekrönten Valtenberges, an dessen Abhängen einst Venetianer nach dem gleißenden Golde gruben. Noch heute sind davon deutliche Spuren hie und da zu erkennen. In früheren Zeiten wurden sogar im Sande der Wesenitz Goldkörner gefunden, und die Goldfischerei soll hier immerhin lohnend gewesen sein. – Zwischen Bischofswerda und Großharthau nimmt die Wesenitz ein Zuflüßchen auf, die Goldbach genannt. In dem Gewässer dieses Bächleins wurden vor allen Dingen Goldkörnlein aufgefunden, und noch heute sollen solche zu finden sein. Hier gab es auch einst Goldbergwerke, deren Spuren sogar vorhanden sind. Das Dorf, durch welches jenes Bächlein fließt, nennt man seit alten Zeiten „Goldbach“. – Ein schöner Teil des Wesenitztales liegt zwischen Großharthau und Stolpen. Nachdem die Wesenitz die Grundmauern des uralten Schlosses zu Harthau umspült hat, nimmt sie ihren Lauf über eine Wegstunde durch ein von bewaldeten und steilen Bergabhängen eingeengtes Tal, das sich an einzelnen Stellen zu einer lieblichen Wiesenau erweitert. Eine Wanderung durch das Wesenitztal von Großharthau aus bis hinab nach Neudörfel und Rennersdorf am Nordfuße des Stolpener Berges gehört mit zu den schönsten und genußreichsten. Entweder betritt man das Wesenitztal schon in Großharthau in der Nähe des Schlosses, oder man wandert, vom Bahnhofe Großharthau kommend, einige Minuten durch den Wald und tritt dann, etwas unterhalb von Kleinharthau, nördlich von Bühlau in das Wesenitztal ein. Ein schöner Weg führt hier am rechten Ufer der Wesenitz abwärts bis zu der idyllisch gelegenen Buschmühle. Wir kommen an dem

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Ansicht von Liebethal.


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Ansicht von Porschendorf.

[096] schöngelegenen und von Bergen eingerahmten Kirchdorfe Bühlau vorüber und bemerken sogleich, wie die Wesenitz in den Dienst der Menschen treten muß. Mühle reiht sich an Mühle. Hie und da hat man an den Bergabhängen Steinbrüche angelegt. Schöner Granitstein wird hier gewonnen, den man zum Bau der Häuser und zum Beschütten der Straßen verwendet. Nach ½stündiger Wanderung im kühlen Grunde gelangen wir an das untere Ende von Schmiedefeld. Wir kreuzen den Weg, der vom Dorfe aus nach der Pappfabrik Schmiedefeld führt und wenden uns weiter talabwärts. Nach wenigen Minuten kommen wir an der Scheibenmühle vorbei. Unser Pfad führt an den dicht bewaldeten Abhängen des rechten Wesenitzufers bald auf-, bald abwärts und bringt uns in kurzer Zeit nach der vollständig im Wald versteckt liegenden Buschmühle, der Perle des mittleren Wesenitztales. Hier führt eine uralte Brücke hinüber auf das linke Ufer der Wesenitz. Wir betreten den Hofraum der vielbesuchten Buschmühle und lassen uns Stärkung reichen. Wie köstlich mundet hier in dieser Einsamkeit ein Glas Bier oder eine Tasse Kaffee! – Im Hofe der Buschmühle stehen hart am Ausgedinge zwei stattliche, orientalische Bäume, die im Jahre 1824 ein früherer Besitzer der Buschmühle von einer Orientreise als kleine Pflanzen mitbrachte und zur Erinnerung an seine Orientfahrt im Hofe der Buschmühle anpflanzte. – Einige hundert Schritte oberhalb der Buschmühle, am linken Wesenitzufer, befindet sich eine größere Höhle und vor dieser eine große Steinhalde. Hier haben wir eine Stätte vor uns, an der man noch im Anfange des 19. Jahrhunderts nach Gold das Erdreich eifrig durchsuchte, weshalb man diese Höhle als die Goldhöhle bezeichnet. Noch in den Jahren 1840–1850 verkehrte täglich in der Buschmühle ein „Steyermärker“, der nach Gold das Erdreich in der Goldhöhle und den Flußsand der Wesenitz durchforschte. – Von der Buschmühle aus führt ein schattiger Weg im Tale abwärts bis zur Stadtmühle oberhalb Neudörfels. Noch ehe man diese erreicht, grüßen herab in das Tal von einer steilen Felswand zur Linken die von uralten Linden und Eichen überschatteten Berghäuser. Wenige Schritte unterhalb der Stadtmühle wendet sich ein Weg links ab und bringt uns nach kurzer Wanderung und sanfter Steigung hinauf nach dem

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Liebethal um das Jahr 1830.

[097] trauten Bergstädtchen Stolpen. Man hat einen schönen Blick hinab auf die Stadtmühle, das Wesenitztal, auf die Dörfer Neudörfel und Rennersdorf. – Unterhalb der Stadtmühle wird das Wesenitztal breiter. Die Berge treten zurück, und auch der Wald entweicht bis hinauf zu den fernsten Höhen. Erst unterhalb des Rennersdorfer Rittergutes treten steile Abhänge wieder an die Ufer heran und engen das Wesenitztal so ein, daß nur die Wesenitz und ein schmaler Fahrweg im Grunde noch Platz haben.

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Die beiden Schulen zu Liebethal.

In ihrem weiteren Laufe von Altstadt aus bis zur Einmündung in die Elbe bei Pratzschwitz, hier und dort Nebenflüßchen aufnehmend, spendet die Wesenitz noch gegen 25 Fabriken und Mühlen ihre treibende Kraft und stellt sich bereitwilligst in deren Dienste. Von Altstadt bis Niederhelmsdorf bietet das Wesenitztal des Interessanten wenig, aber von Niederhelmsdorf an treten die landschaftlichen Schönheiten dieses Tales wieder auf. Die Talstrecke von der Helmsdorfer Papierfabrik bis abwärts zur Dittersbacher Papierfabrik ist eine Idylle. Auch von da bis zur Roten Mühle in Dürrröhrsdorf bietet das Wesenitztal, das auf diesem Teile von dem mächtigen Viadukt der Bahnlinie Arnsdorf–Pirna überspannt wird, einen besonderen Reiz. Eine Kahnfahrt auf dem Wehre der Roten Mühle ist unbeschreiblich schön. Romantischer wird das Wesenitztal bis zur Elbersdorfer Mühle, am Fuße der Schönen Höhe. Gewaltige Sandsteinfelsen rahmen das Tal ein, riesige Felsblöcke säumen die Ufer. Unter den letzteren befindet sich auch die Kanzel, die sich bis in das Flußbett drängt und den Lauf der Wesenitz hemmt. – Von Elbersdorf abwärts nach dem idyllisch gelegenen Porschendorf fließt die Wesenitz wieder ruhiger, und das Tal erweitert sich. Doch ohne Anmut ist auch dieser Teil nicht. Einen geradezu wundersamen Anblick gewährt es, wenn man den Fußweg an den Nixensteinen vorüber benutzt und von diesem aus in dem ruhigen Mühlwehre einen Teil Porschendorfs erblickt, welchen das Wasser im Spiegelbilde widergibt, das darübergespannte Himmelszelt als unergründliche Wassertiefe in geheimnisvoller Weise als Hintergrund. – Unterhalb der großen Pappfabrik in Porschendorf tritt die Wesenitz in das Felsgebiet ein, das sie [098] erst unterhalb Liebethals wieder verläßt. Eine Strecke des Wesenitztales führt hier den Namen Braußnitz, wohl darum, weil der Fluß, der oftmals durch die ihm hier entgegentretenden Felsen gleichsam gesperrt wird, oftmals mächtig schäumt und braust. In wildromantischer Schönheit liegt hier das Wesenitztal vor uns und erinnert lebhaft an die Edmundsklamm bei Herrnskretzschen. Das ist ganz besonders der Fall bei dem großen, kunstvoll angelegten Wehre von Nietzels Fabrik in Lohmen. Das 11 m hohe, mit steinerner Freitreppe versehene Wehr zeigt Wassertiefen von 9 bis 10 m. Dasselbe wurde s. Z. unter ganz erschwerenden Umständen erbaut, da man einem geheimen Abflusse des Wassers lange nicht auf die Spur kommen konnte. Nicht weniger als 5600 Zentner Cement fanden hier Verwendung. – Von hier aus windet sich die Wesenitz, hier und dort eine Mühle treibend, meist zwischen Felswänden und Steinbrüchen hindurch. Erst von der Thaumühle an, der jetzigen Holzstoffabrik in Mühlsdorf, kann man die Wanderung direkt am Wasser entlang wieder aufnehmen, was von Porschendorf nicht immer möglich ist. Bald gelangt man zu der vielbesuchten und weithin bekannten Lochmühle. Von hier aus führt ein schattiger Weg im engen Felsentale, Liebethaler Grund genannt, am Copitzer Elektrizitätswerke vorüber nach Liebethal. Unterhalb Liebethals und Jessens tritt die Wesenitz mehr in die Ebene ein und wird dann bei dem idyllischen Dörfchen Pratzschwitz mit offenen Armen von der Elbe aufgenommen.

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Kirche und Schule nebst Schulscheune von Bühlau.

Eine Wanderung an der Wesenitz entlang bietet der Abwechselungen viele. Es ist das Wesenitztal von der Quelle an bis zur Mündung in das Elbtal so mannigfach an lieblichen Landschaftsbildern und so anregend für Auge und Herz, daß man wieder und immer wieder zu ihm sich hingezogen fühlt.

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45. Der Sebnitzer Schreckenstag.

Oft und schwer ist die Stadt Sebnitz von außerordentlichen Wasserfluten heimgesucht worden, so 1573, den 12. Juni 1622, den 6. August 1629, 1651, den 5. Febr. 1655, den 11. Juli 1711. Die größte Wasserflut brach über Sebnitz jedoch am 22. Juni 1714 herein, und dieser Tag wird in der Ortsgeschichte der Stadt Sebnitz als der große Schreckenstag bezeichnet.

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Sebnitz um das Jahr 1830.

Am 22. Juni 1714 zog Mittags gegen 1 Uhr während der Betstunde ein heftiges Gewitter auf, bei dem zu Nixdorf ein Wolkenbruch niederging. Hierdurch kam Sebnitz in eine große Gefahr. Plötzlich war der untere Teil der Stadt vollständig überschwemmt und in einen „erbarmungswürdigen“ Zustand versetzt. Das Wasser drang in alle Häuser, die tief standen, und am Markte mußte man fast in allen Häusern aus den Unterstuben weichen. Das Brauhaus, die Frohnfeste und 14 Wohnhäuser wurden weggerissen von der Flut, außerdem noch 11 Scheunen und [100] 9 Brücken. Am anderen Tage schien es, als hätten nie Brücken und Gebäude an dieser Stelle gestanden. Dazu waren noch 62 Häuser und viele Scheunen so beschädigt worden, daß man dieselben abbrechen und neu aufbauen mußte. Das Lusthaus des damaligen Pastors M. Fickler, das am Sebnitzbache auf einem ziemlich hohen Felsen stand, ward durch einen daranstoßenden Giebel aufgehoben und von seiner Stelle weggetragen und zwar gerade in dem Augenblicke, als einige Personen, die in demselben befindlichen Stühle, Tische und Bilder herausnehmen wollten. Alle Keller und sonstigen Gewölbe der Stadt waren vollständig unter Wasser gesetzt. Viele derselben waren so unterwühlt, daß sie bald einstürzten. Zu diesem an den Häusern und Straßen angerichteten Schaden kam noch der Verlust an Feldern, Wiesen und Gärten. Die gute Erde war hinweggespült und an deren Stelle Geröll und Sand geschwemmt worden. Sämtliche Mühlen waren zerstört, und die Leute mußten längere Zeit hindurch in den Mühlen zu Ottendorf und Lichtenhain mahlen lassen. Das Traurigste bei dieser Wasserflut aber war, daß nicht weniger als 5 Personen vom Hochwasser, das so urplötzlich hereinbrach, verschlungen wurden.

In dem benachbarten Nixdorf forderte die Hochflut gegen 20 Opfer. Die hier verunglückten Personen wurden mit der Flut nach Sebnitz getrieben. Mehrere Leichen blieben an den Bäumen mit aufgerissenem Leibe hängen, andere wurden bis in die Elbe getrieben und erst zwischen Dresden und Meißen an das Land gezogen. Damals entstand zur Erinnerung an das traurige Ereignis folgendes Verslein:

„Ach, spiegelt Euch an uns, Ihr Menschenkinder alle,
Wer heute steht, der seh’, daß er nicht morgen falle!
Es kann der große Gott nur durch ein Donnerkrachen
Mit Euch, gleich wie mit uns, ein plötzlich Ende machen.“ –

Der Chronist erzählt von dieser Wasserflut wörtlich noch folgendes:

„Eine rühmliche und menschenfreundliche Handlung, welche sich dabei zutrug, verdient zur Ehre der Menschheit, zum Ruhme des Täters und anderen zum Muster der Nachwelt aufgezeichnet zu werden. Als die Flut anfing, war in Meister Martin Meien’s jun. Hause niemand als seine zwei kleinen Stiefkinder und das Kindermädchen anwesend. Er selbst war verreist und die Mutter in der Betstunde. Das Wasser stieg immer höher, es stieß mit großer Gewalt an dieses Haus, das bereits gänzlich unterwaschen war, und jeden Augenblick befürchtete man, daß es den anderen nachschwimmen würde. Jedermann gibt die Kinder für verloren, aber keiner von den vielen läßt sich einfallen, hier zu zeigen, daß er Mut und Entschlossenheit genug habe, sein Leben zu wagen, um drei gefährdeten Menschen das Leben zu retten. Endlich wagt sich ein hier im Quartier stehender Unteroffizier katholischer Religion mit der größten Lebensgefahr in’s Haus. Er steigt in des Nachbars, des Fleischhauers George Hohlfeld Haus, oben durch’s Dach des bedrohten Gebäudes, in welchem die Kinder um Hilfe jammern und trägt eins nach dem andern über’s Dach in das nebenanstehende Haus. Als er eben mit dem letzten Kinde heraussteigt und fast noch mit einem Fuße in dem schon wankenden Gebäude steht, geht es unter seinen Füßen fort. Nun bricht er von einem Haus in das andere bis an das des Wunderlich. Von hier legt er über die Rathausgasse bis an das jetzige Schafrathische Haus Bretter und bringt die Kinder über die reißende Flut, und endlich klettert er von diesem Hause bis an das gegenwärtig Just’sche, über den tiefen Mühlgraben, in welchem das Wasser einen Wall von Holz aufgetürmt hatte, mit der größten Lebensgefahr auf einer [101] Leiter herüber, und auf diese Art bringt er die Kinder nebst dem Mädchen glücklich in Sicherheit. – Edler Mann! Schade, daß die Geschichte deinen Namen verschweigt! – Als die Mutter aus der Kirche kam und erfuhr, daß ihr Haus schon fort sei, so war sie dennoch nicht ungeduldig darüber, da sie nur ihre Kinder lebendig vor sich sah, obgleich der Verlust, der sie allein betraf, mehr als 1500 Taler betrug.“ –

Auf hohen Befehl wurden am 4. Juli von den Beamten und Forstbedienten alle Häuser, Ställe und Scheunen besichtigt und der Schaden geschätzt. Hierauf wurde der Sachverhalt an den Kurfürsten berichtet, und der edle Landesvater half den so schwer Geprüften, soweit es in seiner Macht stand. Alle von der Wasserflut Beschädigten erhielten auf fürstlichen Befehl Holz zum Bauen und zum Ausbessern der zerstörten Gebäude unentgeltlich geliefert. Doch stellte es sich heraus, daß in den benachbarten Wäldern nicht genug Bauholz vorhanden war, deshalb empfingen die übrigen Geschädigten Geld, um das nötige Bauholz von auswärts beziehen zu können.

Ohne Beihilfe des edlen Kurfürsten wären sicherlich viele Sebnitzer Bewohner damals an den Bettelstab gekommen. Viele Jahre hat es gedauert, ehe alle die zerstörten Häuser wieder aufgebaut waren. Dazu brachten die zum Teil mit Geröll und Sand überschütteten Felder, Wiesen und Gärten viele Jahre hintereinander keine reichen Ernten. Der 22. Juni des Jahres 1714 wird von den Sebnitzern wohl niemals vergessen werden. Gott schütze aber Sebnitz vor der Wiederkehr solcher Schreckenstage!

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Gräfin Cosell.

46. Der Zauberberg bei Langenwolmsdorf.

Östlich von der Burg Stolpen erhebt sich in der Nähe von Langenwolmsdorf ein kahler, mit wohlgepflegten Feldern umzogener Berg, dessen Höhe ein Baum krönt, der weithin sichtbar ist. Diesen Berg umschwebt die Sage. Sie erzählt folgendes:

In diesem Berge befindet sich eine große Höhle. Darin liegt die Gräfin Cosell,[WS 2] welche über 40 Jahre als Gefangene auf der Burg Stolpen war, begraben. Den größten Teil ihrer Schätze hat sie mit hierher genommen; aber die Gräfin findet in diesem Berge keine Ruhe. Tag und Nacht wandelt sie umher. Schon manchem ist sie begegnet, besonders solchen Leuten, die während der Mittagsstunden draußen auf den Feldern bleiben. Die Gräfin, welche bei Lebzeiten als eine große Schönheit galt und noch als Greisin solchen Ruhm genoß, erscheint als ein liebliches Wesen und gibt solchen Leuten, welche ihr standhalten und nicht furchtsam fliehen, reichlich von den Talern, die sie mit in ihr Grab genommen hat.

Einst hütete ein Schäfer an jenem Berge die Herde. Da erschien ihm plötzlich eine wunderschöne Jungfrau. Dieselbe trug ein weißes Kleid und um den Leib ein schwarzes Gürtelband. Die hat ihn gefragt, ob er ihr helfen wolle, und als er ja gesagt, hat sie sich nach dem Berge zu gewendet und ihm gewinkt, ihr zu folgen. Als der Schäfer dort anlangte, wohin ihn die Jungfrau führte, tat sich plötzlich der Berg auf. Ein Gang und eine weite Halle waren zu sehen. Am Ende der Halle war ein breiter Wassergraben, über den aber keine Brücke führte. Da sprach das Mädchen zum Schäfer: „Auf! springe hinüber!“ Der Schäfer hat aber geantwortet: „Er ist zu breit!“ – Nochmals bat ihn die Jungfrau. Nun versuchte es der Schäfer zweimal, aber vergeblich, er war zu alt und steif, um über den breiten Wassergraben zu springen. Da hat sich drüben über dem Graben ein großes Tor aufgetan, und der Schäfer erblickte in einem weiten Saale viele Männer mit langen, weißen Bärten, die da an einer Tafel saßen. Eine Stimme aber rief: „Abermals [103] umsonst! Noch hundert Jahre!“ Darauf ist alles verschwunden, und der Schäfer hat sich erst nach Mitternacht wieder nach Hause finden können.

Obgleich man heute weiß, daß die Gräfin Cosell in der Schloßkapelle der Burg Stolpen begraben liegt, so wollen doch viele im Volke noch nicht daran glauben. Sie geben der Sage recht. Darum soll die Gräfin auch noch heute in dem Zauberberge bei Langenwolmsdorf schlummern. Eins ist aber sicher. Der Zauberberg bei Langenwolmsdorf ist von der Gräfin Cosell, so lange sie im Sankt Johannesturme als Staatsgefangene weilte, täglich gesehen worden. Nach ihm hinüber wird sie oftmals sehnsüchtig geblickt haben. Er war ihr wohl das Ziel der Freiheit, und zu ihm hinüber hat sie sich jedenfalls oftmals gewünscht. Das mag auch die Veranlassung zu jener Sage geworden sein.

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Langenwolmsdorf um das Jahr 1830.

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47. Die ehemalige Begräbnis- oder Hospitalkirche zu Stolpen.

In unmittelbarer Nähe des Hospitals und des Gottesackers zu Stolpen stand bis zum Jahre 1795 eine schmucke Kirche, die Begräbnis- oder auch Hospitalkirche genannt. Bei einem furchtbaren Brande am 20. März 1795, dem nicht weniger als 52 Häuser zum Opfer fielen, wurde auch die Hospitalkirche, die bei den früheren Feuersbrünsten immer glücklich verschont geblieben war, bis auf die Umfassungsmauern vollständig zerstört. Bei jenem wütenden Feuer, das früh gegen 2 Uhr ausbrach und die Bewohner Stolpens aus dem tiefsten Schlafe schreckte, wurden alle Häuser vom ehemaligen „Stadtrichter König’schen Hause, neben welchem das Feuer ausgebrochen war, bis zur Hospitalkirche samt dem Vorwerke“ ein Raub der verheerenden Flammen.

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Burg-Ruine Stolpen. Ruine der Hospitalkirche, jetzt abgebrochen.

Die Hospitalkirche diente in den früheren Jahrhunderten fast ausschließlich als Begräbniskirche und wurde eigentlich nur bei Begräbnissen benützt. Den Namen „Hospitalkirche“ erhielt sie von dem neben ihr befindlichen Hospitale. Als am 1. August 1632 und am 4. März 1723 die Stadt-, Pfarr- oder Hauptkirche unterhalb des Schlosses durch Feuer zum größten Teile zerstört worden war, diente während des Wiederaufbaues derselben die Begräbniskirche draußen am Hospitale den Bewohnern Stolpens und der eingepfarrten Dörfer als Gotteshaus, und es wurden hier damals regelmäßige Gottesdienste Sonn- und Festtags abgehalten.

[105] Die Geschichte der ehemaligen Begräbniskirche Stolpens ist nicht uninteressant. Wie M. Senff und M. Dinter, zwei frühere Geistliche Stolpens, schreiben, ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß die alte Hospitalkirche die frühere Kirche des im Hussitenkriege 1429 verwüsteten Städtchens Jockrim gewesen ist. In ihrer Umgebung haben wir höchst wahrscheinlich auch das alte Jockrim zu suchen. An der Stelle der Hospitalkirche hat ursprünglich eine Kapelle gestanden. Dieselbe soll „unter dem Papsttume von einer andächtigen Person gestiftet worden sein“. An diese ehemalige Kapelle erinnert noch heute der sogenannte Kapellgarten unterhalb des Hospitales und Gottesackers. P. Johann Gottlob Dinter von Stolpen schreibt hierüber folgendes:

„Diese Kapelle hat sicherlich bei der Ausbreitung des Christentums allhier dem alten Stolpberge eine Praevalenz [Überlegenheit, Übergewicht] gegeben, welche die Verwandlung dieser Kapelle in eine Kirche notwendig machte, und aus der sich der jetzige Parochialnexus[9] erklären läßt. In der Nähe dieser Kirche müssen auch die ersten Geistlichen gewohnt haben; denn einige Schritte davon befindet sich ein alter Pfarrgarten. Dem Kapellgarten gegenüber liegen alle Pfarrfelder nach Altstadt zu und Grundstücke, die sich in den Tiergarten hineinziehen und sämtlich im Jahre 1569 vom Kurfürsten August zur Einrichtung seines Vorwerks gekauft worden sind.

An gedachter Kirche war ein Hospital, welches ursprünglich noch einige Schritte weiter heraus nach der jetzigen Stadt zu gestanden hat und vom Bischof Dietrich auf’s Neue erbaut worden war; daher hat sie auch den Namen Hospitalkirche erhalten. Dieses Hospitalgebäude zerstörte das Feuer, worauf es an die Dresdner Straße weiter hinaus verlegt wurde, während an seine alte Stelle ein Töpferofen kam. Dort zerstörte es die Zeit, und es wurde wieder so ziemlich an seinen ersten Ort gesetzt. Dieses Hospital wird nach einer Verschreibung von 2 Schock Zinsen im Jahre 1473 ausdrücklich genannt: „Hospital zu Jockrim, vor der Stadt gelegen.“ –

Im Jahre 1534 ließ Bischof Johann VII. von Schleinitz, der den Bischofsstuhl von 1518–1535 einnahm, den Gottesacker anlegen, bez. bedeutend erweitern und weihte diesen am 3. März desselben Jahres. Die alte Begräbniskirche wurde im Jahre 1616 abgebrochen und von Grund auf aus Steinen neuerbaut und zwar durch den damaligen Bürgermeister Nikolaus Cramer. Die Kirche wurde diesmal größer angelegt und erhielt ein freundlicheres Innere. Die Baukosten wurden gedeckt aus Legaten einiger Engländer, an welche von Stolpen aus Leinwandwaren gesandt wurden. Im Jahre 1698 renovierte man zum letzten Male die neuerbaute Hospitalkirche. Sie blieb in diesem Zustande bis zum Jahre 1795.

In der Begräbniskirche wurde am 3. Dezbr. 1722 der damalige Pastor Stolpens, M. Christoph Freyberg, beigesetzt. Er war der Vater des später so berühmten Rektor der Sankt Annenschule zu Dresden, des M. Christian August Freyberg, dem wir so manche wertvolle Nachricht über die Stadt Stolpen verdanken.

Von der ehemaligen Begräbniskirche Stolpens sind in dem Hospitale am Eingange zum Gottesacker noch Reste erhalten bis auf diesen Tag. –

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48. Die Stadtkirche zu Stolpen.

Der 17. Oktober 1898 war ein Freudentag für die Kirchgemeinde Stolpen. An diesem Tage wurde die in den Jahren 1897 und 1898 so herrlich restaurierte Stadtkirche eingeweiht. Die Weihrede hielt Herr Sup. Dr. Blochmann aus Pirna, der seiner Ansprache die Worte zu grunde legte: „Nun will ich zu dir kommen und will dich segnen.“ –

Die Stadtkirche zu Stolpen, auch Pfarr- oder Hauptkirche ehemals genannt, [Stolpen hatte früher drei Kirchen] ist zum Teil noch ein Denkmal mittelalterlicher Baukunst. Sie stammt aus dem 15. Jahrhunderte, ist vollständig aus Stolpner Basalt aufgeführt und wurde vom Meißner Bischof Johann VI. von Salhausen im gotischen Stile erbaut. Leider zerstörten Brände im Jahre 1632 und 1723 verschiedene Teile der Kirche. Der älteste und sehenswerteste Teil aber, der Altarplatz und seine Umgebung, ist bis zum heutigen Tage erhalten geblieben. –

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Kirche mit altem Turm vor der Erneuerung.

Die Stadtkirche zu Stolpen ist aus der ehemaligen Kirche des im Hussitenkriege 1429 zerstörten Städtchens Jockrim hervorgegangen und erhielt durch ihren Erbauer, den Bischof Johann VI., ihren jetzigen Standort. –

Im Jahre 1632, am 1. August, wurde diese Kirche zum ersten Male durch Feuer zerstört. Den Wiederaufbau begann man mit der Aufführung des Turmes. Die neuen Glocken, welche in diesen eingehangen wurden, läutete man am 8. Oktober 1646 zum ersten Male. Mit dem eigentlichen Kirchenbau wurde erst im Jahre 1648 begonnen, nachdem die Kriegsunruhen vorüber waren. Schon am 1. August 1649 konnte die Weihe vollzogen werden. Der [107] damalige Superintendent zu Bischofswerda, Herr Lic. Preißker, hielt die Weihepredigt und zwar über Gen. 28, 17. Eine Orgel erhielt die Kirche im Laufe der nächsten Jahre. Sie wurde am 22. Febr. 1652 mit einer Predigt über 1. Tim. 4, 4–5 durch den genannten Sup. Preißker aus Bischofswerda ebenfalls geweiht. Die Weihe des neuen Altares konnte am 4. Juni 1654 vollzogen werden. –

Diese beiden Weihepredigten wurden in Druck gegeben und erschienen unter dem Titel: „Stolpenische Ehren-Crone, d. i. zwo christliche Predigten bey Einweihung der Stadtkirche, und der neuen Orgel zu Stolpen a. 1649 und 1652 gehalten, durch Gothofredum Sigismundum Peißkern, der heiligen Schrifft Lic. Pfarrern und Superint. zu Bischofswerda. Dreßden, 1652, plag. 8½ in 4to.“ –

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Inneres der Kirche vor der Erneuerung.

Die Kirche war schön gemalt. Die verschiedensten Geschichten aus dem Alten und Neuen Testamente waren bildlich dargestellt und mit passenden Sprüchen gekennzeichnet. Am 4. März 1724, als ein furchtbares Feuer die ganze Stadt in Asche legte, ging auch die Stadtkirche wiederum mit in Flammen auf. Mit der Wiederherstellung derselben wurde alsbald begonnen, und schon am 22. Juni 1727, am 2. Sonntage p. Trin., erfolgte die feierliche Weihe. Mit dem Kirchturmbau begann man erst 1741. Neue Glocken waren aber schon 1724 angeschafft worden und in einem besonderen Gebäude neben der Kirche untergebracht. Vom Turme herab ertönten sie das erste Mal am Sonnabend vor dem ersten Advent bei „Einläutung der Vesper“. [108] Die neue Orgel konnte am 1. Advent des Jahres 1756 eingeweiht werden. – Vor Einführung der Reformation (1. Januar 1559) hatte die Stadtkirche nicht weniger als 5 Altäre. – Der gegenwärtige Altar zeigt in kunstvoller Ausführung die Einsetzung des heiligen Abendmahles und stellt ein Meisterwerk der Bildhauerkunst dar. Denselben ließ im Jahre 1770 der Acciskommissarius A. G. Laurentius errichten. An den Seiten des Altares erheben sich die Gestalten des Jüngers Johannes und des Propheten Moses. – Die Stadtkirche zu Stolpen gehört nach der Renovation gegenwärtig zu den schönsten Gotteshäusern Sachsens.

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Kirche nach der Erneuerung, im Vordergrund Pfarre zu Stolpen.

[109]

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Gesamtansicht der Stadt und Burg Stolpen von NW gesehen.

49. Ein Rundgang durch Stolpen.

Die so schöngelegene Bergstadt Stolpen, welche jahraus, jahrein von Fremden gern besucht wird, bietet außer der romantischen Burgruine noch so manche Sehenswürdigkeit. Dazu gehört zunächst „das Dresdner Tor“, durch welches man von Westen her in das Innere der Stadt eintritt. Dasselbe, ein Rest der ehemaligen Stadtmauer, ist noch recht gut erhalten und gibt dem trauten Städtchen ein mittelalterliches Ansehen. Das dunkle Gemäuer, umrankt von dem immergrünen Epheu, gewährt ein eigenartiges, ein geradezu malerisches Bild. – Vom Dresdner Tore aus wenden wir uns hinauf zur schmucken Stadtkirche, welche 1897 so prachtvoll renoviert wurde und im genannten Jahre am Westgiebel einen schlanken, aus Sandstein aufgeführten Turm erhielt. An der östlichen Außenseite der Stadtkirche befinden sich verschiedene uralte Grabdenkmäler. Leider vermag man infolge der Verwitterung nicht immer die volle Inschrift zu entziffern. Auch auf dem kleinen Platze nordwestlich von der Kirche stehen noch einige interessante Grabsteine, darunter auch einer mit sogenannter Mönchsschrift. Hier oben wurden in früheren Zeiten Bewohner der Burg, die Geistlichen und Gerichtsherren, Bürgermeister und Rektoren zur letzten Ruhe gebettet. Rechts vom Haupteingange der Stadtkirche befindet sich ein Grab mit noch recht gut erhaltener Grabplatte. Letztere trägt folgende Inschrift:

Eugen Dietrich Moritz v. Liebenau,
Königl. Sächs. General Major d. Cavallerie,
geb. d. 17. Febr. 1757,
gest. d. 4. Aug. 1821.
Ruhe seiner Asche!

Dem Kgl. Amtsgericht schräg gegenüber steht an der südwestlichen Ecke des Marktes das ehemalige Amtshaus mit zwei interessanten Wappenbildern. (Vgl. „Das ehemalige Amtshaus.“) Neben dem alten Amtshause steht das vor einigen Jahren renovierte Rathaus. Dasselbe zeigt an der Marktseite ein Wappenbild mit zwei Türmen und dem Brustbilde eines Bischofs, ferner die Jahreszahl 1549. – Mitten auf dem freundlichen Marktplatze befindet sich, umschattet von einer Anzahl Linden, als Denkmal eine Gruppe schöner Basaltsäulen mit zwei Gedenktafeln. Die eine Tafel trägt die Inschrift:

„Zum Andenken an das Regierungsjubiläum
Fr. August’s des Gerechten am 15. Sept. 1818.“ –

[110] An einer Basaltsäule sieht man am oberen Ende derselben das vergoldete Rundbild jenes Fürsten. Die zweite Tafel erinnert an die 800jährige Jubelfeier des Herrscherhauses Wettin am 16. Juni 1889. – Unweit vom Aufgange zur alten Burg Stolpen finden wir an der Nordseite derselben die „Wasserkunst“ mit folgender Inschrift:

„Aquae penuriam Civit. Stolp. Leravit
Friederici Augusti opt. principis
liberalitas M. D. C. C. LXXXIX.“ –
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Inneres der Kirche zu Stolpen nach der Erneuerung.

Von der Wasserkunst aus führt hinab zur Bischofswerdaer Straße die Badergasse, ein enges Gäßchen. An einem Hause zur Linken, einer Restauration, befindet sich ein Wappen mit dem Zeichen

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und der Inschrift:

„Zur Amts- und Raths-Baderei 1833.“

In der Bischofswerdaer Straße steht das Haus Nr. 31. An demselben ist eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:

[111] „Hier wurde im Jahre 1793 geboren Mg. Fr. Traugott Friedemann, Dr. der Theologie und Philosophie. Hohe Verdienste erwarb sich derselbe als Oberschulrath und Schriftsteller im Gebiete der klassischen Philosophie und Gymnasialpädagogik um das deutsche Schulwesen. Zum ehrenden Andenken errichtet 1893.“ – Zu den jüngsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Stolpen zählt das am 6. September 1903 enthüllte Siegesdenkmal am Fuße des Siebenspitzigen Turmes, an der Westseite der Burg. Dieses Denkmal, gefertigt vom Bildhauer Starcke in Dresden, ist oben geziert mit einem in Sandstein gehauenen Löwen, zeigt links das Bildnis Kaiser Wilhelms I. und König Alberts von Sachsen, rechts das Bildnis Moltkes und Bismarcks. Es trägt auf der Westseite die Inschrift:

Dieses Denkmal
zur ewigen Erinnerung an den
großen siegreichen Kampf
1870 der geeinigten 1871
Deutschen Stämme
und an die
großen Männer dieser Zeit
errichteten
dankbare Deutsche.

Gedenket der Tapferen,
die vor dem Feinde blieben:
Hermann Wächter, Stolpen.
Julius Gustav Emil Rußig, Neudörfel.
Friedrich Ernst Rodig, Neudörfel.

Welche Wendung
durch
Gottes Fügung!

Droben zeugt die Burgruine von dem Hochmute der Franzosen, das Denkmal drunten am Fuße des Siebenspitzigen Turmes von der Demut und der Dankbarkeit der Deutschen.

[112]

50. Der Seigerturm der Burg Stolpen.
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Schloßbrunnen und Seigerturm.

Von den vielen Türmen, welche einst die Burg Stolpen zierten, sind heute noch erhalten der Johannes- oder Cosellturm, der Siebenspitzige Turm oder der Franzosenturm und der Seigerturm. Fast ein Jahrhundert hindurch sind dieselben gleichsam das Wahrzeichen der romantischen Burgruine und des trauten Bergstädtchens Stolpen gewesen; denn meilenweit grüßen sie in das ringsum liegende Land hinaus. Jedes Bild Stolpens zeigt die drei charakteristischen Türme. Der mittlere von ihnen ist der Seigerturm. An diesem wurden im Sommer 1901 umfassende Reparaturen ausgeführt. Man geht mit der Absicht um, auch den Seigerturm für die zahlreichen Besucher der Burg zugänglich zu machen, und das wird von den Freunden des geschichtlich so denkwürdigen Schlosses Stolpen mit Freuden begrüßt. – Der Seigerturm, nach dem in ihm befindlichen Schlagwerke so genannt, hat seine besondere Geschichte. Er stammt aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts und wurde ganz wahrscheinlich in seinen unteren Teilen durch den Bischof Johannes VI. von Salhausen errichtet. Bischof Johannes VI. war es ja, der auf der Burg Stolpen große und umfassende Baulichkeiten ausführen ließ. Als Kurfürst Vater August Weihnachten 1558 Besitzer von Stolpen geworden war, ließ derselbe an dem Seigerturme einen bedeutenden Umbau vornehmen. Er gab dem Turme im Jahre 1560 seine jetzige Gestalt. Die Jahreszahl 1560, welche an dem südlichen Giebel des Turmes sich befindet, deutet auf jenen Umbau durch Kurfürst Vater August hin. Die unteren Teile des Seigerturmes wurden wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Johannesturme errichtet; denn das am Johannesturme befindliche Steinmetzzeichen findet sich am Seigerturme ebenfalls vor. – Dem Seigerturme ist an der

[113] nördlichen Seite ein Treppenturm mit Satteldach vorgelegt. Er wird mit 2 Volutengiebeln geschlossen. Voluten sind spiralförmige Vermittelungsglieder an architektonischen Teilen, insbesondere an Konsolen und Säulenkapitälen. Der vorgelegte Treppenturm ist aber seines oberen Teiles beraubt. – Im 2. und 3. Stockwerke des Seigerturmes sind die ursprünglichen Kreuzgewölbe noch wohlerhalten. Der Hauptraum des 2. Stockwerkes war ehemals mit launigen Frescogemälden geziert, von welchen Reste deutlich zu erkennen sind. Der Seigerturm zeigt interessante Steinmetzzeichen.

Der Dachreiter des Seigerturmes enthält eine Stundenglocke, die im Jahre 1562 der Kurfürst Vater August durch Wolff Hilliger in Dresden gießen ließ. Selbige zeigt folgende Inschrift:

Jesaiae XL: Verbum Domini manet
 in aeternum. Ao. Dni. MDLXII.

Das im Seigerturm befindliche Uhrwerk wurde durch den Kgl. Hofuhrmacher Naumann in Dresden von neuem im 18. Jahrhunderte hergestellt. – Die letzte Hauptreparatur erfuhr der Seigerturm im Jahre 1714. –

Westlich vom Seigerturme, an der den hintersten Hof nördlich abschließenden Mauer, befand sich einst ein schöner Säulengang, welcher sich westlich unmittelbar an das Fürstenhaus oder den Palas anschloß, „worauf Stuben gebaut, die mit à la fresco gemalet waren. Da sich einige eben nicht sittliche Bilder in diesen Stuben befanden, so ließ man sie überweißen“. – Diese Gemälde wurden vermutlich gleichzeitig mit jenen im Seigerturm befindlichen ausgeführt. Von diesem Gange aus gelangte man nach einem jetzt völlig verschwundenen Bau, welcher der Kurfürstin Mutter Anna als Laboratorium gedient hat. Es war dieses Laboratorium das erste, welches die Kurfürstin errichtete. Von ihm aus verschickte sie die unter ihrer Leitung gefertigten Präparate an den elterlichen Hof nach Kopenhagen in Dänemark. Erst nach diesem Stolpener Laboratorium wurde das Laboratorium auf Schloß Annaberg, dem Lieblingssitze der Kurfürstin Mutter Anna, errichtet. – Die Südseite des Hofes nahmen früher kurfürstliche Wirtschafts- und Wohnräume ein, welche nebst dem Johannesturme, der dem Seigerturme schräg gegenüberliegt, der Gräfin Anna Constanze v. Cosell[WS 3] als Wohnung dienten. –

Der Seigerturm der Burg Stolpen hat also ein Alter von 400 Jahren. Er ist ein stummer Zeuge so mancher Ereignisse gewesen. Wiederholt haben auch die Flammen an ihm emporgeschlagen, doch unversehrt steht er wie vordem auf seinem Posten und weckt so manche Erinnerung aus alter Zeit. Er verdient es, daß man die bessernde Hand an ihn legt, bevor er vielleicht, vom Zahne der Zeit zernagt, auch zerfällt, wie so mancher seiner ehemaligen Nachbarn. Dank darum jenen wackeren und einsichtsvollen Männern, die für seine Erhaltung besorgt sind!

[114]

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51. Die grosse Feuersbrunst in Stolpen.

Selten ist eine Stadt unseres Vaterlandes wohl so oft und schwer vom Brandunglücke heimgesucht worden, als Stolpen. Das größte und schwerste Brandunglück kam aber über Stolpen am 4. März 1723. Es war an einem Donnerstage, abends ½7 Uhr. Da brach „das erschreckliche Zorn-Feuer“ aus, welches auch nicht ein einziges Gebäude innerhalb der Ringmauer verschonte, ja, selbst einen Teil der Festung verwüstete. Das Feuer entstand in dem Hause des damaligen Kantors Joh. Heinrich Hartmann. Ein Kind war mit einem brennenden Lichte dem auf dem Boden liegenden Flachse zu nahe gekommen, der sich sofort entzündete und das ganze Haus in Brand setzte. Wäre nun hier alsbald den um sich greifenden Flammen gehöriger Widerstand geleistet worden, so hätte das Feuer vielleicht noch rechtzeitig gedämpft werden können. Allein es mangelte an Wasser und an Menschen zum Löschen, und diejenigen, die augenblicklich in der Nähe des Brandes weilten, wußten vor Schrecken nicht, was sie sogleich tun sollten. Daher breitete sich das Feuer in kurzer Zeit mit solcher Geschwindigkeit über die ganze Stadt aus, daß nach einigen Stunden alle öffentlichen und bürgerlichen Gebäude innerhalb der Ringmauer, die zwischen den Stadttoren befindlichen Häuser, ein Haus am Stadtgraben bei dem Obertore und ein Teil der Festungsgebäude in Asche gelegt wurden. „Zu allem Unglück entstand damals unter denen, die löschen sollten, eine unzeitige Furcht, es möchte das auf der Festung befindliche Pulver von dem allda wahrgenommenen Feuer entzündet werden, weshalb ein jeder mehr auf Rettung seines Lebens, als auf baldige Dämpfung der Feuersglut bedacht war. Wie heftig übrigens die Glut und der dabei entstandene Wind gewütet, ist daraus zu entnehmen, daß die umliegenden Dörfer Rennersdorf, Neudörfel und sogar das eine Stunde entfernte Schmiedefeld in Gefahr standen, entzündet zu werden wenn man nicht sorgfältig bedacht gewesen wäre, die dahin geflogenen brennenden Massen beizeiten zu löschen“. –

Bei diesem Brande ging auch die berühmte Kirchen- oder sogenannte Mönchsbibliothek leider vollständig verloren. (Vgl. „Die Stolpner Mönchsbibliothek.“) Auch das alte Ratsarchiv, mit Ausnahme der Statuten, wurde ein Raub der Flammen. Ausführliche Nachrichten über diesen schrecklichen Brand Stolpens gibt M. [115] Karl Samuel Senff, der daselbst von 1692 bis 1729 als erster Prediger wirkte. Die betreffende Schrift betitelt sich:

„Historische Beschreibung des entsetzlichen Brandes, welcher den 4. März 1723 die Stadt und Bergfestung Stolpen betroffen“. –

Diese Schrift ist zu Budißin (Bautzen) bei David Richter noch in demselben Jahre gedruckt worden und hat einen Umfang von 3 Bogen. Auch M. Christian August Freyberg, wohlverdienter Rektor der Sankt Annenschule zu Dresden, hat dieses Brandunglück Stolpens näher beschrieben und zwar in der Schrift:

„Historische Nachricht von der Meißnischen Stadt Stolpen und dem göttlichen Feuergerichte, welches anno 1723, den 4. März, über dieselbe ergangen.“

Die betreffende Schrift ist zu Dresden 1723 beim Hofbuchdrucker Stößel gedruckt worden und hat einen Umfang von zwei Bogen. –

Der damalige Kurfürst, August der Starke, nahm sich der armen Abgebrannten Stolpens landesväterlich an. Am 19. April 1723 ließ er zum Besten der Bürger und zum Wiederaufbau der niedergebrannten geistlichen Gebäude in seinem ganzen Lande eine Sammlung veranstalten. Auch ordnete er an, daß aus den königlichen, bez. kurfürstlichen Waldungen zum Aufbau aller öffentlichen Gebäude die dazu nötigen Baumstämme geschlagen werden sollten. Gern hätte es der Kurfürst gesehen, wenn die wiederaufzubauende Stadt nun auf die Südseite der Festung gekommen wäre. Er bot zu diesem Zwecke in hochherziger Weise der Stadt als Bauplatz den Tiergarten zum Geschenk an. Allein man wollte die liebgewonnene, trauliche Stätte der Väter nicht verlassen und machte von dem freundlichen Angebote des treusorgenden Fürsten keinen Gebrauch. Und so steht die Stadt Stolpen noch heute auf der Mitternachtsseite des Burgberges.

Auch die Nachbarstädte zeigten sich gegen Stolpen im hohen Grade opferwillig und leisteten den Unglücklichen hilfreiche Hand. Selbst aus Preußen und Schlesien, aus Thüringen, Bayern und Böhmen trafen gesammelte Gelder ein.

„Zum Gedächtnis dieser göttlichen Heimsuchung feierte Stolpen bis in das 19. Jahrhundert herein alljährlich am 4. März einen Buß-, Bet- und Danktag, an welchem sowohl Vor-, als auch Nachmittags über gewisse auserlesene Texte gepredigt, am Tage vorher aber Betstunde gehalten wurde.“

Wie Stolpen nach dem Brande am 4. März 1723 wieder aufgebaut ward, so ist es in der Hauptsache bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Gott schütze dieses traute Städtchen vor ferneren Heimsuchungen!

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52. Die Stolpener Kirchenglocken.

Geschichtliches Interesse haben die drei Kirchenglocken zu Stolpen. Sie bedeuten ein Stück Stadtgeschichte. Diese Glocken haben ein ehrwürdiges Alter und tragen lesenswerte Inschriften. Die große Glocke hat folgende Inschrift:

„Goss mich Michael Weinhold in Dressden Anno 1724.

Qui colit Eusebien pariter cum Marte tremendo.
Perpetua Augustus gloria Saxonidum,
Eusebiae Martem junxit fecitque Verendae
Pacis opus, divi quod modo Martis erat.

Friedericus Augustus Rex Poloninarum, Elector Saxoniae.
(Darunter befindet sich das Kgl. Poln. u. Churfl. Sächs. Wappen.)
M. Valentinus Godofredus Herckliz, Superintendens Bischofferdensis.
Johannes Andreas Hagenmüller, Praefektus Stolpensis.
Gott pflegt an diesem Ort offt seinen Weg zu lehren,
Kommt Sonn- u. Werckel-Tags, säumt nicht, seid schnell zu hören.“ –

Der auf der großen Glocke angeführte Vers hat im 18. Jahrhundert durch einen poetisch begabten Mann Stolpens folgende Übersetzung erhalten:

„Augustus, dessen Herz so fromm als tapfer ist,
Der Sachsen höchster Ruhm, den keine Zeit vergißt,
Läßt dies, was ehedem mit Feinden mußte streiten,
In goldner Friedens-Zeit zum Andachts-Tempel läuten“.

Hierzu ist zum bessern Verständnis des Inhaltes dieses Verses folgendes erläuternd zu bemerken:

Bei dem furchtbaren Brande am 4. März 1723 war auch das nahe Schloß nicht verschont geblieben. Mehrere bronzene Kanonenrohre waren durch die furchtbare Glut geschmolzen. Zwei derselben schenkte der vormalige Kurfürst August der Starke der so schwer heimgesuchten Stadt Stolpen zum Guß der neuen Glocken für die Stadtkirche.

Die mittlere Glocke trägt folgende Inschrift:

[117] „Wir sind 1632, den 1. August, das erstemahl geschmolzen, 1646 wieder gegossen und in neuen Thurm gebracht. 1723, den 4. Martii das andermahl im Feuer verdorben. 1724 abermahl gegossen, da der Thurm wüste lag, und an der Kirche gebauet ward. Gott bewahre die Stadt vor Feuer, bis die Erde und die Wercke, so drinnen sind, verbrennen werden.

M. Carl Samuel Senff, Pastor.
M. Carl Friedrich Degenkolb, Archidiakonus.
M. Johann Gottlob Frenckel, Diakonus.
Christoph Jäckel,   } Bürgermeister
Andreas Michael,   }
Ich ruffe, kommt und betet,
Wenn ihr in Tempel tretet.“


Die kleine Glocke zeigt folgende Inschrift:

„Das Feuer machts, daß wir nun stimmen überein,
Lobt Gott mit einem Mund und Hertzen! Das ist fein!
Kommt, bringt das Kind, der Brunn ist offen.
Hier wird der Bund mit Gott getroffen.
Johann George Oehme   } Kirchen-Vorsteher“.
Johann George Göde   }

Fast zwei Jahrhunderte hindurch sind diese Glocken auf dem ehemaligen Turme der Stadtkirche geblieben. Heute befinden sie sich im neuen Turme. Sie haben es erlebt, wie so mancher Kriegssturm unser Vaterland durchbrauste und die Stadt Stolpen so manche Schrecknisse durchmachen mußte. Generation um Generation haben sie kommen und gehen sehen, zur Taufe und an den Altar gerufen, zum Gottesdienst geladen und zum Begräbnis geläutet. Sie legen aber auch ein beredtes und ehrendes Zeugnis ab von der Opferwilligkeit der Bewohner Stolpens, denen damals in jenem furchtbaren Brande am 4. März 1723 Hab und Gut verloren gingen.

[118]

53. Das ehemalige Amtshaus in Stolpen.

Dem Amtsgericht in Stolpen gegenüber liegt oben am Marktplatze das Haus Nr. 74. Dasselbe ist ein sehr altehrwürdiges Gebäude und hat geschichtliches Interesse, worauf schon über der Eingangstüre ein sehenswerter Wappenstein den Wanderer aufmerksam macht. Dieses Wappenbild trägt folgende Inschrift:

Churfürstl. Sächß. Freyheit.
HONI : SOIT : QVI : MAL : Y : PENSE :
1673.

Das Gebäude stellt das ehemalige Amtshaus dar, das viele Jahre hindurch dem Seifenfabrikanten und Stadtrat Hadra, dann dem Schnittwarenhändler Heckert, darauf dem Hypothekenbuchführer Leuner gehörte. Letzterer baute 1889 einen Laden ein. Bei dieser Gelegenheit mußte wegen der neuen Ladentüre ein an der Marktseite eingemauerter Wappenstein entfernt werden. Derselbe wurde im Hofe dieses Gebäudes aufbewahrt, wo er sicherlich allmählich in Vergessenheit geraten wäre. Die städtische Verwaltung machte aber den Besitzer darauf aufmerksam, und am 21. April 1890 wurde der denkwürdige Wappenstein wieder aus dem Hofe hervorgeholt und an der Marktseite des ehemaligen Amtshauses angebracht und zwar ungefähr an dem alten Platze, den er Jahrhunderte hindurch eingenommen hatte. Dieser Stein mit dem kursächsischen Wappen und der oben angeführten Inschrift weist darauf hin, daß dieses Haus ehemals im kurfürstlichen Besitze war. Kurfürst Johann Georg III. (1680–1691) hatte es 1691 angekauft und zwar, wie es in jener Kaufsurkunde wörtlich heißt, „zu Unserer mehrerer Bequemlichkeit und Abtritt, wenn Wir wegen des ziemlich hohen Berges nicht allemal bei Unserer Dahinkunft das Hoflager auf Unserem Schlosse nehmen sollten“. Dem kurfürstlichen Käufer wird das Amtshaus aber wohl kaum zu seinem Zwecke gedient haben, da er bereits am 12. September 1691 starb, also im Jahre des vollzogenen Kaufes. Doch seinen Nachfolgern, vor allen Dingen den Kurfürsten Johann Georg IV. (1691–1694) und Friedrich August I. (1694–1733), also August dem Starken, hat das Amtshaus manchmal als willkommenes Absteigequartier gedient, wenn sie auf der Reise nach Bautzen zur Erbhuldigung der Stände des Markgrafentumes Oberlausitz die Stadt Stolpen berührten, oder auch wenn sie hierher kamen, um im Stolpener Tiergarten mit Wildbretschießen sich zu „divertieren“. – Im Laufe der Zeiten hat das alte Amtshaus im Innern so manche bauliche Umänderung erfahren, während das Äußere trotz mancher Brände der Stadt so ziemlich dasselbe geblieben ist. Ursprünglich führte vom Markte aus durch das Haus ein mit Rundbogen gewölbter Torgang, von dem im Hofe noch das innere Tor erhalten ist. Über demselben befindet sich ein hochinteressanter Wappenstein ohne jede Inschrift.

Zu beiden Seiten des Durchganges lagen sonst saalähnliche Zimmer, die Expedition und die Wachtstube. Die Räumlichkeiten für die fürstlichen Personen befanden sich im oberen Gestock. Da hinauf führte eine steinerne Wendeltreppe. Dieselbe ist aber nicht mehr vorhanden. Sie hat einer geraden Steintreppe weichen müssen. Die Räumlichkeiten im oberen Stockwerk sind aber so ziemlich unverändert geblieben. Sie könnten uns aus der Glanzzeit Stolpens viel erzählen.

[119]

54. Der Schlossbrunnen zu Stolpen.
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Partie aus Stolpen.

Eine große Sehenswürdigkeit der romantischen Burgruine zu Stolpen ist der alte Schloßbrunnen. Derselbe befindet sich zwischen der ehemaligen Burgkapelle und dem Fürstenplatze. Dieser Brunnen, von einer Mauer schützend umgeben, wurde in den Jahren 1608 bis 1632 erbaut. An seiner Herstellung hat man also 24 Jahre hindurch gearbeitet und zwar ununterbrochen. Ursprünglich betrug seine Tiefe 82 m, aber mit der Zeit ist ein großes Stück verschüttet worden. In Kriegszeiten stürzten die Preußen 1756 und die Franzosen 1813 alle die auf der Burg erbeuteten Waffen in die gähnende Tiefe des Schloßbrunnens. Im Jahre 1883 ließ man durch Bergleute diesen Brunnen säubern und das einst hier Versenkte wieder an das Tageslicht befördern. Im Mai trafen unter Führung eines Obersteigers vom Carolaschachte bei Deuben drei Bergleute ein, die den Schloßbrunnen räumen sollten. Sie gingen sofort an die Arbeit. Verschiedene Basaltsäulen der Brunnenwandung hatten sich gelockert und mußten darum losgesprengt und in die Tiefe gestoßen werden, damit das Ein- und Ausfahren ohne Gefahr vor sich gehen konnte. „Nach der Auszimmerung der Wände begann das Herausschaffen der Massen. Wochenlang gab es nichts als Steine und Schutt. So wurde den ganzen Sommer hindurch gearbeitet. Im Herbste endlich kam man auf Kriegsmaterial; Teile von Kanonen, Flintenrohre, Kugeln u. s. w. wurden in Menge zu Tage gebracht. Im Sommer 1884 erreichte man die Sohle des Brunnens in einer Tiefe von 82 m. Wasser sickerte nur spärlich durch das Basaltlager. Die Hoffnung

[120] auf Auffindung broncener Kanonen blieb unerfüllt. Nach genauer Ordnung besteht der ganze Fund in folgenden Gegenständen: 1 Adlerwappen, 1 Heiligenbild und 1 Löwenpaar, sämtlich aus Sandstein; ferner wurden gefunden 15 französische Gewehre mit Feuerschloß und 5 französische Bajonette, 14 Hellebarden, 1 Zündrute, 20 Radschlösser, 38 verschiedene Piken, 2 lederne Pulverbeutel, 98 verschiedene Gewehrkolben, 123 Gewehrrohre, 11 Sturmsensen, 2391 Falkonettkugeln, 600 hohle Granaten, 173 gefüllte Granaten, 4 hölzerne Setzer zum Laden der Kanonen, 1 hölzerne Pulverflasche, 16 Feuersteinschlösser, 27 Luntenschlösser, 4 sehr alte Bajonette, 4 kupferne Pulverschaufeln, 4 eiserne Kanonenrohre, 5 Lafetten aus Eichenholz, 14 verschiedene hölzerne Räder und ein Stück des alten Brunnenseiles.“ –

Die Erbauung des Stolpener Schloßbrunnens war nicht leicht. Die Arbeit war den Bergleuten, welche ihn zu graben hatten, sehr erschwert. Den hier zu überwindenden und zu beseitigenden Basaltsäulen, so lange sie dicht untereinander verbunden sind, kann man nämlich an ihren Köpfen am wenigsten beikommen, und weder mit Meißel noch mit Fäustel läßt sich etwas erreichen. Doch springen die einzelnen Basaltsäulen leicht voneinander, wenn sie mit 2 bis 3 Schlägen an der Seite getroffen werden. Die Bergleute, welche diesen Brunnen herzustellen hatten, sollen daher die Köpfe der zu beseitigenden Basaltsäulen durch Holzfeuerung erst erweicht und sich so nach und nach langsam hindurch gearbeitet haben. Das war freilich eine höchst mühsame Arbeit, und Wochen vergingen, ehe man wieder einen fußlangen Weg von neuem zurückgelegt hatte. Die Basaltsäulen gehen hier viele hundert Meter tief in das Erdinnere.

Jene Bergleute, welche den Schloßbrunnen zu Stolpen zu bauen hatten, wohnten im nahen Altstadt, wo man ihnen besondere Häuser errichten ließ, die heute zur Erinnerung daran „die Berghäuser“ genannt werden.

Die Veranlassung zur Grabung des Schloßbrunnens war der mangelhafte Zustand der ehemaligen „Wasserkunst“. Dieses einstige Wasserhaus, welches den Schloßbewohnern das nötige Wasser lieferte, befand sich im untersten Teile des früheren Tiergartens, der auf der südlichen Seite des Schloßberges lag. Noch vor wenigen Jahren hat man deutliche Spuren des alten Wasserwerkes aufgefunden. Auch heute sind solche noch vorhanden. Von ihm aus wurde das Wasser in die Festung getrieben. Dieses Wasserwerk war im Jahre 1563 angelegt worden, wurde aber in Kriegszeiten von den Feinden wiederholt zerstört.[10] Daher sah man sich im Schlosse veranlaßt, im Inneren der Burg einen Brunnen anzulegen. Aus diesem wurde nun das Trinkwasser mit Eimern geschöpft, die durch ein großes Trittrad, welches Männer durch Treten in Bewegung zu setzen hatten, hinabgelassen und wieder heraufgezogen wurden.

Jetzt entnimmt man dem Schloßbrunnen kein Wasser mehr. Es fehlen hierzu die nötigen Vorrichtungen. Doch ist das Wasser sehr frisch und genießbar.

Es gewährt einen großartigen Anblick, wenn brennendes, mit Petroleum getränktes Papier in die dunkle, gähnende Tiefe hinabgelassen wird. Der große Feuerballon, der auf seinem Fluge die schwarzen Basaltwände unheimlich erleuchtet, wird kleiner und immer kleiner. Zuletzt ist er nur noch als winziger, schimmernder Stern sichtbar, der aber auch bald in der grausigen Nacht verschwindet. – Seit einigen Jahren ist jedoch das Hinabwerfen von irgendwelchen Gegenständen in den Schloßbrunnen strengstens untersagt. Wer die Schloßruine zu Stolpen besucht, der versäume ja nicht, auch den so sehr sehenswerten Schloßbrunnen mit in Augenschein zu nehmen!

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Burgruine Stolpen.


55. Der Stolpener Tiergarten.

Zur Burg Stolpen gehörte ehemals ein umfangreicher Tiergarten. Derselbe befand sich an der Südseite des Schloßberges, weshalb man heute noch diese Grundstücke als den „Tiergarten“ bezeichnet, obgleich von einem solchen heutzutage keine Spur mehr zu sehen ist. –

Angelegt wurde dieser ehemalige Tiergarten vom Kurfürsten Vater August, der ihn auch mit einer hohen Mauer umgeben ließ. Stolpener und Langenwolmsdorfer Bauern mußten hierzu die betreffenden Felder gegen eine angemessene Entschädigung abtreten. Anfangs war der angelegte Garten nur bestimmt zu einem Obstgarten, der mit den verschiedensten Obstbaumsorten bepflanzt wurde, die der Kurfürst meistens aus Bayern erhielt, viele aber auch selbst zog und eigenhändig setzte. – Das edle Fürstenpaar war bestrebt, den Obstbau im Lande zu fördern, und dasselbe griff da auch oftmals zu gar eigenartigen Mitteln. So bekam von der Kurfürstin Mutter Anna jedes Brautpaar in Stolpen einige Obstbäume geschenkt, die dasselbe pflanzen mußte.

Dieser Obstgarten wurde bald in einen Tiergarten umgewandelt, in dem dann verschiedenes Hochwild gehalten und gepflegt ward. Da gab es weißes „Thamm-Wildpret“ und „indianisches Wildpret“, das sein besonderes Gehege und seine besondere Scheune zum Unterschlupf und zur Fütterung hatte. Zur Winterszeit heizte man in diesen Scheunen, den Zufluchtsstätten des Wildes, sogar täglich ein, weil die Kälber des indianischen Wildes die Kälte nicht vertragen konnten. Die Aufsicht über den Stolpener Tiergarten hatten die sogenannten „Wildpretswerter“, die in einem besonderen Ansehen standen und hochachtbare Personen waren. Der Chronist Gercken nennt deren folgende: 1595 Martin Fritzsche, 1617 Hannß Schäfer, 1639 Ägidius Lindner, 1641 Thomas Höle, 1672 Hannß Jakob Stiehl, 1690 Christian Otto, 1729 Joh. Christoph Götze, 1736 Joh. George Schultze, 1754 Joh. Christian Schultze.

Wie zahlreich das Wild des Stolpener Tiergartens gewesen sein muß,


das Wasser, so durch doppelte Röhren von dem Amts-Dorffe Lauterbach hereingeleitet worden, sodann den Berg hinan, aufs Schloß getrieben. So viel sich Nachricht findet, hat Martin Planer, Bergmeister zu Freyberg, diese künstliche Wasser-Leitung zu stande gebracht.“ – [122] das beweisen verschiedene Jagdberichte aus jener Zeit. Im 14. Kapitel der von Gercken verfaßten Chronik heißt es wörtlich:

„Im Jahre 1625, vom 12. bis 14. September, waren Churfürstl. Durchl. Johann Georg I.[WS 4] allhier, und es wurden dazumal 51 Stück Thamm-Wildpret im hiesigen Tiergarten ausgeschossen.“ – „Im Jahre 1658, Mittwochs, den 8. September, langten Se. Churfürstl. Durchl. Johann George II.[WS 5] in Begleitung des Herzog Moritzens[WS 6] allhier an. Des folgenden Tages wurden 32 Stück[WS 7] Thamm-Wildpret im Tiergarten ausgeschossen, worauf sie die Mittagsmahlzeit bei Dero Oberschenken Hannß Wolfen von Metzrad auf dem Vorwerk Rennersdorf[11] einnahmen. Freitag darauf reiste Se. Churfürstl. Durchlaucht nach Dresden zurück, stiegen aber bei dem Vorwerk Rennersdorf ab und geruhten mit obengedachtem Herrn Oberschenken noch im Grünen zu speisen, worauf sie nach Dresden gingen.“ – „Im Jahre 1660, Montags, den 24. September, kamen Ihro Churfürstl. Durchl. nebst dero Frau Gemahlin und Prinzessin allhier an, erlegten folgenden Tages 24 Stück Thamm-Wildpret und speisten zu Mittag bei dem Obristen von Schweinitz auf dem Schlosse, abends aber bei dero Frau Gemahlin. Den 26. huj. gingen sie von hier wieder ab.“ – „Im Jahre 1691, den 28. August, hatte sich ein Wolf in hiesigem Tiergarten gefunden, der an Wildprete großen Schaden tat, indem binnen etlichen Nächten über 30 Stück niedergebissen wurden. In demselben Jahre 1691, den 31. Oktbr., langten Se. Churfürstl. Durchl. Johann George IV.[WS 8] nebst dero Herrn Bruder Herzog Fr. Augusto[WS 9] Vorm. gegen 10 Uhr von Moritzburg allhier an, da sie sodann in dem Tiergarten gegen 104 Stück Thamm-Wildpret schossen und sich darnach auf’s Schloß begaben, allwo sie dem Herrn Landeshauptmann v. Schönberg gnädigst Audienz erteilten, welcher im Namen sämtlicher Stände des Markgrafentums Oberlausitz wegen angetretener Churfürstl. Regierung die unterthänigste Gratulation abstatteten. Nach aufgehobener Tafel gingen sie von hier nach Dresden.“ – „Im Jahre 1708, den 16. Juli, langten Ihre Königl. Majestät in Polen und Churfürstl. Durchl. zu Sachsen Friedericius Augustus Vorm. nach 9 Uhr glücklich allhier an. Bald darauf folgten auch die Frau Gräfin von Cosell[WS 10] und einige Herrn Cavalliers. Ihre Kgl. Maj. nahmen die hiesigen Festungswerke zu Pferden in Augenschein und belustigten sich sodann nebst der Frau Gräfin v. Cosell mit Wildpretschießen im Tiergarten. Am folgenden Morgen früh um 8 Uhr gingen sie wieder zurück nach Pillnitz.“ – Aus diesen angeführten Berichten ist zu ersehen, daß der Stolpener Tiergarten ein beliebter Jagdort der sächsischen Kurfürsten gewesen sein muß. Dafür sprechen ihre wiederholten Besuche.

Mit Ausgang des 18. Jahrhunderts ging es mit dem zur Burg Stolpen gehörigen Tiergarten zu Ende. Das Wild wurde in die umliegenden Wälder entlassen, die Mauern abgebrochen und der Tiergarten in Felder umgewandelt. Heute kennt man nur noch seinen Namen und den ungefähren Raum, den der Wildgarten ehemals einnahm. Den schönsten Blick über den früheren Tiergarten hat man von den herrlichen Parkanlagen aus, da, wo die Vogelwiese Stolpens sich befindet. Hier kann man sich ein ziemlich genaues Bild von dem bedeutenden Umfange desselben machen.

[123]

56. Zwei Staatsgefangene in Stolpen.

Kurfürst Vater August, der von 1553 bis 1586 in Sachsen regierte, war ein strenger Lutheraner und darum auch bemüht, seinem Lande die reine evangelische Lehre zu erhalten. Auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1555, da der berühmte Religionsfriede zu stande kam, war er zwar nicht persönlich anwesend, er hatte aber treue und gewissenhafte Gesandte dahin abgeschickt. Zugegen war er aber auf dem im März 1555 zu Naumburg an der Saale abgehaltenen Fürstentage. Daselbst ermahnte Vater August die erschienenen Fürsten, bei der lutherischen Konfession treu zu verharren und vom damaligen Reichstage und dem Reichskammergerichte nichts zu dulden, was den Protestanten zum Nachteile sein könnte. Aber trotzdem, daß durch den Reichstagsbeschluß zu Augsburg die evangelische Kirche nach außen hin zum Frieden gelangt zu sein schien, wollte doch in ihrem eigenen Lager der Friede durchaus nicht gedeihen, da die „lutherischen Gottesgelehrten“ durch erbitterte Streitigkeiten sich bekämpften, wozu der zum Frieden so sehr geneigte Melanchthon wider Willen die nächste Veranlassung gegeben hatte. Melanchthon hatte nämlich, um den schroffen Gegensatz der Lutheraner und der Reformierten der Schweiz etwas zu mildern und womöglich eine Vereinigung beider Konfessionen anzubahnen, bereits im Jahre 1540 dem vom heiligen Abendmahle handelnden Artikel der Augsburgischen Konfession eine kleine Abänderung gegeben. Nach seinem Tode 1560 gingen seine Schüler und Anhänger in dieser Hinsicht immer weiter. Mehrere von ihnen hatten einflußreiche Ämter in Kursachsen und genossen beim Kurfürsten selbst großes Ansehen. Dieser war aber samt seiner Gemahlin, der Kurfürstin Mutter Anna, der reinen evangelisch-lutherischen Lehre so streng zugetan, daß er zu sagen pflegte: „Wenn ich eine einzige calvinistische Ader in mir haben sollte, so wünsche ich, daß der Teufel sie mir ausreißen möchte!“ – Daher sahen sich jene Männer genötigt, ihre den beiden Stiftern der reformierten Kirche, Zwingli und Calvin, verwandten Ansichten in Glaubenssachen streng geheimzuhalten. Sie wurden daher, besonders von den Theologen zu Jena, als „Krypto-Calvinisten“, d. h. heimliche Anhänger Calvin’s, bezeichnet. Doch gelang es den Krypto-Calvinisten, den Kurfürsten über ihre Glaubensansichten zu täuschen.

Auf Vater August folgte der Kurfürst Christian I. Dieser regierte von 1586–1591. Unter seiner Regierung entwickelte sich der begonnene Religionsstreit nur noch mehr. Die Krypto-Calvinisten waren jetzt eifrig bemüht, die lutherische Lehre zu verdrängen und die Einführung der reformierten oder calvinistischen Lehre durchzusetzen und zwar unter dem mächtigen Einflusse eines erklärten, eines eifrigen Calvinisten, des Kurfürstlichen Kanzlers Dr. Nicolaus Crell. Dieser war bereits vom Kurfürsten Vater August als Hofrat in der Landesregierung angestellt und im Jahre 1584 dem Kronprinzen Christian, der als Mitregent des Vaters eingesetzt war, als „ratender und helfender Mann“ zugeordnet worden. So trat denn Crell in ein vertrauteres Verhältnis zu Christian I. und wußte diesen so für sich einzunehmen, daß er im Jahre 1589 seinen bisherigen Kanzler, D. David Pfeifer, entließ und dafür D. Crell zum Geheimrat und Kanzler ernannte. Crell, der sich dem Kurfürsten Christian I. unentbehrlich zu machen wußte, riß bald alle weltliche und geistliche Gewalt an sich und waltete und schaltete ziemlich unumschränkt. So wußte er Einrichtungen aus der Zeit des Kurfürsten Vater August, die dazu gedient hatten, den Krypto-Calvinisten, entgegenzuwirken, einfach zu beseitigen. [124] Bald erschien unter Einfluß dieses Kanzlers Crell auch eine kurfürstliche Verordnung, durch welche alle Angriffe gegen andere Religionsansichten auf der Kanzel verboten wurden; denn bisher war es geschehen, daß die lutherisch Rechtgläubigen öffentlich von der Kanzel herab gegen das Treiben der Krypto-Calvinisten eifrig gepredigt hatten. – Den Kurfürsten selbst suchte dessen in Dresden lebender Schwager, der reformierte Pfalzgraf Johann Casimir, für die calvinische Lehre zu gewinnen. Dazu war Crell bemüht, dieselbe allmählich im ganzen Lande einzuführen. Der gegen die Krypto-Calvinisten eifernde Superintendent von Leipzig, Dr. Selnecker, wurde 1589 seines Amtes entsetzt. Um nicht durch die Presse in seinem Treiben gehindert zu werden, bildete Crell, die Hofprediger Salmuth und Steinbach an der Spitze, eine sogenannte „Hof-Zensurcommission“ für alle theologischen Schriften, die an diese drei Männer zur Prüfung und Durchsicht eingesandt werden mußten. Alle theologischen Schriften, die in irgend einer Weise dem Sinne der Krypto-Calvinisten schaden konnten, wurden gestrichen und die Veröffentlichung derselben wurde streng verboten. Zugleich arbeiteten diese Männer, die an den Superintendenten Schönfeld in Dresden, Dr. Harder in Leipzig, Birnbaum in Wittenberg und Pastor Dr. Gundermann in Leipzig Gleichgesinnte hatten, an neuen Ausgaben der Bibel und der Katechismen im Sinne der Krypto-Calvinisten, um auf diese Weise ihre Lehre in’s Volk und in die Schule zu bringen. Bis dahin war es kirchliche Sitte gewesen, bei der Taufe eine Formel auszusprechen, welche sich auf die Austreibung des Teufels aus dem Täufling bezog. Diese Formel bezeichnete man mit dem Namen oder Ausdruck „Exorcismus“. Der Kurfürst Christian hatte bei der Taufe seiner Prinzessin Dorothea mit der Weglassung dieser Formel den Anfang gemacht. Darauf ging durch das ganze Land der Befehl, daß der „Exorcismus“ bei der Taufe wegzulassen sei. Denjenigen Geistlichen, die diesen Befehl zu unterzeichnen sich weigerten, drohte Amtsentsetzung. Viele Geistliche, welche sich nicht zur Unterzeichnung entschließen konnten, wurden auch tatsächlich abgesetzt, darunter auch der Oberhofprediger Dr. Mirus, welcher seiner freimütigen Äußerungen wegen auf der Festung Königstein gefangen gesetzt ward. Den höheren Ständen erschien die neue Verordnung ganz zweckmäßig, doch bei dem Volke zeigte sich die hartnäckigste Widersetzlichkeit. Manche Eltern ließen ihre Kinder nun gar nicht taufen, andere schickten sie in’s Ausland, um an ihnen die Austreibung des bösen Geistes doch noch vollziehen zu lassen. In Dresden erschien einst am Taufsteine mit den Paten seines Kindes auch dessen Vater, ein Fleischermeister, und drohte, mit dem geschwungenen Beile in der Hand, dem betreffenden Geistlichen den Kopf zu spalten, wenn er nicht sofort das Kind mit dem Exorcismus taufen wolle. Auch an anderen Orten kam es zu unruhigen und heftigen Auftritten. Der Grund dieses Widerstandes von seiten der Geistlichen und der Grund der Erbitterung, mit welcher sich das Volk an diesen Streitigkeiten so lebhaft beteiligte, ist hauptsächlich in der Überzeugung zu suchen, daß durch Weglassung des Exorcismus der Calvinismus begünstigt werde und dem Volke das liebgewonnene Luthertum entrissen und eine andere Lehre an dessen Stelle gesetzt werden sollte. Doch mit dem Tode des Kurfürsten trat für die besorgten Lutheraner eine günstige Wendung der Dinge ein. Da die Söhne des so jungverstorbenen Kurfürsten noch minderjährig waren, übernahm auf die Dauer der Minderjährigkeit des älteren Prinzen der Vormund desselben, Herzog Friedrich Wilhelm von Weimar, die Regierung der kursächsischen Lande und schlug seinen Wohnsitz in Torgau auf. –

Friedrich Wilhelm von Weimar, sowie seine Gemahlin Sophie, waren

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Der St. Johannes- oder Cosellturm.

[126] [127] streng lutherisch. Seine Hauptsorge ging nun vor allen Dingen dahin, das Luthertum in dem von ihm verwalteten Lande wieder herzustellen und zwar in seiner ursprünglich reinen Form. Der erste Schritt hierzu war die sofortige Verhaftung des Kanzlers Dr. Crell und des Dr. Pfeifer’s Wiedereinsetzung. Crell wurde nach dem Königsteine in strenge Hut gebracht. Über 10 Jahre befand er sich daselbst. Auch die beiden Hofprediger Salmuth und Steinbach, die mit dem einstigen Kanzler im vollen Einverständnis gehandelt hatten, wurden verhaftet und im Jahre 1592 nach der Festung Stolpen als Staatsgefangene gebracht. Schöttgen erzählt hierüber in seiner „Wurzener Historie“ folgendes:

„Als der Ruf davon in Dresden auskommen, daß Salmuth und Steinbach in Arrest genommen werden sollten, hatten sich viele Leute anno 1592 den 8. Mai, Mittwoch nach Pfingsten, versammelt, das Straßenpflaster aufgerissen und würden sie (die eben genannten Geistlichen) sehr übel tractirt haben, wenn nicht der Stadt-Hauptmann mit der Garnison und Bürgerschaft dazwischen kommen wäre und die gedachten Beiden (Salmuth und Steinbach) in starker u. schützender Begleitung auf das Schloß Stolpen gebracht hätte. Daselbst hat aber der Teufel, wie der Amtsschösser Thomas Teutter, Verwalter zu Stolpen, an den damaligen Administrator umständlich berichtet, ihn (den Thomas Treutter) des Nachts oft besuchet, sich in seinem Handbecken gebadet, das Bänklein fortgerücket, die Bücher umgeblättert und hin- und hergeworfen. Salmuth und Steinbach, die eben daselbst als Gefangene gesessen, haben ausgesagt, daß sie desselbigen Tages, da er durchgehen wollen, einen Bauern in einem roten Leder mit einem Fuhrmanns Hut und Federn vorbeigehen sehen. Es soll auch ein großes Wetter auf dem Schlosse gewesen sein, daß die Ziegel von den Dächern gefallen sind und niemand sicher auf dem Schloßhof hat gehen können. Es soll auch der Teufel von Stolpen aus nach Bischofswerda zu ein groß Wetter erregt haben, so daß in selbigen Strich nicht der dritte Halm stehen geblieben ist. Zu Bischofswerda sind durch die Schloßen, die wie Welschnüsse groß waren, den Bürgern die Fenster eingeschlagen worden, sodaß jedermann gemeint hat, der jüngste Tag würde kommen.“ – Die einzelnen Umstände berichtet Treutter an seinen Vorgesetzten mit Furcht und Zittern. Ihm ist dabei ganz angst beim Niederschreiben geworden, und es scheint, als wenn er gefürchtet habe, er werde sein Leben darüber einbüßen müssen.

Dem gefangenen Hofprediger Steinbach scheint aber auf der Burg Stolpen die Zeit sehr lang geworden zu sein; denn er versuchet am 19. Juni 1592 auf folgende Art die Freiheit zu erhalten:

„Er hat die Türe seines Gefängnisses mit einem Brotmesser zerschnitten und weil es ihm, als einer schweren Person, daraus zu kriechen, unmöglich gewesen, mit einem Scheite eine drei Zoll starke Pfoste zerschlagen. Hierauf ist er, wie Treutter schreibt, mit Hilfe des Teufels durch drei andere verschlossene Türen, die ganz unversehrt geblieben, durchkommen. Hierauf hat er oben im Schlosse in einem Wendelstein, in einem Fenster, daran er zwei Ofengabeln kreuzweise inwendig vor das Loch gebunden, ein Handtuch ausgehangen, dazu alles Bettgeräte, so man ihm gegeben, wie schmale Handtücher zerschnitten, recht fest zusammengenäht, dreifach überstochen und sich also über 50 Ellen hoch herablassen wollen. Es ist ihm aber sein Vorhaben mißlungen und hat, ehe er heruntergekommen, einen Fall getan und brach den Oberschenkel des linken Beines. Er hatte auch einen Zettel, den er mit Fensterblei geschrieben, nebst einem Packet in dem Gefängnis liegen lassen, welches Treutter nach Dresden geschickt hat. Was der Inhalt war, ist aber unbekannt geblieben. [128] Steinbach wurde jedoch ergriffen und hat selbst in Gegenwart etlicher Rats- und Gerichtspersonen von freien stücken ausgesagt, der Teufel hätte ihm geholfen. Als sich aber die Schmerzen mehrten und er sah, daß er schlechterdings nicht davonkommen würde, verlangte er in seiner höchsten Not von dem Verwalter, derselbe solle ihm durch einen Kirchendiener das heilige Abendmahl reichen lassen. Weil nun Dr. Zacharias Rivander, Superintendent zu Bischofswerda, eben in gewissen Angelegenheiten zu Stolpen war, ging er zu ihm und vernahm von ihm, auf welche Art er das Abendmahl nehmen wolle. Steinbach erklärte sich auch bereit, schriftlich zu widerrufen und fügte die Bitte bei, daß der Widerruf nächsten Sonntag in der Schloßkapelle zu Dresden abgelesen werden möchte.“ – Dieses Schriftstück hatte folgenden Wortlaut:

„Nachdem ich, M. David Steinbach, zu der Zeit, da mir das Hofpredigerdienst zu Dresden befohlen gewesen, fremde calvinische, irrige in der Augsburgischen Confession ausgesetzte Lehre einführen wollen, und dadurch die hochlöbliche Schloßkirche daselbsten nicht wenig geärgert, als ist mir solches von Herzen leid, verwerfe und verdamme dieselbige von Herzen und bitte flehentlichen und um Gottes Willen, sie wollte mir solches verzeihen und vergeben, auch Gott für mich bitten, daß er mir solchen meinen Irrtum und Fall zu gut halten, verzeihen und vergeben, mir meine großen Schmerzen lindern und nur nach seinem väterlichen Willen gnädiglich helfen wolle um Jesu Christi seines lieben Sohnes Willen, ferner, da mir Gott mein Leben fristen und mich im Predigtamte forthin haben wollte, will ich alle solche Irrige in der Augsburgischen Confession, anno 30 verworfene und verdammte Lehre, mit Herzen und Mund meiden, und Einigkeit in der Religion dieser Lande Kirchen aus Gottes Wort, den Hauptsymbolis, Augsburgischer Confession, anno 30 übergeben in der Formula Concordiae reptirt, vermittels göttlicher Hilfe treulich halten und fortpflanzen, dazu mir mein Herr und Heiland Jesus Christus mit seinem Heiligen Geiste treulich helfen, und in solchem gottseligen Vorsatze stärken, und bis an mein letzten Seufzer erhalten wolle. Amen!

Ich, M. Steinbach, bekenne, daß ich diese meine Revocation selbst aus meiner Andacht gestaltet, zuvorher wohl bewogen und also freiwillig mit eigner Hand unterschrieben. Im Beisein des ehrwürdigen hochgelehrten Herrn Doctoris Zachariä Rivandri, Pfarrherrn und Superintendenten zu Bischofswerda, zu Stolpen, den 8. Juli, anno 1592.“ –

Dieses Schriftstück unterzeichnete auch Salmuth. Deshalb wurden beide, Steinbach und Salmuth, aus der Haft entlassen, ohne aber in ihre Ämter und Würden wieder eingesetzt zu werden. Mit dem Calvinismus ging es aber in Sachsen zu Ende. Der Landesverwalter Friedrich Wilhelm hielt 1592 einen Landtag zu Torgau ab, auf dem die Aufhebung aller unter der vorigen Regierung eingeführten kirchlichen Änderungen beschlossen und zur Ausrottung der eingeschlichenen calvinischen Lehre eine Kirchenvisitation angeordnet wurde. Wer von den Geistlichen der calvinischen Lehre zuneigte, der wurde seines Amtes entsetzt. So geschah es nun auch, daß die aufgeregten Gemüter des Volkes sich wieder allmählich beruhigten, war dem Volke Kursachsens doch das reine Luthertum vor dem Untergange gerettet worden!

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57. Carl Christian Gercken, der Verfasser der Chronik von Stolpen.

Zu den Männern, welche sich um die Aufzeichnung der Ortsgeschichte Stolpens hochverdient gemacht haben, gehört in erster Linie Carl Christian Gercken. Auf seinen Namen stößt der Geschichtsforscher wiederholt. Sehr wertvoll ist die Chronik, welche Gercken über Burg und Stadt Stolpen verfaßte. In diesem Werke hat er sich ein dauerndes Denkmal selbst errichtet. Die von Gercken über Stolpen verfaßte Chronik erschien im Jahre 1764 und zählt 788 Seiten. Dieselbe führt folgenden Titel:

„Historie der Stadt und Bergfestung Stolpen, im Marggrafthume Meißen gelegen, aus zuverlässigen Nachrichten entworffen von M. Carl Christian Gercken. Dreßden und Leipzig, zu finden im Adreß-Comtoir 1764.“ – Der Verfasser hat diese Chronik dem damaligen sächsischen Conferenz-Minister gewidmet und zwar mit folgenden Worten:

„Dem Hochgeborenen Herren,

Herrn Thomas, des Heil. Römischen Reichs Freyherrn von Fritsch, Sr. Churfürstlichen Durchl. zu Sachsen hochbetrautem Conferenz-Ministre und. würklichem Geheimden Rathe etc.

Meinem gnädigen Herrn.
Hochgeborener Freyherr, Gnädiger Herr,

Ew. Hoch-Freyherrl. Excellenz haben jederzeit, wie gegen die Wissenschaften überhaupt, also gegen die Geschichte des Vaterlandes insonderheit, so vorzüglich hohe Gnade geäußert, daß ich mich gegenwärtig erkühne, deroselben die Historie meiner Vaterstadt Stolpen in Unterthänigkeit zuzueignen. Der hohe Beifall, dessen Ew. Hoch-Freiherrl. Excellenz meine geringe Arbeit schon damals zu würdigen geruheten, als ich nur einige wenige Capitel deroselben vorzulegen die Gnade hatte, da ein trauriges Schicksal Ew. Hoch-Freyherrl. Excellenz mit mehreren vornehmen Herrschaften aus der Kgl. Residenz nach Stolpen zu gehen nöthigte, hat mich desto mehr aufgemuntert, das angefangene Werk zu vollenden. Wie glücklich würde ich mich nunmehr schätzen, wenn meine ganze Arbeit in ihrem ganzen Umfange den Beifall eines so großen Kenners erlangen sollte! Ew. Hoch-Freyherrl. Excellenz werden inmittelst gnädigst geruhen, meine gegenwärtigen Bemühungen zur Erläuterung der Geschichte [130] des Vaterlandes mit huldreichen Augen anzusehen und einer gnädigen Aufnahme zu würdigen. Der allerhöchste Gott lasse Ew. Hochwohlgeb. Excellenz und dero Hoch-Freyherrl. Haus zu aller Zeit seiner besonderen gnädigen Aufsicht befohlen sein, und überschütte dieselben aus der Fülle seines Reichtums mit überschwenglichem Segen! Er erfülle die brünstigen Wünsche aller Redlichen des, durch die gesegneten Bemühungen Ew. Hoch-Freyherrl. Excellenz, mit Friede und Ruhe wieder erquickten Vaterlandes,[12] für dero dauerhaftes Glück und hohes Wohlergehen und lasse dieselben, mit vieler vorzüglicher Huld des durchlauchtigsten Chur-Hauses geschmückt, zum Heil des ganzen Landes, mit muntern Kräften, bis in die spätesten Jahre arbeiten! Mit diesem ehrfurchtsvollen Wunsche empfehle Ew. Hoch-Freyherrl. Excellenz mich zu hoher Gnade, und beharre mit tiefstem Respect

Stolpen, den 25. Septbr. 1764
 Ew. Hoch-Freyherrl. Excellenz unterthänigster
 M. Carl Christian Gercken.“ –

M. Carl Christian Gercken wurde am 19. Oktober 1731 zu Stolpen geboren, wo sein Vater, Christian Ernst Gercken, Archidiakonus war. Seinen ersten Unterricht erhielt er in der Schule seiner Vaterstadt. Diese Stadtschule stand damals unter dem Rektor M. Nestler und hatte weit und breit einen guten Ruf. Im Jahre 1745 kam Gercken wohlvorbereitet auf die Kreuzschule zu Dresden und hat daselbst „als Con-Rector studiret“. Seine Lehrer waren der berühmte Rektor Christian Schoettgen und Eph. Kretzschmar. „Nach getaner öffentlichen Valediction“ (Abschiednehmen, Abschiedsrede) bezog Gercken im Jahre 1750 die Universität Leipzig und hörte die dasigen berühmten Lehrer in Philosophicis und Theologicis, und hielt als Senior am Geyer’schen Freitische sowohl anno 1752 als anno 1753 die gewöhnliche Gedächtnisrede im „Auditorio Philosophico.“

In Wittenberg holte er sich 1753 den Magistertitel unter dem Dekanat Professor Christian Crußi. Darauf verließ Gercken Leipzig und ließ sich den 3. Oktober desselben Jahres „pro Candidatura“ vor dem Oberkonsistorium zu Dresden prüfen. Darauf kehrte er in seine Vaterstadt und in’s Vaterhaus zurück und übte sich hier, wie er selbst erzählt, im Predigen. Das letzte Jahr vor seiner Beförderung in die künftige Amtsstellung war er als „Privat-Informator Gülden“ im Hause des Herrn Amtsmannes tätig. Im Jahre 1755 berief ihn der Rat der Stadt Stolpen „zu dem erledigten Diakonat“, wozu er am 17. Aug. die Probepredigt ablegte, worauf den 22. August zu Dresden die Ordination und Konfirmation, der wirkliche Amtsantritt aber erst am 31. August des genannten Jahres erfolgte. In dieser Stellung war Gercken bis zum Jahre 1771 tätig, darauf wurde er als Pastor von Stolpen angestellt. Als solcher wirkte er hier bis zu seinem Tode, der ihn 1795 in das Jenseits abrief. – Vermählt ward Gercken 1757, den 11. Oktober, mit Christiane Renata, der ältesten Tochter des Kurfürstl. Sächs. Accisinspektors Joh. Gottfried Barthel zu Pulsnitz, der später Amts-Steuer-Einnehmer zu Stolpen wurde.

Carl Christian Gercken muß schriftstellerisch sehr tätig gewesen sein; denn davon zeugt zunächst seine über Stolpen verfaßte Chronik. Es ist dieses Werk aber nicht das einzige von ihm verfaßte Buch. Er führt selbst noch einige Schriften an, z. B.

[131]

„Dissertatio de Justini Matvris ad religionem Christianam conversione admodum memorabili. Lips. 1763. 4to. plag. 2½“,

ferner:

„Davids Aufmunterung an das Stolpnische Zion, die Werke des Herrn, bei der heilsamen Reformation, dankbarlich zu erzählen.“
Friedrichstadt. 4to. 2½ Bogen.

Diese Arbeit ist eine Predigt über Psalm 138 und wurde von Gercken am Neujahr 1759 gehalten und zwar zum Andenken der vor 200 Jahren im Amte Stolpen vorgenommenen Kirchen-Reformation. Auch noch einige von ihm verfaßte historische Aufsätze führt Gercken an, die er im Jahre 1763 „in den Dreßdner gelehrten Anzeigen“ habe erscheinen lassen.

Den Anfang zu seiner lesenswerten und wertvollen Chronik machte Carl Christian Gercken schon auf der Kreuzschule zu Dresden. Anregung hierzu erhielt er durch seinen Lehrer, den Rektor Schoettgen, der Gerckens Liebe und Neigung zur vaterländischen Geschichte bald kennengelernt hatte. Darum munterte dieser ihn auf, doch die Nachrichten seiner Vaterstadt zu sammeln. Gercken schreibt in dem Vorwort seiner Chronik über Stolpen wörtlich folgendes:

„Der selige Rektor Schoettgen an der Schule zum heil. Creutz in Dreßden, den ich als meinen ehemaligen treuen Lehrer noch in der Grube verehre, hatte daher meine natürliche Neigung zur Geschichte des Vaterlandes kaum vermerket, als er mich aufmunterte, die Nachrichten von meiner Vaterstadt zu sammeln, und versprach mir zugleich, mit Allem willigst an die Hand zu gehen, was ihm etwan davon vorkommen möchte, welches er auch nach der Zeit redlich erfüllet hat. Ich machte demnach, noch auf der Creutz-Schule, einen Anfang mit meiner historischen Arbeit, und da ich durch nur belobten Herrn Rector in die Bekanntschaft des nun auch seeligen Herrn M. Kreißig gerieth, so habe ich nicht nur durch die Willfährigkeit dieser beiden berühmten Männer, von Zeit zu Zeit, feine Nachrichten erhalten, sondern auch an meinem eigenen Fleiße nichts ermangeln lassen, etwas Vollständiges liefern zu können.“

Gercken hat nach Jahren mit der größten Gewissenhaftigkeit seine Arbeit vollendet und durch seine Chronik ein bleibendes Andenken sich gesichert.

Schon im Anfange des 18. Jahrhunderts war von einem Vorgänger Gerckens, dem M. Carl Samuel Senff (geb. den 23. Mai 1666 in Stolpen, gest. den 17. März 1729 als Pastor in Stolpen) Stoff zu einer Chronik von Stolpen mit einem wahren Bienenfleiße und mit großer Sachkenntnis gesammelt worden. Gercken schreibt hierzu: „Der Fleiß und die Geschicklichkeit, so derselbe in andern historischen Schriften sittsam bewiesen, hätte uns allerdings viel Gründliches von seiner geübten Feder erwarten lassen; allein der unglückliche Brand, der unsere Stadt anno 1723, den 4 Martii, verheerete, beraubte ihn auf einmal seiner schönen Sammlung zur Stolpnischen Geschichte. Und ob er wohl anfänglich nicht ungeneigt war, eine neue Sammlung von historischen Sachen, seine Vaterstadt betreffend, zu veranstalten, so verhinderten ihn doch die vielen Geschäfte, die ihm damals oblagen, und vielleicht auch das zunehmende Alter, an wirklicher Ausführung seiner löblichen Absichten. Die Geschichte der Stadt Stolpen blieb also gänzlich liegen, und es war zu bedauern, daß nicht einmal die alten Urkunden, welche der sel. Senff mit vieler Mühe gesammelt hatte, der Flamme waren entrissen worden.“ Jener furchtbare Stadtbrand hatte die Früchte eines jahrzehntelangen Forschens mit einem Male vernichtet. Darum müssen wir Gercken heute noch dankbar sein, daß er in die Arbeit des verdienstvollen M. Carl Samuel Senff eintrat. Es war das nicht leicht, mit vieler Mühe mußten die alten Urkunden aus den umliegenden Orten herbeigeholt [132] und durchforscht werden. Gercken sagt: „Darf ich mir nun gleich nicht schmeicheln, daß meine Stolpnische Geschichte so vollständig, als möglich geraten sei, so verhoffe ich doch, der geneigte Leser werde mit demjenigen zufrieden sein, was ich allhier zu seinem Gebrauche widme, und desto billiger von dem ganzen Werke urteilen, da ich die sämtlichen Nachrichten einzeln und zerstreut habe zusammensuchen, und die meisten von auswärts herbeiholen müssen, weil die vielen Brände, die unsere Stadt betroffen, auch die alten Papiere mit verzehret haben.“ – Der Name Gercken wird unvergeßlich bleiben.

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58. Stolpen vor Einführung der Reformation.

Zur Zeit der Meißnischen Bischöfe wurden in Stolpen die beiden Stiftspatrone, der Evangelist Johannes und Donatus, Bischof zu Arezzo in Italien, „nebst ihrem Mitpatron“, dem heiligen Briccio, verehret. Außerdem standen noch viele andere Heilige hier in großem Ansehen. Besonders kam der ehemalige Meißnische Bischof Benno als angeblicher Wundertäter zu dieser Ehre. Er wurde 1523 vom Papste Hadrian VI. canoniciert und unter die Heiligen versetzt. Bischof Johann VII. von Schleinitz war deshalb selbst nach Rom gereist, um diese Heiligsprechung zu bewirken. Er erlangte es auch, daß ihm dieser Wunsch erfüllt wurde. Unter großem Gepränge ließ Johann VII. am 15. Juni 1524 die Gebeine Bennos erheben. Zu dieser Feierlichkeit hatten sich der Bischof zu Merseburg, die Herzöge Georg und Heinrich zu Sachsen nebst Prinzen und vielen Grafen und Herren eingefunden. Doch Benno, der Heiliggesprochene, sollte nicht allzulange in Meißen bleiben können. Im Jahre 1539 wurde die Reformation in Meißen eingeführt und zwar trotz heftigen Widerstrebens des Bischofs. Wer von den Geistlichen die Lehre des reinen Evangeliums nicht annehmen wollte, wurde durch Herzog Heinrich seines Dienstes entlassen. Der Bischof war nun darauf bedacht, wie er die „Heiligtümer“ als „sonderbare und hohe Schätze der Kirche“ retten könne. Daher ließ derselbe die Gebeine Benno’s, Donat’s Hirnschädel, einen Finger des „Heiligen Apostel Paulus“ und noch mehrere Reliquien nach dem Schlosse Stolpen in Verwahrung bringen. Hier blieben dieselben auch so lange, als die Bischöfe noch im Besitze Stolpens waren. Während der Carlowitz’schen Fehde kamen die erwähnten Reliquien freilich in große Gefahr. Der damalige Schloßkaplan, Nicolaus Gruner, schützte dieselben aber dadurch, daß er sie im Bettstroh versteckte. Von Stolpen aus kamen die Heiligtümer nach Wurzen und im Jahre 1567 nach München, wo sie sich heute noch befinden sollen.

Solange in Stolpen das Papsttum die Oberhand behielt, ging auch die Verehrung und Anbetung der genannten Heiligen in vollem Umfange vor sich. Ihnen zu Ehren wurden Messen, Seelbäder, Spenden, Brüderschaften und dergl. mehr gestiftet. So kam es auch, daß in Stolpen der Ablaßhändler Johann Tetzel sein Treiben wie nirgends anders hatte, obgleich der damalige Bischof Johann VI. von Salhausen kein sonderlicher Freund von ihm war. Wie an [134] allen Orten, trat Tetzel auch in Stolpen in seiner bekannten Art und Weise auf. Luther erzählt einst bei einer Mahlzeit über Tetzel’s Aufenthalt in Stolpen folgendes:

„Da derselbe (Tetzel nämlich) zu Stolpen, wo der Bischof zu Meißen haushält, gepredigt hatte, daß eine Seele erlöset würde, wenn man einen Groschen einlegte, hat ihn einer, des Pfarrern daselbst Vater, gefraget, was er für Müntze wollte haben. Da hat er sich lange bedacht, endlich aber zur Antwort gegeben: „Morgen kommt wieder, so will ich’s Euch sagen!““ –

Die Bischöfe von Meißen traten der Reformation feindselig entgegen. Sie fanden dazu im Herzoge Georg einen starken Rückenhalt. Das wankende Volk suchten sie teils durch Schmähschriften wider Luther, teils durch allerhand Strafandrohungen vom Übertritte abzuhalten. Konnten sie dies nicht im guten erlangen, so scheuten sie auch vor keinerlei Zwangsmitteln zurück. Solches erfuhren vor allen Dingen diejenigen Prediger, die sich zu der reinen evangelischen Lehre bekannten. Diese mußten hierfür in den schaurigsten Gefängnissen des Schlosses Stolpen, die zum größten Teile heute noch erhalten und zu sehen sind, schmachten. Solches geschah mit dem Pfarrer von Lochau, der sich vor Bischof Johann VII. verantworten mußte. Andere aber haben sogar ihr Leben in diesen schauerlichen Gefängnissen um des Glaubens willen lassen müssen. Dies war der Fall mit dem Pfarrer Jakob Seidler aus Glashütte, der am Pfingsttage 1521 zu Stolpen gefangen gesetzt wurde. Auch geschah solches dem „Barfüßer Custos“ aus dem Kloster Sagan in Schlesien. Für ersteren legte die „Wittenbergische Theologie“ bei dem Bischofe unterm 18. Juli Fürbitte ein, doch vergebens. Darum mußten sich diejenigen Geistlichen, die der Lehre Luthers zuneigten, gar sehr vor diesem Bischofe fürchten und zwar umso mehr, wenn sie sich im Gebiete des Herzog Georg befanden. Doch mit dessen Tode trat eine Wendung zum Besseren ein. Das Land fiel an Herzog Heinrich, den Bruder Georgs. Herzog Heinrich war aber ein Freund der Reformation und hätte es lieber gesehen, wenn schon 1539 die Reformation in Stolpen, wie solches im übrigen Lande geschah, eingeführt worden wäre. Doch das Papsttum behauptete sich in Stolpen und den dazugehörigen Gebieten noch zwanzig Jahre hindurch. Erst als Stolpen in den Besitz des damaligen Kurfürsten Vater August kam, der das ganze Amt Stolpen gegen Mühlberg umtauschte, da war die Macht des Papsttumes in Stolpen für immer gebrochen. Weihnachten 1558 kam Stolpen in den Besitz des genannten Kurfürsten, und am Neujahr 1559 wurde hier schon die erste evangelische Predigt gehalten. Dieser Tag gilt denn auch als Tag der Einführung der Reformation in Stolpen. Der letzte Bischof war von Stolpen aus nach Prag geflohen. Der erste evangelische Pfarrer zog am 23. Januar 1559 in Stolpen ein. Derselbe hieß Johann Lehmann und war 1532 zu Bautzen geboren. Im Jahre 1551 hatte er die Universität Wittenberg und 1552 die zu Frankfurt an der Oder bezogen, kam dann 1555 als Pfarrer nach Wallersdorf in Schlesien und 1556 als Pastor nach Schulpforta bei Naumburg. In Stolpen wirkte er bis zu seinem Tode 1586. Der erste evangelische Lehrer zu Stolpen war Hieronymus Brehm. Über seine Herkunft und über sein früheres Leben ist wenig bekannt. Er wirkte nur kurze Zeit in Stolpen, da er bereits im Jahre 1560 daselbst starb. Der erste evangelische Kantor zu Stolpen war Ambrosius Gaune.

Mit der Schule stand es in Stolpen vor Einführung der Reformation nicht gerade günstig. Gercken schreibt hierüber:

„In was für einer Verfassung unsere Schule vor den Zeiten der Reformation gestanden habe, lässet sich nicht so eigentlich bestimmen, doch ist leicht [135] zu erraten, das dieselbe schlecht genug möge gewesen sein. Aus der Heiligen Schrift durfte damals in den Schulen nicht erklärt werden, und die ganze Gelehrsamkeit war in den äußersten Verfall geraten, wie aus der Historie dieser finsteren Zeiten bekannt genug ist.“ –

Zur Bischofszeit erhielten die Lehrer und armen Schüler zu Stolpen zur Unterstützung gnädigst die Abfälle von der bischöflichen Tafel. Um die Besoldung war es herzlich schlecht bestellt, kaum daß die Lehrer das Nötigste hatten. Doch mit Einführung der Reformation traten hierin für diese und die Schule günstigere Verhältnisse ein. Die Stolpener Stadtschule gelangte nach und nach zu Ansehen, sodaß sie weit und breit in einem gar guten Rufe stand. Der wohltätige Einfluß der Reformation machte sich auch hierin geltend. Niemand sehnte sich nach den früheren Zeiten zurück.

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59. Die alte Mönchsbibliothek zu Stolpen.

Zu den größten Merkwürdigkeiten der Stadt Stolpen gehörte einstmals die sogenannte Mönchsbibliothek, eine reichhaltige Büchersammlung, welche schon zu den Zeiten der Bischöfe angelegt worden war. Ihr Aufbewahrungsort befand sich in einem feuersicheren Gewölbe der Stadt- oder Pfarrkirche und zwar in der neuen Sakristei, der späteren Kommunikantenhalle. Es war auch gut, daß man diese Büchersammlung an einem so sicheren Platze untergebracht hatte, denn wiederholt wurde die Stadt Stolpen von verheerenden Bränden heimgesucht, denen jedesmal fast die ganze Stadt zum Opfer fiel. So war auch bei dem Brande am 1. August 1632 die Mönchsbibliothek, obgleich die Stadtkirche damals zum großen Teile mit in Flammen aufging, glücklich erhalten geblieben. Leider nahm man aber später mit der Bibliothek eine Platzänderung vor. Dieselbe wurde aus der Kirche nach der nahen Pfarrwohnung gebracht und hierselbst aufgestellt. Bei dem furchtbaren Brande am 4. März 1723, der die ganze Stadt Stolpen buchstäblich in einen Aschehaufen verwandelte, ward auch die Pfarrwohnung ein Raub der wütenden Flammen, wobei die reichhaltige Mönchsbibliothek vollständig verloren ging, so daß von ihr heute nur noch die Erinnerung übriggeblieben ist. Hätte man die Mönchsbibliothek, mit der unersetzliche Schätze des Wissens verloren gegangen sind, an ihrem früheren Aufbewahrungsorte gelassen, so wäre sie auch bei dem Brande am 4. März 1723, obgleich die Stadtkirche wiederum zum größten Teile mit zerstört wurde, erhalten geblieben und sicherlich auch noch heute vorhanden.

Die Zahl der Bücher der Mönchsbibliothek zu Stolpen war eine ganz beträchtliche. Es waren allerlei „Gattungen“ vertreten. Theologische Bücher machten jedoch den größten Teil aus. „Man fand darinnen Chrysostomi, Hieronymi, Tertulliani, Augustini etc. Werke, wie solche zu Basel herausgekommen. Unter anderem befanden sich auch drei Bischöfflich-Meißnische Missalia oder Meßbücher darinnen, ingleichen Lutheri-Schrifften nach der Wittenberger und Altenburger Ausgabe, die vermutlich in neuern Zeiten waren angeschaffet worden.“

[137] Viele Bücher stammten noch aus dem 15. Jahrhunderte und waren kurz nach der Erfindung der Buchdruckerkunst gedruckt. Deshalb war diese Mönchsbibliothek in wissenschaftlichen und gebildeten Kreisen sehr geschätzt und wurde auch gar fleißig benützt. Von ferne her kamen Gelehrte nach Stolpen, um in den Schriften der Mönchsbibliothek zu forschen. Gewiß würde die Mönchsbibliothek auch heute noch ein besonderer Anziehungspunkt mehr für das romantische Bergstädtchen Stolpen sein. M. C. A. Freyberg, ein Stolpener Kind, „Rektor zu Sankt Annen bey Dreßden“, hat kurz nach dem Brande am 4. März 1723 eine besondere Schrift über die Mönchsbibliothek zu Stolpen verfaßt, um ihr Andenken zu sichern. Dieselbe führt den Titel:

„De Bibliotheca Stolpensi, Dresden 1713, pl. I. in 4to“. – Auch in den Programmen: „de scholarum, Saxonicarum praesertim hyeme“, geschrieben zu Dresden 1726, hat der Rektor Freyberg der Stolpener Mönchsbibliothek ein Denkmal gesetzt.

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60. Die Sankt Barbara- oder Schlosskapelle zu Stolpen.

Es war im Jahre 1813. Die Franzosen hausten im Lande, und niemand erlebte frohe Stunden. Städte und Dörfer wurden in rauchende Trümmerhaufen verwandelt und die Bewohner des Landes ausgeplündert. Auch in Stolpen wirtschafteten die Franzosen in gewohnter Weise. Ihre Zerstörungswut ließen sie an dem Schlosse aus, das durch ihre Hände fast vollständig in die Luft gesprengt wurde. So ging damals unter vielen anderen Schloßgebäuden auch die hochinteressante und altehrwürdige Sankt Barbara- oder Schloßkapelle durch die Franzosen zu grunde. Heute stehen von ihr nur noch die Grundmauern.

Die Sankt Barbarakapelle des Schlosses zu Stolpen wurde im Anfange des 15. Jahrhunderts von dem damaligen Bischof zu Meißen, Thimo,[WS 11] erbaut. Derselbe stiftete dabei zugleich ein „Collegium von sieben Canonicis“. Diese Stiftung bestätigte am 7. Juli 1409 der Papst Alexander V.[WS 12] und befreite diese Kirche von aller Botmäßigkeit und Gewalt des „Domkapituls“ zu Meißen, „wie auch des Archidiaconus des Ortes und ordentlichen Richters dergestalt“, daß sie allein dem Bischofe zu Meißen und seinen Nachfolgern unmittelbar unterworfen sein sollte. Die neue Kirche wurde der heiligen Barbara gewidmet, wie aus einem Dokumente vom Jahre 1470 zu ersehen ist. Barbara war eine Heilige und Märtyrerin. Nach der Legende wurde sie in Nicomedia in Kleinasien geboren. Da sie Christin geworden, sperrte sie der Vater in einen Turm. Auf des Vaters Geheiß ward Barbara alsdann, da sie trotzdem Christin blieb, von dem Prokonsul Marianus verstümmelt und schließlich von ihrem eigenen Vater um’s Jahr 240 (nach anderen Berichten 306) enthauptet, den aber zur Strafe dafür der Blitz traf. Barbaras Gedächtnistag ist der 4. Dezember, weshalb einst an diesem Tage eines jeden Jahres in der Schloßkapelle zu Stolpen ein großes Fest gefeiert wurde. Sankt Barbara ist die Schutzpatronin der Krieger, insbesondere der Artilleristen, auch wird sie zum Schutze gegen das Gewitter angerufen. In der bildenden Kunst wird sie mit einem Turme, der drei Fenster hat (Symbol der Dreieinigkeit), mit Kanonenläufen, mit Palme und Monstranz, beziehentlich Kelch, abgebildet. –

Die Schloßkapelle zu Stolpen hatte mehrere Altäre. Der „Hohe Altar“ oder der Hochaltar war „U. L. Frauen, ingleichen der Sankt Barbara und dem heiligen Erasmus“ geweiht. Die Stifter dieses Altares waren „Bartholomäus Laß und George Heyde, deren Jahresgedächtnis deshalb an gewissen Tagen in der Sankt Barbarakapelle gefeiert ward, wie aus der alten Kirchenordnung, nach welcher der Gottesdienst in der Schloßkapelle eingerichtet gewesen, zu ersehen ist. Später hat Bischof Johann V. von Weißbach[WS 13] diesen Altar im Jahre 1487 „überaus prächtig zieren und vergolden lassen“. Der Chronist beschreibt diesen interessanten Altar in folgenden Worten:

„Es steht dieses schöne Denkmal des Altertums noch heutigen Tages und kann nicht ohne Bewunderung und Vergnügen betrachtet werden. Der untere Teil dieses Altares ist steinern, und man muß auf drei Stufen dazu hinaufsteigen; der obere Teil ist hölzern. In der Mitte dieses Altares, so mit 2 Flügeln, die auf- und zugemacht werden können, versehen ist, stehen drei sauber gearbeitete, hölzerne und stark vergoldete Bildnisse derjenigen Heiligen, denen der Altar gewidmet gewesen. Das mittelste darunter ist das Bildnis der Jungfrau Maria, welche das Jesuskind auf dem linken Arme [139] trägt. Sie hat eine goldene Krone auf ihrem Haupte und den Mond unter ihren Füßen. Statt des gewöhnlichen Scheines um den Kopf der Heiligen stehen an der Wand folgende Worte mit goldenen Buchstaben: „Ego mater pulchre dilectionis et sancte“ (Ich, die Mutter der schönen und heiligen Liebe). Um ihres Kleides Saum steht ebenfalls eine lateinische Inschrift, wovon man aber nur einige wenige Worte lesen kann: als: – civitas et eternitas – properat – – –. Zu ihrer Rechten steht Sankt Erasmus im bischöflichen Kleide. Um seinen Kopf liest man folgendes: „Gaudete et exultate, quoniam merces vestra copiosa in coelis“. (Freut Euch und seid fröhlich, weil Euer Lohn im Himmel überreich sein wird). Zur Linken der Maria steht das Bildnis der Sankt Barbara, die gleichfalls eine goldene Krone auf dem Haupte trägt. Um ihren Kopf findet man folgende Worte geschrieben: „Diffusa est gratia in labiis tuis propter – –. (Groß ist der Dank auf deinen Lippen wegen – –). An ihres Kleides Saum befindet sich abermals eine lateinische Inschrift, von welcher aber nur ein Teil zu lesen ist, nämlich: Regnum et omnem ornatum seculi – risit. Quem vidi, quem amavi, in – “. Unter diesen Bildern, an der niederen Leiste des Altares, stehen folgende Worte: „Regina celi, letare, alleluja, quia, quem meruisti portare, alleluja, resurrexit, ficat, dixit, alleluja, ora pro nobis deume, alleluja“. (Himmelskönigin, freue dich, Halleluja, weil der, den Du zur Welt zu bringen berufen warst, Halleluja, auferstanden ist, Halleluja, bitte für uns den Herrn, Halleluja!). – Über den Bildern, an der oberen Leiste, stehen die Worte: „Filia sum solis, et sum cum sole creata. Ave. Sum decies puinque, sum quinque decemque vocata“. (Ich bin die Tochter der Sonne und bin mit der Sonne geschaffen; zehnmal bin ich, auch fünf und zehn werd ich genannt[13]).

Zu dieser Inschrift bemerkt der Chronist Gercken folgendes: „Diese rätselhaften Ausdrücke beziehen sich ohne Zweifel auf den Mond, den Maria unter ihren Füßen hat, wie oben gemeldet worden. Der Verstand würde also dieser sein: Ich bin der Sonnen Kind (denn der Mond hat sein Licht von der Sonne), zugleich mit ihr gemacht (denn Gott machte zwei Lichter), auf lateinisch heiße ich Lux (ein Licht), welches Wortes und Buchstaben auf obige Weise können gezählt werden. – Wie muß sich nicht der Verfasser den Kopf darüber zerbrochen haben!“ –

Ganz oben am Altare waren folgende Verse zu lesen: O regina poli, mater gratissima proli, Spernere me noli, commendo me tibi soli. (O Himmelskönigin, teuerste Mutter des Herrn, verachte mich nicht, ich befehle mich allein deinem Schutze an!) – Allein der Kurfürst Vater August[WS 14] hat dieselben mit einer blauen Tafel verdecken und dann folgendes Distichon (einen Doppelvers) darauf setzenlassen:

Si vis auctorem, quicumque es posse salutis: Sola salus Christi sangvis et una salus. (Wenn du, wer du auch seist, willst kennen den Schöpfer des Heils, Christi Blut ist nur Heil und das einzige Heil.) – Die beiden Flügel des Altares waren bemalt, und zwar zeigten diese Bilder Vorgänge aus der heiligen Schrift. Der Chronist sagt hierüber:

„Die dabei gebrauchten Farben sehen, der Länge der Zeit ungeachtet, so frisch aus, als ob sie nur ganz neuerlich aufgetragen wären, und das [140] häufig angebrachte Gold erhebet dieselben so ausnehmend, daß das Auge dadurch besonders ergötzet wird. Am rechten Flügel ist, in der oberen Abteilung, die Verkündigung des Engels Gabriel im Bilde zu sehen mit der Bleischrift: Maria gratia plena, Dominus tecum! (Maria, Gnadenreiche, der Herr sei mit Dir!) In der unteren Abteilung aber findet man die Geburt Christi abgebildet. Darunter stehen die Worte: Partus et integritas discordes tempore longo. – Am linken Flügel befinden sich in der oberen Abteilung die Darstellung Christi im Tempel zu Jerusalem, in der unteren Abteilung aber die Weisen aus dem Morgenlande. Darunter steht folgendes:

Virginis in premio federa hacis habent 1487. –

Die äußerliche Gestalt erhielt dieser Altar zur Zeit des Kurfürsten Vater August. Derselbe war es, der die Reformation in Stolpen einführte. Er ließ auch den Hochaltar der Sankt Barbarakapelle bemalen. Unten am Altare war das letzte Ostermahl des Herrn abgebildet. Am rechten Flügel sah man in der oberen Abteilung die Ausgießung des heiligen Geistes bildlich dargestellt, in der unteren Abteilung erblickte man den Reformator Luther auf der Kanzel und viel Volk um ihn her. Am linken Flügel und dessen oberer Abteilung war die Taufe Jesu im Jordan, in der unteren eine gewisse Taufhandlung abgebildet, wobei der Kurfürst Vater August in hoher Person „zu Gevattern“ gestanden und fand sich die Jahreszahl 1566 mit angemerket.“ Soweit der Bericht des Chronisten.

Zur Erläuterung des oben Gesagten diene folgendes:

Am 22. Juni des Jahres 1566 ließ der Besitzer des Lehngutes zu Altstadt bei Stolpen, Barthel von Tolckwitz, einen Sohn in der Schloßkapelle taufen, der den Namen „August“ erhielt. Dazu hatte Barthel von Tolckwitz folgende fürstliche Personen als hohe Taufzeugen geladen: Den Kurfürsten August zu Sachsen, die Kurfürstin Mutter Anna[WS 15] und den Herzog von Holstein, den Bruder der Kurfürstin.[WS 16] Da nun diese drei genannten fürstlichen Personen bei der erwähnten Taufhandlung selbst anwesend waren und in eigener Person als Taufzeugen auftraten, so suchte man diesen Vorgang durch ein darauf hinweisendes Gemälde zu verewigen. Der Hersteller dieser Gemälde war der kurfürstliche Hofmaler Heinrich Gödigen.

Nach den Berichten des Chronisten zu schließen, muß der Hochaltar der Schloßkapelle zu Stolpen sehr wert- und schmuckvoll gewesen sein. Von ihm sieht man heute nur noch die drei Stufen, welche zu ihm hinaufführten, und auch diese sind schon zum größten Teile mit Rasen überzogen. Wo aber einst jener prachtvolle Hochaltar stand, befindet sich heute ein Rasenhügel.

Nun gab es in der Schloßkapelle aber auch noch den Altar der Sankt Katharina, des Sankt Bartholomäus, des Sankt Andreas, zur heiligen Dreifaltigkeit, des Sankt Laurentius, des „Sankt Crusis primi ministerii und Sankt Crucis secundi ministerii“. Alle diese genannten Altäre besaßen hohe und viele Einnahmen. Ihnen hatten die verschiedensten Personen sehr reiche Stiftungen vermacht.

Die Schloßkapelle zu Stolpen wird vom Chronisten weiter also geschildert:

„Es steht noch heute (1764) mitten in dieser Kirche ein großes, steinernes und sehr künstlich gearbeitetes Crucifix, aus den Zeiten des Papsttumes, woran einer von den eben genannten Altären gestanden hat, und es wird der noch vorhandene steinerne Altartisch jetzt statt eines Taufsteines gebraucht. Damit nun der Gottes- oder vielmehr Mariendienst desto fleißiger in unserer Schloßkirche abgewartet würde, sorgten die Bischöfe auch für ein gutes Einkommen [141] derselben. Bischof Johann IV.[WS 17] vererbte in solcher Absicht im Jahre 1428 ein Vorwerk in der Altstadt und verordnete einen gewissen jährlichen Zins, der den Altaristen der Schloßkapelle mußte gereicht werden, wie solches schon sein Vorfahrer Bischof Rudolph[WS 18] zu tun die Absicht hatte, der aber darüber verstorben war, ehe das Werk zu stande gebracht werden konnte.“ –

Die Schloßkapelle war außerdem mit Reliquien der Heiligen reichlich versehen. Diese Sammlung wurde aber noch mehr bereichert, als im „Meißnischen“ die Reformation eingeführt worden war und der damalige Bischof nach Stolpen, das noch viele Jahre papistisch war, sich zurückzog. Aus Meißen flüchtete er hierher mit all’ seinen Heiligtümern. Diese Reliquien blieben in der Sankt Barbarakapelle natürlich nur solange, als Stolpen noch in den Händen des Bischofs war.

Bisher war die Schloßkapelle zum öffentlichen Gottesdienste gebraucht worden. Es trat hierin aber im Jahre 1559, in welchem Jahre die Reformation in Stolpen eingeführt wurde, eine Änderung ein. In der Schloßkapelle wurde von jetzt ab kein öffentlicher Gottesdienst mehr abgehalten, außer wenn der Kurfürst in Stolpen weilte. Aber im Jahre 1660 ward auf ergangenen gnädigsten Befehl des durchlauchtigsten Kurfürsten Johann Georg II.[WS 19] durch Vermittelung des damaligen Kommandanten und Amtshauptmannes von Schweinitz die Anordnung eines wöchentlichen Gottesdienstes in der Schloßkapelle getroffen. Nunmehr wurde jeden Dienstag eine Predigt von einem der drei Geistlichen Stolpens wechselweise in der Schloßkirche gehalten. Außerdem hatte der Pastor am 3. Feiertage zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten zu predigen. Der damalige Superintendent zu Bischofswerda, D. Andreas Kühn, hielt am 27. November 1660 die erste von diesen neuangeordneten wöchentlichen Dienstags-Predigten in der Sankt Barbarakapelle und zwar über Psalm 27, 4.

Geschichtliches Interesse hat die Schloßkapelle zu Stolpen noch dadurch, daß Kurfürst Vater August in derselben seinen 8. Sohn, den Prinzen „Adolf“, taufen ließ. Prinz Adolf erblickte auf Schloß Stolpen das Licht der Welt. Hier hielt sich das Fürstenpaar gern und wiederholt auf. Hierher war der Kurfürst mit seiner Gemahlin vorher zu längerem Aufenthalt gezogen. Am 6. Juni 1571 wurde Prinz Adolf auf Burg Stolpen geboren und wenige Tage darauf in der Schloßkapelle getauft. Die Taufzeugen waren: D. Preucer, Dominus Magister Philippus und die Frau Doktor Refin. Das Wochenbett der Kurfürstin Mutter Anna war im 18. Jahrhunderte noch im Schlosse zu sehen.

In neuerer Zeit hat die in Trümmern liegende Schloßkapelle zu Stolpen die Aufmerksamkeit der Besucher dadurch auf sich gelenkt, daß man im Jahre 1883 in ihr die langgesuchte Gruft der im Jahre 1765 verstorbenen Gräfin Cosell[WS 20] wieder aufgefunden hat. Diese Grabstätte ist gegenwärtig durch eine Steinplatte mit eingegrabenem Kreuze gekennzeichnet. Eine auf dem Sarge befindliche Kupferplatte trug folgende Inschrift:

„Hier ruhet in Gott und erwartet die fröhliche Auferstehung die hochgeborne Frau Anna Constanze, Reichsgräfin von Cosell, geb. von Bruckdorf. Sie erblickte das Licht dieser Welt Anno: 1680 den 18. Okt. auf dem Erbgute Depenau in Holstein. Ihr Herr Vater war der weil. wohlgeb. Herr Joachim von Bruckdorf, hochbestalt gewesener Oberster über ein dänisches Kürassier-Regiment. Ihre Frau Mutter war die hochgeborne Frau Anna Margarethe, geb. Gräfin von Marselli. Ihr Herr Großvater von mütterlicher Seite war der wohlgeborne Herr Detehoff von Burgdorf, ebenfalls in dänischen Diensten, [142] ihre Frau Großmutter aber die wohlgeborne Freifrau Frau Anna Dorothea aus dem Hause Rantzau im Holsteinischen. Die Cosell vermählte sich Anno: 1699 an Adulphum von Hoym und entschlief in Gott, nachdem sie ihr ruhmvolles Alter auf 84 Jahre, 5 Monate und 13 Tage gebracht, den 31. 3. 1765.“ –

Der Eingang zur Sankt Barbarakapelle befindet sich auf der Nordseite. Im Innern sieht man an der westlichen Mauer noch eine alte Steintreppe, die jedenfalls in den sogenannten Kapitelturm emporführte, in dem sich zwei große „Capituls-Stuben“ befanden, woselbst sich „die Canonici“ (Dom- oder Stiftsherren) versammelten. Die Schloßkapelle trug auch einen Turm, in dem drei Glocken hingen, die aber beim Wegzug des letzten Bischofs mitgenommen worden sind. Im Jahre 1660 wurde dieser Turm ausgebessert, der alte zinnerne Knopf abgenommen und am 23. Juli desselben Jahres ein kupferner, 23 Pfund schwerer aufgesetzt. In dem damals abgenommenen Turmknopfe befanden sich einige „Agnus Dei“ (Andachtsbildchen). Dieselben waren aus Wachs hergestellt und in schwarzen Sammet eingenähet, wurden aber im neuen Turmknopfe wieder beigelegt und somit sorgfältig aufbewahret.

Heute ist aber von jenem Turme der Schloßkapelle nichts mehr zu sehen. Derselbe ging 1813 verloren. Von ihm sind nur noch die Grundmauern übriggeblieben. Der blaue Himmel bildet heute das Gewölbe der ehemaligen Schloßkapelle zu Stolpen. Der Zahn der Zeit nagt gewaltig an ihr, doch wird sie trotzdem gewiß noch Jahrhunderte der Witterung widerstehen; denn die festen Basaltmauern scheinen für die Ewigkeit erbaut zu sein.

Um das Gemäuer der alten Burgkapelle hat Frau Saga ein duftendes Gewand gehüllt; denn die Sage flüstert so gern in Ruinen, schwebt um stolze Burgen und thront auf Felsensteinen. Nachts hört man oftmals ein seltsames Klingen von der alten Burgkapelle her. Das sollen die silbernen Glocken sein, welche einst die frommen Beter zur Andacht riefen. In dunklen Herbst- und Winternächten, wenn der Sturmwind rasend durch das alte Gemäuer der Burg fährt, vernimmt man aus dem verfallenen Kirchlein Chorgesang wie von Geisterstimmen. In der Burgkapelle hält man Mette zur Mitternacht. – Gespenstische Schatten huschen hin und her. Ein Trauerzug bewegt sich nach dem stillen Kirchlein. Ein müder Pilger wird zur letzten Ruhestätte gebracht, doch wenn die alte Burguhr die erste Morgenstunde verkündet, dann ist aller Spuk urplötzlich verschwunden.

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61. Schicksale Stolpens im 30jährigen Kriege.

Es gibt wohl wenige Orte im Deutschen Reiche, die während des 30jährigen Krieges nicht mehr oder weniger schwer heimgesucht worden wären. Geschah es doch, daß zahlreiche Dörfer und Städte völlig dem Erdboden gleichgemacht wurden, sodaß man heute kaum noch deren Namen kennt. Zu denjenigen Orten unseres Vaterlandes, die im Laufe dieses ersten Krieges gar Schweres zu ertragen hatten, gehörte auch Stolpen. Über die Schicksale dieser Stadt während des 30jährigen Krieges erzählt der Chronist Gercken folgendes:

„Schon im Jahre 1631 streiften die Kaiserlichen Croaten in hiesiger Gegend herum, wie denn am 30. September, abends 7 Uhr, etliche Hundert Mann vor Alt-Dresden kamen, welche einen Anschlag auf das Jägerhaus hatten. Weil aber ihre Ankunft durch einen Reiter noch in Zeiten gemeldet worden war, so verstärkte man die Wache und ließ aus groben Geschützen unter die anrückenden Croaten feuern. Da es ihnen also nicht nach Wunsch gelingen wollte, steckten sie etliche Scheunen vor Alt-Dresden in Brand und begaben sich nach Stolpen. Daß unsere Stadt und Gegend schon damals ziemlich mitgenommen war, ist leicht zu glauben, jedoch war solches für nichts zu rechnen, gegen dasjenige, was Stolpen im folgenden Jahre betraf, da die Croaten am 1. August die Stadt überfielen, rein ausplünderten und endlich mit Feuer ansteckten.“ Senff, der älteste Chronist Stolpens, erzählt dieses Unglück sehr umständlich und ausführlich, und es sollen darum seine eigenen Worte zum Teil hier angeführt und beibehalten werden:

„Der Dreißigjährige Krieg war ein Mörder vieler Städte und machte auch diesen Ort (Stolpen) plötzlich zu nichte. Wie bekannt, waren die Kaiserlichen anno 1632 noch sächsische Feinde. In Zittau aber lag ihr Obrister einer, Namens Goltz (unsere Leute machen Golonitz daraus). Viel Croaten hatte er unter seinem Commando, welche das Land durchstreiften und sonderlich unsere Grenzen beunruhigten. Nun ward der „Einspänniger Leutnant“ Kraußhaar aus Dresden hierher commandiert, der sollte recognoscieren, wie stark der Feind wäre, u. wo er anzutreffen sei. Wie er zu uns kam, ließ der Amtsschösser Johann Großmann es geschehen, daß dreißig Bürger, die fast stets in [144] Waffen waren, sich beritten machten u. mit Gewehren versahen. Nach geschehener Conjunction ging Abends den 31. Juli der Marsch nach Bischofswerda, wohin unsere Parteigänger um Mitternacht kamen. Sie wurden ungerne, doch endlich auf Zureden des Amtsschreibers Sebastian Kotten, welcher dabei war, eingelassen, bekamen einen Labetrunk, hielten sich nicht länger als zwei Stunden auf und nahmen hierauf ihren Lauf und Rückweg über Groß-Harthau. Kaum waren sie weg, zog der Feind, welcher Nachts über in Putzkau einquartiert hatte, ein u. erfuhr alles, wie stark die Unsrigen gewesen u. daß von hiesiger Bürgerschaft sich einige als Voluntairs dabei hatten gebrauchen lassen. Der Feind war schon lange auf Stolpen böse gewesen, denn er mußte sich manchmal von den Unsrigen plündern lassen, die Amtsuntertanen wollten nach Bautzen nichts mehr contribuieren, hielten auf den Bergen fleißig Wache, u. wenn sich etwas blicken ließ, trieben sie ihr Vieh sogleich anher unter die „Stücken“ (Kanonen). Daher soll auch, was Stolpen anlangt, das in hiesiger Gegend im vorigen Jahrhunderte u. noch später nicht unbekannte Reimchen entstanden sein:

Von Stolpen kommt der Wind,
Zur Neustadt haben sie’n Bock geschind’t,
Zur Sebnitz hängt man’s eigne Kind.

Denn von Stolpen aus gab man in die benachbarten Orte ungesäumt Nachricht, wenn etwas Verdächtiges vorfiel.

Daß die Croaten auch damals wider uns (Stolpen) etwas im Sinne hätten, ersieht man daraus, daß sie hatten tags vorher 5 Mann in deutscher Kleidung recognoscieren geschickt. Dieselben ließen einen Schmied vor’s Untertor kommen u. sich die Pferde beschlagen. Ein alter Mann stand Wache, mit dem scherzte einer im Ernst u. sagte: „Vater, wenn wir morgen wiederkommen werden, werdet ihr uns ja nicht aufhalten.“ Jetzo nun wuchs die Verbitterung, der schon gemachte Schluß ward confirmiert, auf hiesigem Theater sollte eine Tragödie gespielt werden, und hätten sich unsere zahmen Soldaten ertappen lassen, so würde ihrer nicht ein Gebein davon gekommen sein. Doch sie kamen in der Hauptsache mit unblutigen Köpfen wieder nach Hause u. gaben vor, es wäre von dem Feinde nichts zu hören u. zu sehen. Das machte den Bürgern einen guten Mut, daher man des Nachts beide Tore stark besetzt gehabt, ließ man nur eine Corporalschaft (denn in solche Corporalschaften war die Bürgerschaft eingeteilt) stehen. Es ließ sich ein heller, schöner Tag an, doch ach, wie dunkel und finster ward er hernach!

Viel Volk ging zu Felde u. schickte sich zur Arbeit. Es war auch schon ein Segen in die Scheunen eingebracht, da nahm man wahr, daß fremde Soldaten auf den Röhren[14] hin- und herritten. Das kam nun etlichen gar bedenklich vor, doch Sichere hatten kein Nachsinnen, man erfuhr aber hernach mit unüberwindlichem Schaden, daß die feindlichen Truppen in Georg Müller’s zu Lauterbach Grunde gehalten, welche ihr barbarisches Handeln also ausgeführt. Es waren etwa 600 Mann. Der Anführer war der Rittmeister Romhoff. Der Anfall geschah früh gegen 10 Uhr am Niedertore. Am Obertore war eine starke Wagenburg, dagegen war das Niedertor weniger stark verwahret. Dasselbe wurde alsobald aufgehauen, u. niemand widerstand. Wer einheimisch war u. laufen konnte, eilte mit Weib und Kind nach dem Schlosse. [145] Da war keine kriegsmäßige Besatzung da. Gegenwehr mußten also tun die anwesenden Beamten, ein Forstbeamter, ein Forstbedienter u. die Bergleute, welche damals gerade mit dem Graben des Schloßbrunnens beschäftigt waren. Herr Abraham Lichtenberger, ein Mitverderbter, der alles mit Augen gesehen, nennt in seiner gedruckten Feuerklage (d. i. eine Brandpredigt) auch den damaligen Pastor Lic. Paul Sperling mit. –

Da die Stadt rein ausgeplündert war, wollten die Croaten sich auch zum Meister der Festung machen, drangen deshalb durch die niederen drei Tore, bemächtigten sich in der Eile des Kornbodens, unter welchem die „Kurfürstlichen Ställe u. Marterkammern“ sind, u. gaben mit „Musqueten“ über die Zugbrücke auf die Schießlöcher Feuer. Die Unsrigen schossen aus Stücken und Doppelhaken wieder, fällten auch etliche, unter anderen verlor ein Vorwitziger die Hände, die er durch ein Loch gesteckt hatte, um einen Riegel aufzuschieben. Der Commandierende versprach goldene Berge, wenn man ihn mit seiner Mannschaft in die Burg einlassen wollte und drohte im widrigen Falle, keiner Seele Verschonung zu geben. Allein man kehrte sich weder an sein Schmeicheln noch Pochen, man konnte und wollte nicht wegschenken, was man nicht als Eigentum hatte, u. hielt es für tunlicher, lieber unglücklich als untreu zu werden. Alsbald wurden die Häuser beim Töpferofen und das Kurfürstliche Vorwerk am Niedertore nebst zugehörigen großen u. hohen Scheunen angezündet u. Feuer an verschiedenen Orten der Stadt angelegt. Binnen einer Viertelstunde stand alles in voller Glut. Wo Feuer ist, da ist auch Wind; der erhub sich sehr stark u. trieb von der Kirche über’s Schloß. Da fing auch der Siebenspitzige Turm mit an, u. das Feuer drang aus demselben in den Lederboden, wo Holz und brennende Materie genug war. In drei Stunden war alles getan. Von allen kurfürstlichen Gebäuden unter der Schösserei u. im Hahnewalde, die nach Beschaffenheit derselben Zeit schön waren, wurden Aschehaufen. Von der Stadt aber, in- u. außerhalb der Ringmauer, blieb nichts übrig, als das Crucifix auf dem Kirchhofe, so Gott auch diesmal erhalten, ferner des Wildpretwärters Haus am Kurfürstlichen Tiergarten, die kleine Begräbniskirche u. dazu noch eine niedrige Hütte am Altstädter Wege. Der Feind, welcher gute Beute gemacht u. unter anderem 186 Stück Pferde u. Vieh mitgenommen, sahe von ferne zu u. dachte, das ganze Schloß würde daraufgehen u. die Leute in demselben entweder verderben oder herausfallen müssen. Aber was die Gottlosen gerne wollten, ist verdorben und verloren. Das Gebet derer, die im freien Felde herumgejagt, in Sträuchern beschädigt u. ausgeplündert oder sonst in Ängsten waren, drang durch die Wolken zum himmlischen Vater. Gott erhörte das Seufzen u. Weinen derer, die in der Burgkapelle auf den Knieen lagen u. die Hände emporhoben. Er ließ wohlgeraten die Arbeit der munteren Weiber, die aus dem tiefen Brunnen (denn das Röhrwasser der künstlichen Wasserleitung hatten die Feinde zerstört und abgeschnitten) Wasser zum Löschen trugen, u. der Männer, die Wasser in’s Feuer gossen. Ja, er selbst half löschen u. gab vom Himmel einen gnädigen Regen. Und so ward die Flamme gedämpft, das Herz des Schlosses erhalten, u. obwohl in der Stadt einige verwundet u. getötet, desgleichen vom Feuer ergriffen u. vom Rauche erstickt worden waren, so ist doch auf dem Schlosse keiner Person Leid widerfahren. Was war es aber für ein schrecklicher Anblick, da der Feind sich unsichtbar gemacht u. die verarmten Leute vom Schlosse u. von den Feldern auf den Brandstätten zusammenkamen! Nichts war jammernswerter, als der Anblick so vieler Leichen u. der Verlust an Eltern, Ehegatten u. allernächsten Freunden. Unzählige Thränen flossen [146] aus den Augen aller, u. wer noch des andern Tages sich auf den Gassen umsehen wollte, konnte mit unbedeckten Füßen auf dem erhitzten Pflaster nicht fortkommen.“

Soweit der Bericht des Chronisten Senff. Gercken selbst fährt nun fort und schreibt:

„Damals erging also eine schwere Züchtigung über unser Stolpen; jedoch war es hiermit noch nicht genug. Anno 1633, den 11. Juli, an einem Donnerstage, ging abermals ein Schwarm Croaten von den Leuten des Obersten Goltz zu Zittau hier vorbei. Nachmittags zwei Uhr hielten sie auf den Altstädter Feldern am Stürtzwege. Abends kamen ungefähr sechshundert Reiter nach, marschierten über die Schafbrücke u. kamen abends vor Dresden an, da bei uns auf der Festung die Stücken gelöset wurden. Von da wandten sie sich nach Radeberg, allwo sie mit Rauben u. Schänden übel haushielten u. viel Vieh erbeuteten. Den 12. Juli kamen sie mit Untergang der Sonne wieder zurück über das Hofefeld bei der Försterei in der Altstadt. Sie wurden auch bei uns mit Stücken begrüßt u. zogen hinter der Wildmauer nach Langenwolmsdorf fort. Im folgenden Jahre, 1634, den 20. Januar, kam schon wieder eine Partie Croaten von Budißin (Bautzen) daher, u. nachdem sie die Tore unserer Stadt aufgehauen hatten, raubten sie wieder, was sie fanden, u. nahmen das Vieh mit. Ein hiesiger Schneider hatte sich in seine Arbeit vertiefet, wußte nicht, daß der Feind da war und fragte, als es an das Haus pochte: „Wer da?“ Aber er bekam statt der Antwort eine Kugel in den Leib. Hans Hartmann der Ältere, der Defensioner Feldwebel, ward als ein Gefangener mitgenommen u. ist nach etlichen Wochen ranzioniert (losgekauft) worden. – Nach geschlossenem Frieden zu Prag hätte man sich nun wohl auf sächsischer Seite keines feindlichen Betragens von den Kaiserlichen Truppen mehr versehen; aber gleichwohl erfuhr man das Gegenteil. Anno 1637 erhielten die Kaiserlichen Hatzfeldischen Völker im hiesigen Orte auf’s Feindlichste haus, plünderten fast alle Dörfer um Stolpen her rein aus u. verwundeten die Leute bis auf den Tod. Nicht lange darnach ward unserer Stadt ein neues Unglück durch die Schweden bereitet, welche seit dem Prager Friedensschlusse die kursächsischen Lande auf’s Feindseligste u. Grausamste behandelten. Als der schwedische General Johann Banner 1639 die Stadt Freiberg vergeblich belagert, die Stadt Pirna aber, den Sonnenstein ausgenommen, mit stürmender Hand erobert, ausgeplündert u. auf’s Grausamste gemißhandelt hatte, ging er in eigener Person mit 6000 Mann zu Roß u. zu Fuß über die Elbe, rückte vor Stolpen, ließ die Stadt, die sich von dem vorigen Brande noch nicht erholt hatte, ausplündern, das Schloß aber zur Übergabe auffordern. Da sich aber der Kommandant, Herr Leutnant Hennig, nicht ergeben wollte, sondern die Burg rechtschaffen verteidigte, hielten es die Schweden nicht für ratsam, sich länger damit zu verweilen, zündeten daher zuerst die Scheunen vor der Stadt, den 26. April aber die Häuser in der Stadt selber an, wodurch die Hälfte der Stadt wiederum verzehret u. jämmerlich eingeäschert ward.

Damals hatten die Schweden ihr Hauptlager zu Rennersdorf, eine halbe Stunde von unserer Stadt gelegen. Das Andenken von diesem u. dem vorhergehenden, durch die Croaten verursachten Unglück, das unsere Stadt betroffen, hat man durch zwei kleine Schriften zu erhalten gesucht, die anno 1649 bei geschehener Einweihung der neuerbauten Kirche zum Vorschein gekommen. Die erste führt den Tittel:[WS 21] „Siebenzehnjährige traurige Feuerklage der Kirche zu Stolpen“ u. hat den hiesigen Rektor Abraham Lichtenberger zum Verfasser. Die andere hat Melchior Hartmann, S. Theol. u. Phil. Stud., [147] ein Sohn des hiesigen Diaconus gleichen Namens, verfertigt u. ist in deutschen Versen abgefasset, führet aber den lateinischen Titel: „Stolpe decus redivivum“ u. ist auch mit einer lateinischen Zuschrift an die damaligen Beamten, Bürgermeister u. übrigen Ratsherren, versehen. Sie ist 1649 bei Bergen in Dresden gedruckt.

Im Jahre 1643 streifte wieder eine Schar Schweden von Pirna aus in hiesiger Gegend umher. Und weil der damalige Amtsschreiber Sebastian Kotte, der zugleich Verwalter des Kurfürstlichen Vorwerkes war, besorgt war, daß sie die Langenwolmsdorfer Schäferei plündern möchten, so beredete er den allhier kommandierenden Leutnant, daß er einige von seiner Mannschaft hinausschickte. Ob nun wohl der Feind etliche Hundert Mann stark war, so band doch unsere kleine Schar mit einer so überlegenen Menge auf der sogenannten „Tzscheppe“ hinter der Wildmauer an, aber mit unglücklichem Erfolge; denn der Leutnant selbst nebst dem Tambour Tobias Schultzen wurde gefangen genommen, jedoch kamen sie noch unterwegs wieder los, da die Schweden von einer Kompagnie der Unsrigen verfolgt wurden. Außerdem blieben noch fünf Mann von hiesigem Kommando tot, deren Körper den 26. September auf dem Begräbniskirchhofe sind begraben worden.“

Hiermit schließt Gercken’s Bericht über die Drangsale, die der Dreißigjährige Krieg Stolpen gebracht hat. Zweimal ist also diese Stadt während dieses unglücklichen Krieges fast dem Erdboden gleichgemacht worden, doch die Liebe zum heimischen Herd ließ die Stadt auf den Trümmern neu wieder erstehen.

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62. Die Schweden in Stolpen während des Nordischen Krieges.

Kurfürst Friedrich August von Sachsen, welcher zugleich König von Polen war, wollte dem Schwedenkönige Karl XII. Liefland entreißen, indem er meinte, mit diesem „Schneekönige“ bald fertig zu werden. Allein es entstand daraus ein für ihn selbst sehr unangenehmer und für Sachsen höchst verderblicher Krieg. Obgleich die Schweden nur ein Jahr, von 1706 bis 1707, in Sachsen lagen, so hat ihr Aufenthalt demselben doch über 23 Millionen Taler gekostet. Kurfürst und König August der Starke hatte sich mit dem Könige von Dänemark und mit dem Zar von Rußland, Peter dem Großen, verbunden. „Darum kam auch fremde Einquartierung nach Sachsen. Die Krieger brachten Weiber und Kinder mit, waren in höchst bedauernswerten Umständen, halb verhungert und zerlumpt und blieben ebenfalls fast ein ganzes Jahr hindurch in unserem Vaterlande liegen.

Karl XII. brach den 1. September 1706 mit 22 000 Mann bei Steinau im Fürstentume Wohlau gelegen, in Sachsen ein. Die Kunde von diesem Einfalle verbreitete hier zu Lande einen solchen Schrecken, daß man sich in Dörfern und Städten zur Flucht bereitete, indem man der Barbareien gedachte, welche die Schweden im 30jährigen Kriege verübt hatten. Man versprach sich von den Schweden auch diesmal nichts Besseres. Im 30jährigen Kriege hatten sich die Schweden vor aller Welt einen Schandfleck aufgeheftet, der da bleiben wird, so lange es eine Geschichte gibt. Dies erkennend, war schon in jenem großen Kriege der schwedische Königshof über das Betragen seiner Truppen in Deutschland auf’s Höchste erzürnt, leider aber nicht imstande, es zu ändern. Karl XII. schien nun aber mit dem Vorsatze gekommen zu sein, das, was in Hinsicht auf die Ehre der schwedischen Truppen noch zu retten sei, zu retten; denn seine Soldaten hatten die allerschärfsten Verhaltungsbefehle von ihm erhalten. Es war den Schweden auf das Nachdrücklichste geboten, sich in Feindeslanden jeder Gewalttat und aller willkürlichen Bedrückung zu enthalten. Deswegen mochte ihm die Nachricht von der allgemeinen Flucht der Bewohner Sachsens wohl einen Stich in’s Herz geben, und es erschien sofort seine Ermahnung an alle Landesbewohner, daß niemand von seiner Wohnung weichen solle, auch nicht zu weichen brauche; denn jeder sächsische Untertan genieße, so lange er mit seinem Heere in Sachsen weile, völlige Sicherheit seiner Person; nur solle man das, was an Kontributionen (Kriegssteuern) auferlegt werden würde, bereitwilligst leisten. Es war aber trotzdem der Druck, den die schwedischen Truppen auf Sachsen ausübten, immerhin noch groß genug.

[149] Am 13. September 1706 übernachtete der König Karl XII. von Schweden mit etlichen seiner Truppen in Radeberg und verlegte wegen Mangels an Raum etliche Regimenter nach Kleinwolmsdorf bei Radeberg, die einige Tausend Pferde bei sich hatten. Die Schweden brachten daselbst nur eine Nacht zu, und doch wurde die ganze Ernte verzehrt und zum größten Teil verdorben. „Die Soldaten haben die Häuser und Höfe mit ihren Leuten, die Reiter mit ihren Pferden in den Gärten, an die Planken, gemeine Wiesen, auch Scheunen sich Platz gemacht, den Weiß- und Futterhaber, Garben schockweise den Pferden vorgeworfen, dem Korn die Ähren abgehauen; das Heu und Getreide bei manchem meist vernichtet; Nachts bei entstandenem Platzregen von Weizengarben sich Hütten gemacht und also überall, trotz des Verbotes, ein traurig Schauspiel nach sich gelassen,“ schreibt der Chronist, ein Augenzeuge jener Tage.

Ein Trupp Schweden vom Regimente des Obersten Cronmann, der in Radeberg lag, kam den 28. September über Arnsdorf früh um fünf Uhr auch nach Stolpen. Die Schweden hielten am Niedertore und begehrten Einlaß. Da ihnen dieser verweigert wurde, verschafften sie sich solchen gewaltsam. Mit Äxten zerschlugen sie die Tore, stellten sich auf dem Marktplatze auf und besetzten die Zugänge nach der Festung. Da sie aber bemerkten, daß man da oben auf guter Hut wäre und nicht nur mit dem Geschütze umzugehen verstehe, sondern auch „einige Mannschaft“ durch zwei verschiedene Tore ausfallen lasse, entfiel ihnen der Mut, so daß sie über Hals und Kopf bis an die Hospitalkirche zurückwichen. Es war aber der rechte Ernst des Festungskommandanten nicht, diese zusammengelaufene und zum Teil unbewaffnete „Rotte“ anzugreifen. Leicht hätte man die schwedischen Beutesucher aufreiben können, denn dazu war die Furcht dieser Herumtreiber groß. Doch man dachte in der Festung daran, daß die Schweden Verstärkung erhalten könnten und zog es darum vor, lieber zum neuen Angriff alles in guten Verteidigungszustand zu setzen und die Stadt wohl zu verwahren.

Schon am 29. September kamen zwanzig schwedische Reiter nach Stolpen. Sie ritten vor das Haus des Bürgermeisters Jäckel und forderten Kontribution. Doch in diesem Augenblicke kam ein Teil der Burgbesatzung mit gefällten Waffen von der Festung herab. Wie die Soldaten diese erblickten, schwangen sie sich auf ihre Pferde und jagten eiligst davon.

Auf der Festung befand sich damals außer dem Oberstleutnant und Kommandanten noch ein Major, der ziemlich unwillig darüber war, daß sich die am Niedertore stehende Bürgerwache nicht besser vorgesehen hatte. Er ordnete daher an, daß sogenannte „spanische Reiter“ vor beiden Toren aufgestellt würden. Davon erhielten die Schweden bald Nachricht und meinten, die Stadt wolle sich auf diese Weise der Kontribution entziehen. Deshalb blieben sie während der Nacht in Fischbach, zwischen Stolpen und Radeberg, liegen, zogen aus Radeberg eine Verstärkung nach und kamen am folgenden Morgen in aller Frühe wieder nach Stolpen. Die zur Befestigung der Tore aufgestellten spanischen Reiter wurden niedergehauen, das Tor wurde mit Gewalt abermals erbrochen, und der Feind zog wiederum in die Stadt ein. Vor dem Hause des Bürgermeisters nahm er Aufstellung und forderte von neuem Kontribution. Doch von der Festung aus wurde ein Ausfall gegen den Feind in’s Werk gesetzt. Als die Schweden solches bemerkten, ritten sie wieder in großer Eile zum Tore hinaus. Darauf forderten die Schweden den Amtmann und den Rat vor das Tor, woselbst wegen der Lieferung mit ihnen verhandelt werden sollte. Der Herr Amtmann nahm den kommandierenden schwedischen Offizier „unter guter Versicherung“ mit sich hinein in den Gasthof, um dort [150] zu verhandeln. Die Schweden besetzten unterdessen die Tore, weil sich die Besatzung der Festung wieder in die Burg zurückgezogen hatte. Viele der Schweden kamen auch mit in den Gasthof hinein, traten in die Türe desselben und sahen sich auf dem Markte um. Als der Major auf der Burg oben solches gewahr worden war, ließ er sogleich ein „Stück mit Cartetzschen“ laden und wollte unter die Schweden Feuer geben. Der Amtmann, dem man es eilfertig hinterbrachte, schickte sogleich zu dem Kommandanten der Festung einen Eilboten und ließ „Vorstellung dagegen tun“. Der Kommandant wußte nichts davon, was vorgefallen war, begab sich aber sofort in die alte Schösserei, wo das Stück geladen stand, und er verhinderte noch rechtzeitig das Vorhaben des Majors. Die Verhandlung mit den Schweden unten im Gasthofe lief günstig ab; die Schweden zogen wieder weg. Sie gaben sich mit einer Lieferung von Lebensmitteln zufrieden. An demselben Tage aber traf noch die Nachricht ein, daß ein Waffenstillstand auf 5 Wochen geschlossen sei. Stolpen hatte sich wiederum rühmlich gehalten und den Feind durch den gezeigten Ernst in Verwirrung gebracht. Die Schweden kehrten nicht wieder.

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63. Altstadt bei Stolpen.

In unmittelbarer Nähe Stolpens liegt das Kirchdorf Altstadt. Sein Name lautete in früheren Zeiten Aldestadt, auch Aldinstadt. Der Ort ist ursprünglich eine Stadt und gut befestigt gewesen. Er ist älter als das ehemalige Städtchen Jockrim, das im Jahre 1429 von den Hussiten zerstört und dem Erdboden gleichgemacht wurde. An die Stelle des verwüsteten Städtchens Jockrim trat die heutige Stadt Stolpen. Während Jockrim dem Ansturme der fanatischen Hussiten nicht widerstehen konnte, wies Altstadt mit seinen guten Mauern und tapferen Bürgern die Angriffe der Feinde mit aller Entschiedenheit zurück. Von den ehemaligen Befestigungswerken sind noch deutliche Spuren zu erkennen. Auch den alten Marktplatz kann man deutlich herausfinden. Bei der Erbauung von Häusern ist man wiederholt auf altes Gemäuer gestoßen, das auf die frühere Befestigung Altstadts hinwies. Senff gibt in einer alten Schrift über Stolpen folgende Beschreibung von Altstadt:

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Altstadt um das Jahr 1830.

„Das Städtchen hat einen Graben gehabt, davon die Spuren noch übrig sind, Mauern und Quaderstücken, drei Tore, eins nach Dresden, das andere nach Pirna, das dritte nach Stolpen. Der Markt ist viereckig gewesen.“ – Pfarrer Dinter von Stolpen schreibt: „Mitten in einem Kreise von Häusern zieht sich ein freier Raum hin, der einem verfallenen Marktplatze ähnlich sieht und im Volksmunde heute noch (1830) „der alte Markt“ genannt wird.“ – „Über ihn führte bis 1838 die Landstraße von Pirna nach Stolpen. Auf einem tiefeingeschnittenen Wege gelangt man von ihm hinab zu einer Furt durch die Wesenitz, in der große Quaderstücke gefunden wurden, die auf eine ehemalige Brücke hindeuten. Die Anlage der Wege im Orte läßt auch noch deutlich die ehemaligen Gassen der Stadt erkennen. An der nordwestlichen Seite zieht sich eine Vertiefung hin, die unverkennbar durch Menschenhände hervorgerufen ist und einem alten Stadtgraben ähnlich sieht. Sie ist unter dem Namen „der Graben“ Gemeindegrundstück gewesen. Nach Süden zeigten sich auf einem Grundlager von Granit, von graphitartigem Gerölle umgeben, Spuren [152] von Erdaufwürfen, von denen aber die neuere Zeit gar viele ausgeglichen hat.“ – Wann Altstadt seine Stadtgerechtigkeit verloren hat, läßt sich nicht mehr bestimmen. Es wird angenommen, daß solches nach der Gründung Jockrims geschehen sei, das seiner Nebenbuhlerin den Rang abzulaufen wußte. Die Einwohner von Altstadt haben sich von jeher nicht als Bauern und Häusler, sondern als „Erbbegüterte“ und „Erbeinwohner“ bezeichnet und wurden als solche in den früheren Kaufbriefen nur so genannt, auch bei Frondiensten wurden sie vor anderen stets bevorzugt.

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Kirche zu Altstadt im Jahre 1904.

Im Jahre 1429 zerstörten die Hussiten auch das der Burg Stolpen nahegelegene Dorf Letzsche, das am südlichen Fuße des Stolpener Schloßberges lag. Die geflüchteten Bewohner wandten sich nach Altstadt und vergrößerten den Ort durch einen neuen Anbau im Tale. Die Grundstücke dieses einstigen Dorfes Letzsche gehören noch jetzt zu Altstadt und führen den Namen „die Letzsche-Felder“.

Am 1. Januar 1559 ging Altstadt mit der Stadt Stolpen in kurfürstlichen Besitz über, nachdem der Ort gegen 150 Jahre unter bischöflicher Gewalt gewesen war. In Altstadt befand sich zur Zeit der Bischöfe ein Vorwerk, das „Tannenfeld“ genannt. Dasselbe verkaufte und vererbte Bischof Rudolf von der Planitz (1411–1427) zum besten der Altaristen der Sankt Barbarakapelle auf Burg Stolpen. Der Kurfürst Vater August von Sachsen verwandelte das Vorwerk zum Teil in ein Forsthaus. Später kamen einzelne Grundstücke in Privathände, einen Teil übergaben die Kurfürsten den Schullehrern von Altstadt zur Benutzung. Der Kurfürst Vater August ließ auf dem Vorwerke auch eine Schäferei anlegen, die aber am 10. August 1724 [153] infolge eines Blitzstrahles eingeäschert wurde. Doch man erbaute dieselbe von neuem. Zur Zeit des Kurfürsten Vater August wird als Besitzer des Altstädter Vorwerkes Barthel von Tolckwitz genannt.

Die Reformation wurde in Altstadt im Jahre 1559 eingeführt. Die Kirche zu Altstadt ist sehr alt. Sie war ursprünglich klein und wurde durch einen Anbau erweitert. Im Jahre 1832 erfuhr das Gotteshaus, das ehemals mehrere Altäre besaß, einen zweckentsprechenden und zeitgemäßen Umbau und wurde dadurch licht und geräumig.

Altstadt wird gewöhnlich eingeteilt in Ober- und Niederaltstadt, die Berghäuser und die Zscheppa.

Die Kriegsstürme sind auch an Altstadt nicht spurlos vorübergegangen. Im Jahre 1813 hatte der Ort zahlreiche Einquartierungen. Beim Abzuge nahmen z. B. die Österreicher alles Vieh mit hinweg. „1866 war Altstadt infolge des 3tägigen Durchmarsches der Elbarmee unter Herwarth von Bittenfeld durch wiederholt geforderte Lieferungen (an einem Tage fünf) von Lebensmitteln entblößt, sodaß man Brot aus Stürza herbeiholen mußte.“ –

In diesem Jahre traten in Altstadt auch die schwarzen Blattern, die angeblich aus Seeligstadt eingeschleppt worden sein sollten, auf. Über 200 Ortsbewohner wurden von denselben ergriffen. – (Vgl. „Neue Sächsische Kirchengalerie“, Band Ephorie Pirna. Seite 567 und 568).[WS 22]

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64. Die Buschmühle bei Stolpen.[15]

Eine Perle landschaftlicher Schönheit ist die zwischen Schmiedefeld und Rennersdorf am linken Ufer der Wesenitz gelegene Buschmühle, die infolge ihrer idyllischen Lage besonders zur Sommerszeit viel besucht wird. Gern kommen hierher die Bürger Stolpens mit ihren lieben Angehörigen nach des Tages Mühen und Arbeit, um Erholung zu suchen und zu finden. Sonntags herrscht hier reger Verkehr. Aber auch von weither finden einzelne Wanderer und ganze Gesellschaften in der Buschmühle sich ein. – Die romantische Mühle hat ihre Stammgäste, die regelmäßig, sei es im Sommer oder sei es mitten im Winter, nach hier kommen. Auch in Liedern und Tönen ist sie bereits gefeiert worden, Dichtern und Komponisten ist sie wiederholt ein Gegenstand der Muse geworden, auch Malern gab sie Motive zu Werken.

Die Buschmühle lag früher am rechten Ufer der Wesenitz, ein wenig oberhalb vom jetzigen Standorte. An sie grenzte das Burgholz, ein dichter Wald, der sich in früheren Jahrhunderten von der Burg Stolpen bis herunter an die Wesenitz erstreckte und die Buschmühle vollständig umrahmte. Trotz dieser weltabgeschlossenen und versteckten Lage blieb die Buschmühle von den Kriegsunruhen, unter denen besonders die Stolpener Pflege viel zu leiden hatte, nicht verschont. Die Wellen der Kriegsstürme schlugen auch herein in dieses stille und friedliche Tal. Im 30jährigen Kriege wurden die Bewohner dieser Mühle wiederholt geplündert. Die Buschmühle ging sogar in Flammen auf und blieb jahrzehntelang wüste liegen. Erst um das Jahr 1670 wurde sie von neuem aufgebaut und kam damals wahrscheinlich auf das linke Ufer der Wesenitz zu stehen. Im genannten Jahre wurden ihr laut eines kurfürstlichen Reskriptes die ihr einst vom Bischof Johann VI. verliehenen Hofmühlenrechte abermals zugesichert. Sie wird in jenem Reskripte als „Pusch- und Mahlmühle unter dem Bürgerholtze“ bezeichnet.

Zwischen der Buschmühle und der heutigen Stadtmühle lag in früheren Zeiten noch eine Mühle. Im Jahre 1507 „erlaubte Bischof Johann VI. Hansen Jerigk, unter dem Stolpen an der Wesenitz, obir den Erlicht-Teiche [155] bey Reynerstorff (Rennersdorf) eine Brot-, Oel- und Schleiff-Mühle anzulegen. Dat. Stolpen, Dienstag nach Georgii.“ –

Johann Gottlieb Dinter, ehemaliger Pfarrer zu Stolpen, schreibt hierüber in seinem Werke: „Die Parochie und Stadt Stolpen in ihrer geschichtlichen Entwickelung bis zur Reformation“ folgendes: „Diese Mühle ist auch wirklich angelegt worden und hat etwa 100 Schritt über der jetzigen Stadtmühle stromaufwärts bestanden, ob am rechten oder linken Ufer, kann jetzt wegen der Ungewißheit des damaligen Laufes nicht bestimmt entschieden werden. Von einer Grundschwelle dieser Mühle kann man jetzt (1830) noch in der Wiese wie im Bette des Flusses Spuren finden, wie Sachverständige bezeugt haben.“ – Diese Mühle ist jedenfalls während des 30jährigen Krieges wüste geworden.

Die Buschmühle ist ganz entschieden von allen Mühlen in diesem Teile des Wesenitztales die älteste. Sie ist eine Mahl- und Brettmühle bis heute geblieben, während die meisten ihrer Nachbarinnen im Laufe der Zeit ihren Beruf mehrfach gewechselt haben. –

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65. Frühere Dienste einiger Dörfer in der Stolpener Pflege.

Oftmals hört man in unseren Tagen die frühere Zeit als die „gute alte Zeit“ rühmen und preisen. In mancher Beziehung mag ja diese Bezeichnung ihre Berechtigung haben, in vielen Dingen aber durchaus nicht. Wer in den früheren Zeiten forscht, der wird so manches gewißlich nicht wiedersehen wollen. Und wenn man die sogenannte „gute alte Zeit“ etwas näher kennengelernt hat, dann wird man unsere Zeit nicht als die schlechteste bezeichnen können. Sehr schwer fielen den Bewohnern von Dörfern und Städten in jener Zeit die Frondienste, und mancher Ort hatte hierin viel zu leisten. So mußten z. B. die Bewohner des Dorfes Fischbach bei Stolpen in früheren Zeiten folgende Dienste verrichten:

24 Personen dieses Dorfes hatten allen Dünger auf den „Stolpnischen Feldern“ zu breiten, ferner jährlich einen Tag auf den Wilschdorfer Vorwerksfeldern Korn und Hafer zu binden, ebenso „2 Malter Feldes hinter Wilschdorf drei Jahre über Sommer den Hafer zu eggen“. 29 Mann mußten alles Küchen- und Brennholz mit abschlagen. Mit 13 Wagen war, so oft es gefordert wurde, Küchen- und Brennholz „im Hannelwalde“ zu fahren, ebenso waren 13 Wagen mit der nötigen Besatzung zu stellen, um die gefangenen Fische aus dem Lindichteiche und dem Fischbacher Teiche „in die Wilschdorfer und Altstädter Hälter“ zu bringen. Sodann waren von Fischbach 6 Wagen zu stellen, um den in „Zschuzwitz und Naundorf“ gewachsenen und geernteten Wein nach Schloß Stolpen zu bringen, ferner den aus der Wurzener Gegend auf der Elbe nach Pirna transportierten Hafer ebenfalls nach der Burg Stolpen zu fahren. Fand auf dem Schlosse Stolpen ein Hausbau statt, dann hatten die Fischbacher Bewohner, ebenso die zu Schmiedefeld, Seeligstadt und Wilschdorf, das nötige Bauholz, sowie Kalksteine und Ziegel herbeizuschaffen. Die Seeligstädter mußten außerdem noch das Gras und Grummet bei der kurfürstlichen Ziegelscheune „hauen, streuen, sammeln und einführen, solche Wiesen kehren, ebnen und Hügel erziehen“. Den Einwohnern zu Schmiedefeld lag noch folgendes ob: „Das Gras im Hanfgarten, unter dem alten großen Graben bis an das Stückicht nach dem Letzschteiche, müssen sie hauen, streuen, sammeln, schobern und einführen. In ihren Dorffluren helfen sie Hasen jagen, daneben wird ihnen von jedem gefangenen Hasen 1 Groschen gegeben.“ –

Vor allen Dingen hatten die Bewohner genannter Dörfer bei den kurfürstlichen Jagden zu fronen. Die Fischbacher mußten 2 Wagen mit den nötigen Mannen „auf den Künzelbaß, Karswald und Fischbacher Holz“ stellen. Sie erhielten keinerlei Vergütung, nur denen „so das Wildpret stachen, wurden für jedes Stück 2 Groschen gegeben“. Diese Jagddienste wurden von den [157] Bewohnern als eine große Last empfunden. Damals gab es in der Stolpener Gegend außer zahlreichem Hochwilde noch allerlei Raubtiere, wie Bären, Wölfe, Luchse und Wildkatzen. Am gefürchtetsten waren die Wolfs- und Luchsjagden. Diese wurden gewöhnlich in den strengsten Wintertagen abgehalten, und Dörfer und Städte hatten die nötigen Treiber zu stellen. Bei mancher Jagd waren weit über 500 Treiber nötig. Diese Jagddienste unterlagen keiner allgemeinen Regelung und Begrenzung, sondern es mußten die Untertanen, „so oft sie erfordert“, dazu erscheinen, und nicht etwa nur zu den Jagden, die in ihrem Amte abgehalten wurden, sondern auch in fremden, entlegenen Gegenden. So mußten die Bewohner von Fischbach, Seeligstadt, Schmiedefeld, Wilschdorf bis nach Hohnstein in der Sächsischen Schweiz kommen. Die Bauern hatten gewöhnlich die Jagdgeräte mit Geschirren dahin zu schaffen und auch wieder von dort zurückzuholen. Die Treiber waren oftmals wochenlang von der Heimat, von Weib und Kind weg. Bei den Wolfsjagden verlor mancher sein Leben, und doch durfte bei hoher Geldstrafe kein Mann bei der angesagten Jagd fehlen. Nur Krankheit entschuldigte. Solche Jagden wiederholten sich im Laufe eines Winters viele Male. So dauerten z. B. im Amte Stolpen die Wolfs- und Luchsjagden im Jahre 1687 vom 10. Januar bis 5. März mit nur kurzer Unterbrechung. Da aber dieser Winter sehr kalt und schneereich war, so blieben von dieser Jagd so viele Treiber zurück, daß Seeligstadt 96 Gulden, Fischbach 112 Gulden und 6 Groschen, Wilschdorf 137 Gulden und 3 Groschen, Schmiedefeld 96 Gulden, Langenwolmsdorf 325 Gulden und 15 Groschen Strafe zu zahlen hatten. Für das ganze Amt Stolpen betrug die Strafe 1400 Gulden. Auf eine eingereichte Bittschrift hin wurde den betreffenden Gemeinden die Strafe um die Hälfte erlassen.

Schlupfwinkel für die zahlreichen Wölfe waren früher in der Stolpener Gegend die waldreiche Masseney bei Seeligstadt und der umfangreiche Karswald bei Fischbach oder der Fischbacher Wald. Noch im Jahre 1750 wurden hier Wölfe erlegt.

Groß war der Schaden, den das Wild verursachte. Feld- und Gartenbesitzer waren wahrlich schlimm daran. Die erste Wildschädenvergütung gewährte den Feldbesitzern Kurfürst August der Starke. Diese Vergütung erstreckte sich gewöhnlich auf ganze Gemeinden und bestand in der Erlaubnis, in den Königlichen und Kurfürstlichen Forsten Holz zu lesen, Streu zu rechen, das Vieh darin zu weiden. –

Die Frondienste erhielten sich mit weniger Abänderung bis in das 19. Jahrhundert. Es gibt noch alte Leute in den Dörfern, welche in ihrer Jugend Frondienste tun mußten. –

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66. Klein-Rennersdorf bei Stolpen.

Von Wilschdorf nach Stolpen führt von altersher die Dresdener Straße. An derselben liegt oberhalb des erstgenannten Ortes ein Dörfchen, das nur aus fünf Bauerngütern und einigen Wirtschaften besteht, dazu nur gegen 60 Einwohner zählt. Dasselbe führt den Namen „Klein-Rennersdorf“ und bildete mit Rennersdorf ehedem eine politische Gemeinde. Vor wenigen Jahren zählte dieses Dörfchen noch zur Parochie Stolpen, wurde aber auf allgemeinen Wunsch der Klein-Rennersdorfer nach dem nahen Wilschdorf, mit dem Klein-Rennersdorf scheinbar einen Ort bildet, am 4. Nov. 1888 eingepfarrt, wohin es schon im Jahre 1845 eingeschult worden war.

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Ansicht von Wilschdorf um 1840.

Da, wo heute Klein-Rennersdorf liegt, befand sich früher, als die Bischöfe auf der nahen Burg Stolpen residierten, eine bischöfliche Schäferei. Dieselbe wurde später aufgehoben, und mit der Zeit entstanden aus dieser einige Bauerngüter, die das heutige Dorf Klein-Rennersdorf bilden.

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67. Der Götzenstein bei Rennersdorf.

Rechts von der Landstraße, die von Rennersdorf hinauf nach Stolpen führt, liegt am linken Ufer der Wesenitz ein kegelförmiger Hügel, dessen Scheitel mit Gebüsch bedeckt ist. Diesen Hügel bezeichnet man als den Galgenberg. Hier oben sollen früher die zum Tode verurteilten Verbrecher aus dem Amtsgerichtsbezirke Stolpen hingerichtet worden sein. Oben liegt ein großer Granitblock, der eine muldenartige Aushöhlung zeigt. Nur wenig ragt er über die Erde empor. Diesen Stein nennt man den Götzenstein, und es wird behauptet, daß hier zur Heidenzeit eine Opferstätte gewesen sei. Die an diesem Stein wahrzunehmende Vertiefung bezeichnet man als die Blutwanne, in der das Blut der Opfertiere oder Menschen aufgefangen worden sein soll. Vielleicht ist der Götzenstein ein eratischer Block, da er mit den Felsen des Hügels nicht verwachsen ist.

Von dem Galgenberge aus, auf dem sich in unmittelbarer Nähe des Götzensteines ein Tisch und eine Bank befinden, hat man einen schönen Ausblick auf das romantische Wesenitztal und zwar auf den Teil zwischen dem Rittergute Rennersdorf und Altstadt.

68. Die Kirche zu Schmiedefeld.

Zu den schönsten Gotteshäusern in der Umgegend von Stolpen gehört die Kirche zu Schmiedefeld. Gleichzeitig erinnert sie die Bewohner des Dorfes an schlimme Tage, deren Wiederkehr wir nicht wünschen wollen. Die Kirche zu Schmiedefeld ist die jüngste im weitesten Umkreise. Sie ist erbaut auf den Trümmern des alten Gotteshauses, das am 12. Mai 1813 ein Raub der Flammen geworden war. Beim Wegräumen der Kirchentrümmer fand man mehrere Kanonenkugeln. Drei derselben hat man zur Erinnerung an der südöstlichen Außenseite der Umfassungsmauer eingemauert. Darunter befindet sich folgende Inschrift:

12. Mai 1813.
Schreckenstag von Schmiedefeld.
Am 21. Juli 1871 kehrten alle Söhne dieser Gemeinde,
welche am ruhmreichen Feldzuge 1870/71 teilgenommen,
unversehrt wieder heim. Der Herr hat Großes an uns
gethan!

Die alte Kirche war, wie Pfarrer Jacob berichtet, mit Schindeln gedeckt, niedrig, eng und düster; sie stammte aus alter, katholischer Zeit und hatte zwei Glocken. Heckel, der Verfasser der Chronik von Bischofswerda, schreibt über diese Glocken: „Die große soll eine von denen sein, welche zur Zeit Johann Georg II. zum Glockenspiel hat kommen sollen.“ –

Vier Jahre hindurch blieb die eingeäscherte Kirche von Schmiedefeld in Trümmern liegen. Die Bewohner besuchten bis zum Jahre 1815 die Filialkirche zu Harthau.[WS 23] Von 1815 an wurde aber der Gottesdienst in dem Saale des wiederaufgebauten Lehngerichts abgehalten. Im Jahre 1817 begann man endlich mit dem Neubau eines Gotteshauses. Nach äußerer Form und innerer

[160] Einrichtung sollte die neue Kirche der zu Großröhrsdorf ähnlich werden, allein ein sehr betrübender Umstand hinderte die vollständige „Hinausführung“ des Turmes. Das Haus war fertig, und am Turme fehlten nur noch einige Ellen Mauer, um den hölzernen Oberteil darauf setzen zu können. Da zeigten sich plötzlich in den Mauern so bedenkliche Risse, daß man an die Ecken des Turmes sofort starke und hohe Strebepfeiler setzen und eiserne Anker legen mußte, um den Einsturz desselben zu verhindern.

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Kirche zu Schmiedefeld.

Zugleich sprangen auch die Schwellen und Bogen der Kirchtüren, sowie zum Teil auch die Sohlbänke der Fenster. Die damals angewandten Vorsichtsmaßregeln haben sich bis heute bewährt. Nach einem Jahre war der Bau vollendet. Er kostete mit Einschluß der Glocken 4715 Taler, ohne diese 3600 Taler. Am 12. Oktober 1818 erfolgte endlich die feierliche Einweihung des neuerbauten Gotteshauses. Die Weihpredigt hielt der damalige Superintendent zu Bischofswerda, Herr M. Carl Friedrich Kunze. „Unter den Weihgeschenken befand sich auch ein Exemplar der heiligen Schrift, in schwarzen Corduan (Luxusleder aus Ziegen- oder Bocksfell) gebunden, mit goldenem Schnitte und in Quartform, gewidmet von dem damaligen Amtshauptmanne Burggrafen zu Dohna auf Herrnsdorf.“ –

Die Orgel wurde erst im Jahre 1821 fertiggestellt. Ihr Erbauer war Chr. Gottfried Herberig aus Hinter-Ottendorf bei Sebnitz, später wohnhaft in Langenwolmsdorf bei Stolpen. Die Orgel kostete 600 Taler.

In Gefahr kam die neuerbaute Kirche am 16. Juli 1839, an welchem Tage ein Blitzstrahl in den Turm und in die Kirche fuhr. Zum Glück war es ein sogenannter kalter Schlag, der nur geringen Schaden angerichtet hatte.

Im Jahre 1889 wurde die Kirche zu Schmiedefeld im Innern geschmackvoll restauriert. Auch die Orgel wurde einer größeren Reparatur unterzogen und zwar vom Orgelbaumeister Herrn Eule in Bautzen. Im Jahre 1890 wurden am Altarplatze zwei bunte, in der Glasmalerei von Bruno Urban in Dresden vortrefflich ausgeführte Fenster eingesetzt.

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69. Der Fuchs bei Schmiedefeld.

Wer je von den freundlichen Lesern aus der Bautzener Landstraße dahingewandert ist, dem wird auch der altehrwürdige Gasthof „zum Fuchs“ bei dem Dorfe Schmiedefeld nicht unbekannt sein. Gewiß hat er auch hier, vom Wandern ermüdet, eine kurze Rast gehalten. Dieses Gasthaus, an dessen westlichem Giebel eine zweihundertjährige Linde steht, feierte im Jahre 1897 ein Jubiläum. Wie eine Jahreszahl über der Haustüre nach dem Hofe zu beweist, wurde das Gebäude im Jahre 1797 neuerbaut.

An den „Fuchs“ bei Schmiedefeld knüpft sich so manche geschichtliche Erinnerung. Seine Gründung fällt in eine sehr frühe Zeit.

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Hofraum des Gasthofes „zum Fuchs“ bei Schmiedefeld.

Um dem Bedürfnisse der Reisenden entgegenzukommen, wurden hier und dort an der im 12. Jahrhundert erbauten Bautzener Landstraße Häuser errichtet, in denen die Reisenden Unterkunft und Verpflegung fanden. Auch da, wo heute der „Fuchs“ steht, errichtete man ein Unterkunftshaus für die Fremden, nebenan auch eine Feldschmiede, die heute ebenfalls noch besteht. So wurden beide Gebäude der Anfang vom heutigen Dorfe Schmiedefeld, das fünf Minuten seitwärts liegt.

Das Dorf Schmiedefeld war schon im Jahre 1221 vorhanden und führte damals den Namen „Schmidvelt“. Mit der Zeit entwickelte sich der gegenwärtige Name.

Welchen Namen das hier an der Bautzener Landstraße errichtete Unterkunftshaus ursprünglich führte, weiß man nicht. Im 17. Jahrhunderte wurde dasselbe „der Weiße Fuchs“ genannt, später „Gasthof zu den drei Linden“. Diesen Namen führte das Gasthaus bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor dem Gebäude standen damals drei große, stattliche Linden, welche der Gastwirt Richter aber abschlagen ließ. Nach dem Jahre 1850 entsteht der [162] Name „der Dürre Fuchs“, und diese Bezeichnung führt der Gasthof noch heutigen Tages. – Dieser Name dürfte zu der Annahme führen, daß in frühsten Zeiten hier Füchse keine Seltenheit waren. Man gab damals Orten oder einzelstehenden Gebäuden Namen aus sehr naheliegenden Ursachen. –

„Der Fuchs“, seit Jahrhunderten an einer vielbenützten Heer- und Handelsstraße gelegen, hat alle Wechselfälle der Zeiten durchgemacht, und wenn dieser uralte Gasthof seine Erlebnisse vom Anfang bis zur Gegenwart erzählen könnte, so würden sicherlich ganze Bände gefüllt werden, und wir erhielten einen hochinteressanten Beitrag zur Geschichte unserer Heimat. An ihm vorüber sind alle jene Heeresmassen gezogen, welche je auf sächsischem Boden gestritten haben. In den Kriegszeiten wurden seine Bewohner wiederholt geplündert. Oftmals flüchteten die Bewohner mit den übrigen des Ortes in die umliegenden Wälder und ließen die Feinde schalten und walten, wie diese wollten. Wiederholt mußten die Gebäude aus den Trümmern wieder aufgebaut werden.

Interessante Einzelheiten knüpfen sich an den „Fuchs“ besonders während der Freiheitskriege. Hier im „Fuchs“ nahm Napoleon wiederholt Quartier, und noch heute zeigt man jenes Zimmer, in dem er einst wohnte. Bis vor einigen Jahren war noch eine Fensterscheibe vorhanden, in die Napoleon seinen Namenszug mit einem Diamanten gekritzelt hatte. Diese Fensterscheibe ist aber zerbrochen worden und leider verloren gegangen. Auch der Kaiser Alexander von Rußland hat dreimal Quartier im „Fuchs“ genommen. Der damaligen Wirtin, die eine sehr schöne Frau war, soll er bei seinem Abschiede eine Backmulde voller Dukaten geschenkt haben. –

Zum ersten Male nahm Napoleon am 17. Juli 1807 im „Fuchs“ Quartier. Damals eilten Tausende von Menschen aus der weitesten Umgebung hierher, um Napoleon zu sehen, der einen so großen Druck auf Sachsen in jener Zeit ausübte. –

Im Jahre 1813 sah der „Fuchs“ auch die Trümmer von Napoleons Heere, das dieser nach Rußland geführt hatte. Einige Monate vorher, im Winter 1812, war Napoleon selbst als Flüchtling durch Schmiedefeld geeilt. Hier hatte er einige Stunden Aufenthalt genommen und zwar in der alten Posthalterei, um die Pferde vor seinem Schlitten auswechseln zu lassen. Die ersten Trümmer seines stolzen Heeres kamen im Februar 1813 auf dem „Fuchse“ an, aber in einem Zustande, der auch den Gefühllosen zum Mitleide bewegen mußte. In Transporten von 50 bis 80 Wagen wurden die Kranken, Verwundeten, Sterbenden in naßkalter Witterung Tage und Wochen hindurch von Polen hergefahren, doch waren sie ohne Pflege und Lebensmittel. Vor Regen, Schnee und Wind fanden sie in den offenen Wagen keinen Schutz und erstarrten förmlich vor Kälte. Da spielten sich hier gar jammervolle Scenen ab. Diejenigen Soldaten, die noch gesund waren, kamen am Stocke als wandelnde Leichen dahergeschwankt, halb verhungert, dazu waren die Kleider ganz und gar abgerissen. Auf den Knieen flehten die heimkehrenden Krieger Napoleons die Bewohner des „Fuchses“ und des nahen Dorfes um einen Bissen Brot und küßten ihn dann, bevor sie denselben zum Munde führten. Trockene Kartoffeln waren den Soldaten ein Leckerbissen, freilich ein halbes Jahr früher hatten die nach Rußland ziehenden Krieger andere Ansprüche gemacht. Damals war es auf dem „Fuchse“ vorgekommen, daß die Franzosen Brote aushöhlten, mit ihrem Kote verunreinigten und dann im Hofe umherrollten. Jetzt wären sie froh gewesen, wenn sie hätten Brot empfangen können.

Im März 1813 zogen die Russen am „Fuchse“ vorüber, welche die [163] geflohenen Franzosen verfolgten. Diese Durchmärsche dauerten bis Anfang Mai. Schlimmere Zeiten erlebte der „Fuchs“ im Mai des Jahres 1813. Da hörten die Durchmärsche der Heere nicht auf, das Plündern und Rauben schien kein Ende nehmen zu wollen. Was die Franzosen nicht nahmen, das begehrten die Russen. Am 12. Mai Vormittags entspann sich am „Fuchs“ nach dem Kapellenberge zu ein heftiger Kampf zwischen Russen und Franzosen. Der „Fuchs“ war von den Franzosen in ein festes Blockhaus umgewandelt worden. Die Steine, auf welchen die mächtigen Tore ruhten, sind noch heute zu sehen. Die Russen hatten den Kapellenberg, die Franzosen das Dorf Schmiedefeld besetzt. Bei diesem Kampfe gingen 39 Gebäude des Dorfes in Flammen auf. Die übrigen Gebäude des Ortes waren durch die Soldaten so arg zerstört worden, daß von 143 Gebäuden Schmiedefelds nur noch drei bewohnt werden konnten. „Der Fuchs“ war noch am besten weggekommen. Das feste Blockhaus hatte guten Widerstand geleistet. Jetzt wurde der „Fuchs“ zu einem Lazarett eingerichtet. Alle Räume desselben wurden mit Verwundeten aller Art angefüllt. Das Jammern war groß. Manche starben, noch ehe ärztliche Hilfe kam. Vom „Fuchse“ aus wurden die Verwundeten nach Dresden in das Hauptlazarett gebracht. Zu diesem Zwecke beorderte man die Bewohner der umliegenden Dörfer, mit Schubkarren nach dem „Fuchse“ zu kommen, um die Verwundeten auf denselben nach Dresden zu bringen. So mußten allein an einem Tage 300 Schubkarren auf dem „Fuchse“ eintreffen. Die Toten begrub man auf den umliegenden Feldern, wo sie heute noch ruhen, da ist der Russe neben den Franzosen gebettet. Beim Ackern und Drainieren sind wiederholt Waffenstücke gefunden worden. Da fand man Hufeisen, Waffenknöpfe, Sporen, auch Münzen. Erst vor wenigen Jahren fand der jetzige Besitzer des Gasthauses „zum Fuchs“, Herr Richter, einige Goldstücke, sogenannte Dukaten, auf einem Acker beim Kleehauen. Noch heute werden solche hier gefunden.

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Der „Fuchs“ bei Schmiedefeld.

Gebler, ein geborener Großröhrsdorfer, berichtet in seinen damals gemachten Aufzeichnungen folgendes:

„Am 22. Mai nach der Schlacht bei Bautzen kamen Scharen von Verwundeten auf allen Straßen zwischen Bautzen und Dresden. Diejenigen, welche nicht zu gehen vermochten, wurden auf Wagen und in Ermangelung [164] solcher, auf Schiebeböcken in’s Lazarett nach Dresden gefahren. Da gab es Jammer zu sehen! Verstümmelte Glieder, weitklaffende Wunden, – aber die Gewohnheit hatte das Gefühl abgestumpft. Da in den Ortschaften unserer Gegend Pferde und Wagen selten geworden waren, so mußten auch von hier aus viele Männer mit Schiebeböcken gestellt werden. So wurden denn die armen Menschen auf holprigen Wegen über Steine und Pflaster gefahren und lagen gewöhnlich nur auf ein wenig Stroh ohne weiche Unterlage. Manche Unbarmherzige schoben die scheinbar Toten von ihren Wagen oder Schiebeböcken und kümmerten sich nicht darum, ob sie auch die Augen wieder aufschlugen. Am 30. Mai mußte Großröhrsdorf 50 Schiebeböcke mit etwas Stroh versehen und zu jedem zwei starke Männer auf den „Fuchs“ bei Schmiedefeld schicken, um Verwundete nach Dresden zu fahren. In gleicher Weise mußte das Dorf am 4. Juni 40 Schiebeböcke auf den „Fuchs“ besorgen; wo die unglücklichen Passagiere auf gleichen Fuhrwerken von Bautzen her ankamen, und denselben Tag nochmalige 40 Schiebeböcke, bemannt wie die vorigen, ebenfalls auf den „Fuchs“. –

Was für ein Wogen und Drängen in jener Zeit auf dem „Fuchse“ gewesen sein muß, kann man daraus schließen, was der damalige Pastor Jacob in Schmiedefeld hierüber wörtlich berichtet:

„In diesem Jahre 1813 hatte Schmiedefeld an Einquartierung 4 Divisions- und 10 Brigadegeneräle, 32 Oberste, 28 Oberstleutnants, 49 Majore, 387 Oberoffiziere, 468 Unteroffiziere, 33884 Gemeine, 538 Pferde, für welche ebensoviel Rationen geschafft werden mußten, 213 Spannpferde. Dazu mußte das Dorf 80 Wagen und 2 Chaisen, 14 reitende und 144 Fußboten stellen. Die Mannschaften kosteten der Gemeinde 12657 Taler 16 Groschen, die Rationen für die Pferde 2294 Taler 4 Groschen, die Spannwagen 242 Taler 12 Groschen, die Boten 27 Taler 18 Groschen und die Hauptsumme 15322 Taler 2 Groschen. Was geliefert worden ist an Wagen, Vieh, Heu und Stroh, nebst der ganzen Ernte beträgt 43608 Taler 16 Groschen, nämlich 240 Taler 8 Groschen war die Lieferung und die Prästande, 43368 Taler 8 Groschen mit Inbegriff des Schanzens, Todtenbegrabens und Pferdeverscharrens.“

Bis in den Herbst 1813 hinein waren die Kriegslager in der Nähe des Fuchses aufgeschlagen. Die Bewohner des Fuchses und des nahen Dorfes hielten oft tagelang in den umliegenden Wäldern sich an verborgenen Schlupfwinkeln auf, da sie vielfach des Lebens nicht sicher waren. Nur zur Nachtzeit wagten sie sich schüchtern herbei, um zu sehen, wie alles stehe und ob ihr Heim noch erhalten sei oder nicht. Ließen die Bewohner sich sehen, so wurden sie oft mißhandelt und bis auf den Tod geängstet. Ruhigere Zeiten traten erst mit dem Jahre 1814 ein. Über das sonstige Verkehrsleben im „Fuchs“ vergl. „Schmiedefeld vor 60 Jahren“.

An die verkehrsreiche Zeit erinnern heute die großen Gastzimmer, der weite Hof, die große Küche, die umfangreichen Stallungen.

Der Aufenthalt auf dem „Fuchse“ ist auch heute noch nicht uninteressant. Die altehrwürdigen Gebäude reden zu dem, der Sinn für die Vergangenheit hat. Sie erinnern ihn lebhaft an den Wechsel der Zeiten. Die Jahrhunderte ziehen an seinem Geiste vorüber. Vor seinem Auge entrollt sich ein interessantes Bild nach dem anderen, von der Gründung der Bautzener Landstraße an bis zur Gegenwart.

Nimmt man Platz am Fenster des geräumigen Gastzimmers, mit dem Blick nach der Landstraße zu, oder setzt man sich zu längerer Rast an einem [165] Sommerabende unter die jahrhundertalte „Fuchslinde“ draußen im Garten, welche mit ihrem weitausgebreiteten Blätterdache das Gasthaus überschattet, dann nimmt man wahr, daß die Bautzener Straße, welche hier hart vorüberführt, auch heute nicht ganz verkehrsarm ist. Da jagen Kutschen und Landauer vorüber, Lastwagen schleichen träge dahin, Radfahrer und Automobilisten fliegen vorbei, Wanderer ziehen daher, und zum Abend finden sich auch einige Stammgäste aus den nächsten Dörfern auf dem „Fuchse“ ein, um hier nach getanem Tagewerke sich zu erholen, besonders ist das an Sonn- und Festtagen der Fall. Da nimmt man vielfach den „Fuchs“ als Wanderziel. Aber auch im Winter hat der „Fuchs“ bei Schmiedefeld seine Gäste. Selbst beim unfreundlichsten Wetter tritt noch ein Jäger mit seinem Hunde über die gastliche Schwelle, kehrt noch ein Last- oder Holzfuhrmann hier ein. Hat man dann seinen Platz neben dem dunklen Kachelofen, mit dem Blicke hinaus auf die Landstraße und hinüber nach dem Waldessaume, dann läßt es sich gemütlich hier sitzen und plaudern oder einsam seinen Gedanken nachhängen. Haben an einem Winterabend so verschiedene Gäste sich hier zusammengefunden, dann kommt es ab und zu auch vor, daß ein Alter im weißen Haare, der die früheren Zeiten noch kennengelernt hat, aus jenen vergangenen Tagen erzählt, während der Wintersturm durch’s Geäst der alten „Fuchslinde“ braust. Das klingt dann wie ein Märchen aus früheren Jahrhunderten.

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70. Ein Bild aus Schmiedefelds Vergangenheit.
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Das Postgut zu Schmiedefeld.

Am 15. März 1846 war es, als der erste Eisenbahnzug zwischen Radeberg und Bischofswerda verkehrte. Anfangs fuhren auf genannter Linie täglich nur zwei Züge, heute fahren jedoch mit Einschluß der Güterzüge weit über 100. – Der erste Eisenbahnzug wurde von den meisten Bewohnern der angrenzenden Ortschaften lebhaft begrüßt, und die älteren Leute können sich an jenen Tag noch sehr wohl erinnern. Weither kamen die Menschen und staunten die ersten Eisenbahnzüge an, und wer es wohl gar wagte, mit der Bahn zu fahren, dessen Heldenmut wurde bewundert. Die Eröffnung der Eisenbahn wurde aber nicht etwa von allen Bewohnern der umliegenden Orte gleich freudig begrüßt. Zu denjenigen Orten, welche diese neue Verkehrseinrichtung mit recht gemischten Gefühlen ansahen, gehörte auch Schmiedefeld bei Stolpen. Bis zur Eröffnung der Eisenbahn im Jahre 1846 war dieses Dorf ein sehr verkehrsreicher Ort, da täglich wiederholt die Post hier nicht nur durchfuhr, sondern auch Station machte. Schmiedefeld hatte damals eine große Posthalterei, an die heute das Postgut mit seinen umfangreichen Gebäuden erinnert. Gegen 80 Pferde waren hier stationiert, zumeist dänischer Rasse. Dazu waren vier

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Landfuhrwerk aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts.

[168] [169] Pferde aus der Schmiedefelder Posthalterei in dem „Sächsischen Reiter“ bei Thumitz-Demitz und vier Pferde in Weißig bei Dresden eingestellt. Schmiedefeld vermittelte hauptsächlich den Verkehr zwischen Breslau und Leipzig. Es verkehrten sogenannte Eilwagen und Stellwagen. Jeder Eilwagen faßte 12–14 Personen und hatte oftmals bis 12 Beiwagen, von denen ein jeder auch wieder bis 10 Personen Platz bot. Die sogenannten Beiwagen gingen auf „Extrarechnung“ und brachten dem Postmeister eine bedeutende Nebeneinnahme. Die Zahl der Reisenden betrug an einem einzigen Tage oftmals Hunderte.

Der Besitzer des Postgutes zu Schmiedefeld führte den Titel „Postmeister“ und erhielt vom Staate eine monatliche Entschädigung von 1000 Talern. Er war ein hochangesehener Mann, und man kannte ihn weit über Sachsens Grenzen hinaus.

Die ehemalige Poststraße, welche durch das Dorf geht und am Erbgerichte und Postgute vorüberführt, biegt am westlichen Fuße des Kapellenberges von der Bautzener Landstraße ab und vereinigt sich mit dieser erst wieder kurz hinter dem „Fuchs“.

Wenn die Post nach dem Dorfe einbog, dann blies der Postillon gewöhnlich ein lustiges Lied. Sowie man im Dorfe das Posthorn vernahm, entstand Leben unter den Dorfbewohnern. Neugierig traten die Leute heraus auf die Straße, oder sie lugten durch die geöffneten Fenster, um die Fahrgäste, die oft weither kamen, anzusehen. Andere eilten alsbald nach der Posthalterei, um hier einen Auftrag zu erhalten und sich behilflich zu zeigen. Die meisten Fahrgäste wanderten alsbald nach dem nahen Gasthause zum „Fuchs“ an der Bautzener Landstraße oder auch nach dem „Erbgericht“ an der Kirche. Hier im Erbgerichte fanden zu jener Zeit wiederholt berühmte Konzerte statt, die aus weitester Umgegend gern besucht wurden. Am Giebel des Herrenhauses befand sich damals ein Erker, auf dem sehr gern die Gäste zu Sommerszeit Platz nahmen und die Blicke über das Dorf nach dem idyllischen Wesenitztale schweifen ließen.

Reges Leben und Treiben herrschte in jenen Jahren aber auf dem „Fuchs“. Hier rasteten vor allen Dingen die Fuhrleute, welche Personen und allerlei Güter auf ihren ziemlich schwerfälligen Wagen beförderten. Oftmals blieben hier in einer Nacht so viele Leute, daß die Räume nicht ausreichten, alle unterzubringen. Kaum vermochten auch die Ställe alle Pferde zu fassen. Die Wagen füllten den Hof und bildeten auf der Bautzener Landstraße fast endlose Reihen. Schon nachmittags von 3 Uhr an trafen die Fuhrleute mit ihren Geschirren und Gästen ein. Ununterbrochen ging das nunmehr fort bis zum Anbruch der Nacht. Die spät eintreffenden Gäste mußten aber darauf gefaßt sein, weiterreisen zu müssen. Bald waren die beiden geräumigen Gaststuben von Gästen und Fuhrleuten dicht besetzt. Die Fuhrleute nahmen Platz in der jetzigen Gaststube, die Reisenden in der dieser gegenüberliegenden. Das Abschirren der Pferde, das Ordnen der Wagen war Sache der Hausknechte oder Schirrmeister. Drei Personen waren als solche tätig, und selbige mußten gewissenhafte und pflichttreue Leute sein. Ihre Einnahme war keine geringe, und mancher Hausknecht hat sich hier ein Vermögen erworben. –

Sobald die Fuhrleute, die eine große Rolle spielten und ihre besondere Fuhrmannstracht trugen, im Hofe ankamen, knallten sie einige Male tüchtig mit der Peitsche; ein Hausknecht sprang alsbald herzu und erhielt vom Fuhrmann die Zügel der Pferde zugeworfen. Darauf schritt der Fuhrmann nach der bezeichneten Gaststube, gesellte sich zu seinesgleichen und erhielt bald darauf [170] vom Wirte das sogenannte „Deichselbrot“ vorgesetzt, bestehend in Butter, Käse, Brot, Gurken, Zwiebeln, einer Stange Bier und Branntwein, und zwar einer Flasche „guten“ und einer Flasche „gewöhnlichen“. Kurze Zeit darauf, ehe die Fuhrleute in die Ställe gingen, um nach den Pferden zu sehen, bekamen sie Kaffee in einer riesengroßen Kanne vorgesetzt. Nachdem die Fuhrleute Kaffee getrunken hatten, wurde den Pferden Futter vorgeschüttet, und sodann schritt man zur Abendmahlzeit. Dieselbe[WS 24] bestand für gewöhnlich aus Suppe, Rindfleisch, zweierlei Gemüse, zweimal Braten und Nachtisch. Als solcher wurde eine große Schüssel Quark mit Zwiebeln aufgetragen. Zuletzt gab es Zigarren. Für das Deichselbrot und die Abendmahlzeit zahlten die Fuhrleute insgesamt 75 Pfennige. Die Einnahmen von den Fuhrleuten allein betrugen täglich 50–70 Taler.

Bevor die Fuhrleute zur Hauptmahlzeit schritten, verrichteten sie ihr Tischgebet. Selbiges sprach einer im Namen der anderen. Auch trug man solche Gebete in Abschrift oder Druck bei sich, las sie still für sich, oder man las sie auch laut vor. Ein Morgengebet der Fuhrleute, welches mir im Original zur Einsicht vorlag, lautete wörtlich folgendermaßen:

„Morgengebeth für Fuhrleude.

Habe Dank du Schutzpatron des Fuhrwesens, das du diese Nacht mein fürsprecher gewesen bist, bitte doch, auch heite für mich, das ich nicht in Unglück noch Schaden gerathe, erhalte mich und meine Pferde in guter gesundheit, damit ich das anvertraute Gut glücklich an Ort und Stelle bringen möge. Schenke auch Dauerhaftigkeit meinen Wagen und lasse weder Achse noch Räder brechen, denn ich Zitter, wenn ich in die Hände der fremden Schmiede und Wagner falle, weil schon so oft von ihnen geprellt ich bin, das mir die Augen übergegangen, bewahre mich auch vor den festwilligen Kammerdienern, welche in den Holwegen und Waldungen die Menschen ausziehen, denn das Lumbengesindel hat mir schon einigemahl Winde und Kette gestohlen. Regier du auch die Herren Kaufleute und schenke ihnen gegen mich eine edle und großmithige gesinnung, denn du weißt es ja am besten, das mir armen Fuhrleude auf Reisen die gekwältesten Menschen sind, vorzüglich bei kalter und nasser Witterung, so lenke auch die Hertzen der Herren Zolleinnehmer, und lasse sie denken, das wir kein arabisches golt, sondern Kaufmannsgütter geladen haben, und mit mir Christlich und billig verfahren möchen, mache doch die Befehlshaber der Wege und Straßen recht aufmerksam, die Straße in guten Stande zu halten, damit wir die Barren nicht umsonst bezahlen, und gäbe den Wegwärtern die gewalt nicht, die Fuhrleude so gottlos zu schäuern. Regier auch die Hertzen der Herren Gastwirthe, damit sie bey meiner Ankunft für gute verpflegung sorgen, und ich, nicht auf den Strohlager zitter wie ein Jud der Hängen soll. Behertzige doch auch die Wirthen, das nicht so viel Cigorie in den Caffe thut, die Doktoren behaupten ja, das dieses Blut mit wageschmiere und frühzeitig blinde Augen verursacht und man den ganzen Tage so froh wirde, wie ein Berliner Freudenmächtigen, wenn es spinnen soll, bewahre doch alle Wirthe für doppelter Kreute, und stoße sie in die Rippen, wenn sie ihr gewissen verletzen wollen, auch erinnere sie an ein gutes frühstück, welches wir mitnehmen wollen, dann will ich auch Knecht und Magd nicht vergessen. Erhören mich alle brafen Kauf-, Wirth- und Fuhrleude, andere Menschen möchen sehen, wie sie fertig werden. Amen!“

In einem anderen Zimmer speisten die Gäste. Dieselben konnten dasselbe Essen wie die Fuhrleute erhalten, doch mußten sie höhere Preise zahlen. Für verwöhntere Gaumen der Gäste gab es auch allerhand Geflügel, Fische, [171] Backhühner, Eierspeisen u. s. w. Man schlachtete auf dem „Fuchs“ damals wöchentlich 2 Rinder, 2 bis 3 Schweine, 3 bis 4 Kälber, dazu viele Fische, Gänse, Hühner und Tauben. Die damalige Köchin auf dem „Fuchs“, ein Weib von wahrer Hünengestalt und ausgestattet mit fast herkulischer Kraft, stand in dem Rufe der tüchtigsten Köchin, und ihr Name war bis Schlesien, ja bis Polen und Thüringen allgemein bekannt[16].

Nach der Abendmahlzeit wurde im geselligen Kreise oft noch stundenlang geplaudert. Da gab dann dieser und jener seine Erlebnisse zum besten, und oftmals war es bereits Mitternacht geworden, bevor man das Lager aufsuchte. Die meisten der Übernachtenden blieben in der Gaststube selbst. Auf den Bänken und zusammengestellten Stühlen machten sie sich ein Lager zurecht, da die Betten nicht immer zureichten; denn oftmals blieben hier über 150 Personen, in einer Gaststube manchmal allein bis 60 Personen.

Von den Fuhrleuten und Reisenden erwartete man, daß dieselben auch ein Scherflein der Ortskirche oder den Ortsarmen spendeten. Zu diesem Zwecke waren zwei Sammelbüchsen angebracht, die eine in der Gaststube der Fuhrleute, die andere im Vorhause. Beide Sammelbüchsen sind noch heute vorhanden und fest verschlossen. Als man sie vor mehreren Jahren nochmals öffnete, fand man in der einen sogar ein Goldstück vor. –

Mit Anbruch des Morgens begann es sich bereits wieder zu regen. Um 2 Uhr wurden die Pferde gefüttert, die Geschirre zurecht gemacht und die Wagen besorgt. Darauf schritten die Hausknechte durch das Haus und weckten durch Pochen an die Türen die Reisenden. In der Küche nahm nun die Köchin, die oftmals wochenlang in kein Bett kam, ihre Tätigkeit wieder auf. Bald füllten sich die Gaststuben mit Gästen und Fuhrleuten, und das erste Frühstück, Kaffee und Butterbrot, wurde aufgetischt. Auch waren Semmeln zu haben. Diese brachte ein Stellwagen aus Bischofswerda mit, der dann abends die leeren Körbe wieder mit zurücknahm. Nicht selten wurden für mehr als 1 Taler Semmeln nebenbei gebraucht, und doch galt die Semmel damals für einen Leckerbissen. Vor Aufbruch bekamen die Fuhrleute noch Butterbrot mit Braten besonders eingewickelt mit auf den Weg und zwar als eine kleine Liebesgabe des Wirtes und der Wirtin; denn mit den Fuhrleuten durfte es [172] in jener Zeit ein Gastwirt ja nicht verderben, wenn er nicht jahraus, jahrein meist ein leeres Haus haben wollte. –

Hatten die Reisenden Platz auf den Wagen genommen, dann wurde vom Hausknechte dem betreffenden Fuhrmanne die Peitsche in die Hand gedrückt, wofür derselbe als Trinkgeld ein 2½- oder 5 Groschenstück zugeworfen bekam. Nachdem der Fuhrmann zum Zeichen der Abfahrt einige Male laut mit der Peitsche geknallt hatte, zogen die Pferde rasch an und – fort ging es. Im Sommer früh um 4 Uhr, im Winter um 7 Uhr rollte der letzte Wagen vom „Fuchs“ weg. War viel Vorspanne nötig, dann eilten am Abende vorher reitende Boten des Herrn Postmeisters in die umliegenden Dörfer und machten dort durch Horn-, bezw. Trompetensignale sich bemerkbar. Das war ein Zeichen, daß am andern Morgen auf dem „Fuchs“ oder in der Postmeisterei Vorspannpferde nötig waren.

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Dorfstraße in Schmiedefeld.

Vorspannpferde stellten nicht immer die Bauern, nein, selbst Häusler hielten sich solche Pferde und verdienten sich damit viel Geld. Letztere konnten ja auch die Sache viel besser ausnützen als die Bauern, die oftmals durch dringende Feldarbeiten verhindert waren, Vorspanndienste zu leisten. Noch heute leben in den Nachbardörfern Schmiedefelds sogenannte Häusler, welche ehemals zwei und noch mehr Pferde hielten. Im „Fuchs“ war damals Raum [173] für 60 bis 70 Pferde, und wiederholt reichten die Stallungen nicht zu. Auch hatte der Fuchswirt selbst 12 Pferde, und trotzdem waren an vielen Tagen noch 30 bis 50 Pferde zur Vorspanne aus der Umgegend nötig. Ein großer Futterkasten, der noch jetzt vorhanden ist und 12 Scheffel Hafer faßt, mußte täglich 2 bis 3mal gefüllt werden. Im Durchschnitt wurden jährlich 3 bis 5000 Zentner Hafer gebraucht. Besonders lebhaft gestaltete sich der Verkehr zur Zeit der Leipziger Messe, wenn die Kaufleute von Osten nach Westen zogen. Das waren dann Tage, an welchen der Fuchswirt und seine Leute Wochen hindurch zu keiner Ruhe kamen.

Wenn die Postkutscher Schmiedefeld verließen und die Richtung nach Dresden einschlugen oder von da kamen, so stimmten sie in der Nähe des heutigen Schmetterholzes, das damals noch weit ausgedehnter war, ein lustiges Stücklein auf dem Posthorne an, sodaß es weit in den Wald schallte und herrlich wieder herausklang. Und weil die Postknechte in jenem stillen Walde, den die Bautzener Landstraße zwischen Fischbach und Schmiedefeld durchkreuzt, stets ein „Liedlein schmetterten“, so nannte man den Wald „das Schmetterholz“, welchen Namen er heute noch führt. (Vgl. Nr. 73!)

Nachdem die Bahnlinie Dresden–Bischofswerda–Bautzen–Görlitz eröffnet worden war, ließ der Verkehr in Schmiedefeld nach. Mit der Zeit wurde die Personenpost eingestellt, nur zwischen Schmiedefeld und der früheren Haltestelle Fischbach bei Arnsdorf verkehrte täglich zweimal eine Brief- und Packetpost, die gelegentlich wohl auch Personen mitnahm. Mit den Jahren wurde auch diese eingestellt. Der Postmeister von Schmiedefeld hielt nunmehr nur noch so viele Pferde, als er zur Bestellung seiner Felder und zur Verwaltung seines Gutes nötig hatte. Auch im „Fuchs“ wurde es stiller, die meisten Fuhrleute blieben nach und nach aus, da ja nun die Eisenbahn Personen und Güter billiger und schneller beförderte. Wenn mancher Fuhrmann über die neue Einrichtung wetterte und ihr kein langes Bestehen voraussagte, so fand er sich mit der Zeit doch eben auch in das Unvermeidliche und mußte dazu noch zu der Überzeugung kommen, daß der Eisenbahn die Zukunft gehöre.

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71. Der aufgefundene Schatz in Schmiedefeld.

Nach einer alten Sage, die in der Stolpener Gegend von Mund zu Mund geht, sollen in Schmiedefeld, wie das auch anderorts geschehen ist, zu Kriegszeiten Schätze vergraben worden sein, um solche vor der Habgier der plündernden Krieger sicherzustellen. Besonders wurde das Geld an recht verborgenen Stellen vergraben. Die betreffenden Besitzer wußten oft nur allein darum. Vielfach befanden sich solche Leute wochenlang auf der Flucht oder in Schlupfwinkeln, fern von der heimatlichen Stätte. Da raffte sie dann wohl schleichende Krankheit plötzlich hinweg. Sie nahmen das Geheimnis mit hinab in das Grab. So mag noch heute manch ein vergrabener Schatz auf die Erlösungsstunde warten.

Daß die Sage aber berechtigt ist, hat am 12. Mai 1898 ein Fund in Schmiedefeld von neuem bestätigt. Der Wirtschaftsbesitzer Hermann Wächter fand im Keller unter seinem Wohnhause beim Wegräumen eines kleinen dortselbst befindlichen Hügels einen irdenen Topf mit 160 Stück Silbermünzen, die alle noch recht gut erhalten und nur teilweise mit Grünspan überzogen waren. Der Topf ging beim Hacken leider in Scherben, wird aber vom Finder aufbewahrt. Das Gepräge sämtlicher Münzen war noch sehr scharf. Unter diesen Münzen befanden sich preußische, kursächsische und österreichische. Der Fund enthielt 5 Speziestaler, die übrigen Münzen waren zumeist markgroße Stücke, zum größten Teile 1/3 Gulden. Die älteste Münze stammte aus dem Jahre 1750, die jüngste von 1812. Der frühere Wert der aufgefundenen Münzen mag gegen 150 M betragen haben.

Im Jahre 1813 durchlebte Schmiedefeld seine Schreckenstage. Das Haus, in dessen Keller der erwähnte Schatz am 12. Mai 1898 aufgefunden wurde, war eins von den wenigen Gebäuden des Dorfes, die an jenem Schreckenstage von den Flammen verschont worden waren. Wie der jetzige Besitzer erzählte, habe in diesem Hause damals ein Gemüsehändler mit Namen Hempel gewohnt. Wahrscheinlich war von diesem das aufgefundene Geld in Sicherheit gebracht worden. Derselbe ist aber jedenfalls ein Opfer des Nervenfiebers geworden und hat das Geheimnis von dem vergrabenen Schatze mit in das Grab genommen.

[175] Der glückliche Zufall wird gewiß auch noch anderorts derartige Schätze an das Tageslicht bringen. Beim Abbrechen alter Gebäude, beim Grundgraben neuer, beim Drainieren und Planieren, beim Anlegen von Brunnen, beim Ausheben von Gräben, Anlegen von Wegen, Ausroden alter Bäume, beim Anpflanzen neuer, beim Ackern und Graben gebe man recht gewissenhaft acht auf die durchwühlte Erdmasse. Bei diesen bezeichneten Arbeiten sind schon wiederholt Schätze aufgefunden worden. Die neueren Funde beweisen aber wieder und immer wieder, daß die Sagen von vergrabenen Schätzen ihre gewisse Berechtigung haben.

[176]

72. Ein interessantes Grabdenkmal auf dem Kirchhofe in Schmiedefeld.

An der westlichen Außenseite der Kirche in Schmiedefeld bei Stolpen befindet sich ein interessantes Grabdenkmal. Dasselbe ist gegen 2 m hoch, dreiseitig und schließt oben mit einer Urne ab, welche die Inschrift trägt:

„Den Teuern Manen.“
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Denkmal an der Westseite der Kirche zu Schmiedefeld.

Eine einfache Eisenstange dient als Geländer. Überschattet wird dieses Denkmal zum Teil von Fliedersträuchern. Der Denkstein lehrt, wie oftmals schwere Prüfungen doch über einzelne Familien kommen. Hier ruhen drei Töchter des ehemaligen Pfarrers M. Christian Gottlieb Müller, der von 1781 bis 1813 Pastor zu Schmiedefeld und Harthau war. Ihm wurden drei seiner Kinder im blühendsten Alter kurz hintereinander entrissen. Der Tod seiner lieben Töchter beugte den so schwergeprüften Mann zwar sehr, doch tröstete er sich auch wieder mit dem frommen Dulder Hiob, der da sprach: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ –

Dieses Grabdenkmal trägt folgende Inschriften:

Herrn
M. Christian Gottlieb Müller’s treuverdienter
Pastoris zu Schmiedefeld und Harthau,
geb. zu Döbeln den 25. Nov. 1743,
gest. den 8. März 1816 in Bischofswerda,
wo seine irdische Hülle ruht.
————
Dreier
hier schlafender Töchter Herrn
Pastor M. Müllers,
Johannen Christianen Friederiken,
geb. zu Schmiedefeld den 16. Aug. 1782,
gest. den 20. Mai 1801;

[177]

Augusten Theodoren,
geb. zu Schmiedefeld den 1. Oktbr. 1785,
gest. den 7. Juli 1801 und

Concordien Wilhelminen
geb. zu Schmiedefeld den 25. April 1788,
gest. den 31. Mai 1801.
Sie starben als ein Opfer des Scharlachfiebers.
————
Frauen
Johannen Friederiken Müller, Herrn
Pastor M. Müller’s zu Schmiedefeld Ehegenossin,
geb. den 3. Septbr. 1757 zu Dresden aus dem
von 1759 in Neustadt bei Stolpen lebenden
Vogel’schen Hause, gest. den 10. Aug. 1813
zu Sebnitz, wo sie das Grab umschließt.
————

Pastor M. Müller zu Schmiedefeld erfuhr aber auch noch andere schwere Prüfungen. Er war noch an jenem denkwürdigen 12. Mai 1813 Pfarrer in Schmiedefeld. Wiederholt war der Ortspfarrer vorher schon von plündernden Soldaten ausgeraubt worden. Obgleich die meisten Ortsbewohner geflohen waren, blieb doch der wackere, mutige und pflichttreue Pfarrherr M. Müller mit seinem damaligen Substituten, seinem späteren Nachfolger P. Jacob, im Orte. Beide mußten aber die größten Drangsale erdulden und waren manchmal des Lebens nicht mehr sicher. Aus Mangel an den notwendigsten Lebensbedürfnissen und unvermögend, den sich stündlich mehr häufenden und steigernden Anforderungen der Soldaten noch zu genügen, sahen die beiden Geistlichen des Ortes ebenfalls sich genötigt, Schmiedefeld zu verlassen. Sie flohen am 10. Mai 1813 heimlich mit der Post und nahmen, bei Nacht reisend, ihren Weg mit derselben über Neustadt nach Böhmen. Im Grenzdorfe Lobendau wurde das erste Halt gemacht. Pfarrsubstitut Jacob blieb bei dem katholischen Ortsgeistlichen zu Lobendau, Pfarrer Schulze, und fand hier eine liebevolle Aufnahme. Pastor M. Müller blieb in Sebnitz bei seinen Verwandten, bei denen seine liebe Frau, die schwer erkrankte, ein Vierteljahr später starb.

Allein mußte Pastor M. Müller nach Schmiedefeld zurückkehren. Aber wie traurig sah es doch hier aus! Schmiedefeld war am 12. Mai 1813 in Flammen aufgegangen, und auch das Pfarrhaus nebst Kirche und Schule waren in einen einzigen Trümmerhaufen verwandelt worden. Der Ortspfarrer M. Müller hatte all’ sein Hab und Gut dabei verloren. Der schwergeprüfte Mann, dessen Gesundheit auch sehr gelitten hatte, war nicht vermögend, seines Amtes mehr zu walten. Er mußte in den Ruhestand treten. Pastor M. Müller zog später nach Bischofswerda, wo er am 8. März 1816 zur ewigen Ruhe einging. Sein Nachfolger wurde sein bisheriger Substitut Jacob, der von 1813 bis 1860 Pfarrer von Schmiedefeld gewesen ist und dessen Aufzeichnungen wir so manche wertvolle Kunde über die Vergangenheit dieses Dorfes verdanken.

[178]

73. Der Gedenkstein im Schmetterholze.

Zwischen den Dörfern Fischbach und Schmiedefeld bei Stolpen dehnt sich eine größere Waldfläche aus. Dieselbe bezeichnet der Volksmund als das Schmetterholz. Vgl. Nr. 70.

Durch das Schmetterholz führt die Bautzener Landstraße, welche den Wald in eine nördliche und in eine südliche Hälfte teilt. Auf der südlichen Seite steht hart neben der Landstraße, nur wenige Schritte von da, wo der Wald von Schmiedefeld her beginnt, ein verwitterter Stein. Derselbe trägt die Zeichen:

G. S. F. und die Jahreszahl 1793.

Dieser Gedenkstein erinnert den Wanderer an eine schauerige Tat. Hier wurde ein Fleischer und Viehhändler aus Schmiedefeld, der zum Viehmarkte zog, meuchlings ermordet und seiner Barschaft beraubt. Nun soll es aber heute an dieser Stätte nicht geheuer sein. Hier wird der Wanderer, der etwa nachts die einsame Landstraße dahinzieht, vielfach geängstet und erschreckt. Aus dem Walde heraus vernimmt er lautes Hundegekläff, Pferdegetrappel, lautes Hussaschreien, das allmählich in der Ferne verstummt; auch Schellengeläute hört er hinter sich, es klingt, als wenn ihm ein Schlitten nachgejagt komme. Oftmals sieht er auch über die Landstraße vor sich her ein graubärtiges Männchen schweben, das aus der südlichen Waldseite tritt, quer die Landstraße kreuzt und auf der nördlichen Waldseite spurlos verschwindet. Schon manchem nächtlichen Wanderer ist dieses gespenstische Männchen an jener Stelle erschienen. Man nennt es allgemein „das graue Männchen“. Selbst solchen Personen ist es wiederholt begegnet, die nicht gerade zu den Furchtsamen und Abergläubigen gehören. Forstleute, Waldarbeiter und Fuhrleute sind im Schmetterholze manchmal geäfft worden. Das graue Männchen scheint aber harmloser Natur zu sein, man hat noch nicht gehört, daß dasselbe jemandem ein Leid zugefügt habe.[17]

[179]

74. Der Kapellenberg bei Schmiedefeld.

Zwischen Schmiedefeld und Großharthau liegt hart an der Bautzener Landstraße ein Hügel, der Kapellenberg genannt. Fruchttragende Felder ziehen sich in langen Streifen rings hinauf. Oben befindet sich ein Steinbruch, der zum Häuser- und Straßenbau brauchbares Material liefert. Seit 1900 ist auch ein Gerüst aufgestellt, daß der Landesvermessung dient.

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Schmiedefeld um 1840.

Der unscheinbare Kapellenberg eröffnet eine Rundsicht, mit der man wohl zufrieden sein kann. Ein gar liebliches und lachendes Landschaftsbild liegt da ringsum ausgebreitet. Man überschaut zunächst in westlicher Richtung das an den Fuß des Berges sich schmiegende Dorf Schmiedefeld, darüber hinaus die stolz sich emporreckende, alte Feste Stolpen mit der von ihr seit Jahrhunderten bewachten gleichnamigen Stadt. Darüber hinaus grüßen dich die Höhen der vielbesuchten Sächsischen Schweiz und aus noch weiterer Ferne der langgestreckte, blauumsäumte Bergrücken des Erzgebirges. In nordwestlicher und nördlicher Richtung überblickt man ein rauschendes Waldmeer, die sagenumklungene Masseney, dazu eine Anzahl gesegneter Ortschaften. Von Osten her grüßt das im Tale sich hinziehende Dorf Großharthau mit den stattlichen Gebäuden eines fürstlichen Rittergutes und Schlosses, in dem Napoleon I. zu wiederholten Malen Quartier nahm, und an dessen Aufenthalt noch verschiedene Gegenstände erinnern. Den östlichen Horizont schließen dann die bewaldeten Höhen des Lausitzer Berglandes ab, unter denen der Valtenberg sich besonders bemerklich macht. In südlicher Richtung überschaut man das reizende Tal der Wesenitz, dazu eine Anzahl Dörfer, Fluren und Berge. Der Kapellenberg bei Schmiedefeld kann manchem Berge, der auf seinem Rücken einen stolzen [180] „Luginsland“ trägt, würdig zur Seite gestellt werden; denn die Aussicht, welche er seinen Besuchern bereitwilligst erschließt, ist eine entzückende und weitumfassende. Schon aus diesem Grunde verdient der Kapellenberg bei Schmiedefeld Beachtung. Es gehen alljährlich viele Wanderer an ihm vorüber, ohne seiner zu achten, macht ja auch kein Wegweiser auf diesen Hügel besonders aufmerksam. Und doch verdient dieser Berg nicht bloß wegen der Fernsicht, die er bietet, einen Besuch, sondern auch wegen der geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an ihn knüpfen. Ja, auch die Sage weilt am Kapellenberge; denn

„Die Sage wandelt sinnend durch’s Land von Ort zu Ort
Und pflanzt in ihrem Garten der Dichtung Blumen fort.
Sie flüstert in Ruinen, sie lauscht am Felsenhang,
In Hainen rauscht ihr Flüstern wie ferner Harfenklang.
Sie schwebt um stolze Burgen, sie weilt beim Halmendach,
Sie thront auf Felsensteinen, sie spielt am Waldesbach,
Sie hat sich mit dem Lande so liebendtreu vermählt,
Daß sie fast allerorten von alter Zeit erzählt.“ –

Um das Jahr 1100 breitete sich zwischen Dresden und Bautzen eine von Menschen fast noch unbewohnte Waldfläche aus, in der aber umsomehr Bären und Wölfe hausten; denn die meisten der Dörfer, welche sich heute in dieser Gegend mit ihren fruchtbaren Fluren ausbreiten, standen damals noch nicht. Auf großen Umwegen führte durch diese ausgedehnte Waldgegend von Dresden nach Bautzen eine uralte Straße über Pulsnitz. Das war die Heidenstraße. Zur näheren und besseren Verbindung der beiden erstgenannten Städte wurde in der Mitte des 12. Jahrhunderts ein neuer Verkehrsweg gebaut, welcher dieses einsame Waldgebiet mitten durchschnitt. Nun vereinsamte die alte Heidenstraße mehr und mehr, und der Hauptverkehr entwickelte sich auf der neuerbauten Landstraße. Dieselbe ward alsbald eine der verkehrsreichsten Straßen unseres Vaterlandes und ist es gewesen bis 1846, in welchem Jahre die neuerbaute Eisenbahnlinie „Dresden–Görlitz“ eröffnet wurde.

Nach Vollendung der neuangelegten Landstraße wurde auf einem dem Dorfe Schmiedefeld nahen Hügel, dem heutigen Kapellenberge, um das Jahr 1200 eine Kapelle erbaut. Zur Erbauung derselben hatte jedenfalls die neue Handelsstraße die Veranlassung gegeben, da man in früheren Jahrhunderten an verkehrsreichen Straßen und Wegen gern Kapellen errichtete, um dem Wanderer Gelegenheit zu bieten, seine religiösen Bedürfnisse befriedigen zu können. Es mögen darum einst hier oben manche Wanderer in frommer Andacht die Knie gebeugt und ihre Gebete verrichtet haben. Heute ist freilich von jener Kapelle nichts mehr zu sehen. Mit der Zeit ist sie verfallen und das Mauerwerk spurlos verschwunden. Vielleicht haben seiner Zeit die behauenen Steine Verwendung bei irgend einem Hausbau in Schmiedefeld gefunden. Heute weiß man kaum noch mit Sicherheit anzugeben, wo die Grundmauern der einstigen Kapelle gestanden haben. Auch kennt niemand das Jahr, in welchem das Kirchlein, das ein wundertätiges Marienbild enthalten haben soll, zerstört wurde oder verfallen ist. Nur der Name ist am Berge bis in unsere Tage haften geblieben.

Nun berichtet auch die Sage über ihn, und diese erzählt uns folgendes:

Im Innern des Kapellenberges ruht ein unermeßlicher Schatz, bestehend aus Gold und Edelsteinen. Derselbe wird von einem graubärtigen Männlein, einem Mönche, wie die Leute sich erzählen, bewacht. Der Schatz ist in einem hohen Gewölbe aufbewahrt, zu dem ein langer und weiter Gang führt. In manchen Nächten ist der Eingang zu diesem unterirdischen Gewölbe am Berge deutlich sichtbar. Wer ihn sieht, dem ist der Weg zum Glücke geöffnet. Von [181] den aufgehäuften Schätzen kann er dann nehmen, soviel er nur will, nur darf der Glückliche kein Wort sprechen, sonst geht ihm das winkende Glück wieder verloren. – Vor Jahren, als noch die Postwagen zwischen Dresden und Bautzen verkehrten und die hellen Klänge des Posthornes in Schmiedefeld gehört wurden, geschah es in einer mondhellen Frühlingsnacht, daß einem Postknechte, der eben am Kapellenberge vorüberfuhr und ein lustiges Stücklein geblasen hatte, vom Berge her ein graubärtiges Männlein winkte. Der Postknecht hält die Pferde an, und da gerade niemand im Postwagen sitzt, steigt er vom Bocke herunter und geht beherzt auf die ihm winkende Gestalt zu. Ein kleiner Mann in brauner Mönchskutte fordert ihn auf, ihm zu folgen, aber auf dem Wege hin und zurück kein Wort zu sprechen. Es werde sein Glück sein. Das Männlein geht voran, furchtlos folgt der Postknecht. Da öffnet sich plötzlich der Berg. Ein weiter und hellerleuchteter Gang liegt vor ihnen. Beide treten ein. Von den Wänden und der Decke des Ganges flimmert und glitzert es in wundervollem Glanze. Der Gang endet in einem hohen und weiten Gewölbe. Hier sind Goldstücke und Edelsteine in riesengroßen Braupfannen aufbewahrt. Der staunende Postknecht erhält nun die Weisung, nur zuzugreifen. Das tut dieser auch und füllet mit Goldstücken und Edelsteinen seine Taschen. Dann springt er aber vor freudiger Erregung auf das graubärtige Männlein zu, erfaßt dessen eiskalte Hand und ruft überglücklich aus: „Ich danke Euch!“ – Doch, o weh! Da geschieht plötzlich ein donnerähnlicher Krach. Der Mönch verschwindet und stößt Klagerufe aus. Das Gewölbe bebt. Die Erde zittert. Der leichtfertige Postknecht aber wird von unsichtbaren Händen erfaßt und fortgeschleudert, so daß er besinnungslos am Boden liegen bleibt. Als der Unvorsichtige aus seiner Ohnmacht erwachte, lag er draußen am Berge auf einem Feldrande. Jenseits des Grabens standen ruhig die Pferde mit dem Postwagen. Die Straßenbäume warfen eigentümliche, fast gespenstische Schatten. Der Postknecht raffte sich auf, in seinen Gliedern fühlte er furchtbaren Schmerz. Nur mit Müh und Not erkletterte er wieder seinen Kutschbock. Nun fuhr er in das Dorf hinein, wo man ihn längst erwartet hatte. Über das Erlebte schwieg er. Am andern Morgen findet er in seinen Taschen anstatt der Edelsteine und Goldstücke Lehmklumpen und kleine Feldsteine. So hatte der arme Postknecht durch seinen wohlgemeinten Dank das ihm winkende Glück verscherzt. Er ist seit jener Nacht noch oftmals am Kapellenberge, ein lustiges Stücklein blasend, vorübergefahren, aber den Gang zu dem im Berge verborgenen Schatze hat er nicht wieder gesehen.

[182]

75. Die Kirche zu Grossharthau.

Hart an der Bautzener Landstraße steht in unmittelbarer Nähe des Schlosses zu Großharthau das Gotteshaus dieses Ortes. Die Erbauung des gegenwärtigen Gotteshauses fällt in die Jahre 1793 und 1794. Dasselbe wurde am 23. November des letztgenannten Jahres eingeweiht. Es ruht auf dem Grunde der früheren Kirche, die am 15. August 1793 bei einem schweren Gewitter, das vier Stunden hindurch über Harthau tobte, durch einen Blitzstrahl eingeäschert wurde. Bei diesem Brande ging auch die wertvolle Kirchenbibliothek vollständig verloren. Dieselbe war am 14. Juni 1736 von der Gräfin v. Flemming der Kirche geschenkt worden. Diese Büchersammlung zählte damals 397 Bände, hatte sich aber bis zum Jahre 1752 schon auf 1013 Bände erweitert. Beim Kirchenbrande soll diese Bibliothek gegen 2000 Bändchen gezählt haben. Diese kostbare Bücherei wurde bis auf den Katalog ein Raub der Flammen. Derselbe befand sich an jenem Unglückstage zufällig in der Schule, die unbeschädigt blieb, obgleich um dieses hölzerne, mit Stroh gedeckte Häuschen die Feuerflammen von allen Seiten wogten. – Die eingeäscherte Kirche stammte aus dem Jahre 1662 u. war am 30. Novbr. dieses Jahres geweiht worden. Erst im Jahre 1692 erhielt sie einen Turm. Eine Orgel erbaute für diese Kirche der Ortskantor Jakob Uhlisch.

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Kirche zu Großharthau.

Die im Jahre 1662 abgebrochene Kirche stammte aus dem 13. Jahrhunderte und befand sich in einem sehr schlechten Zustande. Im Jahre 1559 [183] wurde die Reformation in Harthau eingeführt. Die Kirche, welche bis dahin Pfarrkirche gewesen war, wurde auf eine kurze Zeit Filialkirche von Frankenthal, seit 1575 aber von Schmiedefeld. 36 Jahre hindurch vor Einführung der Reformation war in Harthau kein Gottesdienst abgehalten worden. Die Ortsbewohner besuchten damals die Kirche zu Goldbach, da Harthau keinen Geistlichen hatte und bekam; denn der Bischof wollte keinen evangelischen und die Gemeinde keinen katholischen.

Unter dem Fußboden des Schiffes der Kirche zu Großharthau befindet sich die herrschaftliche Gruft, in welcher die früheren Besitzer des Schlosses ruhen. Hier unten stehen auch die Särge der Gräfinnen Christiane Charlotte von Flemming, geb. Gräfin von Watzdorf, gest. 1738, und Friedericke, Gräfin von Einsiedel. Im Jahre 1779 wurde der letzte Tote in diese Gruft gebettet und zwar der im Schlosse verstorbene Kgl. preuß. Major v. Letöffel. Seit diesem Jahre ist die Gruft nicht wieder geöffnet worden. Dieselbe ist durch große Steinplatten mit starken Eisenringen äußerlich gekennzeichnet, an der Außenseite der Umfassungsmauer des Gotteshauses durch ein kleines Fenster, durch das etwas Licht in die Gruft einfällt.

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Harthau um 1840.

Die Glocken der Kirche stammen aus dem Jahre 1793 und wurden von Michael August Weinhold in Dresden gegossen. Die Orgel wurde im Jahre 1821 erbaut und zwar von dem Orgelbauer Trampeli jun. in Adorf. Sie kostete „600 Thaler“.

In große Gefahr kam das Gotteshaus zu Harthau im Kriegsjahre 1813; denn da Harthau an einer alten Heerstraße liegt, hatte es stets viel zu leiden. Die Kirche bildete damals wiederholt die Zufluchtsstätte der Bewohner, aber auch zu Zeiten das Quartier der Franzosen. Das Gotteshaus wurde sogar zum Wacht- und Schlachthaus von diesen benützt. Die Kanonen waren auf dem Kirchhofe aufgestellt und dieser in eine Festung umgewandelt worden. –

[184]

76. Wunderbare Rettung.

In früheren Jahren fanden manche Bewohner Großharthaus bei Bischofswerda Lohn und Brot in den Sandsteinbrüchen des Elbtales, wohin sie Montags früh wanderten und am Sonnabend in die Heimat zurückkehrten, um den Sonntag bei den Ihrigen zu verleben. Am 11. Mai 1829 durcheilte Großharthau eine Schreckensbotschaft. Drei Harthauer Bewohner, die ledigen Brüder Carl Zimmermann und Johann Gottlieb Zimmermann, ferner der verheiratete Hausbesitzer Richter, arbeiteten damals in den sogenannten weißen Brüchen oberhalb des Städtchens Wehlen. Seit Wochen hatten die Steinbrecher an der Hohlmachung einer mächtigen Sandsteinwand gearbeitet. Wider alles Erwarten aber und gegen die Berechnung der Arbeiter löste sich mitten in der Arbeit die betreffende Felswand unter donnerähnlichem Krachen und begrub sämtliche Steinbrecher unter sich, dreizehn an der Zahl, darunter auch die drei Steinbrecher aus Harthau. Weithin im Elbtale war der Donner vernommen worden, und mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht von dem entsetzlichen Unglücke. Hilfreiche Menschen eilten in Scharen herbei, um die Verschütteten zu befreien. Fünf Tage hindurch arbeiteten die Retter unablässig an der Wegräumung der hohen Trümmermassen, aber man fand nichts weiter als furchtbar entstellte Leichen. Man gab jede Hoffnung, daß der eine oder andere von den Verunglückten noch am Leben sei, auf. Schon standen die Särge bereit, die Leiber der Unglücklichen aufzunehmen. Am 17. Mai nachmittags stießen die Retter auf eine Höhle, und plötzlich merkten dieselben, daß sich in dieser etwas Lebendiges rege. Fünf der Verschütteten waren noch am Leben, darunter der ältere der Gebrüder Zimmermann aus Harthau, Carl Zimmermann. Man zog sie heraus, und alle dankten mit Tränen in den Augen Gott für die wunderbare Rettung; denn durch ein wahres Wunder waren diese fünf Steinbrecher gerettet worden. Beim Einsturze der riesigen Felswand hatte es sich gefügt, daß diese an eben der Stelle, wo sich die fünf Geretteten befanden, eine Höhle bildete. „In dieser Höhle nun, in welche kein Strahl der Sonne, kein rettender Arm einzudringen vermochte, hatten diese Unglücklichen, in einem engen Raume zusammengedrängt, auf naßkaltem und hartem Felsengrunde, jeder wärmenden Bedeckung entbehrend und ohne auch nur Brot und Wasser zu ihrer Erhaltung zu haben, von Hunger, Durst und Frost gefoltert, umgeben von den Leichen ihrer erschlagenen Kameraden, sechs Tage und sechs Nächte qualvoll geschmachtet und an ihrer Erlösung bereits zu verzweifeln angefangen.“ –

Aus Verzweiflung hatten einige der Geretteten, um ihren furchtbaren Hunger zu stillen, Fleisch von dem Leichnam eines ihrer erschlagenen Mitarbeiter gegessen. Endlich sollte die Stunde der Errettung kommen. Der Kerker öffnete sich zu ihrer Befreiung. Vor Ermattung vermochten sie kaum aufrecht sich zu erhalten, und man brachte die Geretteten nach Stadt Wehlen in treue Pflege, wo sie nach einigen Wochen wieder soweit hergestellt waren, daß sie ihre Arbeit aufnehmen konnten. Von den furchtbaren Qualen, welche sie als Lebendigbegrabene in jener Höhle fast 7 Tage hindurch ausgestanden hatten, konnten sie nicht genug erzählen.

Unter den von der Felswand Erschlagenen befanden sich die beiden Harthauer Joh. Gottlieb Zimmermann und Richter. Der untröstliche Vater der Gebrüder Zimmermann war, nachdem er Kunde von dem entsetzlichen Unglücke erhalten hatte, sofort von Harthau nach Wehlen geeilt. Tage hindurch wohnte er den [185] Rettungsarbeiten bei und hatte den Trost, doch noch den einen seiner verunglückten Söhne gerettet zu sehen und unter den Lebenden zu wissen. Pastor Jacob schreibt hierüber in seinen „Erinnerungen“ wörtlich folgendes: „Als ich den geretteten der beiden Brüder Zimmermann aus Harthau Tags darauf in der Stadt Wehlen besuchte, wohin man ihn nebst seinen vier Unglücksgefährten gebracht hatte, eilte der Vielgelittene, so schwach er auch war, sogleich von seinem Lager auf mich zu und fiel mir, vor Freuden weinend, um den Hals. Welch ein Wiedersehen! Nie werde ich dasselbe vergessen!“

Der gerettete Carl Zimmermann ist den älteren Bewohnern Großharthaus noch sehr wohl bekannt. In Harthau, wo er nach dem durchlebten Unglücksfalle auch ferner ansässig und wohnhaft war, ist er später als Schulkassierer und Schlachtsteuereinnehmer des Ortes Jahrzehnte hindurch in aller Treue tätig gewesen und war ein hochgeachteter Mann in der Gemeinde. Auf dem Kirchhofe zu Großharthau findet man sein Grab.

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77. Schlangen im Schloss zu Grossharthau.

Bis vor Jahren bildeten seit Menschengedenken unheimliche Schlangen im Schlosse zu Harthau eine große Plage. Dieselben waren in sämtlichen Räumen desselben vertreten, vor allen Dingen in den Wirtschaftsgebäuden. Sie belästigten das Gesinde beim Füttern des Viehes, beim Streuen und Stallreinigen. Die Schlangen nahmen Aufenthalt in den Trögen, im Dünger, im Heu und Stroh. Selbst in den Betten des Gesindes hielten sie sich auf. Furcht und Entsetzen ergriffen die Knechte und Mägde. Sie wechselten darum schnell den Dienst und waren von Herzen froh, wenn sie wieder gehen konnten. Noch heute leben in Großharthau und in den umliegenden Dörfern alte Leute, die einst im Rittergute dieses Dorfes gedient haben und unter der Schlangenplage viel zu leiden hatten. Sie können nicht genug erzählen von jenen unheimlichen Geschöpfen.

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Auch in der Umgegend des Schlosses verbreiteten die Schlangen Furcht und Schrecken. Im Schloßparke waren sie eine allgewöhnliche Erscheinung. Selbst im Wallgraben, welcher das eigentliche Schloßgebäude, das Herrenhaus, umgibt, waren sie vorhanden.

Wie die Sage berichtet, wären diese Schlangen in das Schloß zu Harthau durch eine Zigeunerin verbannt worden. Dieselbe habe einst um eine Gabe einen früheren Gutsherrn angesprochen. Dieser soll aber die bettelnde Zigeunerin mit der Reitpeitsche in’s Gesicht geschlagen und sie sodann mit Hunden aus dem Gehöft gejagt haben. Draußen vor dem Tore wäre das gemißhandelte Zigeunerweib halb ohnmächtig niedergesunken, habe dann sich plötzlich emporgerafft, die geballten Fäuste erhoben und eine schreckliche Verwünschung ausgerufen. Von Stund an stellten die lästigen Schlangen sich ein, die den sogenannten Haselottern sehr ähnlich waren.

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78. Der Schreckenstag von Grossharthau.
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Das Schloß zu Großharthau.

Es war am 15. August 1793. Gewitterschwüle herrschte seit den frühesten Morgenstunden. Kein Lüftchen regte sich. Die Blätter der Bäume hingen schlaff an den Zweigen. Die Tiere schlichen träge einher. Die Vöglein verspürten keine Lust zum Singen. Den Menschen lag es bleischwer in den Gliedern. Man ahnte den Ausbruch gewaltiger Gewitter, und es sollte niemand sich getäuscht haben. Schon während der Mittagsstunden, in denen die Hitze geradezu unerträglich war, türmten ringsum gefahrdrohende Wolken sich auf. Immer höher stiegen sie empor, und gegen 2 Uhr nachmittags vernahmen die Bewohner Harthaus den ersten rollenden Donner. Bald verlor die Sonne ihren Schein. Dunkles Gewölk bedeckte den ganzen Himmel. Gegen 4 Uhr nachmittags war es so finster geworden, daß die Leute Licht in ihren Wohnungen anzünden mußten. Wer auf den Feldern war, eilte ängstlich heim. Das Unheimlichste war die vollkommene Stille in der Natur. Es regte sich kein Lüftchen, und das war das Verderbliche! Vom Sturme hoffte man das Zerreißen des schwarzen Wettergewölks. Doch der Sturm blieb aus und regungslos lag das finstere Gewölk über der ganzen Gegend. Kurz nach 4 Uhr brach das Gewitter endlich los. Ein greller Blitz fuhr hernieder, der alles auf einige Sekunden tageshell erleuchtete. Ihm folgte ein furchtbares Krachen. Wie im Nu öffneten sich aber auch alle Schleusen des Himmels, und in förmlichen Strömen stürzte der Regen nieder. Der Blitzstrahl war in die Stall- und Wirtschaftsgebäude des Schlosses gefahren, und in kurzer Zeit standen sie über und über in Flammen. Nun folgten Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Die Leute verstanden kaum ihre eigenen Worte. Ein geradezu sinnenbetäubendes Krachen und Donnern erfüllte die Luft, dazu gesellte sich das unheimliche [188] Rauschen der niederströmenden Gewässer. Der Dorfbach, die Grunau, vermochte bald die sich einherwälzenden Fluten nicht mehr zu fassen, weithin wurden die Ufer überschwemmt, und nach kurzer Zeit durchtobte das Dorftal ein reißender Strom, alles, was sich ihm in den Weg stellte, mit sich fortreißend.

Gleich, nachdem die Wirtschaftsgebäude des Schlosses in Flammen standen, fuhr der Blitz in die nahe Kirche, ferner in den Rittergutsgasthof, in die Häuser Nr. 23, 25, 29, 117 und 119. Alle die genannten Gebäude wurden mit sämtlichen Nebengebäuden ein Raub der Flammen. Der Ortsteil um das Schloß her glich einem förmlichen Flammenmeere. An das Löschen dachte niemand, denn in der Todesangst und im Angesichte der drohenden Gefahr für jedes Haus des Ortes konnte auch niemand herbeieilen. Man mußte die wütenden Flammen sich selbst überlassen. Das Flugfeuer war so furchtbar, daß man das Schauspiel eines gewaltigen Feuerwerkes zu haben glaubte, und doch wurde kein einziges Haus durch das Flugfeuer in Brand gesteckt, sondern nur durch den Blitz. Nicht weniger als 7mal schlug der Blitz noch in die brennenden Schloßgebäude. Unzählige Blitzstrahlen fuhren in die Erde, in die Bäume, in das Feld, in den Wald und in das Wasser. Man hat Hunderte von niederfahrenden Blitzen gezählt. Die Leute glaubten nicht anders, als das Ende der Welt sei gekommen, und viele bereiteten sich auf ihr Ende vor. Die Leute lagen auf den Knieen und flehten gen Himmel um Erbarmen und um ein gnädiges Gericht. Über vier Stunden stand das schreckliche Unwetter über Harthau, erst gegen 9 Uhr abends ließ dasselbe nach in seiner Gewalt, und die Bewohner atmeten erleichtert auf. Obgleich das heftige Gewitter auch in der Umgegend gewütet hatte, so war dasselbe doch nur in Harthau und seiner nächsten Nähe mit so arger Verwüstung aufgetroffen. In meilenweiter Ferne hatte man das Unwetter beobachtet, und das unheimliche Aufleuchten, sowie das ununterbrochene Rollen des Donners ließen nichts Gutes ahnen. Selbst in Dresden, wo man das Gewitter wahrgenommen hatte, hegte man die ernstlichsten Besorgnisse; „denn die in der rabenschwarzen Wolkenwand aufsteigenden Rauch- und Feuerwolken, in die sich ganze Bündel Blitze mengten, die gleich feuerigen Säulen zur Erde niedergingen, machten dieses beispiellose Naturereignis auch für die Ferne zu einem furchterregenden. Man sandte von Dresden aus eine Abteilung Reiterei nach Harthau, um Hilfe zu bringen. Abends gegen 10 Uhr war die Gefahr vorüber, und Hunderte von Händen falteten sich, um Gott für die wunderbare Rettung zu danken.“ Als am 16. August die Sonne aufging, beleuchtete sie ein Bild arger Verwüstung. Noch immer wälzten sich die gelben Fluten durch den Ort, doch hatten dieselben meist die Ufer wieder erreicht, freilich sah man keine Stege und Brücken mehr, auch die Zäune waren fortgerissen worden, und viele Bäume lagen entwurzelt da. Die Felder waren zerrissen, zahlreiche Bäume zerschmettert. Um das Schloß her glich alles einem rauchenden Schutt- und Trümmerhaufen.

Es hat lange gedauert, ehe die Bewohner Harthaus von dem gehabten Schrecken sich erholten, und oftmals haben die Väter ihren Kindern von jenem 15. August 1793 erzählt, der in der Geschichte Harthaus als ein wahrer Schreckenstag eingetragen ist und hoffentlich nicht wiederkehrt.

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79. Bröder’s Denkstein auf dem Kirchhofe zu Grossharthau.

Rechts vom Eingange zur Sakristei der Kirche zu Großharthau befindet sich das interessante Grabdenkmal eines früheren Lehrers Großharthaus. Der Stein, dessen Vorderseite in zwei gleiche Felder eingeteilt ist, trägt folgende Inschrift:

Links: Leichentext Jer. 31, v. 3.
Ruhestätte
des weil. treufleißigen Herrn
Johann Cornelius Bröder,

S. S. Theol. Stud. Kirchen- und Schuldieners allhier. Ward den 4. Okt. 1703 zu Marienberg geb., widmete sich der Gottesgelahrtheit, studierte zu Leipzig und erhielt anno 1732 das hiesige Schulamt, wobey ihm auch bisweilen zu predigen aufgetragen wurde. Verehel. sich eod. anno mit der zur Seiten ruhenden Gattin, verwaltete sein Amt zur Ehre Gottes 46 Jahre. Starb nach einem kurzen Lager sanft und selig d. 5. Juli 1778 in einem Alter von

74 Jahren, 9 Mon. 1 Tg.
Rechts: Leichentext Phil. 1, v. 20.
Ruhestätte
der tugendreichen Frau

Angela Maria, Herrn Martin Gottlieb Kerben, Rechts-Consul. in Mansfeldischen und Fr. Dorothea Elisabeth, geb. Pohlmann älteste Tochter, geb. zu Eißleben d. 25. Dezbr. 1703, verehelichte sich an den hier neben ihr liegenden Gatten 1732 d. 28. Okt., in welcher vergnügten Ehe sie 3 Söhne und 3 Töchter geb., wovon 1 Sohn in die Ewigkeit vorangegangen, sie starb auf Jesu ihren Erlöser den 18. Dezbr. 1777 in einem Alter von 74 Jahren weniger 8 Tagen. –

Dieser Johann Cornelius Bröder ist der Vater des später rühmlichst bekannt gewordenen Christian Gottlob Bröder, der eine s. Z. vorzügliche lat. Grammatik verfaßte, die auf den Gymnasien jener Zeit allgemein eingeführt war. –

Johann Cornelius Bröder war der erste Lehrer Großharthaus, der gleichzeitig auch Theologie studiert hatte und an gewissen Sonntagen predigen mußte, besonders am Nachmittage derjenigen Sonntage, an welchen die Gutsherrschaft im Schlosse anwesend war. Die damalige Besitzerin des Schlosses Harthau, die edle Gräfin v. Flemming, stiftete im Jahre 1731 ein Legat, demzufolge die Lehrer Harthaus künftig Kandidaten der Theologie sein mußten. Im Jahre 1821 wurde aber diese Bestimmung aufgehoben und wieder ein Lehrer angestellt, der nicht Theolog war.

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80. Die grosse Wasserflut im oberen Rödertale im Jahre 1804.
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Ansicht von Wallroda um 1840.

Wiederholt ist das obere Rödertal von gewaltigen Hochfluten heimgesucht worden, das letzte Mal am 29. und 30. Juli 1897. Die größte Wasserflut brach über die Bewohner des oberen Rödertales jedoch im Juni 1804 herein. Der Winter vorher war ein sehr grimmiger gewesen. Sämtliche Wassermühlen des Rödertales froren ein, und das Eis in Flüssen und Teichen reichte bis auf den Grund. Die tiefsten und festesten Keller vermochten die Kälte nicht mehr von sich abzuhalten. Das Röhrwasser fror ein, und die Brunnen hörten auf zu fließen. Infolgedessen trat großer Wassermangel ein. In Pulsnitz zersprengte die Kälte den großen Wassertrog auf dem Marktplatze. Die Bewohner Stolpens mußten das Wasser unten in Rennersdorf kaufen. Auch in Radeberg war man ohne Wasser. Die Wintersaaten hatten unter der furchtbaren Kälte so gelitten, daß sie im Frühlinge umgepflügt werden mußten. Der Frühling brachte günstige Witterung, doch bald wurde es anders. Anfangs Juni hatte die Sonne acht Tage hindurch ein strahlenloses, milchweißes Licht, es war das gerade zu der Zeit, da der Vesuv und Ätna furchtbar wüteten. Da begann es am 12. Juni zu regnen; der Regen wurde bald ein wolkenbruchartiger, und es schien, als hätten alle Fenster des Himmels sich geöffnet. Bald stiegen die Wasser der Gräben und Bächlein aus ihren Ufern. Von den Bergen herab stürzten wahre Gießbäche, und die Röder vermochte die Wassermasse nicht mehr zu fassen. Sie trat aus ihren Ufern und überflutete weithin das angrenzende Gelände. Den höchsten Wasserstand erreichte die Flut am 14. Juni. In Groß- und Kleinröhrsdorf, Wallroda und Radeberg standen viele Wohnhäuser „bis zum 2. Stock“ unter Wasser. Die Wege und Stege waren zerrissen, alle Brücken zerstört, die Wiesen mit Schlamm und Geröll überschüttet, das Getreide der überfluteten Felder fortgeschwemmt. Es war ein namenloses Elend. Menschen und Vieh waren vielfach ertrunken. Die Erde war, so weit [191] man hineingrub, durchnäßt und mit Wasser förmlich überladen. Allerorten brachen neue Quellen hervor. An dem Wege des oberen Kirchberges zu Großröhrsdorf, nicht weit von der Schule entfernt, der jetzigen Kantorei, schoß ein starker Wasserstrom aus dem Berge, den man in einen besonderen Graben ableiten mußte. Nachdem die Wasserflut sich verlaufen hatte, trat wiederum Regenwetter ein. Es regnete den ganzen Sommer hindurch. Das wenige Getreide, welches die Wasserfluten verschont hatten, fing an auszuwachsen; an ein Ernten war nicht zu denken, und so kam es, daß das Getreide draußen auf dem Felde verfaulte. Die Menschen wollten verzweifeln. Mit Bangen sah man dem kommenden Winter entgegen. Der Preis eines Scheffels Korn war indessen auf 9 Taler gestiegen, ein Scheffel Weizen kostete sogar 11 Taler, ebenso auch ein Scheffel Erbsen. Eine schreckliche Teuerung war die nächste Folge dieser furchtbaren Überschwemmung und des nassen Sommers. Im Juli 1805 kostete ein Scheffel Korn schon über 18 Taler. Ein Lot Brot mußte mit zehn Pfennigen bezahlt werden, und für so vieles Geld waren noch selten Korn und Brot zu haben. Auf den Märkten schlug man sich um das Korn, bei den Bäckern um das Brot. Ein kleines Brot kostete oft einen blanken Taler und noch mehr. Am schlimmsten waren natürlich die armen Leute daran, deren man sich damals nicht so annahm, wie solches, Gott sei Dank, heute geschieht. Aus diesem Grunde griffen die Leute zu ganz unnatürlichen Nahrungsmitteln. Man aß Gras und allerlei Kräuter, Wurzeln grub man aus der Erde und genoß diese teils roh, teils gekocht. Die hungrigen Kinder aßen das Obst von den Bäumen, das oftmals erst verblüht hatte. Bleiche und abgezehrte Gestalten schlichen umher. Die Arbeiter mußten hungrig an ihre Geschäfte gehen. Obgleich der Lohn verhältnismäßig ein hoher war, so reichte er doch kaum hin; denn ein sogenanntes „Guldenbrot“ reichte für die Person des Arbeiters allein kaum aus. In dieser schlimmen Zeit zeigte sich der damalige Kurfürst von Sachsen, Friedrich August der Gerechte, als ein rechter Landesvater. Er öffnete die Getreidemagazine und ließ Korn in das Land fahren. Die Gemeinde Großröhrsdorf im oberen Rödertale erhielt davon am 22. Juli 1805 gegen 60 Scheffel. Am 23. Juli wurde das Getreide in der Mittelschänke an die hungernden Ortsbewohner verteilt. Am 2. August erhielt die Gemeinde aus dem Kurfürstlichen Magazine noch 60 Zentner Mehl, ferner 3 Zentner Reis und abermals 26 Scheffel Korn, da auch die Ernte von 1805 infolge anhaltender Nässe mißraten war. – Ähnliche Notstände, wie im Gebiete des oberen Rödertales, herrschten in jenen Jahren auch in vielen anderen Teilen unseres sächsischen Vaterlandes. Mit Loben und Danken wurden die besseren Jahre begrüßt. Die Eltern aber erzählten später oftmals ihren Kindern von den durchlebten schlimmen Zeiten.

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81. Ein schreckliches Unwetter.

Ein wahrer Schreckenstag für die Bewohner der Radeberger und Bischofswerdaer Gegend war der 10. Mai des Jahres 1684. Um 3 Uhr Nachmittags zog von dem Elbtale her über Radeberg ein furchtbares Gewitter, das seinen Weg im Rödertale aufwärts nahm und die Ortschaften Kleinröhrsdorf, Großröhrsdorf, Bretnig, Hauswalde, Ohorn, Rammenau, Frankental, Geißmannsdorf, Burkau und Bischofswerda schwer heimsuchte. Das heftige Gewitter wurde von einem orkanartigen Sturme eingeleitet, der ganze Wälder umbrach, Dächer abdeckte, Häuser umwarf, Wagen, Menschen und Tiere von den Wegen und Feldern wegfegte. Der Tag wurde alsbald zur Nacht, die nur von den grellen Blitzen auf Augenblicke taghell erleuchtet wurde. Bald brach auch ein

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Ansicht von Kleinröhrsdorf um 1840.

furchtbares Schloßenwetter los. Es fielen Eisstücken von der Größe der Tauben- und Hühnereier. In Radeberg wurden alle harten Dächer zerschlagen. Die Strohdächer auf den Häusern wurden förmlich zerdroschen. In den genannten Ortschaften blieb auch nicht eine Fensterscheibe ganz. Die Saaten der Felder waren in Grund und Boden geschlagen, und an den Obstbäumen war kaum noch ein Zweig zu sehen. Die im Freien befindlichen Schafherden wurden nach allen Himmelsrichtungen zersprengt; Hunderte von Schafen waren erschlagen worden, oder so arg zugerichtet, daß sie geschlachtet werden mußten. Selbst Pferde, Kühe und auch Menschen, die auf den Feldern von jenem Unwetter überrascht worden waren, wurden durch die niederstürzenden Eisstücken lebensgefährlich verwundet. Unzählige Vögel und andere Tiere verloren ihr Leben. Es schien, als sollte alles zu grunde gehen. Die Leute lagen in den Stuben und Kammern auf den Knien. Sie meinten, das Ende der Welt sei [193] gekommen und bereiteten sich auf den Tod vor. Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag folgten. Die ganze Natur war ein förmlicher Aufruhr. In Großröhrsdorf traf ein Blitzstrahl eine alte Linde auf dem Kirchhofe. Dieselbe stand sofort über und über in hellen Flammen und brach dann krachend zusammen. Als das schreckliche Unwetter sich endlich verzogen hatte und die Sonne wieder strahlend durch das dunkle Gewölk grüßte, sah man ein Bild arger Verwüstung. Der angerichtete Schaden war unschätzbar, und mancher Besitzer war an den Bettelstab gekommen. Jahre vergingen, bis die meisten Leute von den gehabten Verlusten sich wieder etwas erholt hatten, und noch lange erzählten die Eltern ihren Kindern von jenen bangen Stunden.

82. Der Stutweg bei Kleinröhrsdorf.

Südlich vom Gasthofe zu Kleinröhrsdorf breiten sich wohlgepflegte Felder aus, die bis hinüber zum Walde und an die Bahnlinie Arnsdorf–Kamenz grenzen. Diese Felder durchschneidet ein uralter Weg, den man den Stutweg, das soll heißen Stutenweg, nennt. Er führte ehemals von Radeberg über Wallroda nach einer am „Küchenmeister“ gelegenen Stuterei. Dieselbe bildete ein großes Gehöfte, und bestand aus Stallung, Scheune und Wohnhaus. – In dieser Stuterei, die weithin berühmt war, waren kurfürstliche Pferde untergebracht, doch sollen dieselben nur zur Sommerszeit hier gewesen sein. Diese kurfürstliche Stuterei wurde um das Jahr 1680 aufgehoben. Bald darauf trug man die Gebäude nach und nach ab. Das Holzwerk und die Mauersteine wurden anderwärts verwendet. Es sollen davon mehrere Häuser im Oberdorfe Kleinröhrsdorfs aufgebaut worden sein, die noch heute erhalten sind. –

Die Stuterei bei Kleinröhrsdorf stand im Zusammenhange mit der früheren „Hegereiterei“, dem kurfürstlichen Forsthause. Die damaligen Hegereiter oder Förster hatten gleichzeitig auch die Aufsicht über die kurfürstliche Stuterei zu führen.

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83. Der Pestkirchhof bei Leppersdorf.
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Von Großröhrsdorf nach dem benachbarten Leppersdorf führt ein Fußweg. Derselbe bringt den Wanderer am Walde vorüber. Hier bezeichnet der Volksmund eine Stätte als den Pestkirchhof. Dieser einsame Platz diente zur Pestzeit als Begräbnisstätte. Hier begrub man zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges diejenigen Bewohner von Leppersdorf, die von der tückischen Pest hinweggerafft wurden. Im Jahre 1631 brach diese furchtbare Seuche aus und wütete daselbst bis zum Jahre 1638. Die Pest soll in Leppersdorf so schrecklich aufgetreten sein, daß 1635 der Ort verödet war und leer stand. Wer von dieser bösen Krankheit verschont geblieben war, floh. Nach Monaten erst kehrten die Menschen wieder zurück, fanden dann aber oftmals ihre heimatliche Hütte verwüstet vor.

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Ansicht von Leppersdorf um 1840.

Die rohen Krieger hatten sie in Brand gesteckt. Nach und nach sammelten sich die noch lebenden Bewohner des Dorfes wieder auf den Trümmern [195] ihres einstigen Glückes. Doch da brach die Pest von neuem aus. Dazu stellten sich auch die mordlustigen Krieger wieder ein, und die unglücklichen Bewohner Leppersdorfs mußten abermals fliehen. Im Jahre 1638 kehrten endlich Ruhe und Sicherheit vor den Feinden ein, auch schien die Pest verschwunden zu sein. Der Ort bevölkerte sich nach und nach wieder. Die Gräber auf dem Pestkirchhofe verfielen mit den Jahren, da niemand mehr dort begraben wurde, und bald zog der Pflug über sie seine Furchen, doch der Name „Pestkirchhof“ blieb erhalten bis auf den heutigen Tag. In „Christians Lehmanns Schauplatz der natürlichen Merkwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober Ertzgebirge“ vom Jahre 1699 befindet sich pag. 965 folgende Notiz:

Anno 1680 am 28. Julii gieng eine fromme Bauersfrau von Leppersdorf nach Radeberg, dieser begegnete ein klein weißes Kind auf dem Wege und sagte, es würde eine weit um sich greiffende Pest entstehen, die anders nicht als durch Buße und Bekehrung zu Gott könne gewendet werden, darum sollte sie Gott um Abwendung ernstlich anruffen.“ –[WS 25]

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84. Die Kapellwiese bei Grossröhrsdorf.

Eine kleinere Wiesenfläche unterhalb Großröhrsdorfs, am westlichen Ende des Ortes, führt von altersher den Namen „die Kapellwiese“. Wie die Sage berichtet, soll in früheren Jahrhunderten hier eine Kapelle gestanden haben, in der einst Messe gelesen und Betstunde abgehalten wurde. Heute ist von jener Kapelle nichts mehr zu sehen. Wann sie verfallen oder zerstört worden ist, das berichtet keine Überlieferung. – In der Nähe der Kapellwiese befand sich früher ein großer Teich. Der Platz, den er einst einnahm, wird heute der Pfaffenteich genannt. Derselbe lieferte dem an der Kapelle angestellten Kaplane zur Fastenzeit die nötigen Fische als Fastenspeise. In ihm soll ehemals auch ein Priester, ein Pfaff, wie das Volk sagte, aus Lebensüberdruß sein Ende gesucht und gefunden haben. Seit einer Reihe von Jahren ist der alte Pfaffenteich trockengelegt und in Wiesenland umgewandelt worden.

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85. Der Pranger in Grossröhrsdorf.

Links vom südlichen Eingange zum alten Kirchhofe in Großröhrsdorf befand sich vor einem Menschenalter an der Außenseite der Kirchhofsmauer ein an Ketten geschmiedetes Halseisen, der Pranger genannt. Dieses Halseisen wurde solchen Personen angelegt, welche bei irgend einem Vergehen ertappt worden waren. Gewöhnlich Sonntags mußten dann die Betreffenden am Pranger stehen und waren hier oft viele Stunden hindurch dem Gespötte der Kirchenbesucher und aller Vorübergehenden ausgesetzt und preisgegeben. Wer am Pranger stand, der konnte von jedermann verhöhnt, verlacht, verspottet, ja mit Schmutz und Kot beworfen werden. Am Pranger zu stehen, galt darum für eine gar große Schande. Es war eine beschämende Strafe. Der Pranger soll in früheren Zeiten auch sehr gute Dienste geleistet und manchen von einem geplanten Verbrechen abgehalten haben. Erst im Jahre 1836 wurde das Halseisen an der Kirchhofsmauer zu Großröhrsdorf entfernt und somit der Pranger aufgehoben, nachdem seit Menschengedenken niemand mehr an denselben geschlossen worden war.

86. Die Räuberstrasse.

Ein jahrhundertalter Weg, der in den frühesten Zeiten die heutigen Städte Radeberg und Bischofswerda verband, war die „Räuberstraße“. Dieselbe ist den Bewohnern des oberen Rödertales unter diesem Namen bekannt und führt als ein ziemlich gangbarer Weg noch jetzt durch die Felder südlich von Großröhrsdorf und Bretnig an der ehemaligen Dammschenke, dem jetzigen Schützenhause von Bretnig, vorüber. Südöstlich von Hauswalde wendet dieser alte Weg sich nach Frankenthal ab und führt von hier aus an Goldbach vorbei nach Bischofswerda.

Die Räuberstraße war im frühesten Mittelalter ein vielbenützter Weg. Kaufleute zogen auf ihm dahin, besonders die Juden. Sehr häufig kam es vor, daß die reisenden Kaufleute, welche ihre Waren und oftmals auch viel Geld mit sich führten, hier angefallen wurden. Diese alte Straße führte durch weitausgedehnte Waldungen, in denen Räuberbanden ihre Schlupfwinkel hatten. Wegelagerer lauerten Kaufleuten auf, plünderten diese oder ermordeten sie auch nicht selten, wenn sie kein Lösegeld erhalten konnten. Um das Jahr 1400 war die Räuberei hier am tollsten, und nur unter starker Bedeckung konnten damals die Kaufleute eine Reise von Bischofswerda nach Radeberg wagen. Erst später trat größere Sicherheit ein. Die Bezeichnung dieses alten Weges als die Räuberstraße hat sich aber bis zum heutigen Tage erhalten.

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87. Das Gotteshaus zu Grossröhrsdorf.

Eines der schönsten und geräumigsten Gotteshäuser im Gebiete der oberen Röder ist die Kirche zu Großröhrsdorf. Wie berichtet wird, ist die jetzige Kirche die dritte seit Einführung des Christentums. In frühester Zeit waren die Bewohner von Großröhrsdorf nach Lichtenberg eingepfarrt, wo Bischof Benno von Meißen im Jahre 1076 eine Kirche erbauen ließ, die erste in der heutigen westlichen Lausitz Sachsens. Eine eigene Kirche in Großröhrsdorf wird erst um das Jahr 1346 erwähnt. Der Grundstein zum gegenwärtigen Gotteshause wurde am 31. Mai 1731 gelegt. Über fünf Jahre hindurch baute man am Hause des Herrn. Die Bewohner des Ortes hatten dabei allerlei Frondienste zu verrichten, die oftmals recht lästig wurden. Die Baukosten beliefen sich auf 12585 Taler, die Erbauung der Orgel kam außerdem noch 1500 Taler. Drei neue Glocken erhielt die Kirche im Jahre 1827. Am 8. und 9. Oktober 1836 wurde das 100jährige Jubelfest dieser Kirche gefeiert. – An die Erbauung der zweiten Kirche Großröhrsdorfs knüpft sich eine schöne Sage. Man war ursprünglich über den zu wählenden Standort der neuen Kirche nicht einig. Das älteste Gotteshaus der Gemeinde lag in dem heutigen Oberdorfe. Ein Teil der Bewohner wünschte die neue Kirche auf den jetzigen Kirchberg. Der Streit wogte hin und her und regte die Gemüter gewaltig auf. Da entschied ein Wunder. Ein über Nacht gefallener Schnee ließ oben auf der Höhe des jetzigen Kirchberges ein Stück Land in Form eines Viereckes frei und unbedeckt. Das betrachtete man als einen Wink von oben. Alle Parteien waren auf einmal geeinigt. Das neue Gotteshaus kam auf den jetzigen Kirchberg zu stehen und zierte denselben bis zum Jahre 1731. Im selbigen Jahre wurde es aber abgebrochen, und auf seinen Grundmauern erbaute man das heutige Gotteshaus Großröhrsdorfs. –

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88. Es gibt einen Gott!

Vor Jahren gingen drei Männer aus Pulsnitz nach Großröhrsdorf. Sie unterhielten sich lebhaft und kamen dabei auch auf das Dasein Gottes zu sprechen. Der eine von ihnen war ein Zweifler und meinte, es sei alles von selbst geworden. Wie solle es ferner Gott auch möglich sein, um jeden Menschen sich zu kümmern? Die beiden anderen widersprachen ihm. Da kamen die drei Wanderer eben an der Großröhrsdorfer Kirche vorüber, und die Turmuhr zeigte gerade 12 Uhr Mittags an. Jeden Augenblick mußte die Glocke „Zwölf“ schlagen. Da wies der Zweifler plötzlich hinauf zur Turmuhr und sprach: „So wahr die Turmuhr jetzt „Zwölf“ schlagen wird, so wahr gibt es keinen Gott, und so wahr ist auch alles von selbst geworden!“ – In demselben Augenblicke hub die Turmuhr aus. Die Viertelstundenglocke tönte richtig viermal, doch die Stundenglocke tat nur einen einzigen Schlag und sonst keinen mehr. Verwundert standen die drei Wanderer da, die Turmuhr hatte ja bisher stets richtig geschlagen und nie zu Klagen Veranlassung gegeben. In tiefes Nachdenken versunken wanderten die drei Männer nach Hause. Die übrigen Stunden des Tages verkündete die Stundenglocke wieder durch richtiges und vollzähliges Schlagen, wie man es nicht anders gewöhnt war. Jener Zweifler ging am nächsten Sonntage seit vielen Jahren das erste Mal wieder in die Kirche und auch zum heiligen Abendmahl. Selten versäumte er in Zukunft einen Gottesdienst. Am Dasein Gottes zweifelte er nicht mehr. Seinen Sinn hatte er von jener Mittagsstunde an geändert. So hielt es der Bekehrte bis zu seinem Ende. Im Glauben an seinen Gott und Heiland ist er auch gestorben.

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Großröhrsdorf um 1840.

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89. Das Postwesen zu Grossröhrsdorf um das Jahr 1850.

In höchst einfachen Verhältnissen befand sich um das Jahr 1850 das Postwesen zu Großröhrsdorf bei Pulsnitz. Im Jahre 1848 wurden noch alle Briefe, welche über Pulsnitz in Großröhrsdorf ein- und ausgingen, in den Körben zweier Botenfrauen hin- und herbefördert. Gleichzeitig besorgten natürlich diese Frauen auch alle anderen Aufträge, die ihnen gegeben wurden. Mit großer Freude wurde es begrüßt, als im Jahre 1848 ein Hundefuhrwerk gestellt ward, welches Packete, Zeitungen und Briefe zu besorgen hatte. Alltäglich verkehrte dieser Wagen zwischen Großröhrsdorf und Radeberg, und es bedeutete diese neue Einrichtung den ersten Fortschritt des Großröhrsdorfer Postverkehrs. Diese neue Einrichtung blieb fast 20 Jahre hindurch unverändert bestehen. Da ward im Jahre 1858 das Großröhrsdorfer Postwesen durch eine sogenannte Postexpedition vervollkommnet. Es wurde eine selbständige Ausgabestelle für Postsachen eingerichtet. Doch als Beförderungsmittel wurde der Hundewagen noch beibehalten.

Erst am 1. September 1867 wurde derselbe durch einen gar stattlichen Postwagen mit Postpferden verdrängt, der täglich zweimal nach Radeberg fuhr und auch Personen nach dem Radeberger Bahnhofe beförderte. Aber auch dieser vermochte zuweilen dem Bedürfnisse nicht vollständig zu entsprechen, und es mußte ihm noch ein Beiwagen zugegeben werden. Außerdem besorgte auch ein Fußbote täglich Briefe und Packete zwischen Großröhrsdorf und Radeberg. Als wenige Jahre darauf die Bahnlinie Radeberg–Großröhrsdorf–Kamenz eröffnet wurde, da erhielt auch das Großröhrsdorfer Postwesen einen gar bedeutenden Aufschwung, und es entstand ein Postamt unter Leitung eines Postverwalters. Im Jahre 1892 wurde dasselbe in ein Postamt II umgewandelt und unter die Verwaltung eines Postmeisters gegeben. –

90. Der „Bredt-Teich“ bei Kleinröhrsdorf.

Oberhalb Kleinröhrsdorfs zieht sich eine langgestreckte, vom Walde umsäumte Wiesenfläche hin, die man als die Wasserwiesen bezeichnet. Dieselben sind meist sumpfig und stehen wiederholt unter Wasser, besonders zur Zeit der Schneeschmelze im Frühjahre oder auch nach längerer Regenzeit und bei gewaltigen Gewittergüssen. Zum größten Teile gehören die Wiesen nach Kleinröhrsdorf. – Diese Wiesen bestehen bereits seit nunmehr länger als dreihundert Jahren. Sie waren in früheren Zeiten von einem sehr großen und tiefen Teiche bedeckt. Derselbe wurde von der Röder gespeist. Er reichte von der Obermühle in Kleinröhrsdorf bis nahe an die Großröhrsdorfer Grenze und war Staatseigentum. Ein kurfürstlicher Fischmeister, dessen Wohnhaus sich nahe am Teichständer befand, führte die Aufsicht [201] über ihn. Noch heute pflegt man das auf dieser Stelle stehende Haus das Teichhaus zu nennen. – Dieser große Teich wurde als der „Bredt-Teich“ bezeichnet. Auch nannte man ihn den Brettmühlenteich. Die heutige Obermühle in Kleinröhrsdorf hieß ehemals die Brettmühle. Dieselbe lag an dem unteren Ende dieses Teiches, von ihr bekam darum jener Teich auch seinen Namen. – Der „Bredt-Teich“ hatte nach seiner ganzen Länge natürliche Ufer. Nur am unteren Ende, bei seinem Austritte an der Obermühle, war ein hoher Querdamm errichtet, der eine Art Talsperre bildete und eine Höhe von 6 m hatte. – Der Fischreichtum des „Bredt-Teiches“ soll ein großer gewesen sein. Aller drei Jahre wurde er gefischt. Noch um das Jahr 1551 war dieser Teich „umb 8 Schock jährlichen Zins“ verpachtet. Bald scheint er aber trockengelegt worden zu sein; denn im Kleinröhrsdorfer Erbbuche vom Jahre 1589 heißt es gleich auf den ersten Blättern, die über Kleinröhrsdorf handeln: „Die Gemeinden von Brethteichwiesen, so in 20 Theilen begriffen, als Großrürsdorff 8, die zu Leippersdorff 2 und die Gemeinde zu Klein Rürßdorff 10 Theile inne haben.“ – Jeder Teil war um 7 Gulden verkauft. – Der hohe Querdamm in der Nähe der Brettmühle hat noch gegen 250 Jahre sich erhalten. Erst im Jahre 1823 ließ ihn der damalige Besitzer beider Mühlen des Ortes, der Müller Johann Gotthelf Philipp, abtragen und einebnen. Der Damm hatte in jenem Jahre noch immer eine Höhe von über 5 m. In der Nähe der Obermühle sind noch heute Reste jenes großen Teichdammes deutlich zu erkennen. – Im 16. Jahrhunderte reichte der Wald auf der nördlichen Seite des „Bredt-Teiches“ und der Röder bis in die Nähe des Pfarrgartens, auf der südlichen Seite bis an die Schlucht oberhalb der Brettmühle. Von hier reichte der Wald bis hinüber an den sogenannten Küchenmeister, er überzog also die Felder, welche heute südlich von der Oberförsterei und dem Gasthofe sich ausbreiten, und durch welche der Weg von Kleinröhrsdorf nach Großröhrsdorf führt. – Die Schlucht oberhalb der heutigen Obermühle ist nichts anderes als das Becken eines alten Teiches, der mit dem „Bredt-Teiche“ in Verbindung stand. Jedenfalls diente derselbe dazu, beim Fischen des „Bredt-Teiches“ die gefangenen Fische bis auf weiteres in diesem unterzubringen und aufzubewahren, von wo aus sie dann gelegentlich weiter befördert wurden. – Der ehemalige „Bredt-Teich“ bei Kleinröhrsdorf muß ein gar staatlicher Teich gewesen sein und hat ganz wahrscheinlich mit zu den größten und schönsten in weitester Umgegend Radebergs gehört. Ihn speiste die Röder, die mitten durch ihn floß und den Fischen auch stets Nahrung zuführte. Jedenfalls ist er zur Bischofszeit angelegt worden, wie z. B. der Sankt Bennoteich bei Seeligstadt, der Sankt Johannesteich in der Masseney und der Sankt Donathsteich in Wilschdorf bei Stolpen.

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91. Lichtenberg.

Zu den schönsten und stattlichsten Dörfern im weiteren Umkreise der Stadt Radeberg gehört Lichtenberg, dessen schöne Kirche von stolzer Anhöhe meilenweit in das Land ringsum hinausschaut. Der Ort liegt in einer überaus angenehmen und romantischen Gegend. Von lieblichen Anhöhen wird er umgeben und bietet dem Freunde der Natur manchen anziehenden Punkt. Lichtenberg dehnt sich in einem Tale lang aus und erreicht sein nordöstliches Ende ziemlich hoch oben am Scheitel des Eggersberges, von dem aus das Auge ringsum über eine lachende Landschaft blickt, die zu jeder Jahreszeit stimmungsvolle Bilder bietet.

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Lichtenberg um 1840.

Die Aussicht vom Eggersberge, den man von der Kirche aus in ungefähr zehn Minuten erreicht, ist bei heiterem Himmel geradezu entzückend. Kaum vermag man sich von hier oben zu trennen. Meilenweit kann das Auge von hier in das Land hinausschweifen. Man überblickt vom Eggersberge aus einen ansehnlichen und landschaftlich schönen Teil unseres Vaterlandes. Von Südosten her grüßen die blauumsäumten Berge der Sächsischen Schweiz, im Vordergrunde hebt sich malerisch die alte Bergveste Stolpen hervor. Nach Süden hin schweift der Blick hinaus zu dem langgestreckten Kamme des Erzgebirges. Auch überblickt man von hier aus das Städtchen Frauenstein mit seinem romantischen Schlosse. Nach Westen zu überschaut man zunächst im Vordergrunde die Stadt Radeberg, die weitausgedehnte Dresdner Heide und dahinter die Elbhöhen bei Dresden. Das Auge ein wenig nordwärts gewendet, überblickt man die Umgegend von Meißen, das Schloß Moritzburg mit seinen Zinnen und die Türme von Großenhain. Bei ganz heiterem Wetter und bei klarer Luft kann man sogar den Kolmberg bei Oschatz deutlich erkennen, der aus weiter, weiter Ferne grüßend herüberwinkt. Nach [203] Norden hin schweift das Auge auf die waldreiche Umgebung von Königsbrück. Rechts davon erhebt sich, sehr deutlich hervortretend, der zweigipflige Keulen- oder Augustusberg, den man vom Eggersberge aus in anderthalbstündiger Wanderung bequem erreichen kann. Östlich treten die Höhen um Pulsnitz, Kamenz, Elstra und Bischofswerda hervor und gewähren einen reizenden Anblick, besonders Abends, wenn die Sonne zum Untergange sich neigt.

Mannigfaltig sind die Abwechslungen, in denen Städte und Dörfer, Wiesen und Felder, von der Dresdener, Königsbrücker und Laußnitzer Heide durchschnitten, dem Wanderer sich darbieten. Nur ein Strom fehlt, um das herrliche Landschaftsgemälde recht zu beleben. Eine ähnliche Aussicht bietet dem Freunde der Natur das „Fuder Heu“, eine dem Eggersberge nahegelegene Anhöhe.

Leider wenden alljährlich bis jetzt nur wenige Wanderer ihre Schritte in diese Gegend, da dieselbe etwas abseits von dem großen Verkehrswege der Welt liegt und scheinbar nicht besondere landschaftliche Reize zu bieten hat. Und doch ist die Verbindung keine allzu umständliche. Die nächsten Bahnstationen sind Großröhrsdorf und Pulsnitz, von wo aus man in einem Stündchen auf schöner Landstraße Lichtenberg erreicht. Von den Bahnhöfen Arnsdorf und Radeberg liegt der Ort nur zwei Stunden entfernt. Die Wege dahin bieten mancherlei Abwechslung und befinden sich in gutem Zustande. – Wer seine Schritte zum ersten Mal nach Lichtenberg lenkt, wird von der herrlichen Aussicht, die ihm der Eggersberg bereitwilligst bietet, angenehm überrascht sein und sich für seine Mühe hinlänglich belohnt fühlen. Besonders würde es für diejenigen, welche das idyllische Augustusbad bei Radeberg besuchen, eine angenehme Erholung sein, wenn sie einen heiteren Morgen oder einen Nachmittag darauf verwendeten, um die lieblichen Anhöhen bei Lichtenberg zu besuchen. In den dortigen Gasthöfen und Restaurationen finden die Fremden Bequemlichkeit und gutes Unterkommen.

Wie Lichtenberg zu den schönsten und stattlichsten Dörfern in der Umgegend von Radeberg und Pulsnitz zählt, so gehört dasselbe auch mit zu den älteren in dieser Pflege, ja, es ist vielleicht das älteste unter denselben. Das Alter des Dorfes wird auf mehr als tausend Jahre geschätzt. Seine Gründung reicht in die Wendenzeit zurück, also in jene Zeit, da die Wenden noch die Herren der westlichen Lausitz waren. Über die Höhen bei dem heutigen Dorfe Lichtenberg führte damals eine uralte Handels- und Heerstraße, die man heute noch unter dem Namen „alte Heidenstraße“ kennt.[18] Gern bauten sich die Wenden auf den Höhen und unfern der Heerstraße an, und so gründeten sie auch oben am Eggersberge, also im heutigen Oberdorfe Lichtenbergs, eine Niederlassung, und schon lange vor dem Jahre 1000 n. Chr. Geb. haben hier oben ihre Hütten gestanden. Welchen Namen jedoch diese Niederlassung führte, das weiß man freilich heute nicht mehr. Hierüber berichten keine Überlieferungen.

Im 10. und 11. Jahrhunderte drangen die Deutschen in jener Gegend wieder vor und wurden von neuem die Herren des Landes. Viele wendische Niederlassungen wurden entvölkert und von den Deutschen in Besitz genommen und bewohnt. Neue Hütten wurden aufgeführt, und bald drängte sich Hütte an Hütte in der Nähe der alten Heerstraße am Gipfel des Eggersberges. Das Licht, welches zur Nachtzeit aus den kleinen Fensterhöhlen schimmerte, gewahrten die Wanderer, welche auf der Heidenstraße daherkamen, schon aus weiter Entfernung und war ihnen oftmals ein tröstlicher Leitstern. Wohl [204] manchmal war das schimmernde Licht den Pilgern eine recht erwünschte Erscheinung, denn es verkündete ihnen dann ein schirmendes Dach und wohl auch eine gastliche Stätte. Die Sage berichtet allgemein, daß Lichtenberg damals „Licht im Berge“ geheißen habe. Noch vor 500 Jahren hieß der Ort Lichtinberg, dann Leuchtenberg. In alten Urkunden findet man diese Namen oftmals verzeichnet. Mit der Zeit gab man dem Orte die Bezeichnung, welche er heute führt, nämlich Lichtenberg. –

Für das hohe Alter Lichtenbergs spricht auch die Überlieferung, daß die frühere Kirche des Ortes vom Bischof Benno erbaut worden sein soll und zwar im Jahre 1076. Ob diese Nachricht mit der Geschichte übereinstimmt, läßt sich freilich schwer bestimmen. Vielleicht ist diese Überlieferung nur der Sage zuzuweisen, doch hat die Kunde viel für sich. Bischof Benno war ein Gegner Heinrich IV. Als der Kaiser siegreich durch die Mark Meißen zog, soll Benno ein Gefangener des Kaisers geworden sein. Aus dieser Gefangenschaft sei er aber wieder befreit worden, und zum Danke für seine Rettung habe er 1076 im Gaue Nisici mehrere Kirchen erbaut, unter welchen die Kirchen zu Göda, Bischofswerda und Lichtenberg genannt werden. Demnach müßte Lichtenberg zu jener Zeit schon ein verhältnismäßig volksreicher Ort gewesen sein, wenn er dazu ausersehen wurde, eine größere Kirche zu erhalten. Im Jahre 1840 trug man die alte Kirche ab. Die Bausteine waren in Gips gesetzt, und Sachkenner haben nach der Bauart des alten Gotteshauses auf ein sehr hohes Alter desselben geschlossen und haben ausgesprochen, daß die alte Kirche zu Lichtenberg schon seit Einführung des Christentums gestanden haben müsse.

Die jetzige Kirche Lichtenbergs wurde in den Jahren 1840 und 1841 erbaut; sie ist in byzantinischem Stile errichtet und gehört zu den schönsten Gotteshäusern in weitester Umgegend. Weithin leuchtet sie von ihrer Anhöhe grüßend in das Land hinaus, sie ist gleichsam das Wahrzeichen der Lichtenberger Gegend; denn sie dient vielen zur Orientierung in der Ferne.

Lichtenberg zählt ungefähr 1300 Einwohner, die sich in der Hauptsache mit Land- und Gartenbau beschäftigen. – In Kriegszeiten hat der Ort auch mancherlei Drangsale erdulden müssen, besonders im 30jährigen Kriege und im Kriegsjahr 1813. Am 28. Juli 1632 brachen die Kroaten im Dorfe ein und versetzten die Einwohner in den größten Schrecken. Nicht weniger als acht Ortsbewohner wurden erschossen. Der damalige Pfarrer, M. Nic. Jakobi, hat im Kirchenbuche darüber folgendes eingetragen:

„Herr, es sind Heiden, als Kroaten, eingefallen, die um Lichtenberg her Blut vergossen, wie Wasser. Herr, das macht Dein Zorn, daß wir so vergehen und dein Zorn, daß wir so plötzlich dahin müssen! Herr, wie lange willst Du sogar zürnen und Deinen Eifer wie Feuer brennen müssen? Herr, gedenke nicht unserer vorigen Missethat, denn wir sind fast dünne geworden, erbarme Dich unser bald! Herr Jesu, hilf uns, um Deiner Güte willen, vergib uns unsre Sünde und räche das unschuldig vergossene Blut an Deinen und unseren Feinden! Es sind aber der Personen acht, so teils alsobald jämmerlich niederhauen und durchschossen tot geblieben, eine Person aber folgenden Tages zu Mittage auch verschieden. Und sind diese acht Personen den 31. Juli mit christlichen Zeremonien und einer Leichenpredigt, volkreicher Versammlung der Benachbarten, nicht ohne sonderliches Mitleid und Erbarmung, ehrlich zur Erde bestattet worden, darunter sind fünf Mannespersonen und drei Jünglinge gewesen.“

[205] Im Kriegsjahre 1813 wurden die Bewohner Lichtenbergs wiederholt ausgeplündert und mußten in den umliegenden Wäldern Zuflucht nehmen. Doch die regsamen und fleißigen Bewohner hatten sich nach Jahren von den gehabten Verlusten wieder erholt, und heute zeigt der Ort einen gewissen Wohlstand seiner Bewohner.

Man trägt sich mit dem Gedanken, auf der Höhe des Eggersberges einen Aussichtsturm mit einer Unterkunftshalle zu errichten. Sicherlich würde die Ausführung dieses Planes manchen Wanderer in diese Gegend locken und zur Aufnahme Lichtenbergs in den allgemeinen Touristenverkehr wesentlich beitragen. Lichtenberg mit seinen umliegenden Höhen verdiente wahrlich solches!

92. Die alte Heidenstrasse.

Vor mehr als tausend Jahren bedeckte noch dichter Urwald die Umgegend der Städte Pulsnitz und Radeberg. Um die Zeit der Geburt Christi breitete sich über unser sächsisches Vaterland der Hercynische Wald aus. Derselbe erstreckte sich von der heutigen Schweiz weithin nach Norden. Er grenzte fast bis an die Ost- und Nordsee. Der bekannte Miriquidiwald, welcher damals das ganze Erzgebirge und auch die Bergwelt der Sächsischen Schweiz überzog, war nur ein kleiner Teil des Hercynischen Urwaldes. Dazu fanden sich hier und dort weitausgedehnte Torfmoore, wie solche noch gegenwärtig im großen Karswalde bei Arnsdorf und in der Masseney zwischen Seeligstadt und Großröhrsdorf vorhanden sind.

In diesen umfangreichen und fast undurchdringlichen Wäldern trat der Mensch damals nur ganz vereinzelt auf, und es sollte lange dauern, ehe dieser dichte Wald gelichtet wurde. An jene Zeit, in welcher der Mensch sich hier ansiedelte, erinnern uralte, gefällte Baumstämme von beträchtlicher Stärke und Länge. So fand man vor Jahren in Großröhrsdorf in ziemlicher Tiefe einen 2 m starken Baumstamm, bei dem das Mittelstück fehlte. – Auf den Torfwiesen bei Pulsnitz, zwischen dem Vierenwege und dem Kirchsteige, wurde im Jahre 1865 der Stock einer Tanne ausgehoben, der ¼ m tief unter dem Rasen stand und einen Durchmesser von 6 m hatte. Der Stamm fehlte leider. Der Riesenbaum war jedenfalls abgesägt oder abgeschlagen worden, da der Wurzelstock unverrückt geblieben war. Auch in Arnsdorf machte man 1862 einen ähnlichen Fund.

[206] Das Klima der hiesigen Gegend war in jenen Zeiten vorherrschend feucht und kalt. Obst und Wein reiften nicht. Schon im Monat September stellten sich Schnee und Frost ein, und die Winterkälte währte in der Regel bis in den Mai des folgenden Jahres. In den von Bäumen und Gestrüpp am dichtesten verwachsenen Gründen des Urwaldes, wohin im ganzen Jahre kein Sonnenstrahl dringen konnte, war selbst im Spätfrühlinge der Schnee noch nicht völlig geschmolzen. Dichte Nebel trübten im größten Teile des Jahres das Sonnenlicht; ja, selbst während der Sommerszeit ballten sich hin und wieder Nebelmassen zusammen, welche die Gegend in ein unheimliches Dunkel hüllten. Furchtbare Gewitter entluden sich dann. Obgleich die hiesige Gegend damals von Menschen so gut wie gar nicht bewohnt war, so herrschte doch in dieser schrecklichen Einöde ein reges Leben. Wolf, Fuchs und Luchs schlichen durch die Wälder, um Beute zu suchen. Bär und Auerochs schritten durch die Wildnis, wilde Eber durchwühlten das Erdreich, wilde Katzen schlichen durch das Dickicht. An den Morästen und Sümpfen, Seen und Bächen fanden allerlei Sumpf- und Wasservögel einen erwünschten Aufenthalt, dazu Nahrung an dem großen Reichtume von Amphibien und Fischen. Alles lebte in ungetrübter Freiheit und hatte den Pfeil des Jägers nicht zu fürchten, da der Mensch noch nicht in diese Wildnis vorgedrungen war. Doch der Mensch blieb nicht aus. Er kam, wenn zunächst auch nur vereinzelt, gleichsam, als wollte er Umschau halten in dieser Gegend. Spät erst wagte er sich in den Hercynischen Wald. Wer mag wohl der erste mutige oder verirrte Wanderer gewesen sein, der den heimatlichen Boden betrat? – Wir wissen es nicht. Weder Geschichte noch Sage geben hierüber Aufschluß. Man nimmt aber allgemein an, daß ein deutscher Volksstamm, die Hermunduren, die ersten Bewohner unserer Heimat gewesen wären. Dieselben mußten nun darauf bedacht sein, den bisher undurchdringlichen Urwald so gut als möglich wegsam zu machen. Es galt deshalb, einen Weg anzulegen, auf dem man den Hercynischen Wald nach Westen zu durchdringen konnte. Mit den größten Anstrengungen wurde denn auch ein solcher durch die Wildnis gehauen, und schon im ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt führte eine nach damaligen Begriffen gangbare Straße von Polen aus über die heutigen Städte Görlitz, Bautzen, Kamenz, Pulsnitz, Großenhain bis zur Elbe. Bei Riesa befand sich eine sogenannte Furt. Von hier aus nahm dieser uralte Weg seine Richtung westwärts über Wurzen, Leipzig bis nach Thüringen und Franken. Diese Straße diente den über Schlesien herkommenden Horden und Heereszügen als einziger gangbarer Weg durch die hiesige Gegend und durch unser nördliches Vaterland. Sie war die einzige Heerstraße durch den Hercynischen Urwald in unserer Heimat, und man bezeichnet sie als „die alte Heidenstraße“.

Diese Straße war für die ersten Bewohner unseres nördlichen Vaterlandes geradezu unentbehrlich. Die alten Deutschen hatten nicht lange Ruhe an ein und demselben Punkte. Sie zogen nach kurzem Aufenthalte bald weiter. Ihr Sinn war auf Krieg und Beute gerichtet. Sie befanden sich darum mit Weibern und Kindern fast immer auf sogenannten Heerfahrten. Aus diesem Grunde mußten sie eine große Heerstraße haben. Vermutlich ließen sie durch ihre Sklaven eine solche durch die Wildnis bahnen.

Die alte Heidenstraße war freilich keine Straße, wie deren heute unser Vaterland durchkreuzen. Sie war ein 14–20 m breiter Pfad, der dadurch gewonnen worden war, daß man Bäume fällte, Gestrüpp entfernte und die unebenen Stellen oberflächlich etwas einebnete. Durch die großen und häufigen Heer- und Wanderzüge der Völker wurde dieser Weg allmählich auch festgetreten. [207] Bei andauernden Regenzeiten war diese Heerstraße, welche natürlich auch als Handels- und Verkehrsstraße diente, geradezu bodenlos, namentlich dort, wo dieselbe durch eine Niederung führte. Die Wanderer mußten daher oft wochenlang an ein und demselben Orte bleiben, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, zu versinken.

Diese Heerstraße blieb aber jahrhundertelang der einzige Verkehrsweg zwischen dem Westen und Osten unseres Vaterlandes. Erst um das Jahr 1150 wurde eine neue und bessere Verbindung zwischen den Städten Dresden, Bischofswerda und Bautzen angelegt, wodurch natürlich die alte Heidenstraße gar bald an Bedeutung verlor; denn der Hauptverkehr wandte sich nun dieser neuen Straße, der Bautzener Straße, zu. Allmählich vereinsamte die Heidenstraße ganz, und heute kennt man sie kaum dem Namen nach. Nur ganz geringe Spuren von ihr sind jetzt noch vorhanden.

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Grünberg 1832.
(Nach einem Gemälde von Konst. v. Kügelgen.)

In den ältesten Grenzbestimmungen wird diese alte Straße auch genannt. Da heißt es in einer solchen Urkunde vom Jahre 1218: „Item (ingleichen, ferner) zwischen Prietitz und Kamenz durch den alten Weg (Heidenstraße gemeint,) da man von Budißin (Bautzen) geht nach der Elbe.“

Suchte nun die alte Heidenstraße die höchsten oder die niedrigsten Punkte auf? Unsere Urväter hielten es wohl für geraten, ja für geboten und klug, ihre Straße über die Berge zu führen und nur, wenn die Möglichkeit hierzu nicht vorhanden war, durch Niederungen. Ihren Grund hatte diese eigentümliche Wegeanlage in der damaligen Versumpfung der Ebenen und der Täler. Von Pulsnitz nach Großenhain zu nahm diese Straße jedenfalls ihren Weg über die Höhe bei Lichtenberg, dann nach Lomnitz.

[208] Um die Urbarmachung haben sich die alten Deutschen freilich wenig gekümmert. Sümpfe haben sie nicht trockengelegt und Urwälder nicht entblößt. Ihr Verdienst um die hiesige Gegend besteht nur allein in der Anlegung der alten Heidenstraße. Unbekannt und unkultiviert, wie sie in diese Gegend kamen, verließen sie diese auch wieder im 4. und 5. Jahrhunderte. Erst die zweiten Bewohner unserer Heimat, die alten Wenden, legten als Freunde des Ackerbaues hier den Grund zur Landwirtschaft. Sie gewannen den Grund und Boden, auf dem sie wohnten, lieb, und aller Fleiß, den sie auf die Urbarmachung des Landes verwendeten, verriet die Absicht, dasselbe recht lange zu bewohnen und zu besitzen und es, wenn möglich, auf ihre Nachkommen zu vererben. Darum bauten sich die Wenden nicht Zelte und leichte Hütten, sondern feste Wohnungen, die sie zu kleineren und größeren Kolonien oder Niederlassungen vereinigten. Selten wohnten Wendenfamilien einsam und von den anderen abgesondert. Den Verkehr liebend und die Gesellschaft mit Stammesgenossen suchend, legten sie ihre gemeinschaftlichen Wohnplätze in der Nähe der großen Heerstraße an, die sie von den Deutschen geerbt hatten, und man braucht nur den Landstrich zu verfolgen, den die Dörfer und Städte, welche ursprünglich wendische Namen führen, bezeichnen, um die Richtung und Lage jener Straße zu finden. Je weiter aber eine Gegend von der alten Heidenstraße entfernt ist, desto seltener sind die Spuren von ehemaligen wendischen Ansiedelungen vorhanden. Demnach sind auch an dieser alten Heerstraße die ältesten Ortschaften des östlichen Sachsens zu suchen. Mit der Zeit drangen aber die Wenden auch in den zu beiden Seiten der Heidenstraße liegenden Wald ein und gründeten Niederlassungen, und es waren nun auch in den entfernteren Waldgebieten Wendenfamilien anzutreffen. Urnen, die man hier und dort aufgefunden hat, beweisen es. Nach und nach entstanden aus diesen wendischen Niederlassungen Dörfer und Städte. In jener Zeit wurde der Grund zu den meisten zwischen Bautzen und Großenhain liegenden Dörfern gelegt.

So haben wir gesehen, von welcher großen Bedeutung die alte Heidenstraße für das östliche Sachsen gewesen ist. Sie war vor Jahrhunderten der erste Verkehrsweg durch eine einst unwirtliche Gegend und ist gleichsam der Bahnbrecher zu deren Kultivierung geworden. Darin liegt ihre Bedeutung. Die alte Heidenstraße, welche Jahrhunderte hindurch dem Verkehre, dem Handel und den Heereszügen diente, ist heute mit Wald bedeckt, mit Rasen überzogen, und zum Teil hat diesen ehemaligen Verkehrsweg die schaffende Hand des Menschen in fruchtbares Ackerland umgewandelt. Nun zieht über sie hin der Pflug. Eine Gasse und der Marktplatz in Pulsnitz sollen noch Teile der alten Heidenstraße sein. Vgl. Aufsatz: „Pulsnitz!“

[209]

93. Sage von der Erbauung der Kirche zu Oberhelmsdorf.

Eine halbe Stunde westlich von der weithin sichtbaren Bergstadt Stolpen liegt unten im Tale der Wesenitz das Kirchdorf Helmsdorf, bestehend aus den beiden Ortsteilen Ober- und Niederhelmsdorf. Das uralte Gotteshaus dieser Kirchgemeinde steht auffallenderweise nicht, wie das doch gewöhnlich der Fall ist, in der Mitte des Dorfes, sondern außerhalb desselben und zwar am östlichen Ende des Ortes. Ueber die Ursache dieses außergewöhnlichen Standortes der Kirche zu Oberhelmsdorf weiß nun die Sage folgendes zu erzählen:

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Helmsdorf um das Jahr 1830.

Ursprünglich hatte man geplant, das Gotteshaus in der Mitte des Dorfes zu errichten, der Bauplatz war bereits bestimmt und zwar in Uebereinstimmung mit allen Ortsbewohnern. Steine und Holz wurden nun angefahren, aber merkwürdig, was an Baumaterial im Laufe des Tages an Ort und Stelle gebracht worden war, das lag jedesmal am anderen Morgen am östlichen Ausgange des Dorfes und zwar da, wo heute die Helmsdorfer Kirche steht. Niemand wußte, wie das zugegangen war. Einige wollten während der Nacht weiße Rosse an jenem Platze bemerkt haben. Als dieser rätselhafte Vorgang einige Male sich wiederholt hatte, da stellte die Gemeinde das Anfahren von Baumaterial ein und beratschlagte, was nun zu tun sei. Man hielt das wunderbare Ereignis für einen Wink vom Himmel, das künftige Gotteshaus da aufzubauen, wohin während der Nacht von unsichtbaren Mächten Steine und Holz gebracht worden waren. So wurde nunmehr die Helmsdorfer Kirche da erbaut, wo sie heute noch steht.

Diese Sage greift entschieden in die heidnische Vorzeit zurück; denn die in der Sage erwähnten weißen Rosse erinnern wohl an das Roß Wodans. Wo heute die Helmsdorfer Kirche steht, befand sich einst ein altheidnischer Opferplatz. An denselben erinnert die Hussitenschanze, von der noch ein Teil vorhanden ist und zwar ein bebuschter, dammartiger Hügel zwischen der [210] Kirche und der Bahnlinie Dürröhrsdorf–Stolpen. Diese alte Schanze, welche im Jahre 1429 den Hussiten bei der Belagerung der Burg Stolpen und des von ihnen später zerstörten Städtchens Jockrim als Lagerplatz und Festung diente, war sehr umfangreich. Der Altertumsforscher Preusker beschreibt dieselbe in seinem Werke: „Blicke in die vaterländische Vorzeit“[WS 26] wie folgt:

„Die Schwedenschanze bei Helmsdorf östlich von Stolpen, am Katharinen-Wasser und der Wesenitz mit sumpfigen Wiesen gelegen, ward von den Hussiten allerdings benutzt, doch bei ihren flüchtigen Heereszügen wohl ebenso wenig als andere fälschlich Schwedenschanzen genannte heidnische Ringwälle erbaut und kann längst vorher ein solcher gewesen sein, zumal da die Ueberreste jenen ähnlich scheinen. Die Helmsdorfer Schanze hat rundliche Form und über 800 Schritte Umfang, der Wall ist 17 Schritte breit, 10 Schritte hoch und der Graben 7 Schritte breit.“ –
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Kirche zu Helmsdorf im Jahre 1904.

Der größte Teil der Helmsdorfer Schanze ist heute in Acker- und Wiesenland umgewandelt worden. Den ehemaligen Wallgraben erkennt man deutlich an einem kleinen Wiesengrunde, der sich hinab in das Wesenitztal senkt und durch den ein grabenähnliches Bächlein, das Sankt Katharinenwasser genannt, murmelnd zieht. Der Platz, welchen heute die Helmsdorfer Kirche und der sie umgebende Friedhof einnehmen, ist einst ebenfalls ein Teil der alten Schanze gewesen und war ursprünglich vom Walle mit eingeschlossen. – Die Gründung der Helmsdorfer Kirche fällt in eine sehr frühe Zeit. Man vermutet, daß der Meißnische Bischof Sankt Benno ihr Gründer gewesen sei, der hier eine Kapelle, die der Sankt Katharina geweiht war, gegründet habe. Doch es soll schon vor Bischof Benno an dieser Stätte ein Gotteshaus gewesen sein. (Vergl. „Neue Sächs. Kirchengalerie“, Band Ephorie Pirna, Seite 555 und 556[WS 27]) – Die Helmsdorfer Kirche führt von altersher den Namen Sankt Katharinenkirche. Das am

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Ansicht von Helmsdorf.


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Blick von N auf die Hussitenschanze.

[212] [213] Kirchhofe vorüberfließende Bächlein nennt man das Sankt Katharinenwasser. – In der Nähe des Kirchhofes stand einst auch eine Säule, wahrscheinlich eine Betsäule, die ebenfalls der Sankt Katharina geweiht war und deren Namen trug. (Vergl. „Alte Sächs. Kirchengalerie“ 1839; 7. Band, Seite 14.[WS 28]) – Jedenfalls ist die Helmsdorfer Kirche in weitester Umgegend von Stolpen die älteste, und sie war ursprünglich wohl eine Wallfahrtsstätte.

Als das Christentum seinen Einzug in unserer Heimat allmählich hielt, errichteten die christlichen Priester die christlichen Gebetsstätten und Gotteshäuser nicht selten auf altheidnischen Opferplätzen, weil dem Volke solche Orte von altersher lieb und teuer waren, und so erleichterten die christlichen Sendboten unsern heidnischen Vorfahren die Annahme des Christentums; denn nun konnten diese ja hier auch noch beten und hierher wallfahrten. So geht man gewiß nicht fehl, anzunehmen, daß auch die Helmsdorfer Kirche auf einer altheidnischen Opferstätte einst errichtet worden ist, und daß dieser Ort schon vor Jahrhunderten den Umwohnern ein geweihter Platz, ein heiliges Land war. Für diese Annahme spricht die Helmsdorfer Schanze, nicht minder aber auch jene Sage von der Erbauung des Gotteshauses zu Helmsdorf; denn die altheidnischen Schanzen dienten bekanntlich nicht bloß zum Schutze der Bevölkerung, zur Verteidigung, sondern sie waren auch nebenbei Kultus- und Begräbnisplätze der frühesten Bewohner unseres Vaterlandes. Daß die Hussitenschanze bei Helmsdorf einst auch eine Kultusstätte war, das beweisen die früher hier gemachten Urnenfunde. –

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94. Pulsnitz.

Ein Ort von hohem Alter ist die heutige Stadt Pulsnitz. Sie gehört ganz entschieden zu den ältesten Ortschaften in der westlichen Lausitz. Ihre Gründung fällt in eine sehr frühe Zeit. Veranlassung zur Gründung hat wahrscheinlich die große Heer- und Handelsstraße gegeben, die seit der Völkerwanderung durch das östliche Sachsen von Schlesien her nach der Elbe führte. Ursprünglich war der Ort nur ein Bollwerk, dessen Reste in dem Schlosse und seiner Umgebung zu suchen sind.

Die Schreibart des Namens hat mit der Zeit verschiedene Wandlungen durchgemacht. So findet man folgende Bezeichnungen für die jetzige Stadt Pulsnitz: Powoncz, Polczniz, Polzniz, Polsnitz, Polsniz, Polsenitz, Polz, Poltz und Pulß. In einer Urkunde des Domstiftes Meißen vom 27. Februar 1140, in welcher Papst Innocenz II.[WS 29] der Stiftskirche daselbst alle Rechte und Besitzungen, namentlich die Erwerbung von 5 Dörfern in der Provinz Nisane durch Schenkung eines slavischen Edelmannes namens Bor bestätigt, ist Pulsnitz „Bulsize“ geschrieben. Der Name stammt mit Sicherheit aus dem Wendischen. Die Stadt hat ihn mit dem an dem Orte vorüberfließenden Flüßchen gemein, das seit Anfang des 9. Jahrhunderts als Grenzfluß gegolten hat. Die Pulsnitz bildete damals die Grenze zwischen dem deutschen und dem wendischen Gebiete. Zu wiederholten Malen überschritten zwar die Wenden diesen Grenzfluß, mußten ihn aber immer wieder als solchen anerkennen.

Im Jahre 1355 erhielt Pulsnitz vom Kaiser Karl IV. Marktgerechtigkeit, und 20 Jahre später wurde es durch denselben Kaiser zur Stadt erhoben. Da die alte Heidenstraße nach Anlegung eines neuen Verkehrsweges zwischen Budißin (Bautzen) und Dresden nach und nach verödete und nunmehr der Hauptstrom des Verkehrs auf diesem nach der Elbe hinging, konnte man die beträchtlich breite Heidenstraße bis zur Breite einer Gasse einziehen, an deren beiden Seiten mit der Zeit Häuserreihen entstanden.

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95. Die Pest in Pulsnitz.

In den Jahren 1680 und 1681 wurde unser Vaterland von der schrecklichen Pest schwer heimgesucht. Dieselbe kam nach Sachsen aus dem benachbarten Böhmen. Es erging damals wegen der drohenden Pestgefahr an alle sächsischen „Amtsschlösser“ folgende kurfürstliche Verordnung:

„Wohlehrenveste Liebe Getreuen!

Demnach leider die Pest im Königreich Böhmen von tag zu tag, je länger je mehr einreist, als wollet an denen Toren des Tags über Wache stellen, des Nachts aber solche schließen, und durchaus niemanden, er sei auch wer er wolle, weder durch noch hinten umb zu reisen, oder daselbst, oder auf denen Dörfern herbergen lassen, und ob diesen allen so wohl vor euch steiff halten, alß auch, daß es sowohl im Städtgen als auf denen Dörffern geschehe, genaue achtung geben und so viel möglich verhindern, daß niemand des Orts in die Erblande sich einschleiche. Hieran vollbringt ihr meine Meynung. Datum Dreßden, d. 24. Januarii, 1680.“ –

Infolge dieser kurfürstlichen Verordnung traf man allerorten, besonders in den Städten des Landes, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln. Es wurden sogar die Straßen, sowie alle anderen Zugänge nach den Städten mit Brettern vernagelt, und nur selten durfte jemand aus und ein. Aber alle Vorsichtsmaßregeln halfen nichts. Die furchtbare Pest fand doch Eingang und forderte in manchen Orten ganz bedeutende Opfer. In Dresden allein starben im Jahre 1680 nicht weniger als 6000 Personen an der Pest, in Leipzig über 3000, in Kamenz 1800, in Bischofswerda 659, in Marienberg 400, in Neustadt 300. Schwer heimgesucht wurde aber das Städtchen Pulsnitz. Hier hielt die gefürchtete Pest im Juni 1680 ihren Einzug und soll durch einen auf dem Polzenberge wohnenden Gärtner von Dresden aus eingeschleppt worden sein. Es starben in dieser Stadt, die damals noch nicht einmal 900 Einwohner zählte, im Sommer des Jahres 1680 nicht weniger als 485 Menschen an der Pest und 33 an anderen Krankheiten. Auch 30 Schüler wurden ein Opfer der wütenden Pest. Die Stadtschule mußte am 29. Juli 1680 geschlossen werden und zwar bis zum 10. Januar 1681. Der Unterricht wurde ausgesetzt. –

Pulsnitz starb in diesem Jahre über die Hälfte aus. Es blieben im ganzen nur noch 356 Personen am Leben und zwar „77 Wirte, 82 Wirtinnen, [216] 98 Söhne und 99 Töchter“. Die letzten Opfer der verheerenden Pest waren die 4 Kinder des Hans Meyer, die am 5. und 7. Dezember 1680 starben.

Die an der Pest Verstorbenen wurden auf einem besonderen Platze begraben, den heute die „Grüne Gasse“ einnimmt. Ihn nannte man den Pestkirchhof. Später wurde derselbe bebaut. Als im Jahre 1819 der Grund zu einem Keller gegraben wurde, fand man in der Tiefe noch mehrere Leichen, deren Anzüge zum Teil noch recht gut erhalten waren.

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Marktplatz zu Pulsnitz mit Rathaus und Rietscheldenkmal.

In den Nachbarorten von Pulsnitz wütete die Pest nicht weniger schlimm. In Pulsnitz M. S. starben 64 Personen, in Obersteina 49, in Niedersteina 12, in Ohorn 55, in Radeberg 300, in Schmiedefeld bei Stolpen 152. –

Der Schrecken der Leute war ein allgemeiner. Durch verschiedene Arzneimittel suchte man sich vor Ansteckung zu schützen. Jeder Hauswirt war strengstens angewiesen, in seinem Hause Eichenlaub, birkene Rinde, Wachholderbeerholz, Wachholderbeeren, Feldkümmel in gedörrtem Zustande zu haben. Man kochte davon einen Tee und versprach sich von diesem Getränk eine gute Wirkung. Andere wieder genossen Wermut, Weinrankenknospen und Schafgarbenblüten mit Essig übergossen.

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96. Der Schloßteich in Pulsnitz.

Die Nordseite des Pulsnitzer Schloßgartens wird von einem umfangreichen und tiefen Teiche begrenzt, den stattliche Bäume, alte Linden, Birken, Erlen und Eichen lieblich umrahmen. Derselbe gehört zum Rittergute und wird der Schloßteich genannt. Er erinnert die Bewohner an die Uranfänge der Stadt Pulsnitz und gilt diesen als ein geschichtliches Denkmal aus den frühesten Jahrhunderten.

Der Schloßteich in Pulsnitz war einst weit umfangreicher als gegenwärtig. Besonders dehnte er sich weiter nach Südosten hin aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er von den Wenden, den früheren Bewohnern dieser Gegend, schon im 6. oder 7. Jahrhundert angelegt worden und zwar als ein Wallgraben, der ihre Niederlassung auf dem „Polzenberge“ an der alten Heidenstraße gegen etwaige Ueberfälle schützen sollte. Diese wendische Ansiedelung, aus der mit der Zeit die heutige Stadt Pulsnitz entstanden ist, war ursprünglich nur ein Dörfchen. Die Umgegend zeigte damals freilich ein ganz anderes Landschaftsbild. Nach Westen zu breitete sich ein weites Sumpfland aus. Von Süden und Osten her reichte der finstere Urwald, der in jener Zeit alle umliegenden Höhen überdeckte, bis an die Hütten der Niederlassung. Nach Norden hin lag die alte Heerstraße, und nur von ihr aus konnte ein Ueberfall möglich sein. Aus diesem Grunde legten die damaligen Bewohner zwischen ihrer Ansiedelung und der Heerstraße einen langen, breiten und tiefen Wallgraben an und neben diesem eine Art Bollwerk, aus dem das Schloß Pulsnitz entstand. In späteren Jahrhunderten verlor dieser ursprünglich so weit ausgedehnte Wallgraben an seiner Bedeutung, und man engte ihn mit der Zeit bis auf seinen heutigen Umfang ein.

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97. Die alte Gruft in der Stadtkirche zu Pulsnitz.

Ein sehenswertes Bauwerk kirchlicher Kunst ist die Stadtkirche in Pulsnitz. Dieselbe wurde in den Jahren 1742 bis 1745 erbaut und am 30. Mai des letztgenannten Jahres eingeweiht. Im Innern birgt dieselbe einen beachtenswerten Altar. Derselbe ist vollständig aus Ton hergestellt und bedeutet ein Kunstwerk der Pulsnitzer Töpferinnung. Er wurde am 9. Oktober 1792 eingeweiht und erregt die Bewunderung Fremder und Einheimischer. Als man im Jahre 1792 den Grund zu diesem Altare grub, stieß man auf eine Gruft, von deren Vorhandensein bisher niemand eine Ahnung gehabt hatte. In dieser Gruft fand man ein goldenes Armband mit den Buchstaben H. W. v. S. V. T. G. F. H. A. N., ein goldenes Medaillon, neun goldene Knöpfe und drei Schleifchen, auch ein Schwert und einen Dolch. Außerdem barg die Gruft zwei Ordensketten. Die eine von diesen stammte von dem durch Kurfürst Christian I. gestifteten Orden, das „goldene Kleinod“ genannt, die andere von dem durch dessen drei Prinzen gestifteten Orden: „Zum Zeugnis brüderlicher Treu und Einigkeit.“

Die aufgefundene Gruft war jedenfalls eine Begräbnisstätte ehemaliger Schloßherren von Pulsnitz, und es dürften die damals gemachten Fundgegenstände an das alte Adelsgeschlecht derer v. Schlieben erinnern.

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98. Die rätselhafte Holzfigur im Ratskeller zu Pulsnitz.
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Ein interessantes und sehr sehenswertes Gebäude der Stadt Pulsnitz ist das am Marktplatze stehende Rathaus. Dasselbe gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt; denn es wurde im Jahre 1555 erbaut und ist noch heute recht gut erhalten. Noch lange wird es seiner Bestimmung dienen können. – Mit der Giebelseite ist das Rathaus, wie noch so manches Nachbargebäude, dem Marktplatze zugekehrt. Die Eingangstür zeigt gotischen Stil. Hinauf zu ihr führen vom Markte aus eine Anzahl Stufen. Es fehlen am Eingange auch nicht die steinernen Sitzplätze. Ueber dem Eingange befinden sich ein Wappenbild, eine Bärenklaue, und die Zahl 1555, das Jahr der Erbauung. Die Decken im Innern zeigen starkes Balkenwerk.

In der Gaststube des Ratskellers befindet sich an der Decke ein an Ketten hängendes und mit großen Hirschgeweihen eingefaßtes hölzernes Brustbild in Eichenfarbe. Die Figur zeigt einen langen, schwarzen Bart, bildet eine Art Kronleuchter und mag früher auch als solcher benutzt worden sein. Diese rätselhafte Holzfigur wird von der Sage umrankt, und man weiß allerlei Interessantes zu erzählen. Seit Jahrhunderten hängt das hölzerne Schnitzwerk an der Decke der Wirtsstube. Dasselbe darf nicht von seinem Platze entfernt werden; denn sonst rumort und poltert es so lange im Gebäude, bis man die Figur wieder an Ort und Stelle gebracht hat. – Der Volksmund bezeichnet diese Holzfigur als den „alten Schlieben“, auch als den „wilden Mann“ oder als den „Heidut.“ Wie die eine Sage berichtet, wäre der alte Schlieben ein großer Wohltäter der Stadt Pulsnitz gewesen. Derselbe habe das Rathaus erbaut und viel Gutes den Bürgern getan. Aus Dankbarkeit hätten die Väter der Stadt sein Bildnis zur bleibenden Erinnerung aus Eichenholz schnitzen und an jener Decke anbringen lassen. Nach der anderen Sage stelle das Bild den wilden Mann oder den Heidut vor. Der Heidut wäre ursprünglich ein recht frommer Mann gewesen, der den Armen zu Pulsnitz viel Gutes getan habe. Die Kirche und ihre Diener hätte er reichlich bedacht. Später sei aus ihm aber ein gar arger Gottesleugner und Gotteslästerer geworden, dessen Aufenthalt nicht mehr die Kirche, wohl aber das Wirtshaus wurde. Hier verbrachte er die Zeit mit Trinken, Schlemmen und Prassen. Um ihn scharten sich bald gleiche Gesellen. Während des Gottesdienstes trieb Heidut es am schlimmsten. Im Wirtshause war es auch, wo er bei einem wüsten Gelage während des Gottesdienstes plötzlich seinen Geist aufgab. Wie die Leute erzählten, habe der Teufel ihm den [220] Hals umgedreht. Von nun an irrte sein Geist des Nachts über Berg und Tal, durch Felder und Wälder unstet umher. Einst soll ihn ein frommer Mönch in eine Fichte drüben am Eierberge, der zwischen Pulsnitz und Leppersdorf liegt, verbannt haben. Noch vor wenigen Jahren stand diese alte Fichte. Jahrhunderte hindurch war sie ein Wahrzeichen dieser Gegend gewesen, bis ein gewaltiger Herbststurm sie einst umbrach. – Aus der Fichte vernahm der nächtliche Wanderer oftmals ein tutendes Geheul. Man sagte dann: „Der Heidut läßt sich hören!“ – In früheren Jahren suchte man in der Pulsnitzer Gegend mit den Worten: „Der Heidut kommt!“ die Kinder zu schrecken, besonders dann, wenn diese nicht bis spät in die Nacht hinein auf der Straße sich herumtreiben sollten. –

Heiduts böser Geist scheint nunmehr aber doch zur Ruhe eingegangen zu sein, denn man hat seit vielen Jahren nichts wieder von ihm gehört. Doch das Bildnis Heiduts ist noch in jener rätselhaften Holzfigur im Pulsnitzer Ratskeller erhalten als Warnungsbild für die, welche Gott und seine Dienste verlassen.

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99. Erinnerungen an den großen Bildhauer Rietschel.

Weithin in den deutschen Landen und weit darüber hinaus ist die Stadt Pulsnitz durch den Namen „Ernst Rietschel“ bekannt. Jener große Bildhauer, nach dessen Entwurfe das berühmte Lutherdenkmal in Worms gefertigt worden ist, wurde in Pulsnitz geboren. Unfern der Stadtkirche steht noch das schlichte Geburtshaus Rietschels. Eine an der Außenwand dieses zweistöckigen Gebäudes angebrachte Marmortafel trägt folgende Inschrift:

„In diesem Hause wurde Ernst Rietschel am 19. Dezember 1804 geboren.“

Auf dem freundlichen Marktplatze steht vor dem altehrwürdigen Rathause das am 6. Juli 1890 eingeweihte Rietschel-Denkmal. Auf einem Unterbau aus Granit ruht die überlebensgroße Figur Ernst Rietschels aus Bronze. Die Kleidung ist schlicht und einfach, der Gesichtsausdruck wahr, ernst und mild. In der linken Hand hält der verewigte Meister Hammer und Meisel. Nur ein Schüler des großen Meisters konnte den Künstler Ernst Rietschel so lebenswahr darstellen. Das Denkmal trägt folgende Aufschriften:

„Ernst Rietschel“, auf der Rückseite des Denkmals:

„Errichtet aus dem Landes-Kunstfonds in Gemeinschaft mit der Stadt Pulsnitz 1890. (Gegossen von G. Albert Bierling-Dresden, gefertigt von Gustav Kietz“) Kietz war ein Schüler Rietschels.

Auf dem Friedhofe, zwischen dem Bahnhofe und der Stadt, befindet sich nur wenige Schritte vom Eingange das mit einem eisernen Geländer umgebene Grab von Rietschels Eltern. Eine einfache, aber kunstvoll gearbeitete Grabsteinplatte deckt den Hügel. Der Grabstein zeigt das in Stein gearbeitete Bildnis der Eltern Rietschels in Rundbildform. Dasselbe wurde von der kunstfertigen Hand des Meisters Rietschel selbst gefertigt und ist ein wahres Kunstwerk. Aus den Gesichtszügen des Vaters sprechen Ernst und Entschiedenheit, aus denen der Mutter Milde und Freundlichkeit. Die Grabesplatte zeigt folgende Inschrift:

„Hier ruhen Friedrich Ehregott Rietschel, Bürger und Küster allhier, geboren den 8. Februar 1768, gestorben den 21. Dezember 1828 und dessen Gattin Karoline Salome Rietschel, geb. Röllig, geb. den 6. Sept. 1770, gestorben den 11. Oktober 1834. Sie waren alle beide fromm vor Gott und gingen in allen Geboten des Herrn untadelig. Luc. 1, 6.“

[222]

100. Der Schwedenstein.

In die Radeberger Gegend herüber grüßt seit dem Sommer 1898 von einer nach Osten zu liegenden waldgekrönten Höhe ein stolzer Luginsland; das ist der stattliche Aussichtsturm auf dem Schwedensteine bei Pulsnitz-Obersteina. Diesen Turm ließ der sehr rührige Gebirgs- und Verschönerungsverein „Pulsnitz und Umgegend“ errichten. Am 14. August 1898 wurde der Schwedensteinturm geweiht und dem öffentlichen Verkehre übergeben. Ein Besuch des 418 Meter hohen Schwedensteines ist nur zu empfehlen.

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Pulsnitz

Von Pulsnitz aus ist dieser Berg in 40 Minuten bequem zu erreichen. Der Weg dahin ist freilich sonnig, aber doch lohnend. Schattiger ist der Weg über das idyllisch gelegene „Waldschlößchen“ an der Straße, die nach Kamenz führt. – Die Bezeichnung „Schwedenstein“ sucht man auf den Landkarten freilich vergeblich. Die Höhe führt da den Namen „Gickelsberg.“ Den nördlichen Abhang dieses Berges bezeichnet man als den Kirchberg. Ueber denselben führt für die Obersteinaer der Weg zur Kirche nach Pulsnitz. Wo der Kirchweg den Kamm des Kirchberges erreicht hat, liegt ein Restaurant, „Zum Schwedenstein“ genannt. Von hier aus ist die Höhe des Gickelsberges in wenigen Minuten erreicht. – Den Namen „Schwedenstein“ hat dieser Berg erst in neuerer Zeit erhalten. Wie die Sage berichtet, sollen einst die Schweden am Berge ein Lager aufgeschlagen haben. Der große Schwedenkönig Gustav Adolf wäre selbst auf dieser Höhe gewesen. An ihn erinnere auf dem Scheitel des Berges, unmittelbar am Fuße des Turmes, ein großer Granitblock, der „Schwedenstein“ genannt, nach dem mit der Zeit dem ganzen Berge diese Bezeichnung gegeben wurde. Der erwähnte Granitblock trägt folgende Inschrift in lateinischen Buchstaben:

Gustav Adolf Rex 1632.

[223]

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Kurze Gasse.      Marktplatz in Pulsnitz.      Schlossteich-Parthie.
Rietschel-Denkmal.      Restaurant Schwedenstein.      Schwedenstein-Thurm.
Auf der Kuppe des Hochsteins.
Ruine.      Auf dem Keulenberge     Obelisk.

[224] [225] Diese Worte sollen im genannten Jahre zur Erinnerung an Gustav Adolf in diesen Stein eingemeiselt worden sein. Eine schüsselartige Vertiefung in dem Steine wird als die Eßschüssel des Schwedenkönigs bezeichnet. Hier soll Gustav Adolf eine Mahlzeit zu sich genommen haben. Auf diesem Felsblocke habe man ihm die Tafel decken müssen. Das ist natürlich Sage; denn die Geschichte weiß nichts davon, daß Gustav Adolf in dieser Gegend gewesen sei. Vielleicht ist es aber eine Verwechselung. Während des „Nordischen Krieges“ war hier der Schwedenkönig Karl XII. – In dem betreffenden Granitblocke befinden sich noch folgende Inschriften, bezw. Zeichen:

G. E. R. P.
1763
Weißenborn Past.
Pulsnitz.
1855.
H. C. Oertel 1817.
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Neue Schule zu Pulsnitz

P. Weißenborn aus Pulsnitz pflanzte im Jahre 1855 oben am Schwedensteine zur Erinnerung an die 300jährige Jubelfeier des Augsburgischen Religionsfriedens eine Eiche, die aber längst wieder verschwunden ist. An ihrer Stelle setzte man am 1. April 1899 zur Erinnerung an den „Eisernen Kanzler“ eine neue. – Vor Jahren hat man leider den Versuch gemacht, jenen Steinblock, den Schwedenstein, zu sprengen. Die Spuren davon sind noch vorhanden. – Der bezeichnete Felsblock ist kreisförmig von zwölf großen Granitblöcken umgeben, von denen einer ebenfalls eine schüsselartige Vertiefung enthält, während ein andrer mit einem hufeisenartigen Eindrucke versehen ist und ein dritter die Zeichen

J. S. W.
1778
F. Z.

erkennen läßt. – Diese Granitblöcke in ihrer auffälligen Anordnung und Gestalt deuten darauf hin, daß sie einst im grauen Altertume als Opferstätte [226] gedient haben und ein altheidnischer Altar waren. Die schüsselartigen Vertiefungen könnte man für die Blutwannen halten. Es umweht diese altehrwürdigen Granitblöcke ein eigentümlicher Zauber. Sie sind stumme Zeugen aus der Vorgeschichte unserer Heimat. – Wir besteigen nun den 12 Meter hohen Aussichtsturm. Auf die Zinne desselben führt eine gute Holztreppe. Der Blick von hier oben ist entzückend. Meilenweit liegt ringsum das heimatliche Land vor den Blicken des Beschauers ausgebreitet. Ein großer Teil der Lausitz ist von hier oben zu übersehen. Das Auge schweift von den Höhen des Erzgebirges bis in die Löbauer und Zittauer Gegend, von dem felsigen Berglande der Sächsischen Schweiz bis hin zum Spreewalde. Zahlreiche Ortschaften mit gesegneten Fluren sind sichtbar, einem Garten Gottes gleicht das Land. Der Blick vom Schwedensteinturme ist gleichschön zu jeder Jahreszeit, sei es im Frühling zur Blüte der Kirschbäume oder im Herbste, wenn die Bäume im bunten Blätterschmucke prangen, sei es im Sommer, wenn die gelben Getreidefelder wogen, oder mitten im Winter, wenn der Schnee Felder, Wiesen und Gärten verhüllt. – An der östlichen Außenseite trägt der Schwedensteinturm eine Platte mit folgender Inschrift:

Schwedensteinturm.
Erbaut 1898
vom Gebirgs- und Verschönerungsvereine
Pulsnitz und Umgegend.

Am Fuße des Turmes befindet sich eine Schutzhalle, die vielen Personen Raum bietet. –

Im Sommer 1901 ließ sich Herr Fabrikbesitzer Raupach aus Pulsnitz auf der Höhe des Schwedensteines am Nordfuße des Turmes ein schmuckes Landhaus erbauen, das dem Berge zu einer neuen Zierde geworden ist. Im Jahr 1902 wurde vom Restaurant „Zum Schwedenstein“ aus eine bequeme Fahrstraße nach der Höhe des Berges ausgebaut.

[227]

101. Der Goldborn bei Pulsnitz.

Wie eine Urkunde von 1140 meldet, kam das Rittergut Pulsnitz im genannten Jahre in die Hände der Deutschen. Vorher war dasselbe eine wendische Besitzung gewesen. Bald darauf wurde es mit der Stadt und dem sonstigen Zubehör Lehnseigentum der Kamenzer Burggrafen, die damals auch Elstra, die Luchsenburg am Sibyllenstein und Rammenau bei Bischofswerda besaßen.

Zu jener Zeit jagte ein Herr auf Rammenau mit dem Herrn auf Pulsnitz im Pulsnitzer Forste, der damals weit ausgedehnter war und nach den Höhen zu in Urwald überging. Stundenlang hatte man im Oberforste gejagt, da wurde der Rammenauer Herr vom Durste arg gepeinigt. Er war dem Verschmachten nahe. Doch kam er noch zur rechten Zeit an einen frischen Quell. Hier ließ er sich nieder und erfrischte die müden Glieder. Das Wasser war von ganz besonderem Wohlgeschmack. Aus Dank warf der Herr von Rammenau ein Goldstück in den Quell. Von diesem Tage an bezeichnete man jene Quelle als den Goldborn, und dieselbe führt diesen Namen noch heute.

102. Die Eichardt bei Pulsnitz.

Eine halbe Stunde in östlicher Richtung von der Stadt Pulsnitz entfernt breitet sich eine größere Waldfläche aus. Dieselbe führt den Namen „die Eichardt“. Die Eichardt gehört als Waldgrundstück zum herrschaftlichen Gute Pulsnitz, ehedem zählte es zum Königreiche Böhmen. Durch eine eigentümliche List kam die Eichardt aber zum Besitztume der Herrschaft Pulsnitz, und das ging so zu:

Um den Besitz der Eichardt stritten sich einst die Könige von Böhmen und die Herren auf Pulsnitz. Den Rechtsstreit verloren die letzteren, doch wurde ihnen großmütig gestattet, noch eine Saat und Ernte auf diesem Grundstücke, um welches Jahrzehnte gestritten worden war, zu halten. Wie aber nun die Sage erzählt, ließen die Pulsnitzer Gutsherren nicht etwa Getreide aussäen, sondern Eicheln. Durch diese List sicherte sich das herrschaftliche Gut den dauernden Besitz jenes wertvollen Grundstückes. Dasselbe führt zur Erinnerung daran noch heute den Namen „die Eichardt.“

[228]

103. Die Gruft in der Kirche zu Hauswalde.

Im Dezember 1897 wurde in der Kirche zu Hauswalde im oberen Rödertale ein Regulierfüllofen des Kgl. Württembergischen Hüttenamtes Wasseralfingen gesetzt. Bei den Arbeiten zu dieser Heizungsanlage machte man eine hochinteressante Entdeckung. Unter dem Altarplatze wurde ein Grabgewölbe aufgefunden, von dessen Vorhandensein man bisher keine Kenntnis hatte. Das Gewölbe erwies sich bei genauer Untersuchung als ein Einzelgrab. In der Tiefe stand ein Sarg, dessen Deckbretter auseinandergefallen waren. Die Gebeine waren zum Teil noch gut erhalten. Am Hinterkopfe erkannte man noch deutlich das dunkle Haupthaar.

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Hauswalde um 1840.

Ausgeschlagen war der Sarg mit dunkelbraunem Tuche. An den abgefallenen Deckbrettern waren die Sprüche Röm. 14, 8 und Matth. 10, 32–33 zu lesen. Nach sorgfältiger Reinigung wurde die entdeckte Gruft wieder geschlossen und gewissenhaft vermauert.

Wer der stille Schläfer in der aufgefundenen Gruft sein mag, kann nicht mit Sicherheit angegeben werden, da man einen Namen nirgends vorfand. Man vermutet, das Grab des Johann George von Gerßdorf, eines ehemaligen Besitzers des Rittergutes zu Bretnig, entdeckt zu haben. Derselbe kam im Jahre 1703 in den Besitz von Bretnig und Hauswalde. Er hatte beide Dörfer von seinem am 3. August 1702 zu Dresden verstorbenen Vater, Nicolaus von Gerßdorf, geerbt, der dieselben im Jahre 1659 kaufte. Johann George von Gerßdorf starb im Jahre 1723 in Bretnig und liegt in der Kirche zu Hauswalde begraben. Es könnte das aufgefundene Grab aber auch die Ruhestätte seines Sohnes Johann George von Gerßdorf sein, der am 15. Februar 1737, nach anderen Berichten 1736, starb und am 18. Februar ebenfalls in der Kirche zu Hauswalde beigesetzt wurde. –

[229] Die Herren von Gerßdorf waren Edelleute im wahrsten Sinne des Wortes. Sie waren große Wohltäter ihrer Gemeinden und haben sich durch mancherlei wohltätige Stiftungen ein gesegnetes Andenken gesichert. Sie waren fromme, gottesfürchtige Männer und hatten ein Herz für ihre Untergebenen und Mitmenschen.

104. Die wüste Mark Behnsdorf.

Nordöstlich von Pulsnitz lag vor ungefähr 500 Jahren ein freundlicher Ort mit Namen Behnsdorf oder Bensdorf. Seinen Standort haben wir in der Nähe des Oberdorfes von Ohorn zu suchen und zwar am Westabhange des Ohorner Berges, den heute ein schmuckes Forsthaus krönt, das so freundlich weit hinaus in das heimatliche Land grüßt. Behnsdorf gehörte einst, wie eine Urkunde vom 9. Oktober 1309 meldet, zum Leibgedinge der Margarete, Gemahlin des Ritters Bernhard II. von Polzniz oder Pulsnitz, die ungefähr im Jahre 1344 starb. Sie war eine Tochter des Burggrafen Otto von Donin oder Dohna. – Der Name Behnsdorf oder Bensdorf ist eine Verstümmelung des Wortes Bernsdorf, beziehentlich Bernhardtsdorf. In einer Urkunde von 1349 wird dieser Ort auch Bernhardesdorf genannt. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß Bernhardesdorf eine Gründung des Ritters Bernhard von Pulsnitz ist und ein Lieblingsort desselben war. – Nach dem Hussitenkriege wird Behnsdorf nicht mehr erwähnt, woraus man schließen kann, daß es in jenem Kriege zerstört worden ist; denn die Hussiten müssen auf ihrem Zuge von Bischofswerda nach Kamenz auf diesen Ort gestoßen sein. –

[230]

105. Die wüste Mark Hoenbusch.

Westlich von Mönchsdorf am Mönchssteige lag vor Jahrhunderten zwischen Großröhrsdorf und Pulsnitz ein zur Burg Polzniz gehöriges Dorf mit Namen Hoenbusch. Seinen Standort hatte dieses Dörfchen droben am Eierberge. Dieser Lage verdankte es auch seinen Namen; denn Hoenbusch soll heißen: Hohen Busch. Umrahmt war dieses Dorf vom schönsten Nadelwald. Lieblich ist seine Lage gewesen. In Kriegszeiten hat Hoenbusch seinen Untergang gefunden. Nichts weiter als der Name hat sich bis auf unsere Tage erhalten. Der Wald rauscht heute da, wo einst trauliche Hütten standen, und die Waldvögelein singen, wo ehemals fröhliche Kinder spielten und jubelten.

106. Die wüste Mark Schußen oder Schuszen.

Südlich von Ohorn bei Pulsnitz lag in alter Zeit ein Dorf, dessen Namen Schußen oder Schuszen[WS 30] gewesen ist. Es wird dieser Ort auch in einer Urkunde vom Jahre 1349 erwähnt. Heute ist aber von diesem Dorfe nichts mehr zu sehen und nichts mehr bekannt. Ueber dasselbe zieht seit Jahrhunderten der Ackerpflug seine Furchen. Schuszen war jedenfalls ein freundlich gelegenes Walddorf. Ueber sein Schicksal meldet keine Sage etwas. Die ehemaligen Bewohner von Schuszen dürften später in Ohorn sich niedergelassen haben. Nicht unmöglich ist es aber auch, daß einer der vielen Ortsteile Ohorns aus dem früheren Dorfe Schuszen hervorgegangen ist. Der Name „Schuszen“ lebt aber im Volksmunde noch heute fort. –

[231]

107. Der Mönchssteig.
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Südlich von Pulsnitz zieht sich von Südwesten nach Nordosten eine Linie hin. Selbige berührt den Königlichen Forst an der „Pulsnitzer Wiese“ und schlängelt sich vom Kirchsteige aus über den Vierenweg, der nach Großröhrsdorf führt. Man bezeichnet diese Linie, welche stellenweise als gangbarer Pfad noch vorhanden ist, als den „Mönchssteig“. Schon vor tausend Jahren kennt man denselben. Es war ein Fußweg, der später von Pulsnitz nach Großröhrsdorf führte. Ihn benützten nach Einführung des Christentums ganz wahrscheinlich Mönche oder Geistliche, die von Pulsnitz aus nach Großröhrsdorf gingen, um daselbst Seelensorge zu üben; denn vor dem Jahre 1200 hatte Großröhrsdorf noch keine eigene Kirche. Der an der jetzigen Kirche zu Großröhrsdorf vorüberführende Weg heißt heute noch der „Kirchsteig“ und soll aus jener Zeit seinen Namen haben. Auf ihm wären die Großröhrsdorfer in die Kirche nach Pulsnitz gegangen, und es habe der Kirchsteig im Mönchssteige seine Fortsetzung gefunden. Doch es kann der Kirchsteig ebensogut nach Lichtenberg geführt haben. Lichtenberg hatte das erste Gotteshaus in der Pulsnitzer Gegend. Die Sage erzählte ja, daß die Bewohner von Großröhrsdorf, so lange sie ohne ein eigenes Gotteshaus waren, auch in die Kirche nach Lichtenberg gegangen wären. – Am Mönchssteige soll nach der Sage einst ein Dorf gestanden haben, also zwischen Großröhrsdorf und Pulsnitz. Man nannte es nach dem uralten Pfade „Munchsdorf“, auch „Münchsdorf“, das bedeutet Mönchsdorf und soll heißen: Dorf am Mönchssteige. Dieser Ort wird zum ersten Male in einer Urkunde

[232] vom Jahre 1349 erwähnt. (Staats-Archiv zu Dresden, Cop. No. 24.)[WS 31] Dort heißt es: Hermannus Burggrauius de Gols in habet in fedum a Domino villas subscriptas in districtu Dresden sitas ad castrum Polsnicz quondam pertinentes. Primo Hoenpusch, Munchsdorf, Schuszin villas. Das soll heißen: „Hermann, Burggraf von Golsin, hat zu einem Lehn vom Herrn (Landesherrn) die unterzeichneten, im Distrikt Dresden gelegenen, einst zur Burg Pulsnitz gehörigen Dörfer. Zuerst die Dörfer Hoenpusch, Munchsdorf, Schuszen.“ – Wann Munchsdorf oder Mönchsdorf am alten Mönchssteig eine wüste Mark geworden ist, und an welchem Platze es genau lag, das wird leider nirgends gemeldet, und es bleibt für Vermutungen ein weiter Spielraum. Ganz wahrscheinlich ist Mönchsdorf einst ein Raub der Flammen geworden, oder es wurde im Hussitenkriege, der ja in der Pulsnitzer, Radeberger, Kamenzer und Stolpener Gegend ganz besonders schrecklich wütete, dem Erdboden gleichgemacht.

[233]

108. Der Walenberg bei Pulsnitz.
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Fast zwei Stunden von der Stadt Pulsnitz entfernt liegt ein Berg, der den Umwohnern unter dem Namen „Walenberg“ bekannt ist. An diesen Berg knüpft sich eine der frühesten geschichtlichen Erinnerungen des Meißner Landes. Hier war es, wo im Jahre 934 ein blutiger Entscheidungskampf zwischen Heinrich I. und den Wenden, welche damals die Herren dieser Gegend waren, stattfand. Die Wenden sahen durch den deutschen Kaiser Heinrich ihre Herrschaft bedroht und riefen die Hunnen oder Ungarn zu Hilfe, die auch mit einem Heere von 20000 Mann kamen. Doch bewilligte Heinrich ihnen einen Tribut und brachte dadurch einen neunjährigen Waffenstillstand fertig. Die Zeit dieses Waffenstillstandes nützte aber Heinrich gut aus. Einzeln wollte er die verbündeten Feinde bekämpfen. Sein Plan, die Wenden zu unterjochen, mußte gelingen. Er griff die jenseits der Elbe wohnenden Daleminzier, einen wendischen Volksstamm, an und eroberte nach 20tägiger Belagerung ihre Hauptfeste Gana bei Lommatzsch. Schonungslos ließ er alle waffenfähigen Männer niederhauen und Weiber und Kinder als Sklaven verkaufen. Die Wenden mußten empfinden, daß ein christlicher Kaiser auch heidnische Barbarei üben könne. Nach Ablauf des neunjährigen Waffenstillstandes gab Heinrich I. den Ungarn statt des vereinbarten Tributes einen räudigen Hund. Wutentbrannt brachen die Ungarn im deutschen Reiche ein und wollten für die ihnen vom deutschen Kaiser angetane Schmach furchtbare Rache nehmen. Doch es wurden die Ungarn im Jahre 933 in der blutigen Schlacht bei Merseburg und Keuschberg so geschlagen, daß sie eiligst nach Ungarn flohen und auf einige Jahrzehnte das Wiederkommen vergaßen. Der Ausgang der Ungarnschlacht bei Merseburg war für die Wenden im Gau Nisin und Milczane, die bei der heutigen Stadt Pulsnitz, (damals ein festes Bollwerk), aneinandergrenzten, von den verhängnisvollsten Folgen. Da der deutsche Kaiser Heinrich ihnen den mächtigen Bundesgenossen genommen hatte, so standen die Wenden nun hilflos da. Darum spannten sie alle ihre Kräfte an, ihr Gebiet zu beschützen und zu behaupten.

[234] Ihre Heere stellten sie an der Westgrenze auf, um das Eindringen der verhaßten Deutschen zu verhindern. Doch die Wenden konnten Heinrichs Siegeszug nicht mehr aufhalten. Ein befestigter Ort nach dem andern wurde von Heinrich erobert, eine Schanze nach der andern fiel in seine Hände. Bis an die Elbe hatte er in kurzer Zeit alles wendische Gebiet erobert. Nun überschritt er auch diesen Strom und drang nach Osten zu immer tiefer in das wendische Land ein. Da machten die Wenden noch einen letzten Versuch, Heinrichs Vordringen zu hemmen und wenigstens den Gau Milczane zu retten. Sie zogen alle verfügbaren Streitkräfte zusammen und stellten sich ihm am Walenberge und bei der Blutmühle bei Tetschwitz entgegen. Es kam zu einem gar mörderischen Kampfe. Das Blut floß in förmlichen Strömen dahin. Die Wenden erlitten eine furchtbare Niederlage. Fast nicht ein Mann kam davon. Es war ein Vernichtungskampf, ihr letzter Verzweiflungskampf. Am Walenberge liegen sie, die für ihren heimischen Herd Leben und Blut einsetzten, begraben. Freilich ihre Gebeine sind nunmehr längst verbleicht und vermodert. Ueber ihre Gräber hin zieht heute der Pflug. Nachts aber, wenn die Sterne niederschimmern und die Menschen schlafen gegangen sind, dann wird es am Walenberge lebendig. Aus den längst verwischten Gräbern kommen sie hervor, die einst in jener blutigen Schlacht ihr Leben ließen und setzen den Kampf fort. Der Wanderer, welchen zur Nachtzeit der Weg hier vorüberführt, hört es von den Feldern her stöhnen und schreien. Er schlägt rasch ein Kreuz und eilt weiter. Blutigrot schimmert um diese Zeit der Berg. Die Leute sagen dann: „Die Wenden kämpfen wieder am Walenberge!“

[235]

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109. Der Heilige Berg bei Bischheim.

Wer mit der Eisenbahn von Dresden aus über Arnsdorf nach Kamenz fährt, berührt auf dieser Fahrt auch die Haltestelle Bischheim, die letzte Station vor Kamenz. Etwas nordöstlich vom Bahnhofe zu Bischheim durchschneidet der Schienenstrang jene Hügelreihe, welche sich von Elstra aus in nordwestlicher Richtung nach Bischheim zu herüberzieht, und die bei Bischofswerda und Rammenau ihren Anfang nimmt. Zur Linken von der Bahnlinie, also nordwestlich, erhebt sich der „Wüste Berg“, diesem gegenüber, südöstlich von der Bahn, liegt eine bewaldete Höhe, der „Heilige Berg“ genannt, der zwischen Bischheim, Gersdorf und Hennersdorf sich ausbreitet. Derselbe bildete in früheren Jahrhunderten das allgemeine Wanderziel frommer Menschen, und auch heute noch wird er nicht selten aufgesucht, da er eine wundervolle Aussicht bietet. Dieser Berg wurde vom Bischof Gero oder Gerung, der von 1152 bis 1170 den Bischofsstuhl zu Meißen innehatte, zu einem „Heiligen Berge“ erhoben und zwar aus folgendem Grunde:

Zu der Zeit, da diese Gegend noch kein christliches Land war, waren die heidnischen Priester dem Volke auch Aerzte. Die damaligen Heiden suchten bei körperlichen Leiden Hilfe bei den Priestern und Priesterinnen. Nachdem das Christentum eingeführt worden war, erkannte das Volk die christlichen Priester ebenfalls zugleich auch als Aerzte mit an. „Obgleich diese christlichen Priester die Heilmittel der Natur nicht kannten, so bestärkten sie doch mit vielem Fleiße den Glauben an ihre Wunder- und Zauberkräfte, täuschten die Hilfesuchenden durch allerlei Orakelsprüche, bestrichen die Wunden mit heiligen Stäben, bekreuzten sie, legten die Hände auf sie, und nährten so den Aberglauben der Zeit um eitler Ehre und um des Gewinnes willen; denn sie ließen sich dafür gut bezahlen. Oder sie verordneten, daß die Kranken eine gewisse Anzahl von Gebeten hersagen sollten, besprachen oder beschworen sie; ließen sie die Heiligenbilder küssen; hingen ihnen Amulete (Bann- oder Schutzmittel gegen Zauberei und Krankheiten) an, besprengten sie mit Weihwasser. Es hatten sich aber unter dem Volke die Sagen von den Wundertaten der alten Heidengötter, [236] die nun schon länger denn 200 Jahre in dieser Gegend nicht mehr verehrt werden durften, frisch erhalten, und viele konnten zu den christlichen Heiligenbildern kein rechtes Vertrauen fassen. Darum schlichen die Leute heimlich hinauf auf die heiligen Höhen, wo einst die Opferherde der heidnischen Götter standen, um von denen Hilfe zu erflehen, die sie freilich bei Todesstrafe nicht mehr anbeten durften.

Diesem Bedürfnisse des Volkes suchte der Bischof von Meißen entgegenzukommen. Er erhob einen Berg bei dem heutigen Gersdorf und Bischheim zu hohen Ehren und nannte ihn den „Heiligen Berg“. Auf diesem errichtete er eine Kapelle und weihte diese der „Heiligen Walpurgis“. Dieselbe war weit umhergezogen in den Landen und hatte gelehret und zu bekehren gesucht. Sie starb im Jahre 778. Nach ihrem Tode setzte man ihr auf vielen Bergen, besonders in der Lausitz, Andenken und errichtete ihr Standbilder und Kapellen. Der 1. Mai war ihr Ehrentag, und es trägt derselbe auch heute noch ihren Namen.

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Bischheim um 1840.

Der Heilige Berg bei Bischheim kam gar bald zu großem Ansehen. Aus meilenweiter Entfernung wallfahrteten die Leute herbei, um hier oben anzubeten oder Hilfe in ihren körperlichen Leiden zu suchen. Die Kranken, welche nicht gehen konnten, ließen sich herbeitragen, um Gesundheit zu erhalten. Von manchem Wunder wird da berichtet. Oftmals konnte der Heilige Berg die vielen Wallfahrer kaum fassen, und da jährlich die Zahl derselben zunahm, so wurde am Fuße des Heiligen Berges eine größere Kapelle erbaut. „Das in dieser Kapelle einkommende Almosen sicherte ein mit dem Kamenzer Rate 1489 geschlossener Vergleich dem Pfarrer zu; nur das Einkommen während der drei Pfingsttage, sowie des Walpurgis- und St. Margarethae-Abends“, hatte der Pfarrer mit der Kapelle zu deren Instand- und Unterhaltung zu teilen. Wer an diesen Tagen von der ersten bis zur zweiten Messe hier andächtig beichtete und reichliches Almosen opferte, dem verhieß ein Ablaßbrief des Kardinals Rogerius für [237] jeden dieser Tage einen 100tägigen Ablaß. Der Bischof, welcher 1490 diesen Ablaß bestätigte, konfirmierte zugleich einen der Kapelle, durch 10 Mark jährlich, von der Kamenzer Schneiderinnung procurierten Zins. Im Jahre 1508 wurde dieser Kapelle die Wiese am Gehege bei Gölenau geschenkt. Mit bischöflicher Erlaubnis brach der Kamenzer Rat 1542 das baufällig gewordene Bethaus ab. Rücksichtlich auf den nach und nach verkauften Heiligen Berg, welcher ehedem Eigentum der Kirche zu Gersdorf gewesen sein soll, bezieht dieselbe gegenwärtig (1840) noch einen kleinen Erbzins.“

Die Genesung der Kranken und Behexten schrieb man der „Heiligen Walpurgis“ zu. Wer von irgend einem Uebel befreit werden wollte, dem konnte nur eine Wallfahrt nach dem Heiligen Berge Hilfe bringen.

Auf diesem Berge wurde zu Zeiten auch ein mächtiges Feuer angezündet. Man steckte Reißigbündel in Brand und beabsichtigte, dadurch allerlei Geister, Gespenster und Hexen zu vertreiben. Noch heutigen Tages ist dieser Aberglaube nicht ganz erloschen, wie die Gebräuche während der Walpurgisnacht, der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, in den verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes noch beweisen. Das Feuer auf dem Berge zur Walpurgisnacht schützte nach dem Volksglauben das Vieh gegen das Behexen. –

So stand der Heilige Berg bei Bischheim Jahrhunderte hindurch in der weitesten Umgegend in hohen Ehren. Endlich schuf das Licht des Evangeliums auch hierin Wandel. Nach der Reformation wurden der Wallfahrer alljährlich weniger, und zuletzt blieben sie ganz aus. Die Wallfahrtskapelle auf dem Heiligen Berge bei Bischheim vereinsamte ganz und verfiel sogar mit der Zeit. Heute kann man mit Sicherheit nicht einmal ihren ehemaligen Standort angeben. Nur der Name des Berges erinnert noch an die Vergangenheit. –

Wie die Sage berichtet, sollen noch heute vom Heiligen Berge aus unterirdische Gänge nach dem Pfarrhause in Gersdorf führen, die allerdings zum Teil verfallen wären. Mit diesen Gängen soll auch die Mönchsmauer in Verbindung gestanden haben. (Vgl. „Die Mönchsmauer!“)

[238]

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110. Der Sibyllen- oder Hochstein.

Die höchste Erhebung des Höhenzuges, der sich zwischen Bischofswerda und Kamenz ausbreitet, nennt man den Sibyllen- oder Hochstein. Derselbe hat eine Höhe von 449 Meter und gewährt eine gar weitumfassende Aussicht. Das Auge überblickt von ihm aus die Gegend vom Erzgebirge bis zur Landeskrone bei Görlitz und bis zum Iser- und Riesengebirge, von Böhmen bis zum Spreewald. Die Zahl der Berge und Ortschaften beträgt Hunderte, welche das Auge vom Sibyllensteine aus erreicht. Es ist ein entzückendes Landschaftsbild.

Der Sibyllenstein ist ringsum bewaldet. Seine steilen Abhänge sind vom herrlichsten Nadelwalde bedeckt und mit Tausenden von größeren und kleineren Granitblöcken besäet. Auch seinen Rücken überzieht der Wald. Ihn umgibt tiefste Waldeinsamkeit. Zu ihm hinauf dringt auch nicht das geringste Geräusch aus den Dörfern da drunten.

An dem westlichen Fuße des Sibyllensteines liegt das idyllische Forsthaus „Luchsenburg“. Von hier aus ist der Kamm des Berges in 20 Minuten zu erreichen. Am südlichen Fuße entspringen die große Röder und die Schwarze Elster. An den östlichen Fluß schmiegt sich das Dörfchen Kindisch. Nach Norden hin reiht sich Berg an Berg. Der nächste Nachbar ist der Ohorner Steinberg.

Die Höhe des Sibyllensteines krönt ein haushoher Felsenaltar, der zugänglich ist und eine entzückende Fernsicht bietet. Das wundersame Felsgebilde erscheint wie die Ruine einer Burg der Riesen. Der Gipfel des Hochsteines bildet eine 14 Meter hohe und 50 Meter lange Schicht großer Granitblöcke. Deutlicher heben sich unter diesen wieder zwei Hauptkuppen hervor, eine südliche und eine nördliche. Die höchste von diesen ist die südliche Kuppe, die auf der obersten Steinplatte mehrere kesselartige Vertiefungen zeigt. Die nördliche Felskuppe nennt man den Tanzplatz. Diese enthält auf der Oberfläche eine flache kesselartige Vertiefung von fast 2 Meter Durchmesser. Einen unterhalb der nördlichen Kuppe liegenden Felsblock bezeichnet der Volksmund als das Reitpferd.

Zwischen den erwähnten Kuppen befindet sich eine höhlenartige Kluft. Dieselbe wird die Sibyllenhöhle genannt. –

Archäologen bezeichnen diese Felsenhöhe des Sibyllensteines als einen altheidnischen Opferplatz aus der germanischen Urzeit. Die an den Felsen wahrzunehmenden Vertiefungen gelten als die Opfer- und Blutschüsseln, die schmalen, fingerbreiten Rinnen am Rande derselben als die [239] Blutrinnen. Die Vertiefungen dienten zur Aufnahme des Blutes der Opfertiere, zur besseren Erhaltung des Opferfeuers, zum Hineinstellen von Gefäßen, auch zur Aufstellung von Standbildern oder Götzenbildern. Andere Vertiefungen sind als die Sitzplätze der altheidnischen Priester zu betrachten. In den drei größten jener kesselartigen Vertiefungen sieht die Volkssage „Viertel, Metze und Mäßchen“, in welchen der Teufel denen nachmißt, welche falsches Maß führen. Ueber die Entstehung dieser Vertiefungen sagt Preusker: „Wohl ist es möglich, daß die flacheren Vertiefungen vom Einflusse der Witterung herrühren, allein wenigstens bei jenen dreien kann, bei ihrer Größe, regelmäßigen Eingrabung und Lage, nur auf Menschenhand von frühester Zeit geschlossen werden.“[WS 32]

Bei aufmerksamer Betrachtung der näheren Umgebung dieses turmartigen Felsenaltares bemerkt man, daß eine Aufschichtung von größeren und kleineren Granitblöcken diesen mauerartig in Kreisform wie ein Wall umgibt. Dieser deutlich wahrnehmbare Steinwall ist jedenfalls kein Werk der Natur, sondern der früheren Menschen, welchen einst diese Höhe als Kultusstätte diente. Preusker sagt hierzu: „Jene rätselhafte wallartige Steinschichtung, von dem Hochsteine[19] einige Ellen entfernt, beginnt nordwestlich mit einer scheinbar polygonartigen Steinaufhäufung, etwa 14 Ellen lang und auf 5 Ellen hoch und breit, die deshalb vielleicht von Menschenhänden bewirkt ist, weil hier weniger eine solche Schichtung der Platten, wie anderwärts von Natur erfolgte, vielmehr nur ein bloßes Aufeinanderwerfen loser Felsblöcke sich ergibt; mehrere dabei befindliche (oft fälschlich für Basalt gehaltene) einzelne Bruchstücke von dichtem, schwarzem Grünstein, der oft 1–2 Fuß breit gangweise den Granit durchsetzt, jedoch gerade nicht in den Schichten des nahen Felsens bemerkt wird, zeigen, daß nicht eine ursprüngliche Lage der Steine dort anzunehmen ist. Dann zieht sich diese Steinaufhäufung mit Unterbrechungen und zuweilen mehr natürlich geschichtet nordwestlich in gerader Richtung auf 80 Schritte hin, worauf sie in südwestlicher Krümmung in einen sich später verflachenden, möglicherweise auch der Natur zuzuschreibenden Erdwall überzugehen scheint. Man will aber auch auf der anderen Seite des Felsens ebenfalls ähnliche Steinaufschichtungen bemerkt haben, und daher der Vermutung Raum geben, daß solche vielleicht einen heiligen Platz um den Felsen umschlossen, ebenso wie Menschenhände selbst die oberen Steinplatten des letzteren zu heiligen Zwecken und die unteren zum Heraufsteigen besser geschichtet haben könnten, indem sich anderwärts nicht minder kaum glaubliche Leistungen von ähnlicher Steinbewegung ergeben und zwar oft als riesenhafte Steinkreise um Opferaltäre in germanischen Gegenden.“[20]

Der Sibyllenstein ist eine Heimstätte der Frau Saga.

Böhnisch erzählt in seiner Chronik von Kamenz über den Hoch- oder Sibyllenstein folgendes:

„Am Fuße des Hochsteins entsprang gegen Sonnenaufgang ein Kristallquell und rieselte in goldenen Flüßchen über glänzend flimmernden Boden durch den heiligen Hain und bespülte plätschernd die Wurzeln der schlanken Tannen, deren hohe Gipfel bei Annäherung der Göttin melodisch rauschten. Segen strömte auf dem geweihten Wasser dieses Quells [240] in die Täler hinab, und die Bewohner umher schöpften besonders am Morgen des Costra- oder Ostertages, am Hochfeste der Gefeierten, vor Sonnenaufgang das flüssige Kristall, wuschen sich mit diesem Costrawasser, tauchten sich selbst und ihre Hände in das tags vorher sorgfältig angedämmte und aufgeschützte Ostrabad, damit neue Kraft ströme in die ermatteten und kranken Glieder. Oft umschauerte tiefes Schweigen bei nächtlicher Stille den heiligen Ort, und dann umschwärmten gespenstische Wesen die Gegend. Dunkle Schwarzelfen schweiften scheu umher oder übten sich im nahen Erlicht mit gaukelnden Irrwischflammen in seltsamen Tänzen, während Erlkönig sein rabenschwarzes Haar über dunkeln Moor hinter alternden Baumstöcken hervorstreckte. Zwerghafte Kobolde äfften die goldgierigen Späher, zeigten ihnen ihre Schätze und ließen solche, im Begriffe des Erraffens, mit schalkhaftem Gelächter wieder tief in die Bergspalte hinabrollen, um sie auf’s Neue mit huschenden Flammen aufbrennen zu lassen. Doch auch gutmütigere Bergmännchen streuten nicht selten echte Goldkörner umher oder ließen solche auf dem glänzenden Sande dieses Goldflüßchens und mit den ersten Wellen des Alczstraflusses (Elsterflusses) in’s Tal rollen, um solche den Bewohnern der Gegend zuzuführen, wenn sie nicht vorher schon wieder durch verschmitzte Nixen, welche die benachbarten kleinen Seen bewohnten, aufgefischt wurden, um solche als Lockspeise für Leichtgläubige und Kinder zu benutzen, welche sich zu tief hinab beugend, in ihre Netze gerieten. Oft durchzog auch bei Sturm und Graus, unter tobendem Lärm und Rüdengebell, das ganze Heer der wilden Jagd um Mitternacht den Forst; brausende Stürme stürzten ihm nach und wühlten in den Wipfeln der hohen Fichten. In die fernsten Gaue drang die Kunde dieses wundersamen Hains, in welchem geweihte Priesterinnen, Alrunen, der Menschen Schicksale voraussagten, Glück und Unglück prophezeiten, in den weit in die Gebirge eindringenden Felshöhlen wohnten und den Göttern dienten.“ –

Mit dieser Sage hängt wohl auch der Name dieses Berges zusammen. Der Sibyllenstein soll seinen Namen den Sibyllen, altheidnischen Priesterinnen und weissagenden Frauen, verdanken. Unter Sibyllen verstand man im Altertume von einer Gottheit begeisterte und weissagende Frauen. Sie werden stets als Jungfrauen geschildert, die in einsamen Grotten und Höhlen oder an „begeisternden Quellen“ wahrsagten und beim Volke im höchsten Ansehen standen. Man nannte sie auch Alrunen. In den Höhlen des Sibyllensteines hielten diese Frauen sich auf. Droben auf dem hohen Felsenaltar brachten sie der Göttin Costra oder Ostera die Opfergaben des Volkes dar. An diese Göttin, welche auf dem Sibyllensteine von den Umwohnern verehret wurde, erinnert jedenfalls das eine Stunde östlich vom Berge entferntliegende Dorf Ostro, ganz wahrscheinlich auch der Name des Flusses Elster und der Stadt Elstra. – Preusker schreibt über den Namen dieses Berges folgendes: „Ob der Sibyllen Name aus früheren Zeiten stammt, ist ungewiß, wenigstens kommt er schon im vorigen Jahrhunderte in Büchern und Karten vor. Er braucht aber nicht vom Lateinischen hergeleitet zu werden, da nach Grimm auch in nordischen Sagen eine weise Frau Sibil und eine heilige Kuh in Schweden Sybilja hieß.“ –

Der alte Gebrauch, das Schöpfen des Osterwassers, hat sich bis in unsere Tage herauf erhalten. – An dem östlichen Fuße des Sibyllensteines liegen die beiden Dörfchen Kindisch und Rauschwitz. Die Bewohner dieser Orte begaben sich noch vor wenigen Jahrzehnten alljährlich am [241] Ostermorgen vor Sonnenaufgang hinauf nach dem Sibyllensteine an die Quelle der Elster und wuschen sich in diesem Wasser. Man dämmte wohl auch das herabfließende Wasser ein und badete in demselben. Auch schöpfte man es und besprengte mit diesem dann daheim Menschen und Vieh. Schon Tage vor dem Ostermorgen wurde das Wasser der Elster in der Nähe der Quelle eingedämmt, so daß dann der Fahrweg, welcher hinab nach Kindisch führt, nicht passiert werden konnte. Es galt das Wasser der Elster, ebenso auch das der nahen Röder, den Umwohnern einst für heilig und von den Göttern geweiht. Ihm schrieb man eine ganz besondere Heilkraft und Wirkung zu. Wer am Ostermorgen mit diesem vor Sonnenaufgang geschöpften Wasser sich wusch, blieb das ganze Jahr hindurch vor Krankheit bewahrt. Gleichzeitig verhalf dieses Wasser auch zur Schönheit. Wenn dieses abgedämmte Wasser seine wunderbare Heilkraft ausüben sollte, dann durfte dasselbe freilich vor Sonnenuntergang nicht wieder freigelassen werden. Noch heute kommt es vor, daß einzelne Bewohner der Umgegend am Ostermorgen vor Sonnenaufgang nach dem Hochsteine gehen und aus der Quelle der Elster oder Röder heiliges Wasser schöpfen und trinken. –

Seit den frühesten Zeiten gilt der Flußsand der Schwarzen Elster und der Röder aber auch für goldhaltig. Und in Wirklichkeit enthält derselbe goldschimmernde Plättchen vom Glimmer des aufgelösten Granits, welche von den früheren Leuten freilich für echte Goldkörner gehalten wurden. –

Ganz besonders weilt die Sage aber an jenem Felsenaltar auf der Höhe des Sibyllensteines. Sie erzählt, daß der burgartige Felsen einst viel höher gewesen sei. Da aber die Sündhaftigkeit der Menschen immer mehr zunahm, so wäre eines Tages der Fels ein großes Stück in den Berg gesunken.

Die Sage berichtet noch folgendes:

Unter dem Felsenaltare auf dem Gipfel des Sibyllensteines liegen große Schätze vergraben. Zu ihnen führt in der Nähe der Sibyllenhöhle eine geheimnisvolle Türe, die zu manchen Zeiten sogar geöffnet ist. Wer in jener Stunde auf dem Berge weilt, kann diese Türe sehen und in das Innere der Felsenhöhle eintreten. Dieses Glück hatte einst ein Mann. Er erblickte deutlich eine Tür, die zu einer Höhle führte. Der Mann trat durch diese offene Tür in die Höhle ein. Da sah er in dem hellerleuchteten Gewölbe eine alte Frau, welche sich die Haare kämmte. Darüber erschrak der Mann gar sehr und eilte wieder hinaus. Gleich darauf schlug die Türe krachend zu und war nicht mehr zu sehen. „Es ist das eine Sage, die sich von mehreren Bergen findet und vielleicht auf das feenhafte Wesen, die alte Frau Holle oder Hulda (die Perchta anderer Gegenden), Bezug hat und zugleich auf jenen Sibyllen-Namen, wie denn auch das Haarkämmen bei den alten Halbgöttern und Geistern nicht selten vorkommt.“[21]

Vor wenigen Jahren widerfuhr droben am Sibyllensteine einem Waldarbeiter etwas Seltsames. Derselbe war damit beschäftigt, einen Baumstumpf auszuroden. Auf einmal tat es dicht neben ihm einen donnerähnlichen Knall, so daß die Erde förmlich bebte. Erschrocken blickte der Mann um sich, entdeckte aber nichts, wovon der gewaltige Krach herrühren konnte. Deshalb setzte nach einigem Kopfschütteln der Mann seine [242] gewohnte Arbeit fort. Nach wenigen Minuten krachte es donnerartig hart neben ihm zum zweiten Male und gleich darauf zum dritten Male. Es war, als wolle die Erde sich spalten. Nun litt es den Mann nicht länger an Ort und Stelle, er eilte den Berg hinunter, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. Es fing an dunkel zu werden, als er leichenblaß daheim ankam. Er erzählte den Leuten im Dorfe, was ihm begegnet war. Die Leute meinten, er sei jedenfalls dem Kriegsschatze nahe gewesen, der droben am Sibyllensteine vergraben liege. Durch seine Furchtsamkeit habe er aber das ihm winkende Glück sich verscherzt. Unter jenem Baumstumpfe sei ganz wahrscheinlich jener Kriegsschatz vergraben gewesen. Hätte er ruhig fortgearbeitet, dann würde er ein reicher Mann geworden sein. Am andern Tage begab sich jener Waldarbeiter mit noch einigen Männern in aller Früh auf den Sibyllenstein. Es wurde jener Baumstumpf mit aller Sorgfalt ausgegraben, im weiten Umkreise durchwühlte man die Erde, aber von einem Schatze wurde auch nicht die Spur entdeckt. – Im Jahre 1886 wurde am westlichen Abhange, 150 Meter vom Felsenaltare entfernt, eine bronzene Streitaxt gefunden, die dem Kammerherrn von Bünau auf Bischheim, dem ehemaligen Besitzer des Luchsenburger Reviers, abgeliefert wurde. –

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Der Sibyllenstein.

Als vor Jahren auf dem Sibyllensteine Wald geschlagen wurde, fanden Waldarbeiter beim Stöckeroden einige verrostete Spieße aus Eisen oder Bronze. Dieselben lagen unter großen Steinen, die mit Moos und allerhand Gestrüpp überwachsen waren. Leider wurden diese Fundgegenstände von jenen Waldarbeitern nicht weiter beachtet. Sie warfen, wie mir der betreffende Waldarbeiter selbst erzählte, „die alten Dinger“ beiseite. Sie wurden wieder verscharrt. Zu meinem größten Bedauern wußte der Mann jene Stelle nicht mehr genau zu bezeichnen. – Es ist nicht leicht, die nähere Umgebung des Felsenaltares nach Altertümern zu untersuchen. So mancher Felsblock müßte beiseite gerollt, manches Gestrüpp [243] entfernt werden. Aber sicherlich würde die Untersuchung nicht ergebnislos sein. Etwaige Funde könnten uns willkommenen Aufschluß geben und mancherlei Kunde bringen aus der Vorzeit des Hochsteins.

In früheren Jahrhunderten nannte man jenen Felsenaltar droben auf dem Hoch- oder Sibyllensteine den weißen Stein, und das nicht mit Unrecht; denn weithin ist der turmhohe Felsen wegen des hellfarbigen Granits sichtbar. Er erscheint in der Ferne in einem hellen, weißen Gewande. In einer Grenzurkunde vom Jahre 1213 ist der Hochstein als der weiße Stein bezeichnet. – Als Opferherd hat sich der Felsenaltar auf dem Sibyllensteine wie kaum eine andere Höhe geeignet; denn das Opferfeuer auf dem Gipfel des Felsens konnte aus meilenweiter Entfernung gesehen und beobachtet werden. Die Umwohner, welche nicht mit hinauf nach dem weißen Steine wallfahrten konnten, erkannten doch an dem zum Himmel auflodernden Opferfeuer, wann die Stunde der Opferung begann. – Nach der Sage haben sich die altheidnischen Gottheiten, welche vormals auf der Felsenhöhe des Sibyllensteines verehret wurden, in das Innere des Berges zurückgezogen. Sie zürnen den Umwohnern darüber, daß dieselben unter das Kreuz sich beugten und Christen geworden sind.

Ihr Grollen hierüber kann man zu Zeiten auch heute noch vernehmen. An manchen Tagen hört derjenige, der oben auf dem Sibyllensteine weilt, ein heftiges Donnern, das tief aus dem Innern des Felsenaltares dringt. Mancher, der dieses Donnern im Berge vernommen hat, ist heftig darüber erschrocken und davongeeilt. Andere wieder glaubten, ein Gewitter sei im Anzuge, obwohl nirgends ein Wölkchen am Himmel zu entdecken war und die Sonne freundlich niederschien. Ueber das Gehörte verwundert, verließen auch sie den Berg. Besonders unheimlich klingt das Donnern in jenem Felsenlabyrinthe des Sibyllensteines zur Nachtzeit. Freilich nicht jeder geht zu später Stunde gern hinauf auf diesen Berg. –

Das Donnern im Innern des Sibyllensteines findet aber eine ganz natürliche Erklärung. Man vernimmt jenes vielen rätselhafte Rollen nur an solchen Tagen, an welchen der Sturm von W. oder O. her über die Höhe braust und an den turmhoch aufgebauten Felsenmassen sich bricht und durch die einzelnen höhlenartigen Spalten und Nischen fährt. Wenige Sekunden nach jeder Sturmeswelle ist der Donner zu vernehmen, dessen Stärke von der Beschaffenheit der betreffenden Sturmeswelle abhängig ist. Die Sage beweist uns, daß schon in den frühesten Zeiten die Umwohner das Donnern im Innern des Sibyllensteines vernommen haben und sich selbst eine Erklärung machten. – Die einst hier oben weilenden Priesterinnen deuteten das Donnern als die Sprache der Götter, denen das Volk Opfer brachte.

Was der Czernebog und der Bielebog für die östliche Lausitz sind, das ist der Sibyllenstein mit seinem Nachbar, dem Keulenberge bei Oberlichtenau, für die westliche Lausitz. Er ist ein Zeuge aus jenen Tagen, da noch die heidnischen Opferfeuer gen Himmel aufloderten, da unsere heidnischen Vorfahren ihr Leid und Weh den Göttern klagten und ihren religiösen Gefühlen Ausdruck gaben durch Wallfahrten nach dieser geweihten und heiligen Anhöhe. Der Sibyllenstein war die heiligste Kultusstätte der frühesten Bewohner der westlichen Lausitz. –

Wie vor Jahrtausenden, so wird noch heute der Hoch- oder Sibyllenstein von den Umwohnern zu Zeiten mit Vorliebe besucht. Das ist der Fall zur Osterzeit, ganz besonders aber zu Pfingsten. Da kommen aus den umliegenden Dörfern viele Leute schon vor Sonnenaufgang nach [244] dieser sagenumsponnenen Höhe, um von hier oben aus den Aufgang der Sonne zu beobachten. Stundenlang herrscht dann auf dem Sibyllensteine reges Leben und Treiben, und die tiefste Waldeseinsamkeit unterbricht der Jubel der fröhlichen Wallfahrer.

111. Die Luchsenburg.

Am Wege von Pulsnitz nach dem von der Sage so lieblich umrankten Hoch- oder Sibyllensteine liegt, umrahmt von bewaldeten Höhen, die Luchsenburg, ein schmuckes Forst- und Gasthaus. Hier rastet der Wanderer gern im Schatten von Linden, die den Hof zieren. Der Blick schweift hinüber nach dem idyllischen Dörfchen Röderbrunn, das nur 5 Minuten von der Luchsenburg entfernt liegt und am unteren Ende des seeartigen Röderteiches, in dem die große Röder geboren wird, sich ausbreitet. Im Hintergrunde der Luchsenburg erhebt sich der Sibyllenstein, der vom Forsthause aus in 25 Minuten bequem zu erreichen ist.

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Forsthaus Luchsenburg.

Der Aufenthalt in der Luchsenburg ist zu jeder Jahreszeit ein angenehmer, sei es im Hochsommer, wenn die Sonne über dem Walde brütet und die Luft mit Ozon erfüllt, daß die Brust tiefer und bewegter atmet, sei es im tiefsten Winter, wenn rings die Landschaft hoher Schnee deckt und die Bäume unter der Schneelast zu brechen drohen! Wer nur einmal hier weilte, der kommt gewiß gern wieder. Die weltferne Lage und die tiefe Waldeseinsamkeit wirken wahre Wunder. Die Luchsenburg ist eine Sommerfrische, wie sie die Natur schöner kaum schaffen konnte. –

In früheren Jahrhunderten lebten in den umliegenden Forsten noch Wölfe und Luchse. Verfallene Wolfsgruben sind hier noch heute vorhanden. [245] Häufig soll aber der Luchs vorgekommen sein. Daher hat dieses Forsthaus wahrscheinlich auch einst seinen Namen erhalten. Die Sage weiß es freilich anders. Sie erzählt:

„Am Hochsteine befindet sich ein mit Steinen und Nadelholz bewachsener freier Platz, den jedermann ängstlich meidet, und den man die Luchsenburg nennt. Hier erbaute sich einst der Teufel, der gern in dieser Gegend jagte, ein Schloß, das er die Luchsenburg nannte und zwar zur Erinnerung daran, daß er hier einmal einen Luchs erlegte. In der erbauten Burg weilte der Teufel gern und trieb täglich sein Wesen in den umliegenden Wäldern, indem er mit seinem höllischen Hofstaate dem Weidwerke oblag. Die Seelen der Verdammten mußten dabei die Hunde und Treiber sein. Wagte sich jemand zu dieser Zeit in den Forst, dann büßte er seinen Vorwitz mit dem Tode, oder er wurde zur Strafe vom Teufel in ein Tier verwandelt. –

Nun lebte damals in derselben Gegend ein christlicher Ritter, genannt Hubertus, den man späterhin unter die Heiligen versetzt hat. Diesen verdroß das höllische Spiel des Teufels sehr, und er beschloß, demselben ein Ende zu machen. Da er nun selbst ein gar eifriger Nimrod war und daher alle Jagdstücklein wohl kannte, so machte er sich einmal am Tage Aegidi auf den Weg nach der Luchsenburg, nachdem er sich durch Fasten und Beten gestärkt und mit heiligem Weihwasser besprengt hatte. Als er nun von weitem die höllische Jagd heranlärmen hörte, lehnte er sich an einen alten Baum und sprach den Jagdsegen unter Schlagen des Kreuzes. Von diesem Augenblicke an war es mit dem Jagdvergnügen des Teufels aus, kein Hund stellte mehr einen Edelhirsch oder packte ein Wildschwein. Der beste Finder verlor die Spur, und wenn ja ein Stück Wild dem Teufel oder seinen Jägern in den Schuß kam, so prallten die Pfeile und Jagdspieße von dessen Haut ab, als wären dieselben mit Stahl gepanzert. Der Teufel tobte und lästerte gewaltig über das angebliche Ungeschick seiner Leute und Hunde. Einst trat ihm ein stolzer Zwanzigender in den Weg. Er richtete seinen sonst nie fehlenden Pfeil auf diesen. Aber kraftlos sank der Pfeil vor dem Hirsche nieder zur Erde, unversehrt drehte sich das Tier nach dem Jäger um und wendete ihm gleichsam spottend den Rücken. Da merkte der Teufel, daß er einen mächtigeren Gegner habe, der ihm einen Weidmann gesetzt, den er mit all seinen Teufelskünsten nicht bewältigen konnte. Er war betrogen. Da gab er die Jagd auf, schickte sein Gefolge zur Hölle und zertrümmerte wütend sein schönes Jagdschloß Luchsenburg, daß die Steine nach allen Ecken flogen und heute noch den westlichen Abhang des Sibyllensteines bedecken. Seit dieser Zeit hat sich der höllische Jäger niemals wieder in dieser Gegend blicken lassen, allein zur Erinnerung an die Tat des heiligen Hubertus wird allemal die Jagd am Tage Aegidi eröffnet.“[22]

Aus den Trümmern der zerstörten Luchsenburg sollen später Jäger in der Nähe ein Jagd- und Forsthaus errichtet haben, dem sie zur Erinnerung ebenfalls den Namen Luchsenburg gaben, welchen Namen dieses Forsthaus bis heute trägt. –

[246]

112. Der Marktsteig bei Gersdorf.

Zu der Zeit, als die Bewohner der weitesten Umgegend von Kamenz noch katholisch waren, wurde in Gersdorf bei Bischheim alljährlich ein Jahrmarkt abgehalten. Derselbe war stets sehr gut besucht, selbst aus stundenweiter Entfernung kamen die Leute herbei. An jene Zeit erinnert noch heute der Kirchsteig, der von Weißbach nach Gersdorf führt, ein schmaler Fußweg, auf dem die Weißbacher und die Bewohner der Lichtenauer und Pulsnitzer Gegend einst in großen Scharen nach Gersdorf zum Jahrmarkte strömten. Man nennt diesen Pfad den Marktsteig, den vor Jahrhunderten die Marktbesucher aus genannter Gegend durch die Felder zweier Gersdorfer Bauern sich selbst bahnten. Die Besitzer jener Bauerngüter haben den Marktsteig seit Jahrhunderten dulden müssen. Als jener Jahrmarkt zu Gersdorf aufgehoben ward, hat man den alten Marktsteig als Kirchweg der Weißbacher bis zum heutigen Tage beibehalten.

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Gersdorf um 1840.

[247]

113. Möhrsdorf.

Zwischen Pulsnitz und Elstra liegt im Tale der kleinen Pulsnitz am nordwestlichen Fuße des Ohorner Steinberges, den der Rehnsdorfer Burgstall, eine alte Heidenschanze, krönt, das hübsche Dörfchen Möhrsdorf mit einem Rittergute, das Jahrhunderte hindurch im Besitze adeliger Familien gewesen ist. In früheren Zeiten schrieb man den Namen dieses Ortes Mehrsdorf, wie im Gersdorfer Kirchenbuche diese Schreibart zu finden ist. Der Name des Dorfes soll nach der Sage an eine Gottheit erinnern und zwar an die Göttin Möra, die einst in der Möhrsdorfer Gegend und auf dem nahen Hoch- oder Sibyllensteine verehrt worden sein soll. – Die Mören waren im Heidentume die Schicksalsgöttinnen, die jedem sein Geschick zuteilten. Bei den alten Griechen nannte man sie Moirai, bei den Römern Parcae oder Parzen. Sie sind dunkle, unerforschliche Schicksalsmächte, die den Menschen Gutes und Böses geben. –

Um die Zeit 1170 wurde Möhrsdorf durch den Bischof Gero erweitert. – [23]


114. Das Weidigt bei Gelenau.

Die Landstraße von Kamenz nach Bischheim und Gersdorf führt durch das Dorf Gelenau und an dem „Wüsten Berge“ vorüber, der dem Golksberge und dem Heiligen Berge gegenüberliegt. Da, wo die Straße hinter Gelenau zum ersten Male die Eisenbahn kreuzt, befindet sich am Ostabhange des „Wüsten Berges“ ein kleines Gebüsch und in dessen Nähe ein kleiner Teich. Diese Gegend nennt man das Gelenauer Weidigt und ist als solches auch auf den Generalstabskarten verzeichnet. Das Gelenauer Weidigt gilt im Volke als ein unheimlicher Ort, und nicht jedermann geht hier, besonders in nächtlicher Stunde, gern vorüber; denn an dieser Stätte soll schon allerlei Geisterspuk sich ereignet haben. Der Wanderer vernimmt zu Zeiten in der Nacht Aechzen und Stöhnen, Seufzen, Zischen, Schnarren und Pfeifen. Aus dem Röhricht hört er kreischende Stimmen. Blaue Flämmchen steigen aus dem Wasser auf, und greuliche Gestalten sind im Wasser zu erblicken. Zuweilen hocken die Spukgeister dem Vorübergehenden sogar auf. –

Diese Geister sollen eine Rotte wüster Gesellen sein. Im Jahre 1537, am Vorabende des heiligen Christfestes, waren aus dem Dorfe Neukirch eine Anzahl Bauernburschen nach Pulsnitz gegangen, um hier Weihnachtseinkäufe zu machen. Hier in Pulsnitz hatten sie aber auch im Trinken etwas zu viel getan und sich einen tüchtigen Rausch geholt. Als sie sich endlich auf den Heimweg machten, war es bereits dunkel geworden, außerdem hatte ein tüchtiges Schneegestöber sich eingestellt. Nachdem die Burschen [248] gegen eine Stunde gewandert waren, merkten sie, daß sie den rechten Weg verloren hatten. Sie gingen in der Irre. Darüber wurden sie gar ärgerlich und fingen an, gräßlich zu schimpfen und zu fluchen. Da begegnete den Lästernden in der Nähe des Gelenauer Weidigts ein Mönch aus Kamenz, der mit seinem Sakristan von Gersdorf kam, um nach dem Kloster zurückzukehren. Der Mönch redete den Fluchenden ernstlich ins Gewissen und ermahnte sie, doch nicht so gottlos zu sein. Doch die rohen Burschen verlachten den Mönch, verhöhnten ihn und verschlossen ihm den Mund mit Schneeballen. Da ergrimmte der fromme Mönch in gerechtem Zorn, er stieß einen Fluch über die Gottlosen aus und bannte sie in jenen Teich im Weidigt. Hier treiben diese seit jener Zeit ihr Wesen und schrecken den nächtlichen Wanderer. Die Stunde der Erlösung scheint ihnen aber noch nicht geschlagen zu haben; denn noch heute machen sie das Gelenauer Weidigt zu einem unheimlichen Orte.

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Catechismus-Kirche.       CAMENZ
und seine
Kirchen.
      Kirche St. Anna.
Hospital-Kirche.             Bürgerschule.
Begräbniss-Kirche.             Schloss Brauna.

[250]

[251]

115. Die Schwemme bei Kamenz.

Die Stelle, auf welcher am Felsenabhange des Reinhardtsberges in Kamenz die Schwarze Elster vorüberrauscht, wird im Volksmunde seit alten Zeiten „die Schwemme“ genannt. Dieser Platz erinnert an jene Tage, da die ehemaligen Burggrafen von Kamenz im 12. 13. und 14. Jahrhunderte die Gerichtsbarkeit in allen Angelegenheiten selbst ausübten. Der Ausspruch des gestrengen Burggrafen entschied über Recht und Unrecht, über Tod und Leben. Es gab keinen höheren Gerichtshof im Lande, der den Ausspruch eines Burggrafen aufheben oder auch nur lindern konnte. Streitigkeiten zwischen Vasallen endeten durch Zweikampf, Verbrecher und solche, die dafür gehalten wurden, führte man auf das Rügen- oder Rodeland bei Heinrichsdorf. Auf dieser Richtstätte stand die riesengroße Bildsäule Kaiser Heinrichs I. In der Rechten hielt dieses Kaiserstandbild das Schwert, in der Linken die Erdkugel (Reichsapfel) mit dem Kreuze. Verstöße gegen Religion und Sitte hatte der Bischof von Meißen zu rügen. Zu den Todesstrafen gehörte das Verbrennen bei lebendigem Leibe. Eine andere Todesstrafe war folgende:

Der Verurteilte wurde mit einer Schlange oder auch mit einer schwarzen Katze in einen großen Sack gesteckt, den man mit Steinen beschwerte. Von der Höhe des Reinhardtsberges, auf dem auch das Verbrennen der zum Tode Verurteilten vor sich ging, stieß der Henker alsdann den Verurteilten auf ein gegebenes Zeichen hinunter in den Elsterfluß. Hier fand derselbe seinen Tod durch Ertrinken in den Wellen. Diese Art des Hinrichtens bestand bis weit ins 18. Jahrhundert. In den Jahren 1730 und 1755 wurde die Todesstrafe der Schwemme an dem Gärtner Müller, der seine Frau vergiftet hatte, vollzogen, ebenso auch an der „Catharina Lorenzin“ aus Bernbruch. Letztere hatte ihr Kind ermordet. An Händen und Füßen gebunden, den Hals mit einem Stricke umschlungen, wurde die Unglücklichen in einen schwarzen Sack gesteckt und am Fuße des Reinhardtsberges in der Schwarzen Elster versenkt. Nach sechs Stunden zog man die Ertränkte wieder heraus und verscharrte ihren Körper unter dem Hochgerichte. –

In der Nähe der Schwemme, jener ehemaligen Richtstätte, wohnte am Fuße des Reinhardtsberges Jahrhunderte hindurch der derzeitige Henker von Kamenz. Im Jahre 1759 wurde die Scharfrichterei unter das sogenannte Galgenbüschchen verlegt. – Unter dem Burggrafen Burghardt von Kamenz erhielten die Bürger das Recht, aus ihrer Mitte den Rat, „der zu seinem verstatteten Wappen den aus drei Rosen hervorgehenden Adlerflügel des Burggräflichen Wappenschildes entlehnte“ und die volle Gerichtsbarkeit über die Stadt ausüben durfte, zu wählen. Dem Burggrafen blieb von dieser Zeit an nur das Burglehn der Burg untergeben. Die Richtstätte der Stadt befand sich auf dem Galgenberge, der 40 Minuten in nördlicher Richtung von der Stadt entfernt lag. Die Richtstätte der Burg blieb die bisherige.

[252]

116. Die drei Kreuze in Kamenz.

Vor dem Königsbrücker Tore in Kamenz sieht man in der Gegend des Turmes der Sankt Jodocikirche drei Kreuze. Dieselben sollen an einen hier begangenen dreifachen Mord erinnern. Ein wohlhabendes Bauernmädchen aus Lückersdorf hatte nämlich einem Schmiedegesellen aus Brauna Hand und Herz versprochen, allein das Mädchen änderte bald die Gesinnung und schenkte seine Liebe einem Gärtner aus Liebenau. Der verschmähte Liebhaber sann nun auf Rache, doch es war ihm noch keine Gelegenheit geboten, Rache an jener Untreuen zu üben. So kam unterdessen der Trauungstag des jungen Paares heran. Während dasselbe in der Kirche eingesegnet ward, versteckte sich in dem Gäßchen bei jener Kirche der Schmiedegeselle. Als nun das junge Paar aus der Kirche kam und nach Liebenau gehen wollte, stürzte der verstoßene Geliebte plötzlich hervor, erstach erst seine frühere Geliebte, die junge Braut und Frau, dann deren Gatten und zuletzt, ehe es jemand zu hindern vermochte, sich selbst. Die drei Kreuze sollen nun den Platz, wo der dreifache Mord geschehen und wo alle drei Personen auch begraben liegen, bezeichnen.


117. Die Schanze auf dem Reinhardtsberge bei Kamenz.

Dem vielbesuchten Schloßberge zu Kamenz gegenüber, nur durch eine tiefe Schlucht getrennt, liegt, von der Schwarzen Elster und dem Grunaubache umflossen, der Reinhardtsberg, von dessen Höhe man einen wundervollen Fernblick hat, vor allen Dingen hinüber nach der Stadt Kamenz. Der Reinhardtsberg trug früher ein Denkmal aus uralter Zeit. Auf ihm befand sich vormals eine alte Heidenschanze mit einem runden Umfange von 200 Schritten Länge. Die Außenhöhe des Walles betrug nach den gemachten Untersuchungen des ehemaligen Stadtphysikus D. Böhnisch 6–8 Meter, die innere Höhe dagegen nur 3–4 Meter. Bei Nachgrabungen fand man auch 2–3 Meter tiefe Lagen von Asche, balkenförmige Kohlen, geschmolzene Steinmassen, ferner Knochen und verschiedene Urnenbruchstücke. Der Wall der Reinhardtbergschanze schien durch starke Balken ganz besonders befestigt gewesen zu sein. Nach der Ansicht Preuskers (vergl. „Blicke in die vaterländische Vorzeit,“ Band II, Seite 195!) ist der abgetragene Wall auf dem Reinhardtsberge zur Heidenzeit der „feste Platz“ der Stadt Kamenz gewesen. Der Schloßberg soll erst später eine Burg erhalten haben.

Die aufgefundenen Gegenstände sprechen dafür, daß die Höhe des Reinhardtberges in frühester Zeit ein altheidnischer Opferplatz gewesen ist. Heute ist von jener Heidenschanze auf dem Reinhardtsberge jedoch nichts mehr zu sehen. Sie ist geebnet worden. Doch die Sage weiß zu erzählen, daß unter der verschwundenen Schanze unermeßliche Schätze vergraben liegen sollen und zwar eine große Braupfanne mit Gold und [253] Silber. Dieser kostbare Schatz ist aber nur in der Johannisnacht zu finden und zu heben. Er wird von einem graugekleideten, kleinen Kobold bewacht, der diejenigen, welche ihm in den Weg kommen, verhöhnt und verspottet. „Geht man jedoch mit dem Ausschlage der 11. Mitternachtsstunde in der Johannisnacht dorthin, so erblickt man zuerst ein blaues Flämmchen, welches sich aus der Erde erhebt und nach und nach die Gestalt eines Männchens annimmt, das einen großen Schlüssel in der rechten Hand hält. Diesem hat man sich zu nähern und ihm durch Zeichen anzudeuten, daß man den Schlüssel zu haben wünscht. Dann wird das Männchen auf einmal verschwinden, und man wird den Schlüssel in der Hand haben. Nun soll sich auf einmal die östliche Seite des Berges öffnen, und man wird eine Tür erblicken; hat man diese mit dem Schlüssel geöffnet, so gewahrt man die Braupfanne, allein man darf sich nichts von den darin befindlichen Kostbarkeiten aneignen, sondern nachdem man etwas, gleichviel was, hineingeworfen, geht man rückwärts, den Schlüssel in der Hand, den Berg hinab, ohne sich von den erscheinenden Spukgeistern schrecken zu lassen. Zwar wird nun die Türe wieder verschwinden, allein wenn man drei Tage nachher an dem Orte, wo sie gewesen, abermals nachgräbt, öffnet sie sich wieder mit dem bewußten Schlüssel, und nun kann man sich ihren Inhalt aneignen.“

(Dr. Gräße.)
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Barmherzigkeits Stift.

[254]

118. Das Feuerhaus in Kamenz.

Im Jahre 1842, in der Nacht vom 4. zum 5. August, wurde die Stadt Kamenz von einer furchtbaren Feuersbrunst heimgesucht, der fast die ganze Stadt zum Opfer fiel. In wenigen Stunden glich Kamenz einem rauchenden Trümmerhaufen. Ueber 500 Gebäude, darunter das Rathaus, die Schule, die Kirchen, das Posthaus, wurden ein Raub der Flammen. 3000 Menschen waren obdachlos geworden. Groß waren der Jammer und das Elend! Unter den wenigen Gebäuden der Stadt, welche von dem verheerenden Feuer verschont worden waren, befand sich auch ein Haus an der westlichen oberen Ecke der Oberangergasse. Zur Erinnerung wurde über dem schönen „Renaissance-Portale“ eine bildliche Darstellung jenes schrecklichen Stadtbrandes angebracht. Man erblickt die vom Schicksale heimgesuchte Stadt in Flammen. Seit jener Zeit nennt man dieses Haus das Feuerhaus. – Es ist dasselbe aber auch in anderer Beziehung noch geschichtlich denkwürdig. Im Jahre 1707 gehörte dieses Gebäude dem „Leibmedikus“ August des Starken, Dr. Haberkorn. Als die Stadt im genannten Jahre ebenfalls von einem Brande heimgesucht wurde, verlor Dr. Haberkorn seine kostbare Bibliothek.


119. Der „Goldene Hirsch“ in Kamenz.

Das interessanteste und sehenswerteste Gebäude an der Südostseite des Marktplatzes in Kamenz ist das altehrwürdige Gasthaus „zum Goldnen Hirsch.“ Eine über dem Eingange befindliche Inschrift lautet:

Mich schützt des Höchsten Recht und Gottes Gnadenhand,
zum goldnen Hirsch werd’ ich genannt.
 A. P. 1732.

Beim großen Stadtbrande 1842 blieb dieses Gebäude wie durch ein Wunder verschont, worauf eine zweite Inschrift den Wanderer hinweist. Dieselbe lautet:

Gott schützte mit allmächtger Hand
Dies Haus beim letzten großen Brand,
 4.–5. Aug. 1842.

An dieses Gasthaus knüpfen sich so manche geschichtliche Erinnerungen. Im Jahre 1621, vom 10. bis 16. Juli, wohnte hier während des „Kamenzer Landtages“ der Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen. Ueber dem Eingangstore befindet sich das „Kurfürstenzimmer.“

Als Ferdinand II., ein Verwandter des Matthias, von den böhmischen Ständen nicht als König anerkannt wurde, zeigte sich demselben, wie Mähren und Schlesien, zuletzt auch die Lausitz abgeneigt und stimmte einer auf den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz fallenden Wahl bei. Indessen gelangte Ferdinand II. doch noch zur Kaiserkrone. Von ihm wurde

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Kamenz um 1840.
Vor dem letzten großen Brande.

[256] [257] Sachsens Kurfürst Georg I. 1620 aufgefordert, mit Heeresmacht in die Lausitz zu ziehen. Die Lausitzer wurden dadurch sehr geängstigt und hielten das Beharren in der Auflehnung gegen Ferdinand II. nicht mehr für ratsam. Der Kamenzer Rat schickte Gesandte nach Stolpen, wo der Kurfürst Georg weilte. Fußfällig baten sie diesen auf dem Markte um Gnade für ihre Stadt, wodurch unter den Sechsstädten zuerst Kamenz seine Unterwürfigkeit aussprach. So war Kamenz den übrigen Städten des Sechsbundes mit gutem Beispiele vorangegangen. Dafür sollte Kamenz auch die Ehre haben, den Kurfürsten in die Mauern der Stadt einziehen zu sehen. Das geschah am 10. Juli 1631 unter dem Geläute sämtlicher Glocken. Nun trafen auch alle „Repräsententen“ der Lausitz ein, und der Kurfürst hielt persönlich einen Landtag ab, um zugleich auch die Huldigung der Provinz entgegenzunehmen. Die Stadt glich während dieser Festtage einer kleinen Residenz, der Gasthof „zum Goldenen Hirsch“, wo der Kurfürst Quartier genommen hatte, einem Fürstenschlosse. Mit einem Gottesdienste in der Stadtkirche wurde der Kamenzer Landtag eingeleitet. Kurfürst Georg wohnte diesem Gottesdienst selbst mit bei. Die Predigt hielt der Hofprediger Dr. Hoene v. Hoenegg über 1. Petr. 2, 17. Am 13. Juli nahm der Landtag seinen Anfang. „Am nächsten Tage erfolgte ebenfalls auf dem Rathause ein glänzendes, fürstliches Gastmahl, das an seiner mit vergoldetem Silberservis ausgestatteten Tafel viel der Stadtedeputierten

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Ehemaliges Archidiakonat in Kamenz (Lessing’s Geburtshaus).

[258] zählte.“ – Im Jahre 1635 erstach der Sohn des Kamenzer Bürgers Böhme beim Duell im Gasthofe „zum Goldenen Hirsch“ den Prediger Prätorius aus Großgrabe. – Das Gasthaus „zum Goldenen Hirsch“ trägt auch eine Erinnerung an den Dichter Gotthold Ephraim Lessing. Bei den Verwandten im „Goldenen Hirsch“ versammelten sich an Gotthold Ephraim Lessings Tauftage, den 24. Januar 1729, die Taufzeugen: Pastor Lange aus Uhyst am Taucher, Frau Landsberger aus Dresden und der Stadtschreiber Christian Gottlob Lessing, des Knaben „Wohltäter.“


120. Der Brunnen auf dem Marktplatze in Kamenz.

An der Südostseite des Marktplatzes in Kamenz steht der Andreasbrunnen, der ein schmuckes Denkmal bildet. Ihn ließ der letzte katholische Bürgermeister der Stadt, Dr. Andreas Günther, im Jahre 1548 erbauen. 22 Jahre später, im Jahre 1570, dem Todesjahre des Gründers, wurde der auf den drei Säulen ruhende Ueberbau errichtet. Der Fries trägt Inschriften.

Auf der einen Seite: D. ANDREAS GUNTHERUS. PROCON. SUL.
Darüber befindet sich ein Doppelaar, das österreichische Wappen.
Auf der anderen Seite steht: Camicianus Hunc. Fontem Svis.

Ueber dieser Inschrift ist das Kamenzer Wappen angebracht. Ein blaues Feld zeigt zwei schwarze Türme über einem Tore mit Fallgatter. Zwischen den beiden Türmen befindet sich ein Schild mit einem goldenen Löwen in rotem Felde. Die dritte Seite des Frieses zeigt die Worte:

Impensis Ornari Fecit Patriae Pietatis Impvlsv Anno 1570.

Darüber befindet sich ein Wappenbild, der böhmische weiße Löwe mit goldenen Klauen und mit Doppelschweif in rotem Felde. Das Ganze ist gekrönt von einer Statue, welche die Gerechtigkeit darstellt, und von drei kleinen Kinderfiguren.

In dem denksteinartigen Bau des Andreasbrunnens will man einen Galgen erkennen. Nach der Sage deute das „Dreibein“, der Galgen, auf Sühne. Der Erbauer dieses Brunnens sei einst eines schweren Vergehens beschuldigt worden. Gegen ihn hätten die Richter sogar die Todesstrafe ausgesprochen. Doch der Verurteilte habe durch Erbauung dieses Brunnens von der verdienten Strafe sich losgekauft und dem Brunnendenkmale die Form eines Galgens gegeben, wodurch er offen bekannte, für sein Vergehen eigentlich die Todesstrafe verdient zu haben.

[259]

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Kloster- oder St. Annenkirche mit Kloster a. 1499.

[260]

[261]

121. Der Mönch an der Hausecke der Budißiner Gasse Nr. 91 in Kamenz.

Am Eckhause der inneren Bautzener Straße und der Oberanger Gasse in Kamenz ist eine türgroße Steinplatte eingemauert. Auf derselben sind das Bildnis eines Mönches in schwarzer Kutte und das Wappen des Erzbistumes Mainz, ein Rad, ausgehauen. In der Hand hält der Mönch den Rosenkranz. Die Schrift, von welcher die Figur umgeben ist, ist sogenannte Mönchsschrift und als solche schon nicht leicht zu enträtseln. Sie besagt, daß diese eingemauerte Steinplatte der Leichenstein des Ratsherrn und Schuhmacherältesten Hans Wagner gewesen ist, der einst in diesem Hause wohnte und als Eigentum es besaß. Die Umschrift lautet:

„Nach Christi unsers Herren Geburth 1500 und im 4ten Jare ist gestorbe Hans Wagner dem Got gnade.“

Der Volksmund nennt die an jenem Hause befindliche Figur den „Mönch“ und hält sie für das Standbild des Mönches Berthold Schwarz, des Erfinders des Schießpulvers. Einen in der Sankt Annenkirche zu Kamenz befindlichen Grabstein, den eine Kanone zieret, hält man für den Grabstein desselben. Jene Grabstätte in der Wendischen Kirche, die man auch die Sankt Annenkirche nennt, ist aber die eines Kamenzer Büchsenmachers, mit Namen Max Gottmann, der im Jahre 1508 starb und in der Sankt Annenkirche, der ehemaligen Klosterkirche von Kamenz, begraben liegt.


122. Der Keulen- oder Augustusberg.

Zu den schönsten Höhen im lieblichen Berglande der westlichen Lausitz Sachsens gehört der sagenumsponnene Keulen- oder Augustusberg. Er ist von Pulsnitz aus nach zweistündiger Wanderung in nördlicher Richtung bequem zu erreichen und erhebt sich unweit des Kirchdorfes Oberlichtenau. Seine Höhe über dem Meeresspiegel beträgt 413 Meter. Die ihn umgebenden Täler liegen 200 Meter tiefer als sein Gipfel, so daß der Keulenberg dem Wanderer Achtung abzwingt. Auf die Höhe des Berges führen gute Wege, die durch Wegweiser und Kalkanstriche genügend gekennzeichnet sind, so daß ein Verirren ausgeschlossen ist. – Der Keulenberg besteht aus zwei Kuppen, dem großen und dem kleinen Keulenberge. Beide liegen gegen 20 Minuten auseinander und sind durch einen Sattel verbunden. Aufgebaut ist der Berg aus Granit, der hier und da in gewaltigen Felsenmassen zu Tage tritt. Nadelwald bedeckt ihn über und über, doch ziehen sich an einzelnen Stellen Feldstreifen weit hinauf. Alte Leute bezeichnen den Berg schlechtweg als den „Keulen“. In frühesten Zeiten nannte man ihn „Radewitz“. Von jeher ist dieser Berg berüchtigt durch seine Sagen von Berggeistern, die einst hier gehaust haben sollen. Seit dem Jahre 1818 führt der Keulenberg zur Erinnerung an Friedrich August den Gerechten, den ersten König von Sachsen, auch den Namen „Augustusberg“. Doch [262] dieser Name will nicht volkstümlich werden. Mir ist es widerfahren, daß Leute aus der Umgegend beim Befragen nach dem Wege den Augustusberg nicht kannten, wohl aber den Keulenberg. – Auf dem großen Keulenberge finden wir eine gute Restauration mit einem kleinen parkettierten Tanz- und Gesellschaftssaal. Von Zeit zu Zeit wird hier auch der Göttin Terpsichore gehuldigt. Dann kommen Burschen und Mädchen aus den umliegenden Dörfern herauf und schwingen sich im lustigen Reigen. An der Nordseite dieses Berghauses sind schattige Sitze hergerichtet, selbst eine Kegelbahn fehlte vor Jahren nicht. Vor Jahrzehnten befand sich hier oben auch ein schöner Schießstand. Sonntags kamen aus den umliegenden Orten verschiedene Herren herauf und übten sich im Scheibenschießen. Reste jenes Schießstandes sind noch vorhanden.

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Oberlichtenau um 1830.

Der große Keulenberg endet in drei scharf gezeichneten Felsenspitzen. Einzelne Granitmassen ragen gleich Keulen empor, die wohl auch zu dem Namen „Keulenberg“ Veranlassung gegeben haben mögen. Diesen Berg, nebst dem Eierberge und Gückelsberge bei Pulsnitz, pflegte man im 17. Jahrhunderte die drei großen Landprediger zu nennen. Der Pulsnitzer[WS 35] Pfarrer, M. Christian Ehrenhaus, schrieb über sie ein Buch: „Drei große Landprediger, der Keulenberg, der Eierberg und der Gückelsberg, die von der Reue, dem Glauben und dem neuen Gehorsam predigen. Dresden, 1662, in 4.“ –

Auf der nördlichen Felsenkuppe des großen Keulenberges stehen die Trümmer eines ehemaligen Jagdschlößchens, aus dessen hohlen Fensterbögen man eine überaus herrliche Fernsicht genießt. Im Jahre 1835 riß ein rasender Sturm in der Neujahrsnacht das obere Stockwerk dieses Jagdschlosses

[263]

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Kloster- oder St. Annenkirche im Jahre 1899 in Kamenz.

[264] [265] ab, und seitdem liegt das Häuschen auf der nördlichen Felsenspitze in Trümmern. Dieses Jagdschloß wurde von der Gräfin von Holzendorf zu Lichtenau im 18. Jahrhundert erbaut. Dasselbe bestand aus zwei Stockwerken. Zu dem obersten führte von außen eine Freitreppe, deren Reste noch deutlich vorhanden sind. Die inneren Wände der Ruine zeigen selbst noch Spuren von ehemaligen Freskogemälden. Im Jahre 1813 hielt der König von Preußen hier oben mit seinen Feldherren Kriegsrat. – Reges Leben herrschte in diesem Jagdschlößchen alljährlich am „Maria-Heimsuchungstage.“ An diesem Tage wurde auf dem Augustusberge ein großes Scheibenschießen abgehalten. Die Schloßbesitzer von Oberlichtenau spendeten als Geschenk für den besten Schützen einen silbernen Becher, der mit dem Wappenbild jener Herren gezieret war. Auch schenkten sie Geldmünzen und Gebackenes. Letzteres warfen die Spender von dem aufwärts zum Jagdschlosse führenden Gange unter das unten versammelte Volk. Aus meilenweiter Ferne kamen Schützen und Zuschauer zu diesem beliebten Feste. Die Bewohner in der ganzen Umgegend freuten sich schon lange vorher auf diesen Tag, auf das Bergfest. An diesem Freudentage war der ganze Berg förmlich lebendig. Die hier oben versammelten Menschen zählten manchmal nach Tausenden. Man glaubte, auf einem großen Jahrmarkte zu sein. Zelte und Buden waren aufgeschlagen. Musikanten spielten, fahrende Sänger traten auf.

Die südliche Felsenspitze trägt einen aus Balken hergestellten Aussichtsturm. Derselbe wurde zum Zwecke der mitteleuropäischen Gradmessung errichtet. Eine bequeme Treppe führt hinauf. Die Aussicht von hier oben aus ist geradezu überraschend, und man versteht es, warum in früheren Zeiten die Leute aus der Umgegend so gern nach dem Keulenberge wallfahrteten und warum sie diese Höhe auch heute noch an gewissen Tagen im Jahre so gern aufsuchen, z. B. am Himmelfahrtstage. Nach Norden hinaus schweift der Blick in eine fast endlos erscheinende Ebene. Viele Meilen weit sieht das Auge in’s „Preußische“ hinein. Ein scharfes Auge erkennt die Türme von Lübbenau im Spreewalde. Nach Osten hin erblickt man die Höhen um Kamenz. In südlicher Richtung liegen der 458 Meter hohe Sibyllenstein, der Ohorner Steinberg, ferner die Bergstadt Stolpen mit der romantischen Burgruine, die Sächsische Schweiz, der langgestreckte Kamm des Erzgebirges. Nach Westen zu überblickt man das Waldmeer der Dresdener Heide, das am Buchberge liegende Städtchen Königsbrück und die dunklen Waldungen um Radeburg und Moritzburg. Es ist ein wundervolles Landschaftsgemälde, das der Keulenberg bereitwilligst jedem Besucher zeigt, vorausgesetzt, daß der Berg nicht gerade seine Nebelkappe sich aufgestülpt hat. Ist die Luft klar, dann schweift bei solchem Wetter das Auge sogar bis in die Oschatzer Gegend, und deutlich tritt am westlichen Horizonte der Kolmberg hervor. Ueberwältigend ist der Sonnenauf- und Untergang. Wer Gelegenheit gehabt hat, diese vom Keulenberge aus je beobachtet zu haben, der wird diesen Anblick nie wieder vergessen.

Am Fuße dieses Aussichtsturmes steht seit dem Jahre 1899 das Bismarckdenkmal, das an den ersten Kanzler des neuen deutschen Reiches erinnern soll. Am 10. September 1899 wurde dieses Denkmal feierlichst enthüllt. Trotz des regnerischen Wetters hatten sich doch viele Festteilnehmer hier oben eingefunden. Nachmittags 4 Uhr nahm die Enthüllungsfeierlichkeit ihren Anfang. Nach einem „Kanonenschlage“ spielte die Musikkapelle einen stimmungsvollen Marsch. Hierauf ergriff Herr P. Dr. [266] Schwarze aus Oberlichtenau, der zu Anfang des Jahres 1902 in den Ruhestand trat, das Wort zu seiner Weiherede. Nach dem Enthüllungsakte sangen die Mitglieder der Keulenbergkonferenz, eine Anzahl Lehrer aus der Umgegend, das Lied: „Wie könnt’ ich Dein vergessen!“[WS 36] Sodann sprach Herr Schäfer jun. aus Oberlichtenau allen denen, welche am Zustandekommen des Denksteins mitgewirkt hatten, den herzlichsten Dank aus. Mit dem allgemeinen Gesange: „Deutschland, Deutschland über alles!“ wurde diese einfache, aber erhebende Feier geschlossen. Das Denkmal selbst ist in einfach würdiger Form gehalten. Es besteht aus Sockel, Mittelstück und Bekrönung. Die Höhe beträgt 2½ Meter. Auf dem oberen Teile des Mittelstückes befindet sich das Bronzebildnis des Kopfes Bismarcks in Lebensgröße. Darunter steht die Widmung:

Was Bismarck uns errungen:
Des Volkes Einigkeit,
Laßt alle treu uns halten
Bis in die fernste Zeit!
 1815–1898.
Errichtet im Jahre 1899.


Auf der mittleren Felsenspitze des großen Keulenberges steht ein einfaches Denkmal, ein 50 Fuß hoher Obelisk, errichtet zur Erinnerung an das 50 jährige Regierungsjubiläum des Königs Friedrich August des Gerechten von Sachsen. Dieser Denkstein trägt an seiner Südseite folgende Inschrift:

Friedrich August
dem fünfzigjährigen Vater
seiner treuen Sachsen
von jubelnden Kindern
den 15. September
1818.

Die erste Veranlassung zur Errichtung dieses Denkmales gab der damalige Königliche Förster Lüttich in Laußnitz. Durch ihn wurde ein Verein ins Leben gerufen, der weder Kosten noch Anstrengung scheute, in das Angefangene zur Ausführung zu bringen. Die Erbauer des Denkmales waren die Steinarbeiter Gotthelf Buhle aus Lomnitz und Christoph Schirge aus Höckendorf. Außerdem waren noch zehn Gesellen mit tätig. Da der Obelisk in der Nähe von Laußnitz bei Königsbrück angefertigt wurde, so mußte derselbe hinauf auf den Keulenberg transportiert werden. Das war keineswegs eine leichte Arbeit. Sie war mit großen Anstrengungen und sogar mit Lebensgefahr verknüpft. Der Obelisk besteht aus vier Teilen, aus Fuß, Würfel, Gesims und Kegel. Jeder Teil mußte einzeln auf den Berg geschafft werden. Das erste Stück des „Postamentes“ wurde mit 6 Ochsen, der Würfel, auf dem die Säule steht und der 50 Zentner wog, mit 18 Ochsen, das Gesims mit 4 Ochsen und die eigentliche Säule, 22 Fuß lang, aus einem einzigen Granitsteine gehauen und 60 Zentner schwer, wurde ebenfalls mit 18 Ochsen auf den Berg gefahren und zwar von Laußnitz über Höckendorf und Großnaundorf. Jede Auffahrt dauerte 10 Stunden. Der Tag der Denkmalsenthüllung lockte zahlreiche Zuschauer und Festteilnehmer herbei. Am 15. September 1818 fand diese großartige Feier statt, deren Verlauf von Augenzeugen wörtlich wie folgt beschrieben wird:

[267] „Man hatte zu dieser Feier das schon damals sehr baufällige Berghäuschen in stand setzen lassen, so daß es sehr brauchbar war. Der aus 242 Personen verschiedenen Standes bestehende Verein deckte auch den zum Feste erforderlichen sehr bedeutenden Aufwand. Nahe der Säule, in hochgewölbter laubiger Nische, war das Bild des gefeierten Königs aufgestellt, und auf den rotbedeckten Stufen des Laubthrones ein ebenfalls rot bekleideter Opferaltar errichtet. Ebenfalls in der Nähe der Säule war aus Stämmen ein völlig gedielter, 63 Fuß langer und 30 Fuß breiter Saal erbaut worden, dessen Seitenwände mit Leinwand ausgeschlagen und mit grünen Zweigen dekoriert worden waren. Dieser Saal wurde durch fünf große Kron- und 24 Wandleuchter erhellt; außerdem war er mit 5 hohen Spiegeln ausgestattet, das Orchester mit rotem Tuch behangen, und stand so zur Aufnahme der 242 Mitglieder bereit. Auch war durch eine Menge Zelte und Laubhütten für Herberge und Beköstigung der Zureisenden gesorgt. Uebrigens bildete der von Holz und Steinen gereinigte Hauptplatz eine mit Netzen umgebene, 160 Fuß lange und 100 Fuß breite Ebene. – Mehrere vorangegangene Regentage machten für den Fortgang des Festes besorgt. Da verscheuchte die Morgensonne des 18. September den die Kuppe des Berges verhüllenden Nebel, und kein Wölkchen trübte den weiten Horizont. Mit wehenden Fahnen und klingendem Spiele zogen die Schützen aus 4 umliegenden Städten den Berg hinauf, so wie sich auch eine Abteilung von 70 Mann reitender Artillerie mit ihren Geschützen eingefunden hatten. Viele Tausende von nah und fern, sogar aus dem Herzogtume Sachsen, waren herbeigeströmt, und vormittags 11 Uhr verkündete siebenmaliger Kanonendonner das Beginnen der Feierlichkeiten. Fünfzig grün und weiß

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Höckendorf um 1840.

[268] gekleidete Jungfrauen, mit Kränzen geschmückt, Töchter des Vereins, Blumenkörbchen tragend, so wie die schwarz gekleideten Vertreter des Vereins, nebst mehreren hohen Staatsbeamten und Militärs, standen versammelt in der Nähe des Berghäuschens,[WS 37] wozu auch fast alle Greise der nächsten umliegenden 8 Dörfer, begleitet von ihren Gerichtspersonen, traten. Vom Häuschen herab stimmte unter vollster Musikbegleitung ein Gesangschor das Morgenlied an: „Dank Dir, das Dunkel ist vergangen!“ Hierauf zogen unter sanfter Musikbegleitung die sämtlich hier Aufgestellten, die Jungfrauen voran, das Sängerchor beschließend, paarweise zu dem von den Fahnen der Schützen bewehten und von ihnen selbst im Halbkreise umschlossenen Laubthrone. Einen entgegengesetzten Halbkreis bildend, standen jetzt die Jungfrauen vor diesem Throne, und ihre beiden Anführerinnen legten opfernd einen Kranz auf den Altar. Der nun zu Dresden verstorbene Hofrat Böttger betrat die linke Seite der Bestufung als Redner und schloß mit den Worten:

„Das ganze Land ist eine Opferflamme!
Heil unserm König! Heil dem ganzen Stamme!“

Nachdem die Musik hier kräftig eingefallen war, traten die beiden jugendlichen Priesterinnen dem Bilde des Königs näher, und eine derselben, den vom Altare genommenen Kranz in der Hand, sprach mit sehr gelungenem Vortrage ein Gedicht. Bei den Worten: „Streuet Blumen aus, Schwestern!“ stellten die Jungfrauen durch das Ausschütten ihrer Blumenkörbchen einen dem Hochgefeierten zu Füßen gelegten, lebenden reizvollen Blumenkranz dar, wobei die Rednerin mit Hilfe ihrer Gefährtin das Jubelbild mit dem Opferkranz krönte, und bei Vollmusik ertönte aus aller Munde der Festgesang: „Heil Dir im Jubelkranz, Vater des Vaterlands, Heil König Dir!“ – Hierauf brachte der Hofrat Böttger dem Jubelkönige ein dreimaliges Lebehoch, in welches die Menge freudig einstimmte, wobei die Schützen präsentierten und 101 Kanonenschüsse fielen. –

Nach dieser Feierlichkeit wurden die Tafeln geordnet, wo das Ganze einem wohlversorgten Lustlager glich, und wo Tausende ihre Pokale auf ein noch recht langes Leben des geliebten Königs erhoben und leerten. Herrliche Toaste wurden durch den Hofrat Böttger und andere ausgebracht. Nachmittags gegen 4 Uhr stellten sich die Greise nochmals vor das Bild des Königs, und nachdem der Schullehrer Hapatzky aus Oberlichtenau eine Rede gesprochen hatte, stimmten die Greise das Lied an: „Nun danket alle Gott!“ – Das Musikchor fiel mit ein, sowie tief ergriffen die ganze Umgebung. Nachdem die Sonne sich geneigt und auch den Berg nebst seinem Festvereine in Dunkel gehüllt hatte, wurde durch fünf Kanonensalven der Anfang eines Feuerwerks verkündet, bei dessen Beschluß über einem in Blau brennenden Vivat des teuren Königs Name flammte. Hierauf folgte im Saale ein glänzender Ball, und auch im Waldhäuschen bewegten sich fröhliche Tänzer. Den ganzen Berg beleuchtete bis zur Dämmerung des nächsten Morgens ein brennender Holzstoß, und nah und fern brannten zugleich auf Sachsens Höhen himmelansteigende Opferflammen.“ –

An diesem Jubeltage wurde dem Berge der Name „Augustusberg“ gegeben. –

Um den Keulenberg hat die Sage einen lieblichen Kranz geflochten. Wie schon erwähnt, führte der Augustusberg in frühesten Zeiten den Namen „Radewitz.“ Damals soll der Berg eine altheidnische Opferstätte gewesen sein. Auf dieser Höhe stand ein Altar des Wendengottes Radegast. [269] Noch lange nach Einführung des Christentumes loderten von der Höhe des Radewitz aus Opferflammen empor. Heimlich versammelten sich hier oben zum Opferdienste Leute aus der Umgegend, die bereits zum Christentume übergetreten waren. Das Wallfahrten nach diesem Berge hat das Volk auch niemals aufgegeben. Zu manchen Zeiten soll der alte Heidengott Radegast, der über das Klingen der Glocken aus den umliegenden Dörfern sehr erzürnt sei, die am Berge arbeitenden Leute schrecken und ängstigen. Als im 18. Jahrhundert einmal Gräfenhainer Bauern in der Heuernte am Fuße des alten Opferberges beschäftigt waren, kam plötzlich eine finstere Wetterwolke dahergebraust. Aus ihr regnete es Steine, so groß, wie eine Mannesfaust. An dem Berge aber leuchtete es wie blaue Flammen auf, und es dröhnte wie ferner Donner. Der Sturm schnitt das Gras von der Erde weg, wie wenn es mit einem Scheermesser abgeschoren worden wäre. Die Heuschober aber wurden aufgehoben und verschwanden in der Luft. Da sagte eine Tagelöhnerin zu ihrem Manne: „Komm, wir wollen nach Hause gehen! Hole das Zeug, der jüngste Tag kommt!“ Unerschrocken aber antwortete jener: „Du Närrin, wenn der jüngste Tag kommt, dann brauchen wir das Zeug nicht mehr.“ – Man will auch gesehen haben, wie zu gewissen Zeiten feuerige Flammen vom Berge aus gen Himmel aufschlugen. –

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Groß-Naundorf um 1840.

Die Sage erzählt ferner von Riesen, die einst auf dem Keulenberge gewohnt haben sollen. Dieselben lebten aber mit einer anderen Riesenfamilie auf dem Kolmberge bei Oschatz in Unfrieden. Sie warfen sich mit Riesentannen und mit Steinen von vielen Zentnern Gewicht. In jeder der beiden Familien befand sich ein Jüngling. Zur Freude ihrer Eltern überragten diese alle ihre Verwandten an Größe und Schönheit. Beide Jünglinge liebten ein und dasselbe Mädchen, nämlich Bila, die bildschöne Tochter [270] des Elbgaufürsten, der da, wo jetzt das Dorf Zadel liegt, auf einer Felsenburg seinen Sitz hatte. Die Jungfrau erwiderte aber die Liebe der Riesensöhne nicht. Als dieselben bei ihrem Vater um die Hand des Mädchens warben, da gab ihnen dieser die ausweichende Antwort: „Ihr müßt Euch meine Tochter erst zu verdienen suchen!“ Es hatte aber ein anderer das Herz des Mägdleins gewonnen und zwar ein armer Hirte, der die Lämmer des Elbgaufürsten hütete. –

Einst war dessen Töchterlein auf einem Spaziergange an dem Ufer eines Baches eingeschlummert. Eine giftige Schlange nahte der ahnungslosen Schläferin und wollte sie beißen. Das bemerkte aber der junge Hirte, der in der Nähe die Schafe weidete. Er eilte herzu und erschlug die Schlange. Bila, die Tochter des Elbgaufürsten, erwachte aus dem Schlafe und erblickte in dem jungen Schäfer, von dem sie eben geträumt hatte, ihren Lebensretter. Voll Dankbarkeit und Liebe verspricht sie dem hübschen Jünglinge Herz und Hand. Lange blieb aber das Geheimnis der Liebenden den beiden Riesen nicht verborgen. Einst sahen sie von ihren Bergen aus den jungen Schäfer, seiner Bila, welche an jener Stelle des Baches auf ihn sehnlichst wartete, entgegengehen. Da erhoben beide Riesen, jener auf dem Kolmberge, dieser auf dem Keulenberge, ungeheuere Steinblöcke und schleuderten sie dem Hirten entgegen. Doch dieser blieb unversehrt; denn er stand unter dem Schutze der Götter, weil er fromm und gut war. Als nun der alte Fürst des Elbgaues die Rettung seiner Tochter von dem giftigen Schlangenbiß erfuhr, da nahm er deren Retter als Eidam an und errichtete zum Dank gegen die Götter auf dem Steine, welchen der Riese des Keulenberges geschleudert hatte, eine Opferstätte. Die beiden Riesen aber gerieten in Zank und Streit, in welchem der Bewohner des Keulenberges erschlagen wurde.

Von der Burg, welche die Riesen oben auf dem Keulenberge bewohnten, sollen die drei gewaltigen Felszacken, die auf dem großen Keulenberge emporragen, noch ein Rest sein. Umgeben war die ehemalige Burg der Riesen mit gewaltigen Steinwällen, von denen noch heute deutliche Spuren vorhanden sind. Die Riesen zogen sich durch ihren gottlosen Lebenswandel den Zorn der Götter zu. Während eines furchtbaren Gewitters wurde die Riesenburg zerstört. Später erbauten auf den Trümmern der Burg der Riesen Ritter eine neue Burg. Doch auch diese Ritter waren wilde Gesellen. – Am östlichen Abhange des großen Keulenberges liegt eine einsame Waldwiese. Der Volksmund bezeichnet dieselbe als die Nymphenwiese. Hier tummeln sich zu manchen Zeiten schöne weibliche Wesen, Nymphen genannt. Im Vollmondscheine führen sie hier ihre Reigen auf, zur Mittagszeit halten sie auf jener Wiese Rast im lachenden Sonnenscheine. Nicht selten soll es auch vorkommen, daß dem einsamen Wanderer jene reizvollen Wesen im Walde begegnen. Auch ein Ritter vom Keulenberge hatte auf der Jagd wiederholt einzelne Nymphen zu sehen bekommen. Sein Herz entflammte von heißer Leidenschaft. Einst kommt er in die Nähe der Nymphenwiese. Da erblickt er die schönste Nymphe, wie selbige sanft am Rande des Waldes schlummert. Schnell schleicht er hinzu, fesselt rasch die ahnungslos Schlafende, hebt sie auf sein Roß und jagt mit dem Raube hinauf zur Burg. Aber der wilde Ritter sollte sich des Besitzes dieser schönen Nymphe nicht lange erfreuen. Was der frevelnde Ritter getan hatte, war von den übrigen Nymphen beobachtet worden. Sie setzten nun alles daran, die Geraubte zu befreien. Sie riefen die Tiere des Waldes zu Hilfe. Diese kamen und umlagerten die Burg. Die Schar

[271]

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RIESENBVRG.

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[273] der Raben und der übrigen Vögel war so groß, daß kein einziger Sonnenstrahl in die Burg dringen konnte. Das Gekreische der Vögel war betäubend.

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Am Fuße der Burg wühlten die Eber, um diese zum Einstürzen zu bringen. Dazu zog noch ein drohendes Gewitter herauf. Grelle Blitze zuckten, und der Donner war furchtbar. Da erschien plötzlich der Bote der erzürnten Nymphen, ein Zwerg, vor der Burg und forderte die Freilassung der Gefangenen. Aber der wilde Ritter ließ sich nicht erweichen. Plötzlich zuckte es hell auf. Es war als stehe der Berg in Flammen. Ein Blitzstrahl hatte die Burg getroffen. Rauchwolken stiegen auf, und krachend stürzten die Mauern auseinander. Mitten im Rauch stieg ein großer Vogel auf, der auf seinen ausgebreiteten Flügeln die befreite Nymphe trug und nach dem Nymphenschloß brachte. Der zum Tode erschrockene Ritter aber rettete sich vor dem Verderben noch durch einen unterirdischen Gang, der von dem einen Eckturm der Burg aus in’s Freie führte. Die Burg fiel in Trümmer, und von jenem Ritter hat niemand wieder etwas gehört. –

Wie die Sage ferner berichtet, stand vor Jahrhunderten am Abhange des großen und des kleinen Keulenberges je ein Kloster. Beide wären miteinander durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen. [274] Es befindet sich unter dem nördlichen Felsen, auf dem die Ruine des ehemaligen Jagdschlosses ruht, ein unterirdischer, gewölbter Gang. Derselbe soll hinüber nach dem kleinen Keulenberge führen. Verschiedene Leute sind früher in ihn vorgedrungen, mußten aber, da die Fackeln infolge der hier unten angehäuften Stickluft verlöschten, wieder umkehren. Seit einer Reihe von Jahren ist der Eingang zu jenem unterirdischen Gange vermauert worden. –

Auf dem großen Keulenberge soll auch ein Schatz vergraben liegen, der noch auf die Aufhebung wartet. Bewacht wird der Schatz, wie die Leute sich erzählen, von einem feuerigen Ziegenbocke und von vielen Zwergen. Auch erzählt man, daß einst auf dem Keulenberge ein großer Kriegsschatz vergraben worden sei. Man vermutet, daß die früheren Besitzer des Rittergutes und Schlosses in Oberlichtenau zur Kriegszeit hier oben ihre Schätze vor den die Dörfer und Städte plündernden Feinden durch Vergraben in Sicherheit gebracht haben. Ob diese Schätze wieder gehoben worden sind, ist nicht bekannt. Allgemein ist in der dortigen Gegend aber der Glaube verbreitet, daß jene Schätze noch auf den glücklichen Finder warten. Als vor Jahren oben auf dem großen Keulenberge neben dem im Jahre 1862 erbauten Restaurant eine Kegelbahn angelegt wurde, fand man eine Anzahl Münzen von seltsamer Form. Die meisten derselben waren Engelsgroschen, Silbermünzen, die unter den sächsischen Fürsten in der Zeit von 1497–1559 geprägt wurden. – An das Vorhandensein von vergrabenen Schätzen auf dem Keulenberge erinnert auch folgende Sage:

Vor Jahren fuhr ein Bauer aus dem nahen Dorfe Gräfenhain auf einem Wagen Holzscheite nach Pulsnitz, um dieselben an die dortigen Töpfer zu verkaufen. Die Geschäfte gingen auch gut, und der Mann setzte seine Holzscheite für einen hohen Preis ab, so daß er frohgelaunt im nächsten Gasthause sich einen frischen Trunk gönnte. Hier saßen verschiedene Bürger aus Pulsnitz, die er kannte und die eben ein gemütliches Spielchen machten. Der Fuhrmann sah dem Spiel eine kurze Zeit zu und bekam bald Lust, mitzuspielen. Die Freunde waren einverstanden. Es dauerte aber gar nicht lange, so hatte der Bauer sein für die Holzscheite gelöstes Geld verspielt, und mißmutig und mit sich selbst nicht mehr einig, trat er seine Heimfahrt an. Es war bereits Nacht, als er aus Pulsnitz hinausfuhr. Unterwegs überlegte der Bauer, was er daheim wohl sagen solle, wenn seine Frau nach dem Gelde fragen werde; denn daß er es verspielt hatte, das durfte sie doch nicht erfahren, da es ihm sonst nicht gut ergehen könnte. Doch wie er auch sann, ihm kam kein rettender Gedanke. Schon war er am Fuße des Keulenberges angekommen, über den sein Weg ihn führte. Da sieht der Bauer, daß vor ihm her ein graues Männchen geht, endlich stehen bleibt und ihn fragt, ob es nicht auf dem Wagen mit Platz nehmen dürfe. Der Bauer nickt zustimmend, und das Männchen steigt auf. Da fragt der Fahrgast den Fuhrmann, woher er denn komme, und warum er so traurig sei. Der Bauersmann klagt ihm seine Not. „Nun“, spricht das Männlein, „Ihr könnt Euch ja leicht helfen. Seht, hier stehen noch viele Scheite im Walde, ladet doch diese auf, nehmt sie mit heim und sagt zu Eurer Frau, daß die Pulsnitzer kein Holz gebraucht hätten.“ Dieser wohlgemeinte Vorschlag gefiel dem Bauer, und das Männlein kam ihm vor wie ein rettender Engel. Schnell entschlossen stieg der Bauer vom Wagen und lud die Scheite, welche gerade am Wege standen, auf, die er dann gelegentlich schon wieder an Ort und Stelle zu bringen gedachte, um nicht [275] etwa späterhin als Holzdieb bestraft zu werden. Das graubärtige Männlein half gar fleißig mit aufladen, und bald war der Wagen gefüllt. Ein Stein war dem Bauer nun vom Herzen gefallen. Erleichtert atmete er auf, nahm wieder Platz mit seinem Retter auf dem beladenen Wagen und trieb die Pferde zur Eile an, um nicht gar zu spät in Gräfenhain einzutreffen. Die bedauernswerten Pferde mußten freilich tüchtig ziehen, doch die Höhe des Berges war ja erreicht, und nun ging es abwärts. – Als der Bauer unten am anderen Ende des Berges angekommen war, stieg das Männchen vom Wagen ab. Es nahm Abschied von dem Bauer, dankte ihm für die Liebenswürdigkeit und schlug darauf einen seitwärts abbiegenden Waldweg ein. Nun war der Fuhrmann wieder allein. Noch ein Weg von einem halben Stündchen lag vor ihm, ein Weg, der fast immer auf der

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Neukirch um 1830.

Ebene hinführte. Wie er eine kleine Strecke gefahren war, bemerkte er, daß die Pferde kaum noch den Wagen fortzubringen vermochten, und doch war das Schleifzeug gelöst. Da er glaubte, die Pferde wären von den gehabten Anstrengungen des Tages zu sehr ermüdet, warf er eine Anzahl Scheite vom Wagen herab, um die Last zu erleichtern. Die Pferde zogen von neuem an. Doch weit kamen sie nicht. Der Wagen war nicht mehr von der Stelle zu bringen. Der Bauer sah zu seinem größten Verdruß sich genötigt, noch einmal eine Anzahl Scheite abzuwerfen. Die Pferde brachten den Wagen nun wieder ein Stück weiter, bis sie von neuem keuchten und schnaubten und endlich stehen blieben. Der Wagen war bis an die Achsen eingesunken und nicht mehr von der Stelle zu bringen. Da ging dem Bauersmann doch die Geduld aus, und in vollem Aerger warf er sämtliche Scheite vom Wagen herab, mochte daheim die Frau auch schelten, er hatte nicht Lust, noch länger in der rabenfinsteren Nacht sich herumzutreiben, obwohl er schon die Lichter von Gräfenhain leuchten sah. So kam der Fuhrmann mit [276] leerem Wagen und leerem Beutel gegen Mitternacht nach Hause. Seiner Frau, die schon ziemlich lange auf ihn gewartet hatte, sagte er, daß die Geschäfte schlecht gegangen wären, „Holz wollen die Pulsnitzer Töpfer wohl haben, aber zahlen will keiner!“ meinte er brummend und konnte vor Aerger kein Auge schließen. – Am anderen Morgen stand der Bauer frühzeitig auf, um wieder, wie er fast alle Tage zu tun pflegte, in den Wald zu fahren. Auf dem Wagen lagen noch einige Holzsplitter, die von jenen Scheiten herrührten, welche er in der verflossenen Nacht am Keulenberge aufgeladen und auch wieder abgeladen hatte. Aergerlich schleuderte er dieselben herab auf das Hofpflaster, wo diese aber seltsamerweise einen glockenreinen Klang von sich gaben. Verwundert hierüber, hob der Bauer einen solchen Holzsplitter wieder auf. Wie staunte er aber, als das Holz in reines Gold sich verwandelt hatte! Jetzt sammelte er sorgsam auch das kleinste Splitterchen. Wie bereute er, vergangene Nacht die Holzscheite abgeworfen zu haben! Ihm war es nun klar, daß das graubärtige Männchen niemand anders, als der Schatzhüter vom Keulenberge gewesen, war. Schnell eilte der Bauer mit seinem Wagen hinaus an den Berg, um die weggeworfenen Scheite heimzuholen, die nach seiner Meinung Gold sein mußten; denn jetzt wußte er, warum die Pferde den Wagen nicht mehr weiter zu schleppen vermocht hatten. Doch wie er auch suchte, von den abgeworfenen Holzscheiten war keine Spur mehr zu sehen. Wohl bemerkte er die tiefen Geleise, welche die Wagenräder hinterlassen hatten, aber die Holzscheite waren verschwunden. Ein großes Glück hatte er sich verscherzt. Heute hätte er der reichste Mann der Welt sein können. Doch immerhin machten die gesammelten Splitter ein großes Vermögen aus, und die Nachkommen jenes Gräfenhainer Landmannes gelten heute für wohlhabende Leute in der dortigen Gegend. –

Einst war ein Mann aus Naundorf oben im Walde am Keulenberge. Mit seinem Schiebekarren befand er sich in der Nähe der Bergruine. Er wollte dürres Reisig holen. Da erblickte er vor sich plötzlich einen unterirdischen Gang. Neugierig trat er ein und ging in demselben auch eine Strecke vorwärts. Er kam in ein Gewölbe, in dem große, mit Gold und Silber gefüllte Kästen standen. Schnell lief er wieder hinaus und holte den Karren, um eine der Kisten mitzunehmen. Aber er konnte den Gang mit dem Gewölbe nicht wieder finden. Der Eingang war spurlos verschwunden. Wie bereute es der Mann jetzt, nicht wenigstens soviel mitgenommen zu haben, als er in den Taschen hätte bergen können! Doch war es leider auch dazu zu spät. Er mußte nun zeitlebens ein armer Mann bleiben.

So sehen wir also, wie der Keulen- oder Augustusberg des Interessanten viel bietet. Es sollten Touristen, welche die Lausitz und die Wendei besuchen, nicht versäumen, auch diesen alten Götterberg mit in ihren Reiseplan aufzunehmen. Der Besuch desselben ist ein lohnender, dazu öffnet sich hier für den Sagen- und Geschichtsforscher ein ergiebiges Feld, aus dem er manchen Schatz heben kann.

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123. Der Burgberg bei Neukirch.

Das zweite Dorf, welches wir auf einer Wanderung von Königsbrück nach Kamenz erreichen, ist das Kirchdorf Neukirch, das eine Stunde in nordöstlicher Richtung von der erstgenannten Stadt entferntliegt. Die Landstraße durchkreuzt das südliche Ende des Dorfes in unmittelbarer Nähe der Kirche. Ungefähr 100 Schritte westlich von der Kirche und Pfarre zu Neukirch erhebt sich ein Hügel. Er wird als der Birken- oder Burgberg bezeichnet und soll in früheren Zeiten eine stattliche Burg getragen haben. Es ist von derselben freilich nichts mehr zu sehen. Die Trümmer sind vollständig verschwunden. Wie alte Leute berichteten, hätten beim Aufbau der Kirche zu Neukirch die Burgreste Verwendung gefunden. Im Innern des Berges liegen aber nach der Sage noch große Schätze vergraben, und der glückliche Finder könnte unermeßlich reich werden, wenn er nur den Zauberspruch wüßte, mit dessen Hilfe die verborgene Türe in das Innere des Berges sich öffnet. – Der Burgberg bei Neukirch bietet eine schöne Aussicht. Nach Osten zu erblickt das Auge die Schwosdorfer Berge, nach Süden hin den Keulen- oder Augustusberg. Nach Norden und Westen zu reicht der Blick stundenweit.


124. Cosel.

Gegen drei Stunden nördlich von Königsbrück entfernt liegt das ungefähr 250 Einwohner zählende Dörfchen Cosel. Seine Umgebung bilden ausgedehnte Kiefernwaldungen und stattliche Teiche. Wer die stille, poesievolle Heide und ihre schlichten und biederen Bewohner liebt und versteht, der wird sich hier in dieser Waldeinsamkeit recht wohl fühlen. – Cosel wird umgrenzt von den Fluren der Nachbarorte Schwepnitz, Deutsch-Zeißholz, Grüngräbchen, Wendisch-Sella, Grünewald und Lipsa. Ein munteres Bächlein, das Schwarzwasser genannt, durchfließt den Ort. An seinen Ufern finden wir manch stimmungsvolles Landschaftsbild.

Unter den Gebäuden des waldumschlossenen Dörfchens Cosel hebt sich das schmucke Rittergut hervor, zu dem schöne Waldungen und umfangreiche Karpfenteiche gehören. Schon im Jahre 1670 wird das Rittergut Cosel genannt. Damals verkaufte es Caspar Gotthard von Minkwitz an die Standesherrschaft Königsbrück. Bei derselben verblieb es über 100 Jahre hindurch, bis es 1789 durch Erbteilung an Jakob, Graf von Redern und 1803 durch Verkauf an den Oberamtsadvocat Glauch kam. Von diesem ging es in den Besitz seiner Tochter und deren Gemahl, dem Fabrikherrn Ernst August Pietsch in Chemnitz, über.

Zu Sachsen kam Cosel erst im Jahre 1818, die Freude hierüber war so groß, daß die damaligen Bewohner beschlossen, die im Jahre 1795 wegen Baufälligkeit abgebrochene Kapelle neu aufzuführen, und am 50 jährigen Regierungs-Jubiläumstage des Königs Friedrich August des Gerechten [278] wurde unter entsprechender Feier der Grundstein gelegt. Schon am 6. Dezember 1819 konnte die aus Steinen aufgeführte Kapelle bereits geweiht werden. Früher wurden in dieser Kapelle jährlich nur zwei Predigten gehalten und zwar am Margaretentage, den 13. Juli, und am Nicolaustage, den 6. Dezember. Für jede dieser Predigten erhielt der Geistliche in Schwepnitz 16 Groschen.

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Schwepnitz um 1830.

Bis zum Jahre 1795 stand in Cosel nur eine hölzerne Kapelle, deren Gründung Jahrhunderte zurückreicht. Doch fehlen hierüber nähere Nachrichten. In einem alten Kirchenbuche findet man in der Matrikel die Bemerkung: „1 Scheffel Korn ist für die deutsche Predigt in Cosel anno 1584 dem Pfarrer legirt worden.“ – Ein Nachfolger des Schreibers dieser Bemerkung hat aber hinzugefügt: „Dieser ist auch zurückgeblieben!“ – Die alte Kapelle war indes so baufällig geworden, daß dieselbe auf Anordnung des damaligen Oberamtes zu Budißin im Jahre 1795 abgetragen werden mußte und über 23 Jahre hindurch unaufgebaut blieb. –

Am Schwarzwasser aufwärts wandernd, kommen wir nach Grüngräbchen, am Zusammenflusse des Groß-Graber Baches und des Schwarzwassers und in der Mitte der Waldteile Harkenholz, Kappanzsche, Wehricht. Eine Zierde dieses freundlichen Dorfes ist das Schloß mit seinen zwei Seitenflügeln und seinen hübschen Gartenanlagen.

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125. Der Schlossberg bei Brauna.

Von Kamenz aus führt eine schöne Landstraße über die Dörfer Brauna, Rohrbach, Neukirch und Koitzsch nach Königsbrück. Südlich von dieser Landstraße erhebt sich kurz vor Brauna eine waldbedeckte Anhöhe, der Schloßberg genannt. Hier oben soll in grauer Vorzeit eine Burg gestanden haben, die aber schon längst in Trümmer gefallen ist und von der heute nur noch die verwitterten und mit Moos überzogenen Steine zeugen. Unter den Trümmern liegen aber große Schätze vergraben, die noch nicht gehoben worden sind. – Im Jahre 1600, am Tage St. Peter und Paul, ging ein armes Mädchen aus Brauna in den Wald, um Holz zur Feuerung zusammenzulesen. Es herrschte eine grimmige Kälte, und das Mädchen

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Brauna um 1830.

[280] sputete sich, um bald wieder nach Hause zu kommen. Mit einer schweren Last beladen, trat es den Heimweg an. Da erhob sich auf einmal ein so arges Schneegestöber, daß das arme Mädchen nicht einen Schritt weit mehr sehen konnte. Dadurch kam das Mädchen von dem richtigen Wege ab und verirrte sich. Nach kurzer Zeit bemerkte es oben auf dem Schloßberge ein Licht, das da hell in den Wald hineinleuchtete. Auf dieses Licht ging das Mädchen zu. Da trat diesem ein graubärtiges Männchen entgegen. Das sprach zu der Verirrten: „Was trägst Du, und wo willst Du hin?“ Das Mädchen antwortete: „Ich bin aus Brauna und will wieder dorthin. Im Schneegestöber habe ich mich verirrt. Meine Eltern sind arm. Holz sollte ich zur Feuerung im Walde sammeln!“ – Das Männchen sagte: „Folge mir ohne Furcht nach, mache aber vorher Deinen Korb leer!“ – Das Mädchen folgte dem Männchen. Es kletterte den Berg mit hinauf. Oben auf der Höhe lag ein fünf Ellen hoher Felsblock. Derselbe hatte eine Oeffnung,[WS 38] aus der helle Flammen schlugen und eine Menge Silbermünzen sprangen. Das Männchen stürzte den Korb des Mädchens nochmals um und befahl dem Mädchen, den Korb jetzt mit Silbermünzen anzufüllen. Dessen weigerte sich das Mädchen, weil es glaubte, das Männchen sei ein böser Geist. Da ergriff aber das Männchen selbst den Korb und füllte diesen mit Silbermünzen an. Dann geleitete der Geist das Mädchen durch den Wald auf den rechten Weg und brachte es bis nach Brauna vor das Haus der besorgten Eltern. Dieselben waren über das Silbergeschenk sehr verwundert, welches ihre Tochter oben auf dem Schloßberge erhalten hatte. Nun waren sie reich, und die Not hatte ein Ende. Als die anderen Leute im Dorfe vernahmen, wie die armen Häusler mit einmal so reich geworden waren, zogen sie in den nächsten Tagen in Scharen hinauf nach dem Schloßberge und gruben hier. Kein Stein blieb auf dem anderen, allein man fand nichts von einem Schatze. Das Mädchen aber und seine Eltern lebten glücklich bis zum Lebensende.

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126. Empörung der Kamenzer im Jahre 1409.
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Hundert Jahre nach dem Tode des edlen Burggrafen Burghardt war das Verhältnis der Kamenzer Bürger zu den Bewohnern der Burg kein so inniges mehr wie vordem. Die Burgherren erlaubten sich mancherlei Uebergriffe und zeigten sich als die Herren und Stärkeren. Tugend und gute Sitte waren ihnen fremd. Frauen und Töchter der Kamenzer fühlten sich vor den Nachstellungen der Ritter nicht mehr sicher. Die Erbitterung der Bürger gegen die das Burglehn bewohnenden Vasallen war im Anfange des 15. Jahrhunderts so groß, daß dieselben beschlossen, die Jahre hindurch erlittene Schmach und Kränkung an den Burgbewohnern zu rächen. In einer bestimmten Nacht des Jahres 1409 sollte der Racheplan zur Ausführung kommen. Wohlbewaffnet drangen Hunderte von Bürgern auf ein gegebenes Zeichen in das Burglehn und in die angrenzende Burg, welche mit dem Burglehn, das innerhalb der Ringmauer der Stadt lag, durch ein großes Tor verbunden war, ein und erschlugen, wen sie trafen und fanden. Die Bewohner des Burglehns wurden aus dem Schlafe gerissen und niedergemetzelt, die Verwundeten stürzte man zum Fenster und die Abhänge hinunter, oder man warf sie in tiefe Wassertröge. Die Wut kannte keine Grenze. Geschont wurde niemand. – Ueber diesen Vorgang berichtete der Burggraf dem König Wenzelslaus. Derselbe erschien im nächsten Jahre 1410 persönlich in Kamenz, um über die blutige Tat der Kamenzer zu richten. Einige Jahre früher hatte er dies auch in Budißin getan und dort vielen Bürgern die Köpfe abschlagen lassen. Denjenigen, welche sich am Aufstande beteiligt hatten, war es nicht ganz wohl zu Mute. Man war auf das Schlimmste gefaßt, doch wurde dem Gerechtigkeitsgefühl des Königs vertraut. Der König stellte ein scharfes Verhör an, erkundigte sich nach der Ursache des Aufstandes ganz eingehend und nahm darauf die Ritter ebenfalls in ein scharfes Verhör. Da stellte es sich denn heraus, daß die Kamenzer Bürger mehr in der Notwehr gehandelt hatten. Die Ritter konnten die vielfachen Kränkungen, welche sie den Kamenzern angetan hatten, nicht leugnen. Die Beweismittel waren

[282] zu schlagende. Das milderte das Urteil des Königlichen Richters. Aber ganz ohne Strafe konnten die Aufständischen nicht bleiben. Sie hätten sich sollen an den König mit Klagen gegen die Ritter wenden. Das hatten sie aber nicht getan, sondern sie hatten selbst sich Hilfe zu verschaffen gesucht. Darum setzte der König den Rat der Stadt ab und entzog der Bürgerschaft die Freiheit der Ratswahl. Doch nach einigen Jahren erhielten die Kamenzer, da sie sich reumütig zeigten, diese Freiheit vom König wieder zurück. Den Burgherren wurde aber befohlen, das Burglehn an die Stadt zu verkaufen und das betreffende Schloßtor, durch welches die Burg mit dem Burglehn und der Stadt in Verbindung stand, zu vermauern. Die Kosten der Stadt Kamenz wurden auf 300 Schock und 20 Schock Groschen festgesetzt. Eine dieser „Groschen-Portionen“ ist wahrscheinlich in die Kgl. Sportelkasse geflossen, und die andere den Burgherren als Entschädigung geworden. – So erhielt die Stadt einen bedeutenden Besitzzuwachs, der noch durch Ankauf von Feld, Wiese und Waldung sich jährlich vermehrte. Trotz mancherlei Drangsale bei Krieg, Brand, Krankheit und Hungersnot hatte der Wohlstand der Bürger sich sichtlich gehoben. Die eingeführte Wollweberei vermehrte die Gewerbe, und die Brauerei blühte, so daß die Bürger in guten Verhältnissen lebten und zu den begütertsten im Lande gehörten.

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127. Der „Rote Turm“ in Kamenz.
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Nordwestlich von der Marien- oder Hauptkirche der Stadt Kamenz erhebt sich ein wetterharter Turm, der Rote Turm genannt. Derselbe ist noch einer von den vielen Türmen, welche einst die alte Stadtmauer krönten. Er ist ein Ueberbleibsel des ehemaligen Pulsnitzer Doppeltores, durch welches die Straße nach dem Nachbarstädtchen Pulsnitz einst führte. Aus diesem Grunde wird dieser Turm oftmals auch noch als der Pulsnitzer Turm bezeichnet. – In diesem Turme befand sich vormals ein Gefängnis, die „Harre“ genannt. Hier oben saß jahrelang als Gefangener der unglückliche Caspar Dulichius, der im Jahre 1642 Diakonus in Kamenz war. Derselbe wurde ein Opfer des schrecklichen Aberglaubens jener Zeit. An seinem Lebenswandel hatten die frommen Väter der Stadt allerlei auszusetzen. Der höchstwahrscheinlich geistesirre Dulichius hatte den Rektor der Stadt, den Archidiakonus und mehrere Ratsherren zu Feinden, da er einst gegen diese mit Worten ausfällig gewesen war. Darum wurde nach kurzer Zeit Caspar Dulichius als Pfarrer eines Tages abgesetzt und 1643 aus der Stadt verwiesen. Der Verkannte und Gehaßte verließ Kamenz und soll gegen zehn Jahre in der Welt umhergezogen sein. Da kehrte nach dieser Zeit der Verbannte wieder nach Kamenz zurück und zwar zu seiner Gattin und deren Eltern. Bei diesen fand der Geächtete aber einen sehr unfreundlichen Empfang, wodurch der Heimatlose sehr gereizt wurde. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Das war den Feinden des Dulichius Grund genug, gegen den Verhaßten Klage zu erheben. Der unglückliche Prediger wurde bald darauf festgenommen und als gemeingefährlicher Gefangener in den Roten Turm gebracht. Von hier oben aus soll der unschuldig Eingesperrte zuweilen mit Steinen herunter auf die Gasse geworfen

[284] haben. Auch wollten die Leute erfahren haben, daß Dulichius mit dem leibhaftigen Teufel in Verbindung stehe; denn am 7. Oktober 1652 war der Gefangene bei verschlossenen Türen vom Turme gestiegen und hatte mit mehreren Personen auf der Gasse gesprochen und am anderen Morgen sich doch wieder in seinem Gefängnis befunden. Dazu kam das Gerücht in die Stadt, daß Dulichius in Wien zur katholischen Kirche übergetreten sei und sein eigenes Geständnis, daß er eine Nuß besitze, mit deren Hilfe er sich unsichtbar machen könne, und daß ihm ein aus Haaren geflochtener Kranz die Herrschaft über die Geister des Schattenreiches verleihe. „Daher schritt man zur Inquisition und verschickte die Akten an den Leipziger Schöppenstuhl, welcher auf die Tortur erkannte, um ihm das Geständnis seines Bundes mit dem Teufel abzupressen. Dulichius wurde in die Folterkammer nach dem Rathause geführt. Nun war ihm natürlich sofort klar, was seine Feinde tun wollten. Er hatte im stillen immer noch auf Befreiung gehofft. Auf dem Wege dahin versuchte der Unglückliche, so oft er konnte, sich anzuklammern; denn er wußte nun wohl, was ihm bevorstand. Doch man kannte mit dem Unglücklichen, dem ehemaligen Lehrer und Prediger der Stadt, kein Erbarmen. Das Sträuben des Aermsten reizte einen Kamenzer Bürger so sehr, daß dieser dem Geängsteten eine Ladung Schrot in die Hände schoß, damit Dulichius sich nicht mehr anklammern könne. Die Schmerzen waren fürchterlich. Endlich öffnete sich die Türe zur Schreckenskammer. Aber schon bei dem Anblicke der Marterinstrumente erklärte der Unglückliche, er bekenne, daß er einen Bund mit dem Teufel gemacht habe, mit dessen Hilfe er auch vom Turme herabgestiegen sei. – Am 6. November 1654 widerrief er zwar seine Aussage, aber es half ihm dies nichts. Er wurde für einen Zauberer, Hexenmeister und Teufelsbündler erklärt, und man sprach über ihn das Todesurteil aus. Da halfen nun nicht mehr die Bitten und Tränen des unglücklichen Gefangenen. Die Feinde wollten ja über ihn triumphieren. Caspar Dulichius wurde am 8. Juli 1655, nach einer anderen Angabe bereits am 3. Juni, auf dem Marktplatze in Kamenz öffentlich mit dem Schwerte hingerichtet. Seine letzten Worte waren: „Mein Gott und Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ So starb ein Mann, der das Opfer seiner Feinde und des furchtbaren Aberglaubens seiner Zeit geworden war. Das waren die Zustände der so oft gepriesenen „guten, alten Zeit.“

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128. Der einsame Stein bei der „Roten Mühle“.

Zwanzig Minuten westlich von der Stadt Kamenz entfernt liegt das schmucke Dorf Lückersdorf. Zwischen beiden Orten befindet sich die „Rote Mühle.“ Wenige Schritte von derselben entfernt sieht man ein verwittertes Steinkreuz, das halb in die Erde versunken ist. Dasselbe wird im Volksmunde als der einsame Stein bezeichnet. An ihm soll früher die Jahreszahl 1390 deutlich zu erkennen gewesen sein. Heute ist von einer solchen allerdings nichts mehr zu sehen. Der einsame Stein erinnert nach der Sage an einen wunderbaren Vorgang. In Lückersdorf lebte einst ein Bauer. Derselbe war, trotzdem das Christentum in der Kamenzer Gegend schon lange seinen Einzug gehalten hatte, noch heimlich ein Heide. Er besuchte wohl den christlichen Gottesdienst, aber sein Herz hing noch den heidnischen Göttern an. Ihnen diente er auch auf den Bergen. Da aber sollte er von Gott für seine Lügen bestraft werden und erfahren, daß Gott sich nicht spotten läßt. Als jener Bauer einst in der Nähe der heutigen „Roten Mühle“ auf dem Felde beschäftigt war, da fuhr plötzlich aus dem völlig heiteren Himmel ein greller Blitzstrahl nieder und erschlug den Frevler. Tot fanden ihn die Seinen auf. Sie begruben ihn an selbigem Orte und errichteten auf seinem Grabe jenes Steinkreuz, den einsamen Stein, der da den Vorübergehenden sagen will: „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten!“


129. Das Kreuz bei Schwosdorf.

Zwischen Kamenz und Königsbrück liegt am östlichen Fuße des „Breiten Berges“ Schwosdorf. Auf einer kleinen Anhöhe westlich von diesem Dorfe steht ein steinernes Kreuz. In dasselbe sind ein Husarensäbel und die Jahreszahl 1745 eingehauen. Hier soll im genannten Jahre ein Husar, der von seinem Regimente heimlich entwichen war, aber wieder festgenommen ward, an einem Schnellgalgen aufgehängt worden sein. Den Stein errichteten ihm seine Kameraden zur Warnung für jeden, der den Fahneneid bricht.

[286]

130. Der Teufelsstein bei Kamenz.

Eine Stunde nördlich von Kamenz liegt in der Nähe der Senftenberger Straße auf den Flurgrenzen der Dörfer Bernbruch, Zschornau und Biehla am Rande eines Gehölzes ein mächtiger Granitblock, im Volksmunde der Teufelsstein genannt. Derselbe hat eine Höhe von 5 m, einen unteren Umfang von 36 m; die Länge des Steines betrug sonst 18 m. Die Entfernung von der genannten Landstraße beträgt ½ km, die nach jedem der drei erwähnten Dörfer 2 km. – Der interessante Felsblock hat die auffallende Gestalt eines sitzenden Frosches. Der obere Teil des Felsens ist von einem früheren Besitzer dieses Grundstückes leider abgesprengt worden. Der Stein hatte einst eine größere Höhe. Das abgesprengte Felsstück hatte oben eine kesselartige Aushöhlung, die von mehreren Löchern umgeben war. – Der eigenartige Teufelsstein fällt nach Süden zu, also in der Richtung nach Kamenz, ab, die höchste Erhebung zeigt nach Biehla. Auf der südlichen Seite befindet sich ein Fußtritt, und auf der östlichen und nördlichen scheint die Natur selbst Stufen gebildet zu haben, obwohl noch nicht genügend, um zu dem oberen Teile zu gelangen. An der östlichen Seite läuft längs des unteren Felsenrandes eine auffallende grabenähnliche Vertiefung hin. –

In der Nähe des Teufelssteines sind in früheren Jahren wiederholt allerhand Altertümer aufgefunden worden. Etwa 500 Schritte nach der Senftenberger Straße zu grub man Urnen aus, ferner bronzene Geräte, darunter zwei Steinäxte, mehrere Ringe, einen römischen Handring, eine Haarnadel mit Knopf und einem Seitenringe, ein selten vorkommendes schaufelartiges „6 Zoll langes Gerät.“ –

Die Beschaffenheit des Teufelssteines und die in seiner Nähe gemachten Funde sprechen dafür, daß dieser Felsen in grauer Vorzeit ein altheidnischer Opferaltar gewesen ist. Auch sein Name deutet darauf hin; denn es wurden nach Einzug des Christentums von den christlichen Priestern alle jene Stätten, da die Heiden ihren Göttern opferten, zu Wohnplätzen des Teufels gemacht, damit die Heiden jene Orte meiden und hassen sollten. Der Teufelsstein scheint aber noch in der christlichen Zeit ein heiliger Ort und sehr beachtet gewesen zu sein. Münzen aus dem früheren Mittelalter, welche man nach Biehla zu aufgefunden hat, ebenso eiserne Sporen und andere Geräte, die bei Bernburg ausgegraben wurden, sprechen dafür.

Daß der Teufelsstein einst ein altheidnischer Opferaltar, eine altheidnische Kultusstätte gewesen sein muß, das beweisen ferner die vielen Sagen, welche an diesen Felsen sich knüpfen. Von ihm wissen die Umwohner so viel zu erzählen.

Auf die an dem östlichen unteren Rande des Steines hinlaufende Vertiefung bezieht sich folgende Sage:

Als das erste Gotteshaus in Kamenz erbaut werden sollte, versuchte es der Teufel, den Baumeister zu verführen und dessen Seele zu erlangen. Er überredete den Baumeister, jenen Granitfelsen, den heutigen Teufelsstein, mit zum Aufbau der Kamenzer Kirche zu benützen. Der Teufel versprach ihm darum auch, wenn er des Baumeisters Seele erhalten könne, den Steinblock bis zur bestimmten Stunde an Ort und Stelle selbst zu schaffen. Der Baumeister war einverstanden. Damit nun der Teufel den gewaltigen Stein anzufassen vermöge, so legte er eine große Kette um den Felsen; doch es hatte der arme Teufel seine Kräfte weit überschätzt. Er hob den Stein zwar in die Höhe, aber er marterte [287] sich vergeblich damit ab. Mit dem „Glockenschlag 12 Uhr der Mitternacht“ war es ihm noch nicht gelungen, den Felsen dahin zu bringen, wohin er sollte. Aus Verdruß und Aerger hierüber ließ er ihn wieder fallen, und der betrogene Teufel fuhr auf und davon. Der Stein schlug tief in die Erde hinein, so daß er noch jetzt ganz tief liegt, nach Kamenz zu, wohin er sollte, geneigt, nach Biehla hin emporstrebend. Die am östlichen unteren Rande des Teufelssteines wahrzunehmende Vertiefung soll von der Kette, welche der Teufel einst um ihn schlang, herrühren.

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Haupt- und Pfarrkirche zu St Marien in Kamenz nebst Diakonatsgebäude und Katechismus- oder Jesuskirche (links).

Ende des 18. Jahrhunderts waren neben dem Teufelssteine noch tiefe Gruben vorhanden, Erdkessel oder Teufelsgruben genannt. In diesen soll der Teufel zuweilen gekocht haben. „Man hat es dann in der Tiefe der Löcher, einem Hirsebrei gleich, plappern hören.“ Gefährlich ist es gewesen Steine da hinab zu werfen. Einige Hirtenknaben aus Biehla, welche das Vieh in der Nähe des Teufelssteines hüteten, wollten [288] einmal den Teufel necken. Sie warfen Steine in seinen Brei. Das hat er aber sehr übelgenommen. Es kamen drei große schwarze Raben auf die Hirtenknaben zugeflogen. Mit den Schnäbeln und Flügeln schlugen diese Raben so auf die Knaben und das Vieh ein, daß die Burschen, welche arg zugerichtet waren, eiligst die Flucht ergriffen und Rettung im Dorfe suchten. Das Vieh gab lange Zeit statt der Milch nur Blut, und die Knaben lagen wochenlang krank darnieder. Darauf wurde es den Hirten verboten, in der Nähe des Teufelssteines wieder das Vieh zu hüten.

Jenem Bauersmann, welcher einst den oberen Teil des Teufelssteines absprengte, ist es nicht gut gegangen. Er hatte seitdem wenig gesunde Stunden mehr auf der Welt. Sein Körper wurde siech und krank. In den verschiedensten Bädern suchte er gesund zu werden, aber alles war und blieb vergeblich. „Eine Warnung für andere, welche solche Opferfelsen ebenfalls zu vernichten gesonnen sind!“ sagt Preusker.

Allgemein ist die Sage verbreitet, daß unter dem Teufelssteine ein großer Schatz vergraben[WS 39] liege. Unter ihm befindet sich eine ganze Braupfanne voll Gold. Diese Braupfanne hat man oft brennen sehen, zuweilen ist am Teufelssteine auch echtes Gold gefunden worden. Es wird dieser kostbare Schatz aber von Geistern bewacht. Das Graben darnach ist darum sehr gefährlich; denn niemand kennt den Zauberspruch, wodurch die den Schatz hütenden Geister zu bannen sind. Oftmals haben Leute es versucht, jenen unermeßlichen Schatz zu heben, aber es ist ihnen dieses noch nicht geglückt, und das Schatzgraben ist ihnen gewöhnlich auch recht schlecht bekommen. Einst versuchten es beherzte Leute aus Bernbruch, Zschornau und Biehla, die Braupfanne voll Gold auszugraben. Es war an einem schönen Vormittage im Frühlinge. Die Sonne lachte freundlich und mild vom wolkenlosen Himmel hernieder. Als die Schatzgräber bei der besten Arbeit waren, umfinsterte sich plötzlich der Himmel, ein rasender Sturm brach los, grelle Blitze zuckten nieder, und furchtbarer Donner machte die Erde beben. Doch die Schatzgräber ließen sich in ihrer Arbeit nicht stören. Da sprang auf einmal „ein Mann von verdächtigem Ansehen“ herbei, der schrie den Schatzgräbern zu: „Seht ihr Verwegenen denn nicht, daß eure Dörfer in Flammen stehen?“ Erschrocken blickten die Schatzgräber auf. Ringsum sahen sie nichts als Rauch und Flammen. Da eilten die Männer von dannen, ein jeder nach seinem Dorfe, in der Meinung, dasselbe stehe in hellen Flammen. Doch, dort angekommen, war nichts von einer Feuersbrunst zu sehen. Der klarste Himmel wölbte sich über die Dörfer, und freundlich lachte die Sonne hernieder. Den Schatzgräbern war nun aber die Lust vergangen, weiter zu graben. Auch andere haben es nicht wieder gewagt, den großen Schatz unter dem Teufelssteine zu heben. Wer den Zauberspruch kennt, kann die mit Gold angefüllte Braupfanne heute noch heben. Er wäre dann der reichste Mann der Welt.

[289]

131. Kamenz im Hussitenkriege.
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Im Jahre 1415 war Huß in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Der schwache und furchtsame Kaiser Sigismund hatte nicht den Mut gefunden, sein gegebenes Wort einzulösen und Huß zu retten. Darum verachteten ihn auch die Hussiten und erkannten ihn nicht als König von Böhmen an; denn einen wortbrüchigen Mann wollten und konnten sie nicht als Landesvater haben. Dafür sollten nun die Hussiten gezüchtigt werden. Die Widersetzlichkeit derselben wurde mit Waffengewalt beantwortet. Die Oberlausitz hatte die Verpflichtung, Truppen zu Sigismunds Heere zu stellen. Auch die Stadt Kamenz war dazu angehalten. Kamenz sandte seine Schützen nach Böhmen, die das Prager Schloß mit erobern halfen und nach 14wöchentlicher Abwesenheit wieder heimkehrten. Die Bewohner der Lausitz rüsteten von jetzt ab gegen einen etwaigen Einfall der Hussiten. Kamenz setzte seine Mauern, Gräben, Türme und Zugbrücken in stand. Im August 1421 stellte die Stadt zur Armee des Kaisers Sigismund abermals 50 Mann. Nicht ohne Verluste zogen sich dieselben im Dezember desselbigen Jahres nach der Vaterstadt zurück, um den eigenen Herd verteidigen zu helfen. Im Jahre 1423 befinden sich wieder 50 Kamenzer Bürger mit auf dem Kriegsschauplatze bei Rumburg und Schluckenau in Böhmen, sowie 1424 bei Görlitz. Hier verstümmelten die Hussiten die Gefangenen und verbrannten sogar mehrere lebendig. Im

[290] nächsten Jahre trieben die Oberlausitzer den Feind nach Böhmen zurück, nachdem die Hussitenführer mit 18 000 Mann die Vorstädte Löbaus verbrannt und Heinrich von Wildenstein Königswarthe in Asche gelegt und das Kamenzer Gebiet geplündert hatten. 1426 drangen mit den übrigen Oberlausitzern 60 wackere Kamenzer mit in Böhmen ein und beteiligten sich am 16. Juni mit an der mörderischen und blutigen Schlacht bei Außig. Sie erlitten freilich bedeutende Verluste. Die Lausitz rüstete von neuem; denn der Kampf wurde jetzt immer ernster, da die Hussiten abermals die Grenze überschritten hatten und furchtbare Rache zu nehmen drohten. Kamenz stellte diesmal 200 Schützen, die wohlausgerüstet waren und zum Hauptheere bei Zittau 1427 stießen. Doch die Hussiten waren im Vorwärtsdringen nicht mehr aufzuhalten. Die Oberlausitzer mußten der Uebermacht Prokops weichen, obgleich sie mutig und tapfer sich geschlagen hatten. Ostritz, Kloster Marienthal und Hirschfelde gingen in Flammen auf, auch Lauban mußte die Wut der fanatischen Mordbrenner empfinden. Die Bewohner wurden erbarmungslos niedergemetzelt, weder Greis noch Kind schonte man, selbst die in die Kirchen Geflüchteten ereilte das Verhängnis. Die Nonnen jagte man aus dem Kloster und schleuderte sie sodann in die Flammen. Das Würgen von seiten der Hussiten war furchtbar und ist kaum zu beschreiben. Angst und Entsetzen ergriffen die Bewohner der Lausitz. Man befürchtete das Schlimmste. Im Jahre 1428 bestürmte Prokop Budußin. Doch die wackeren Bürger begrüßten ihn von den festen Mauern und von den trotzigen Türmen herab mit Steinen, mit siedendem Pech und Wasser. Die Hussiten mußten die Belagerung dieser wohlverschanzten Stadt endlich aufgeben. Prokop schnaubte vor Wut und nahm nun seinen Weg, den rauchende Trümmerhaufen bezeichneten, nach der Kamenzer Gegend. Ein zweites Hussitenheer wandte sich nach Löbau. Dasselbe verlor darauf bei Zittau im Kampfe gegen den Landvogt Albrecht von Colditz nicht weniger als 1000 Mann und zog sich nunmehr nach Böhmen zurück. Prokop drang aber weiter nach Westen zu vor. Schrecken ergriff die Bewohner der Kamenzer Pflege. Die Leute flüchteten in die nahen Wälder oder suchten, wenn es noch möglich war, Schutz hinter den festen Mauern der Stadt Kamenz. Die Verwirrung war grenzenlos, das Entsetzen groß. Elstra, Pulsnitz, das Kloster Marienstern, ferner die Herren von Kamenz und von Ponikau sandten dem raubgierigen Feinde Geldgeschenke entgegen, um Schonung zu erhalten. Bis in die Königsbrücker Gegend glichen die Dörfer rauchenden Trümmerstätten. An Kamenz ging das Unheil noch einmal vorüber, doch im nächsten Jahre sollte es umso schlimmer werden. Das Jahr 1429 begann mit neuen Greueltaten der Hussitten. Am 1. Januar legten diese die Stadt Löbau in Asche, und die umliegenden Ortschaften erlebten namenlosen Jammer. Die Städte beschränkten sich neun bange Monate hindurch auf die Bewachung ihrer Wälle. Es herrschte Schwüle vor dem Sturme und Gewitter. Die Hussiten entfalteten plötzlich von neuem eine lebhaftere Tätigkeit. In Bischofswerda, Pulsnitz, Königsbrück, Wittichenau und Kloster Marienstern loderten auf einmal mächtige Feuersäulen empor und röteten den ganzen Himmel viele Nächte hindurch. Die Hussiten verkündeten ihr Nahen. In den Herzen der Kamenzer wuchs die Angst sehr. Schon der 3. Oktober führte die Mordbrenner vor die Tore der Stadt Kamenz. Sie forderten, daß man die Tore öffne, aber die tapferen Kamenzer, in voller Uebereinstimmung mit einer großen Anzahl „Eingeflüchteter“ und mehrerer Ritter, wiesen dieses Ansinnen einmütig zurück. Dadurch wurden natürlich die Hussiten sehr gereizt und schwuren der Stadt den Untergang. Sie [291] bereiteten zur Bestürmung von Kamenz alles vor. Am 4. Oktober wurde die Stadt von den Hussiten wiederholt berannt, aber Tore und Mauern erwiesen sich als stark und fest genug. Dazu kam noch die Umsicht und Tapferkeit der Bürger. Von allen Türmen, Bastionen und Mauern hagelten Steine und Geschosse auf die anstürmenden Feinde nieder. Hunderte wurden niedergestreckt. Der Tag verging, und die Nacht brach an. Die heldenmütigen Bürger bereiteten alles vor auf einen neuen und heftigeren Angriff der Hussiten. Diese Umsicht war gut gewesen; denn schon am frühen Morgen des 5. Oktober gingen die wütenden Feinde wiederum zum Angriff vor. Die Hussiten schleppten Sturmleitern herbei, um mit Hilfe derselben die Mauern der Stadt zu übersteigen, aber die Bürger von Kamenz verdoppelten ihre Kräfte. Selbst Frauen und Kinder nahmen an der Verteidigung

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Kamenz im 16. Jahrhundert.

der Stadt lebhaften Anteil. Sie schleppten Steine, siedendes Pech und brennenden Schwefel herbei und schleuderten große Massen von der Stadtmauer hinab auf die grimmigen Feinde, welche an den Sturmleitern emporzuklettern versuchten. Es war ein mörderischer Kampf, aus dem die wehrhaften Kamenzer abermals als Sieger hervorgingen. Am 6. Oktober bestürmten die Hussiten Kamenz von neuem und zwar mit großem Mute, aber auch diesmal unterlagen sie der heftigen Gegenwehr. Der Tod hielt unter den Hussitten eine reiche Ernte, und die Schar schmolz sichtlich zusammen. Freilich der Tod hatte auch unter den heldenmütigen Kamenzern manches Opfer gefordert. Viele waren ferner schwer verwundet und konnten an der Verteidigung der so sehr bedrohten Vaterstadt sich nicht mehr beteiligen. Doch die Bürger von Kamenz waren auch diesmal die Sieger im Kampfe geblieben. Da der Feind nicht in die Stadt einzudringen vermochte, so zerstörte er die außerhalb der Ringmauer liegenden Gebäude durch Brand. Auch die am Schloßberge stehenden Häuser wurden ein Raub der wütenden Flammen. Von dem tagelangen Kampfe waren die Bürger freilich sehr ermüdet, und der Schlaf forderte seine Rechte. Ein großer Teil der Einwohner gab sich der Ruhe hin, während der andere Teil treulich Wache hielt; denn daß der Kampf noch nicht zu Ende sei, sagten sich alle. So nahte die Mitternacht, und die ruhende Stadt sollte jetzt Furchtbares erleben. 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  1. Vergl. „Wie ist in den Gemeinden der Sinn für die Geschichte der Heimat zu wecken und zu pflegen?“ von Kantor Störzner, Verlag Arwed Strauch in Leipzig. Illustriert. Preis 20 Pfg.
  2. Dr. Curt Müller-Löbau: „Die Oberlausitzer Landschaft“. Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung vom 7. Juni 1902.
  3. Der Dichter August Friedrich Ernst Langbein war seiner Zeit ein beliebter Romanschriftsteller. In ihm floß eine humoristische Ader. Er besaß einen guten und gesunden Mutterwitz, der ihn überall sofort einführte und beliebt machte. – Langbein hatte die Fürstenschule zu Meißen besucht. Seit dem Jahre 1777 studierte er die Rechte in Leipzig und trat 1781 als Aktuar in das Justizamt zu Großenhain ein. Im Jahre 1785 wandte er sich nach Dresden. Hier trat er anfangs als Sachwalter auf, wurde aber nach Verlauf eines Jahres bei dem Geheimen Archive als Kanzlist angestellt. Im Jahre 1800 zog er sich in’s Privatleben nach Berlin zurück und lebte nur seiner Dichtkunst und Schriftstellerei. Daselbst wurde ihm 1820 das Amt eines Zensors der schönwissenschaftlichen Schriften übertragen.
  4. Professor Dr. Sophus Ruge: „Geschichte des Augustusbades bei Radeberg“. 1880. Seite 1.
  5. Dieser Weg ist seit dem Herbste 1903 umgebaut worden. Aus diesem alten Fahrwege ist eine schöne Fahrstraße entstanden, welche die Fortsetzung der am 12. September 1902 eröffneten neuen Güterbahnhofsstraße in Arnsdorf bildet und am Rittergute Kleinwolmsdorf, die Hofehäuser daselbst streifend, in die Kleinwolmsdorfer Dorfstraße mündet.
  6. Es kann der Schwedenstein aber auch ein sogen. Sühnekreuz sein.
  7. Vielleicht ist in dem Worte Seeligstadt auch ein Personenname versteckt.
  8. Diese Erzählung hat aber wohl nur wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Jedenfalls war die Ostersäule bei Lauterbach ursprünglich eine Betsäule, wie eine solche einst in der Nähe der Helmsdorfer Kirche stand.
  9. Kirchenverband. Bis zum 31. Dezember 1891 waren Altstadt und Helmsdorf mit Stolpen zu einer Kirchgemeinde verbunden. Der Diakonus zu Stolpen war gleichzeitig Pfarrer von Altstadt und Helmsdorf.
  10. Gercken schreibt noch folgendes über diese alte Wasserkunst: „Vermöge derselben wird Vorlage:SeiteLST
  11. Unter dem Vorwerke Rennersdorf ist das heutige Rittergut, ein ehemaliges Kammergut, zu Rennersdorf bei Stolpen gemeint. Gegenwärtiger Besitzer ist seit 1. Juli 1898 Herr Kopp. –
  12. Bezieht sich auf den Friedensschluß des 7jährigen Krieges 1763 zu Hubertusburg.
  13. Hierzu ist erklärend zu bemerken: 10×5=50, römisch mit L bezeichnet; 5=V und 10×X. Diese Zeichen geben zusammengesetzt das lateinische Wort: LVX,=lux, auf deutsch: „Licht“.
  14. Wasserleitung gemeint.
  15. Vgl. „Das Wesenitztal“.
  16. Nach den mündlichen Angaben des 78jährigen Gastwirtes Richter waren täglich zur Speisung der vielen Reisenden im Gasthofe „Zum Fuchs“ nötig ein halber Zentner Rindfleisch, ein halber Zentner Schweinefleisch, ein Kalb, viel Geflügel, viele Fische, zur Fütterung der Pferde 10–20 Zentner Hafer. – Am 30. Januar 1904 starb im fast vollendeten 79. Lebensjahre der alte Gastwirt Richter. Sachsens Elbgau-Presse schreibt in Nr. 33 vom Jahre 1904 über ihn folgendes: „Schmiedefeld bei Stolpen. Vergangene Woche wurde hier ein müder Pilger zur letzten Ruhe gebettet, der weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus bekannt war. Es war dies der im Alter von fast 80 Jahren verstorbene „Vater Richter“, der frühere Besitzer des geschichtlich so denkwürdigen Gasthofes zum „Fuchs“ an der Bautzener Landstraße. Mit ihm ist ein Stück Kulturgeschichte der Stolpener Pflege dahin. Wenn einer mit der Geschichte seiner Heimat vertraut war, so war es „Vater Richter“. „Vater Richter“ hatte im „Fuchs“ noch jene Zeit vor Eröffnung der Bahnlinie Dresden–Bautzen mit durchlebt, da Schmiedefeld noch eine Hauptzentrale des Verkehres zwischen dem Osten und Westen unseres Vaterlandes war. Vor und nach der Leipziger Messe besonders herrschte im „Fuchs“ ein so lebhafter Verkehr, daß oftmals Hunderte von Fuhrleuten und Reisenden hier Quartier nahmen. Es war eine Freude, „Vater Richter“ aus jener Zeit erzählen zu hören! Wenn er auf die vergangenen Tage zu sprechen kam, dann wurde der greise Mann zum Jünglinge. Rasch vergingen dann die Stunden. Der Fuchs trägt noch so manche Erinnerungen an Napoleon I. von Frankreich und Alexander I. von Rußland. Von beiden Männern wußte „Vater Richter“ manch Stücklein zu erzählen. Nun hat auch er seine Augen geschlossen. Er ruhe in Frieden! Am 2. Februar, früh 9 Uhr, wurde er zur letzten Ruhe gebettet.“ –
  17. Das Schmetterholz hat seit einigen Jahren bedeutend am Umfange abgenommen. Größere Flächen desselben sind geschlagen, gerodet und in Wiesen- und Ackerland umgewandelt worden. Einst reichte das Schmetterholz von der Stolpener Straße bei Fischbach bis an den „Fuchs“ bei Schmiedefeld.
  18. Siehe den Artikel über die alte Heidenstraße.
  19. Hochstein nennt man vielfach auch nur den turmhohen Felsenaltar auf dem Rücken des Berges.
  20. Vgl. Preusker: „Blicke in die vaterl. Vorzeit. 1841, Bd. II, Seite 221 u. 222.“
  21. Preusker: „Blicke in die vaterl. Vorzeit“, 1841, II. Band, Seite 217.
  22. Vgl. Dr. Gräße: Sagenschatz des Königreichs Sachsen, 1874, II. Bd., Seite 295, Nr. 887.[WS 33]
  23. Alte Kirchengalerie 1840, Abt. Oberlausitz, 1. Lieferung.[WS 34]
  24. Mit der Erbauung dieses geplanten Aussichtsturmes hat man am 3. Oktober 1904 den Anfang gemacht. Die „Zeitung für das Meißner Hochland und Die südliche Lausitz“ schreibt in ihrer Nr. vom 6. Oktober 1904 folgendes:
    „Auf Bergeshöhe versammelten sich am 3. Oktober eine Anzahl Herren. Es galt, den Grundstein zu dem Aussichtsturme auf dem Klosterberge zu legen. Zunächst ergriff der Bauherr, Herr Rößler, der an diesem Tage seinen Geburtstag feierte, den Hammer und gründete sein neues Heim im Namen des dreieinigen Gottes. Der Vorsitzende des Gebirgsvereines, Herr Reindl, wünschte, daß dieser Turm errichtet werde zur Freude der hiesigen Bewohner, zur Zierde des Ortes und zum Segen des Erbauers. Die Vertreter des Baumeisters und andere, die sich um die Errichtung dieses Aussichtsturmes bemüht, führten die ublichen Hammerschläge unter schönen Sprüchen und Wünschen aus. Einer derselben lautete: „Der freie Ausblick vom Turme über die weiten Länderstrecken und Höhenzüge, im Geiste längst entschwundene Zeiten umfassend, erwecke in dem Besucher Heimatsliebe, Vaterlandstreue und Gottesfurcht! – Möge der Bau rüstig vorwärts schreiten, damit kommendes Frühjahr viele Besucher sich einfinden und an der herrlichen Waldwanderung und schönen Aussicht sich erfreuen und erheben können!“
  25. Vgl. den Aufsatz: Der Mordstein in der Taucherkirche zu Bautzen.
  26. Christian Heckel, Chronik von Bischofswerda, Seite 377!


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