Deutsche Bilder/Nr. 1. Eine deutsche Königin

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Autor: Max Ring
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Titel: Deutsche Bilder/Nr. 1. Eine deutsche Königin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 212-216
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Deutsche Bilder.[1]
Nr. 1. Eine deutsche Königin.

Nur selten verfehlt der Fremde, welcher zum ersten Male Berlin sieht, dem benachbarten Charlottenburg einen Besuch abzustatten, um das weitberühmte Denkmal der Königin Louise in Augenschein zu nehmen. Eine dunkle Allee von Trauerbäumen führt zu dem würdigen Mausoleum, in dessen Innerem das Marmorbild der hohen Frau, von der Meisterhand eines Rauch geschaffen, zu schlummern und zu athmen scheint. Eine unaussprechliche Anmuth ist über die rührende Gestalt ausgegossen, der Zauber der höchsten Weiblichkeit, gepaart mit der Würde der Königin und dem Frieden einer Heiligen. Man glaubt ein überirdisches Ideal zu erblicken, wie es die schaffende Phantasie in den Stunden der erhabensten Weihe vom Himmel borgt, und doch hat der Künstler, nach der Versicherung der Zeitgenossen, die Wirklichkeit kaum erreicht, geschweige übertroffen, obgleich dies Werk allein ihn schon unsterblich macht.

Aber nicht nur im Marmor lebt die Unvergeßliche, ein unvergänglicheres Denkmal hat sie selbst in den Herzen ihres Volkes, des an ihrer Seite ruhenden Gatten und ihrer Kinder hinterlassen. Die Königin Louise war und ist der Schutzgeist Preußens, ihre Tugenden knüpften das Band zwischen dem Fürsten und seinem Volke fest und unauflöslich; ihre Leiden und ihr Tod weckten das schlummernde Nationalgefühl und den Haß gegen die Unterdrücker des Vaterlandes, ihr abgeschiedener Geist umschwebte die Fahne der preußischen Krieger und führte sie zum Siege; ihr sittliches Beispiel, ihre Einfachheit und Bescheidenheit, ihr Sinn für Häuslichkeit, ihr Pflichtgefühl als liebende Gattin und Mutter wirkten veredelnd auf die Gesellschaft ein, welche bei ihrem Regierungsantritte, angegriffen und angefault von französischer Frivolität, einer moralischen Auflösung entgegenging. Sie weckte von Neuem die erstorbene Liebe zur Familie, sie hob die gesunkene Würde der Frauen, sie stellte durch ihr eigenes Walten die vielfach verletzte Heiligkeit der Ehe wieder her, indem ihre hohe Reinheit das Laster aus ihrer Nähe bannte und die verhöhnte Tugend schützte. Wie von Stein, Hardenberg und Scharnhorst die politische Wiedergeburt Preußens ausging, so war von ihr jene sittliche Regeneration schon früher eingeleitet, welche den am Rande des Abgrundes schwebenden Staat einzig und allein noch retten konnte. Ohne je die Schranken der Weiblichkeit zu überschreiten, indem sie stets in ihrem zugewiesenen Kreise blieb, nie in die Zügel der Regierung griff, gewann die hohe Frau einen mächtigen historischen und socialen Einfluß nicht nur auf ihre nächste Umgebung, sondern auf das ganze Volk. In ihrem Herzen wurzelte die Liebe zu dem großen deutschen Vaterlande, welche sie als ein Erbtheil ihren Kindern hinterließ; denn wie sie als Frau und Mutter an deutscher Treue und Sitte fest hielt, so fühlte sie sich auch auf dem Throne vorzugsweise als deutsche Fürstin. Nicht allein das Unglück und die Schmach Preußens, sondern des gemeinsamen Vaterlandes schlugen ihr die tiefsten Wunden, an denen endlich ihr Herz verblutete.

Sie wurde den 10. März 1776 in Hannover geboren, wo ihr Vater damals die Würde einen kurfürstlich hannoverschen Feldmarschalls bekleidete, indem er erst achtzehn Jahre später seinem unvermählten Bruder als Herzog von Mecklenburg in der Regierung folgte. Ihre Mutter, die Tochter des Landgrafen von Hessen-Darmstadt, wurde frühzeitig den Ihrigen durch den Tod entrissen, nachdem sie dem zehnten Kinde das Leben geschenkt hatte. Louise kam mit ihren Schwestern an den Hof der Großeltern, wo sie eine sorgfältige Erziehung unter der Leitung des Fräulein Gelieux aus der Schweiz erhielt. Frühzeitig lenkte die würdige Gouvernante den Sinn der begabten Schülerin auf das Höhere, obgleich

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Die Gartenlaube (1860) b 213.jpg

Napoleon und die Königin Louise.

die spätere Königin sich öfters beklagte, daß der Unterricht ihrer Jugend seinem ganzen Wesen nach mehr ein französischer als ein deutscher gewesen sei. Dieser Vorwurf traf jedoch weniger ihre hochgebildete Großmutter, deren Obhut sie anvertraut war, als den herrschenden Geist der Zeit, der seine Bildung aus Paris bezog. Herrlich aber entwickelte sich Louise an der Seite ihrer Schwestern, die Jean Paul in der Widmung seines Titans folgendermaßen feierte: „Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia sahen einst in das irdische Helldunkel hernieder und müde des ewig heiteren, aber kalten Olympos sehnten sie sich herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, wo sie trüber, aber wärmer ist. – – Da beschlossen sie, den Erdenschleier zu nehmen und sich einzukleiden in unsere Gestalt. Sie gingen vom Olympos herab. – – Aber als sie die ersten Blumen der Erde berührten und nur Strahlen und keine Schatten warfen, so hob die ernste Königin der Götter und Menschen, das Schicksal, den Scepter auf und sagte: „Der Unsterbliche wird sterblich auf Erden, und jeder Geist wird ein Mensch!“ Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Louise, Charlotte, Therese, Friederike.“

Kleinere und größere Ausflüge mit der Großmutter führten Louise nach Straßburg, wo sie den erhabenen Münster bestieg, und weiter nach den Niederlanden, deren sie sich später beim Lesen von Schiller’s Geschichte des Abfalls der vereinigten Staaten gern wieder erinnerte. Auch der Kaiserkrönung Franz des Ersten wohnte sie in Frankfurt am Main bei, wo sie mit Goethe’s Mutter bekannt wurde. Die wackere „Frau Rath“ verschaffte dem dreizehnjährigen Fürstenkinde das Vergnügen, sich im Hofe am Brunnen einmal satt zu plumpen und schloß die gestrenge Gouvernante, da diese die Prinzessin durchaus abrufen wollte, gewaltsam auf ihr Zimmer ein. Das vergaß auch Louise nicht und schenkte darum als Königin nach langen Jahren der lieben Frau Rath einen prächtigen, goldenen Schmuck, den sie nur bei außerordentlichen Gelegenheiten anlegte, wie bei dem ersten Zusammentreffen mit der berühmten Frau von Staël. Damals erschien sie, „den bekannten goldenen Schmuck der Königin von Preußen um den Hals geschlungen“, indem sie der Französin mit den erhabenen Worten entgegentrat: „Je suis la mère de Goethe!“

Aus der kleinen, Wasser plumpenden Prinzessin war schon nach wenigen Jahren eine blühende, mit allen Reizen des Körpers [214] und des Geistes geschmückte Jungfrau geworden, welche mit ihrer Großmutter und ihrer Schwester Friederike abermals nach Frankfurt reiste, wo der König von Preußen, Friedrich Wilhelm der Zweite, im Kampfe gegen das revolutionäre Frankreich sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Dort erblickte der Kronprinz die siebzehnjährige Louise bei der Tafel nach dem Schauspiele, und eine innere Stimme rief ihm, wie er selbst als Greis noch bekannte, die Worte zu: „Die ist es, oder Keine sonst auf Erden!“ Von der unwiderstehlichen Anmuth der holden Erscheinung mächtig angezogen, warb der Königssohn um ihre Hand, welche sie, von gleicher Liebe durchdrungen, ihm freudig überließ. Nicht die gewöhnlichen Rücksichten der Politik, sondern die innigste Neigung schlang das ewige Band um die jugendlichen Herzen; ein Glück, wie es nur höchst selten auf der goldenen Höhe des Thrones gefunden wird. Und um das Maß der Wonne voll zu machen, fühlte sich auch der jüngere Bruder des Kronprinzen zu der Schwester Louisens in gleicher Weise hingezogen, und wie Beide von frühester Kindheit Ernst und Spiel getheilt, so theilten sie auch jetzt der Liebe Glück und Segen. An einem Tage wurde in Darmstadt das Fest dieser Doppel-Verlobung gefeiert, und zwei selige Brautpaare lächelten zur selben Stunde einander zu.

Am 22. December 1793 hielten die fürstlichen Schwestern unter dem Jubel der guten Berliner ihren feierlichen Einzug in die Hauptstadt. Die Ehrenpforte mit festlichen Sinnbildern war nach den Angaben des bekannten Odendichters Rammler errichtet, ein kleines liebliches Mädchen begrüßte die zukünftige Kronprinzessin mit einigen passenden Strophen. Von der Anmuth des Kindes entzückt, folgte Louise dem natürlichen Zuge ihres bewegten Herzens; sie schloß die Kleine in ihre Arme und küßte den niedlichen Mund.

„Mein Gott!“ schrie die förmliche Oberhofmeisterin, über solche Verletzung der vorgeschriebenen Formen entsetzt. „Was haben Ew. königliche Hoheit gethan? Das ist ja gegen alle Etikette!“

„Wie?“ entgegnete lächelnd die Fürstin, „darf ich das nicht mehr thun?“

Ihr natürlicher Sinn sträubte sich von vornherein gegen den höfischen Brauch; auch in der Nähe des Thrones bewahrte sie ihr rein menschliches Gefühl, wobei sie an dem schlichten Charakter des Kronprinzen eine mächtige Stütze fand. Beide führten im Gegensatz zu dem regierenden Könige, der mit seiner Lichtenau schwelgte, ein wahrhaft deutsches, inniges Familienleben. Am liebsten verweilten sie auf dem bescheidenen Landgute Paretz in ländlicher Abgeschiedenheit, umgeben von einigen Freunden, fern von dem Geräusch und dem Luxus der Residenz. Hier schaltete Louise als Hausfrau und bewirthete ihre Gäste an dem einfachen Tische, wie ihn besser jeder reiche Privatmann aufzuweisen hatte; hier streifte sie an der Seite ihres hohen Gatten ohne Zwang durch die grünen Felder, oder ruhte unter dem Schatten der Bäume mit einem Lieblingsschriftsteller in der Hand. Die Kinder des Dorfes kannten und liebten die „gnädige Frau von Paretz“, wie sie allgemein hieß, und empfingen manch kleines Geschenk von ihr, Näschereien und Kleidungsstücke. Wenn der goldene Erntekranz auf das Schloß gebracht wurde, mischte sie sich unter das Gesinde und tanzte den Reigen mit ihrem Hofstaat; selbst die gestrenge Oberhofmeisterin mußte dann ein Tänzchen wagen, zur nicht geringen Belustigung der hohen Herrschaften.

Ihre glückliche Ehe wurde mit Kindern gesegnet, welche sie nicht Fremden überließ, sondern selbst mit mütterlicher Sorgfalt bewachte und auferzog.

Diese Gesinnungen verleugnete sie auch als Königin nicht, als ihr Gatte nach dem Ableben seines Vaters den Thron bestieg. Ihre Liebenswürdigkeit, Herzensgüte und Häuslichkeit blieb unter allen Verhältnissen sich gleich; der Glanz der Krone blendete sie nicht, die Huldigungen, welche ihr allgemein zu Theil wurden, bestachen nicht ihr gesundes Urtheil. Sie war das Muster einer deutschen Fürstin, geschmückt mit allen Reizen der Natur, mit allen Gaben des Herzens und des Geistes. Mit ihr begann an dem verwilderten Hofe eine neue Aera, die Herrschaft der bis dahin verbannten und unterdrückten sittlichen Elemente, welche sich um die schöne, tugendhafte Fürstin schaarten. Lüge und Heuchelei mußten vor ihrem klaren Blicke schwinden, jedes Vorurtheil vor ihrer Gerechtigkeit verstummen. Bei einer großen Cour fragte sie eine junge Officiersfrau: „Was sind Sie für eine Geborene?“

Die verlegene Dame stammelte in der Angst ihres bürgerlichen Herzens: „Ach, Ihro Majestät! Ich bin gar keine – – Geborene.“ Die höfische Umgebung lächelte spöttisch, aber der ernste Blick der Königin verscheuchte den aufsteigenden Hohn der adeligen Gesellschaft.

„Ei, Frau Majorin,“ sagte sie, sich freundlich zu der jungen Frau neigend, „Sie haben mir naiv-satirisch geantwortet. Ich gestehe, mit dem herkömmlichen Ausdruck: „von Geburt sein,“ wenn damit ein angeborner Vorzug bezeichnet werden soll, habe ich nie einen vernünftigen, sittlichen Begriff verbinden können, denn in der Geburt sind sich alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Allerdings ist es von hohem Werthe, ermunternd und erhebend, von guter Familie zu sein und von Vorfahren und Eltern abzustammen, die sich durch Vorzüge und Verdienste auszeichneten, und wer wollte das nicht ehren und bewahren? Aber dies findet man, Gott Lob! in allen Ständen, und aus den untersten selbst sind oft die größten Wohlthäter des menschlichen Geschlechts hervorgegangen. Aeußere glückliche Lagen und Vorzüge kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch Alles ankommt, muß Jeder für sich und seine eigene Person durch Selbstbeherrschung erwerben. Ich danke Ihnen, liebe Frau Majorin, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, diese, wie ich glaube, für’s Leben nicht unwichtigen Gedanken unbefangen auszusprechen, und ich wünsche Ihnen in Ihrer Ehe viel Glück, dessen Quelle doch immer nur im Herzen liegt.“

Wie sie hier dem Vorurtheile der Geburt begegnete, so suchte sie ein andermal die Ungerechtigkeit der Natur durch ihre Milde auszugleichen. Bei der Huldigungsreise durch Pommern wnrde sie in Stargard von einer Schaar weißgekleideter Kinder empfangen, welche vor ihr her Blumen streuten. Bald war sie die Vertraute der Kleinen, die ihr erzählten, sie seien eigentlich ihrer zwanzig Mädchen gewesen, aber die Eine sei wieder nach Hause geschickt worden, weil sie gar zu häßlich ausgesehen habe.

„Das arme Kind,“ rief die mitleidige Königin, „hat sich gewiß gefreut und muß nun zu Hause sitzen und wird seine bittern Thränen weinen!“

Sogleich ließ sie die zurückgesetzte Kleine holen, um sie vor Allen auszuzeichnen und mit reichen Geschenken zu beglücken. In diesen kleinen Zügen offenbarte sich das Herz der Königin.

Kein Wunder, daß sie geliebt und angebetet wurde! Das Volk war stolz auf die gute Landesmutter, Dichter, wie Novalis und Schlegel, besangen sie, die edelsten Männer blickten bewundernd zu ihr empor, während die ganze Frauenwelt in ihr ein unerreichbares Ideal sah; aber vor Allem beseligte sie die unaussprechliche Liebe des Königs, dessen größter Schatz Louise war.

So lebte sie schöne Tage des Glückes, bis das längst drohende Schicksal über Preußen hereinbrach, bis die hohe Frau unter den schwersten Leiden und Prüfungen ihre göttliche Natur bewähren und die goldene Krone mit dem Dornenkranz der Märtyrerin vertauschen sollte.

Der Staat des großen Friedrich war unter seinem nächsten Nachfolger durch Verschwendung und schlechte Verwaltung innerlich tief zerrüttet worden, obgleich er äußerlich durch trügerischen Glanz sein früheres Ansehen zu behaupten suchte. Durch die französische Revolution und das Genie Napoleons wurde das Gleichgewicht Europa’s und somit auch die Stellung Preußens bedroht. Friedrich Wilhelm der Dritte zeigte sich besonders im Anfange seiner Regierung den neuen, großen Verhältnissen nicht gewachsen. Aus Bescheidenheit und Mißtrauen gegen sich selbst, eine Folge seiner Erziehung, überließ er die Leitung des Staates seinen Ministern und Rathgebern, die nicht immer die Besten waren. An ihrer Spitze stand der schwache, charakterlose, hin und her schwankende Graf Haugwitz. Der friedliebende König wünschte so lange als möglich in dem großen, welterschütternden Kampfe neutral zu bleiben, während er von allen Seiten gedrängt wurde, Partei zu nehmen. Am Hofe selbst standen sich zwei entgegengesetzte Richtungen gegenüber: auf der einen Seite die Anhänger der Franzosen, Haugwitz, Lombard etc., welche auf eine enge Verbindung mit Napoleon drangen; auf der andern Seite die Gegner Frankreichs, zu denen die königlichen Prinzen, vor Allen der geniale Prinz Louis Ferdinand, die Generale Blücher, Rüchel und Pfuel, die Minister Stein und Hardenberg gehörten. Auch die Königin Louise neigte sich zu der letzteren Partei, weil sie Preußens Heil allein in einem engeren Anschlusse an das gesammte Deutschland und besonders an Oesterreich sah.

Noch zögerte der König mit seiner Entscheidung, als Napoleon [215] gegen jedes Völkerrecht das preußische Gebiet durch seinen Einbruch in die Ansbachischen Länder verletzte und somit allen bestehenden Verträgen Hohn sprach. Ein Schrei des Unwillens ging durch das ganze Land, das Heer brannte vor Begierde, sich mit dem Feinde zu messen. Oesterreich schickte den Erzherzog Anton nach Berlin und forderte zu gemeinschaftlichem Handeln auf. Der ritterliche Alexander von Rußland erschien selbst in der preußischen Residenz, um Friedrich Wilhelm zu einem Bündnisse zu bewegen. Es kam in Potsdam zu einem geheimen Vertrage, der an dem Sarge Friedrich des Großen besiegelt wurde. Um Mitternacht stiegen die beiden Monarchen in die erleuchtete Gruft, mit ihnen die holde Königin. Alexander neigte seine Lippen auf den Sarg des unsterblichen Todten und küßte ihn, dann reichten sich die Fürsten die Hände und schwuren sich ewige Freundschaft.

Aber der Sieg Napoleons über die vereinigten Russen und Oesterreicher bei Austerlitz und das feige Benehmen des im Lager befindlichen Haugwitz, welcher seinen Aufträgen zuwider einen schimpflichen Vertrag mit dem Sieger schloß, trennte Preußen von seinen Bundesgenossen und isolirte es völlig, so daß es widerstandslos zusammenbrach. Es folgten die Tage der Schmach von Jena, die Auflösung des Heeres, die schimpfliche Uebergabe der Festungen, die Flucht der königlichen Familie nach Königsberg. In seinen Bulletins entblödete sich Napoleon nicht, die unglückliche Fürstin zu verhöhnen und in gemeinster Weise zu verleumden, indem er sie als die alleinige Ursache des Krieges beschuldigte. Bei ihren Leiden suchte und fand sie Trost in dem unerschütterlichen Glauben an eine höhere Vorsehung, in dem Bewußtsein ihres edlen Herzens, in den Worten des Dichters, deren sie sich auf der Flucht erinnerte:

Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.“

Unterdeß wüthete der Krieg in Preußen fort, bis endlich von russischer Seite der Abschluß des Waffenstillstandes und die bekannte Zusammenkunft der beiden Kaiser auf dem Memel folgte, wo Alexander seinen vertrauungsvollen Bundesgenossen rücksichtslos Preis gab. Die Räthe Friedrich Wilhelm des Dritten hofften durch die persönliche Anwesenheit der Königin von dem übermüthigen Sieger minder harte Friedensbedingungen zu erlangen. Sie willigte in das ihr zugemnthete Opfer, so schwer es ihr auch fiel, und erschien als eine Bittende vor dem stolzen Feinde, der sie durch sein wegwerfendes Benehmen zu demüthigen gedachte.

Eine Stunde nach ihrer Ankunft nahte Napoleon mit einem großen Gefolge. Er ritt einen kleinen arabischen Schimmel; Generäle hielten ihm den Steigbügel, als er abstieg. Der König und die Prinzen gingen ihm bis unten an die Haustreppe entgegen. Der Kaiser hatte eine kleine Reitpeitsche in der Hand, nahm den Hut ab, grüßte rechts und links und ging sogleich zur Königin hinauf. Sie empfing ihn mit dem feinsten Tacte, ohne ihrer weiblichen und fürstlichen Würde das Geringste zu vergeben. Nach der ersten Begrüßung kam sie sogleich auf den eigentlichen Beweggrund ihrer Reise zu sprechen; er unterbrach sie jedoch, indem er unter andern die unzarte Frage an sie richtete: „Aber wie konnten Sie den Krieg mit mir anfangen?“

„Sire,“ entgegnete Louise würdevoll, „dem Ruhme Friedrichs war es erlaubt, uns über unsere Kräfte zu täuschen, wenn anders wir uns getäuscht haben.“

Im Laufe der ferneren Unterhaltung erfuhr auch Napoleon den unwiderstehlichen Zauber ihrer Persönlichkeit, den Reiz der edelsten Weiblichkeit; die Stärke des Geistes und des Charakters der hohen Frau machten einen tiefen Eindruck auf den stolzen Sieger; er überhäufte sie mit allerdings nichtssagenden Artigkeiten und lud sie zur Abendtafel ein. Während der Mahlzeit war es ihr einziges Bestreben, ihm wenigstens ein Wort zu entreißen, woraus sie Hoffnung schöpfen konnte; besonders ließ sie es sich angelegen sein, mindestens die Rückgabe von Magdeburg zu erlangen. Aber Napoleon, dem der schlaue Talleyrand zur Seite stand, war nur zu sehr auf seiner Hut; er benahm sich zwar artig und stets achtungsvoll, aber ausweichend und zurückhaltend; sein Widerstand glich einer fortwährenden Flucht vor dem Geiste und der Liebenswürdigkeit der Königin. Es war gewiß ein ebenso eigenthümliches, als interessantes Schauspiel, diesem Kampfe der weiblichen Anmuth und Feinheit mit dem männlichen Trotze und politischen Egoismus beizuwohnen.

„So wollen Sie mich,“ klagte Louise nach aufgehobener Tafel, „scheiden sehen, ohne eine Erinnerung in meinem Herzen zurückzulassen, die mir gestattete, mit der Bewunderung für den großen Mann auch eine unauslöschliche Dankbarkeit gegen den großmüthigen Sieger zu verbinden?“

Statt ihr zu antworten, nahm Napoleon aus der vor ihm stehenden Blumenvase eine Rose von seltener Schönheit, die er ihr mit einer galanten Verbeugung überreichte. Sie schien erst geneigt, seine Gabe abzulehnen, besann sich jedoch und nahm sie, wenn auch zögernd.

„Zum Mindesten,“ fügte sie bittend hinzu, „mit Magdeburg.“

„Belieben Euere Majestät zu bedenken,“ entgegnete er ausweichend, „daß ich es bin, der darbietet, und daß Euere Majestät nur anzunehmen haben.“

Nur mit Mühe unterdrückte die Königin ihre hervorbrechenden Thränen; sie hatte sich umsonst gedemüthigt. Der Friede wurde geschlossen, der Preußen fast die Hälfte seiner Länder kostete und unerschwingliche Opfer auferlegte. Niemand empfand die Schmach des Vaterlandes so tief, wie die hohe Frau, vor Allen aber den schimpflichen Verlust von Magdeburg. „Wenn man mein Herz öffnen könnte,“ sagte sie, „so würde man darin in blutigen Zügen den Namen Magdeburg finden.“ – Aber sie überließ sich nicht einer dumpfen, hoffnungslosen Verzweiflung; mitten im Unglücke bewahrte sie den ihr eigenen Muth, sie richtete den gebeugten König auf, sie tröstete ihre Umgebung, sie erkannte die Nothwendigkeit, durch sittliche Hebung des Volkes, durch Weckung des nationalen Bewußtseins, durch Erziehung der kommenden Geschlechter eine neue, bessere Zeit heraufzuführen. Zu diesem Behufe suchte sie die edelsten Männer und Vaterlandsfreunde in die Nähe des Königs zu bringen; sie erkannte den Werth eines Stein und Hardenberg, sie beschützte Beide gegen die Intrigue der franzosenfreundlichen Höflinge.

Mit dem berühmten Jugenderzieher Pestalozzi in der Schweiz trat sie in unmittelbare Verbindung, um durch sein System einen besseren Unterricht für die preußischen Schulen anzubahnen. Vor allen Dingen aber lebte in ihrem Herzen der Glaube und die Liebe für das deutsche Volk, die sie mitten in dem größten Trübsal und in der allgemeinen Verwirrung nicht verlor. Sie las fleißig die Geschichte ihrer „lieben Deutschen“, unter denen sie besonders der Ostgothe Theodorich ansprach. „Dieser war ein echter Deutscher,“ schreibt sie an einen Freund, „die Geradheit seines Charakters, die Tiefe seines Gemüths und die Großmuth seines Herzens bezeugen es. Der Charakter Karls des Großen trägt schon ein Gepräge des Frankenthums, welches mich etwas abschreckt.“

Bitter klagte sie über die Zerrissenheit des deutschen Vaterlandes, nach Kräften war sie bestrebt, den unseligen Zwiespalt zu beseitigen, sodaß ihr Sohn als König Friedrich Wilhelm der Vierte mit Recht sagen durfte: „Die Einheit Deutschlands liegt mir am Herzen. Sie ist das Erbtheil meiner Mutter.“

Von diesen Gesinnungen, der sittlichen Größe, der Klarheit ihres Geistes und der Richtigkeit ihres Urtheils legt ihr Briefwechsel, den Friedrich Adami in seiner trefflichen Biographie der Königin Louise theilweife veröffentlicht, das schönste Zeugniß ab. So schreibt sie an ihren Vater: „Es wird mir immer klarer, daß Alles so kommen mußte, wie es gekommen ist. Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich selbst abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeern Friedrich des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns. – – – Gewiß wird es besser werden, das verbürgt der Glaube an das vollkommenste Wesen. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Deshalb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher auf seinem jetzt freilich glänzenden Throne ist. Fest und ruhig ist nur allein Wahrheit und Gerechtigkeit, und er ist nur politisch, das heißt klug, und er richtet sich nicht nach ewigen Gesetzen, sondern nach Umständen, wie sie eben sind. Dabei befleckt er seine Regierung mit vielen Ungerechtigkeiten. Er meint es nicht redlich mit der guten Sache und mit den Menschen. Er und sein ungemessener Ehrgeiz meint nur sich selbst und sein persönliches Interesse. Man muß ihn mehr bewundern, als man ihn lieben kann. Er ist von seinem Glücke [216] geblendet, und er meint Alles zu vermögen. Dabei ist er ohne alle Mäßigung, und wer nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt. Ich glaube fest an Gott, also auch an eine sittliche Weltordnung. Diese sehe ich in der Herrschaft der Gewalt nicht; deshalb bin ich der Hoffnung, daß auf die jetzige böse Zeit eine bessere folgen wird. – – Wie Gott will; Alles wie er will. Aber ich finde Trost, Kraft, Muth und Heiterkeit in dieser Hoffnung, die tief in meiner Seele liegt. Ist doch Alles in der Welt nur Uebergaug! Wir müssen durch. Sorgen wir nur dafür, daß wir mit jedem Tage reifer und besser werden.“

Kurz nach dem Frieden folgte Louise mit dem Könige einer Einladung des Kaisers Alexander nach Petersburg, wo ihr die glänzendste Aufnahme bereitet wurde. Aber die Pracht und der Luxus der Höfe konnte sie nicht blenden, sie hatte die Nichtigkeit der irdischen Größe nur zu sehr kennen gelernt. Tiefer ergriff und freute sie der Jubel ihres Volkes bei ihrer Rückkehr nach Berlin. Die Treue und unerschütterte Liebe, die ihr hier zu Theil wurde, rührten sie bis zu Thränen.

Aber die vorangegangenen Leiden und die fortdauernden Kränkungen hatten ihre zarte Gesundheit untergraben. Wohl ahnte sie mit prophetischem Geiste die künftige Erhebung des Vaterlandes und trug nach Kräften dazu bei, aber ihr selbst sollte es nicht vergönnt sein, den Tag der Befreiung zu erblicken.

Schon lange war es ihr Wunsch gewesen, ihren Vater und die herzogliche Familie in Strelitz zu besuchen. Rührend war das Wiedersehen, aber bald getrübt durch ein leises Unwohlsein, das sich mit überraschender Schnelligkeit in ein lebensgefährliches Brustleiden verwandelte. Ihr Gatte, selbst krank, eilte mit den beiden ältesten Söhnen an das Lager der Sterbenden. „Ach!“ klagte der Unglückliche, „wenn sie nicht mein wäre, würde sie leben, aber da sie meine Frau ist, stirbt sie gewiß.“

Fortwährend hielt er ihre Hand in der seinigen, als wollte er sie nicht scheiden lassen.

„Herr Jesus!“ flehte sie in banger Todesangst, „mach es kurz!“

Fünf Minuten später, am 18. Juli 1810, hatte sie ausgelitten; ihr bleiches Gesicht war das einer verklärten Heiligen. Zu ihren Füßen kniete der schwer geprüfte König mit seinen Kindern, die Hände der Entseelten mit ihren heißen Thränen benetzend.

Nicht nur Preußen, ganz Deutschland trauerte um Louise; jedes Haus wurde ein Klagehaus, und ihr Tod weckte in jeder Brust den tiefsten Schmerz, aber auch den Haß gegen den fremden Unterdrücker, um dessen willen sie so viel gelitten.

„Wir wissen“ – sagte der berühmte Schleiermacher in seiner Gedächtnißrede auf die geschiedene Königin – „wie innig sie, ohne jemals die Grenzen zu überschreiten, die auch für jene königlichen Höhen der Unterschied des Geschlechtes feststellt, Antheil genommen hat an allen großen Begebenheiten; wie sie sich eben durch die Liebe zu ihrem königlichen Gemahl, durch die mütterliche Sorge für die theueren Kinder Alles angeeignet hat, was das Vaterland betraf; wie lebendig sie immer erfüllt war von den ewig herrlichen Bildern des Rechtes und der Ehre; wie begeisternd ihr Bild und Name, eine köstlichere Fahne, als welche die königlichen Hände verfertigt hatten, den Heeren im Kampfe voranging!“ –

Darum lebt Louise in den Herzen ihres Volkes und aller Deutschen jetzt und immerdar, als die Erste der Frauen, als die beste Königin.
Max Ring.





  1. Wir beginnen mit diesem Artikel die früher versprcchenen „Deutschen Bilder.“ Sie sollen ein Spiegelbild unseres deutschen Geschichtslebens abgeben, eine ungeschminkte Darstellung unserer Größe und Schwäche, unseres Besten und Niederträchtigsten, Bilder zur Beschämung und zum Troste. Wir werden viel Schmerzliches, Bitteres, Schmachvolles, aber auch viel Hohes, Schönes und Glorreiches erzählen können. Aus Deutschlands großer Geschichte wollen wir lernen, uns eine bessere Zukunft zu bauen.   Die Redaction.