Die Edda (Simrock 1876)/Ältere Edda/Helgakvidha Hundingsbana fyrri

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<< Helgakvidha Hundingsbana fyrri >>>
Das erste Lied von Helgi dem Hundingstödter
aus: Die Edda (Simrock 1876)
Seite: {{{SEITE}}}
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: 3. Lied der Heldensagen in der „Älteren Edda“
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
[[Bild:{{{BILD}}}|250px]]
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[142]
19. Helgakvidha Hundingsbana fyrri.
Das erste Lied von Helgi dem Hundingstödter.
I.
1
In alten Zeiten,   als Aare[WS 1] sangen,

Heilige Waßer rannen   von Himmelsbergen,
Da hatte Helgi,   den großherzigen,
Borghild geboren   in Bralundr.

2
Nacht in der Burg wars,   Nornen kamen,

Die dem Edeling   das Alter bestimmten.
Sie gaben dem König   der Kühnste zu werden,
Aller Fürsten   Edelster zu dünken.

3
Sie schnürten scharf   die Schicksalsfäden,

Daß die Burgen brachen   in Bralundr.
Goldene Fäden   fügten sie weit,
Sie mitten festigend   unterm Mondessaal.

4
Westlich und östlich   die Enden bargen sie,

In der Mitte lag   des Königs Land.
Einen Faden nordwärts   warf Neris Schwester,
Ewig zu halten   hieß sie dieß Band.

5
Eins schuf Angst   dem Ülfingensohn,

Und ihr, der Frau,   die Freude gebar:
Rabe sprach zum Raben   (auf ragendem Baum
Saß er ohne Atzung[WS 2]):   ich weiß Etwas.

6
„Es steht der Sohn   Sigmunds in der Brünne,

Einen Tag alt:   unser Tag bricht an.
Er schärft die Augen   (so schauen Helden),
Der Wölfe Freund:   freuen wir uns!“

[143]
7
Dem Volke schien   sein Fürst geboren,

Sie wünschten sich Glück   zu goldener Zeit.
Der König selber   ging aus dem Schlachtlärm
Dem jungen Edling   edeln Lauch zu bringen.

8
Er hieß ihn Helgi   und gab ihm Hringstadr,

Solfiöll, Snäfiöll   und Sigarswöllr,
Hringstadr, Hatun   und Himinwangi,
Gab ein blutig Schwert   Sinfiötlis Bruder.

9
Da begann zu wachsen   an Verwandter Brust

Die ragende Rüster[WS 3]   in des Ruhmes Licht.
Er vergalt und gab   das Gold den Werthen,
Sparte das Schwert nicht,   das blutbespritzte.

II.

10
Kurz ließ der König   auf Kampf ihn warten:

Funfzehn Winter   alt war der Fürst,
Da hatt er den harten   Hunding erschlagen,
Der Land und Leute   so lange berieth.

11
Da sprachen Sigmunds   Sprößling an

Um Gold und Schätze   die Söhne Hundings.
Zu vergelten hatten sie   Güterraubs viel
Dem jungen Fürsten   und des Vaters Tod.

12
Nicht gewährte der Fürst   dafür die Buße,

Weigerte jegliches   Wergeld den Söhnen:
Gewarten möchten sie   mächtigen Wetters,
Grauer Geere   und des Grames Odhins.

13
Zur Schlachtstätte   stapften die Fürsten,

Die sie gelegt   gen Logafiöll.
Frodis Frieden   zerbrach zwischen Feinden:
Granis Grauhunde   fuhren gierig durchs Land.

14
Saß der König,   da erschlagen er hatte

Alf und Eyolf,   unter dem Aarstein,
Dazu Hiörward und Haward,   Hundings Söhne;
Gefällt war des Geerriesen   ganzes Geschlecht.

[144]
15
Da brach ein Licht   aus Logafiöll,

Und aus dem Lichte   kam Wetterleuchten.
Helmträgerinnen sah man   auf Himinwangi:
Ihre Brünnen waren   mit Blut bespritzt
Und Stralen standen   still auf den Geeren.

16
Da frug in der Frühe   der Männerfürst

Die südlichen Frauen   vom Schlachtfeld her:
„Ob sie daheim   bei den Helden wollten
Bleiben bei der Nacht?“   die Bogen schnurrten.

17
Aber vom Hengste   Högnis Tochter

Stillte der Schilde Lärm   und sprach zu dem König:
„Wir haben wohl Anderes   hier zu schaffen
Als Ringbrecher bei dir   Bier zu trinken.

18
„Mein Vater hat Mich,   seine Maid,

Verheißen Granmars   grimmem Sohne.
Doch hab Ich, Helgi,   den Hödbrodd genannt
Einen König so kühn   wie ein Katzensohn.

19
„Nun wird er kommen   nach wenigen Nächten,

Wofern du den Fürsten   nicht forderst zum Kampf,
Oder mich,   die Maid ihm raubst.“


Helgi.
20
Fürchte nicht mehr   den Mörder Isungs:

Erst tobt Getöse,   ich sei denn todt. —

21
Boten sandt alsbald   der gebietende König,

Hülfe zu fordern   über Flut und Land,
Um mehr als genug   den Mannen zu bieten,
Und ihren Söhnen,   des schimmernden Goldes:

22
„Heißet sie schnell   zu den Schiffen gehn,

Daß sie aus Brandey   uns Hülfe bringen.“
Da harrte der König   bis zur Samnung kamen
Helden vielhundert   von Hedinsey.

[145]
23
Da sah man von Stränden   und Stafnesnes

Die Schiffe gesegelt,   die goldgeschmückten.
Helgi fragte   den Hiörleif alsbald:
„Hast du erkundet   der Kühnen Zahl?“

24
Aber der Königssohn   sagte dem andern:

„Schwer,“ sprach er, „hält es,   von der Schnabelspitze
Die langen Schiffe,   die Segler, zu zählen,
Die da außen   in Örwasund fahren.

25
„Zwölfhundert zählst du   Zuverläßiger:

Doch harrt in Hatun   noch halbmal mehr
Der Scharen des Königs:   der Schlacht gedenk ich nun.“

26
Da warf der Steurer   die Stevenzelte nieder,

Der Männer Menge   damit zu erwecken,
Daß die Fürsten sähen   den scheinenden Tag.
An die Segelstangen   schnürten die Helden
Das knisternde Gewebe   bei Warins Bucht.

27
Die Ruder ächzten,   das Eisen klang,

Schild scholl an Schild,   die Seehelden ruderten.
Unter den Edlingen   eilend ging
Des Fürsten Flotte   den Landen fern.

28
So wars zu hören,   da hart sich stießen

Die kühlen Wellen   und die langen Kiele
Als ob Berg oder Brandung   brechen wollten.

29
Helgi hieß   das Hochsegel aufziehn,

Als wider Wogen   da Woge schlug
Und die tobende   Tochter Ögirs
Die starren Rosse   zu stürzen gedachte.

30
Aber Sigrun kam   kühn aus den Wolken

Und schützte sie selber   und ihre Schiffe.
Kräftig riß sich   der Ran aus der Hand
Des Königs Langschiff   bei Gnipalundr.

[146]
31
Da saß er geborgen   in der Bucht am Abend;

Die schmucken Schiffe   schoßen dahin.
Aber Granmars Söhne   von Swarinshügel
Erspähten sein Volk   mit feindlichem Sinn.

32
Da fragte Gudmund,   der Gottgeborne:

„Wie heißt der Herzog,   der dem Heer gebeut,
Dieß furchtbare Volk   uns führt zu Land?“

33
Sinfiötli versetzte,   und schlug am Rah

Ein rothes Schild auf,   des Rand war von Gold.
Er war ein Sundwart,   der sprechen konnte
Und Worte wechseln   mit werthen Männern:

34
„Sag das am Abend,   wenn du Schweine fütterst

Und eure Hunde   zur Atzung lockst:
Die Ülfinge seien   von Osten gekommen,
Des Kampf begierig   vor Gnipalundr.

35
„Hier wird Hödbroddr   den Helgi finden,

Den fluchtträgen Fürsten,   in der Flotte Mitten.
Oftmals hat er   Aare gesättigt,
Weil du in der Mühle   Mägde küsstest.“


Gudmundr.
36
Nicht folgst du, Fürst,   der Vorzeit Lehren,

Da du die Edlinge   mit Unrecht verrufst.
Du hast im Walde   mit Wölfen geschwelgt,
Hast deinen Brüdern   den Tod gebracht.
Oft sogst du mit eisigem   Athem Wunden,
Bargst allverhaßt   dich im Gebüsch.


Sinfiötli.
37
Du warst ein Zauberweib   auf Warinsey,

Ein luchslistiges!   Du logst auf den Haufen.
Keinen Mann, meintest du,   möchtest du haben
Von allen im Eisen   außer Sinfiötli.

[147]
38
Du warst die schädlichste   Walkürenhexe,

Aber bei Allvater   allvermögend.
Man sah die Einherier   alle sich raufen,
Verwettertes Weib,   von wegen dein.
Neune hatten wir   auf Nesisaga
Wölfe gezeugt:   ich war ihr Vater.


Gudmundr.
39
Nicht warst du der Vater   der Fenriswölfe,

Ob ärger als alle,   das leuchtet ein,
Denn längst entmannten dich   eh du Gnipalundr sahst
Thursentöchter   bei Thorsnes dort.

40
Siggeirs Stiefsohn   lagst du hinter Stückfäßern,

An Wolfsgeheul gewöhnt   in den Wäldern draußen.
Alles Unheil   kam über dich,
Als du den Brüdern   die Brust durchbohrtest,
Dich landrüchig machtest   durch Lasterwerke.


Sinfiötli.
41
Du warst Granis Braut   bei Brawöllr,

Goldgezügelt,   gezähmt zum Lauf.
Manche Strecke   ritt ich dich müde
Und hungrig unterm Sattel,   Scheusal, den Berg hinab.

42
Ein sittenloser Knecht   erschienst du da,

Als du Gullnirs   Geiße melktest;
Ein andermal dauchtest du,   Dursentöchter,
Ein lumpiges Bettelweib:   willst du länger zanken?


Gudmundr.
43
Nein, füttern wollt ich   bei Frekastein

Lieber die Raben   mit deinem Luder,
Und eure Hunde   zur Atzung locken
Und Schweine zum Troge:   zanke der Teufel mit dir!


Helgi.
44
„Es ziemt’ euch beßer beiden,   Sinfiötli,

Den Kampf zu fechten   und Aare zu freuen,

[148]

Als euch zu eifern   mit unnützen Worten
Wenn auch Ringbrecher   den Haß nicht bergen.

45
„Auch Mich nicht gut   dünken Granmars Söhne;

Doch ists Recken rühmlicher,   reden sie Wahrheit.
Sie habens gezeigt   bei Moinsheim:
Die Schwerter zu brauchen   gebricht ihnen Muth nicht.“

46
Sie ließen die Rosse   gewaltig rennen,

Swipudr und Swegjudr,   auf Solheim zu
Durch thauige Thäler   und tiefe Wege;
Der Mist Ross schütterte,   wo die Männer fuhren.

47
Sie trafen den Herscher   an der Thüre der Burg,

Kündeten dem König   den kommenden Feind.
Außen stand Hödbroddr   helmbedeckt,
Sah den Schnellritt   seines Geschlechts:
„Wie harmvoll habt   ihr Helden ein Aussehn?“ —

48
„Her schnauben zum Strande   schnelle Kiele,

Ragende Masten   und lange Rahen,
Schilde sattsam   und geschabte Ruder,
Herrliche Helden   der hehren Ülfinge.

49
„Funfzehn Fähnlein   fuhren ans Land;

Doch stehen im Sund   noch siebentausend.
Hier liegen am Lande   vor Gnipalundr
Blauschwarze Seethiere   und goldgeschmückte.
Die meiste Menge   seiner Mannen ist hier:
Nicht länger säumt nun   Helgi die Schlacht.“


Hödbroddr.
50
Laßt rasche Rosse   zum Kampfthing rennen,

Aber Sporwitnir   gen Sparinshaide,
Melnir und Mylnir   gen Myrkwidr:
Sitze mir selten Wer   säumig daheim,
Der Wundenflamme   zu schwingen weiß.

[149]
51
Ladet Högni   und Hrings Söhne,

Atli und Ingwi   und Alf den greisen;
Die zu beginnen   sind gierig den Kampf:
Wir wollen den Wölsungen   Widerstand thun. —

52
Ein Sturmwind schiens,   da zusammen trafen

Die funkelnden Schwerter   bei Frekastein.
Immer war Helgi,   der Hundingstödter,
Vorn im Volkskampf,   wo Männer fochten.
Schnell im Schlachtlärm,   säumig zur Flucht,
Ein hartmuthig Herz   hatte der König.

53
Da kam wie vom Himmel   die Helmbewehrte —

Das Spersausen wuchs — und schützte den Fürsten.
Laut rief Sigrun,   des Luftritts kundig,
Dem Heldenheer zu,   aus des Herzens Grund:

54
„Heil sollst du, Held,   der Herschaft walten,

Ingwis Nachkomme,   und das Leben genießen.
Den fluchtträgen Fürsten   hast du gefällt,
Ihn, der den Schrecklichen   sandt in den Tod.
Nun must du beides   nicht länger missen:
Rothe Ringe   und die reiche Maid.

55
„Heil sollst du dich, Fürst,   erfreuen der beiden,

Der Tochter Högnis   und Hringstadirs,
Des Siegs und der Lande;   zum Schluß kommt der Streit.“

Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied.

  1. Aar - Adler (DWB)
  2. Atzung - Nahrung, Futter (DWB)
  3. Rüster – Ulme (DWB)