Die Güter des Lebens

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Autor: Theodor Herzl
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Titel: Die Güter des Lebens
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aus: Philosophische Erzählungen, S. 135–150
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1900
Verlag: Gebrüder Paetel
Drucker: G. Bernstein
Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: ÖNB-ANNO und Commons
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[135]
Die Güter des Lebens.
1898.


[137] Vier junge Leute, frisch von der Universität, saßen an einem Abend vor zwanzig Jahren beisammen und wollten Abschied nehmen. Sie wußten, daß ihre Wege sich nun trennen würden, nachdem sie ihr Doctorat erlangt hatten. Sie waren in der Studienzeit miteinander öfters lustig gewesen, und beim Scheiden überfiel sie ein Ernst.

„Jetzt ist das Leben da,“ sagte der Eine.

„Ja wohl,“ seufzte der Zweite; „wie wird es uns werden?“

„Was, ist die Frage! Was wird aus uns werden?“ meinte der Dritte.

Aber der Vierte erklärte: „Ich glaube, das hängt zum größten Theile von uns ab. Wenn diese lange Vorbildung, in der unsere Jugend verging, überhaupt einen Sinn hat, kann es nur der sein, daß wir als fertige Menschen in das Leben hinausgehen. Nicht mehr der Zufall wirft uns auf diesen oder jenen Weg. Wir selber steuern unser Schifflein. Ich weiß, was ich erreichen will. Ich weiß freilich nicht, ob ich es erreiche. Aber doch bin ich schon dem vulgus überlegen, weil ich das Bewußtsein meiner selbst habe.“

„Und was willst Du aus diesem Bewußtsein herausnehmen?“ fragte man ihn.

[138] „Meine Antwort wird euch vielleicht nicht gefallen, aber ich gebe sie doch nach der Wahrheit. Ich will den Reichthum.“

„Das ist ein gemeiner Traum,“ sagte Wilhelm, der zuerst gesprochen hatte.

„Ach was, Du gehst auf dem Mond spazieren, ich aber auf der Erde. Ich will den Reichthum, weil er in der Gesellschaft unserer Zeit Alles ist. Du, Herr Hofrath, kannst darüber die Nase rümpfen, so viel Du willst. Was möchtest denn Du Dir vom Leben holen?“

Der junge Mensch, den sie Hofrath nannten, verkniff die Lippen ein wenig und sprach dann trocken: „Ehre!“

„Ihr seid mir die rechten Esel,“ sagte der, welcher vorhin geseufzt hatte. „Der will ein Millionär sein und der ein betitelter Herr. Und wo bleibt das Glück? Denkt ihr nicht ans Glück, so seid ihr, mit Respect gesagt, ärger als das liebe Vieh. Der Mensch soll nur das erstreben, was ihn befriedigt, wenn er es hat. Ein bürgerliches Auskommen, um die Herzallerliebste heimzuführen.“

„Sing’ mir von Deiner Lalage!“ spöttelte der angehende Millionär.

„Nein, er ist Romeo, er wird an seiner Liebe sterben,“ meinte der Hofrath.

Der Verhöhnte schrie gemüthlich: „Nach zwanzig Jahren möchte ich uns wiedersehen. Da wird sich zeigen, wer von uns der Heuochse war. Geben wir uns ein Stelldichein. Aber nicht ein so gewöhnliches wie das aller Abiturienten. Von heut’ in zwanzig Jahren sollen nur die von uns hierher wiederkommen, die wirklich erreicht haben, was sie sich vorsetzten. Werden wir alle vier da sein? Oder nur Drei, nur Zwei, nur Einer – Keiner?“

„Nicht übel!“ sagte der Millionär, „kommen soll nur, [139] wer den Erfolg gehabt hat, den er suchte. Wir sagen also Reichthum, Ehre, häusliches Glück und – oho, der Wilhelm hat seine Forderung an das Leben noch nicht formulirt.“

„Ja, ihr seid eben schon mit euch im Klaren,“ erwiderte Wilhelm; „ich aber nicht. Schopenhauer’s drei Rubriken gehen mir durch den Sinn, wie ich euch da reden höre: was Einer ist, was Einer hat, was Einer vorstellt. Der Pessimist hat nur diese drei Grundbestimmungen für die Güter des Lebens. Gibt es nicht noch andere? Ich könnte es euch jetzt nicht sagen, denn ich bin mit mir nicht so fertig, wie ihr. Es schwebt mir unaussprechlich vor. Am nächsten komme ich vielleicht meinem Gedanken, wenn ich sage: was Einen ausfüllt.“

„Damit sagst Du erst recht nichts Besonderes,“ erklärte der Hofrath.

„Lass’ ihn,“ sprach der Millionär; „er ist ein guter Mensch in seinem dunklen Drange.“

Aber das Stelldichein wurde fest verabredet. In diesem selben Stübchen des Wirthshauses nächst der alten Universität wollten sie einander in zwanzig Jahren wiedersehen, wenn sie den Erfolg hätten, Jeder nach seiner Art, und sie versprachen, aufrichtig wie heute von den erworbenen Gütern ihres Lebens zu berichten…

Und wie es geht, die zwanzig Jahre vergingen. Erst schlichen die Jahre jedem Einzelnen in betrüblicher Länge dahin, Tag um Tag mußte mühsam unter Kämpfen, Sorgen, Entbehrungen, Aufregungen umgebracht werden. Dann beflügelte sich allmählich der Schritt der Zeit. Denn je älter man wird, um so hastiger entrinnen die Jahre. Die Freunde sahen einander anfangs oft, später immer seltener. Doch das Stelldichein des Erfolges hatten sie sich wiederholt in Scherz und Ernst eingeschärft, so daß sie es nicht vergaßen. [140] Von dem, der den Reichthum, wie von dem, der die Ehre suchte, war es schon nach der halben Frist gewiß, daß sie kommen würden; man sah und hörte wie rasch sie ihren Weg machten. Die anderen Zwei verloren sich in der Menge der Mittelmäßigen.

Als aber der bestimmte Tag erschien, da war Wilhelm als Erster zur selben Stunde wie damals an dem alten Ort. Dann kam der, den sie Romeo nannten. Die Beiden mußten freilich auf der Straße stehen und harren, nachdem sie einander die Hände geschüttelt hatten. Denn das Studentenwirthshaus war längst geschlossen worden, weil die Universität von hier weit weg in ihren neuen Palast gezogen war. Wilhelm sah ein bißchen dürftig aus in seinem abgetragenen Rock. Romeo hatte einen Schmeerbauch, und als er den Hut zog, leuchtete seine Glatze beim Scheine der Laternen.

„Gerade wir sind die Ersten,“ sagte er staunend, „vielleicht die Einzigen?“

„Du hast mich wohl gar nicht erwartet,“ lächelte Wilhelm.

Da fuhr ein schöner Wagen mit einem edlen Gespann vor. Der magere Herr, der ausstieg und dem Kutscher einige Worte nervös zuwarf, das war der „Millionär“ von einst. Er gab gleichzeitig Wilhelm die rechte und Romeo die linke Hand:

„Nun, da stehen wir natürlich auf der Gasse. Wir hielten damals nur den Zusammenbruch unserer Hoffnungen und nicht auch den des Wirthshauses für möglich.“

„So ist es doch besser,“ schmunzelte Romeo. „Drei sind wir gekommen, ein schöner Procentsatz immerhin. Sollten wir zufällig in der besten der denkbaren Welten leben? Nur, daß Excellenz nicht kommt, begreif’ ich nicht. Der hätte doch Grund genug.“

[141] „Oder zu viel,“ sagte der Millionär; „der fürchtet vielleicht, daß er uns erzählen müßte, wie er’s angefangen hat, wie er die Protectionen erschlichen, wie er die häßliche Frau geheirathet hat, deren Verwandtschaft ihm vorwärts helfen sollte.“

In diesem Augenblicke bog ein eleganter Herr um die Ecke, sah hinter sich, als ob er besorgte, daß ihm Jemand in diesem schmutzigen Gäßchen nachspüren könnte. Das war Se. Excellenz.

„Vollzählig!“ schrie Romeo, „es ist nicht zu glauben. Aber hier können wir nicht stehen bleiben. Weiß Jemand, wo der Krug zum grünen Kranze ist?“

Excellenz flüsterte: „Wir sehen allerdings da wie ein Rudel Verschwörer aus. Nur möchte ich einen stillen, stimmungsvollen Ort für unsere Plauderei.“

Der Millionär bemerkte ein wenig ironisch: „Wo man nicht gesehen wird.“

„Ich kann euch einen Vorschlag machen,“ sagte Wilhelm. „Ganz in der Nähe habe ich ein Local, wo wir ungestört sind. Freilich ist es sehr, sehr einfach.“

„Um so besser!“ rief der reiche Mann, „das wird uns gleich in die alten Zeiten versetzen. Ich schicke den Wagen fort.“

Er that es. Sie gingen unter Wilhelm’s Führung ein paar Gassen weit. Vor einem armseligen Hause hielt Wilhelm an.

„Da sind wir.“

Die Anderen waren nicht wenig verwundert. Romeo stöhnte:

„Wo ist der grüne Kranz?“

„Du wirst nicht verdursten,“ entgegnete Wilhelm. „kommt nur!“

[142] Sie gingen über den halbdunklen Hof. Unter einer Laterne hing die Tafel mit der Aufschrift: „Arbeitsvermittlung.“ Daneben die Thür. Sie kamen in einen Vorraum, auf den mehrere Zimmer mündeten. Auf angeschlagenen Zetteln stand: „Speisesaal“, „Lesesaal“, „Kanzlei“. Da sich bei ihrem Eintritte eine Glocke gerührt hatte, eilte ein junger Mensch aus dem Speisesaal ihnen entgegen, und sie konnten durch die secundenlang offene Thür einen langen Tisch erblicken, an dem ärmlich gekleidete Menschen in bescheidener Haltung saßen und eine Mahlzeit genossen.

„Ein wunderbarer Gedanke!“ sagte der Millionär, „er hat uns in die Volksküche geführt. Bekommen wir wenigstens ein Cabinet particulier?“

„Natürlich,“ lachte Wilhelm. „Uebrigens seid ihr nicht in der Volksküche, sondern bei mir.“

Excellenz unterdrückte eine Bemerkung und bedauerte nur innerlich, daß er in seiner Jugend nicht wählerischer im Umgange gewesen sei. In der Kanzlei war ein Tisch für vier Personen sauber und recht arm gedeckt. An den Wänden hingen Landkarten und graphische Darstellungen. In einem Glaskasten befanden sich verschiedene Modelle für technologischen Unterricht. Man sah auch in ein zweites Kämmerchen hinein, in welchem nur ein eisernes Bett, ein Waschtisch und ein Schrank standen.

„Da wohne ich,“ sagte Wilhelm. „Ich nahm an, daß ihr mir folgen würdet, und ließ uns ein Abendbrot bereiten. Euch wird es wohl ein bißchen kümmerlich vorkommen, aber für dieses Haus ist es eine große Schwelgerei. Ich möchte gar nicht, daß meine Schützlinge drüben darum wüßten. Bier darf man hier überhaupt nicht trinken, Wein bekommen nur die Kränklichen oder vom Hunger Geschwächten.“

[143] Der Millionär rief: „Für uns machst Du offenbar eine Ausnahme vom Grundgesetz, Du bist ja wohl hier der Souverän!“ Und er blinzelte der Excellenz vergnügt zu, wie wenn er sagen wollte: Total übergeschnappt!

Wilhelm nickte gelassen. Dann ließ er durch den Burschen das Mahl auftragen. Die Stimmung, die anfangs überaus frostig gewesen, wurde allmählich freundlicher bewegt. Romeo erklärte das Bier für genießbar; der Millionär fand es eigentlich charmant, daß sie die Sonntagskost armer Leute bekamen. Das war doch einmal was Anderes. Bald schwärmten Erinnerungen herauf, man wurde in den Gesprächen jünger. Selbst Se. Excellenz verlor die anfängliche Steifheit, und als die Schüsseln abgetragen wurden, hatten sich die Genossen beinahe schon in den Ton der früheren Tage heimgefunden. Wilhelm verabschiedete den Diener mit einem Winke und begann:

„Wir haben also Wort gehalten, einander und uns selbst. Dieses ist das Gastmahl des Erfolges. Nun gilt es aber, das Gelöbniß zu vollenden. Wir wollen Jeder über die Güter des Lebens berichten, die wir uns erwarben. Nur mache ich euch aufmerksam, daß unsere Geständnisse keinen erheblichen Werth hätten, wenn sie nicht aufrichtig wären. Als unser guter Romeo damals die philosophische Wette vorbrachte, ich glaube mit dem volksthümlichen Worte: wer wohl der größte Heuochse sei, da war das innere Ergebniß des Erfolges gemeint. Was wir nach außen vorstellen, das hätten wir wohl auch sonst von Jedem erfahren, obwohl uns das Leben weit auseinander getrieben hat. Und ich vermuthe, wir werden auch nach der Aussprache wieder unsere getrennten Wege fortgehen. Gerade darum sollen und dürfen wir in dieser Zusammenkunft eine philosophische Wahrheitsliebe bekunden. Uebrigens werden wir [144] es ja herausfühlen, ob Einer aus tiefem Herzen gesprochen hat oder nicht. Wer will den Anfang machen?“

„Ich,“ sagte der Millionär. „Ich will euch zeigen, daß ich mich nicht scheue, die Wahrheit zu bekennen. Du bist mir zwar heute in dieser Umgebung zuerst gar – eigenthümlich vorgekommen, Wilhelm…“

„Sag’ ruhig: verrückt!“ warf dieser ein.

„Aber in Deinen Worten ist etwas, das mich betroffen macht. Ich wollte euch eigentlich nur erzählen, daß ich das Ziel erreicht habe. Die Million! nannte ich es damals. Wenn man ein Ziel zehnmal erreichen kann, hab’ ich’s.“

„Zehn Millionen?“ staunte Romeo.

„Donnerwetter!“ murmelte Excellenz.

„Ja, ungefähr – genau könnte ich es euch nur nach der nächsten Bilanz sagen. Aber hier will ich Bilanz machen. Das meinst Du doch, Wilhelm? Activa, Passiva. Ich habe mich geschunden, die erste Zeit. Nein, es ist nicht zu sagen, wie ich mich geschunden habe. Mein Doctordiplom warf ich gleich unter den Tisch, nachdem ich es hatte. Die Advocatur war mir zu dumm und armselig.“

„Ich danke,“ sagte Romeo.

„Entschuldige, ich vergaß, daß Du einer bist. Ich meinte nur, dabei kann man nicht reich werden. Ich warf mich auf das Eisenbahnwesen, das mir am meisten zu versprechen schien. Ich trat ganz unten als Beamter ein, als Streckenbeamter. Kinder, von dem Leben habt ihr keine Vorstellung. Da draußen auf einer verlorenen Station liegen, manchmal vierzehn oder sechzehn Stunden Dienst. Einerseits verblödet man, und anderseits geht man vor Aufregung zu Grunde. Die Verantwortung für jeden Zug, der durchbraust. Man steht mit einem Fuß im Zuchthaus [145] und mit dem andern im Grabe. Der Zufall verschlug mich in eine Holzgegend. Ich hatte mit Schwellenlieferungen zu thun, lernte die Händler und ihr Geschäft kennen, das einen Zug ins Große hat. Da wechselte ich noch einmal den Beruf, trat in den Dienst eines Holzhändlers. Auch eine harte Arbeit. Nach Jahr und Tag machte ich mich selbstständig. Ich fing klein an, furchtbar klein. Habt ihr schon eine Ameise mit einem Span über ein Steinchen klettern sehen? Wie sie sich überpurzelt, den Span verliert, ihn wieder aufnimmt, sich wieder aufrafft. Ich bin ein paarmal zu Grunde gegangen und bin doch immer wieder hinaufgekommen. Was das für eine märchenhafte Energie gekostet hat und woher ich sie genommen habe, ich weiß es nicht. Nur das weiß ich: noch einmal möchte ich es nicht durchmachen. Ich habe nicht Zeit gehabt, zu heirathen, auch keine Lust; zuerst, weil es mir schlecht ging, nachher, weil es mir gut ging. Ich setzte immer meinen ganzen Gewinn an neue Unternehmungen, die Einzelheiten würden euch langweilen. Genug, ich bin oben.“

„Und wie sieht es oben aus?“ fragte Wilhelm.

„Na, nicht ganz wie in Johann dem munteren Seifensieder. Ja, wenn ich aufhörte, würde ich vermuthlich vor Langweile verrecken. Aber ich höre nicht auf, ich jage weiter. Werd’ ich mir endlich den Hals brechen, chi lo sà? Werd’ ich Dich einmal um einen Löffel Suppe bitten kommen, Wilhelm, wie die da draußen? Diese Ungewißheit ist eigentlich noch das Einzige, was mich am Leben reizt. Gesellig bin ich nicht, weil ich die Menschen kenne. Jeder will was von mir haben. Ihr da, wenn ihr mir das Stelldichein nicht gegeben hättet, als ich noch ein armer Schlucker war, ich wär’ euch ausgewichen wie der Pest… Nehmt mir’s nicht übel!“

[146] Excellenz räusperte sich: „Du drückst Dich einigermaßen derb aus, aber in unserer ungewöhnlichen Begegnung ist aller Freimuth zulässig. Und ich will nicht hinter Dir zurückstehen an Wahrheitsliebe. Mir ist es ja auch in Erfüllung gegangen, auch mehr als wonach ich verlangte. Ich kann es noch kürzer sagen als Du. Früher suchte ich Gönner, jetzt bin ich selbst ein Gönner; muß mich freilich noch beugen und werde es immer müssen. Während Du das Abenteuer Deines Reichthums erzähltest, habe ich Dich beneidet, obwohl die Bilanz nicht ganz gut ist. Wenigstens kannst Du um Dich schlagen. Unsereiner ist wie eingesperrt in seiner Ehre. Es ist, als ob man sich in einem Zimmer aufhalten müßte, dessen Wände ganz mit Spiegeln verkleidet sind, und nirgends ein bequemer Platz zum Ausruhen von sich selbst. Und macht man nur eine heftig freie Bewegung, so geht vielleicht ein Spiegel in Trümmer. Dabei gibt es Demüthigungen. Die Leute grüßen meinen Titel, meine Stellung, nicht mich. Ob ich in dem Rocke stecke oder ein Anderer, darauf kommt es wohl gar nicht an. Früher pflegte ich mich zu kränken, wenn ein Höherer mich nicht bemerkte. Das war nichts. Der tiefe Gruß der Untergebenen ist das Schlimmste. Ich weiß ja noch, warum ich jedem Vorgesetzten huldigte; sie thun es mir jetzt aus denselben Gründen… Alles keinen Schuß Pulver werth. Kinder müßte man haben, ein paar gesunde Kinder, und in der Verborgenheit leben. Der wackere Romeo hatte damals Recht.“

„Ich hatte Recht, ich hatte Recht,“ sagte der Angerufene nachdenklich und fuhr sich mit der flachen Hand mehrmals über die Glatze. „Hatte ich wirklich Recht? Ich glaube es, seit ich euch beide reden hörte; vorher war ich dessen nicht ganz sicher. Mein Ziel war weniger hoch [147] gesteckt, als eueres, und so hab’ ich es denn auch leichter erreicht. Ich habe um meine Frau gedient, wie Jacob in der Bibel. Ich war nämlich sieben Jahre Concipient in der Kanzlei meines späteren Schwiegervaters und endlich sein Theilhaber. Er starb, die Kanzlei gehört mir, sie geht leidlich. Meiner braven Frau kann ich Frühjahrskleider machen lassen, meine Kinder kann ich lernen lassen. Wir Alle sind gesund. Ich sage mir oft, daß ich alle Ursache habe, Gott zu danken, weil meine Wünsche in Erfüllung gegangen sind und weil ich dazu auch ein genügsames Herz habe.“

Es trat eine kleine Pause ein. Der Satz klang nicht wie abgeschlossen. Als der Advokat noch zögerte, fragte einer der Freunde:

„Etwas scheint Dich aber noch zu drücken?“

„Ja, etwas. Es kommt zuweilen sonderbar über mich, selten bei Tage, weil ich da allerlei Beschäftigung habe. Bei Nacht überfällt es mich zumeist. Ich wache auf, mitten in der stillen Nacht. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Eine Angst? Ein Gefühl der Leere. Es ist möglicherweise Todesfurcht, wenn es nicht die Furcht vor dem Leben ist. Ich weiß, meine Frau, meine Kinder sind in der Nähe, ich höre sie athmen, schnarchen. Und doch habe ich das Gefühl einer bitterlichen Einsamkeit, und ich verstehe nicht, wozu ich da bin. Das wird so noch zwanzig oder dreißig Jahre dauern, ich werde noch so und so viele Prozesse gewinnen oder verlieren, meinen Zins und die Fleischerrechnungen bezahlen, meine Expensnoten einstreichen. Ja, aber wozu? Kann mir Einer sagen, wozu?“

„Darauf gibt es freilich keine Antwort,“ sagte der reiche Mann mit leiser Stimme.

[148] Da nahm Wilhelm das Wort: „Wir haben nun die Entbehrungen des Reichthums, die Demüthigungen der Ehre, die Unfruchtbarkeit der Familie gehört. Lasset euch mein Leben sagen, und warum ich mich unterfing, auch zum Stelldichein zu kommen, obwohl ich nichts bin, nichts habe und nichts vorstelle. Nach der Universität habe ich mich eine zeitlang in der Schriftstellerei versucht. Dann machte es mir eine kleine Erbschaft möglich, diese Beschäftigung aufzugeben, bei der man durch gemeinen Neid, Ränke und Gevatterschaften mit Ekel bis da hinauf angefüllt wird. Ich reiste. In England und Frankreich lernte ich neuartige Wohlfahrtsbestrebungen kennen, hier seht ihr deren bescheidene Nachbildung. Ich lebe mit armen und unwissenden Leuten, welche vom Elend hereingeführt werden. Sie gehen wieder, nachdem sie ein wenig aufgerichtet und gestärkt worden sind. Ein Lehrkörper von gutgearteten Jünglingen hat sich rasch um mich versammelt. Wir tragen nützliche Bildung unter die Armen hinaus, keine politischen Redensarten. Ich meine, die neuen Entdeckungen und Erfindungen sollen nicht denen allein zu statten kommen, die schon genug haben. Ich lehre meine Leutchen, wie groß, wie weit, wie schön die Welt unseres lieben Herrgotts ist, und daß sie nicht gleich die Flinte ins Korn werfen müßten, wenn es an einem Orte schlecht geht. Ich lehre sie hoffen, indem ich ihnen zeige, wie hoch wir in der Kultur schon halten. Denn es ist ja eine Zeit, die an die glorreichen Jahrhunderte der Renaissance und Reformation gemahnt.“

„Sag’ einmal,“ schaltete der Millionär mit einem bösen Lächeln ein, „pflegt Dir nach einem solchen Vortrag nicht die Taschenuhr zu fehlen? Führst Du überhaupt Buch über den Undank?“

[149] „Es gibt keinen, weil ich keinen Dank erwarte. Tritt ein Neuer herein, so denk’ ich bei mir: Willkommen, Undankbarer!“

Excellenz bemerkte schneidend: „Er ist ein Altruist!“

Und Wilhelm endete gelassen: „So hat auch mein Leben Güter in dem, was mich ausfüllt. Es ist der Gedanke an die Zukunft. Wahrlich, es ist Frühling darin. Auch der Gedanke an meinen eigenen Vorübergang wird dadurch alles Schmerzlichen entledigt. Und schon bin ich ein Bürger dieser Zukunft, weil ich für sie wirke. Hat nicht er selbst, der große Pessimist, sich immer an seine kommende Gemeinde gewendet? Auch er glaubte also über die Verneinung hinweg an das Zukünftige. Dieses ist das Einzige, wovon man nicht enttäuscht wird.“

Der Advokat ergänzte: „Weil man es nie erreicht.“