Die Gartenlaube (1854)/Heft 35

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[405]

No. 35. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Der Seeräuber.

„Nein, nein, mein guter Herr Vormund! So haben wir nicht mit einander gewettet! Die Zeiten sind vorüber, wo die Vormünder ihre Mündel zu Heirathen zwingen durften, die im Interesse der Herren lagen; wenigstens bin ich die Person nicht dazu, die sich zu so etwas zwingen läßt. Wie kommen Sie mir vor? Ich einen Tabacksfabrikanten heirathen! Ich einen Tabacksfabrikanten! Es wäre empörend, wenn es nicht gar zu lächerlich wäre.“

Diese Worte wurden mit trotzigem Lachen von einem allerliebsten Mädchen von achtzehn Jahren einem ältlichen wohlhäbigen Herrn zugeschleudert, der im eleganten Zimmer vor ihr stand und sich über die Weigerung des kleinen Trotzkopfs sehr zu ereifern schien. Man sah es dem Kinde, wie dem Alten an, daß sie „bei guten Mitteln“ waren und sich Beide ärgerten.

„Aber ich bitte Sie, liebes Klärchen, nehmen Sie doch nur Vernunft an“, replicirte der grauköpfige Herr. „Wem in aller Welt ist denn nur eingefallen, Sie zu einer Heirath mit meinem Vetter Kaupert zwingen zu wollen? Ich habe mir weiter gar nichts erlaubt, als Ihnen denselben als eine sehr annehmbare Parthie vorzuschlagen, Fritz Kaupert ist ein junger, angenehmer Mann, ein tüchtiger Kaufmann, ein braver Mensch, hat gute Fonds und die von seinem Vater begründete Tabacksfabrik in Bremen, deren Erbe Fritz ist, zählt zu den rentabelsten Geschäften. Er ist kein Tabacksfabrikant, wie Sie ihn zu bezeichnen beliebten, sondern der Besitzer einer Tabacksfabrik, die einer großen Anzahl Fabrikanten Arbeit und Brot giebt.“

„Ich bitte Sie sehr dringend, sprechen Sie mir nicht so viel von Taback! Es wird mir übel und wehe, und ich fürchte Schlimmes für mich von dieser unangenehm duftenden Conversation. Der Herr Vetter ist und bleibt ein Tabacksfabrikant, man riecht ihn weiter, als man ihn sieht, und der bloße Gedanke mit einem stets nach Taback duftenden Manne zusammen und in einem von Tabacksdüften ganz eingeräucherten Hause leben zu müssen, bringt mich schon zur Verzweiflung.“

Und sie griff zur dunkelrothen, goldverzierten Krystallflasche mit dem Eau de mille fleurs und goß sich eine kleine Fluth auf Kleid und Hände.

„Sie benehmen sich sehr kindisch, Fräulein Klärchen“, sagte der Vormund etwas ärgerlich. „Ich habe weiter nichts von Ihnen gewollt, und bitte Sie auch jetzt um weiter nichts, als daß sie mir gestatten, Ihnen meinen jungen Vetter vorzustellen und seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Er wird hierher kommen und – was sich doch ganz von selbst versteht – bei uns wohnen.“

„Ich will nicht! Ich will durchaus nicht! Ich will und kann und darf ihn nicht riechen. Ich würde krank davon werden. So wie er kommt, verreise ich zu meiner Cousine Dröge. Nur keinen Taback! Um Gotteswillen keinen Taback! Es ist zu prosaisch.“

„Ach, lassen Sie doch diese Überspanntheit! Sie scheinen ganz zu vergessen, daß Ihr seliger Vater und Großvater sehr ehrenwerthe Lederfabrikanten, d. h. eigentlich Gerber waren, deren Geschäft doch wahrlich auch nicht wie Rosenöl und Ambra duftet und gar nichts von dem an sich hat, was Sie poetisch zu nennen belieben; aber die guten Männer haben Ihnen ein Vermögen von hunderttausend Thalern hinterlassen, welches Sie mit der sehr übelduftenden Lederfabrikation erworben haben.“

Nachdem er dieses gesprochen, verließ der Herr Vormund in einiger Aufregung das Zimmer; Klärchen schlug ein Schnippchen hinter ihm her und griff wieder nach dem unsaubern Buche aus der Leihbibliothek, in dessen emsiger Lectüre sie durch den gutgemeinten Vorschlag des Mannes gestört worden war, und vor dessen übelriechendem Korpus sie sich keineswegs ekelte.

Dieses Buch erklärte eigentlich Alles. Klara Commler hatte in den Jahren der Entwicklung die Aeltern durch den Tod verloren und war bei einer Tante erzogen worden. Als auch diese aus dem Leben geschieden, war die reiche Waise in das Haus ihres Vormunds, des Kauf- und Handelsherrn Peter Schöppach, gekommen. Die selige Tante hatte das hübsche und talentvolle Kind gründlich verzogen und zur Romanleserin gebildet. Aus der Leihbibliothek hatte sich Klärchen ihre Begriffe von Poesie und von einem reizenden romantischen Leben geholt, und sie hatte nicht nur die Ueberzeugung gewonnen, sie hatte sich auch den festen Entschluß in ihrem kleinen reizenden Lockenkopfe zurechtgestellt, sie könne und werde sich mittelst ihrer Schönheit – Spiegel und Eitelkeit hatten ihr davon eine hohe Meinung beigebracht – und mittelst ihres Geldes, dessen Werth sie sehr wohl kannte, ein Lebensglück gewinnen, wie es in ihren Lieblingsromanen schönstens beschrieben stand. In dieses farbenglühende und blumenduftende Phantasiebild paßte freilich ein Mensch durchaus nicht, welcher eigentlich auf der Welt nichts weiter that, als Tabacke fabriciren zu lassen und zu verkaufen. Sie hätte natürlich eben so wenig einen Lederfabrikanten geheirathet. Ein unbestimmtes Ideal schwebte ihrer aufgeregten Phantasie vor, ein kühner, göttlicher Jüngling, zum Theil Adonis, zum Theil Apoll, zum Theil Herkules, Perseus oder anderer Halbgott, ein Dichter, Maler, Künstler anderer Art, Kriegsheld oder dergleichen.

Es war ganz so in der Ordnung, daß ein so romantisches Gemüth, wie das Klärchen’s, eine Vertraute hatte, und daß diese bei den obwaltenden Umständen Niemand anderes sein konnte, als [406] Hannchen, ihre Zofe. Bei ihr machte sich denn die kleine Schwärmerin weidlich über den Tabacksfabrikanten lustig und wurde von dem dienstbaren Geiste in allen ausgesprochenen Ansichten und Meinungen gehörig bestärkt.

Der Tag verging, wie alle Tage vergehen; es vergingen auch Wochen, und vom Tabacksfabrikanten war im Hause nie mehr die Rede. Der Vormund besorgte seine Geschäfte, die Haushälterin das Haus, Klärchen die neuesten Romane, Hannchen die Stadtneuigkeiten; Alles wie sonst auch. So hoch die Romantik in den Büchern aufgeschichtet lag, in der Wirklichkeit dieses Lebens war auch nicht der leiseste Hauch davon zu verspüren. Da ging es vielmehr sehr nüchtern und sehr prosaisch zu, und das ärgerte und langweilte die kleine hübsche Romanleserin.

Dieses abscheuliche Einerlei wurde durch einen Ball der Resource-Gesellschaft unterbrochen. Klärchen fuhr in einem Stadtwagen dahin, reizend, duftend, graciös wie eine Sylphe. Noch hatte sie nicht alle Freundinnen begrüßt, als ihr ein junger, sehr schöner Mann auffiel, den sie noch nie gesehen halte. Er war hoch und stark, hatte eine breite Brust, einen kühnen, herrlichen Kopf, große, feurige Augen, eine majestätische Adlernase, einen prächtigen Bart und eine Haltung, keck und stolz wie ein König.

Seine Kleidung war sehr nobel, aber etwas phantastisch. Er wandelte in dem hell erleuchteten großen Saale auf und ab, als sei er allein hier Herr und Gebieter und alle Anderen seine Untergebenen oder wenigstens in Rang und Ansehen ihm weit Nachstehenden.

Klärchen fragte die nächste Freundin: wer dieser Herr sei, und erhielt zur Antwort: man habe sie eben um ihn befragen wollen. Keine von den jungen Damen wußte wer er war, und die bekannten und befreundeten jungen Herren und respectabeln Tänzer wurden herbeigezogen, um Auskunft zu geben. Keiner konnte etwas Genaues und Bestimmtes angeben, und das ganze Resultat der sorgfältigsten Nachforschung war, daß der Fremde seit einigen Tagen im Rheinischen Hof (das erste Hotel der Stadt) die vornehmsten Zimmer bewohne, viel Geld verzehre und ein strenges Incognito beobachte, daß er aber dem Ansehen und den Manieren nach ein Mann von Distinction sein müsse; man vermuthete sogar, daß er ein Prinz sei. Es konnte natürlich nicht anders kommen, als daß der schöne Fremde der Gegenstand der Neugierde und der lebhaftesten Unterhaltung des gesammten schönen Geschlechts im Ballsaale wurde und den ganzen Abend über verblieb. Um so schmeichelhafter war es für Klärchen, daß der interessante junge Mann sie zuerst zum Tanz engagirte und die Bitte so oft wiederholte, daß sein besonderes Interesse an ihrer Person ihr und Andern klar wurde. Sie bezeigte sich für diese Auszeichnung sehr dankbar, indem sie sich der Unterhaltung mit dem schönen Tänzer sehr lebhaft und fast feurig hingab. Aber die Gegenstände der Unterhaltung waren auch ganz dazu angethan, sie zu begeistern und zu entzücken. Eh’ sie sich’s nämlich recht versah, war sie mit ihm auf ihr Lieblingsthema, die moderne Novellistik, gekommen, und der geheimnißvolle Fremde sprach über Eugen Sue, Alexander Dumas, Charles Dickens und andere Heroen des heutigen poetischen Schriftthums mit einem so richtigen Urtheil und so genauer Kenntniß; er lobte ihren Geschmack in der Wahl ihrer Lectüre mit so zarten, sinnigen Worten, und seine Ansichten über die einzelnen Werke und Charaktere trafen so überraschend mit den ihrigen überein, daß Klärchen schon nach dem dritten Tanze ihr unbewachtes Herzchen ganz und gar an den unvergleichlichen Fremden verloren hatte, und ihre Nachbarinnen aus dem Enthusiasmus, womit sie von ihm sprach und seine Vorzüge schilderte, auf ihren Zustand den rechten Schluß machen mußten. Klärchen’s Rausch stieg; nach jedem Tanze mit dem theuern Fremden glühte sie höher, und als er sie an den Wagen begleitete und ihre Hand küssend ihr süße Ruhe wünschte und die Hoffnung aussprach, sie recht bald wieder begrüßen zu dürfen, war ihre Seele eigentlich schon sein Eigenthum, und sie kam in einer Aufregung nach Hause, welche nicht nur ihr, sondern auch dem guten Hannchen den Schlaf der ganzen Nacht raubte; denn die Zofe mußte in einem Feuerstrom von Beredtsamkeit, wie er noch niemals von der kleinen Herrin ausgegangen war, Alles erfahren: wie der herrliche Jüngling ausgesehen, was er für eine Nase, für Augen, Mund, Haare gehabt, wie stolz er sich gehalten, was er angehabt, wie gewählt und was er Alles gesprochen, wie viel er mit ihr und nur ihr getanzt, und alle die tausend Kleinigkeiten, die nur ein sterblich verliebtes Mädchen wahrnehmen und wiedergeben kann. Sie wiederholte sich wie oft und war ihrer Meinung nach noch nicht fertig, als der Morgen und mit ihm der Herr Vormund aus dem Bette kam und die lebhafte Relation für eine kurze Zeit unterbrach.

Hannchen wurde nun auf Kundschaft ausgeschickt und versicherte der Oberkellner im Rheinischen Hof sei ein alter Bekannter, das Stubenmädchen eine intime Freundin von ihr. Was sie nach einigen Stunden heimbrachte, überstieg alle Erwartung Klärchen’s. Der Fremde war in allem was er sprach und that, durchaus ein Halbgott; er las den ganzen Tag Romane und hatte bereits große Zufuhr aus den ersten Leihbibliotheken der Stadt erhalten. Und unvergleichlich nobel war er und freigebig wie ein Prinz. Wo Andere mit dem Groschen knausern, gab er den Thaler. Der ganze Rheinische Hof betete ihn an. Hannchen hatte auch schon die Bekanntschaft seines Jägers gemacht, eines „charmanten Menschen,“ und von ihm erfahren, daß der Herr seit er vom Ball heimgekehrt nur von einer Göttin rede, die er kennen gelernt und mit der er nur getanzt habe. Sie sehen und sie lieben sei Eins gewesen. Wer aber der „Herr Müller“ eigentlich sei (denn so einfach ließ sich der interessante Fremde nennen), das hatte Hannchen doch nicht erfahren können. Sie gab aber die Hoffnung durchaus nicht auf. Und wirklich wurde sie nicht von dieser Hoffnung betrogen. Am dritten Abend trat die geschäftige Iris mit leuchtenden Augen zu der in süßer Erwartung harrenden Klara und flüsterte: „Ach, Fräulein! Was hab’ ich erfahren! O du meine Güte! Der Schreck ist mir in alle Glieder gefahren. Adolf, der Jäger, hat es mir endlich unterm Siegel der größten Verschwiegenheit gestanden. Ich hab’s ihm schwören müssen bei unserer Liebe, keiner Seele ein Wörtchen davon zu verrathen.“

„Um Gottes Willen? Was denn? Was ist’s? Bring’ mich nicht um’s Leben, grausames Mädchen!“

„Ich weiß jetzt wer dieser Herr Müller ist, den Sie so sehr lieben, und der Sie wieder zum Sterben liebt. Adolf konnte meinen Bitten nicht länger widerstehen. Er hat mir das Geheimniß verrathen. O mich schaudert’s!“

„So sag’s doch nur! Du siehst ja, daß ich sterbe. Was ist er? Was ist er?“

„Ein Seeräuber!“

„Ein Seeräuber!“ jauchzte Klärchen und schnellte empor wie von der Hand eines Gottes berührt. „Ein Seeräuber!“ jubelte sie und umarmte Hannchen. „Das ist ja göttlich! Weit, weit über meiner Erwartung. Ich hielt ihn für einen Prinzen. Aber was ist ein Prinz gegen einen Seeräuber! Es giebt nichts Herrlicheres auf der Welt, als einen Seeräuber. Die ganze Männerwelt muß vor ihm erblassen. O Schicksal, du bist groß und gerecht! Ich erkenne, daß ich dein Liebling bin. Mein Vormund bestimmte mir einen Tabacksfabrikanten und ich habe einen Seeräuber erobert!“

„Aber ein Seeräuber wird ja gehangen oder geköpft. Er ist doch ein großer Uebelthäter.“

„O wie dumm Du bist! Ein Seeräuber ist ein großer Held, der kühnste aller Sterblichen und seine Thaten, sein Leben sind Alles eitel Poesie.“

„Ach! ünd seine eigentliche Kleidung soll ganz erschrecklich aussehen. Eine rothe Binde um den Leib und Pistolen und Dolch darin. Auch einen langen Säbel trägt er und eine kurze Flinte und eine Feder auf dem Hut.“

„Himmlisch! Wie muß er erst so ausstaffirt sich ausnehmen der unvergleichliche Mann!“

„Ueber all’ dem Graus hab’ ich ganz vergessen, Ihnen zu sagen, daß er Sie um eine geheime Zusammenkunft bitten läßt. Ach Gott! wenn er Ihnen nur kein Leid anthut, Fräulein! Solch ein entsetzlicher Mensch!“

„Schweig doch, Thörin! Hast Du selbst mit ihm gesprochen?“

„Freilich! Und er hat mir einen blanken Louisd’or geschenkt. Aber das ist ja Blutgeld, gestohlenes Geld!“

„Zeig’ her! Ich wechsle Dir das Goldstück aus; ich trag’ es auf meiner Brust als einen heiligen Talisman der Liebe.“

„Er hat mir diesen Brief an Sie gegeben.“

„Und den giebst Du mir jetzt erst, Abscheuliche!“ Sie riß das Siegel auf und las:
„Angebetete Göttin!

„Nur eine Stunde schenken Sie mir unter vier Augen. Ich könnte sie mit meinem Leben erkaufen. Nie liebte ein Herz [407] stürmischer und zärtlicher zugleich. Nur eine Stunde! Dann will ich sterben.“

„Nein, leben sollst Du und glücklich sein und mich beglücken, göttlicher Seeräuber! – Der Vormund geht diesen Abend in die Resource. Du kannst den geliebten Mann sehr leicht in’s Haus bringen. Aber eine Bedingung muß ich ihm stellen.“

„Welche?“

„Er muß sich mir in seiner wahren Gestalt zeigen. Wie Semele ihren geliebten Zeus muß ich ihn in seiner vollen Majestät sehen, und sollte ich das Leben darüber lassen, wie sie. Er muß kommen im vollen Waffenschmuck. Und ich – o herrlicher Einfall! Und ich – ja das will ich! Das hat mir ein Gott eingegeben!“

„Was denn, Fräulein?“

„Ich will seiner würdig entgegentreten als – Seeräuberin.“

„Herr Jesus Christus! Sind Sie denn bei Verstand, Fräulein?“

„Gieb mir den Mantel um! Ich will ausgehen und mir Pistolen, Dolch und Säbel kaufen. Eine rothe Schärpe hab’ ich noch von der Maskerade.“

Sie eilte fort und die Dienstbare rieb sich vergnügt die Hände.

Abends empfing Klärchen den Mann ihres Herzens im vollständigen Habit der Barbaresken, und er trat zu ihr ein im idealen Kostüm den berühmten Chaireddin Barbarossa, des berühmtesten Seeräubers, der je die Gewässer zwischen Afrika und Europa unsicher gemacht.

Es ist unnöthig zu berichten, was die beiden jungen, in einander verliebten Leute zusammen sprachen; es genügt zu versichern, daß es durchaus nichts Ungewöhnliches und von der Unterhaltung in solchen Fällen Verschiedenes, mit einem Worte, nichts Korsarisches war. Sie tauschten die köstlichsten Liebesschwüre, bewunderten die außerordentlichen Wege und Veranstaltungen der Vorsehung, die gerade sie, die sie ja offenbar beide allein und ganz ausschließlich für einander geschaffen seien, zusammengeführt habe und verabredeten zu Klärchen’s unaussprechlichem Entzücken eine Flucht mit einander. Tag und Stunde dieser Flucht wurden festgesetzt; in Bremen wollten sie sich einschiffen, aber erst ihren Herzensbund kirchlich einsegnen lassen. Der junge Held berichtete: in Bremen sei ein Korsarenhaus, das stehe ihm ganz zur Verfügung. Dort wollten sie ihre heimliche Hochzeit halten.

Und dann hinaus auf das ewige Meer zu Deinen Flibustiern!“ ruf Klärchen in Extase, und er verschloß ihr den Mund mit einem Räuberkusse. Der Abend war ungemein romantisch, und Klärchen vollkommen davon befriedigt.

Die Vorbereitungen zur Flucht wurden getroffen und durch nichts gestört. Der Abend kam und die Nacht. Klärchen war voll Angst und Bangen, daß ihr kühnes Vorhaben entdeckt werden möchte. Aber kein Hinderniß trat ihr entgegen. Sie verließ das Haus ihres Vormunds und stieg in den ihrer harrenden Wagen des schönen Seeräubers, und der Glückliche entführte sie nach Bremen. Sie kamen da Abends an und nahmen ihre Wohnung in dem geheimen Korsarenhause. Nach einigen Stunden erschien ein Pastor im Amtsornat und copulirte sie in aller Form. Dann speisten sie ungemein fröhlich zusammen und Klärchen erging sich in bunten phantastischen Plänen für die nächste Zukunft. Dem schönen Abend folgte eine noch schönere Nacht. Die Korsaren hatten trefflich für ihren Capitain gesorgt.

Als die junge Frau am folgenden Morgen aus dem bräutlichen Gemach in reizender Morgentoilette trat, war sie nicht wenig erstaunt, ihren Herrn Vormund und ihre Zofe Hannchen vor sich zu sehen, die ihr beide lächelnd schönstens gratulirten. Auch der furchtbare Seeräuber trat hinzu fein bürgerlich bremisch angethan, drückte sie an sein Herz und sagte zu der ganz verdutzt drein Blickenden: „Merkst Du denn nicht, liebes Weibchen, daß unser Raubschiff bereits in den Hafen der Ruhe eingelaufen ist und zwar mit Genehmigung und schriftlichem Consens Deines lieben Vormunds, meines Herrn Vettern?“

„Was?“ rief Klara, aus ihrem romantischen Himmel fallend, „Du bist –“

„Fritz Kaupert, der Besitzer dieser guten Tabacksfabrik, in welche Du gestern als Herrin eingezogen bist. Du hast Dich nun überzeugt, holdes Klärchen, daß Tabacksfabrikanten auch erträgliche Leute sind, und daß man in Tabacksfabriken nicht an bösen Gerüchen stirbt. Du wirst eine glückliche Frau sein und mich zu einem glücklichen Manne machen, wenn Du das Glück in Deiner und in meiner Seele und nicht in romantischen Aeußerlichkeiten suchst. Du hast gesehen, wie leicht man auf dem letztern Wege getäuscht werden kann.“

Beschämt verbarg die schöne junge Frau ihr hocherröthendes Köpfchen an der Brust ihres geliebten Mannes, und der vergnügte Vormund segnete das glückliche Paar.




Ein böses Wort findet schnell einen bösen Ort.
Ein einfache Geschichte.

Wer kennt nicht die rührende Geschichte von dem jungen Bergmanne in Falun in Schweden, der eines Tages verschüttet wurde und den man dann nach langen Jahren unverändert und wie schlafend wiedergefunden? Unter der neugierig herbeigeströmten Menge wußte fast Niemand mehr von dem Vorgange; die Braut allein hatte den Bräutigam erkannt, um an der Schwelle des Grabes mit ihm, dem wie lebend und in Jugendblüthe Erscheinenden wieder vereinigt zu werden. Wird ja das treue Herz nie alt, wenn es einst recht jung und treu gewesen!

Ich will Euch eine ähnliche Geschichte erzählen, die ich selbst erlebt habe und deren Ausgang weniger wehmüthig ist. Sie mag zugleich lehren, wie des Menschen Herz eine gar köstliche Blüthe ist, die wohl behütet sein will, auf daß nicht die Frucht vor der Zeit abfalle, und was Freude und Glück verheißen, nicht sich in Reue und vergebliche Klage wandle.

Ich denke heute noch mit jenem innigen, halb freudigen, halb wehmüthigen Gefühle, wie es Jugenderinnerungen bis in’s späteste Alter zu begleiten pflegt, eines freundlich unter Bäumen gelegenen Dorfes in der Nähe meines Heimathsortes. Als Kinder durften wir da wohl zur Zeit der Blüthe oder wenn die rothen Kirschen, spater Birnen und Aepfel, mit glänzenden Wangen von den Bäumen lächelten, hinaus, oder an schönen Abenden im Geleite der Aeltern uns an würziger Milch und mitgebrachter Semmel gütlich thun. Man konnte nicht oft im Dorfe eingekehrt sein, ohne einer weiblichen Gestalt zu begegnen, die, obwohl sie nach Tracht und Aussehen unzweifelhaft zu den eingebornen Dorfbewohnern gehörte, unter ihnen doch einer besondern Auszeichnung zu genießen schien, denn von Jung und Alt ward sie all überall, wo sie erschien, freundlich begrüßt, und man sah wohl, daß sie nicht zu jenen in der Neige des Lebens Stehenden zähle, die, wenn ihr Tag zu Ende geht und sie nicht mehr handlich schaffend in die Arbeit eingreifen können, von den steter Beschäftigung gewohnten und dazu genöthigten Landleuten gar zu gerne mehr nur als Last betrachtet werden.

Wo sie aber auch einkehrte, kam nicht die klagende Schwäche des Alters, sondern dessen Erfahrung, verständige Rede und guter Rath, wie er überall und zu jeder Zeit gebraucht werden kann. Die „gute Lene“, wie sie bei den Kindern des Dorfes hieß, weil ihre Gürteltasche nicht selten eine bescheidene Süßigkeit barg und entleerte, war den älteren Dörflern wie eine weise Sibylle oder ein köstliches Schatzkästlein voll guter Dinge. Das von der landesüblichen Haube nicht ganz bedeckte, greisig ergraute Haar zeugte von der langen Reihe von Sommern und Wintern, die über dieses Haupt dahingegangen, und man wäre wohl versucht gewesen, sie in ihrer bescheidenen, aber immer ausnehmend reinlichen Kleidung ein schönes, altes Mütterchen zu nennen, hätte nicht der besondere Schnitt der Haube gelehrt, daß die „gute Lene“ ein langes Leben hindurch einsam und allein ihren Weg gegangen.

Was war es denn aber nun, was der Erscheinung gerade dieser alten Jungfrau eine besondere Bedeutung gab, die, wie man [408] weiß, ehelos alt gewordenen Personen des anderen Geschlechtes sonst nicht eben zu Theil zu werden pflegt? Der Grund für jenen Umstand lag einmal in dem Treiben der „guten Lene“, und dann in ihrer Lebensgeschichte. Beide aber hingen innig zusammen, wie ich Euch sogleich erzählen werde.

So lange man nämlich im Dorfe zurückdenken konnte, war Lene stets als Bote und Engel des Friedens erschienen. In jüngeren Jahren schon, wo ihre Wangen noch rosig glühten, die Augen feurig glänzten und Lenchen noch immer ohne Widerrede für das schönste Mädchen des Dorfes gelten mochte, hatte sie, wo nur ein Zwist zwischen zwei Herzen ausgebrochen, mit ungewöhnlichem Ernste immer zum Guten zu reden gewußt, und so manchen Bruch verhütet, manches Unglück im Keime erstickt. Später, als das volle schwarze Haar zu bleichen begonnen und reifere Jahre ihr auch bei älteren Leuten ein eindringlich ernstes Wort gestatteten, hatte sie dieses freundliche Geschäft des Friedensstiftens gar oft auch in lange wohlbegründeten Haushaltungen geltend zu machen verstanden, ihre kluge, vermittelnde Rede manchen Unfrieden gebannt und in Segen verkehrt, was in böse Wege einzulenken drohte. Schmollen und Zank zwischen Denen, die in treuer Anhänglichkeit die Freuden und Leiden des Daseins mit einander zu genießen und zu ertragen bestimmt, war ihr vor Allem in den Tod zuwider; und wo sie solches traf, da mahnte sie kopfschüttelnd gar dringend mit den Worten: „Ein böses Wort findet oft schnell einen bösen Ort“, und selten, daß diese ihre Warnung nicht auf empfänglichen Boden fiel.

Im Dorfe kennt man sich gegenseitig genau genug, so daß Jeder im Allgemeinen des Andern Lebensschicksale weiß – wenn irgendwo sind auf dem Dorfe die Häuser von Glas und der Kreis ist zu enge, als daß in ihm irgend ein wichtiges Ereigniß sich nicht mit der täglichen Umgebung lange Zeit fortpflanze. So kannte man denn auch der „guten Lene“ Geschichte. Gerne erzählte sie selbst diese nicht; nur zuweilen unter gar Befreundeten, oder wenn sie glaubte, daß ihr eignes Geschick warnend ein fremdes Unglück abwenden könne, ließ sie sich darauf ein; es war diese aber für sie sicher immer noch ein Augenblick der Buße und der reuigen Erinnerung, und man mochte dabei dann wohl wieder einen Strahl wehmüthigen Gedächtnisses in ihren stillen Augen aufblitzen und ein mattes Lächeln über die gefalteten Wangen zittern sehen.

Ich will es versuchen, mit Lenen’s Worten die einfache Geschichte wiederzugeben.

„Ich war nicht immer so gut, wie mich die Kinder nennen, auch nicht so klug, wie Eure Aeltern mir schmeicheln“ – pflegte Lene zu beginnen – „aber auch so alt und gebückt, wie Ihr mich hier seht, bin ich nicht stets gewesen. Es gab eine Zeit, da wollten die jungen Burschen im Dorfe, die jetzt Eure Väter und Großväter sind, des Hofbauern Lenchen Euren Müttern und Großmüttern allenthalben beim Tanze oder sonstigen Festlickkeiten vorziehen. Bös war ich gerade nicht, das weiß der allwissende Gott, aber doch hatten süße Reden mein unerfahrenes Herz berückt, daß ich Böses beging an einer treuen Seele. Freilich wußte ich das damals, nicht so zu beachten, wie ich es heute weiß. Ihr kennt draußen am Anger den stattlichen Hof, meinem Vater gehörte er und es stand weit und breit kein besserer. Mag sein, daß auch dies meinen Sinn hochmüthiger stimmte, als recht ist – denn so eine schöne Sache wohl zusammengehaltenes Gut von den Vätern ist, Treue und bescheidener Sinn sind doch noch edlere Gaben des Himmels – genug, ich habe eine flüchtige Eitelkeit schwer büßen sollen. In dem Dorfe war damals – fragt Eure Väter – keine fleißigere Hand, kein schlankerer Wuchs, kein aufmerksameres Kind, als der alten Clausen-Marie einziger Sohn Georg. Groß war freilich das Häuschen nicht, das sie bewohnte, und keine weite Flur von Aeckern und Wiesen umschloß es, aber so wie es war, nährte es gerade einen sorgsamen Arbeiter und Muster für alle Bauern in sorgfältiger Bearbeitung und schönem Ansehen waren die wenigen Morgen unter Georg’s Händen geworden. Ich und Georg waren Schulgenossen; als Kinder hatten wir mit einander gespielt, und daß ich ihn auch später noch so recht von Herzen lieb gehabt, ach, das habe ich erst so gemerkt, als es zu spät gewesen! Auch mein Vater mochte den fleißigen Burschen gut leiden und so munkelte man wohl im Dorfe davon, daß es bald ein tüchtiges, hübsches Paar mehr geben werde, was Keinem zu Schaden gereichen würde, am wenigsten dem Hofbauern. Nur ich mochte nicht gerne davon hören, und rümpfte die Nase dazu, als könnte ich wohl andere Freier bekommen, als der armen Clausen-Marie Sohn. Und kamen andere – denn daran fehlte es nicht – so mochte ich doch keinen, und war gegen sie noch stolzer. Der arme Georg aber konnte gar nicht klug aus mir werden, denn war ich heute freundlich gegen ihn, so schmollte ich andern Tages schnippisch, und doch wieder war mir nicht wohl, wenn er sich dies zu Gemüthe gezogen und den Vater einen Tag nicht besucht hatte. Dies konnte nicht in alle Ewigkeit so fortdauern, denn die Mutter wünschte sich eine tüchtige Schwiegertochter in’s Hauswesen, und mein Vater wollte sich auch keine alte Jungfer erzogen haben.

Da faßte sich denn Georg eines Tages ein Herz und drang in mich, ihm endlich reinen Wein einzuschenken, wie ich es meine mit ihm, auf daß er nicht länger der Mutter zu heimlichem Grame, den Andern aber zum Spotte diene. Hatte der Himmel mich an jenem Tage verlassen, oder wie es gekommen, – ich verschloß mein Herz und gab dem armen Burschen keine Antwort, und als er immer dringender wurde, und endlich gar in die Drohung ausbrach: er könne es nicht länger aushalten, und werde trotz der Mutter auf und davon gehen über’s weite Meer – da wandte ich mich zum ersten Male gegen ihn, und es mußte etwas recht Höllisches in der Miene gelegen haben, mit der ich ihm die Worte erwiederte: „Ei, so geh’ – in Gottes Namen“, denn ich habe Georg seitdem nicht mehr gesehen.“

Nach einer kurzen Pause fuhr Lene weiter fort: „Des andern Tages kam auch in unser Haus die Kunde, der Clausen-Marie Sohn sei fortgegangen, wie es heiße, weit über’s Meer auf Nimmerwiedersehen. Und die alte Marie selbst kam auf den Hof gelaufen, die mageren Hände ringend und die Augen roth von Thränen und verlangte den Sohn von mir, da ich ihn fortgetrieben hätte in’s Elend, in die kalte Ferne, so daß sie ihn nie mehr wiedersehen würde. Da brach es wie ein Donnerschlag über mich herein, aber zugleich auch wie ein Blitzstrahl, der mein sündhaftes Herz erleuchtete und es zur Erkenntniß führen sollte, daß Georg allein es erfüllt und daß ich in frevelhaftem Leichtsinn zwei Herzen zumal gebrochen. Ich war die Elendeste von Allen, weil die Schuldige. Gott aber verließ mich doch nicht. Mutter Marie’n hatte ein zurückgelassener Zettel Georg’s dem Vater empfohlen; ich suchte in treuer Pflege meine Schuld zu sühnen. Als sie die Augen zudrückte, hatte sie mir längst verziehen, da ich ihr Tochter zu sein versucht für den verlorenen Sohn. Mutter Marie schied, der Vater schied, ehe noch die Noth der Zeit über uns hereingebrochen. Denn es waren damals schwere Tage gekommen, Krieg und Einquartierung, schlechtes Wachsthum und Theuerung. Ich schaffte, so viel ich konnte und so lange es ging; manche kräftige Hand hätte sich gern mir für immer gereicht, und für das irdische Gut hätte dies gut sein mögen. Ich aber hatte mit der Freude des Lebens und der Liebe für immer abgerechnet. – Die weibliche Kraft war zu schwach für die schwere Zeit, und so folgte ich denn dem Rathe Wohlmeinender, ehe es zu spät geworden, verkaufte den Hof und sicherte mir für den Rest meines Lebens das kleine Haus, das ich bewohne, und mein bescheidenes Auskommen. Dies ist lange, lange her; – von Georg hat man nie wieder etwas gehört, und jetzt denkt seiner wohl auch Niemand mehr, als – ein einziges Herz.“

So die „gute Lene.“ Man wird nun auch verstehen, was sie meinte mit ihren warnenden Worten: „Ein böses Wort, findet schnell einen bösen Ort.“ Und so hätte ich Dir nun, lieber Leser, nichts erzählt, als was ähnlich vielleicht schon hundertmal begegnet, wäre damit unsere Geschichte schon zu Ende. Gerade daß sie es nicht ist, hat auch das vorstehende Bild einer frühen Jugend lebendig erhalten, daß ich es Dir in schlichter Weise mittheilen gekonnt. So höre denn, was weiter geschehen. Einst von der hohen Schule in die Ferien nach Hause gekommen, war die erste Neuigkeit, die man mir erzählte, der „guten Lene“ seit einem halben Jahrhundert verschollener Georg sei unerwartet zu Aller Ueberraschung zurückgekehrt.

Eines schönen Sommerabendes nämlich fuhr ein leichtes Wägelchen in’s Dorf hinein, gelenkt von einem alten, aber sichtlich noch rüstigen Manne mit schneeigem Haupthaar und Barte, kräftigen, sonnverbrannten Zügen in der Tracht der Gegend, aber offenbar fremden Schnittes. Die wenigen Dorfbewohner, die dem Gespanne begegneten, schauten es mit der gewöhnlichen Neugierde für ungewöhnliche Erscheinungen an, ohne daß der Inhaber des [409] Wägelchens und die Begegnenden sich erkannt hätten. Da schritt, wo der Weg um eine Ecke biegt und sich dem prunklosen Kirchlein des Dorfes und dem sauberen Pfarrhause nähert, die „gute Lene“ daher. Das Auge der Liebe ist scharf und wird nicht getäuscht von dem Schnee des Hauptes und den Furchen der Wangen. „Georg!“ rief es in freudigem Schrecken, „Lenchen!“ tönte es zurück – mit jugendlicher Kraft ward vom Wagen gesprungen und im letzten purpurglühenden Scheine der Sonne, unter dem friedlichen Geläute der Abendglocke, die eben zum Gebete mahnte, lagen sich die zwei Alten jungen Herzens in den Armen, Thränen der Wehmuth und des freudigen Wiedersehens vergießend. Der wackere Pfarrherr brachte die Beiden in’s Haus, wo Georg denn seine Begegnisse erzählen mußte. Mit Mühe und Noth hatte sich der arme Bursche, durch Lenchen’s Grausamkeit in Verzweiflung fortgetrieben, nach der neuen Welt gefunden. Doch die unverwüstliche Kraft der Jugend und seine starken, fleißigen Arme ließen ihn nicht zu Grunde gehen. Mehrmals hatte er in die Heimath an die Mutter geschrieben; in der Unruhe der Zeit waren wohl die Briefe verloren gegangen, und so mußte er endlich glauben, daß Niemand mehr zu Hause sei, der auch nur an ihn denke oder ihn wolle. Unter den Mühen und Anstrengungen seines neuen Lebens trat die Heimath zurück und ward nur zur wehmüthigen Erinnerung. Der Fleiß seiner Hände ward gesegnet im neuen Vaterlande, das Herz aber blieb allein stehen. So vergingen Jahre um Jahre und es kamen die Tage des Alters. Da litt es Georg nicht mehr drüben; in der alten Heimath wollte er wenigstens die letzte Ruhe finden, im Tode mit der Mutter und – vielleicht noch Einer vereint sein. Einem wackern Pflegesohn übergab er Haus und Güter, die er drüben erworben, nahm so viel als für den Rest seiner Tage bescheidenes Auskommen erforderte und schiffte über den Ocean zurück.

Ich habe nur wenig mehr hinzuzufügen. Das Häuschen, welches Georg’s Mutter bis zu ihrem Tode bewohnt hatte, stand eben wieder zum Verkaufe an. Georg brachte es an sich; das dazu gehörige Gärtcheu und Lenen’s kleine Besitzung gränzten aneinander. Lene setzte ihre bisherige segensvolle Beschäftigung fort; die Verzeihung des Himmels, die sie noch am Schlusse ihrer Tage in Georg’s Wiedersehen erkannte, bestärkte sie nur in ihrem Eifer. Georg machte die reiche Erfahrung seines langen Lebens nutzbar für seine Nachbarn und Dorfgenossen, mochten sie nun seinen Erzählungen von dem jenseitigen Schaffen und Wirken lauschen oder seinem verständigen Rathe folgen. Sie sind nun beide längst von der Erde geschieden; der Himmel nahm sie sanft und stille zu sich, fast gleichzeitig, ohne neuen Trennungsschmerz. Wen sein Weg je auf den kleinen Friedhof des Dörfchens führen sollte, findet zwei einfache Gräber neben einander mit schwarzem Kreuze und der gemeinschaftlichen Inschrift: „Im Herzen nie getrennt, im Tode vereint!“ Es sind die Gräber Georg’s und der guten Lene.“
L. 




Die Kosciuszko-Säule am Hudson.
Die Gartenlaube (1854) b 409.jpg

Die Kosciuszko-Säule am Hudson.

Wenn irgend ein Volk der Neuzeit durch aufopfernde Begeisterung und kühnen Heldensinn die Bewunderung der Welt errungen hat, so ist es Polen, das die Helden legionenweise zählte, und das, obschon immer und immer wieder besiegt, selbst seinen Feinden Achtung abzwang. Ob eine Nation, wie die polnische, aus der Reihe der übrigen gestrichen werden kann … wer wagt es zu behaupten? Ja wer steht dafür, daß sie auch nur den tiefen Schlaf schläft, wie viele sagen. Doch wäre dem auch so, lag Polens letzte Stunde wirklich schon hinter uns, so ging es wenigstens in lichtem Ruhmesglanze unter, aus welchem hervor der gefeierten Namen eine Menge leuchten!

Den ersten Platz unter ihnen macht Niemand dem Helden Kosciuszko streitig, dem Größten und Edelsten aller Polen, der nicht nur für die Freiheit seines unglücklichen Vaterlandes kämpfte, sondern sein Blut auch für das zu einem glücklichen Loose erwachende junge Amerika verspritzte, das seitdem zu einem Riesen herangewachsen ist. Als die nordamerikanischen Völker den heißen Unabhängigkeitskampf gegen das Mutterland schlugen, war Kosciuszko (1777) unter denen, die wie Lafayette, voller Begeisterung über’s Meer zogen, um unter dem gefeierten Washington für die Rechte der Menschheit zu kämpfen. Ein muthiger Krieger in allen Schlachten, wurde er vor New-York und bei Yorktown verwundet, stieg mit der Zeit bis zum Generalmajor, erhielt, außer Lafayette der einzige Europäer, den Cincinnatusorden, und kehrte, ein inniger [410] Freund Washington’s und Lafayette’s geworden, im Jahre 1786 nach seinem Vaterlande zurück. Als er im Jahr 1797 zum zweiten Male nach Amerika kam, bereitete ihm das Volk einen Empfang, wie noch keinem Europäer bereitet worden; es galt in ihm den Befreier Amerika’s mit zu ehren, und dem gefallenen Polenland zugleich die letzte Ehre zu erweisen, denn in der Zwischenzeit hatte Kosciuszko zweimal für sein geliebtes Polen zum Schwert gegriffen, und das verhängnißvolle Wort „Finis Poloniae!“ war in der Schlacht bei Macinjowice über seine Lippen gekommen. Er hat von da an nie wieder ein Schwert getragen, weil er es für das Vaterland nicht konnte.

Kosciuszko starb 1817 in Solothurn auf freier schweizer Erde; das folgende Jahr ließ aber der russische Kaiser Alexander die Leiche von Solothurn abholen und im Dome zu Krakau in die polnische Königsgruft beisetzen. Gewiß mußte der Mann ein makelloser Held sein, den einerseits der Selbstherrscher aller Reußen solche Ehre erwies, und dem andererseits die nordamerikanischen Republikaner an den Ufern des Hudson eine Denksäule errichteten. !

Das einfache Monument, wie unser Bild es zeigt, steht auf einem an dem majestätischen Strome vorspringenden Felshügel; durch Gebüsch und Wiesen hin, und an einigen Trauereschen und Weiden vorüber, windet sich der schmale Pfad nach dem Denkmale zu, auf dem man die Worte liest: „Kosciuszko, dem Helden zweier Welten.

Sein Name macht immer noch jedes polnische Herz beben, und oft sieht man hier am Hudson in stillem Gebet Polen, die, wie so viele ihrer Nation, ein unerbittliches Geschick aus der theuern Heimath trieb.




Jacob Moleschott.
Motto: 
„Ist die Welt erst tugendhaft, dann wird sie von selbst frei.“
Georg Forster. 
„Forster’s Ansicht ist seine Unsterblichkeit. Er trägt die Fackel, die
dem Jahrhundert leuchtet.“
Jacob Moleschott über Georg Forster. 




Vor drei Wochen ging durch alle Journale Deutschlands die eben so befremdliche als schmerzliche Nachricht: der bekannte Naturforscher Moleschott, Privatdocent an der Universität zu Heidelberg, habe diese seine Stelle niedergelegt, weil das Ministerium durch den engeren Senat der Universität ihm eine, die Sittlichkeit bedrohende Frivolität in seinen Schriften und Lehren vorgeworfen habe, ohne jedoch diese außerordentliche Beschuldigung irgendwie zu motiviren. Man bezweifelte anfangs diese Nachricht, man wollte nicht glauben, daß es dem Ministerium möglich geworden sei, aus den in allen Staaten Deutschlands zugelassenen, schon längst bekannten und vielfach besprochenen Schriften des berühmten Forschers noch nachträglich Frivolität und Unsittlichkeit aufgefunden, daß es ihm möglich geworden sei, dergleichen verderbliche Elemente auf einmal in den Verträgen des Mannes gefunden zu haben, der bereits sieben Jahre in Heidelberg lebte und lehrte, bis dahin ohne die geringste Anfechtung geblieben war, und sich allgemeine Liebe und Achtung als Bürger und Lehrer gewonnen hatte. Man wollte nicht glauben, daß das Ministerium so vernichtende Anschuldigungen machen würde, ohne wenigstens sich zu bemühen, die Beweise dafür darzulegen. Man wollte nicht glauben, daß ein Kreis von Männern der Wissenschaft, unter denen ein Mittermayer glänzte, sich zur Uebersendnng jener Anschuldigungen hergeben und so das Recht der freien Wissenschaft gefährden lassen würde. Und dennoch bewährte sich jene Nachricht, befremdend und schmerzlich für alle Vertreter der freien Wissenschaft, für alle Anhänger der neuen Naturlehre, für alle Kenner der Werke, für alle Zuhörer der Lehren, kurz für alle Verehrer und Freunde Moleschott’s. Wir geben hier die Thatsachen dieses weitausgreifenden Ereignisses im Gebiete der Lehrfreiheit.

Am 25. Juli wurde Moleschott, in seinem Laboratorium von Schülern umgeben, mündlich vom Pedell aufgefordert, am nächsten Tage im Senatszimmer zu erscheinen. Dort wurde ihm von Prorektor Arnold eine Anrede zu Theil, in welcher derselbe bedauerte, daß er ihm im Namen des engeren Senats, der dazu vom Ministerium Befehl erhalten, eine Warnung zuertheilen müsse, bei welcher der Senat indeß, der zu weit strengeren Maßregeln berechtigt gewesen wäre, die schonendsten Formen zu suchen sich bemüht hätte. Es wurde dem Vorgeforderten sodann vom Actuar ein Actenstück vorgelesen, von dem er keine Abschrift erhielt, dessen Inhalt aber darauf hinauslief, daß Moleschott’s Wirksamkeit als Universitätslehrer leicht aufgehoben werden könnte, wofern er sich nicht entschließe, in Zukunft in seinen Schriften und mündlichen Lehren die frivolen Einmischungen wegzulassen, die der Sittlichkeit Gefahr drohen.

In Folge dessen schrieb Moleschott unverzüglich und direkt an das Ministerium:

„Die Mittheilung, die mir der Herr Prorektor der hiesigen Universität über die beim Ministerium herrschende Beurtheilung meiner Thätigkeit gemacht hat, veranlaßt mich zu der Erklärung, daß ich gegen die Bezeichnungen meiner Richtung als „frivol“ und „unsittlich“, kommen sie von welcher Stelle sie wollen, ernstlich Verwahrung einlege. Weil ich aber zugleich es für die sittlichste Pflicht des Lehrers halte, daß er seinen Schülern rückhaltslos die Wahrheit mittheile, so fordert von mir die Unabhängigkeit meines Charakters, die ich einer jeden äußern Rücksicht zu bewahren weiß, daß ich einem Lehramt, das man an der Universität zu Heidelberg nicht mehr frei ausüben darf, selbstständig entsage.“

Dem engeren Senat sendete Moleschott eine Abschrift dieses Briefes zu, und zwar mit folgenden Zeilen begleitet:

„Ich erlaube mir Ihnen anliegend die Abschrift eines an das Ministerium des Innern gerichteten Schreibens mitzutheilen, mit welchem ich Abschied nehme von meiner Wirksamkeit an der Anstalt, die ihre Lehrfreiheit hat vernichten lassen. Ich ersuche Sie, der medizinischen Fakultät jene Abschrift und dieses Begleitschreiben zur Kenntnißnahme zu übersenden.“

Das der Sachbestand des Ereignisses. Noch besonders und persönlich schmerzlich für Moleschott und seine Schüler, und wie tiefer Schmerz und erhebende Begeisterung sich nun paarten, möge in folgenden Thatsachen sich ausdrücken:

Als Moleschott wieder in das Auditorium trat, um seine Vorlesung über Anthropologie zu beschließen, schmückte ein Lorbeerkranz sein Katheder. Er sprach nun noch über den Einfluß des Klima’s auf das Menschengeschlecht, in Beziehung auf die Entwickelung der Völker in geschichtlicher Zeit; er wies noch nach, daß immer und überall stoffliche Bedingungen die geistige Entwickelung der Menschheit bedingen und schloß dann mit etwa folgenden Worten:

„Hieraus ergiebt sich die ernste Verpflichtung, daß wir unablässig dafür sorgen, und unser Studium darauf richten, jene stofflichen Bedingungen ergründen und beherrschen zu lernen. Dadurch, meine Herren, werden wir nicht blos für die physische, für die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts sorgen, sondern auch für die Sicherstellung der Sittlichkeit in allen Staatsformen.

„Mögen diese wenigen Worte, die mir aus dem tiefsten Innern kommen, beweisen, daß ich mit Stolz diesen Kranz ergreife. Im Uebrigen erlassen Sie mir jedes Wort des Abschieds, denn ich nehme nicht Abschied von Ihnen, ich werde, wenn gleich örtlich von meiner Wirksamkeit, von einer Hochschule getrennt, nicht aufhören, mit Ihnen und für Sie zu arbeiten.“

Es war ein schöner, tiefer Moment, still und bewegt. – Zwei Tage später hielt Moleschott seine letzte Vorlesung über Physiologie. Nach der Verlesung versammelten sich alle Schüler in seinem Sprechzimmer, und hier nahm Einer, im Namen Aller, in feierlicher, begeisterter Rede Abschied, zwar nicht von dem Manne, dem Lehrer und Freund, aber Abschied von dem Universitätslehrer.

Die eigentliche Verklärung des schmerzlichen Momentes wurde ihm aber erst so recht am folgenden Tage, am 6. August. Morgens zehn Uhr wurde Moleschott im Namen seiner Schüler abgeholt [411] von Einem derselben in sein jetzt verlassenes Auditorium. Hier fand er alle seine Zuhörer feierlich versammelt, die Räume mit Blumen und Kränzen geschmückt, und am Platze, wo sonst sein Katheder sich befand, stand ein Tisch mit einer großen, schönen Luftpumpe und dem berühmten, kostbaren Atlas von Stieler. Diese Geschenke wurden dem Gefeierten mit einer innig wohlthuenden Rede überreicht, in welcher, fern von aller doch so wohl berechtigten Bitterkeit, nur auf das innige Verhältniß gewiesen wurde, das den geliebten, hochverehrten Lehrer mit den dankbaren Schülern verknüpfte. – Der so schwer Verletzte hatte in allen diesen Thatsachen gewiß die schönste Genugthuung erhalten; aber man ging noch weiter: Sieben und zwanzig Zuhörer Moleschott’s, Studirende und Doctoren verschiedener Facultäten richteten nachstehende Adresse an das badische Ministerium, zugleich beschließend, derselben durch Insertion in öffentliche Blätter allgemeine Verbreitung zu geben, um vor der gebildeten Welt die sittliche Ehre des so schwer Beschuldigten auch ihrerseits zu vertreten. Die Adresse lautete also:

„Die unterzeichneten dermaligen Zuhörer des Privatdocenten Dr. Moleschott erlauben sich mit Ueberreichung dieser Zeilen frei und selbstständig gegen die demselben gemachten Vorwürfe, daß sein Wirken an hiesiger Universität ein frivoles und unsittliches sei, feierlichst zu protestiren. Eine Beschuldigung, die den Charakter eines nicht allein in der Wissenschaft, sondern auch im Leben, in engern wie in weitern Kreisen allgemein hochgeachteten Mannes trifft, ja die allen Charakter geradezu negirt, eine so harte Beschuldigung muß sich unsers Erachtens auf Beweise gründen. Wir nun, die wir die Vorlesungen des Dr. Moleschott mit Aufmerksamkeit angehört haben, vermögen nicht die leiseste Spur einer Thatsache zu entdecken, welche die oben angeführte Bezeichnung im Geringsten rechtfertigen könnte. „Unsittlich“ ist nur die bewußte Lüge, welche die Wahrheit verbergen will, aber nicht das lehrende Wort eines Mannes, der nach Wahrheit ringt; „frivol“ ist nur der Hohn des Spötters, aber nicht die lebendige Rede eines Mannes, der seine feste, innige Ueberzeugung ausspricht, der keine Meinung, keinen Glauben verletzt und kränkt, sondern mit milder Schonung Andersdenkender nur für Das, was er als wahr erkannt, einen wissenschaftlichen Kampf kämpft. Einfach und rein, in edle Form gegossen, hat er uns die Resultate seiner Forschungen mitgetheilt, Jedem das eigene Urtheil frei anheimgebend. In streng wissenschaftlichem Geiste verschmähte er es, durch geistreiches Spiel der Gedanken den Zuhörer zu blenden und überredend zu seiner Ansicht zu verlocken. Wir sehen uns deswegen und weil eine Anklage des Dr. Moleschott von Seiten eines Dekanats hiesiger Universität nicht vorliegt, zu der Ueberzeugung hingetrieben, daß Verleumdung und Verdächtigung das rein wissenschaftliche Wirken unsers Lehrers einem hohen Ministerium gegenüber entstellt haben, und wir fühlen uns selbst umsomehr dadurch verletzt, da jene Beschuldigung, wenn sie begründet wäre, uns mittreffen würde, die wir den Vorträgen des Dr. Moleschott mit Interesse und Liebe gefolgt sind, die wir in ihm den Lehrer wie den Menschen in gleich hohem Grade verehren und lieben lernten. Aus diesen Gründen nun, aus Liebe zur Wahrheit, aus Dankbarkeit gegen unsern Lehrer und aus Achtung vor uns selbst fühlen wir uns verpflichtet, gegen obige Beschuldigung uns feierlichst zu verwahren, und bitten ein großherzogliches Ministerium um weiter nichts, als um Veröffentlichung Dessen, worauf jener Vorwurf der Unsittlichkeit und Frivolität gestützt wird, damit die Welt frei und unparteiisch über die Sache richten könne etc.“ (Folgen die Unterschriften.)

So sprachen die Zuhörer und Schüler Moleschott’s, so sprachen freie Männer der Wissenschaft.

Wir wollen hier noch einen kurzen Ueberblick auf das Leben und die Person des Mannes geben, dessen „Lehre der Nahrungsmittel, für das Volk bearbeitet“, und dessen „Kreislauf des Lebens; physiologische Antworten auf Liebig’s chemische Briefe“ als großartige Ereignisse im Gebiete der Naturwissenschaft, als Begründung einer neuen Lebens- und Weltanschauung gelten müssen.

J. Moleschott wurde am 9. August 1822 zu Herzogenbusch (in Holland) geboren, wo sein Vater noch jetzt ein hochgeachteter und sehr beschäftigter Arzt ist. Dieser übte auf des Sohnes Leben selbst den größten Einfluß aus; von ihm lernte der Sohn nicht allein lesen und arbeiten, sondern auch denken, und die beste Anleitung für ein fruchtbares Wirken am Krankenbett.

Nach holländischer Sitte waren die neuen Sprachen, französisch und englisch, die ersten Stoffe, die für den Unterricht des jungen Moleschott verwendet wurden. Dabei gründliche Erlernung der Muttersprache, deren abstrakte grammatikale Definitionen ihm später gute Hülfe leisteten bei Erlernung der alten Sprachen. Das Deutsche hingegen wurde schlecht, jede andere Realwissenschaft mehr als mittelmäßig betrieben. Erst von seinem 13. Jahre an genoß der junge Moleschett Unterricht in den alten Sprachen, besonders in der lateinischen. Mit 17 Jahren kam er auf das preußische Gymnasium zu Cleve, wo er eine vortreffliche Schulbildung genoß. Diese seine Schuljahre bezeichnet Moleschott jetzt noch als ihm unvergeßlich für seine ganze geistige Entwickelung. Den Lehrern Heine und Kiesel dort (jetzt beide Direktoren in Düsseldorf, jener der Gewerbschule, dieser des Gymnasiums) verdankt er seine Grundlage der Mathematik; dem Direktor Helmke die Erweckung zu gediegener Ausbildung des Geschmacks, den dieser Lehrer durch seinen Vortrag der griechischen Classiker, namentlich des Sophokles, so wunderbar zu erregen wußte. Am Tiefsten aber wirkte auf ihn ein sein Lehrer Moritz Fleischer, (durch herrliche Aufsätze in den holländischen Jahrbüchern auch in weitern Kreisen bekannt: dieser führte ihn zur Philosophie; aber nicht am Gängelbande octroyirter Doctrin, sondern indem er anregend, leise berichtigend oder fast bestätigend, des empfänglichen Jüngers Schritte zu vorurtheilsfreier Untersuchung lenkte. Moleschott bezeichnet diesen vortrefflichen Mann als denjenigen, dem er nach seinem Vater am Meisten verpflichtet sei.

Zwanzig Jahre alt (im Jahre 1842) kam Moleschott nach Heidelberg, um hier Medizin zu studiren. Dies aber nach seines Vaters und seiner eigenen festen Ueberzeugung: daß jetzt für den Mediziner alles Heil in einer gründlichen Beschäftigung mit Chemie und Physik zu suchen sei. Dabei hatte er auch schon das Bewußtsein, daß das Studium der Psychologie, oder noch lieber gesagt: der Anthropologie, die Hauptaufgabe seines Lebens sein würde. – Dieses Bewußtsein hat sich denn auch zu glänzender That gestaltet. Die Professoren Tiedemann und Bischoff nahmen sich des eifrigen Studenten besonders freundlich an und haben neben seinen übrigen Lehrern am Meisten dazu beigetragen, ihn mit der naturwissenschaftlichen Methode bekannt zu machen. – Alle Freistunden der ersten dieser Studienjahre verwendete Moleschott auf den von ihm leidenschaftlich verehrten Hegel und hat dieses Studium jedenfalls auch mit zu jener gewaltigen Logik, jener eisernen Consequenz beigetragen, die wir in den Werken Moleschott’s bewundern, die seine Feinde ihm noch weniger verzeihen mögen, als seine Ansichten, seine ganze Richtung.

Im Jahr 1845, am 22. Januar, wurde Moleschott zum Doctor der Medizin, der Chirurgie und Geburtshülfe ernannt: seine Doctordissertation handelte über den feineren Bau der Lungen. Einige Wochen vorher, am 6. Dezember, wurde von der Universität zu Harlem seine „Kritische Betrachtung von Liebig’s Theorie der Pflanzenernährung“ mit dem goldenen Ehrenpreise gekrönt. Im Mai ließ sich Moleschott als praktischer Arzt in Utrecht nieder. Zugleich aber lernte er in der Chemie praktisch arbeiten unter der vortrefflichen Anleitung, die ihm in Müller’s berühmtem Laboratorium zu Theil wurde. Außerdem noch machte er fleißig physiologische Untersuchungen, zum Theil in Gemeinschaft mit seinem Freunde Donders und diese Arbeiten gaben Veranlassung zur Herausgabe der „holländischen BeitrÄge zu den anatomischen und physiologischen Wissenschaften,“ in Gemeinschaft mit Donders und van Deen, den beiden ersten Physiologen Hollands. Die rastlose Thätigkeit, der außerordentliche Wissenschaftsdrang des genialen Mannes ließ ihn aber auch die unsterblichen Werke Spinoza’s und Feuerbach’s studiren; beide führten ihn von seiner grenzenlosen Verehrung Hegel’s ab und namentlich war es Feuerbach, der ihm den siegenden Uebergang von der abstrakten Philosophie zu den Naturwissenschaften mit erkämpfen half.

Zu Ostern 1847 habilitirte sich Moleschott in dem ihm lieb und theuer gewordenen Heidelberg als Privatdozent; anfangs nur für physiologische Chemie und Diätetik, später für Experimentalphysiologie und Anthropologie, so wie für allgemeine und vergleichende Anatomie. Im Sommer 1853 gründete er ein physiologisches Laboratorium, das sich sehr zahlreichen Besuches zu [412] erfreuen hat und ganz unabhängig von der Universität da steht, hoffentlich auch fortbestehen darf. Mit welchen Erfolgen Moleschott als Lehrer wirkte, haben wir bereits kennen gelernt. Sein schriftstellerisches Wirken anbelangend, schrieb er außer vielen Aufsätzen in Zeitschriften (siehe „Zeitschrift für rationelle Medizin,“ „Archiv für physiologische Heilkunde.“ „Müller’s Archiv,“ „Wiener medizinische Wochenschrift,“ „Natur“ etc.) folgende Werke: 1848–1849: „Physiologie der Nahrungsmittel; Ein Handbuch der Diätetik.“ Darmstadt 1850. Im Winter 1849–1850: „Lehre der Nahrungsmittel. Für das Volk bearbeitet.“ Erlangen, 1850. Erschien in zweiter Auflage 1853.

Im Winter 1850–1851: „Physiologie des Stoffwechsels in Pflanzen und Thieren.“ Erlangen 1851.

Im Winter 1851–1852: „Kreislauf des Lebens. Physiologische Antworten auf Liebig’s chemische Briefe.“ Mainz 1852.

Die hohe Bedeutung, der Glanz, die außerordentliche Wirkung dieser Werke kennen wir durch die Theilnahme der gebildeten Nation und durch den Ruf, den sie dem Verfasser gaben, durch die Befremdung und den Schmerz des Vaterlandes, als das badische Ministerium den Verfasser der Frivolität beschuldigte.

Das ist die öffentliche Entfaltung und Wirksamkeit des noch so jungen und schon so berühmten Gelehrten. Sein persönliches und bürgerliches Leben betreffend, bewahrheitet es nach allen Seiten hin die von ihm vertretenen wissenschaftlichen Grundsätze: die der reinen Menschenliebe, der edeln Humanität, der Liebe zu allem Geschaffenen, der unermüdlichen Strebsamkeit nach innerer Bildung, Schönheit und Freiheit. – Ein glücklicher, zärtlich liebender Gatte und Vater; ein warmer, treuer, helfender Freund; ein ruhiger, solider, strengrechtlicher Bürger: so steht er da, geliebt, verehrt von Allen die ihn kennen, die ihn kennen wollen. Nur wo verderbliche Dummheit, Heuchelei, Ungerechtigkeit, – sei es im Leben oder in der Wissenschaft, – ihm entgegentritt, da flammt er auf zu männlichem Zorn, zu gewaltigem Kampf. –

Die Erscheinung Moleschott’s ist eigenthümlich anziehend, ohne grade sofort zu frappiren. Stets bewegliche, braunglänzende Augen, mit ebenso tiefem als mildem Glanze. Die Stirne von seltener Höhe und Klarheit. Die Züge blaß, glatt, fast starr, aber energische Denkkraft verrathend. Die Figur eher klein als groß, schlank und doch gedrungen.

Um Moleschott’s ganzes Wesen kennen zu lernen, muß man freilich seine Liebe, sein Vertrauen besitzen; dann aber und beim Glase Wein ist er auch von wahrhafter Liebenswürdigkeit, dann tritt die reine Kindlichkeit und fromme Naivität hervor, die in dem heiligen Cultus der Natur jeder echte Mensch sich erhalten und gewinnen kann.

Wir schließen diese Betrachtung mit dem Schlußwort der seelenvollen Widmung, mit der Moleschott’s edler Freund, Roßmäßler, sein schönes Buch: „Flora im Winterkleide,“ dem Freunde, darbrachte; dieses Wort charakterisirt mehr als hundert Andere die reine Menschenseele des berühmten Forschers und dürfte auch für uns hier in Anspruch zu nehmen sein: „Wenn man Dich achtet und liebt, so freust Du Dich, daß ein Mensch geachtet und geliebt wird.“




Blätter aus dem physikalischen A-B-C-Buche.
2. Die Naturkräfte.

Der größte Theil der Naturerscheinungen hängt nur allein von Bewegungen ab, ja es ist sogar wahrscheinlich, daß alle Naturerscheinungen in letzter Instanz sich auf Bewegungserscheinungen zurückführen lassen. In vielen Fällen nehmen wir allerdings die Bewegung nicht unmittelbar wahr und glauben daher mit keiner durch Bewegung hervorgebrachten Erscheinung zu thun zu haben, während genauere Untersuchung das Gegentheil lehrt. Wir hören z. B. einen Ton. Die bestimmte Anzahl von Luftschwingungen aber, welche wir eben in ihrer Gesammtheit und periodischen Aufeinanderfolge als Ton empfinden, sind wir nicht im Stande unmittelbar als Bewegungserscheinung wahrzunehmen. Zu dieser Erkenntniß gelangt man erst durch eine Reihe von Versuchen und durch vernunftgemäße Verknüpfung der dadurch der Natur abgenöthigten Antworten.

Was Bewegung hervorzubringen vermag, also die Ursache der Bewegung, nennt der Physiker Kraft. Auch da, wo die betreffende Naturerscheinung noch nicht auf Bewegungserscheinungen zurückgeführt werden könnte, gebraucht man zur Bezeichnung der Ursache derselben das Wort Kraft. Doch geschieht dies meist mit Unrecht und muß wenigstens immer mit Vorsicht geschehen, wenn das Wort Kraft nicht das Bollwerk der Unwissenheit werden soll. Der Physiker muß immer bemüht sein, jede Erscheinung auf ihre mechanischen Elemente, d. i. auf Bewegungserscheinungen zurückzuführen, bevor er Kräfte zu ihrer Erklärung zu Hülse ruft. Wollte man z. B. den tönenden Körpern eine Kraft zu tönen zuschreiben, so würde das nur mangelhafte Beobachtung beweisen, denn eine solche Kraft giebt es gar nicht. Was wir als Ton empfinden, läßt sich auf Bewegungserscheinungen zurückführen, und hier ist es nun erst am Orte nach der Kraft oder den Kräften zu fragen, welche die Schwingungen hervorbringen.

Der Chemiker spricht bisweilen von einer Kraft der Verwandtschaft (Affinität). Die Erscheinungen aber, welche diesen Namen führen, sind sehr zusammengesetzt und konnten bis jetzt noch nicht auf Bewegungserscheinungen zurückgeführt werden. Es ist daher auch nicht gerechtfertigt, hier von einer Kraft zu sprechen. Die meisten Chemiker thun das auch nicht, sprechen vielmehr nur von Erscheinungen, welche sie Affinität nennen.

Am Meisten ist hiergegen in den physiologischen Theilen der Naturwissenschaften gesündigt worden, indem man zur Erklärung aller Erscheinungen des Lebens eine Lebenskraft annahm. Man sieht leicht das Voreilige und Falsche dieser Annahme ein, wenn man überlegt, daß die Erscheinungen des Lebens nichts weniger als einfach, vielmehr aus einer großen Menge anderer selbst wieder sehr complicirter und theilweise noch nicht erklärter Erscheinungen zusammengesetzt sind. Wie kann man hier von einer einzigen Kraft sprechen wollen, welche diesen Complex von Erscheinungen hervorzubringen im Stande wäre? Diese Annahme war auch lange Zeit der Hemmschuh für die Entwickelung der physiologischen Wissenschaften. Wo man zu faul war zu beobachten, mußte die Lebenskraft herhalten.

Aus diesen Beobachtungen wird der Leser abnehmen, daß trotz der unendlichen Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen doch die Anzahl der Naturkräfte eine sehr beschränkte sein wird und daß mit der Annahme neuer Kräfte sehr vorsichtig verfahren werden muß. Die goldene Regel aller Naturforschung heißt: keine neuen Kräfte zur Erklärung einer Erscheinung herbei zu rufen, so lange nicht evident erwiesen ist, daß die bereits bekannten ihrer Natur nach zur Erklärung unzureichend sind. Hätte man das immer beachtet, so wäre mancher Unsinn, z. B. auch der durch das Tischrücken zu Tage geförderte, sicherlich nicht geboren worden. Ob einstmals alle Erscheinungen der Natur sich aus einer einzigen Kraft werden erklären lassen, wie man bisweilen gemeint hat, ist eine nach den gegenwärtigem Zustand unserer Kenntnisse durchaus nicht zu beantwortende Frage.

Welches sind nun die in der Natur thätigen Kräfte? Der Leser wird leicht einsehen, daß es nicht möglich ist von Kräften zu sprechen, bevor noch ein Wort über die durch sie bewirkten Erscheinungen gesagt worden ist, aus denen wir erst auf jene schließen können. Wir wollen das auch nicht, vielmehr nur durch einige Betrachtungen vorläufig darauf aufmerksam machen, wie weit der Wirkungskreis einer einzelnen Naturkraft sei.

Die Schwerkraft oder Anziehungskraft unserer Erde, durch welche alle Körper nach dem Mittelpunkte der Erde zu fallen streben, ist als die bekannteste Naturkraft am Besten hierzu geeignet. Von ihrem Gesetze, d. h. welche Geschwindigkeit sie einem fallenden Körper ertheilt und welche Zeit zur Durchfallung eines gewissen Raumes nöthig ist, davon wollen wir später einmal sprechen. Die Schwerkraft ist bei der Gestaltung unserer Erdoberfläche im hohen Grade thätig gewesen, denn alles fließende Wasser, sowohl das in den Flüssen und Strömen, als auch das [413] durch die Gesteine hindurch sickernde wird von ihr in Bewegung gesetzt. Das fließende Wasser hat aber an der Veränderung der Erdoberfläche einen viel größeren Theil als man früherhin glaubte. Die älteren Geologen ließen durch gewaltsame vulkanische Erdrevolutionen die Umänderungen der Erdoberfläche erfolgen, die auch in der That bisweilen stattfanden. In neuerer Zeit hat man sich dagegen auf das Sicherste überzeugt, daß das fließende Wasser und namentlich auch das ganz langsam durch die Gesteine hindurch sickernde bei Weitem großartigere Veränderungen der Erdoberfläche zu Stande gebracht hat. Denn die Kleinheit dieser Wirkungen summirt sich durch unendlich lange Zeiträume zu ganz erstaunlichen Größen. Nicht minder steht die Atmosphäre unter dem Einfluß der Schwere und die Größe aller Witterungseinflüsse, welche ebenfalls einen sehr großen Antheil an der Oberflächengestaltung der Erde haben, hängt von der Größe der Schwerkraft ab. Auch auf die Culturzustände des Menschen hat die Schwerkraft einen gewaltigen Einfluß ausgeübt. Alle Transportmittel würden sich z. B. ganz anders gestaltet haben, wäre die Schwerkraft an der Erdoberfläche etwa sechsmal geringer als sie wirklich ist, also so wie sie an der Oberfläche des Mondes stattfindet. Würde bei uns die Schwerkraft mit einem Male so viel Mal geringer, so würde man unter den gegenwärtigen Verhältnissen, also unter Annahme derselben Muskelkraft der Menschen und Thiere, derselben Straßen und Eisenbahnen, derselben Festigkeit aller Körper u. s. w., sechs Mal größeren Effekt bei allem Transport hervorzubringen im Stande sein. Was für gewaltige Aenderungen würde das in allen menschlichen Verhältnissen hervorbringen! Eine Aenderung der Schwerkraft ist zwar niemals möglich, aber wir können uns durch solche Betrachtungen klar machen, daß alle menschlichen Verhältnisse zum größten Theil ein Produkt dieser und anderer Naturkräfte sind, indem sie sich denselben anpassen mußten. Hieraus erkennt man zugleich wie albern die Bestrebungen sind, wenn man über das Leben auf anderen Himmelskörpern Erörterungen anstellen will. Man hat z. B., als nach den großartigen Verbesserungen der Fernröhre in diesem Jahrhundert die Oberflächengestaltung des Mondes uns aufgeschlossen wurde, sich verleiten lassen, Kunstprodukte der dortigen Bewohner aufzusuchen oder vielmehr gewisse räthselhaft erscheinende Gegenstände als Kunstprodukte zu deuten. Man hat aber dabei ganz außer Acht gelassen, daß eben solche Dinge ein Produkt der dort wirkenden Naturkräfte sind; da aber nun die Naturkräfte auf der Oberfläche des Mondes ganz andere Wirkungsgrößen besitzen, so werden auch die Kunstprodukte ganz andere Formen annehmen müssen, nicht zu gedenken, daß ja auch die ganze Gestaltung des dortigen organischen Lebens, wenn’s überhaupt ein solches giebt, himmelweit von dem unserigen verschieden sein muß.

Eben so einflußreich als die Schwerkraft ist die Wärme. Wir können sie aber im eigentlichen Sinne keine Kraft nennen. Was wir als Wärme wahrnehmen, ist eine periodische Aufeinanfolge von unendlich kleinen Schwingungen. Wenn aber Körper erwärmt werden, so treten noch andere Erscheinungen auf, unter denen die auffälligste die Ausdehnung der Körper ist. Diese Ausdehnung geschieht namentlich bei luft- und dampfförmigen Körpern mit großer Gewalt und in Folge dessen wird die Wärme die Quelle einer bewegenden Kraft. Wir erinnern nur an die Dampfmaschine, an die neuerdings construirte heiße Luftmaschine. Wir können also die Wärme insofern, als sie die Körper auszudehnen und dadurch Bewegungserscheinungen hervorzubringen vermag, als eine Naturkraft bezeichnen, die nicht blos von den Menschen zum Betriebe der Maschinen und anderen Dingen benutzt worden ist, sondern deren sich die Natur selbst vielfach zur Erreichung ihrer Zwecke bedient.

In ähnlicher Weise werden Bewegungen hervorgebracht, wenn gewisse Körper in den Zustand treten, den wir electrisch und magnetisch nennen. Wir können also in diesem Sinne Electricität und Magnetismus ebenfalls als Naturkräfte bezeichnen, obschon wir über die eigentliche Natur dieser Potenzen noch nicht vollständig aufgeklärt sind, auch noch nicht einmal alle Erscheinungen namhaft zu machen wissen, bei welchen sie ihre Hand im Spiele haben. Daß sie z. B. auf das organische Leben einen großen Einfluß ausüben, ist mehr als wahrscheinlich; aber welchen? davon sind wir noch weit entfernt. Sie zum Betriebe von Maschinen zu benutzen, hat man angefangen, aber noch lange nicht zur Vollendung geführt.

Die Naturkräfte wirken nur selten einzeln, in der Regel mehrere in Gemeinschaft. Dadurch wird die Erscheinung sehr zusammengesetzt, bisweilen in solchem Grade, daß es schon zu einer sehr schweren Aufgabe wird, die Erscheinung selbst richtig zu erkennen. Wo nun die Thatsachen der Beobachtung, d. h. die Wirkungen der Kräfte noch nicht mit Sicherheit festgestellt sind, kann man selbstverständlich noch nicht daran gehen, die wirkenden Kräfte aufzusuchen. Die Erscheinungen des Lebens z. B. sind in allen ihren Punkten noch lange nicht vollständig bekannt; es giebt hier noch manche nur sehr oberflächlich beobachtete Parthien. Daher ist es sehr voreilig, schon nach den hier wirkenden Kräften und baarer Unsinn, nach einer Lebenskraft suchen zu wollen.

Wenn wir oben sagten, Kraft sei das, was Bewegung hervorbringen könne, so ist damit über das eigentliche Wesen, über die Natur der Kraft noch durchaus kein Aufschluß gegeben. Es ist das von Seiten des Physikers auch nicht möglich und kann höchstens eine Frage für den Philosophen sein. Die Antworten aber, welche von dieser Seite her erfolgen, sind für den Physiker von wenig Belang; ihm ist es für seine Forschungen genug, wenn das seinem Wesen nach unbekannte Etwas, welches er durch Kraft bezeichnet, ein strenges Gesetz befolgt, und sich durch seine Wirkungen genau messen läßt. Der Astronom kennt das Gesetz und die Größe der Anziehungskraft, welche die Himmelskörper nöthigt, ihre Bahnen um einander zu beschreiben, und ist dadurch in den Stand’ gesetzt, den Ort der Himmelskörper für jede beliebige Zeit genau zu bestimmen. Was nun eigentlich diese Kraft ist, weiß er nicht, wie überhaupt Niemand. Aber wenn er es auch wüßte, so würde dadurch die Astronomie um keinen Schritt weiter geführt.

Was zur Anstellung einer mathematischen Rechnung nöthig ist, weiß man und etwas Weiteres verlangt der Astronom nicht. Wie hier in diesem einzelnen Falle, ist es bei allen physikalischen Forschungen. Was die Kraft eigentlich ist, danach fragt der Physiker niemals, wenn er nur ihr Gesetz kennt, um die Sache auf mathematischen Grund und Boden versetzen zu können.




Die asiatische oder epidemische Cholera.

Was wissen die Aerzte von der Cholera, von ihrem Wesen, ihrer Ursache und Heilung? So gut wie gar nichts! Nur das ist augenscheinlich, daß bei dieser Krankheit das Blut äußerst schnell einen großen Theil seines Wassers nach dem Darmkanal und Magen hin verliert und dadurch in seinem Laufe und seiner Thätigkeit, vorzüglich in Bezug auf die Absonderungen und Wärmeentwickelung, sehr bedeutend gestört wird. Alle Erscheinungen bei der Cholera, wie Brechen, Durchfall, Kälte, Trockenheit und bläuliche Färbung der Haut, Harn- und Pulslosigkeit u. s. w., lassen sich hieraus erklären.

Ansteckend ist die Cholera nicht, d. h. sie ist von Person zu Person nicht übertragbar, wohl scheint sie aber bisweilen (aber nicht immer) unter gewissen, uns noch unbekannten Bedingungen verschleppbar zu sein, so daß ein oder mehrere von der Ferne hergekommene Cholerakranke in einer von dieser Krankheit noch nicht heimgesuchten, wahrscheinlich aber dem Entstehen der Cholera günstigen Gegend dieselbe veranlassen können. – Uebrigens befällt die Cholera Menschen jedes Alters und Standes, Gesunde wie Kranke, am Häufigsten aber Personen, welche unregelmäßig leben (besonders Säufer) und solche, die sich nicht schonen können (Arme). – Vorboten hat diese Krankheit gar nicht, höchstens stellt sich vor ihrem Ausbruche Appetitlosigkeit, Uebelkeit, Neigung zum Durchfall, leichte Diarrhöe (Cholerine), allgemeines Uebelbefinden und veränderte Gesichtsfarbe ein.

Die Krankheitserscheinungen bei der Cholera sind die folgenden: Der Durchfall ist wohl stets das erste Symptom und dieser, gewöhnlich schmerzlos, zeigt sich häufig zuerst in der Nacht, meistens nach Mitternacht. Das Entleerte wird hierbei sehr bald [414] ganz wässerig, geruchlos, weißlichgrau und reiswasserähnlich. – Das Erbrechen, welches in der Regel erst einige Zeit nach dem Durchfalle auftritt und wohl nie ohne denselben besteht, aber recht wohl fehlen kann. entleert zuerst den gerade vorhandenen Inhalt des Magens, das Genossene, dann Schleim und Galle, schließlich jedoch ebenfalls reiswasserähnliche Flüssigkeit. Diese Flüssigkeit, welche durch den Stuhl und das Brechen aus dem Darmkanale und Magen entfernt wird, stammt aus dem Blute und enthält deshalb außer Wasser auch noch andere Blutbestandtheile (Eiweiß, Salze), sowie eine große Menge von Oberhautpartikelchen der Darmschleimhaut. Bisweilen, in den schwersten und tödtlichen Krankheitsfällen, bei der sogenannten trockenen Cholera, kommt es gar nicht zur Entleerung der reiswasserähnlichen, Flüssigkeit, sondern dieselbe häuft sich im gelähmten Darme und Magen an. – Es ist gewiß einleuchtend, daß in Folge des großen Wasserverlustes das Blut eindicken muß und dies zeigt sich auch bei Aderlässen und in den Leichen ganz deutlich. Daß aber eingedicktes Blut nur mit Mühe durch das Herz vorwärts getrieben werden und nicht mehr so flott, besonders durch die feinen Haargefäßchen, fließen kann, versteht sich wohl von selbst. Daher kommt es denn, daß der Puls (des Herzens und der Pulsadern) welcher anfangs gewöhnlich beschleunigt ist (bis zu 144 Schlägen), nach und nach in dem Grade, als die Wasserentleerung und Eindickung des Blutes sich steigert, immer langsamer und schwächer wird, bis er endlich gar nicht mehr zu fühlen ist. – Mit der Eindickung des Blutes und der geschwächten Circulation steht nun die geringere Entwicklung der Eigenwärme (s. Gartenlaube Nr. 33) im Einklange. Zunge und Haut fühlen sich deshalb kalt an. Die letztere ist bleigrau, anfangs kühl und dann entweder leichenartig oder froschkalt (bei zäher Feuchtigkeit), zusammengezogen (wie Gänsehaut), runzliger (besonders an Händen und Füßen) und weniger elastisch, so daß eine mit den Fingern gebildete Falte sich nur langsam wieder ausgleicht; die Nägel erscheinen länger und bläulichgrau. – Wegen der gestörten Umwandlung des Blutes aus dunkelrothem in hellrothes innerhalb der Lungen und wegen des verzögerten Durchflusses des sonach dunklen Blutes durch die Haargefäße tritt an verschiedenen Stellen, wie an der Haut (besonders der Finger und Zehen), den Lippen, Augen und der Zunge, bläuliche Färbung (Cyanose) hervor. – Alle Absonderungen aus dem Blute, welche des Wassers ganz besonders bedürfen, müssen natürlich bei dem angegebenen Zustande des Blutes und der Circulation verringert und endlich ganz aufgehoben werden. Daher schreibt sich denn die große Trockenheit der Haut, der Augen, der Nase, der Zunge und Mundhöhle (der große Durst), des Kehlkopfs (die rauhe, heisere, schwache und klanglose Stimme) und der Lungen (das beschwerliche Athmen mit beängstigendem Drucke auf der Brust). Die Harnabsonderung ist deshalb äußerst sparsam und ganz aufgehoben. – Es wäre nun wunderbar, wenn bei einem solchen Blutzustande die Ernährung und Thätigkeit des Muskel- und Nervensystems ordentlich vor sich gehen sollte. Dies ist aber auch nicht der Fall, denn im Muskelsysteme treten anfangs Krämpfe (besonders in den Waden und Bauchmuskeln), später Schwäche und Lähmungen auf; die Affection des Nervensystemes giebt sich durch widernatürliche Empfindungen (besonders von innerer großer Hitze) und Schmerzen mancherlei Art, Sinnestäuschungen, große Gleichgültigkeit und Unbesinnlichkeit zu erkennen. – Das Gesicht ist verfallen, bläulichgrau, die Augen tiefliegend, matt, trocken und von bläulichen oder dunkelblaugrauen Ringen umgeben, die Nase schmal, spitzig und kalt; die Schläfen- und Backengegend vertieft und kühl; die Lippen trocken, bläulich oder mit zähem Schleime überkleidet.

Im Verlaufe der Cholera lassen sich deutlich zwei Perioden unterscheiden, und zwar die erste oder die Periode der Kälte und die zweite oder die der Wärme, wenn nämlich die Krankheit nicht in der Kälteperiode tödtete. Im ersten oder Kälte-Zeitraume ist neben dem Durchfalle und Brechen das Sinken der Körperwärme, sowie das Schwinden des Pulses, die bläuliche Färbung und Trockenheit das Charakteristische. Je weniger hier vom Pulse zu fühlen ist, desto gefährlicher ist der Zustand, jedoch genesen auch noch viele von den Kranken, deren Puls schon unfühlbar war. Der zweite oder Wärme-Zeitraum charakterisirt sich durch die Rückkehr der Körperwärme, das Heben oder Deutlichwerden des Pulses, das Wiedererscheinen der Absonderungen, vorzüglich der Harn- und Schweißabsonderung. Das Nachlassen des Durchfalls und Brechenn ist jetzt von keiner so großen Wichtigkeit, als der Eintritt des Harnens. Ein sehr günstiges Zeichen in dieser Periode ist es, wenn die Hautwärme allmälig wiederkehrt und Patient nicht plötzlich in große Hitze und starken Schweiß verfällt. Am Wichtigsten ist jedoch die Wiederkehr der Harnausscheidung, denn von ihr hängt jetzt das Leben des Kranken ab. Wird nämlich der Harn im Blute zurückgehalten, dann tritt leicht eine Harnvergiftung desselben (Choleratyphus, Urämie) und Tod ein. – Daß nach dem Weichen aller Choleraerscheinungen noch längere Zeit eine schlechte Verdauung, besonders im Magen zurückbleibt, möchte man mehr auf die dargereichten Heilmittel (die in der Regel den Magen gräßlich maltraitiren) als auf die Krankheit schieben. – Die Dauer der Krankheit ist sehr verschieden, denn sie kann sich blos auf Stunden und Tage beschränken, wie auch auf Wochen ausdehnen. Die Kälteperiode ist stets weit kürzer als der Hitzezeitraum.

Daß eine große Menge von Schutzmitteln gegen die Cholera empfohlen und ohne Erfolg gebraucht worden sind, versteht sich wohl von selbst. Wenn man alles vermeiden wollte, was angeblich schon die Cholera veranlaßt haben soll, dann dürfte man gar nicht mehr denken, essen, trinken und überhaupt leben. – Das beste Schutzmittel bleibt es immer, wenn man den von der Cholera befallenen Ort verläßt und in eine gesunde Gegend übersiedelt. Geht dies nicht, dann geht nichts über eine Bauchbinde. Denn weniger Diätfehler als Erkältungen des Bauches, vorzugsweise in der Nacht, scheinen den Ausbruch der Krankheit zu begünstigen. Der Verfasser, der bis jetzt verschiedene Hunderte von Cholerakranken behandelte, fand keinen darunter, welcher eine Bauchbinde getragen hätte, sehr viele aber, die weder Obst, noch Gurken, Melonen, Salat, Kartoffeln, Weißbier etc. genossen, und stets strenge Diät geführt hatten.

Die Behandlung bei ausgebrochener Krankheit kann, da wir zur Zeit nur die hauptsächlichsten Erscheinungen derselben kennen, auch nur gegen diese gerichtet sein. Großer Wasserverlust des Blutes, Kälte und träge Circulation des eingedickten Blutes sind nun aber die hervortretendsten Erscheinungen und gegen diese kann natürlicher Weise nichts wirksamer als Wärme und Wasser, neben Erregungsmitteln sein. Deshalb hält der Verfasser zur Zeit für die einfachste und beste Behandlung die folgende: bei eintretendem Durchfalle sofort in’s warme Bette, heiße Umschläge auf den Leib, Trinken heißen Thees oder Wassers in mäßigem Grade, leicht verdauliche Nahrung. Opium scheint nichts zu nützen. Werden Hände, Füße, Nasenspitze und Zunge kühl und kalt, dann muß das Trinken heißen Wassers oder Thees bedeutend gesteigert werden, auch wenn ein großer Theil davon wieder weggebrochen wird. In dem Falle, daß der Puls kraftloser und schwächer wird, setze man als Erregungsmittel für die Herzthätigkeit zu dem heißen Getränke irgend ein Spirituosum (wie Wein, Rum, Spiritus). Nebenbei mag man aber den Durst und die innere Hitze durch mäßigen Genuß kalten Getränkes, wie Bier, Wasser (kohlensaures oder mit Wein), Eis, Champagner und dergleichen zu mäßigen suchen. Die starken Erregungsmittel aus der Apotheke taugen sicherlich nichts. Beim Eintritt der Wärme muß mit der genannten heißen und erregenden Behandlung nachgelassen werden, damit nicht zu plötzlich und eine zu große Hitze eintritt; jetzt scheint Bier zum Antreiben der Harnaussonderung am meisten von Nutzen zu sein. Soviel steht aber sicherlich fest, daß, da wir die widernatürliche Ausfuhr von Wasser aus dem Blute bei der Cholera noch nicht hemmen können, die Zufuhr von Flüssigkeit in das eingedickte Blut die Hauptsache bei der Heilung dieser Krankheit ist.

NB. Die epidemische Cholera (sprich Choléra, von χολέρα, die Dachrinne) scheint ursprünglich in Ostindien, namentlich in den sumpfigen Niederungen der Gangesausflüsse, einheimisch zu sein und hat dort schon im achtzehnten Jahrhunderte bedeutend gewüthet. In der Mitte des Jahres 1817 verbreitete sie sich nach China und Japan, erschien 1821 am persischen Meerbusen und im südlichen Rußland, trat 1831 in Polen und im Juni desselben Jahren an der Grenze von Deutschland auf und zeigte sich in Schlesien, Oesterreich, Hamburg, Paris, in mehreren Gegenden Englands und Amerika’s; sie verschonte damals Sachsen und die meisten südwestlichen Gegenden Deutschlands und verschwand im Laufe des Jahres 1833. Spätere Ausbrüche (1837) kamen in vielen Theilen Europa’s und Amerika’s vor, selbst an solchen Orten, die früher verschont geblieben waren; namentlich breitete sie sich 1848 und 1849 wieder über Rußland, Norddeutschland (Sachsen), England, die Niederlande, Frankreich, Algier und Amerika aus und verschwand erst gegen 1850, um von 1852 an abermals hier und da aufzutauchen.
Bock. 
[415]
Blätter und Blüthen.

Eine abenteuerliche Seereise. Unter meinen vielen Seereisen ist keine so reich an Abenteuern gewesen, als die kurze Fahrt von Jamaica nach Halifax, die ich vor einigen Jahren auf einem großen amerikanischen Handelsschiffe unternahm.

Wir waren mit einem günstigen Winde abgesegelt, und mochten am ersten Tage wohl zwanzig Meilen zurückgelegt haben, als am Abend des zweiten Tages der Kapitän sein Fernrohr mit einer gewissen Unruhe nach einem schwarzen Punkte richtete, den man in der Ferne bemerkte.

„Etwas Neues, Kapitän?“ fragte ich.

„Sehen Sir selbst,“ antwortete er mir. Ich nahm das Glas aus seiner Hand, richtete es nach dem dunklen Punkte und sagte: „Es ist eine Schaluppe.“

„Ja, eine Schaluppe,“ wiederholte er, „die mit aller der Schnelligkeit auf uns zukommt, welche ihr die kräftigen Arme von zwanzig starken Seeräubern geben können. Sie begreifen nun, weshalb ich mir vorhin schlechtes Wetter wünschte. Ja, ja,“ fuhr er nach einiger Zeit fort, nachdem er die Schaluppe noch einmal aufmerksam betrachtet hatte, „ohne Zweifel sind es entflohene Negersklaven, welche sich gern unseres Schiffes bemächtigen möchten, um auf ihm das Weite zu suchen. Nun, nun, so weit sind wir, Gott sei Dank, noch nicht!“

Man machte sogleich alle Anstalten, die Seeräuber würdig zu empfangen. Da wir die Zahl der Feinde, mit denen wir zu thun hatten, nicht kannten, so trug man Pulver, Flinten- und Kanonenkugeln, so wie blanke Waffen aller Art auf das Verdeck, enthüllte zugleich die beiden messingenen Kanonen des Schiffes, lud sie und stellte sie in die Stückpforten der Seite, von welcher wir den Feind erwarteten. Auch die Flinten wurden geladen, und Jeder steckte einen Dolch und zwei Pistolen in seinen Gürtel. Der Kapitän trieb seine Vorsichtsmaßregeln sogar so weit, daß er die Regelingen oder die Decken von Strickwerk, durch die man auf Kriegsschiffen die Mannschaft vor Flintenkugeln zu schützen sucht, ausspannen und die Balken am Steuerbord waschen und scheuern ließ, um das Entern schwieriger zu machen, wenn der Feind es versuchen sollte.

Als diese Vorbereitungen beendigt waren, begab sich Jeder auf seinen Posten. Aller Augen richteten sich nach dem westlichen Horizont; aber die Nacht trat ein und es wurde bald unmöglich, die Schaluppe noch länger zu erkennen.

Einige Stunden vergingen, und es ließ sich nichts sehen, weder im Osten noch im Westen. Die Passagiere, eine Beute der Angst und der Unruhe, hatten, nachdem sie vergebens versucht, die feindliche Schaluppe zu erkennen, sich endlich in ihre Hängematten gelegt, und ich selbst wollte mich, da ich im höchsten Grade ermüdet war, zur Ruhe begeben, als der Kapitän zu mir kam.

„Nun, Kapitän, was ist aus Ihren Meerwölfen geworden?“ fragte ich ihn.

„Sie haben ohne Zweifel unsere Spur verloren,“ antwortete er; „und ich wünsche das von ganzem Herzen. Aber es ist schwer, die Pläne dieser Burschen zu durchschauen, und wir müssen deshalb fortwährend auf unserer Hut sei.“

„Ich für mein Theil,“ sagte ich, „bin es müde, immer auf das Meer zu sehen, ohne etwas zu bemerken. Ich betrachte lieber den Sturm, der sich dort im Osten zusammenzieht.“ Mit diesen Worten wendete ich mich um, und erblickte in dem Wasser einen hellen Punkt, der sich abwechselnd zeigte und wieder verschwand.

„Da sind sie,“ rief der Kapitän, als er der Richtung meiner Augen folgte. „Die Elenden kommen von der andern Seite heran, und werden bald dicht bei unserm Schiffe sein. Zu den Waffen, Kinder!“ fuhr er mit Donnerstimme fort; „Jeder gehe auf seinen Posten.“

Jedermann gehorchte, und auch die Passagiere eilten auf das Verdeck, um an dem Kampfe theilzunehmen.

„Daß sich Niemand untersteht, Feuer zu geben, ehe ich es befehle,“ setzte der Kapitän hinzu.

„Ja, ja!“ erwiederte die ganze Mannschaft wie aus einem Munde.

„Und nun,“ fuhr der Kapitän fort, der alle seine Befehle mit der größten Kaltblütigkeit gab, „bringe man diese Kanone hierher, um unsere Feinde würdig zu empfangen.“

In einem Augenblicke hatte die Kanone den Standpunkt gewechselt und hielt ihren Rachen der kleinen Schaluppe entgegen, die wie eine Schlange um uns herumkreiste und nur noch eine Viertelmeile von uns entfernt sein mochte.

Wir erwarteten, uns auf einmal von mehreren Schaluppen angegriffen zu sehen; es befand sich aber wirklich nur eine vor uns, und wir fragten uns, wie ein so gebrechliches Fahrzeug es wagen könne, sich mit einem Schiffe messen zu wollen, welches Kanonen führte und von einer tapfern und wohlbewaffneten Mannschaft vertheidigt wurde.

„Schaluppe, schnell in’s Weite!“ rief jetzt der Kapitän mit aller Kraft seiner Lungen. Man antwortete nicht, die Ruder des Fahrzeuges aber bewegten sich schneller. „Sucht das Weite, Ihr Elenden!“ wiederholte der Kapitän mit donnernder Stimme, „oder ich bohre Euch mit Eurer Schaluppe in den Grund.“

Diese Drohung und eine brennende Lunte, welche ich in der Hand hielt, und die den Platz, wo wir standen, erhellte, schienen die Räuber einzuschüchtern. Allem Anscheine nach zögerten sie, denn der Lauf ihres Fahrzeuges ward plötzlich langsamer. Der Kapitän hielt den Sieg bereits für gewonnen: er erhob die Stimme von Neuem und rief: „Werft Eure Waffen in’s Meer und ergebt Euch!“

Der Knall mehrerer Flintenschüsse antwortete auf diese Anrede; ein Dutzend Kugeln pfiffen uns um die Ohren, und eine derselben warf den Hut den Kapitäns auf das verdeck. „Feuer!“ kommandirte dieser, und augenblicklich sprühten die Flammen, von Rauchwolken umflossen, unter entsetzlichem Donner aus unserm Schiffe hervor. Ein lautes Krachen und das Geräusch mehrerer in das Meer fallender Körper, begleitet von dem Wehgeschrer und dem Aechzen der Verwundeten, ertönte darauf von dem Orte her, wo sich unsere Feinde befanden.

Der Rauch hatte sich zwar noch nicht so weit verzogen, daß wir erkennen konnten, welche Wirkung unsere Schüsse gethan hatten; indessen war aus den Wogen weder die Schaluppe, noch irgend eine Spur von den Elenden zu sehen, so daß wir wähnten, die ganze Mannschaft sei in die Tiefe gesunken.

„Beim beiligen Georg!“ rief der Kapitän mit einem Tone des Bedauerns, während er mit einem Tuche das Blut von seinem Kopfe wischte, „es wäre mir lieber gewesen, wenn ich alle diese Taugenichtse in meine Gewalt bekommen hätte, um sie mit allen Ehren, die ihnen gebühren, aufzuhängen. Es ist unmöglich, besser zu zielen, selbst …“

Ein fürchterliches Geschrei unten am Schiffe unterbrach den Kapitän mitten in seiner Rede, und jetzt erblickten wir in dem Rauche die Schaluppe, die sich an das Vordertheil unseres Schiffes anzuhängen suchte, und ein Dutzend riesenhafter Neger, die an den Wänden desselben emporzuklettern versuchten. Unser braver Kapitän hatte aber seine Maßregeln auf’s Trefflickste genommen. Die Seiten des Schiffes waren so glatt und so gut bewacht, daß die meisten dieser Spitzbuben zurückgestoßen wurden und unter schrecklichen Flüchen in’s Meer stürzten, aber uns noch immer mit ihren Pistolen drohten, selbst als das Meerwasser in die Läufe gedrungen war. Zu derselben Zeit ging ihre Schaluppe, welche durch unsere Schüsse sehr gelitten hatte, auseinander und sank. Einigen der Räuber war es indeß gelungen, auf unser Verdeck zu kommen: sie griffen uns wüthend an, mußten aber der Ueberzahl weichen und sich ergeben. Fünf andere dieser Elenden zogen wir aus dem Wasser und machten sie zu Gefangenen.

Einer von denen, die auf das Verdeck geklettert waren, traf hier auf einen Matrosen, Namens Ralph, der sich ihm wüthend entgegenstürzte. Beide umfaßten sich und rangen einen Augenblick mit einander am Rande des Verdecks, bis der Seeräuber rückwärts über Bord fiel und seinen kühnen Gegner mit sich in’s Meer hinabriß. Einen Augenblick verschwanden sie; bald aber sahen wir sie in einiger Entfernung vom Schiffe, wie zwei Schlangen in einander geschlungen, wieder zum Vorschein kommen, und es begann nun der außerordentlichste und schrecklichste Kampf, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Uns Allen war es unmöglich, unserem unglücklichen Freunde zu Hülfe zu kommen; Keiner wagte auf den schwarzen Seeräuber zu schießen, denn Beide hielten sich so eng umschlungen und wendeten sich so schnell hin und her, daß es bei dem schwachen Mondlicht unmöglich war, auf einen der beiden Kämpfenden zu schießen, ohne das Leben des Andern zugleich mit in Gefahr zu bringen. Es würde schwer sein, die Angst der Passagiere und der Matrosen zu schildern, welche bei dem schrecklichen Schauspiel kaum zu athmen wagten. Keiner der beiden Kämpfenden dachte daran, von seinen Waffen Gebrauch zu machen; sie rangen mit einander wie wilde Thiere, die sich gegenseitig zu erwürgen suchen.

„Wollen wir den Tod unseres Kameraden geduldig abwarten?“ fragte endlich ein Matrose, und diese Worte brachen den Zauber, der auf uns Allen zu liegen schien.

„Die Schaluppe in’s Meer!“ rief sogleich der Kapitän, und sechs Männer eilten zu gleicher Zeit, den Befehl auszuführen. Gerade in diesem Augenblicke verschwanden die beiden Kämpfenden und blieben so lange unter dem Wasser, daß die Matrosen, welche sich mit dem Losmachen der Schaluppe beschäftigten, ihre Arbeit einstellten und mit unnennbarer Angst, die Augen unverwandt auf das Meer gerichtet, ihr Wiedererscheinen erwarteten. Endlich theilte sich in ziemlicher Entfernung die Fluth und es erschien ein einzelner Mann.

„Bist Du es, Ralph?“ rief ihm der Kapitän mit zitternder Stimme zu.

„Nein! Aber auf der Klinge meines Dolches ist noch etwas von ihm,“ antwortete der Schwarze mit satanischem Lachen, richtete sich, so hoch er konnte, auf, warf mit aller Kraft den Stahl nach uns zu, und versank in das Meer. Der Dolch flog über unsere Köpfe weg und traf den Mast, in welchen er tief eindrang.

Sprachlos und in ängstlicher Erwartung blickten wir noch lange nach dem Orte hin, der der Schauplatz des schrecklichen Kampfes gewesen war; wir sahen aber auf der Oberfläche des Wassers nichts als zahlreiche Kreise, die sich mehr und mehr vergrößerten. Einige Matrosen steuerten in der Schaluppe, die unterdeß hinabgelassen worden war, auf diese Kreise zu, und andere hielten das Gewehr bereit, um sogleich zu schießen, wenn der Räuber den Kopf noch einmal über dem Wasser zeigte. Aber sie warteten vergebenn; der Schwarze erschien nicht wieder.

Ein tiefes, trauriges Schweigen herrschte auf dem Schiffe; die Matrosen sahen einander betrübt an und ließen dann, als ob der Tod ihres Kameraden ein größeres Opfer forderte, ihre Augen mit dem Ausdruck des wildesten Hasses auf den Gefangenen ruhen, die, an Händen und Füßen gebunden, auf dem Verdeck lagen. Es war klar, daß nur die Fessel einer strengen Disciplin diese braven Matrosen von einer entsetzlichen That vorschneller Rache abhielt, durch die sie sich ihren barbarischen Feinden gleichgestellt haben würden. Der Kapitän erkannte an der Wuth seiner Mannschaft die Gefahr, welche seine Gefangenen liefen, und ließ sie daher sogleich in sichere Verwahrung bringen.

Unser Sieg war leider mit Blut erkauft. Wir hatten den unglücklichen Ralph verloren, und im Anfange des Kampfes hatte die Kugel, die den Hut des Kapitänn herabriß, auch seinen Kopf verletzt. Ich selbst war im Gesicht verwundet und hatte eine starke Quetschung am linken Fuße. [416] Vom ersten Schusse an bis zu dem Augenblick, der die Feinde in unsere Gewalt brachte, war nicht mehr als eine Viertelstunde vergangen. Der Kampf war entsetzlich gewesen; jetzt aber herrschte wieder Ruhe und Friede, und das Schiff setzte seinen Weg bei dem Hauche eines sanften Windes fort.

Am folgenden Tage wurden wir von einem amerikanischen Kriegsschiff angerufen, welches ausgeschickt worden war, um auf die Seeräuber Jagd zu machen. Der Kapitän ließ die Gefangenen an Bord desselben bringen, und stattete von dem Geschehenen Bericht ab. Wie ich später erfuhr, sind die Elenden der gerechten Strafe nicht entgangen, sondern haben sämmtlich den Tod der Verbrecher erlitten.

Unsere Reise hatte mit einem gefahrvollen Abenteuer begonnen, und sollte auch in ihrem weiteren Verlaufe nicht ohne aufregende Scenen bleiben. Unter den Passagieren befand sich ein reicher amerikanischer Kaufmann mit seiner Tochter, einem lieblichen Kinde von etwa vier Jahren. An einem Morgen – es war der vierte oder fünfte Tag der Reise – war die Wärterin, die bisher immer die größte Sorgfalt bei der Beaufsichtigung des Kindes an den Tag gelegt hatte, auf dem Verdeck eingeschlafen. Das Kind hatte die Gelegenheit benutzt, um hier und dort umherzulaufen, und war endlich auch auf das Geländer hinaufgestiegen, von wo es mit einem Gemisch von Neugier und Verwunderung die unübersehbare Fläche des Oceans überschaute. Plötzlich wurde es durch irgend ein Geräusch stutzig gemacht, und indem es sich umsah, verlor es das Gleichgewicht und fiel in das Meer. Glücklicherweise sah einer der Matrosen, Namens Beckner, das Kind fallen, und ohne sich zu besinnen, stürzte er sich in die Wogen, um es zu retten. Seine edlen Anstrengungen waren nicht ohne Erfolg; in einigen Secunden hatte er das Mädchen erreicht und hielt es mit einem Arm empor, während er mit dem andern auf das Schiff loszusteuern begann. Seine Geschicklichkeit im Schwimmen würde hingereicht haben, sowohl sein, als des Kindes Leben zu retten; aber plötzlich sah er zu seinem Schrecken einen großen Haifisch auf sich zukommen, der, nach Beute lüstern, mit entsetzlicher Schnelligkeit die Wogen durchschnitt. Beckner erkannte die gräßliche Gefahr, welche ihm drohte, und schrie laut um Hülfe. In einem Augenblick waren alle Reisenden und die ganze Schiffsmannschaft auf dem Verdeck versammelt; aber obgleich Alle das Loos des armen Matrosen bejammerten, so wagte doch keiner ihm beizuspringen. Die Matrosen, unfähig, eine wirksame Hülfe zu leisten, schossen aus Flinten und Pistolen auf den Haifisch, der jedoch, ungeachtet des heftigen Geräusches immer näher herankam und sein Opfer fast schon erreichte. In diesem Augenblick des Schreckens, während die herzhaftesten und bewährtesten Männer von Angst gelähmt dastanden, vollbrachte der Heldensinn und die kindliche Liebe eines Knaben eine That, wie sie gewiß noch nicht oft ausgeführt worden ist. Der junge Beckner, ein Knabe von vierzehn Jahren, welcher als Schiffsjunge auf dem Schiffe diente, hatte nämlich kaum die Größe der Gefahr erkannt, in welcher sein Vater schwebte, als er ein kurzes, scharfes Schwert ergriff und mit dieser Waffe über Bord sprang. Sobald es ihm gelungen war, hinter den Haifisch zu kommen, tauchte er unter und, stieß mit eben so vielem Geschick als Kraft und Entschlossenheit seine Waffe dem Ungeheuer bis an das Heft in den Leib. Der Haifisch, durch diesen unerwarteten Angriff aufgeschreckt, krümmte sich aus Schmerz über die ihm beigebrachte Wunde, verließ seine erste Beute und wandte sich in voller Wuth gegen den Knaben. Ein schreckliches Schauspiel bot sich jetzt den Blicken der Zuschauer dar, und es folgten einige Minuten der fürchterlichsten Angst und Erwartung. Der heldenmüthige Knabe wurde durch die grauenvolle Größe und Wildheit seines Feindes keineswegs entmuthigt, sondern setzte, um seinen Vater zu retten, den ungleichen Kampf ununterbrochen fort. Während das Ungeheuer sich wendete und drehte, um seiner Beute habhaft zu werden, stieß der junge Held das Schwert zu wiederholten Malen in seinen Leib. Aber die Rraft des Knaben reichte nicht aus, ihm einen tödtlichen Stoß zu versetzen, und er mußte endlich an seine eigene Sicherheit denken. Unterdesien hatte die Schiffsmannschaft mehrere Taue ausgeworfen, um den Vater und seinen muthvollen Sohn zu retten; doch hinderte anfangs die Bewegung der Wellen und die drohende Nähe des erbitterten Haifisches die Unglücklichen, sich die ihnen gebotene Hülfe zu Nutze zu machen. Endlich gelang es jedem von ihnen, eine der zahlreichen ausgeworfenen Taue zu ergreifen, und nun beeilte sich die ganze Mannschaft, die beiden Schwimmer heraufzuziehen. Ihre Bemühungen waren zur großen Freude der Zuschauer nicht erfolglos, und ein Strahl von Hoffnung belebte jede Brust. Beide, Vater und Sohn, waren bereits über den Wogen und klammerten sich fest an die Seile; da merkte das wüthende und an seinen Wunden heftig blutende Thier, daß seine Beute auf dem Punkte war, ihm zu entkommen. In einem Augenblick befand es sich unter den beiden Unglücklichen, machte einen gewaltigen Sprung, bei dessen Anblick das Blut in unsern Adern erstarrte, und öffnete, indem es sich aus den Rücken warf, den entsetzlichen Rachen, aus dem uns die fürchterlichen Reihen spitzer Zähne entgegenstarrten. Ein lauter Schrei des Entsetzenn hatte jedoch die Mannschaft zur äußersten Anstrengung aller ihrer Kräfte entflammt, und als das Ungeheuer seinen Sprung machte, waren Vater und Sohn schon so weit über die Oberfläche des Wassers gehoben, daß das Ungeheuer sie nicht mehr erreichte. Einen Augenblick später waren sie auf dem Verdeck, wo sie von den gewaltigen Anstrengungen und der entsetzlichen Angst zum Tode ermattet, fast bewußtlos zu Boden sanken.

Ich will die Freude des Kaufmanns über die Rettung seiner Tochter, das Entzücken des alten Beckner über den Heldenmuth und die aufopfernde Liebe seines Sohnes, den lauten Jubel der Passagiere und Matrosen nicht zu schildern versuchen; nur das will ich ausühren, daß seit jener verhängnißvollen Stunde, eine freudige, durch nichts getrübte Stimmung auf dem ganzen Schiffe herrschte, und daß selbst in den Mienen und Worten der rohesten Matrosen sich das Gefühl des Dankes gegen den Allgütigen, dessen liebevolle Hand hier so sichtbar gewaltet hatte, deutlich aussprach. Am Tage nach dem Ereigniß veranstaltete der Kapitän zu Ehren des wackern Beckner und seines heldenmüthigen Sohnes ein fröhliches Fest, bei dem es lustig genug herging und, ganz gegen die aus dem Schiffe herrschende Ordnung, gewaltige Massen von Grog getrunken wurden; der dankbare Vater aber setzte den Rettern seines Kindes einen Jahrgehalt aus, der ihnen bis an ihr Ende ein sorgenfreies Leben sicherte.




Der pädagogische Völker-Congreß in London. Der erste große, praktische Völker- und Friedens-Congreß aller Völker in dem Glaspalaste von Hyde-Park im Jahre 1851 trägt Früchte. Der Palast verwandelte sich in einen dauernden Tempel der Gesammtcultur aller Zeiten und Völker und rief eine Menge einzelne und vereinte Bestrebungen zur Verbreitung praktischer Bildung und edlern Geschmackes unter allen Völkern hervor. Unter letzteren ist die pädagogische Ausstellung aller Völker in der großen St. Martinshalle, Long Acre, zu London, hervorgerufen durch die „Gesellschaft der Künste,“ welche deren Präsident Prinz Albert zum geistigen und parlamentarischen Mittelpunkte von mehr als 350 andern Kunst-, technischen-Cultur-, Schul- und pädagogischen Vereinen Englands erweitert hat, eine der großartigsten, gelungensten und segensreichsten. Außer unzähligen englischen Schul- und Erziehungsinstituten und Vereinen, Kleinkinder-, Militär-, Marine-, Parochial-, Armen-, National-, Industrie-, kirchlichen, weltlichen, katholischen, jüdischen, Blinden-, Taubstummen- und Idiotenschulen Englands haben fast alle gebildeten Völker die Proben und Beweise und Ergebnisse ihrer Volkscultur, ihrer Volks-, technischen-, Real- und Kunstschulen zur Ausstellung gesandt, am Reichlichsten und Vollständigsten Norwegen und Schweden, sodann Nord-Amerika, die englischen Colonien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland (sehr schwach, obgleich das „Land der Schulen und Kasernen“) Holland, Malta, die Schweiz u. s. w. Wir finden alles Mögliche, was sich auf Schule, Unterricht, Erziehung und Volksbildung bezieht, nicht nur die Leistungen der einzelnen Anstalten, sondern auch die Instrumente und Mittel dazu: Bücher, Maschinen, Modelle, physikalische Instrumente und die Hülfsmittel zum Unterricht in den einzelnen Zweigen des Wissens, der Kunst und Industrie, Modelle, Erfindungen und Verbesserungen für Schulhäuser und Unterrichtserleichterungen, besonders eine große Menge (englische) farbige und deutliche Veranschaulichungen der einzeluen Naturwissenschaften, Farbenkatechismen, Himmelskarten, geologischn Musterbilder, Darstellungen der Gebirge, der verschiedenen Höhen, der Wärme, der Pflanzen- und Thiergrenzen, der Klimate, Tafeln, Karten und Erdkugeln von Schiefer mit eingegrabenen Linien und Umrissen zum Einzeichnen ver Einzelheiten für den Schüler, Apparate zur Veranschaulichung mechanischer, chemischer, industrieller und cosmischer Prozesse. So bekommt man in diesen Hallen ein großes, mit hoher Freudigkeit erfüllendes Gesammtbild der vereinten, nach einem Ziele strebenden verschiedenen Völker und ihrer Elementar-Culturzustände. Sie alle wollen den in gebildeter Arbeit und Produktion freien, edeln Menschen. Nur Rußland und die Schwarzen in Amerika fehlen.

Der republikanische, durch allgemeines Wahlrecht entstandene Kongreß der vereinigten Staaten hat den Unterricht für Leibeigne eben so verboten, wie der russische Autokrat. Ein merkwürdiger Berührungspunkt von Extremen. – Interessant und praktisch erwiesen sich noch besonders die kleinen, tragbaren, chemischen Laboratorien, Muschel-, Mineralien-, Conchylien-, Krystall- und Elementsammlungen in ihren wissenschaftlich geordneten Hauptbestandtheilen. So bekommt man außer dem Totaleindrucke friedlicher Zusammenwirkung aller Völker zur Erreichung einer allgemeinen, praktischen, menschheitlichen Kultur und Civilisation, noch den speciellen, daß man diesen großen Zweck immer mehr durch den lebendigen, faßlichen und greifbaren Anschauungsunterricht, wie er der Jugend allein zusagt und ihr angemessen ist, zu erreichen sucht, durch die von Pestalozzi und Fröbel begründete pädagogische Methode, deren Werth erst jetzt in England wahrhaft erkannt und anerkannt wird, so daß Schulanstalten ganz besonders auf ihre neue deutsche und schweizerische Methode aufmerksam machen, um sich zu empfehlen. Das unvollkommene, aber freie Schulwesen Englands wird durch die neuen Anregungen und Lehren, die aus der pädagogischen Ausstellung fließen, uns nach-, aber in seiner Praxis und freien Thatkraft auch leicht zuvorkommen.




Mittel gegen die Faulheit. In Amsterdam hat man ein merkwürdiges Mittel, die Faulen in dem Strafarbeitshause zur Arbeit anzuhalten. Diese werden nämlich in ein kleines Gefängniß gebracht, das auf allen Seiten dicht geschlossen ist, und in welchen aus einer Röhre Wasser hineinfließt, das nur durch eine in dem Gefängnisse befindliche Pumpe entfernt werden kann. Wollen die Faulen nun nicht ertrinken, oder doch mindestens im Wasser sitzen, so müssen sie unablässig und aus Leibeskräften pumpen.




Bücher-Absatz in Amerika. Der Verkauf von Macaulay’s Essays (3 Bände) beträgt 68,000 Bände. Von Miß Aquilar’s Schriften sind in zwei Jahren 100,000 Bände verkauft worden. Von Al. Smith’s Gedichten wurden in wenigen Monaten 10,000 Exemplare abgesetzt. Der Verkauf von Thackeray’s Werken soll in Amerika ziemlich das Vierfache von dem in England betragen und der von Dickens Werken zählt fast nach Millionen von Bänden. Auch von Bulwer’s letztem Romane sind seit seiner Vollendung über 35,000 Exemplare verkauft worden. Unter den amerikanischen Schriftstellern nimmt in Bezug auf Verkäuflichkeit Washington Irving den ersten Rang ein, selbst Mstrs. B. Stowe nicht ausgeschlossen; er ist in mehreren hunderttausend Exemplaren verbreitet. Vom Onkel Tom sind 295,000 Exemplare abgesetzt worden; von Stephen’s Reisen in Aegypten und Griechenland 80,000 Bände; von desselben Reisen in Yucatan und Central Amerika 60,000 Bände; von Griswold’s Poets and Prose Writers of America (3 Bde.) 24,000 Bände; u. s. w. Die deutschen Buchhändler werden nach diesen Zahlen Amerika wahrscheinlich für das gelobte Land erklären, wo Milch und Honig fleußt.