Die Gartenlaube (1863)/Heft 45

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1863
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1863) 705.jpg
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[705]
Meine Tante Therese.
Keine erfundene Geschichte.
(Fortsetzung.)

„Therese,“ konnte der Verwundete endlich hervorbringen, „ich muß sterben. Ich kann es nicht, ohne ein Wort von Ihnen vernommen zu haben. Können Sie mir verzeihen?“

Kann man einem Sterbenden die Verzeihung versagen? „Gewiß,“ sagte meine Tante. „Ich verzeihe Ihnen.“

„Alles, Therese?“

„Alles!“

„Aus vollem Herzen?“

„Aus dem Grunde meines Herzens.“

Er wollte noch etwas sagen und sah sie zweifelhaft an. Er kämpfte mit sich.

„Haben Sie Dank, Therese,“ sagte er. „Der Himmel lohne es Ihnen – lohne es Ihnen tausend Mal!“

Es waren nicht die Worte, um die er mit sich gekämpft hatte. Zu ihnen hatte er nicht den Muth gehabt. Aber ihr seine Hand hinzuhalten, das wagte er doch. Sie zögerte, ob sie die ihrige hineinlegen sollte, und er sah es, und ein tiefer Schmerz zog sich durch sein Gesicht.

„Therese,“ sagte er, und seine Stimme war fast tonlos – „darf ich Sie bitten, den Fuhrmann herzurufen?“

Sie erschrak doch. „Sie wollen wieder fort?“ sagte sie zögernd.

„Ja.“

„In der kalten Nacht? Auf diesem unbequemen Wagen?“

„Ich muß weiter.“

„Und wohin?“

„Wo ich sterben kann.“

„Nein, nein,“ rief die Tante. „Sie dürfen nicht sterben. Sie sollen nicht sterben. Es wäre Ihr Tod, wenn Sie weiter führen, Sie müssen hier bleiben.“

Sie war außer sich und hatte Alles vergessen, was er ihr gethan, was sie gelitten hatte, was er von ihren Worten denken könne. Er gewahrte, er ahnte es, und ein Strahl der Freude zuckte über sein Gesicht.

„Haben Sie mir auch aus dem Grunde Ihres Herzens verziehen?“ fragte er.

„O gewiß, gewiß!“ rief sie. „Glauben Sie es mir.“

„Und Sie wollen mich hier aufnehmen?“

Sie wurde roth. „Sie sind ja hier in Ihrem Eigenthum,“ sagte sie hastig und – indem sie ihre Hand in die seine legte, setzte sie hinzu: „Sie müssen hier bleiben.“

Er widersprach nicht mehr. Sie rief den Fuhrmann und die alte Magd herbei, den Verwundeten aus dem Wagen zu heben, und half selbst mit. Dann führten sie ihn in das Haus, und in dem Hause in dessen verborgenstes Stübchen, oben in dem Thurme. Sie hatte gesehen, daß er die preußische Uniform trug, und errieth das Weitere. Sein Aufenthalt im Schlosse mußte das tiefste Geheimniß bleiben. Wurde nur bekannt, daß ein Verwundeter Aufnahme im Schlosse gefunden habe, so war der Verdacht der Franzosen, die noch Herren im Lande waren, geweckt, Nachsuchungen mußten unausbleiblich erwartet werden. Eine Fortsetzung seiner Reise hätte ihn freilich einer noch größeren Gefahr der Entdeckung ausgesetzt.

Der Fuhrmann wurde mit einer reichen Belohnung gegen das Versprechen des Stillschweigens entlassen. Der ehrliche westphälische Bauer hätte ohnehin nicht den Verräther gemacht.

In dem heimlichen Stübchen bereiteten die Tante und die alte Christine dem verwundeten ein weiches, bequemes Lager. Dann untersuchten sie den Verband seiner Wunden, am Kopfe, am Arme, es saß noch überall fest. Und es that dem Kranken so wohl, auf dem lange entbehrten weichen Lager, unter der sorgsamen Erquickung und Pflege der beiden Frauen ausruhen zu können. Er warf ihnen Blicke der Dankbarkeit zu, und wenn er noch an Sterben denken mußte, so geschah es wohl nicht ohne Schmerz. Die Tante konnte er nur schmerzvoll ansehen. Sie mußte ihn verlassen; die alte Christine blieb zur Wache und Pflege bei ihm. Er sagte nichts, als sie ging, aber als sie fort war, hatte er ein paar Fragen an die Magd.

„Ist hier Alles beim Alten geblieben, Christine?“

„Es ist Alles, wie es war, gnädigster Herr.“

„Auch mit der Mamsell?“

Er sprach die Worte zögernd. Sie mußte ihn ansehen.

„Was sollte mit der Mamsell anders geworden sein, Eure Gnaden?“

Er fragte nicht weiter. Ihre Gegenfrage war ihm Antwort.

„Werde ich die Mamsell wiedersehen?“ fragte er am andern Morgen die Magd.

Sie sagte es der Tante wieder, welche zu ihm ging, denn sie durfte den Kranken nicht ganz allein lassen. Die alte Christine konnte nicht immer bei ihm sein, wenn sie nicht vermißt werden sollte. Der Verwundete dachte wohl nicht mehr an Sterben, als die Tante wieder zu ihm kam.

„Therese,“ sagte er, „Sie kennen die Uniform, die ich trage?“

„Es ist die preußische.“

[706] „Ja, und in ihr habe ich mir die Verzeihung meines Vaterlandes erkämpft. Darf ich Ihnen erzählen, wie?“

„Ich werde zuhören.“

„Ich war in französische Dienste getreten – Sie wissen, wie, Therese.“

Sie antwortete ihm nicht; sie nickte nur leise mit dem Kopfe.

„Ich hatte mich dem Feinde meines Vaterlandes verkauft. Ich will, ich kann mich nicht damit entschuldigen, daß es im Wahnsinn geschehen war. Ja, Therese, im Wahnsinn!“

Er sah sie an. Sie hatte die Augen niedergeschlagen. Er fuhr fort:

„Das französische Regiment, bei dem ich stand, wurde erst vor wenigen Wochen nach Deutschland geschickt. Es war eines der letzten, denn es hatte in einer der entferntesten Garnisonen gestanden. Es war mir bisher nicht vergönnt meinem Vaterlande dienen zu können, jetzt sollte ich gegen meine Brüder kämpfen! Es war mir nicht möglich. So viele Schuld, so viele Schmach konnte ich nicht auf mein Haupt laden. In dem ersten Kampfe trat ich offen, mitten im Kugelregen, zu den Preußen über, und ich kämpfte von da an in ihren Reihen, auch bei Leipzig. Ich zog dann an der Spitze der Verfolger, die den fliehenden Franzosen auf den Fersen waren. Wir hatten noch Gefechte mit ihnen zu bestehen; in einem derselben, gestern, schon auf westphälischem Boden, wurde ich verwundet; ich erhielt einen Schuß in den linken Arm, einen Säbelhieb über den Kopf. Ich war vom Pferde gesunken und wurde für todt unter den Pferdehufen fort vom Kampfplatze getragen. Mit meinem Vaterlande war ich jetzt ausgesöhnt; seine Verzeihung hatte ich erhalten. Mir mußte noch eine andere werden, und sie konnte ich mir nicht erkämpfen; ich mußte sie mir erbitten, erflehen. Der Wundarzt hatte mich verbunden. Er erklärte meine Wunden nicht für lebensgefährlich; ich bedürte nur der Ruhe und Pflege. In der Nähe des Kampfplatzes waren nur elende Dörfer, in der weiteren Nachbarschaft lagen nur kleine Städte, die noch jeden Augenblick der Unruhe und für mich der Gefahr des Durchzuges der Franzosen ausgesetzt waren. So wurde beschlossen, mich zu meinem väterlichen Schlosse zu bringen. Es geschah auf die bequemste Weise, die in dem Bauerndorfe unter den Unruhen des Krieges zu beschaffen war. Aber unterwegs kam das Wundfieber über mich, mit ihm das Gefühl des Sterbens. Und ich konnte nicht sterben ohne jene andere Verzeihung. Ich ließ mich hierher fahren.“

Er schloß seine Erzählung. Sie hatte die Augen wieder gesenkt.

„Sie haben mir nichts zu sagen, Therese?“ fragte er.

Sie sah stumm vor sich nieder.

„Sie haben mir verziehen, Therese – aus dem Grunde Ihres Herzens, sagten Sie.“

„Gewiß,“ sagte sie leise.

„Also nicht mit Haß im Herzen?“

„Nein –“

„Und Sie hätten so vielen Grund, mich zu hassen! Wie manche, wie schwere Leiden habe ich auf Sie gehäuft!“

Sie unterbrach ihn. „Freiherr Adalbert, Sie bedürfen der Ruhe.“

Freiherr Adalbert! Sie hatte ihn nur an dem ersten Tage so genannt, da sie als Kinder sich kennen gelernt hatten, seitdem nie wieder. Es gab ihm einen Stich in das Herz.

„Der Ruhe?“ rief er. „Wozu? Um wieder zu genesen? O Therese, jetzt, da ich Ihre Verzeihung habe, kann ich doch nicht sterben, darf ich nicht sterben. Therese, meine Hand ist wieder frei. Mein Herz hat Ihnen immer gehört, immer, immer, trotz seiner Verirrung. Glauben Sie es mir, Therese! Sie müssen es mir glauben. Und nun, Therese, entscheiden Sie über mein Leben, über meinen Tod! Sie sagten in der gestrigen Nacht, ich dürfe, ich solle nicht stechen. Soll ich es nicht – Therese, leben kann ich nur, wenn ich Ihr Herz, wenn ich Ihre Liebe wieder habe, wenn Sie wieder mir gehören, mein Weib werden wollen. Therese, Therese, sage das eine Wort, daß auch Du mich noch liebst!“

Er hatte ihre Hand ergriffen und sah ihr so liebend, so treu und so reuig und so ehrlich in das Gesicht. Und sie – sie hatte ihn ja immer geliebt, trotz seiner Verirrungen, trotz ihrer Leiden. Sie hatte ihm ihre Hand gelassen. Er zog sie an der Hand an seine Brust.

„Sei wieder mein, Therese!“

„Ich bin es.“

„Jetzt für immer!“

„Für immer!“

Sie hatte nicht anders gekonnt, mit ihrem Herzen voll treuer, gegenüber dem seinigen voll reuiger Liebe. Sie waren glücklich; sie waren es wieder, wie sie es nur je gewesen waren. Und mit diesem Glücke hatte sie der kranken Großmutter vorlesen müssen, aus irgend einem vortrefflichen, langweiligen Buche, über dem die alte Frau beinahe eingeschlafen war.

Und in dieses Glück war dann auf einmal jene Gefahr und jener Schrecken des Krieges hineingetreten. In der Nähe des Schlosses wurde gekämpft zwischen den Franzosen und Verbündeten, und aller Wahrscheinlichkeit nach mußten die Franzosen Sieger bleiben. Fast eben so wahrscheinlich war es, daß die Flucht der Besiegten sich in die Richtung des Schlosses Hawichhorst werfen werde. Auch die siegenden Franzosen kamen dann hierher. Kamen sie, so drangen sie auch in das Schloß. Waren sie im Schloß und fanden sie den preußischen Offficier, der aus den Reihen der Franzosen zu den Preußen übergetreten war – das Loos des Deserteurs war eine Kugel. Und der Verwundete konnte nicht fort, und wie leicht konnten sie ihn in dem nicht großen Gebäude finden, in das sie als rohe, übermüthige Herren nach einem blutigen Siege eindrangen, das sie wie eine Beute, wie ihr Eigenthum betrachteten!

Die Tante Therese mußte es sich sagen, als sie über den Erschöpften sich hingebeugt hatte, mit der Thräne im Auge, mit der schweren Angst im Herzen, aber auch mit dem klaren Muthe, den sie gefaßt hatte, der sie nicht wieder verließ. Der Verwundete erholte sich wieder. Er schlug die Augen wieder auf und sah in das muthige Auge der Tante. Nur den Muth zeigte sie ihm. Und der ruhige, feste Muth kam auch über ihn, der Muth, der klar dem Tode in das Auge zu schauen vermag.

„Du kannst nicht fort,“ sagte die Tante, „Du siehst es.“

„Ja, ich sehe es. Therese. Und so erwarten wir ruhig, was über uns kommen wird.“

„So sei es, mein Adalbert. Hoffen wir Alles und vertrauen wir auf Gott! Er kann die Gefahr von uns abwenden, er kann sie über uns schicken; er kann sie, wenn er sie auch zu uns führt, an uns vorübergehen lassen. Wir wollen das Unsrige dazuthun. Du bleibst ruhig hier; ich habe keinen verborgenern Platz im Hause, und außer der alten Christine und mir weiß Niemand, daß Du hier bist; selbst meine Mutter nicht. Ich wollte ihr in dieser Zeit der Angst und der Sorge das Herz nicht noch schwerer machen. Ich gehe, Anstalten für unser Aller Sicherheit zu treffen. So wird Alles gut werden. Sollte aber“ – das Herz wurde der armen Tante doch schwer – „sollte aber das Unglück dennoch über uns hereinbrechen, dann, Adalbert, dann sterben wir zusammen!“

Sie küßte ihn, und er umfing sie.

„Nein, Therese,“ rief er, „wir werden Beide leben. Wir müssen es!“

Das Eine, wie das Andere sagt und glaubt das liebende Herz so oft. Die Tante verließ den Kranken. In ihrem Herzen war edler, fester Muth.




4. Ein gutes Werk.

Die Tante Therese war aus dem heimlichen, verborgenen Stübchen des Kranken herausgetreten, leise und vorsichtig, wie sie hineingegangen war. Sie schloß eben so vorsichtig die Thür zu, steckte den Schlüssel zu sich und wollte durch den engen Gang, über die schmale, dunkle Wendeltreppe in den unteren Theil des Hauses zurückkehren, wo sie noch, unter schweren Sorgen, so Manches zu besorgen hatte.

Sie blieb einen Augenblick an der Thür stehen und horchte in den Gang hinein; sie schien etwas zu fürchten. Sie hörte ein Geräusch, nur ein sehr leises; sie glaubte nur, es zu hören, in der Mitte des Ganges, dort, wo der Seitengang hineinmündete; in diesem Seitengange schien es zu sein. „Der Freiherr?“ sagte sie erschrocken. Aber sie hörte nichts weiter; sie mußte fort; sie konnte sich auch verhört haben. Sie ging schnell und muthig in den Gang hinein.

Mitten im Gange wurde sie aufgehalten. Aus dem Seitengange sprang hastig Jemand auf sie zu. Es war ein ältlicher Mann, kein, dürr, häßlich verwachsen; seine Haare waren grau und [707] struppig. Er sah sie mit höhnischem Grinsen an. Aber es lag keine Bosheit darin. Nur Schwachsinn sprach sich darin aus, wenn es nicht gar Blödsinn oder Irrsinn war.

„Ach, Mamsell Therese!“ rief er mit gedämpfter, geheimnißvoller Stimme.

Die Tante war heftig erschrocken. „Mein Gott, auch das noch!“ sagte sie schmerzlich für sich. Zu ihren vielen Sorgen war eine neue, vielleicht die schwerste getreten. Aber sie mußte und konnte sich schnell fassen.

„Guten Abend, Freiherr Max,“ sagte sie mit ihrer vollsten Ruhe. –

Der Schwachsinnige war der Freiherr Max, der Bruder des Reichsfreiherrn, den dieser vor fünfzehn Jahren nach Schloß Hawichhorst gebracht hatte und der seitdem immer im Schlosse gewesen war. Freilich als Freiherr. Er wohnte oben in dem Seitengange ganz allein, mußte dort allein essen und trinken und durfte mit der Familie des bürgerlichen Rentmeisters keine vertraute Gemeinschaft haben. Der Reichsfreiherr hatte das Alles, als er vor fünfzehn Jahren da gewesen war, so angeordnet, und es war immer treu und gewissenhaft gehalten worden.

Der Irre hatte in solcher Weise eine eigenthümliche Stellung im Hause eingenommen. Er war gutmüthig, wie ein Kind; seine vornehme Abgeschlossenheit von der Familie aber und frühere Eindrücke brachten manchmal freiherrliche Erinnerungen und Velleitäten in ihm herauf, und er liebte es dann, sich gnädige Späße gegen seine Umgebung zu erlauben. Sie waren freilich nur gutmüthige; allerdings soweit sein Schwachsinn ihm gestattete, einzusehen und zu fühlen, daß er nicht verletze. Hatte er verletzt, und man brachte es ihm nachher zur Erkenntniß, so war er ein desto reuevolleres Kind. Im Grunde hatten sie daher Alle im Hause, wie Mitleiden, so auch Liebe für ihn.

Die Tante Therese imponirte ihm sonst immer. Dieses Mal schien es nicht so. Sie wollte an ihm vorbeigehen, aber er vertrat ihr den Weg.

„Wünschen Sie etwas, Freiherr Max?“

„Ah, Mamsell Therese, wo kommen Sie her?“

„Ich hatte hier oben zu tun.“

„In dem kleinen Thurmstübchen da hinten?“

„Ja.“

Er lachte. „Ja, ja, und ich weiß auch, was Sie dort zu tun hatten.“

„Nun, lieber Freiherr Max, dann wissen Sie auch, daß ich eilig bin. Lassen Sie mich!“ Sie sprach es mit ihrer erregten, fast strengen Ruhe. Aber sie imponirte ihm diesmal nicht.

Er lachte höhnischer. „Sie wollen wohl recht eilig zu dem kleinen Stübchen zurück?“

„Ich habe unten im Hause Geschäfte.“

„Bah, Mamsell Therese, mir machen Sie nichts weiß. Ich weiß Alles.“

„Um so mehr lassen Sie mich!“

„Ich will Ihnen auch sagen, was ich weiß.“

„Nachher –“

„Nein, nein, jetzt gleich. Ich habe heute Nacht Alles gesehen. Es war so klarer Mondschein.“

Die Tante erschrak auf den Tod. Wußte er von dem Aufenthalte des Verwundeten, und nur Ein Franzose kam hierher, so war es um den Verwundeten geschehen.

„Heute Nacht –?“ rief sie.

„Ja, ja, heute Nacht. Hören Sie mir zu. Es war gerade Mitternacht, da –“

Die Tante hatte sich erholt. „Ah, da träumten Sie wohl,“ sagte sie freundlich und lächelnd.

„Nein, nein, Mamsell Therese.“

„Um Mitternacht,“ belehrte sie ihn, „fangen die Träume an, besonders wenn der Mond scheint.“

„Aber ich träumte nicht, Mamsell Therese.“

„Und je klarer und heller der Mond scheint,“ fuhr die Tante Therese sicher und belehrend fort, wie ein Professor auf dem Kateder, „um so lebhafter und deutlicher träumt der Mensch.“

„So?“ sagte der Schwachsinnige doch.

„Haben Sie das noch nicht gewußt? Aber erzählen Sie nur, was Sie heute Nacht in dem hellen Mondscheine geträumt haben?“

Sie wollte ihn völlig irr mit sich selbst machen und wohl auch wissen, was er gesehen hatte, und wie viel er wisse.

„Was ich geträumt habe?“ sagte er. „Ei, ich sah es ja deutlich, wie der Wagen ankam. Es war ein Bauerwagen, er knarrte etwas, und da auf der Seite hielt er nicht weit von meinem Fenster. Es war Heu darin, und in dem Heu lag ein Mensch –“

Die Tante unterbrach ihn. „Sehen Sie, wie lebhaft Sie geträumt haben?“

„Aber ich sah es ja.“

„Sie waren ja im Bett!“

„Ich war aufgestanden.“

„Auch das haben Sie geträumt?“

Der Schwachsinnige schwankte. „So? Sollte ich wirklich geträumt haben? Aber es war doch so hell?“

„Darum tränmten Sie so lebhaft.“

„Und ich sah es deutlich, wie der Mensch im Wagen eine Binde um den Kopf trug – und auch den Arm hatte er in einer Binde, und in einer Uniform war er, und der Fuhrmann hob ihn aus dem Wagen, und auch die alte Christine war dabei, und auch Sie, Mamsell Therese, ja ja, auch Sie –“

Er wußte Alles. Die Tante Therese zitterte. Er hatte Alles gesehen und wußte es so bestimmt, so sicher. Aber sie gab noch nicht verloren. Sie lachte laut.

„Ich, lieber Freiherr Max? Sehen Sie, wie Sie geträumt haben. Ich habe die ganze Nacht geschlafen, in der Stube meiner Mutter, Sie können sie fragen.“

„So?“ sagte der Irre wieder.

„Und auch die Christiane wird nicht aufgewesen sein. – Wollen wir sie gleich fragen?“

„Ja, ja, kommen Sie!“

Die Tante wollte triumphiren. Er verließ mit ihr den Gang, und Beide gingen die Treppe hinunter. Aber unten in der Hausflur traten ihnen erschrockene Gesichter entgegen. Es waren die Knechte und Mägde des Hauses. Sie hatten auf die Rückkehr der Mamsell Therese gewartet, denn sie hatte immer die ruhige Besonnenheit, den klaren Muth. Der Verwalter und der junge Herr waren zudem nicht da; sie waren noch immer nicht zurückgekommen und die Frau des Hauses lag alt und gelähmt in ihrem Rollstuhle.

„Mamsell, hinten am Walde wird geschossen. Die Franzosen und Russen und Preußen kämpfen dort.“

Meine Tante behielt ihre ruige Besonnenheit, ihren klaren Muth.

„Ich weiß es,“ sagte sie.

„Aber es kommt näher, Mamsell. Sie werden hierher kommen. Und was dann?“

„Was dann?“ sagte die Tante. Aber sie durfte in Gegenwart des Herrn nicht fortfahren. Sie dachte an Alles, wie schwer ihr nach so mancher Seite hin Kopf und Herz sein mochten.

Die Augen des Irren hatten bei der Nachricht, die er so plötzlich erfuhr, angefangen zu funkeln.

„Sie schießen? die Franzosen?“ fragte er hastig einen Knecht, der neben ihm stand.

Die Tante warf ihm einen strengen Blick zu. „Freiherr Max, man wird Ihnen die Nachricht in Ihr Zimmer bringen. – Christine, der Freiherr hat einen Befehl für Dich. Folge ihm auf sein Zimmer!“

Der Irre fühlte den Freiherrn in sich, der sich nicht mit Knechten und Mägden gemein machen dürfe. Er kehrte gehorsam zu der Wendeltreppe zurück. Die alte Christine, welche vorher einen Wink von der Tante erhalten hatte, folgte ihm.

„Und nun,“ sagte die Tante zu den Leuten, und sie war bewunderungswürdig in ihrer Ruhe, in ihrem Mute. „Ihr sagtet. Was dann? Wenn der Kampf sich hierher ziehe? Es sind Preußen und Franzosen, die dort kämpfen. Siegen die Preußen, und sie kommen hierher, so sind Freunde hier, die uns vom fremdem Joche befreit haben. Kommen die Franzosen als Sieger – wir stehen auch dann in Gottes Hand und in Gottes Schutz. Wir müssen nur das Unsrige mit dazu tun. Und dazu laßt uns schreiten, ruhig, ohne Lärm, ohne Ueberstürzung, jeder an seinem Platze!“

Und klar und ruhig, wie sie war, ertheilte sie den Leuten ihre Befehle.

[708] „Nur gegen den ersten Anlauf, also nur gegen die Fliehenden können wir uns schützen. Den Siegern, wenn sie in das Haus wollen, können wir es auf die Dauer nicht versperren. Danach müssen wir handeln. Verschließt und verrammelt zuerst, so fest wie möglich, alle Thore und Thüren, die in das Haus und die Ställe führen! Laßt vor allen Fenstern die Läden, so dicht, daß man von außen kein Licht sehen kann! Bringt kein Licht an ein anderes Fenster! Geht gleich an die Arbeit, macht Alles ordentlich! Und dann vertraut auf Gott, der in Gefahr und Noth erst recht bei dem Menschen ist, wenn der Mensch nur den Kopf klar und das Herz muthig bewahrt! – Noch Eins. Mein Bruder und der Verwalter sind noch nicht zurück. Achtet auf ihre Rückkehr, damit sie sogleich können eingelassen werden! Sollte ein Anderer Einlaß begehren, so ruft Ihr vorher mich herbei!“

Die Leute gingen, die Befehle auszuführen. Die Tante stand noch einige Minuten nachdenklich. Dann ging sie zu dem Wohnzimmer, in dem sich die Großmutter befand. Die alte, gelähmte Frau saß in ihrem Rollstohle und sah sich durch das Fenster die Kronen der Bäume des Waldes an, die von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet wurden. Der Tag war trübe gewesen. Da hatte die Sonne bei ihrem Scheiden für die Nacht noch ihr Recht haben wollen und brach sich durch eine Wolkenschicht hindurch, um noch einen letzten Blick auf den Wald und über die Haide zu werfen.

„Und was wird kommen, bis sie morgen wiederkehrt?“ sagte die Großmutter. „Was wird der Abend, die Nacht uns bringen?“

Man hörte in der Stube, die nach dem Walde hin lag, wieder das Gewehrfeuer; es war näher gekommen, wie schon die Leute zu der Tante Therese gesagt hatten. Man hatte früher nur das Rottenfeuer gehört; jetzt glaubte man dazwischen auch einzelne Schüsse zu vernehmen. Die Großmutter hatte dennoch ihren guten Muth nicht verloren, wie die Tante den ihrigen wiedergewonnen hatte.

„Hast Du Alles besorgt, Therese?“ fragte sie die Tante.

„Alles, was besorgt werden konnte. Ich habe Thore und Thüren und Fensterläden schließen lassen. Mehr können wir nicht.“

„Mehr können wir nicht, Kind. Das Weitere müssen wir Gott anheimstellen.“

„Aber hier habe ich noch etwas zu thun, Mutter,“ sagte die Tante.

Sie ging in eine Kammer, die sich neben der Stube befand, und kam mit einem Korbe daraus zurück, den sie an einen großen eichenen Schrank setzte. Dann begann sie die Schubfächer des Schrankes zu öffnen und die Gold- und Silbersachen der Familie aus alter und neuer Zeit herauszunehmen und in den Korb zu legen. Oben unter dem Fußboden des nämlichen Thurmstübchens, in welcher die Tante den Freiherrn Adalbert aufgenommen hatte, war ein geheimer Versteck, aufzufinden nur von dem, der ihn kannte, und außer der Großmutter und der Tante und der alten Christine kannte ihn Niemand. Dort wollte Therese die Kleinodien verstecken. Sie ward auch daran gehindert. Man vernahm plötzlich draußen ein Geräusch in der Haide, abwärts vom Walde. Die Großmutter und die Tante horchten, das Geräusch kam näher. Es war ein Wagen, der rasch fuhr und auf das Schloß zuzufahren schien.

„Der Verwalter,“ sagte die Tante. „Gottlob, da haben wir doch noch eine Stütze.“

Aber die Großmutter schüttelte den Kopf. „Das ist kein Wagen vom Schlosse!“

Die gelähmte Frau mußte den ganzen Tag in ihrem Rollwagen zubringen. Da konnte sie bei dem, was draußen vorfiel, nur mit ihrem Gehöre sein. So kannte dieser Sinn im Schlosse Alles, was er zu erfassen vermochte, um so genauer. Auch die Tante überzeugte sich.

„Es ist ein fremder Wagen. Und wir erwarten Niemanden.“

Sie wurde unruhig, verlor aber ihre Besonnenheit nicht. Sie hatte an den Fenstern der Wohnstube noch nicht die Läden vorgelegt, um die Dämmerung des Abends zu ihrer Arbeit zu benutzen. Die Läden waren innen in der Stube. Sie legte sie rasch vor und verschloß sie dicht, fest. Sie schlossen die ganzen Fenster. Dann zündete sie ein Licht an. Von außen hatte man nichts sehen können, konnte man auch ferner nichts sehen. Der Wagen war nicht mehr zu hören.

„Er wird zum Einfahrtsthore gefahren sein,“ meinte die Tante.

Das Einfahrtsthor war an der anderen Seite des Hauses. Die Tante wollte in ihrer Arbeit von Neuem beginnen. Sie wurde noch einmal darin gestört. Die alte Christine trat in die Stube.

„Mamsell, der Christian schickt mich. Vor der Brücke am Eingangsthore hält ein Wagen mit zwei Pferden. Der Christian, der an dem Thore aufpaßt, meinte zuerst, der Herr Verwalter komme zurück. Aber es war ein fremder Wagen, und ein fremder Herr war eilig herausgestiegen und hatte an das Thor geklopft und gerufen, man möge ihn einlassen. Da läßt der Christian fragen, was geschehen soll.“

Die Tante Therese hatte sich schnell besonnen. „Du erlaubst, Mutter, daß ich selbst hingehe?“

„Thue das, Kind!“

„Und daß die Christine mich begleite?“

„Nimm sie mit Dir!“

Die Tante Therese und die alte Magd gingen zu dem Einfahrtsthore. Sie traten aus der Stube in die Vorhalle, aus dieser in den Hof vor dem Schlosse. Den Hof umschloß eine hohe, dicke Mauer, die zu beiden Seiten bis an das Schloß reichte. In der Mitte der Mauer war das Einfahrtsthor, zu den Seiten des Thors waren in der Mauer zwei kleine, mit einer Fensterscheibe versehene Schaulöcher, durch die man die Brücke vor dem Thore überblicken konnte, ohne von außen selbst gesehen zu werden.

Der Knecht Christian stand an einem der Löcher. Er war der Vorknecht auf dem Schlosse, der zugleich eine Oberaufsicht über die anderen Knechte führte, und ein eben so entschlossener, wie zuverlässiger Mann. Er kam der Tante entgegen.

„Es ist eine fremde Herrschaft, Mamsell. Der Wagen kam von rechts über die Haide in gestrecktem Galopp, als wären die Leute auf der Flucht, gerades Weges auf das Schloß zu. Hier meinten sie wohl, sofort in das Thor fahren zu können, aber es war verschlossen, und sie mußten an der Brücke halten. Der Kutscher sagte es in den Wagen hinein. Da sprang ein Herr heraus und besah sich eilig das Schloß. Dann kam er über die Brücke an das Thor und versuchte es zu öffnen. Als er das nicht konnte, klopfte er an und rief. „Heda, heda!“ Er bekam keine Antwort, ich hielt mich ganz still. Er klopfle noch ein paar Mal und rief lauter: „Heda! Verirrte Reisende bitten um Aufnahme!“ Ich hielt mich still, wie zuvor. Er ging zu dem Wagen zurück. „Steige ab,“ sagte er zu dem Kutscher. „Wir wollen um das Haus herum gehen, ob wir keinen anderen Eingang sinden. Ich gehe rechts; gehe Du links.“ Der Kutscher stieg vom Bock, und sie gingen um das Haus, der Eine nach der einen, der Andere nach der anderen Seite. Sie sind noch nicht zurück, aber sie müssen jeden Augenblick kommen.“

„Wie sah der Herr aus?“ fragte die Tante den Knecht.

„Es war ein großer Mann in mittleren Jahren und sah recht vornehm aus.“

„War er allein in dem Wagen?“

„Nein, Mamsell. Er muß seine Frau und Kinder bei sich haben. Hinein sehen konnte ich in den Wagen nicht; es war schon zu dunkel. Aber ich hörte ein paar Kinderstimmen, und als eins von den Kindern weinte, suchte eine Frauenstimme es zu trösten und zur Ruhe zu bringen.“

Die Tante trat an eins der kleinen Fenster, um selbst hindurch zu sehen. Das Dunkel der Dämmerung hatte zugenommen, nur der Wagen war zu erkennen, der vor der kleinen Brücke hielt. Was in seinem Innern sich befand, war in der Dunkelheit nicht zu entdecken, doch glaubte die Tante leises Weinen zu hören.

Sie werden aufgenommen! der Entschluß stand dennoch fest[1] bei meiner braven Tante, die schon so viele eigene und selbst fremde Sorge zu tragen hatte. Sie sind zwar, sagte sie zu sich, auch hier vielleicht schweren Gefahren unterworfen, aber die Frau und die Kinder finden doch ein Unterkommen, eine warme Stube, Essen und Trinken. Draußen müßten sie in der kalten dunklen Nacht und in der nacken Haide herum irren, ohne Obdach, ohne nur einem Menschen zu begegnen, sie müßten denn zwischen das Feuer der Soldaten kommen. Sie werden aufgenommen! Aber ich will doch vorher den Fremden sehen.

Zwei Personen kamen an die Mauer.

„Der Herr und der Kutscher!“ flüsterte an seinem Fenster der Knecht Christian der Tante zu.

Die Tante sah eine große Mannesgestalt; näher konnte sie in der Dunkelheit den Herrn nicht erkennen. Er war an den Wagen getreten und sprach hinein.

[709] „Es war vergebens. Alles verschlossen. Nirgends ein Licht. Das ganze Haus wie ausgestorben, die Bewohner müssen geflüchtet sein.“

Die Stimme war meiner Tante unbekannt. Eine sanfte, klagende Frauenstimme antwortete ihm.

„Und wo werden wir bleiben mit dem kranken Kinde? Wir sahen seit einer Stunde kein Haus. Die Nacht wird dunkler.“

„Und das Schießen kommt näher!“ sagte der Mann, mit jenem Trotze und Ingrimm, den die Hoffnungslosigkeit giebt.

„Mache noch einen Versuch!“ bat ihn die Frau.

Der Mann ging auf das Einfahrtsthor zu und wollte noch einen Versuch machen.

„Oeffne das Thor, Christian!“ befahl die Tante dem Knechte.

Der Knecht öffnete das Thor. Der Herr draußen hatte es gerade erreicht. Als er noch einmal anpochen wollte, that es sich schon vor ihm auf, und er stand vor der edlen Gestalt, vor dem schönen, klaren, ruhigen Gesichte meiner Tante. Er war überrascht; aber seine Sorge war verschwunden, da er nur einen halben Blick in das Antlitz meine Tante geworfen hatte.

„Meine Gnädige,“ sagte er, „darf ich Sie um Aufnahme für eine flüchtige, hülflose Familie bitten? Für ein krankes Kind, für eine leidende Frau?“

„Sie sollen,“ erwiderte ihm die Taute, „hier jede Hülfe finden, die Ihnen in diesem Augenblicke unser Haus zu gewähren vermag. In der Nähe wird gekämpft. Ich will nicht hoffen, daß der Kampf sich hierher ziehe. Aber Sie werden in ihm einen hinreichenden Grund finden, daß das Haus verschlossen war und daß Sie nicht sogleich Einlaß erhielten. Entschuldigen Sie es.“

„O meine Gnädige,“ sagte der Fremde, „wie kann ich ein anderes Gefühl als Dank haben? Gestatten Sie, daß ich den Wagen in den Hof fahren lasse.“

„Ich bitte darum.“

Er ging zu dem Wagen zurück, der nun durch das Thor auf den Hof fuhr. Der Knecht Christian verschloß sorgfältig das große Thor wieder, und die Tante wandte sich an die alte Magd, die dageblieben war.

„Wir bringen sie in die Zimmer des Freiherrn; wir haben keine andern für sie. Hole die Schlüssel und ordne schnell darin.“

Die Magd ging. Der Wagen hielt vor dem Hause.

(Fortsetzung folgt.)



Pariser Bilder und Geschichten.
Von Sigmund Kolisch.
Ernst Renan.

Es wäre mir ein Leichtes gewesen, mich durch einen gemeinschaftlichen Bekannten bei Herrn Renan, dem Verfasser des vielbesprochenen „Leben Jesu“, einführen zu lassen, ich zog es jedoch vor, mich selber dem Gelehrten vorzustellen, und in dem Empfange, welcher mir zu Theil wurde, gab sich der schlichte Hausgebrauch und dann der Mann von feiner Sitte und liebenswürdiger Einfachheit zu erkennen. Eine Magd, die ein blondes Kind an der Hand führte, hieß mich, ohne auch nur zu fragen, wer ich sei, in einen Salon treten, der kaum fünf bis sechs Personen zu fassen vermochte, und der sich durch die Glanzlosigkeit der Einrichtung hervorthat. Auf einem Stuhl lag ein Blatt; ich las ein wenig erstaunt: „Deutsche Blätter, Beigabe zur Gartenlaube etc.“, nachher erfuhr ich, daß Auerbach das Exemplar dem Verfasser des „Leben Jesu“ zugeschickt.

„Wen soll ich anmelden?“ frug die Magd.

„Herr Renan kennt mich nicht, sagen Sie gefälligst, daß ihn ein Fremder zu sprechen wünsche,“ versetzte ich.

Das Mädchen ging in die angrenzende Stube, und keine Minute war verflossen, als Herr Renan eintrat. Nach einer kurzen Auseinandersetzung meinerseits, den Zweck des Besuches anlangend, wurde durch die leichte gefällige Weise des Gelehrten ein behaglicher Verkehr, eine angenehme Berührung zwischen ihm und mir hergestellt. Er behandelte mich mit einer Freundlichkeit, die so wohl that, weil sie gleich entfernt von Steifheit, wie von Uebertreibung bleibt, weil sie so absichtslos, so zwangslos auftritt.

Der Mann, welcher seit einiger Zeit die civilisirte Welt beschäftigt, ist von stämmiger, gedrungener Gestalt, sein kräftiger Körper verspricht lange den Mühen und Anstrengungen des Geistes Stand zu halten. Die Züge des Gesichts sind scharf ausgeprägt, aber durch den Ausdruck von Gutmüthigkeit und durch ein sanftes gewinnendes Lächeln gemildert, das ab und zu um die hübschen Lippen spielt. Die Haare von blonder Schattirung haben bereits eine gewaltige Lichtung erlitten; es scheint, daß die Gedanken an dem Umfang der Stirn, ob er gleich beträchtlich ist, nicht genug haben und sich nach oben hin auszubreiten suchen. Auf den ersten Anblick macht Herr Renan den Eindruck eines behäbigen Bürgers, der sich redlich nährt. Spricht er aber, dann beleben sich die Züge, das dunkle Auge erglänzt und der vornehme Geist giebt sich zu erkennen, den Natur und Gewohnheit dem Niedrigen und Gemeinen fern hält, der, den höchsten Interessen des Lebens zugewendet, die alltäglichen Jämmerlichkeiten verachtet oder im besten Falle bemitleidet. Dann gewahrt man, daß man es nicht nur mit einem Gelehrten, sondern mit einem würdigen unabhängigen Denker zu thun habe.

Die Unterhaltung drehte sich um den Lebensweg des Orientalisten, um die Verhältnisse und Schwierigkeiten, durch die er geführt, um die Personen und Dinge, welche Einfluß auf die bereits reich ausgefüllte und noch vielverheißende Existenz geübt haben. Natürlich, daß ich es war, der diese Wendung des Gespräches herbeiführte. Herr Renan sprach sich mit einem Freimuth über die Angelegenheiten aus, denen er mit seiner Wirksamkeit und seinen Ueberzeugungen gegenübergestellt wurde, aus welchem sich die ganze Unabhängigkeit seines Charakers, so wie die Echtheit seiner liberalen Ansichten ergab. Schade, daß mir eine leicht begreifliche Discretion verbietet, seine auf diesen Gegenstand bezüglichen Aeußerungen hier aufzuzeichnen.

Das eben erwähnte Blatt brachte einen Augenblick das Gespräch auf die deutsche Sprache und auch auf Berthold Auerbach. Der Gelehrte versicherte, daß er mit dem lebhaftesten Interesse den Roman „Spinoza“ gelesen habe, auf den er einen außerordentlichen Werth lege, daß er des Deutschen hinreichend mächtig sei, um Bücher in germanischer Sprache mit Leichtigkeit zu lesen, nur wisse er sich auf Deutsch nicht auszudrücken, weil er allein für sich unsere Sprache gelernt habe, ohne Ohr und Zunge zu üben. Die Energie des wissenschaftlichen Strebens, welche aus diesem Zuge spricht, kennzeichnet die Laufbahn des Orientalisten.

Herr Ernst Renan ist am 23. Februar 1823 zu Treguier in der Bretagne geboren, und es hat etwas Pikantes, daß der Verfasser des Lebens Jesu ein Kind dieser altgläubigen fanatischen Provinz ist. Von seinen frommen Eltern für den priesterlichen Stand bestimmt, bezog er mit sechzehn Jahren das kleine Seminarium, welches der Abbé Dupanloup leitete, der, nunmehr Bischof von Orleans, einer der eifrigsten, jedenfalls der begabtesten von den Gegnern des Herrn Renan ist. Nachdem er später zwei Jahre lang in der Schule von Isoy Philosophie studirt hatte, trat er in die Anstalt von St. Sulpice zu Paris. Daselbst lag er den theologischen Wissenschaften ob und trieb mit besonderer Vorliebe und mit Fleiß Hebräisch. Allein je mehr sich sein Geist entwickelte und in die Tiefen der Geschichte eindrang, je mehr sein Forschen an Gründlichkeit, sein Urtheil an Kraft gewonnen, desto weiter entfernte sich sein Verstand von der blinden unbedingten Annahme überlieferter Wahrheiten unfehlbarer Dogmen, desto klarer wurde ihm die Unvereinbarkeit seines Gewissens mit der erwählten Laufbahn. Und als ein Mann, der entschlossen ist, seiner Würde nichts zu vergeben, entsagte er dem geistlichen Beruf (1845), aller Gegenvorstellungen seiner Meister ungeachtet, die in dem jungen Theologen eine kräftige Säule des Glaubens und der Kirche vorhersehen mochten. Im Vollgenuß der Unabhängigkeit und der freien Verfügung [710] über seine Zeit und seine Fähigkeit, wirft er sich mit ganzer Kraft auf das Studium der Theologie, der Philologie, der Philosophie und der Geschichte, Wissenschaften, die ihm bei der religiösen Kritik, zu welcher er sich immer mehr und mehr hingezogen fühlt, behülflich sein sollten. Da er ohne Vermögen ist, ertheilt er Privatunterricht zu seinem Unterhalt. Einen Augenblick denkt er daran, sich für einen Lehrstuhl an der Universität vorzubereiten, doch kommt er bald von dem Gedanken zurück, sein Wirken durch ministerielle Vorschriften, durch allerlei Regeln beschränken zu lassen, und entscheidet sich für den freieren Weg der Belehrung durch die Druckschrift. Die von ihm verfaßten Abhandlungen „über die semitischen Sprachen“ und „über das Studium des Griechischen im Abendlande während des Mittelalters“, gewinnen ihm nach einander zwei Mal den Preis Volney. Schon in diesen Ausarbeitungen zeigt sich ein tüchtiges Wissen, Schärfe des Verstandes und eine außerordentliche Fähigkeit der Darstellung.

Der politische Umschwung von 1848 konnte einen Geist wie den des jungen Extheologen nicht unerfaßt lassen, und die Hoffnungen, welche er in jungen und sogar alten Gemüthern erregt, auf das Ende verjährter Mißbräuche, beschwingte die Gedanken des strebsamen Gelehrten. Die Wochenschrift „La liberté de penser“ veröffentlichte in dem verhängnißvollen Jahre eine Anzahl von Artikeln, welche dem Glauben die Prüfung, der Ueberlieferung das Urtheil gegenüberstellten und die man als Vorläufer des Werkes betrachten kann, dessen eben so weit gehender als rascher Erfolg staunen macht. Von da ab war die Richtung klar gezeichnet, in welcher der junge Gelehrte voranzuschreiten berufen und entschlossen war.

Und weder Entmuthigungen auf der einen, noch Verlockungen auf der andern Seite, nicht der traurige Rückgang der politischen Ereignisse seit dem Jahre 1851, nicht der Druck, der auf dem Gedanken lastete und noch lastet, nicht der Pakt der neuen Gewalt mit den Vertretern der unbedingten Tradition vermochten den forschenden Mann aus dieser Richtung zu bringen. In seinem Kopfe und in seiner Studirstube blieb trotz des Staatsstreichs die Freiheit. Sein Streben begann, vorerst freilich nur in einem beschränkten Kreise von Gelehrten und Schriftstellern, hier zu gewinnen, dort zu entrücken, hier Hoffnungen, dort schlimme Vorahnungen zu erregen. Allmählich nahm die Zahl der Anhänger und Widersacher zu, bis sie zu zwei Heeren anwuchs, die in diesem Augenblick feindselig, nicht ohne Erbitterung einander gegenüber stehen. Die Artikel, welche das „Journal des Débats“ und „La Revue des deux mondes“ seit 1851 aus seiner Feder veröffentlichten, thaten es kund, daß der 2. December und die schlimme Zeit, die der unheilvolle Tag brachte, an dem Eifer des Forschers nichts geändert, wenigstens nichts geschwächt haben.

Im Jahre 1855 erschien seine allgemeine Geschichte der semitischen Sprachen, welche in der Gelehrtenwelt Aufsehen machte. Ein Jahr darauf ernannte ihn die Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften zu ihrem Mitgliede und kurz nachher zum Mitglied der Commission der Literaturgeschichte von Frankreich, da die Stelle durch den Tod des großen Historikers August Thierry frei geworden war.

Nach seiner Rückkehr aus Italien, wohin ihn eine wissenschaftliche Sendung gerufen, hatte Herr Renan eine untergeordnete Anstellung in der kaiserlichen Bibliothek erhalten. Wer sich mit dem Gelehrten und seinem Wirken beschäftigte, dachte nicht daran, ihm diesen Anschluß an die Gewalt zum Vorwurf zu machen, da sein Wirken unverändert blieb und der bestehenden Ordnung der Dinge durch seinen freiheitlichen Charakter eher entgegentrat, als Vorschub leistete, und da seine Artikel in den Debats und der Revue des deux mondes, Organen der Opposition, statt im Constitutionel oder einem anderen Regierungsblatte erschienen. Etwas Anderes war es jedoch, als Herr Renan im Jahre 1860 dem Kaiser Napoleon vorgestellt ward und von diesem eine wissenschaftliche Mission nach Syrien erhielt, um daselbst den Schauplatz des größten welthistorischen Ereignisses zu untersuchen, den Spuren der heiligen Geschichte zu folgen. Man wußte, immer nur in engeren Kreisen, daß der Gelehrte von dem Herrscher mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit empfangen wurde, und fürchtete – wenigstens wer den Gelehrten nicht genauer kannte – daß die glänzende Verlockung für die liberale Gesinnung des Strebenden zur Klippe werden könnte, an welcher sie zerschellen würde. Nichts war natürlicher als diese Furcht gegenüber dem Lager, das lediglich aus Ueberläufern besteht, und bei der allgemeinen Herabgekommenheit und Faulheit der Charaktere.

Die Berichte des Herrn Renan aus dem gelobten Lande über die Ergebnisse seiner Nachforschungen, wie es Brauch und Regel an den Kaiser gerichtet und im Moniteur abgedruckt, zogen die Aufmerksamkeit des größeren Publicums auf sich, das sich erstaunt durch die Behandlung von Gegenständen angezogen fühlte, die seiner Theilnahme und seinem Interesse so fern lagen. Man bewunderte den Reiz, den der talentvolle Schriftsteller trockenen Fachgegenständen zu verleihen wußte. Andererseits frugen seine Bundesgenossen bestürzt, wem nun seine Ueberzeugung angehöre, von der sich in seinen officiellen Berichten keine Spur befand. Sein Name fing an, viel genannt zu werden, man wußte aber nicht, welche Bedeutung ihm zu geben sei.

Diese Zweifel wurden noch lebhafter, als Herr Renan nach seiner Rückkehr aus Palästina zum Professor der hebräischen, syrischen und chaldäischen Sprache am College de France ernannt wurde. Die Frommen und die Liberalen, welche beide den Werth des Streiters erkannten, erschraken in gleichem Maße. Jene fürchteten den heiligen Eifer des Forschers, der sich nun einmal herausnahm, das freie Urtheil über das Dogma, die Natur dem Wunder entgegenzusetzen und die Ueberlieferung der Kritik zu unterwerfen. Da die intimen Beziehungen zwischen dem Kaiserreich und der Klerisei durch die Schlachten von Magenta und Solferino aufgehoben worden und Reibungen der leidenschaftlichsten Art zwischen den beiden Gewalten eingetreten waren, nahmen sie die Ernennung des ungläubigen Professors für einen Trotz, welcher der Kirche geboten werde. Die Freisinnigen besorgten, daß Herr Renan, wie es so viele Andere gethan, die Gunst der Regierung durch den gänzlichen Abfall von seinen Ueberzeugungen erkauft, daß er sich mit seinem Wollen und Denken dem Bonapartismus verschrieben habe.

Erwartungsvoll, unruhig sahen die verschiedenen Parteien der ersten Vorlesung entgegen, in welcher, wie es angekündigt wurde, der Professor seine Anschauung der heiligen Geschichte, die mit seinem Lehrgegenstand eng zusammenhängt, als Glaubensbekenntniß darlegen würde.

Mehr als die anderen Theile von Paris mußte das lateinische Viertel von den schwankenden Voraussetzungen, von dem Getümmel der widersprechenden Gerüchte ergriffen werden.

Unter der studirenden Jugend zeigten sich um jene Zeit Spuren eines erwachenden politischen Lebens. Die Schüler hatten kurz vor der Ernennung des Herrn Renan zum Professor geräuschvolle Demonstrationen gegen Edmond About gemacht, von welchem ein Stück, „Gaitana“, im Odeontheater zur Aufführung kam, und hatten verhindert, daß das Drama zu Ende gespielt wurde. Der Grund dieser Feindseligkeit war der Anschluß des Dichters an die kaiserliche Regierung, sein Auftreten in den bonapartistischen Blättern Opinion Nationale und Constitutionnel, uachdem er sich vorher zu liberalen Grundsätzen bekannt hatte.

Der religiöse Einfluß, welcher seine Anknüpfungspunkte eben so gut im lateinischen Viertel, wie anderwärts hat, suchte die gereizte Stimmung der Studenten zu benützen und gegen Renan zu wenden, der zum Schweigen gebracht werden sollte. Durch diese Umtriebe wurde eine wahre Verwirrung unter die jungen Leute gebracht, die nicht wußten, ob sie in Renan einen Bonapartisten verachten, oder einen Eiferer für Wahrheit und Licht hochschätzen sollten. Die Freunde About’s vermehrten noch diese Unklarheit. Um den Dichter als einen Märtyrer klerikaler Umtriebe darzustellen, wiesen sie auf die Feindseligkeit der studirenden Jugend gegen den Professor hin, welche sie aus eben den nämlichen Umtrieben herleiteten. So standen die Dinge, als der mit Spannung erwartete Tag der Vorlesung herankam. Die Aufregung im lateinischen Viertel, welche sich der Bevölkerung von Paris in verschiedenen Graden mitgetheilt hatte, ließ keinen Zweifel an bevorstehenden Kundgebungen übrig, nur über den Sinn derselben herrschte Ungewißheit. Die Behörde ergriff Vorsichtsmaßregeln, um einer Bewegung Meister zu sein, wenn dieselbe, was bei dem vorherrschenden Geiste unter den Studenten zu befürchten stand, größere Umrisse anzunehmen drohte. Der Auflauf vor dem Hause des Herrn About, welcher die polizeilichen Vorkehrungen zu umgehen wußte, diente ihr zur Warnung.

Um mich von dem Charakter und der Bedeutung der Vorfälle zu überzeugen und nicht von den Gerüchten irre geführt zu werden, [711] die im Fortströmen allerlei Falsches mitschwemmen, begab ich mich ungefähr eine Stunde vor Beginn der Vorlesung auf den Schauplatz der Bewegung. Der Hof, der Platz, das College de France und die nächsten Straßen waren mit Menschen vollgefüllt, von denen die eine Hälfte aus Zöglingen der Wissenschaft, die andere aus Bürgern und Arbeitern bestand, welche Neugierde oder Theilnahme herbeigezogen hatte. Einige Polizeicommissäre mit den Schärpen, den Abzeichen ihres Amtes, und ein keines Heer von Sergents de ville, welche jeden Augenblick in den naheliegenden Casernen in Bereitschaft gehaltene Truppen zu Hülfe rufen konnten, vertraten die Gewalt, die entschlossen war, nicht nur ernste Kundgebungen, sondern selbst Scenen, wie sie im Odeontheater und vor dem Hause des Herrn About stattfanden, zu verhindern.

Ein Umblick unter den Studenten und der Austausch einiger Worte mit Denjenigen von ihnen, welche die Leitung der Sache über sich zu haben schienen, ließen mich alsbald wahrnehmen, daß die Zöglinge der Wissenschaft geneigt waren, für Herrn Renan Partei zu nehmeb, wenn derselbe nicht für die bestehende Ordnung der Dinge gegen das liberale Streben eintreten würde. Die jungen Leute scheinen es erfahren oder selbst gefühlt zu haben, daß sie im Begriffe standen, sich zu Werkzeugen frommen Hasses herzugeben. Mit Energie und Behutsamkeit zugleich wurde die Menge, welche den Hörsaal hundert Mal hätte füllen können, von den Polizeidienern immer weiter und weiter zurückgedrängt, bis sie sich in Nebengassen verlief, so daß der Professor mit seinen Zuhörern in dem vollgedrängten Saale abgeschnitten von der äußeren Strömung blieb.

Seine Einleitungsrede, durch Form und Inhalt gleich ausgezeichnet, riß die Schüler zur Begeisierung, zum Jubel hin, an welchem alle Aeußerungen des Tadels erdrückt wurden, die einige gewonnene Stimmen allerdings versuchten. Das Talent und der männliche Geist des Professors haben die Schlacht gewonnen. Am Abend rückten 2000 Studenten vor die Wohnung des Orientalisten, Rue de Madame, und erfüllten die Luft mit den Rufen: „Es lebe Renan,“ „es lebe die Freiheit,“ „nieder mit den Jesuiten“ etc. Einige von ihnen wurden wohl verhaftet; aber erst nach der Demonstration. Zu spät.

Dieser Tag war ein heißer, aber auch ein schöner, siegreicher für Renan, ein kostbarer für die Liberalen, welche nun wußten, daß die kaiserliche Gunst an den Ueberzeugungen des Gelehrten nichts verrückt habe, daß der wackere Soldat der Wahrheit seiner Fahne, der Versuchung zum Trotze, treu geblieben war.

Allein je größer die Wirkung der Eröffnungsrede auf die Zuhörer war, je mehr sie die jugendlichen Gemüther zum Enthusiasmus fortriß, desto gefährlicher für die Seelen erschien sie den Frommen, desto heftiger war die Entrüstung der Fanatiker gegen den Professor, welcher sich in dieser ersten Vorlesung über Christus folgendermaßen ausgelassen hat: „Ein unvergleichlicher Mensch, – so groß, daß ich, obwohl hier Alles vom Standpunkte der positiven Wissenschaft beurtheilt werden soll, denjenigen nicht widersprechen mochte, welche, ergriffen von dem ausnahmlichen Charakter seines Werkes, ihn Gott nannten.“

Diese „Lästerung,“ wie sie es hießen, setzte die kirchlichen Einflüsse, die offenen, wie die heimlichen, in Bewegung, von allen Seiten schrie man über Jugendverderbniß, über Schändung der Religion, über Verbreitung der Gottlosigkeit, über die absichtliche Demoralisation der nächsten Geschlechter. Außerdem benutzte man die Freiheilskundgebungen vor dem Hause des Herrn Renan, um dessen Vorlesungen als gleich gefährlich für Thron und Altar darzustellen, und die kaiserliche Regierung, so unendlich stark, wenn es gilt, einer Freiheit den Weg zu vertreten, ein Recht zu unterdrücken, gab dem Drängen nach und schloß die Lippen, welchen sie selbst das Wort verliehen hatte.

Und nun war der Name des Lehrers in Aller Munde. Herr Renan war in Paris ein populärer Mann. In einer an seine Mitprofessoren gerichteten Auseinandersetzung, welche unter dem Titel: Der Lehrstuhl des Hebräischen am Collège de France (le chaire d’hébreu au collège de France) erschien, legte Herr Renan die Gedanken und Anschauungen dar, die ihn bei seiner ersten Vorlesung geleitet. Er beweist, daß er an keinem Punkte die Grenzen des Rechtes überschritten, das einem Professor des Collège de France zusteht. Wir empfehlen die kurze Schrift, weil sie einen Einblick in das Wesen des Mannes gestattet, dessen Leben und Wirken nur hier flüchtig zu zeichnen unternahmen. Wir wollen nur ein Wort aus der kleinen Broschüre anführen, weil es das Gepräge der Wahrhaftigkeit an sich trägt und den gelehrten Mann charakterisirt. „Alle Vortheile dieser Welt,“ sagt er Seite 7, „scheinen mir nicht der Mühe wert zu sein, daß man auch nur im Geringsten von Dem abweicht, was man für das Gute hielt.“ – –

Kaum war der Lärm verschollen, den die Vorlesung und die mit derselben zusammenhängenden Vorgänge hervorgerufene, ja die Aufregung war noch nicht verschwunden, die der Kampf in dem Hörsaal des College de France und der Ausgaug desselben erzeugt, als die Zeitungen und andere Stimmen das Erscheinen des „Leben Jesu“ von dem berühmt gewordenen Professor ankündigten und die Leidenschaften für und gegen den Meister, für und gegen das noch unbekannte Werk wachriefen. – Den Standpunkt anlangend, von welchem Herr Renan in seinem Buche den Erlöser der Menschheit und das Erlösungswerk ansehen würde, über den Geist des Buches im Allgemeinen konnte nach der Eröffnungsrede über hebräische Sprache kein Zweifel vorwalten. Selbst wenn die eingeweihten Freunde des Gelehrten nicht die bestimmtesten Angaben in dieser Beziehung verbreitet hätten, würde doch alle Welt gewußt haben, was zu erwarten stand.

Ungewiß jedoch war es, ob die Veröffentlichung des Buches in Fraukreich gestattet sein werde, ob nicht dieselben Einflüsse, welchen es gelungen war, die Entfernung des Professors von dem Lehrstuhl durchzusetzen, eine Gewaltmaßregel gegen das von vorn herein angepriesene und angefeindete Buch erwirken würden. Wahrscheinlich wäre dieses der Fall gewesen, wenn nicht gerade in demselben Augenblicke, als das „Leben Jesu“ erscheinen sollte, das Unterrichtsministerium aus den Händen des Herrn Roulland in die Hände des Herrn Duruy übergegangen wäre, der von jeher liberale Neigungen gezeigt hat. Dieser nahm sich des Verfassers und des Werkes an.

Das Buch erschien also im Juni dieses Jahres, und der Erfolg desselben übersteigt die kühnsten Erwartungen der Freunde des Verfassers, die ärgsten Befürchtungen seiner Gegner. Der letzte Roman von Virtor Hugo: „Les Misérables“’ fand in so kurzer Zeit keine so große Verbreitung, wie das ernste Werk. An 50,000 Exemplare sind bereits abgesetzt. Nichts natürlicher, als daß dieses Glück der ketzerischen Schrift die Wuth der Frommen erregt und daß ein Kreuzzug gegen dasselbe sowohl, als gegen den Verfasser gepredigt und, soweit es die durch weltliche Gesetze beschränkten Mittel der Klerisei gestatten, ausgeführt wurde. Die Verfolgung dauert noch. Wem von den Gläubigen eine Waffe zur Verfügung stand, der schwang sie gegen den Gelehrten und sein Buch. Geistliche und Laien wetteiferten im Haß und in der Anfeindung. Prälaten sprachen in Hirtenbriefen Verwünschungen gegen den Meister und sein Werk. Sie bedienten sich einer Form, welche an die finsteren Zeiten des Mittelalters erinnert, da ihre Worte bestimmt waren, Scheiterhaufen anzuzünden, um Ketzer zu verbrennen.

Der Bischof von Marseille z. B. erklärte in einem Hirtenbrief, daß Herr Renan „strafbarer sei, denn Robespierre, daß sein verabscheuungswürdiges Werk zu nichts weiter diene, als die Bevölkerung der Galeeren zu vermehren,“ und da jede Heiligenentweihung Büßungen erforderlich macht, schreibt der ehrwürdige Bischof Bußübungen, Almosengebete vor und verordnet besonders, daß man zur Genugthuung für allen Schimpf, der unserem Herrn Jesus Christus angethan, jeden Freitag um drei Uhr Nachmittags in sämmtlichen Kirchen seines Sprengels während drei Minuten die Sterbeglocke läute. In diesem Moment werden Geistliche und Gläubige drei Mal dieses Gebet wiederholen: „Göttliches Herz Jesu, so unwürdig beschimpft, ich bitte Dich um Verzeihung, ich bete Dich an, ich liebe Dich.“ Vor zwei Jahrhunderten hätte es nicht so viel gebraucht, um Herrn Renan dem Scheiterhaufen zu überliefern, jetzt wird er blos dem Haß und dem Abscheu seiner Mitbürger empfohlen. Der zweite Band des „Leben Jesu“ kann, wie mir der Verfasser mitgetheilt hat, nicht vor zwei Jahren erscheinen. Die Vorbereitungsarbeiten nehmen so viel Zeit in Anspruch.



[712]
Das Octoberfest der deutschen Veteranen.
1.
Der Empfang der Veteranen – Ihr Einzug nach fünfzig Jahren – Im Schützenhause – Wiedererkennungsscenen – Der schlesische Landwehrmann – Jodel-Fritz – Einer, der bei Leipzig mitgearbeitet – Corporal Werner von der dritten Compagnie – Der Krankenplatz in der Peterskirche – Nach fünfzig Jahren nur ein Kranz – Die zehn Veteranen des Herrn Lampe.

Noch sind nicht drei Monate verflossen, seit in Leipzig das wahrhaft großartige dritte deutsche Turnfest gefeiert wurde, und schon wieder hat dieselbe Stadt in ihren Mauern ein Fest gesehen, das hier von ganz Deutschland begangen wurde, wenn auch nicht alle Gauen unseres Gesammtvaterlandes dem an sie erlassenen Aufrufe in gleicher Weise Folge geleistet hatten.

Es kann nicht die Absicht der „Gartenlaube“ sein, die Schilderungen des Festes und seiner einzelnen Scenen und Feierlichkeiten, die bereits die Spalten aller Zeitungen in reichlichem Maße in Anspruch genommen haben, in neuer Variation zu wiederholen; vielmehr will sie nur den Veteranen und den ihnen erwiesenen Ehren und Huldigungen einige Seiten der Erinnerung weihen.

Was lag bei diesem ersten Jubiläum der Völkerschlacht wohl näher, als eine Dankespflicht gegen die noch lebenden Kämpfer jener Tage zu erfüllen? Es erging daher an sämmtliche Veteranen, welche an jenem Befreiungskampfe Theil genommen haben, die Einladung, auch jetzt der Jubelfeier als liebe Festgäste beizuwohnen. An vielen Orten wurden Veranstaltungen getroffen, den ärmeren Veteranen durch Unterstützungen die Möglichkeit zu gewähren, jener Einladung zu folgen, denn das Vaterland hat bis jetzt noch immer nicht daran gedacht, die Lorbeeren, welche die heldenmüthigen Kämpfer auf dem Schlachtfelde erwarben, durch wohlverdiente Unterstützungen einzulösen.

Freilich gab es Tausende von Veteranen, denen Altersschwäche oder körperliche Leiden die Theilnahme an dem ihnen hauptsächlich gewidmeten Jubelfeste versagten. Viele ausgezeichnete Persönlichkeiten aus jener glorreichen Zeit, denen man unmittelbare Einladungen hatte zugehen lassen und die aus obengenannten Rücksichten verhindert waren, bei dem Feste zu erscheinen, haben ihr Bedauern in den Ablehnungsschreiben in wahrhaft rührender Weise ausgedrückt. Wenn jene Schriftstücke der Oeffentlichkeit übergeben würden, so könnten dieselben dem jüngeren Geschlechte als die erhabensten Beispiele echter Vaterlandsliebe dienen.

Von den eingeladenen und erschienenen Ehrengästen müssen wir vor Allen den greisen General von Pfuel nennen, den Senior der preußischen Armee, der nach dem Einzug der Verbündeten in Paris unter Blücher Commandant von Paris war. Dieser würdige Heldengreis wird allen Denen unvergeßlich bleiben, welche Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen. Nur um ein Jahr jünger war der gleichzeitig als Veteran und Deputirter der Universität Halle erschienene Professor Blanc, der als Feldprediger dem Freiheitskriege beiwohnte. Fr. v. Raumer, Major Beitzke, Stavenhagen u. A. erschienen gleichfalls als Veteranen und Ehrengäste. Allgemein aber wurde bedauert, daß die in gleicher Weise eingeladenen österreichischen Stabsofficiere, welche mit bei Leipzig gefochten hatten, sich nicht eingefunden hatten. Das Bestreben eines gewissen, aber eben nicht allzu ehrlichen Theiles der Presse, die Jubelfeier in Leipzig als ein rein preußisches, oder auch als ein von dem Nationalvereine ausgehendes Fest zu verdächtigen, hatte augenscheinlich in Süddeutschland unverdienten Glauben gefunden. Der Erfolg hat jedoch zur Genüge bewiesen, daß es kein preußisches, sondern wieder einmal ein echt deutsches Fest gewesen ist, und jene falschen Propheten sind jetzt der gerechten Verachtung preisgegeben.

Wie am Turnfeste hatte sich die Stadt in reichen Schmuck gekleidet. Flaggen und Fahnen wehten von den Firsten und aus den Fenstern, aus den Erkern und von den Balconen der Häuser, und während auf einem Theile des Marktes noch die Verkaufsbuden der Messe standen, wurden in dem andern Theile bereits die Tribünen für die öffentlichen Gesangaufführungen errichtet.

Die am Sonnabend (den 17. October) eintreffenden Eisenbahnzüge brachten die erwarteten Festgenossen aus allen Theilen Deutschlands, und man bemühte sich, den greisen Veteranen einen ehrenden und herzlichen Empfang zu bereiten. Wieder hatten sich die Turnerknaben mit jubelnder Freude zu Träger- und Führerdiensten erboten, allein auch diesmal wurde ihnen dieses Ehrenamt häufig streitig gemacht. Zur Leitung der alten Herren bedurfte es oft stärkerer Stützen, und zumeist mußten sie die bereitstehenden Wagen benutzen, um in ihre Wohnungen zu gelangen. Und das Reisegepäck? Ach, wie viele der Männer, die vor fünfzig Jahren mit dem schwerem Tornister und dem schützenden Mantel beladen in diese Stadt eingezogen waren, kamen jetzt in dünnem, fadenscheinigem Rocke, der nicht wohl geeignet war, seinen bejahrten Träger auf lange Zeit vor herbstlicher Luft zu schützen!

Bei Allen schienen jedoch die Anstrengungen und Entbehrungen der Reise vergessen zu sein, sobald es hieß: dort sind Leipzigs Thürme zu schauen! Bei diesen Worten schlug den alten Kriegern das Herz doch noch einmal rascher, und sie fühlten wieder etwas wie jugendliches Feuer durch ihre Adern rollen. Sie drängen sich nach den Fenstern des Wagens und rufen das Bild wach, welches sie von dieser Stadt seit jenen blutigen Tagen in ihren Herzen bewahrt hatten. Die weitläufigen Gärten, die sumpfigen Wiesen, die hier und da aufgeworfenen Schanzen und Batterien schwebten ja noch so deutlich vor ihrem Gedächtnisse, daß sie dieselben hätten malen können, wenn ihre zitternde Hand dies noch im Stande gewesen wäre. Aber umsonst suchen sie nach allen jenen Erinnerungszeichen, denn die Stadt, aus welcher sie damals heldenmüthig die Feinde Deutschlands vertrieben, ist eine ganz andere geworden. Mächtig hat sie sich nach allen Seiten ausgedehnt, und auf denselben Stellen, wo damals so viele Tapfere bluteten, so viele Helden ihr Leben aushauchten, da erhoben sich jetzt lange Häuserreihen und neue Stadttheile, bei deren Anlegung man Gebeine der Gefallenen und Waffenreste in Menge gefunden hat.

Ueber diese unerwarteten Veränderungen schüttelte so mancher der alten Herren sein Haupt und meinte wohl, das könne Leipzig gar nicht sein; aber wenn dann die Wagenzüge in die Bahnhöfe einliefen und nun Musik den Ankommenden entgegenschmetterte, wenn der begeisterte Jubelruf der harrenden Zuschauermenge sie empfing – da wurde den braven Veteranen doch wohl klar, daß sie am rechten Ziele angelangt seien und daß die anders gestaltete und vergrößerte Stadt im Gegensatze zu so vielen einzelnen Emporkömmlingen unter den Menschen die schöne Pflicht der Dankbarkeit treu bewahret und gepflegt hatte. Alles drängte sich herbei, um die Veteranen sehen, um sie begrüßen zu können. Die mit Orden und anderen Ehrenzeichen geschmückten Greise wußten kaum, wie ihnen geschah, und die Beweise der ihnen entgegengebrachten Liebe und Verehrung riefen so manche Thräne der Rührung hervor. Ja, das war doch noch dieselbe Stadt, welche vor fünfzig Jahren nach langer Bedrückung sie auch mit Jubel und Dank als Befreier empfing; dieselbe Stadt, welche in jener Zeit des Jammers die letzten kargen Bissen trockenen Brodes freudig mit ihnen getheilt hatte.

Während die gebrechlicheren oder die durch lange Fahrt ermüdeten Veteranen von den ihnen verschafften Wagen Gebrauch machten, gab es bei jedem ankommenden Bahnzuge doch auch eine gute Anzahl dieser alten Krieger, welche sich munter und rüstig fühlten. Diese stellten sich dann freudig in Reih und Glied auf, ein Musikchor trat an ihre Spitze, und so setzte sich nun der Zug nach der Stadt herein in Bewegung. Jubel begleitete und empfing diese einzelnen Züge überall wohin sie nur kamen, und besonders rührend war es, zu sehen, wie so mancher dieser Greise mit Anstrengung aller seiner Kräfte stramm und mit soldatischem Takt einherschritt.

Wie schweiften ihre Blicke nach allen Seiten, um in Straßen oder Plätzen Erinnerungszeichen zu finden an jene Zeit, wo sie als Sieger in dieselbe Stadt ihren Einzug hielten! Nur Wenigen mag es gelungen sein, sich alsbald wieder zu orientiren, denn die verflossenen fünfzig Jahre haben auch im Innern der Stadt große Umgestaltungen hervorgerufen. Die tiefen Gräben, welche zu jener Zeit die Stadt umgaben und welche das rasche Eindringen der Stürmenden verhinderten, sind längst ausgefüllt und in herrliche Parkanlagen verwandelt worden; die Thore, deren Einnahme den Andringenden noch viele Opfer kosteten, sind der Erde gleich gemacht, und ein Bild des Friedens stehen die Straßen weit offen, um die sehnlichst erwarteten Gäste aufzunehmen.

[713] Dichte Menschenmassen drängten sich neben und hinter den einziehenden Veteranen her, und glücklich schätzte sich der, dem es gelang, einen Platz an der Seite eines dieser alten Krieger zu erringen. Man bot gern den Greisen den Arm als Stütze, und von allen Seiten kamen neugierige Frager herbei, die womöglich schon auf dem Wege zur Stadt etwas von den Erlebnissen aus der Heldenkriegszeit hören mochten. Mit welcher Ehrfurcht hingen Aller Blicke an den ehrenden Zeichen der Tapferkeit, die jeder der Veteranen auf der Brust trug, und wie dürftig, wie altmodisch und abgetragen waren oft die Röcke, welche solchen Ehrenschmuck aufzuweisen hatten!

Nicht minder herzlich war der Empfang, welcher den Ehrengästen wohl ohne Ausnahme in der ihnen angewiesenen Wohnung zu Theil wurde. Wie vielen der ehrwürdigen Greise traten Thränen der Rührung und Freude in die Augen, als sie sich von ihren Gastgebern und deren Familien so liebreich aufgenommen sahen. Es waren dies freilich andere Tage als vor fünfzig Jahren, wo man den einrückenden Siegern bei der eigenen Noth der Stadt kaum hinreichend trockenes Brod zur Stillung des Hungers bieten konnte. Wie viele der gastfreundlichen Wirthe waren in jenen Schreckenstagen als Kinder beim Eindringen der Sieger in die Stadt ängstlich weinend geflohen und hatten sich zitternd hinter ihre Eltern verborgen, weil sie von der friedlichen Absicht der Soldaten keinen Begriff hatten. Die Erkenntniß der Absicht jener gefürchteten Männer war ihnen erst später geworden, und heute bot sich ihnen auch die Gelegenheit, die mangelhafte elterliche Bewirthung jener Zeit auszugleichen.

Im Laufe des Sonnabends trafen fast sämmtliche Veteranen und die Städtedeputationen in Leipzig ein, und für die Abendstunden dieses Tages war eine gesellige Zusammenkunft der Eingeladenen in den bekannten glänzenden Räumen des Schützenhauses veranstaltet. Nicht leicht möchte es aber noch eine Versammlung geben, welche sowohl für die Betheiligten, wie für Zuschauer ein größeres Interesse hätte bieten können. Die allgemeinste Theilnahme war natürlich den Veteranen gewidmet, von denen an achthundert an jenem Abende im Schützenhause anwesend sein mochten. Es war, als entrollte sich ein Stück Geschichte in lebendigen Lettern vor unsern Augen; denn diese Tapferen gehörten zu den Stiftern des herrlichsten Blattes in dem Ruhmesbuche der deutschen Nation. Die Orden und Ehrenzeichen, welche ein Jeglicher in größerer oder geringerer Zahl auf der Brust trug, waren sprechende Beweise dafür, daß von diesen Männern damals Keiner müßig die Hände in den Schooß gelegt hatte.

Aber wie verschieden erschienen diese ehrwürdigen Gestalten! Dort wankte Einer mühsam auf seinen Krücken heran, doch bald nahten sich gütige Männer, welche den Invaliden unterstützten; der danebenstehende Alte mit dem Stelzfuße kam sich im Vergleiche mit Jenem gewiß noch ganz glücklich vor, wenigstens verrieth seine Miene nicht im Geringsten, daß der fehlende Fuß seiner festlichen Stimmung Eintrag thun könne; er scherzt sogar noch und schließt die für den ihn umstehenden Zuhörerkreis bestimmte Erzählung seiner Kriegserlebnisse mit der Bemerkung: daß er hauptsächlich hierher gekommen sei, um sich von dem damaligen Bataillouschirurgen sein Bein zurückgeben zu lassen, welches man ihm zu jener Zeit unbegreiflicher Weise vorenthalten habe; die Gegend bei Wachau, wo er es vor fünfzig Jahren verloren habe, wisse er allenfalls noch genau genug anzugeben.

Wahrhaft rührenden und ergreifenden Wiedererkennungsscenen konnte man an jenem Abende oft genug begegnen. So sah man unter Anderen einen vierfach decorirten, alten, aber noch rüstigen und äußerst lebhaften Mann durch die Säle gehen, von Tisch zu Tisch immer nur die Frage wiederholend: „Ist denn von den schlesischen Landwehrmännern, die bei Möckern fochten, Alles ausgestorben? Bin ich ganz allein übriggeblieben? Es waren damals doch noch kräftige Jungen genug, die mit halbwegs ganzer Haut in Leipzig einrückten!“ – Alle Nachforschungen des rüstigen Veteranen blieben lange Zeit ohne Erfolg, denn wohin er auch kam, nirgends war solch ein alter Schlesier aufzufinden. Umsonst luden andere alte Kriegscameraden den Suchenden ein, bei ihnen Platz zu nehmen und neue Cameradschaften anzuknüpfen; allein er schlug jeden ihm angebotenen Labetrunk aus und meinte immer dabei: das erste Glas in Leipzig wolle er nun einmal durchaus blos mit einem schlesischen Landwehrmanne trinken! Kopfschüttelnd sah man dem Eigensinnigen nach, und mancher Graubart rief wohl auch so etwas wie: alter Dickkopf! hinter ihm drein. Aber Alles dies kümmerte den Schlesier wenig und nichts konnte ihn davon abbringen, die Forschungen nach seinen Landsleuten fortzusetzen. Da endlich ertönte plötzlich auf seine immer gleiche Frage von einem Tische her ein militärisch meldendes: Hier! Bei diesem Tone malte sich auf den Zügen des Suchenden die höchste Freude, denn in der That erhob sich da drüben ein nicht weniger mit Ehrenzeichen geschmückter Veteran. Der Erstere wollte jedoch seiner Sache gewiß sein und schickte jetzt rasch die prüfende Frage nach: „Unter wem hast Dn gefochten, Camerad?“ „Unter Steinmetz,“ lautete die Antwort, und mehr bedurfte es nicht, um den vorsichtigen Frager zu überzeugen. „Gott sei Dank! Also doch noch einer von den Braven am Leben,“ rief er und gleich darauf lagen sich die beiden Greise in den Armen. Jetzt wurde der Weihetrunk von dem durch langes Suchen ganz Erschöpften nicht mehr ausgeschlagen, und hierauf begann ein Fragen und Erzählen, das immer lebhafter wurde, als sich bald herausstellte, daß die beiden zu jener Zeit bei derselben Compagnie gestanden hatten. – „Erinnerst Du Dich noch des tollen Burschen, welchen alle Cameraden nur den tollen Jodelfritz nannten, weil er immer der Erste war, wenn es galt, ein Lied auf dem Marsche anzustimmen?“ fragte lächelnd im Anfange des Gespräches der andere Schlesier den über seine Entdeckung noch ganz glücklichen Cameraden. „Den Jodelfritz? Ob ich mich seiner noch erinnere!“ rief der Andere. „Im Quartier habe ich mich freilich manchmal über ihn geärgert, wenn die Anderen gern schlafen wollten und der Schreihals zu guter Letzt noch ein Lied zu singen anfing. Wenn ich nicht irre, so hat der arme Teufel seit der Schlacht bei Möckern nimmer wieder gesungen, denn dort sollen ihm die Franzosen erst den rechten Arm fast vom Rumpfe getrennt und zum Ueberflusse auch noch den Schädel gespalten haben. Was aus ihm geworden ist und wo er eingescharrt liegen mag, das weiß ich nicht.“

„Eingescharrt hat man den Schreihals, wie Du ihn ganz richtig nanntest, doch nicht, weil er noch nicht ganz todt war,“ lachte der Andere, „aber Mühe hat es genug gekostet, dies den Lazarethgehülfen glaubhaft zu machen. Mit der Schädelwunde hatte es nicht gar so viel auf sich, und den Arm hat man ihm auch wieder zusammengeflickt, aber steif ist er für immer geblieben.“ Bei diesen Worten schob der Erzähler lachend den Aermel zurück und zeigte dem erstaunten Kampfgenossen eine breite, furchtbare Narbe am rechten Unterarme.

„Wie? Was? Also Du – Du bist der Jodelfritz?“ fragte Jener, bald die breite Narbe, bald das frohe Gesicht seines Cameraden musternd, und im nächsten Augenblicke hielten sich die beiden Alten wieder umhalst und weinten und lachten vor Freude über dieses unverhoffte Zusammentreffen. Seit fünfzig Jahren hatte Keiner mehr vom Anderen etwas gehört, und hier erneuerten sie unter Freudenthränen einen Freundschaftsbund für die „letzten paar Lebensstunden“, wie sie wehmüthig hinzufügten. Die Trauer konnte sie aber bei dem Gedanken an den kleinen Lebensrast dennoch nicht übermannen, und die Erinnerung an jene glorreiche Zeit schien sie vielmehr nach und nach immer mehr zu verjüngen. Das erste Versprechen, das sie sich gaben, bestand darin, daß sie vor der Hand während des ganzen Festes sich nicht wieder trennen wollten, und redlich haben sie dies gehalten, denn unzertrennlich sah man Beide stets bei einander.

Solche Erkennungszeichen konnte man an jenem Abende in Menge beobachten. Ueberall begegnete man einzelnen Trupps früherer Waffengefährten, die sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählten und ihre Erinnerungen auffrischen halfen. Neugierige Zuhörer jüngerer Generationen umstanden aber jede dieser Gruppen und lauschten ehrerbietig den Berichten der Zeugen jener blutigen Tage. Ein alter böhmischer Veteran, dessen entschlossener Gesichtsausdruck so wie sein noch immer kühner und freier Blick wohl erkennen ließen, daß er dem Feinde gewiß furchtlos seine Brust gezeigt hatte, bediente sich bei seinen Erzählungen stets eines originellen Ausdruckes; er betrachtete nämlich die Gefechte und Kämpfe als eine Arbeit und meinte, daß er draußen bei Dölitz am 10. October unter Lichtenstein „halt brav mitgearbeit’ habe.“

Nicht nur alle Truppengattungen, sondern auch alle Rangstufen vom General bis herab zum Füsilier, Jäger oder Reiter, waren vertreten, doch wurde hier der Rangunterschied natürlich nicht mehr so streng eingehalten als im Dienste. So kam unter Anderem zu einem Hauptmann, der in Uniform erschienen war, [714] ein invalider Unterofficier, welcher während des Krieges unter Jenem, der damals nur noch Fähndrich war, gedient hatte. Der Unterofficter nahte sich seinem Oberen, nach welchem er sich bereits vorher erkundigt hatte, so viel als möglich im Paradeschritt, dann schulterte er mit dem ihn beim Gehen unterstützenden Krückenstock und rief, sich an den erstaunten Officier wendend. „Herr Hauptmann! Corporal Werner von der dritten Compagnie meldet sich nach fünfzigjährigem Urlaub als wieder eingetroffen!“ Der Hauptmann besann sich einen Augenblick, dann aber zog er den alten Unterofficier an seine Brust und rief gerührt: „Werner, habt Ihr Euren Fähndrich wieder erkannt?“ Und nun ging es an ein Erzählen wie bei allen den Anderen.

Solcher Züge und Begegnungen gäbe es wohl hunderte zu erzählen, denn wohin man nur immer schaute, überall fanden sich Freunde und Cameraden zusammen. Freilich aber fehlte auch so mancher Waffengefährte, dem man so gern im Leben noch einmal in das Auge geschaut oder dessen Hand man nochmals gedrückt hätte; aber der Tod hatte unter den Kriegern seit jenen Tagen der Schlacht viele abgerufen, und wie kurz ist vielleicht nur noch der Lebensfaden vieler der hier Erschienenen, von denen sehr wenige unter siebenzig, viele aber achtzig Jahre und darüber zählen.

In dem vorgerückten Alter der militärischen Festtheilnehmer lag auch der Grund, daß im Gegensatz zu anderen derartigen Versammlungen der größte Theil der Anwesenden um die zehnte Stunde das gastliche Nachtquartier aufsuchte. Fröhlichen Herzens schieden sie aber in dem Bewußtsein, mit den wiedergefundenen Kriegscameraden noch einige herrliche Festtage verleben zu können.

Klar und wonnig brach der Morgen des 18. Octobers an, begrüßt vom feierlichen Geläute aller Glocken und von Geschützsalven; zahlreiche Musikchöre ließen ihren fröhlichen Weckruf durch alle Straßen erschallen, und bald entwickelte sich in der Stadt ein ungemein reges Leben.

In allen Kirchen fand feierlicher Gottesdienst statt, und nicht vermochten sie die Beter zu fassen, welche an diesem so hochwichtigen Tage dem Himmel aus vollem Herzen ihren Dank darbringen wollten. Welch ein Jammerbild aber boten die der Verehrung Gottes geweihten Räume vor funfzig Jahren! Da war nur eine der Kirchen Leipzigs, die Nikolaikkrche, welche noch dem Gottesdienste vorbehalten blieb; alle anderen aber waren in schreckenerregender Weise zu Lazarethen umgewandelt und mit schwerverwundeten und sterbenden Kriegern überfüllt. Wohl auch manchem der heute zum Feste hier erschienenen Veteranen hatte man damals sein Schmerzenslager in einer der Kirchen angewiesen. Von Augenzeugen erfuhren wir, wie ein schwacher Greis in der Peterskirche mit Thränen in den Augen noch denselben Platz zu bezeichnen wußte, wo er in jenen Tagen schwerverwundet hier längst die Hoffnung verloren hatte, dem Leben und seiner armen Familie wiedergegeben zu werden, und heute – stand er noch lebend hier, um die Erinnerung an jene Tage mitzufeiern. Ehrfurchtsvoll geleitete man den würdigen Greis an denselben Platz, und wer wäre wohl im Stande, die Gefühle jenes Veteranen zu schildern, dem aus Rührung die Stimme gebrach, um in die zum Himmel dringenden, frommen Lieder des Dankes einzustimmen? Er selbst hat geäußert, daß ihm immer zu Muthe gewesen sei, als höre er noch die jammernden Klagelaute seiner verwundeten und sterbenden Cameraden, welche damals in so furchtbaren Massen in diesen Räumen einen nothdürftigen Zufluchtsort gefunden hatten.

Nach beendigtem Gottesdienste sah man die würdigen Veteranen gruppenweise oder einzeln durch die Straßen ziehen, um jene Häuser und Plätze aufzusuchen, wo sie in den Zeiten des Krieges einquartiert gewesen waren oder bivouakirt hatten. Auch da gab es wieder schmerzliche und erhebende Erinnerungen genug. Einer der Veteranen fand nach langem Suchen von derselben Familie, die ihn damals so freundlich aufgenommen und gepflegt hatte, nur noch das jüngste Kind seiner Wohlthäter am Leben, und dieses Kind war nun selbst zur würdigen Matrone geworden. Ein Anderer, der nach dem Einzuge der Verbündeten sein Quartier im Brühl erhalten hatte und gar nicht genug die liebevolle Verpflegung loben konnte, begab sich nach jener Straße, um nach seinen Wohlthätern oder deren Nachkommen zu forschen. Das Haus war wohl bald genug gefunden, aber der Name jener Familie, nach welcher der Greis so eifrig suchte, war sämmtlichen Bewohnern jenes Hauses unbekannt. Endlich drängte sich ein altes Mütterchen aus der Nachbarschaft herbei und gab die freilich traurige Auskunft, daß sie sich jener Familie noch recht gut entsinne, aber daß vor einigen Jahren auch der letzte Angehörige derselben begraben worden sei. Das Anerbieten der alten Frau, den sichtlich gerührten Veteran hinaus auf den Friedhof zu den Gräbern seiner Wohlthäter zu geleiten, ward von dem Greise dankbar angenommen, und der alte Mann erbat sich als Geschenk einen der Laubkränze, mit denen das Haus, in dem er vor funfzig Jahren Unterkommen fand, geschmückt war. Es sollte dieser Kranz ein Andenken sein, das er mit in die Heimath nehmen wollte, und gern erfüllte man seinen Wunsch. Als er, von dem Mütterchen geleitet, draußen auf dem Kirchhofe die Gräber seiner ehemaligen Wirthsleute gefunden hatte, konnte er sich der Thränen nicht erwehren. Er hätte ja so gerne Denen noch einmal auf Erden seinen Dank dargebracht, die ihn damals so herzlich aufgenommen hatten. Den Kranz, den er von jenem Hause mitnahm, legte er jetzt tiefgerührt auf eins der Gräber und pflückte dagegen von den letzteren einige herbstliche Blumen, die ihm, wie er meinte, doch ein noch wertheres Andenken wären, als jener Kranz, der nur als ein Zeichen der Dankbarkeit hier auf der Ruhestätte seiner Wohlthäter zurückbleiben sollte.

Der sogenannte „alte“ Friedhof war überhaupt das Ziel vieler Besucher, denn man hatte die Gräber der hier ruhenden Gefallenen aus den Freiheitskriegen an diesem Jubel- und Ehrentage festlich geschmückt. Ganz besonders war Motherby’s Grab unaufhörlich von Besuchern umringt. Manche der Veteranen erinnerten sich noch dieses kühnen Hauptmanns der Königsberger Landwehr, der hier unweit seines Grabes von einer Kugel getödtet ward, als er unmittelbar hinter Friccius, dem Erstürmer des Grimmaischen Thores, in die Stadt dringen wollte. Das Grab des tapfern, für die Befreiung seines Vaterlandes gefallenen Helden schmückt jetzt ein sinniges Denkmal.

Unmittelbar neben jenem Friedhof und an derselben Stelle, wo früher das äußere Grimmaische Thor stand, erhob sich eine mächtige Ehrenpforte, um den Ort zu verherrlichen, wo todesverachtend die tapfere Landwehr unter einem Hagel von Kartätschen ihren Nachfolgern Bahn brach in die von den Franzosen dort auf das Aeußerste vertheidigte Stadt. Dicht vor dieser Ehrenpforte aber war das einfache Steindenkmal bereits errichtet, welches jene Heldenthat auch künftigen Geschlechtern im frischen Andenken erhalten sollte. Die feierliche Einweihung dieses Denkmals war jedoch erst für den 19. October bestimmt, und wkir kommen später auf dieselbe ausführlicher zurück.

Ein anderes, nicht minder bedeutungsvolles Denkmal, zu welchem am Turnfeste bekanntlich der Grundstein gelegt ward, konnte jetzt zum Völkerschlachtsjubiläum ebenfalls bereits der Oeffentlichkeit übergeben werden. Noch ehe nämlich die Erstürmung des Grimmaischen Thores am 19. October 1813 stattfand, bemächtigte sich eine andere Abtheilung des Bülow’schen Corps, ebenfalls aus preußischen Freiwilligen bestehend, eines nördlich von jenem Thore gelegenen Vorwerkes, welches die Franzosen mit verzweifelter Wuth vertheidigten. Ganze Reihen der andringenden Preußen wurden durch das wohlgezielte Gewehr- und Geschützfeuer niedergestreckt; aber immer wieder stürmten neue Kämpfer löwenmuthig vor und gelangten endlich in den Besitz des mit Strömen von Blut erkauften Punktes. Schon früher stand als Denkzeichen an der Stelle des niedergerissenen Vorwerkes ein einfaches Monument, welches wegen der dabei befindlichen, auf den Schlachtfeldern gesammelten Kanonenkugeln das Kugeldenkmal genannt wurde. Der Besitzer des anstoßenden Grundstückes, Dr. Lampe, hatte jenes Denkmal errichten lassen, doch faßte man in neuerer Zeit den Beschluß, das baufällige Monument durch einen entsprechenden Denkstein zu ersetzen.

Als bemerkenswerth dürfte bei dieser Gelegenheit wohl angeführt werden, daß sich bei der Schlachtfeier auch zehn Veteranen derselben Truppenabtheilung befanden, welche damals das Vorwerk nach so furchtbaren Verlusten eroberten. Dr. Lampe hatte sich die zehn Tapferen als Ehrengäste ausgebeten, und so wohnten diese Veteranen jetzt auf demselben Grund und Boden, den sie damals so heldenmüthig erobern halfen. Wohlverdiente Ehre und Theilnahme wurden ihnen von allen Seiten zu Theil. Einer von ihnen, der um die Erzählung der Umstände des Kampfes gebeten wurde, erwiderte treuherzig: „Ja, lieber Herr, da werden Sie wohl meine Cameraden drum fragen müssen, denn ich müßte eine Lüge erfinden, wenn ich den Kampf so recht beschreiben sollte. Gehört und gesehen habe ich wenig, denn ich war blind vor Wuth, als meine [715] zwei besten Freunde neben mir fielen, und so laut ich auch mein Drauf! und Vorwärts! brüllte, der Kanonendonner brüllte doch noch viel lauter. Aber dreingeschlagen habe ich mit dem Flintenkolben ohne Barmherzigkeit, und erst als wir unter den saubern Franzosen ordentlich aufgeräumt hatten, kam ich wieder zur Besinnung. ’s hat Mancher unter meinem Kolben bluten müssen, aber – lieber Herr – meine beiden Freunde sind doch drum todt geblieben!“

Die öffentliche Festfeier begann am Sonntag Mittag um 12 Uhr, durch eine große Gesangsaufführung auf dem Marktplatze. Tausende von Zuhörern füllten den weiten Platz und die angrenzenden Straßen, doch hatte man unmittelbar vor der Sängertribüne für die Veteranen und für die Vertreter der Städte genügenden Raum vorbehalten. Ein für das Fest von dem Capellmeister E. Reinecke in Musik gesetztes Te Deum, von etwa 200 Sängern vorgetragen, machte den Anfang, und diesem folgte, nachdem die Damen sämmtlicher gemischten Gesangvereine die Tribüne betreten hatten, das Hallelujah aus Händel’s „Messias“. Einen wahrhaft erhebenden Eindruck machten diese mächtigen Chöre, ebenso wie der von Nägeli 1813 componirte Arndt’sche Lobgesang, woran sich unmittelbar der Choral „Nun danket alle Gott“ anschloß, der von dem gesammten Publicum mit angestimmt wurde.




Das Dienstmann-Institut.

Wir lenken heute die Aufmerksamkeit unserer Leser einem der neuesten Institute zu, das wir als einen bedeutenden Fortschritt in der sich immer mehr vervollkommnenden Organisation des großen Verkehrswesens begrüßen müssen: das Dienstmann-Institut.

Um den Segen einer Einrichtung recht zu würdigen, muß man sie genossen haben und dann plötzlich wieder entbehren. Die Dienstmann-Institute lassen diese Probe noch zu, da von den 3500 deutschen Städten noch lange nicht 200 sich ihrer Einführung erfreuen. Der Geschäftsmann, der aus einer Stadt mit einem wohlgeleiteten derartigen Institut in eine Stadt ohne ein solches kommt, empfindet annähernd das Gefühl, das über uns Alle hereinbrechen würde, wenn plötzlich alle Eisenbahnen und Telegraphen wieder verschwunden wären und alle alten Landkutschen und Postwagen, Frachtkarren und Staffetenreiter wieder in Bewegung gesetzt werden müßten. Und wer abseits von Bahnschienen und Telegraphendrähten wohnt, der denke sich den Zustand, wenn plötzlich Alles, was Glas ist, davon wäre, aus Schränken, Küchen und Fenstern, dann wird auch ihm das richtige betreffende Entbehrungsgefühl klar werden.

Allerdings vorzugsweise für große, volk- und betriebreiche Städte eine Wohlthat der neuern Zeit, haben diese Dienstmanns- oder Packträger-Institute nach mehr als einer Richtung zugleich eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Wer an die ehemaligen selbstständigen Lohnboten, Kärrner, Schiebeböcker und Eckensteher zurückdenkt, wird zugeben müssen, daß die Art von Freiheit der Bewegung, welche zwischen ihnen und dem Publicum statt hatte, weder für dieses, noch für jene ersprießlich war. Es wurde zwischen beiden ein fortwährender Kleinkrieg geführt, der auf gegenseitige Ueberlistung, Ueberrumpelung, Uebervortheilung hinzielte. Dem Publicum war keinerlei Garantie für die Zuverlässigkeit solcher Diener geboten, und letztere selbst entbehrten ebenso die bestimmte Aussicht auf regelmäßigen Erwerb. Von dort drückte das Mißtrauen auf eine ganze große Classe von Arbeitern, und in diesen setzte sich eine Gehässigkeit gegen jeden bessern Rock fest und bildete sich eine renommistische Verachtung jedes Besitzes aus. „Wie gewonnen, so zerronnen“ – „Von der Hand in den Mund“ – das waren Lebensregeln in dem Kreise.

Unter diesen Verhältnissen litt der momentane Arbeitgeber so sehr, wie der momentane Arbeiter. Uebereinstimmend war nur, daß man gegenseitig sobald als möglich von einander loszukommen suchte. Jener trug lieber eine schwerere Kostenlast, wenn nur der Auftrag vollzogen war, und was hatte dieser für Vortheil von dem einzelnen höher erschwindelten Preis? Fragt die Destillationen, fragt die dickhälsigen „Carolinen“ in der Tasche des dienstbaren Mannes. Bis zu dem Geldbeutelchen eines Familienschreins, oder bis zur Hausfrau ist in der Regel blitzwenig davon gekommen.

So mochte das Bedürfniß Jahre lang nach einer Form geforscht haben, wie dieser täglich drückenderen Verkehrsnoth abzuhelfen sei. Einen Anfang zu einer Besserung erkennt man zuerst an Orten von bedeutendem Fremdenzusammenfluß; dort hat man wenigstens das Führerwesen obrigkeitlich zu ordnen und zu überwachen angefangen, um die Fremden vor Unverschämtheiten und Uebervortheilungen der Straßenspeculation zu wahren. Der große Geschäftsverkehr entzog sich jedoch absichtlich der obrigkeitlichen Fürsorge und litt lieber noch länger am alten Uebel, bis endlich die rechte Form auf anderen Lebensgebieten hervortrat und nun auch für unsern betreffenden Fall angewendet werden konnte.

Es mußte nämlich erst der große Wnrf gelingen, sogar in Deutschland der Anschauung Anhang zu verschaffen, daß mit vereinten Kräften mehr auszurichten sei, als die einzelne Kraft leisten könne. Englands sprechende Beispiele brachten endlich auch bei uns die Association zu Ehren, und als eines ihrer gelungensten Kinder trat das erste Dienstmann-Institut in’s Leben, das folgenden grundsätzlichen Einrichtungen huldigte: 1. fester, bestimmter Lohn für die Arbeiter, 2. gute, nicht allzustrenge, aber ein richtiges Maß von Disciplin schaffende Instructionen, 3. ein fester, jede Willkür abschneidender Tarif, und 4. unbedingt festzuhaltende Controle durch sogenannte Garantiemarken. Ein solches, unter ebenso energischer als redlicher Leitung stehendes Institut ist für den Verkehr in und außer dem Hause, wie bereits bemerkt, eine große, eine unschätzbare öffentliche Wohlthat.

Der Arbeitgeber wendet sich jetzt an den Arbeiter als an das Mitglied einer öffentlichen Verkehrsanstalt, kann daher von ihm verlangen, daß er streng nach Instruction und Tarif handle. Seine Aufträge werden pünktlich und zuverlässig besorgt, die Kosten sind der Arbeitsleistung entsprechend festgestellt und nicht wie früher der Willkür des Einzelnen überlassen. Uebertritt der Dienstmann seine Instruction oder läßt er sich sonst ein Vergehen zu Schulden kommen, so erfolgt eine ernste Rüge, nach Befinden Entlassung; kurz der Auftraggeber weiß, er hat in dem Dienstmann einen Arbeiter vor sich, dem er Alles anvertrauen kann, denn selbst in dem Falle, daß er in irgend einer Beziehung durch einen Dienstmann zu Schaden gekommen sei, bürgt die sicherste Garantie für den Verlust.

Daß durch solche Institute der Verkehr erleichtert und in Folge dessen auch gehoben wird, wer sollte das leugnen? Ein billiger, jede Eigenmächtigkeit ausschließender Tarif macht den Dienstmann überall und zu jeder Zeit zum gesuchtesten Arbeiter; er schafft ihm allerwegen Beschäftigung und viele neue Arbeit, die es früher gar nicht für ihn gab. Der Dienstmann ist ein unentbehrlicher Helfer bei allen möglichen Bedürfnissen; er ist Bote, Aufwärter, Transporteur, Krankenwärter, Billeteur, Kutscher, Feuerlöschgehülfe etc.; er ist, wenn es sein muß, der zarteste postillon d’amour; im eleganten Uniformfrack dient er als Tafelgehülfe, Diener, Kellner, Portier etc.; er trägt nicht blos Holz und Kohlen, sondern sagt uns auch, ob die empfangene und bezahlte Waare richtig gemessen war; kurz er führt jeden ehrbaren Auftrag schnell, billig und sicher aus, ist ein steter Helfer und Unterstützer in allen möglichen Geschäften und Vorkommnissen des täglichen Lebens, bei Tag wie bei Nacht zu allerlei schweren oder leichten Dienstleistungen bereit und somit für Alle und Jeden, für Private und Behörden das personificirte, unentbehrliche perpetuum mobile des öffentlichen Verkehrs.

Solcher Weise bieten die Dienstmann-Institttte für Arbeiter, Arbeitgeber und den Verkehr im Allgemeinen die unschätzbarsten Vortheile und sind demnach in socialer wie in volkswirtschaftlicher Beziehung von größter Bedeutung.

Das Verdienst der ersten Begründung eins solchen Instituts gebührt dem Bromberger Kaufmann Eduard Berger, der leider durch frühen Tod ereilt ward und die Früchte seines schaffenden Geistes nicht reifen sah. Seitdem sind fast in allen größeren Städten Deutschlands solche Institute entstanden. Als eins der vorzüglichsten Dienstmann-Institute, welches wegen seiner eben so das Wohl der Arbeiter bezweckenden Thätigkeit, wie die mancherlei Bedürfnisse des öffentlichen Verkehrs in umfassendster Weise befriedigenden

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Die Gartenlaube (1863) b 716.jpg

Revue und Hauptinspection über die Mannschaften und Geräthe des Dienstmann-Instituts in Dresden

[717]  [718] Wirksamkeit mit Recht eine Musteranstalt genannt zu werden verdient, müssen wir das erste Dresdner (sogen. rothe) Dienstmann-Institut hervorheben. Vor zwei Jahren (am 15. September 1861) von dem Kaufmann Eduard Geucke und dem Buchhändler Julius Heinze in’s Leben gerufen, welche Beide, durch ihre sonstigen Geschäfte keineswegs darauf angewiesen, dem Unternehmen in höchst uneigennütziger Weise vorstehen und es in wahrhaft gemeinnützigem Sinne leiten, hat es sich durch seine vortrefflichen Einrichtungen bereits über Deutschlands Grenzen hinaus einen wohlbegründeten Ruf erworben. Mit 50 Mann eröffnet, schafft es heute bereits 300 unbemittelten Arbeitern Brod und Verdienst, und mit ihnen haben noch 25 Inspectoren, Comptoiristen, Aufseher etc. eine einträgliche und gesicherte Stellung erhalten. Es dürfte kaum ein zweites Dienstmann-Institut in Deutschland eine so bedeutende Anzahl Arbeiter beschäftigen und sich solchen Aufschwunges zu erfreuen haben! Es war und ist aber auch nichts Leichtes, den großen Betrieb zu organisiren, zu überwachen, in Gang und Ordnung zu erhalten. Es müssen Tausende an eine Sache gewendet werden, bei der das Resultat keineswegs im Voraus zu berechnen, die Rentabilität vielmehr nächst der Betriebsamkeit der Arbeiter von den Verkehrsverhältnissen im Allgemeinen, ja selbst von der Witterung und einer Reihe von andern Zufälligkeiten abhängig ist.

Das 1. Dresdner Dienstmann-Institut weist gegenwärtig einen Mobiliarbestand an Wagen, Karren und sonstigen Geräthen aller Art, Sommer- und Winterkleidung, Montirungsstücken u. s. w. von über zehntausend Thaler auf; die Abnutzung und Erneuerung namentlich der letzteren erfordert jährlich ansehnliche Summen. Der Bedarf an Löhnen für die Mannschaft und das übrige Personal stellt sich jetzt monatlich auf 3500 Thaler und erreicht im Jahre die immense Ziffer von über 40,000 Thalern.

Rechnet man hierzu die Ausgaben für Reparaturen, Miethzinsen für 11 Comptoire und Remisen, die Herstellung der Marken (von welchen die 300 Dienstmänner täglich 7000, jährlich aber 2,555,000 zum Verbrauch erhalten und die allein einen Aufwand von über 1000 Thlr. verursachen), sonstige Druckkosten und Inserate, so wie alle weiteren Geschäftsspesen, so müssen jährlich über 50,000 Thaler, täglich gegen 150 Thlr. eingenommen werden, ehe nur von einem Ueberschuß, von einem Gewinn für die Unternehmer die Rede sein kann. Fürwahr, es liegt denselben kein Geringes ob, und große Umsicht, Energie und Ausdauer gehören dazu, das Getriebe des vielseitigen Geschäfts im Umgange mit so vielen verschiedenartigen Charakteren unter den Arbeitern und bei den mannigfachen Unannehmlichkeiten, wie sie zweifelsohne bei einem Verkehr mit täglich Tausenden im Publicum vorkommen, im rechten Gleise zu erhalten. Den schönsten Lohn für ihre Mühen erhält die Direction des Instituts durch die Liebe und Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Diese haben die ihnen geschaffenen Wohlthaten, die moralische und materielle Hebung ihres Standes kennen und schätzen gelernt. In jeder Weise ist für sie gesorgt. Nächst vollständiger Kleidung, die ebenso zweckmäßig als anständig ist, und freier Benutzung aller Geräthe, gewährt ihnen das Institut durch festen Lohn eine vollkommen gesicherte, von der Jahreszeit unabhängige Stellung; eine Krankencasse bietet ihnen in Krankheitsfällen täglichen Zuschuß, eine Pensionscasse, wenn sie dienstunfähig geworden, eine willkommene Unterstützung, für die jüngeren, unverheiratheten Mannschaften ist ein Casernirungssystem eingeführt, welches ihnen billigere und gesündere Wohnungen verschafft, und durch Errichtung eines Proviantmagazins wird nach Art der Consumvereine für gute und wohlfeile Nahrungsmittel gesorgt. Aber auch in anderer Weise ist des Arbeiters gedacht: in geselligen Zusammenkünften lernen sie sich unter einander genauer kennen und der Corporationsgeist wird gehoben; sie vergnügen sich in angemessener, fröhlcher Weise, wobei Jeder seine Fertigkeiten und Fähigkeiten zur Geltung bringen kann, und kleine Festlichkeiten, die die Mannschaft selbst oder die Direction veranstalten, nähren und kräftigen Herz und Seele und schaffen neue Lust zu neuem Tagewerk.

So bildet das Ganze ein einheitliches, harmonisches Zusammenwirken und gegenüber der Unzulänglichkeit früherer Zustände einen überzeugenden Beweis seiner Nützlichkeit. Das Dresdner 1. Dienstmann-Institut wirkt aber nicht allein dort mit großem Segen, es erstreckt seine Thätigkeit auch noch auf einige andere Städte Sachsens sowie Böhmens, in denen es Commanditen errichtete, und wohl die meisten neueren derartigen Unternehmungen sind nach seinem Muster erstanden, so auch das seit dem 15. September dieses Jahres in Leipzig bestehende neue Dienstmann-Institut. Auch bei diesem gilt die Abgabe von sogenannten Garantiemarken, welche jeder Dienstmann dem Auftraggeber je nach dem Kostenpreise der ausgeführten Dienstleistung einhändigen muß, als erster und wichtigster Grundsatz. Nur der Besitz dieser Marken begründet das Recht auf Ersatzpflichtigkeit in Schadenfällen, während sie zugleich als wirksames Controlmittel für die Unternehmer wie für das Publicum dienen. Der Dienstmann, der dem Auftraggeber keine Marke aushändigt, wird sofort seiner Stelle verlustig. Das Markensystem ist eigentlich der einzige sichere Boden, auf welchem die Solidität, die Dauer und der Ruf des Instituts beruht; denn es bildet die Grundlage für die unerläßliche Disciplin unter der Mannschaft, ohne welche selbst die besten Einrichtungen wirkungslos bleiben, und es ist daher ein durchaus übelangebrachter Beweis von Liberalität und ein beklagenswerther Indifferentismus, wenn die Auftraggeber selber die Annahme von Marken ausschlagen; sie bringen dadurch den Dienstmann unwillkürlich in Versuchung und verleiten ihn zu Betrügereien, welche, ob früher oder später, dennoch seine Bestrafung zur Folge haben.

Die beigefügte Illustration zeigt uns eine Revue und Hauptinspection, wie sie alljährlich einmal über die Mannschaften und Utensilien des 1. Dresdner Dienstmann-Institutes abgehalten wird. Die Dienstmänner in ihrer praktischen Kleidung, ihrem blank geputzten Lederzeug, wie nicht minder die elegant und gefällig gebauten Geräthschaften gewähren bei solchen Gelegenheiten einen stattlichen Anblick. Wir sehen nicht nur an der Mannschaft die Bekleidung für die verschiedenartigsten, schwersten wie leichtesten Dienstleistungen eingerichtet, vom lederschürzigen Packträger bis zum leichten Corps der Wichsiers, zu deutsch Stiefelwichser, sondern auch in den Transportgeräthen gipfelt es sich vom Korb und von der Tragbahre bis zum zwei- und vierräderigen Karren und bis zum Koloß von Möbelwagen aus. Dabei zeigt sich auch die Form der Karren und Wagen den verschiedenartigsten Verrichtungen entsprechend. Diese Sorgsamkeit nach jeder Bedarfsrichtung deutet auf eine Achtung vor dem Publicum hin, die dieses dem Institut und seinen Gründern und Leitern recht wohl in gleichem Maße erwidern darf.

Wir können nicht schließen, ohne auf die großen Vortheile hinzuweisen, die durch eine Verbindung der Dienstmann-Institute unter einander für den öffentlichen Verkehr erwachsen müßte. Wir möchten diesen Punkt als eine wichtige Frage für alle betreffenden Unternehmer aufgenommen wissen; vielleicht dient unser Artikel dazu, die Dienstmann-Institute zu einem weiteren Vorgehen im Interesse des Gemeinwohls anzuregen, und ihnen neue Bahnen für ihre nicht genug zu schätzende Wirksamkeit zu eröffnen.




Blätter und Blüthen.

Der Illustrationen-Schwindel der Londoner Pennyblätter. – Eine neue Art der Annonce. – Je öfter ich eine Nummer der Gartenlaube unter die Hände bekomme und mich an den guten Holzschnitten, dem gediegenen Inhalt und der typographischen Ausstattung derselben erfreue, je öfter muß ich mitleidig lächeln über eine gewisse Branche der englischen periodischen Literatur, die, gleich der Gartenlaube, auch für’s Volk bestimmt, ebenfalls reich an Illustrationen und billig obenein ist. Doch welch’ ein Unterschied! – Es wird mich Niemand der Schmeichelei von der einen, noch der Uebertreibung von der andern Seite beschuldigen können, der ein Exemplar des deutschen Blattes und ein solches der „Weekly Illustrated News“ neben einander vor sich hinlegen und vergleichen will. Der Preis beider Zeitschriften differirt kaum: die Gartenlaube kostet jährlich 2 Thaler und das eben citirte englische Blatt liefert 52 Nummern à 16 klein Folioseiten für 52 Pence (1 Thlr. 18 Sgr. 2 Pf.). Doch welch ein Unterschied! rufe ich wiederholt. Betrachten wir zunächst das englische Blatt.

Für den Engländer der Classe, für die es zumeist bestimmt ist, mag es ganz gut sein; indessen scheint es mir doch, daß eine Redaction Niemand – selbst dem einfachen Arbeiter nicht, und diesem erst recht nicht – zumuthen sollte, eine offenbare, handgreifliche Lüge für eine Wahrheit zu halten. Und diese kolossalen Lügen in Wort und Bild kann man dem genannten Blatte, der Illustrated Weekly News, zu Hunderten im Laufe eines Jahres nachweisen. Ich führe einige der frappantesten Beispiele zur Erbauung

[719] der Leser der Gartenlaube an. Zur Zeit der Verheirathung des Prinzen von Wales mit der Prinzessin Alexandra von Dänemark waren natürlich alle Zeitungen mit Berichten und erklärenden Illustrationen über das Ereigniß des Tages gefüllt. Auch das genannte Blatt brachte in einer Nummer eine Illustration, welche zufolge der Unterschrift die Abreise der fürstlichen Braut von Kopenhagen darstellen sollte. Ohne sehr genau auf dieselbe zu blicken, fand ich, daß die dargestellte Scene nicht Kopenhagen, sondern Berlin war; da war das Palais des früheren Prinzen von Preußen, mit der Universität gegenüber, dem Monument des großen Friedrich und dem Anfang der Lindenpromenade im Hintergrund. Die die Straße besetzt haltenden Truppen waren klar und deutlich als preußische Garden zu erkennen, zum Ueberfluß sah man linker Hand auch noch ein Stück der Façade des Opernhauses, und endlich schritten den königlichen Equipagen voran Processionen der Gewerke, Fahnen tragend, auf deren vorderster ganz deutlich das Wappen der Stadt Berlin zu erkennen war. Das Ganze schien mir ein alter Holzschnitt zu sein, der gelegentlich der Krönung des jetzigen Königs von Preußen gemacht war, in irgend einem Blatte damals gedient hatte, und den Einzug des Königs in Berlin nach seiner Rückkehr von Königsberg vorstellte. Dabei scheuete sich die Redaction jedoch nicht, noch besonders zu bemerken, daß ein speciell engagirter Künstler die Illustrationen an Ort und Stelle aufgenommen habe.

Am meisten amüsiren mich jedoch die Illustrationen, welche in demselben Blatte bezüglich des jetzt und seit Jahr und Tag in Amerika zwischen den Nord- und Südstaaten wüthenden Krieges dem leichtgläubigen und leicht zu befriedigenden englischen Publicum aufgeheftet wurden. Kurz zuvor hatten erst der kurze, doch ereignißvolle italienische Krieg und dann die Scharmützel zwischen den Truppen Franz’ II. und Victor Emanuel’s Anlaß zur Anfertigung einer Menge von Holzschnitten, Schlachtscenen darstellend, gegeben. Diese mußten nun wiederholt die Literatur schmücken und sich nolentes volentes dem nordamerikanischen Bürgerkriege anpassen lassen. So finde ich Seite 681 (Monat August 1862) eine Illustration mit der Unterschrift: „Zurückwerfung der Nordstaatentruppen in der Nähe von Richmond.“ Ein nur oberflächlicher Blick auf das Bild zeigt uns den französischen Kaiser mit seinem Gefolge, französische Infanterie und Artillerie zum Gefecht vorrückend im Vorgrunde, und den historisch gewordenen Wartthurm auf der Höhe vor Solferino mit den einzelnen Pappeln dabei im Hintergrunde.

Seite 408 desselben Blattes (Monat April 1862) bietet eine Abbildung im großen Format, angeblich die große Schlacht am Sugar Creek in Arkansas darstellend. Wiederum finden wir französische Truppen zur Attake vorrückend, unverkennbar französische Generale sie anfeuernd und österreichische Soldaten in ihren kurzen, weißen Röcken und engen ungarischen Beinkleidern als Todte und Verwundete das Schlachtfeld bedeckend.

In ihrer Nummer vom 1. November 1862 geben unsere Weekly News zwei Bilder auf einer Seite, das obere mit der Unterschrift. „Südstaaten-Truppen im Marketender-Zelt“, das andere: „Angriff der Conföderirten auf Corinth“. – Das obere Bild stellt in Wirklichkeit französische Chasseurs d’Afrique dar und zeigt uns ein treues Portrait einer französischen Cantinière in Uniform; das zweite kann keinem vernünftigen Menschen als etwas Anderes denn Messina erscheinen. Man sueht neapolitanische Truppen, auf deren Fahnen das Wappen von Neapel, und den Aetna im Hintergrunde der Meeresbucht.

Das non plus ultra jedoch bleiben zwei auf die französische Occupation Mexicos bezügliche Holzschnitte auf Seite 488 vom 9. Mai 1863, beide angeblich Gefechte der französischen mit den mexicanischen Truppen vorstellend und beide augenscheinlich aus der Zeit herrührend, in welcher Spanien mit Marokko im Kriege war; denn aus beiden sieht man die nicht zu verkennende spanische Uniform, namentlich die eigenthümliche Figur der spanischen Militär-Kopfbedeckung, und auf beiden präsentiren sich deutlich die weißen, flatternden Bournusse der Araber und Beduinen.

Ich könnte so in diesem Genre noch lange fortfahren, denn fast eine jede Nummer dieses unvergleichlichen Blattes bringt eine ähnliche Lüge im Bilde; doch genug davon, lassen sich die Alles wissen wollenden Engländer solchen Unsinn aufheften, so mögen sie es thun; ein deutsches Blatt würde mit solcher Frechheit nicht aufzutreten wagen. Man vergleiche nun die äußere Ausstattung, Papier und Druck des mehrerwähnten Blattes mit unserer Gartenlaube, der Illustrirten Zeitung oder irgend einem ähnlichen deutschen Blatte. Auch hier, welche Differenz! – Zeitungsdruck, wie man sich ihn nur denken kann, und Papier, welches – mit einem Worte richtiges Strohpapier. Von dem aus allen Zeitungen zusammengestoppelten Inhalt, der von Druckfehlern wimmelt, will ich gar nicht sprechen, es ist unmöglich, in ihm nur einen Originalbeitrag herauszufinden.

Nun giebt es noch eine andere Art von Literatur in wöchentlichen Lieferungen hier in London, die billiger als billig ist, denn sie wird umsonst verabreicht. Ein hiesiger Kaufmann (Materialist) giebt jedem seiner Kunden wöchentlich gratis eine Nummer eines acht Seiten haltenden Blattes, welches er auf seine Kosten eigens redigiren und drucken läßt und dessen Inhalt eine Mischung von Fabeln, Märchen, Novellen, Gedichten, Schauer- und Geistergeschichten etc. ist. Ellerby und Comp. ist die Firma dieses (auch meines) Thee- und Kaffeelieferanten, der dieses Mittel mit Erfolg benutzt, um theils Kunden anzuziehen, theils seine Waaren anzupreisen, wozu ihm die erste und letzte Seite seines „Journals“, wie er es stolz nennt, prächtig dient.

Zum Schluß noch eine jedoch sehr wahre Anekdote, welche eigentlich mehr in das Annoncenfach einschlägt, das bereits früher in der „Gartelaube“ einmal besprochen wurde. Gestern führte mich mein täglicher Weg durch Holborn, eine der Hauptpulsadern Londons. Ich sah einen dichten Menschenknäuel um zwei oder drei Männer versammelt, welche – soweit ich es aus der Ferne zu erkennen vermochte – dicke Stöcke von Zetteln unter dem Arm hatten und diese an die Umstehenden vertheilten. Glaubend, daß dies eine der gewöhnlichen, auf den Straßen vertheilten Zettel-Annoncen sei, wie sich Aerzte, Kaufleute, Schnittwaarenhändler, Schneider und Schuhmacher derselben, bedienen und deren man zwei bis drei Dutzend in einem Zeitraum von zehn Minuten in Empfang nehmen kann, wenn man sonst will, wollte ich vorbeipassiren, als meine Aufmerksamkeit durch die eigenthümliche Form dieser Handbills (so nennt man sie) erregt ward. Mit Mühe gelang es mir eines Exemplars mich zu bemächtigen. Was glauben Sie, konnte es sein? Sie würden es schwerlich errathen.

Ein Halskragen von Papier, prächtig weiß, nach dem neuesten und fashionabelsten Schnitt, dessen innere Seite ganz zierlich bedruckt war und die Annonce eines Friseurs und Parfümeriehändlers enthielt. Viele Jungen befestigten sich den erbeuteten Kragen sofort am Hemd. Dies ist nun eine ganz neue Art der Straßen-Annonce, neuer jedenfalls als die Wechsel-Annonce, welche auch sehr ingeniös ist und darin besteht, daß Kaufleute sich Etiquetten sehr fein drucken lassen, welche genau die Rundung eines Penny haben; diese werden dann auf die eine Seite der großen Kupfermünze geklebt und kommen so beim Herausgeben in die Hände des kaufenden Publicums.

K.



Humboldt und ein neuer Münchhausen. In dem „Briefwechsel A. v. Humboldts mit H. Berghaus“ (Leipzig, Costenoble, 3 Bde.), einem Werke, das namentlich für die Geschichte der Erdkunde in den letzten dreißig Jahren von großer Wichtigkeit ist, wird auch Folgendes erzählt:

War Humboldt mit dem Könige in Potsdam, so pflegte er bei gutem Wetter Spaziergänge in der Umgebung der Stadt zu machen und namentlich eine Anhöhe zu besuchen, von der aus man eine Uebersicht der Landschaft und besonders der Havel-Seen hat. Eines Tages saß er auf einer Ruhebank auf dieser Anhöhe (Brauhausberg genannt), als ein junger Mann ihn flüchtig grüßte und sich neben ihn setzte. Humboldt sprach gegen den Unbekannten von der schönen Aussicht.

„Ja, die Aussicht ist ganz niedlich, sogar hübsch, aber was ist sie gegen die Aussichten in der Schweiz und nun gar gegen die vom Chimborazo! Dagegen ist sie gar nichts!“

Humboldt glaubte nach dieser Rede einen ihm noch unbekannten Reisenden vor sich zu sehen, der vielleicht nach Potsdam gekommen sei, ihn aufzusuchen; er fragte also:

„Sie waren in Amerika und auf dem Chimborazo? Ich glaubte bisher, es wären nur zwei Versuche gemacht worden, den Chimborazo zu ersteigen, einmal von Humboldt mit Bonpland und Montufar, dann dreißig Jahre später von Boussingault und Gate. Sie haben also auch den Versuch gemacht?“

„Ich habe nicht nur den Versuch gemacht, sondern bin auf die Spitze hinaufgekommen. Meine Gefährten mußten ein paar tausend Fuß tiefer zurückbleiben.“

„Darf ich fragen, wer Ihre Begleiter bei diesem gefährlichen Unternehmen waren?“

„So arg sind die Gefährlichkeiten nicht, als sie den Leuten vorgeredet werden.“

„Einige Bergreisen habe ich auch und dabei die Erfahrung gemacht, daß außer andern Gefahren die persönlichen Leiden in den höhern Luftschichten doch nicht so ganz unbedeutend sind.“

„Viel Wind dabei, auf Ehre! Nur Courage gehört dazu. Die habe ich; meinen Begleitern ging sie aus, und darum mußten sie zurückbleiben.“

„Darf ich meine Frage nach den Namen Ihrer Gefährten wiederholen?“

„Sie haben sie vorhin selbst genannt. Der Humboldt hatte noch die meiste Courage, er wollte mir nach, aber die Kräfte reichten bei ihm nicht aus. Der Franzose wollte bei jedem Schritte umkehren.“

„Sie scheinen wenig über 30 Jahre alt zu sein,“ sagte Humboldt lächelnd; „Humboldt machte seinen Versuch 1802, und jetzt haben wir 1835. Wie reimt sich das zusammen?“

„Bitte um Vergebung. Sie verwechseln die Zahlen. Nicht 1802, sondern 1820 war ich mit dem Humboldt auf dem Chimborazo. Damals war ich 20 Jahre alt.“

„Ich habe immer gehört, daß mit Humboldt nur zwei Personen waren.“

„Sie irren sich, auf Ehre. Da ich selbst dabei gewesen bin, muß ich es doch besser wissen. Wenn Humboldt mich in seinen Schriften nicht erwähnt, so ist dies aus Neid geschehen, weil ich auf dem Gipfel des Chimborazo war und er nicht nachkommen konnte. Er war seitdem übler Laune und ließ sie oft an mir aus. Ich habe ihm mehrmals meine Meinung darüber derb gesagt. Da kam es einmal zu einem Wortwechsel; ich trennte mich von ihm und kehrte allein nach Europa zurück.“

Jetzt wurde Humboldt ernst und antwortete:

„Ich höre gern Münchhausen’sche Geschichten, wenn sie gut erfunden sind, die Ihrige ist aber schlecht erfunden und dichtet überdies den häßlichen Neid einem Manne an, der sich bewußt ist, von demselben immer frei gewesen zu sein.“

„Kennen Sie den Humboldt?“

„Ich bin es selbst.“

Sobald Humboldt dies gesagt hatte, sprang der Fremde von der Bank auf und verschwand im nächsten Gebüsch. Es war ein Herr von Sch..f, der später Landrath in Friedeberg in der Neumark wurde.




Aus dem Theaterleben. Eine der populärsten Erscheinungen Berlins war der verstorbene Hofrath „Teichmann“, welcher mehr als vierzig Jahre die Stelle eines Secretairs beim Hoftheater bekleidete und die rechte Hand von vier Generalintendanten war. Wer nur jemals mit der Berliner Hofbühne zu thun hatte, erinnert sich gewiß des kleinen, gefälligen Mannes im schwarzen Leibrock, mit dem rothen freundlichen Gesichte, grauen Haaren und gutmüthigen Augen, der unzählige Geschichtchen und Anekdoten aus dem Theaterleben zu erzählen wußte. Es giebt gewiß keinen Künstler, keinen dramatischen Schriftsteller in Deutschland, der nicht den Hofrath gekannt und mit ihm in Briefwechsel gestanden hat. Männer wie Raupach, Tieck etc. durfte er zu seinen Freunden zählen, und der Letztere besonders

[720] gab ihm bis zu seinem eigenen Lebensende vielfache Beweise seiner Achtung. Außer seinen Berufsgeschäften widmete Teichmann seine Mußestunden literarischen Arbeiten, indem er eine „Geschichte des Berliner Theaters seit 100 Jahren“ scrieb. Nebenbei sammelte er auch werthvolle Autographen, darunter Briefe von Schiller, Goethe, Iffland, Heinrich von Kleist, Zacharias Werner, Pius Alexander Wolf und Kotzebue. Diesen höchst werthvollen Nachlaß hat jetzt Franz Dingelstedt bei Cotta in Stuttgart herausgegeben und dadurch einen überaus interessanten Beitrag nicht nur zur Geschichte des deutschen Theaters, sondern unserer Literatur und ihrer Heroen überhaupt geliefert. Vor Allen gewähren diese Briefe von Schiller und Goethe einen besondern Einblick in die dramatische Thätigkeit der beiden Dichterfürsten, in ihre Stellung zum Theater und ihre Verhältnisse zur praktischen Bühne. Wir lernen daraus die rührende Bescheidenheit Schiller’s, sein ideales Streben und auch die wahrhaft geringen Honorare für seine unsterblichen Meisterwerke kennen. Währeud Kotzebue für seine unbedeutenden Lustspiele „die Organe“ und „blinde Liebe“ von Berlin 222 Thlr. bezog, erhielt Schiller für seine „Maria Stuart“ nur 117, für „die Jungfrau von Orleans“ 107, für die Trilogie „Wallenstein’s Lager, die beiden Piccolomini und Wallenstein’s Tod“ 339 und für seinen „Wilhelm Tell“, der im eigentlichen Sinne Furore machte, nur 131 Thaler für alle Zeiten. – Aus der Geschichte des Berliner Theaters erfahren wir ferner, daß „Don Carlos“ bei seiner ersten Aufführung dem Publicum nicht gefallen hatte; auch Lessing’s „Nathan der Weise“ wurde mit auffallender Kälte aufgenommen und nur einmal gegeben, während „die Räuber“ in demselben Zeitraum zwanzigmal über die Breter gingen. Ein damaliger Kritiker schreibt über den Nathan: „Es herrschte eine feierliche Stille, man beklatschte jede rührende Situation, man munkelte allenfalls von Göttlichkeiten, welche dieses Lehrgedicht belebten, man glaubte, unser Publicum würde das Haus stürmen, aber dasselbe blieb bei der dritten Vorstellung Nathan’s beinahe ganz und gar zu Hause. Die Judenschaft, auf die man bei diesem Stücke sehr rechnen konnte, war, wie sie sich selbst verlauten ließ, zu bescheiden, eine Apologie anzuhören, die freilich nicht für die heutigen Juden geschrieben war, und so fanden sich nur Wenige, denen Nathan behagen wollte.“

Interessant ist ein Besuch Mozart’s in Berlin; kaum ausgestiegen, fragte er den Kellner:

„Giebt’s diesen Abeud nichts von Musik hier?“

„O ja,“ erwiderte dieser, „eben wird die deutsche Oper angegangen sein.“

„So, was geben sie denn heute?“

„Die Entführung aus dem Serail.“

„Charmant!“ rief Mozart lachend.

„Ja, es ist ein recht hübsches Stück,“ sagte der Kellner. „Es hat’s componirt – wie heißt er nur gleich?“

Unterdeß war Mozart im Reiserock, wie er war, schon fort. Im Theater blieb er ganz am Eingange des Parterre stehen, um da unbemerkt zu lauschen. Bald freut er sich zu sehr über den Vortrag einzelner Stellen, bald wird er aber auch unzufrieden mit dem Tempo, bald machen ihm die Sänger und Sängerinnen zu viel Schnörkeleien – wie er’s nannte; kurz sein Interesse wird immer lebhafter, und er drängt sich unbewußt immer näher und näher dem Orchester zu, indem er bald dies, bald jenes, bald leiser, bald lauter brummt und murrt, und dadurch den Umstehenden, die auf das kleine, unscheinbare Männchen im schlichten Ueberrock herabsehen, Stoff genug zum Lachen giebt – wovon er natürlich nichts weiß. Endlich kam es zu Pedrillo’s Arie: „Frisch zum Kampfe, frisch zum Streite,“ etc. Die Direction hatte entweder eine unrichtige Partitur, oder man hatte darin verbessern wollen, und der zweiten Violine bei den oft wiederholten Worten: „Nur ein feiger Tropf verzagt“ Dis statt D gegeben. Hier konnte Mozart sich nicht länger halten, er rief laut mit seiner freilich nicht verzierten Sprache: „Verflucht! Wollt ihr’s D greifen!“ Alles sah sich um, auch mehrere aus dem Orchester. Einige von den Musikern erkannten ihn, und nun ging es wie ein Lauffeuer durch das Orchester und von diesem auf die Bühne: „Mozart ist da!“

Einige Schauspieler, besonders die geschätzte Sängerin Baranius, die die „Blonde“ spielte, wollten nicht wieder auf das Theater heraus; als dies Mozart durch den Musikdirector erfuhr, war er augenblicklich hinter den Coulissen. „Madame,“ sagte er zu ihr, „was treiben Sie für Zeug? Sie haben herrlich, herrlich gesungen, und damit Sie’s ein ander Mal noch besser machen, will ich die Rolle mit Ihnen einstudiren.“




Aus dem Kriege in Polen. „Wer bei uns commandirt, muß jeden Augenblick bereit sein, am Galgen sein Leben zu beschließen,“ sagte kürzlich ein Pole, und viele von denen, welche an der Spitze einer Insurgentenschaar stehen, sind Gestalten der großartigsten und ergreifendsten Art.

Narbutt z. B. gehörte zu den Ersten, welche die Nationalfahne in Lithauen erhoben. Er war der Sohn eines ausgezeichneten Geschichtsschreibers Polens, 33 Jahre alt, ein großer, schöner Mann. Er kannte den Krieg, denn nachdem er die Universität verlassen, hatten ihn die Russen zur Armee am Kaukasus, dann, während des Krimkrieges, zu der Belagerung von Kars gesandt. Verwundet kam er nach Lithauen zurück, aber er zögerte nicht, der an ihn gelangenden Aufforderung aus Warschau Folge zu leisten. Anfangs hatte er nur sieben Mann bei sich, aber seine Schaar wuchs schnell, und sie fochten zwei Monate lang die außerordentlichsten Kämpfe, so daß die Russen endlich eine abergläubische Furcht vor Narbutt hegten. Er war binnen wenigen Tagen so populär geworden, daß alle Führer Narbutt genannt wurden. Einmal gab es elf Narbutts. Die Russen glaubten und hofften stets den Echten getödtet zu haben, aber er entging Ihnen stets. Endlich überlieferte ihn Verrath. Er wurde von allen Seiten eingeschlossen und gleich im Anfange des Gefechtes verwundet; aber als er nicht mehr stehen konnte, ließ er sich von den Seinigen tragen, commandirte mit derselben Energie wie sonst und hatte wirklich die feindlichen Linien bereits durchbrochen, als noch eine Kugel ihn traf, diesmal in die Brust. „Mein Gott, ich sterbe für das Vaterland!“ sagte er und verschied.

Man erlaubte einigen polnischen Damen, auf den Kampfplatz zu gehen und der Verwundeten sich anzunehmen, und ein russischer Officier, der Augenzeuge war, erzählt in dem „Russischen Invaliden“: „Unter diesen Damen befanden sich auch zwei Schwestern Narbutt’s, und sie baten, daß man ihnen die Leiche des Bruders ausliefere. Die Jüngste, die ihren Schmerz nicht beherrschen konnte, begann zu weinen, die Aeltere aber suchte sie zu beruhigen und sagte endlich zu ihr: „Schämst Du Dich nicht, vor den Russen zu weinen?“ Einer von uns,“ erzählt der Russe weiter, „fragte eine andere Dame: „Sie hatten wahrscheinlich auch einen Bruder hier.“ – „Alle, die für Polen kämpfen, sind meine Brüder,“ antwortete sie. Dann begannen sie die Verwundeten zu verbinden und die Todten zu begraben.“

Sieratowski hatte lange in russischen Diensten gestanden und seit Jahren Alles aufgeboten, um das Schicksal der russischen Soldaten erträglicher zu machen. Man erkannte auch seine Bemühungen an, und bald nach dem Regierungsantritte Alexander’s II. wurde er als Stabsofficier nach Petersburg berufen. Als die Insurrection ausbrach, nahm er seinen Abschied, um dem Vaterlande zu dienen. Er sammelte eine Schaar, die sich bald bis zu 2000 Mann vermehrte. In einem ungleichen Kampfe traf ihn eine Kugel am Rückgrate, und den Tag darauf wurde er in einem Hause ergriffen, in dem er Aufnahme gefunden hatte. Bei ihm befand sich ein reicher junger Mann, Graf Kossakowsky, der nicht verwundet war und leicht hätte entrinnen können, der aber blieb, weil er, wie er sagte, seinen General im Unglücke nicht verlassen wollte. Sieratowski wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Galgen verurtheilt. Da er aber wegen seiner schweren Wunde sich nicht bewegen konnte, ließ man ihn zum Galgen tragen. Er starb so muthig, wie er gekämpft hatte.

Kaplan im Lager Sieratowski’s war anfänglich Maskiewicz, der jetzt selbst an der Spitze einer Schaar steht und ein wahres Musterbild eines Priesters und Soldaten ist. Er geht gewöhnlich in aufgeschürzter Soutane, mit dem Säbel an der Seite und dem Revolver im Gürtel, während seine jungen Officiere die Czamarka tragen. Ein Freiwilliger, der sich von ihm in die Schaar aufnehmen ließ, schildert ihn als Mann mit gebräuntem Gesicht, etwas vorspringenden Backenknochen, langem braunen Barte, dicken Branen und runzelreicher Stirn.

„Kannst Du schießen und gehorchen?“ fragte er lakonisch den Freiwilligen.

„Ja.“

„Kannst Du beten?“

„Meine Mutter hat es mich gelehrt.“

„Wirst Du sterben können?“

„Ich habe es noch nicht versucht.“

„Gut!“




Wislicenus’ neuestes Buch: die Bibel, findet bei der Kritik und im Publicum überall die glänzendste Aufnahme. „Der durch seinen hervorragenden Antheil an den freireligiösen Bewegungen unserer Zeit bekannte Verfasser,“ sagt die in Hamburg erscheinende Zeitschrift „das neue Hamburg“, „steht mit seinem Buche auf dem Boden der Wissenschaft, vor der die Bibel eine Erscheinung der Geschichte, ein Glied in der Kette der menschlichen Geistesentwickelung ist, in welcher Eigenschaft sie keine Ausnahmestellung einnimmt, sondern ebenso wie andere Bücher dem Urtheile des denkenden Menschen unterliegt.“

Wer Erörterungen religiöser Dinge von diesem Standpunkte aus überhaupt nicht vertragen kann, wer sich ihnen mit keiner andern Stimmung und Gesinnung nähern mag, als einer blind und kritiklos glaubenden, der bleibe von der Lectüre des Wislicenus’schen Werks fern, denn sie würde ihm wahrscheinlich doch nichts nützen, ihn andrerseits viel eher durch das Gefühl, einer unwiderleglichen Wahrheit waffenlos gegenüber zu stehen, kränken und erbittern. Wer es aber mit Lessing’s Satze hält: „Der Buchstabe ist nicht der Geist,“ der wird sich der reich gespendeten Belehrung erfreuen, die er aus der vorliegenden Schrift, die durch Scharfsinn, Gelehrsamkeit und Fleiß gleich ausgezeichnet ist, davonträgt. Es versteht sich von selbst, daß ein Mann wie Wislicenus seinen ernsten Gegenstand in der würdigsten Form und Sprache behandelt, daß er nirgends etwa durch eine frivole Darstellung Aergerniß giebt.

Möge das Buch in recht viele Kreise eindringen und dort statt der Gleichgültigkeit gegen religiöse Angelegenheiten oder gar noch schlimmeren Verhaltens gegen sie ein sicheres Wissen verbreiten, denn welcher Denkende wäre nicht mit diesem Ausspruche des Verfasser’s einverstanden: „Wissen ist geistige Gesundheit, Freude, Freiheit und Macht.


  1. WS: Im Original unleserlich, sinngemmäß ergänzt.