Die Gartenlaube (1872)/Heft 1

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[1]

No. 1.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Zum neuen Jahr!

Von Emil Rittershaus.


Du Jahr des Ruhms, der deutschen Ehre,
Wir steh’n an deines Grabes Rand.
Dir sang das Knattern der Gewehre
Das Wiegenlied; vom Fels zum Meere

5
Hat ihre Aeste ausgespannt

Die deutsche Eiche. Ruhig wohnen
Im Wipfel mag der mächt’ge Aar,
Doch schwer erkauft sind deine Kronen,
Du blutgetauftes Schlachtenjahr!

10
 Schlaf’ ein!


Ein Jahresschluß, ein Rückwärtsschauen! –
Wie mancher schläft in Welschlands Grund,
Begraben fern der Heimath Auen! –
Die Thräne fällt vom Aug’ der Frauen,

15
Der Vater beißt die Lippe wund

Und seufzt: „Auch Er war von den Braven!
Mit Stolz gedenk’ ich heute sein –
Wann aber wird mein Kummer schlafen?
O ew’ger Gott, wann schläft er ein!“ –

20
 Schlaf’ ein!


Ein einig Reich, der Traum der Alten,
Das deutsche Reich, nun ist’s erneut!
Der Geist der Freiheit mög’s erhalten,
Doch weh’, ich seh’s vom Haß zerspalten,

25
Der frech der Zwietracht Samen streut.

Frei sei die Meinung, frei die Rede,
Doch bleibe ferne, was gemein!
Mit gift’gen Waffen führst die Fehde
Nur du, o Haß! O, schliefst du ein!

30
 Schlaf’ ein!


Im Panzer, hoch das Schwert erhoben,
So kam das Jahr. Von Muth geschwellt
War seine Brust; im Kampfestoben
Erklang sein donnernd: „Deutschland oben!“

35
Und in den Angeln bebt’ die Welt.

Wer möcht’ nicht froh die Kränze winden
Dem Muth, der ohne Wanken war,
Jetzt lasse du die Welt empfinden
Der Liebe Herzschlag, neues Jahr!

40
 Wach’ auf!


Du neues Jahr, zum Heile steige
Empor nun zu dem Sonnenlicht!
Den Weg zum Glück den Völkern zeige!
O, flicht’ um unsrer Eiche Zweige

45
Die Rosenranken voll und dicht.

Wo Fäulniß modert, reiß’ die Decke
Des eitlen Selbstbetruges fort,
Und wer im Ruhmrausch träumt, den wecke
Dein ernstes Wort, dein mahnend Wort:

50
 Wach’ auf!


Du neues Jahr, dir sei’s beschieden
Zu einen durch ein heilig Band,
Was sich in finstrem Wahn gemieden;
Es geh’ die Freiheit und der Frieden

55
Mit dir des Weges Hand in Hand!

Lass’ reiche Frucht die Saaten tragen!
Mit Geist und Feuerflammen tauf’,
Die sich in Trägheit dumpf behagen! – –
Horch, Mitternacht! Neujahr, wach’ auf!

60
 Wach’ auf!




Am Altar.

Von E. Werner, Verfasser des „Helden der Feder“.


Der Herbstmorgen war grau und trübe. Der Nebel lagerte noch feucht und dicht auf der Erde, er hing in schweren Tropfen an den dunklen Tannenzweigen und deckte als leichter weißer Reif den Boden der kleinen Waldlichtung, die inmitten der umfangreichen S.’schen Forsten lag. Am Rande der Lichtung stand ein junger Bursche von vielleicht sechszehn oder siebzehn Jahren in der groben Uniform, wie sie die Leute des königlichen Försters gewöhnlich trugen, eine gedrungene kräftige Gestalt, die Jagdtasche an der Seite, das Gewehr auf der Schulter. Er schien augenblicklich jedoch keine Jagdzwecke zu verfolgen, sondern stand ruhig an einen Baum gelehnt und blickte mit gleichgültiger Miene in den Wald hinaus, als ein fernes Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte. Es klang wie der Galopp von Pferden, der immer näher kam und in einiger Entfernung von der Wiese plötzlich aufhörte; [2] statt dessen vernahm man Fußtritte, gedämpfte Stimmen wurden laut, Sporen klirrten; gleich darauf rauschten die Gebüsche und mehrere Officiere traten auf den freien Platz.

„Wir sind die Ersten, scheint es!“ sagte der eine von ihnen, ein schöner hochgewachsener Mann in der Uniform eines Cavallerierittmeisters, indem er flüchtig den Ort musterte.

Einer seiner Begleiter zog die Uhr. „Erst drei Viertel auf Acht! Wir sind zu scharf geritten; vor Acht werden sie schwerlich hier sein. Ihr hättet übrigens keinen schlechtern Morgen wählen können; der verdammte Nebel hindert ja überall!“

Der Rittmeister zuckte leicht die Achseln. „Bah! Auf unsere Distance sieht man klar genug. Wer von Euch hat die Pistolen?“

„Halt!“ rief plötzlich einer der jüngeren Officiere. „Wir sind nicht allein! Wer steht dort?“ Er wies auf den jungen Jäger am andern Ende der Wiese, der die Ankommenden mit einem raschen scharfen Blick gemustert hatte, aber, ohne sich weiter um sie zu kümmern, stehen geblieben war.

„Irgend ein Jägerbursche,“ sagte der Rittmeister gleichgültig hinübersehend. „Indessen, er scheint hier Posto gefaßt zu haben. Saalfeld, sieh zu, daß Du den Menschen wegbringst; er könnte uns stören.“

Der Angeredete folgte der Weisung, indem er über die Wiese schritt und die Unterhandlung mit dem Betreffenden einzuleiten begann; diese schien aber nicht das gewünschte Resultat zu haben, denn nach Verlauf von fünf Minuten kehrte der Lieutenant aufgeregt und hochroth im ganzen Gesicht zu seinen Cameraden zurück.

„Nun? Was giebt es?“ trat ihm der Rittmeister entgegen.

„Der Mensch will nicht fort!“ rief Saalfeld heftig. „Er ist widerspenstig und unverschämt im höchsten Grade; wir werden ihn zwingen müssen!“

„Damit er Lärm macht, uns seine Cameraden oder gar den Förster auf den Hals hetzt und dadurch vielleicht das ganze Recontre in Frage stellt, nicht wahr? Mit Zwang ist hier nichts auszurichten; Du wirst den Burschen mit Deiner brüsken Manier gereizt und uns wieder unnöthige Schwierigkeiten bereitet haben. Ich werde selbst mit ihm sprechen.“ Damit schritt der Rittmeister, von den übrigen Officieren gefolgt, auf den Jäger zu und redete ihn leutselig an.

„Hast Du hier an dem Orte irgend etwas zu thun, mein Junge?“

„Nein!“ lautete die sehr lakonische Antwort.

„Oder wartest Du vielleicht auf den Förster oder auf sonst Jemand?“

„Nein!“

„Nun, dann wirst Du uns wohl auch ohne Schwierigkeit den Platz räumen. Wir beabsichtigen hier Schußwaffen zu probiren und wünschen dabei ungestört zu sein. Hier ist ein Trinkgeld für Deine Gefälligkeit; geh jetzt und laß uns allein!“

Die Worte wurden mit ruhiger, freundlicher Herablassung, aber doch in einem Tone gesprochen, der keinen Widerspruch zuließ, und die ganze Art und Weise hatte etwas so Imponirendes, daß das Gehorchen sich von selbst zu verstehen schien; aber ob der Jägerbursche nun zu Denen gehörte, die sich nicht imponiren ließen, oder ob die brüske Art des Lieutenant Saalfeld, der im Tone des Befehls seine Entfernung verlangt, ihn in der That gereizt hatte, – er kümmerte sich durchaus nicht um den dargebotenen Thaler, sondern entgegnete trocken:

„Danke, Herr Officier! Ich bleibe hier!“

„Aber ich sage Dir doch, daß wir hier Schießübungen vornehmen wollen!“ In der Stimme des Rittmeisters verrieth sich bereits einige Ungeduld.

„Meinetwegen!“ war die kaltblütige Antwort. „Mich hindert das nicht.“

„Aber uns!“ rief der Officier, nun auch gereizt werdend. „Wir wünschen überhaupt keinen Zuschauer, Du hörst es ja!“

Der junge Jäger lehnte sich ruhig wieder an seinen Baum. „Ja, das höre ich. Ich bleibe aber nun einmal hier. Wenn also durchaus Einer von uns gehen muß, so –“

„Unverschämter Bursche!“ brauste Lieutenant Saalfeld auf und legte die Hand an seinen Degen. Der junge Mensch trat einen Schritt zurück, sah ihn von oben bis unten an, nahm dann langsam sein Gewehr von der Schulter und untersuchte den Hahn desselben. So ruhig und kaltblütig diese Bewegung auch ausgeführt wurde, den Officieren trat doch das Herausfordernde derselben vor Augen; sie nahmen eine drohende Haltung an, und der Widerspenstige hätte seinen Trotz vielleicht arg büßen müssen, wäre der Rittmeister nicht dazwischen getreten; auch er war offenbar heftig gereizt, aber er beherrschte sich.

„Keine Gewaltthätigkeiten!“ sagte er leise, doch in sehr entschiedenem Tone. „Das Forsthaus ist nicht allzu weit entfernt und Ihr wißt, daß wir allen Grund haben, Aufsehen zu vermeiden. Wenn der Bursche durchaus nicht fortzuschaffen ist, so bleibt uns nichts anderes übrig als das Terrain zu wechseln. Seht zu, daß Ihr einen andern geeigneten Platz im Walde ausfindig macht, während ich unsere Gegner hier erwarte.“

Die Officiere zeigten indeß sehr wenig Lust, sich dieser Anordnung zu fügen, sie waren im höchsten Grade aufgebracht und es bedurfte des ganzen Ansehens ihres Cameraden, sie von Gewaltschritten gegen den unwillkommenen Störer abzuhalten, der vollkommen gleichgültig und unbewegt dreinschaute, als ginge ihn die Sache nicht im mindesten an. Es gab ein heftiges Hin- und Herreden, das erst durch die Ankunft dreier anderer Herren unterbrochen wurde. Sie blieben befremdet stehen, als sie den Wortwechsel auf der Wiese vernahmen, und blickten fragend auf die Officiere. Lieutenant Saalfeld trat sogleich höflich auf sie zu.

„Ich bedaure, meine Herren, Sie von einem sehr unangenehmen Zwischenfall in Kenntniß setzen zu müssen. Wir fanden bei unserer Ankunft hier diesen Menschen vor, der sich starrköpfig weigert, den Platz zu räumen, und auf keine Weise fortzuschaffen ist. Es wäre ein Leichtes, ihn mit Gewalt wegzubringen, aber Sie begreifen – der Lärm, den der Bursche erheben würde – es ist empörend!“

„Allerdings sehr unangenehm!“ stimmte einer der neuen Ankömmlinge bei. „Könnte man nicht – aber ich vergesse, die Herren einander vorzustellen. Herr Doctor Ried, der die Güte haben wird, uns seinen ärztlichen Beistand zu leihen – Herr Baron von Saalfeld, der Secundant des Grafen Rhaneck.“

Die Herren verneigten sich und der Arzt warf einen Blick hinüber nach dem Störenfried.

„Der da?“ sagte er kopfschüttelnd. „Da geben Sie nur die Hoffnung auf, ihn mit Güte oder Gewalt fortzubringen, Herr Baron. Ich kenne den Burschen, es ist der Sohn des Unterförsters Günther. Der läßt sich zur Noth todtschlagen, wenn es nicht anders geht, aber wegbringen von dem Platze, auf dem er sich einmal vorgenommen hat, stehen zu bleiben, läßt er sich nicht, das ist vergebene Mühe.“

Saalfeld unterdrückte einen halblauten Fluch. „Graf Rhaneck schlug allerdings vor, das Terrain zu wechseln, aber es wäre doch unerhört, müßten wir der Unverschämtheit eines solchen Menschen weichen –“

„Das ist nicht nöthig!“ nahm jetzt der jüngste der zuletzt Gekommenen, der bisher schweigend zugehört, das Wort. „Lassen Sie ihn hier, wenn er durchaus nicht fortzubringen ist. Herr Doctor, da Sie den jungen Menschen kennen, so haben Sie wohl die Güte, ihn unter Ihre Obhut zu nehmen, damit er uns nicht etwa stört oder verräth. In einer Viertelstunde ist unsere Angelegenheit abgethan, verborgen kann der Ausgang doch nicht bleiben, und – jetzt keinen Aufschub weiter, ich bitte dringend darum.“

Saalfeld vernahm mit augenscheinlicher Befremdung den Vorschlag, der so sehr gegen das Herkommen stritt, dennoch ging er, ihn seinem Freunde mitzutheilen. Wider Erwarten willigte der Rittmeister sofort ein.

„Er hat Recht!“ sagte er hastig. „Nur jetzt keinen Aufschub, der neue Störung bringen könnte. Der Doctor mag für den Burschen einstehen. Triff Deine Vorbereitungen, Saalfeld.“

Der Arzt war inzwischen zu dem jungen Günther getreten und blieb dicht vor ihm stehen. „Guten Morgen, Bernhard!“

„Guten Morgen, Herr Doctor!“ erwiderte der Angeredete, höflicher als man es, seinem früheren Benehmen nach, ihm hätte zutrauen sollen.

„Warum in aller Welt willst Du den Platz hier durchaus nicht räumen?“ examinirte der Arzt, indem er mit einem halb zornigen, halb verwunderten Blick den sechszehnjährigen Burschen maß, der allein den fünf Officieren die Spitze bot.

[3] „Ich will nicht!“ war die gleichgültige Antwort, in der doch zugleich ein störrischer Trotz lag.

„So? Höre, Bernhard, es ist ein Glück, daß du nächstes Jahr in die Stadt und zum Militär kommst. Man wird Dir Dein ‚Ich will nicht!‘ mit der Disciplin wohl etwas austreiben, und gnade Dir Gott, wenn einer von den Officieren dort Dein Vorgesetzter wird, Du würdest den Trotz arg zu büßen haben, wie Du ihn jetzt schon büßen müßtest, hätten die Herren nicht allen Grund – ja so, das brauchst Du nicht zu wissen. Nun aber sei einmal vernünftig! Das Hierbleiben hast Du durchgesetzt, jetzt bleibst Du aber ruhig hier an meiner Seite stehen und rührst Dich für’s Erste nicht. Hast Du mich verstanden?“

Die leise, aber nachdrückliche Strafpredigt, so ernstlich sie auch gemeint sein mochte, wurde doch in einem so väterlichen Tone, mit so unverkennbarem Wohlwollen gehalten, daß sie ihre Wirkung auf den jungen Starrkopf keineswegs verfehlte. Ihm genügte es augenscheinlich, daß er den Officieren gegenüber seinen Platz behauptet hatte, und er fügte sich jetzt der ihm gewordenen Anweisung, ohne eine Miene zu verziehen.

„Nun?“ fragte der Begleiter des Arztes herantretend.

„Ich nehme den Störenfried auf mich, er wird uns nicht hindern. Wenn es also durchaus sein muß –“

Der Andere unterdrückte einen Seufzer. „Sie wissen wohl, daß es hier keine Wahl giebt. Also auf Ihre Verantwortung – darf ich bitten, Herr von Saalfeld?“

Die Secundanten maßen die Schritte ab und luden die Waffen. Was die beiden Parteien hier auf den Kampfplatz geführt, war sicher nicht eine gewöhnliche, vielleicht in der Hitze oder Uebereilung gefallene Beleidigung und die Nothwendigkeit einer Genugthuung dafür. Man sah es an dem furchtbaren Ernst auf all den Gesichtern ringsum, an dem entsetzlich kleinen Raum, auf dem die Kugeln gewechselt werden sollten, vor Allem an der Haltung der beiden Gegner, daß es sich hier um Leben und Tod handelte. Sie standen abgewendet von einander, noch hatte Keiner dem Anderen einen Blick gegönnt, selbst die alte Sitte des Grußes vor dem Zweikampfe war unterblieben, die Verneigung hatte nur den beiderseitigen Begleitern gegolten. Der Rittmeister stand mit verschränkten Armen und folgte schweigend den Vorbereitungen, aber selbst diese ruhige Haltung vermochte nicht die Erregung zu verbergen, in der er sich sichtlich befand. Die Stirn war dunkelroth, die Lippen zuckten bisweilen leise, und doch bedurfte es nur eines Blickes in das Gesicht des Mannes, um zu wissen, daß die bevorstehende Gefahr keinen Antheil an dieser Erregung hatte. Der Muth, den schon sein Stand ihm zur Pflicht machte, sprach zu deutlich aus diesen kühnblitzenden Augen, aus diesem schönen lebensvollen Antlitz, das nur durch Eins entstellt ward, durch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen, die erst dort stand, seit der Gegner den Kampfplatz betreten, und sich mit jeder Minute tiefer in die Stirn grub, der sie ein eigenthümlich hartes und feindseliges Gepräge lieh.

Sein Gegner in bürgerlichem Anzug war bedeutend jünger als er, eine hohe schlanke Gestalt, ein blasses ernstes Gesicht, mit tiefschwarzem Haar und tiefen dunklen Augen. Die Züge redeten von angestrengter geistiger Arbeit, von Nachtwachen und dumpfer Stubenluft, vielleicht auch von Sorgen und Entbehrungen, sonst mochten sie wohl leidenschaftlich aufflammen können, jetzt lag eine starre finstere Ruhe darauf, die eisig Alles gefangen hielt, was sich vielleicht früher darunter geregt und gezuckt hatte. Er schenkte den Vorbereitungen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit; an den Stamm der großen Eiche gelehnt, die inmitten des Platzes stand, blickte er unbeweglich hinaus in den verschleierten Wald. Schon kämpfte die Sonne mit dem Nebel, aber noch vermochte sie nicht, ihn zu durchdringen, es lagerte noch ringsum schwer und grau wie Todesschatten. Der Morgenwind strich mit leisem Wehen über das braune Haidekraut und flüsterte in dem Wipfel der Eiche, von der die welken Blätter niedersanken; eins davon streifte feucht und kalt die Stirn des unten Stehenden. Er blickte schweigend nieder auf das fallende Laub und dann wieder hinein in den Nebel, der vor ihm wogte.

Die Vorbereitungen waren geendigt, die Gegner empfingen die Waffen und nahmen ihre Plätze ein. Zum ersten Male begegneten sich jetzt ihre Augen und vorbei war es mit der finsteren Ruhe des Jüngeren, vorbei mit all der mühsam erkämpften und bis hierher behaupteten Selbstbeherrschung. Was jetzt in seinem Antlitz aufflammte, das war eine so furchtbare Drohung, ein so wilder tödtlicher Haß, daß man wohl sah, hier galt es Tödten oder Fallen, es gab kein Drittes, aber die furchtbare Erregung drohte verhängnißvoll für ihn zu werden, die Waffe bebte in seiner Hand.

Ihm gegenüber stand der Officier. Nicht die Kugel, das Auge des Gegners war es, was er gefürchtet, und unter diesem Auge stieg langsam eine flammende Röthe in seinem Gesicht auf, wo eine tödtliche Scham mit verhaltenem Ingrimm kämpfte, aber zugleich trat jener grausame Zug auf der Stirn schärfer und deutlicher hervor und die Waffe hatte fest und sicher die tödtliche Richtung, als das Zeichen gegeben ward.

Der jüngere schoß zuerst, die Kugel flog dicht an dem Haupte des Officiers vorüber und riß ihm die Epaulette von der linken Schulter, er selbst stand unverletzt, in der nächsten Secunde krachte auch sein Schuß – ein halb erstickter Schrei, ein Niederstürzen, ein hervorquellender Blutstrom – das Duell war zu Ende.

Der Arzt und der Secundant waren zu dem Gefallenen geeilt und Ersterer untersuchte die Wunde, auch die Officiere waren näher getreten und warteten schweigend das Resultat der Untersuchung ab; nach einigen Minuten blickte der Arzt auf und zuckte ohne zu sprechen die Achseln.

„Tödtlich?“ fragte der Rittmeister halblaut.

„Ja!“

Da schlug der Verwundete noch einmal das Auge auf und heftete es auf den Fragenden. Es war nur ein einziger Blick, der brechende Blick eines Sterbenden, aber es mußte etwas Furchtbares darin stehen, der Officier zuckte zusammen, er war todtenbleich geworden und wendete sich hastig ab.

„Meine Herren, ich lasse den Verwundeten in Ihrer Obhut! Wenn meine Cameraden Ihnen in irgend einer Weise Beistand leisten können –“

Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung. „Was hier noch zu thun ist, dazu reichen wir Beide allein aus. Gehen Sie, meine Herren, und überlassen Sie das Weitere uns.“

„Dürfen wir Ihnen vielleicht unseren Wagen – ?“ fragte Saalfeld.

„Ich danke, wir haben den unsrigen gleichfalls in der Nähe. Sorgen Sie nicht, das hier noch Mögliche wird geschehen!“

Die Officiere grüßten schweigend und entfernten sich, die Sporen klirrten, die Gebüsche rauschten, dann vernahm man den Hufschlag der Pferde, der sich weiter und weiter entfernte, endlich ward es still.

Und still war es jetzt auch auf der Wiese, der Sterbende lag bewußtlos mit geschlossenen Augen, sein Secundant kniete neben ihm, mit den Armen seinen Kopf stützend, der Arzt stand an der anderen Seite und zählte die Pulsschläge, die nur seine geübte Hand noch zu finden vermochte, auf einmal fühlte er leise seinen Arm berührt, der junge Günther stand neben ihm.

„Unser Haus ist nicht weit,“ flüsterte er, „wenn Sie vielleicht –“ ein Blick auf den Verwundeten vollendete den Satz.

„Danke, mein Junge!“ gab der Arzt in demselben Tone zurück, „aber es ist zu spät, hier kann nichts mehr helfen.“

Der Secundant blickte auf. „Aber, Doctor, wollen wir ihn denn hier auf dem feuchten Waldboden sterben lassen? Wir könnten ihn doch wenigstens in’s Forsthaus tragen.“

„Nein!“ sagte der Arzt bestimmt. „Er hält den Transport nicht aus, die erste Bewegung hat den Tod zur Folge, und übrigens stirbt es sich grade so leicht oder so schwer unter freiem Himmel, als zwischen vier engen Wänden. In wenig Minuten ist ohnedies alles vorüber.“

Die Unterredung war im leisen Flüstertone geführt worden, jetzt trat eine Pause ein, keiner der drei Männer sprach, schweigend erwarteten sie das Nahen des Todes. Man vernahm nichts als die immer schwächer und schwächer werdenden Athemzüge des Sterbenden, dann noch ein letztes tiefes Aufathmen, ein Aufzucken, ein erneutes Hervorbrechen des Blutstromes – es war vorüber.

Der Secundant ließ langsam den Kopf seines Freundes niedergleiten, er hatte den Todeskampf mit keiner Bewegung gestört; jetzt, wo nichts mehr zu schonen war, brach die Fassung des jungen Mannes zusammen; der Arzt ehrte seinen Schmerz, er winkte dem jungen Günther, sich mit ihm zurückzuziehen, erst in einiger Entfernung von der Gruppe blieben sie stehen.

[4] „Nun, Bernhard,“ die sonst so freundliche Stimme des Doctors hatte einen Klang tiefer Bitterkeit, „also Du hast es mit Deinem Starrkopf wirklich durchgesetzt, ein Duell mit anzusehen. Bist Du nun zufrieden?

Bernhard blickte ihn an, sein vorhin so ruhiges Gesicht war bleich, die Gleichgültigkeit, die er während des ganzen Streites mit den Officieren bewahrt hatte, war jetzt völlig geschwunden.

„Das war ja – ein Mord!“ sagte er langsam.

„So? Meinst Du? Nun, dann sahest Du wenigstens, daß er in vollster Ordnung, mit aller gegenseitigen Höflichkeit und Einwilligung vor sich ging, und daß wir Anderen dabei standen, ohne auch nur die Hand zur Rettung zu rühren. Die Herren in der Stadt haben ein Privilegium auf diese Art Mord, mein Sohn!“

„Aber weshalb schossen sie beide?“ fragte Bernhard, das Auge noch immer unverwandt auf den Todten gerichtet.

„Hm, das ist schwer zu erklären, wenigstens Dir gegenüber. Es handelte sich um eine tiefe, eine tödtliche Beleidigung, die mit Blut gesühnt werden sollte. Wie sie gesühnt ward, das hast Du ja soeben gesehen! Der Beleidigte wußte nicht mit Pistolen umzugehen, deshalb fehlte er, und der Beleidiger war ein trefflicher Schütze, deshalb schoß er den Gegner nieder – man nennt das auf deutsch ‚seiner Ehre genug thun‘, merke Dir das!“

Mit diesen in schneidendem Tone gesprochenen Worten wandte der Arzt sich von ihm und trat wieder zu der Gruppe. Der Secundant hatte sich inzwischen etwas gefaßt, er stand auf.

„Wir werden ihn jetzt wohl in den Wagen tragen müssen, Doctor! Wollen Sie mich auf einem schweren Gange begleiten? Sie wissen, wohin ich mit der Leiche fahre; ich habe nicht den Muth, allein hinzutreten mit einer solchen Nachricht!“

Der Arzt reichte ihm die Hand. „Ich komme mit Ihnen! Freilich ist’s ein schwerer Gang, noch dazu hier, wo mit dem einen Leben Alles zusammenbricht. Wollte Gott, wir hätten die Stunde erst hinter uns!“

Sie hoben den Todten empor, Bernhard legte unaufgefordert mit Hand an und Niemand wehrte ihm; langsam traten die Männer mit ihrer Last den Rückweg an und schlugen die Richtung nach dem in einiger Entfernung wartenden Wagen ein. –

Still und einsam lag die kleine Waldwiese, wo sich vor kurzem noch so viel Leben geregt, wo eins davon sich verblutet hatte. War es der letzte Act eines längst begonnenen Drama’s, was sie soeben gesehen, oder der erste eines eben beginnenden – wer konnte Auskunft darüber geben? Die Sonne kämpfte sich allmählich durch den Nebel, er wallte und wogte hin und her und verschwebte endlich als blauer Duft fern im Walde. Siegreich behaupteten die Strahlen ihre Bahn, hellbeschienen standen die riesigen Föhren mit ihren rothen Stämmen und hoben die starren Häupter empor in die klare duftige Herbstluft, und goldene Lichter spielten auf dem herbstlich bunten Laub der Eiche. Die Sonne schmolz den Reif vom Boden und mit ihm die Spuren der Fußtritte, die einzigen Spuren des stattgehabten Kampfes. Nur dort, wo der Todte gelegen, zeichnete sich in schwachen Umrissen, aber noch deutlich erkennbar, ein dunkler Fleck auf dem Rasen ab; es sah aus, als sei ein Schatten dort zurückgeblieben, der Schatten irgend eines unsichtbaren Gegenstandes, der unverrückbar und geisterhaft mitten in dem hellen Sonnenscheine lag.




Ein leichter offener Jagdwagen, von zwei munteren Braunen gezogen, rollte im schärfsten Trabe den Waldweg entlang, der von der Eisenbahnstation E. hinein in das Gebirge führte. Der Herr, welcher von seinem Sitze aus das Gefährt selbst lenkte, hielt die Zügel mit so gleichgültiger Ruhe, als sei es eine Kleinigkeit für ihn, die jungen wilden Thiere zu bändigen. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, eine gedrungene, markige Gestalt; schwarzes kurzgeschnittenes Haar umgab eine breite, massive Stirn, auf die Erfahrungen und Sorgen schon manche Linien gezeichnet hatten. Die Züge konnten für gewöhnlich, ja für plump gelten, und sie wurden es noch mehr durch einen Ausdruck von Phlegma, der anscheinend darauf ruhte; wer aber länger und tiefer in dies Gesicht sah, fand bald genug heraus, daß es mehr enthielt, als es beim ersten Anblick zu versprechen schien. In dem scharfen, wachsamen Auge zumal lag entschieden nichts Gewöhnliches, es war der Blick eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Hast, aber auch ohne Rast im Leben vorwärts zu gehen, ein Blick, der wenn er erst einmal ein Ziel in’s Auge faßt, es auch unverrückbar festhält und nicht wieder losläßt, bis er es erreicht hat. Was in den Zügen als Phlegma erschien, das gab sich in dem Auge als kalte überlegene Ruhe kund, die zwar erst allmählich und langsam, aber desto sicherer auf den Beobachter wirkte.

Es konnte nicht leicht einen schärferen Contrast geben, als diesen Mann und das junge, kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen, das an seiner Seite saß. Diesem rosigen Antlitz war sicher noch nie der Ernst des Lebens genaht, diese klare, weiße Stirn hatte gewiß keine Sorge je berührt; das volle Kinderglück strahlte noch aus den dunkelblauen Augen, die groß und verwundert in die fremde Welt hineinblickten, lächelte noch schelmisch unbefangen aus den kleinen Grübchen der Wangen, das ganze reizende Gesichtchen war ein Sonnenschein. Eine Fülle brauner Locken quoll lose, nur an der Stirn von einem Bande zusammengehalten, unter dem kleinen Strohhute hervor und wallte herab auf das einfache graue Reisekleid, das die feine zierliche Gestalt umschloß. Die schwindelnd schnelle Fahrt gewährte ihr augenscheinlich großes Vergnügen und es lag nicht die leiseste Spur von Besorgniß, wohl aber sehr viel jugendlicher Uebermuth in dem silberhellen Lachen, womit sie jetzt ausrief:

„O! Wir fliegen ja förmlich! Am Ende gehen die Pferde noch mit uns und dem Wagen durch.“

„Wenn ich die Zügel in Händen habe, sicher nicht!“ lautete die im ruhigsten Tone gegebene Antwort, ohne daß auch nur der geringste Versuch gemacht ward, den Lauf der Thiere zu mäßigen.

Die junge Dame sah etwas enttäuscht aus, es schien fast, als habe sie sich auf das Durchgehen und das damit nothwendig verbundene Abenteuer gefreut. „Werden wir bald in Dobra sein?“ begann sie voll neuem, nach einem mißlungenen Versuch, durch die dichten Waldbäume hindurch irgend etwas von der Gegend zu entdecken.

„In einer halben Stunde. Nimm Dich zusammen, Lucie, ich werde Dich sogleich bei unserer Ankunft Deiner neuen Erzieherin vorstellen.“

Lucie verzog die rosigen Lippen, als gebe man ihr etwas sehr Bitteres zu kosten. „Wenn ich nur wüßte, was ich jetzt noch mit einer Erzieherin anfangen soll! Du weißt doch, Bernhard, daß ich bereits im vorigen Monat sechszehn Jahre geworden bin!“

Es lag sehr viel Selbstgefühl und noch mehr Indignation in diesen Worten, leider blieben sie aber ganz und gar wirkungslos dem starren Begleiter gegenüber, auf dessen Lippen nur ein sarkastisches Lächeln erschien.

„Sechszehn Jahre? Allerdings ein sehr ehrwürdiges Alter, nichtsdestoweniger wirst Du verzeihen, daß es mir nicht genügenden Respect einflößt, um Dich sofort zur Dame und Herrin von Dobra zu erheben, und daß ich es vielmehr vorziehe, Dich für’s Erste noch unter die Obhut einer Gouvernante zu stellen. Uebrigens bringt Fräulein Reich die besten Empfehlungen und alle die nöthigen Eigenschaften zu ihrem, wie mir scheint, nicht gerade leichten Amte mit. Du wirst Dich bald mit ihr befreunden.“

„Ich mag sie gar nicht!“ schmollte Lucie mit dem ganzen Eigensinn eines verzogenen Kindes; „ich weiß im Voraus, daß ich sie nie werde leiden mögen. Die Gouvernanten sind alle steif und langweilig wie Miß Gibbon, oder nervös und sentimental wie Mademoiselle Ormond, oder feierlich wie Madame Schwarz höchstselbst, die beim bevorstehenden Weltuntergange noch ihre Robe in Falten legen würde, um mit Anstand unterzugehen, oder –“

„Ich bitte Dich, Lucie, geht das so fort, bis wir in Dobra sind? Du hast eine eigenthümliche Art, Dich für genossene Erziehung dankbar zu erweisen. Nach dem Resultat freilich, das ich vor mir sehe, scheint die pädagogische Befähigung jener Damen auf keiner allzuhohen Stufe stehen.“

„O, mit mir richteten sie Alle nichts aus,“ Lucie schüttelte triumphirend ihre Locken, „trotzdem sie mindestens einmal in der Woche allesammt über mich zu Gericht saßen. Madame Schwarz hielt mir dann jedesmal vor, ich sei ein Irrwisch, der ihr ganzes Pensionat in Verwirrung bringe, und überall Revolution anstifte;

[5]
Die Gartenlaube (1872) b 005.jpg

„Fremde Leiden, fremde Sorgen.“
Nach dem Oelgemälde von B. Szekely in Pesth.

[6] Mademoiselle vergoß Thränen und erzählte, wie oft ich ihr wieder Nervenzucken verursacht, und Miß Gibbon stand dabei, schüttelte ihr weises Haupt und murmelte indignirt: ’t is shocking – ich glaube, sie waren sämmtlich froh, als Du mich zurückfordertest und ich der Pension den Rücken kehrte.“

„Wirklich! Nun dann ist es allerdings nothwendig, daß Du in andere Hände kommst. Ich habe bisher nicht viel Zeit gefunden, mich um Deine Erziehung zu kümmern, Lucie, und werde sie auch in Zukunft kaum finden, aber merke Dir ein für allemal, daß, wenn die Autorität von Fräulein Reich nicht ausreichen sollte, jetzt die meinige dahinter steht, der Du Dich hoffentlich fügen wirst, und daß ich Verwirrung und Revolutionen in meinem Hause überhaupt nicht dulde, am allerwenigsten aber von einer Schwester, die mir soeben deutlich beweist, daß sie, anstatt in den Salon, noch ganz und gar in die Kinderstube gehört.“

Die Zurechtweisung wurde sehr ruhig, aber zugleich so bestimmt gegeben, daß Lucie gar nicht einmal Miene machte, die letzten, höchst beleidigenden Worte übel zu nehmen. Halb verwundert, halb eingeschüchtert sah sie den Bruder von der Seite an, ob es ihm wohl mit der Strenge Ernst sei, aber der Blick in sein Gesicht mochte ihr nicht viel Tröstliches zeigen. Die weitere Opposition unterblieb, wenn es auch in dem Antlitz der jungen Dame deutlich geschrieben stand, daß die aufgedrungene Erzieherin gerade kein beneidenswerthes Loos haben werde, und daß der Zögling sich bereits vornahm, ihr das Leben nach Kräften schwer zu machen.

Bernhard zog die Zügel plötzlich an sich, in der Biegung der Straße ward jetzt ein zweiter Wagen sichtbar, und es schien bei dem schmalen, dicht am Abhang entlang führenden Wege allerdings nicht rathsam, in dem bisherigen Tempo daran vorüberzufahren. Es war eine herrschaftliche Equipage, wohl aus der Residenz mit hergebracht; denn für eine Fahrt in den einsamen Bergen schienen diese prachtvollen Seidenpolster, dieser wappengeschmückte Schlag und die reiche grüne und goldene Livree der Dienerschaft kaum passend. Zwei schon ältere Damen in reichster und elegantester Stadttoilette saßen darin, aber obgleich die Wagen langsam und ganz nahe aneinander vorüberfuhren, wurde doch weder ein Gruß, noch ein Zeichen des Erkennens zwischen ihren Insassen gewechselt. Die Damen sahen vornehm zur Seite und Bernhard schien seine ganze Aufmerksamkeit den Pferden zuzuwenden; in weniger denn einer Minute war man aneinander vorbeipassirt und setzte gleichzeitig wieder zu schneller Fahrt ein.

„Bernhard, wer waren die Damen?“ Lucie legte mit kindlicher Neugierde beide Hände auf den Arm des Bruders.

„Gräfin Rhaneck und ihre Gesellschafterin!“ antwortete er kurz.

„Du kennst sie also?“

„Es sind meine nächsten Gutsnachbarn. Ich sitze in Dobra gerade eingekeilt zwischen Aristokratie und Clerus, rechts liegt Schloß Rhaneck, links das Stift mit ihren beiderseitigen Ländereien. Kaum einen Schritt kann ich aus meinem Gebiete hinausthun, ohne mit den Insassen des einen oder des anderen in Berührung zu kommen – eine beneidenswerthe Nachbarschaft!“

„Aber wenn Dir die Lage der Güter nicht gefiel, weshalb kauftest Du sie denn eigentlich?“ fragte Lucie naiv.

„Weil sie für einen Spottpreis zu haben waren, und weil ich bei den dortigen Verhältnissen Erfahrungen verwerthen und Erfolge erreichen kann, die in unserm Norden mit dem zehnfachen Kostenaufwande nicht durchzuführen wären. Doch davon verstehst Du nichts!“ brach er plötzlich kurz ab und wies mit der Hand nach links. „Sieh Dir lieber den Waldweg dort an, er führt gleichfalls nach Dobra.“

Die junge Dame fuhr wie elektrisirt in die Höhe. „O, wie schattig und kühl! Laß uns ein wenig aussteigen und zu Fuße gehen, wir haben lange genug im engen Wagen gesessen!“

„In der Mittagsgluth? Was fällt Dir ein, Kind!“

„O, ich bin so lange nicht im Walde gewesen! Jahrelang habe ich nichts zu sehen bekommen, als nur den Stadtpark und unseren ummauerten Pensionsgarten. Bitte, bitte, Bernhard, laß mich in den Wald, nur auf eine einzige Viertelstunde!“

Es lag eine so unverkennbare Sehnsucht in der schmeichelnden Bitte, daß der Bruder unwillkürlich nachgiebiger gestimmt ward.

„Nun, meinetwegen! Eine Viertelstunde lang will ich Dir den Willen thun, Joseph mag bis zur Waldecke vorausfahren und uns dort erwarten.“

Er gab die Zügel dem hinter ihnen sitzenden Kutscher, stieg ab und wandte sich dann um, ihr die Hand zum Aussteigen zu bieten, aber das junge Mädchen wartete gar nicht darauf; ohne den Wagentritt auch nur zu berühren, sprang sie mit gleichen Füßen auf den Boden nieder und flog ihm voran, dem Walde zu.


(Fortsetzung folgt.)




Ein Stillleben in der Havel.


Von Georg Horn.


Die Havel ist einer der anmuthigsten deutschen Flüsse. Man darf von einem Gewässer, das die Fluren der viel verleumdeten Mark Brandenburg durchfließt, nicht die pittoresken Ufer des Rheins oder der Donau verlangen, nicht einen Reichthum der Sage, die sich dort um jeden Ort, um jeden Stein schlingt; nein, die Havel ist eine echte Märkerin, frisch, klar und hell wie die Töchter des Landes, das sie durchgleitet, und von starkem Unabhängigkeitsgefühl wie die Einwohner desselben. Sie hat sich nicht in enge Thäler eindämmen, keine Städte und Burgen an ihre Ufer setzen lassen, sie hat überhaupt keine Lust und Anlage zur Romantik, sie macht lustig und keck ihren Lauf durch das flache Land, einen Lauf, der eigentlich eine recht ruhige gelassene Gangart ist. Sie beeilt sich nicht allzu sehr; nur wo es ihr zu behagen scheint, da legt sie sich nach allen Seiten recht breit und bequem aus, da bildet sie tiefe heimliche Buchten, weite Seen, da gefällt sie sich in den wunderlichsten Windungen, Formen und Gestaltungen, voll heitern krausigen Sinnes, voll Lust der Selbstbestimmung, kurz ein echtes Kind der Mark.

Zum Lieblingsorte hat sie sich eine Stelle des Landes erwählt, welche die Menschen mit dem prosaisch klingenden Namen Potsdam bezeichneten; doch das thut nichts, Name ist nur Klang und thut dem Wesen der Schönheit keinen Abbruch, dachte die Havel und hat jenen Fleck Erde wie ein liebes Pathenkind von allem Zusammenhange losgelöst, es mit ihren weiten, vollen, glänzenden Wasserarmen umfangen, um es ganz für sich allein zu haben, um es mit allen Gaben und Reizen der Natur zu beschenken und zu schmücken. Und damit das Lieblingskind nicht allein sei und eine kleinere Gespielin habe, so hat sie in ihrer Nähe noch eine Gefährtin erstehen lassen, die sie ebenso wie die ältere in ihren Armen liebend umschlossen hält und mit nicht weniger lieblichem Reize umgürtet hat, wenn diese auch das Schicksal hat, von den Menschen weniger gesehen und gekannt zu sein, vielleicht darum aber eine um so höhere Anziehungskraft besitzt.

Es ist da manches Interessante zu erzählen von allerlei Menschen, hohen und berühmten, die sich bei derselben wohl und angeheimelt fühlten, von Königen und Königinnen, von Zauberern und Künstlerinnen, von Palmen und Rosen und Mutter Friedrichen. – Soll ich erzählen? Nun wohl denn! Zum Zwecke näherer Bekanntschaft wird es aber nöthig sein, daß wir die Naturphantasie zu Ende führen, uns auf den Boden der wirklichen Welt begeben und unseren Lesern dieses anmuthige Flußeiland vor Allem mit dem Namen nennen, der ihm nach dem Gange der Weltverhältnisse beigelegt worden ist: „die Pfaueninsel.“

Vor zweihundert Jahren war der Pfauenwerder noch kein Lustaufenthalt, wie er es heutzutage ist für die königliche Familie von Preußen sowohl wie für jeden andern Sterblichen, der in der Tasche das nöthige Geld hat, um hinüberzufahren. Damals stand noch kein Schloß da, kein Palmenhaus, keine Meierei, keine Hofgärtnerwohnungen, kein Maschinenhaus; damals war der landschaftliche Blick noch nicht aufgewacht, die geniale Hand noch nicht geschaffen, welche großartige Parks mit weiten saftgrünen Rasenflächen, mit schimmernden duftenden Blumenstücken, mit entzückenden Fernsichten emporzauberte. Damals war der Pfauenwerder noch ein unwohnlicher, unwirthlicher, ganz mit Holz bestandener Ort. Nur an der Stelle, wo sich heutzutage das Schlößchen befindet, war eine sogenannte Garenne errichtet, das heißt, ein Kaninchenhegehaus. [7] Denn die Lust an der Kaninchenjagd hatte sich damals aus Frankreich auch nach Deutschland herüber verbreitet, und so wird denn auch wohl der große Kurfürst zu diesem Zwecke manchmal die Insel benutzt haben.

Mit dem Frühjahre des Jahres 1686 konnten die Schiffer, die mit ihren Kähnen auf der Havel fuhren, mitten aus dem niedrigen Bestande des Hochholzes heraus in geringer Entfernung von einander Mauergiebel und Dächer mit Schornsteinen entstehen sehen, die so hoch waren, wie man sie in der Stadt bisher nie erschaut hatte. Diese Schornsteine waren wieder von eisenblechernen Mänteln in wundersamen Formen überbaut. Bald qualmte Tag und Nacht dichter Rauch aus denselben hervor, und wenn über und um die Insel und um die einsamen, schwarzbewaldeten, eng zusammenrückenden düsteren Ufer sich die Schatten der Nacht lagerten, dann fuhren auch Feuerblitze aus den Essen auf und gaben weithin in dem schwarzen Wasser einen blutrothen Widerschein.

Die Schiffer, diese einfachen Naturmenschen, die von Welt und Dingen nichts als das Wasser der Havel und ihren Herd kannten, auf welchem sie unter dem Strohdache ihre Kartoffeln und Fische brieten, überkam beim Vorüberfahren an der Insel Grauen und Entsetzen, und nicht die wenigsten mögen beim Vorüberfahren ein Vaterunser gebetet haben. Die abenteuerlichsten Gedanken und Vermuthungen bemächtigten sich ihres furchtsamen Sinnes, und oft genug mag der Kurfürst, das kräftige Unterkinn bewegend, in ein volles Lachen ausgebrochen sein, wenn er so hörte, welcher argen Dinge man seinen Geheimen Kammerdiener Kunkel bezieh, denn der vermeinte Zauberer und Schwarzkünstler war kein Anderer als der eben Genannte, ein geborener Holsteiner, seines Zeichens ein Apotheker und früher als Alchymist in Diensten des Kurfürsten Johann Georg des Zweiten von Sachsen. Ursprünglich hatte ihn der Brandenburger Kurfürst denn auch wirklich berufen, an Gold und Goldmacherei seine Kunst zu versuchen; bald aber erkannte der nüchterne, klare, praktische Blick des Brandenburgers, daß ihm der Mann nach ganz anderer Richtung nützlich werden konnte, nämlich für die Industrie seines Landes und auch selbst für die Wissenschaft. Er schenkte ihm ein Haus in Berlin, er stellte ihm mehrere Glashütten zur Verfügung, aber das Haupt-Etablissement erbaute er ihm auf dem sogenannten Pfauenwerder. Aus dem Alchymisten schälte sich ein Erfinder und ein Fabrikant heraus. Kunkel legte sich vornehmlich auf die Bereitung des Krystallinglases. Er erfand neue, prächtige Glasflüsse für Perlen und bei der Erwähnung derselben taucht die Erinnerung an ein großartiges Project der damaligen Zeit auf, an die brandenburg-guineische Compagnie, welche in der Vorahnung der Entwicklung Preußens die Absicht verfolgte, im fernen Afrika Colonien zu errichten. Für diese Compagnie lieferte Kunkel die Glasperlen, gegen welche von den Wilden Elfenbein, Specereien und Ebenholz eingetauscht wurden. Später erfand er auch das Rubinglas, etwas bis damals noch nicht Dagewesenes; die Arbeiten, welche er in diesem Zweige machte, als Pokale, Schalen, Schüsseln, Tassen, Flaschen, von denen sich noch zahlreiche Exemplare auf der Kunstkammer in Berlin befinden, zeigen, was Material, Form und Schliff anbelangt, eine merkwürdige Vollendung.

Nach dem Tode des großen Kurfürsten schnürte Kunkel sein Bündel, um in Schweden wiederum ein glänzendes Unterkommen zu finden; aber lange, vielleicht hundert Jahre noch, schlang sich um die Insel die dunkle Sage, daß dort ein Zauberer sein Wesen getrieben habe und daß es dort Nachts nicht ganz geheuer sei. Alles wurde von der Insel gesagt und geglaubt, was die Gänsehaut auftreibt und leichter aus den Köpfen von alten Pferden, als aus der Phantasie der Menschen hinwegzubringen ist. Gerade ein Jahrhundert lagen die Nebel eines düstern Volksglaubens über dem stillen, einsamen Eilande, um welches nur das Wasser mit gleicher Liebe seine blauen Fluthen schlang; da wurde der Bann gelöst, da gingen über seinen hohen Eichenwipfeln ein paar milde strahlende Sterne auf, in den Augen einer Frau, hoch von Geburt, hoch von Gestalt, von Herz und Geist; diese Augen hafteten mit innigem Wohlgefallen auf dem von allem Drange und Geräusch des Lebens losgelösten kleinen Insellande. „Hier ist Grün, Wasser, Himmel, hier ist Ruhe, Stille, Friede und Glück für unsere junge Ehe, hier ist Alles, was ich außer Deinem Herzen und Deiner Liebe vom Leben ersehne, hier ist gut sein, hier lass’ uns Hütten bauen.“

So mag die damalige Kronprinzessin, die spätere Königin Luise von Preußen, zu ihrem Eheherrn, dem Kronprinzen, nachmaligen König Friedrich Wilhelm III., gesprochen haben. Und nun ertönten durch den dichten Holzbestand die Schläge der Axt; die hohen, hundertjährigen Stämme brachen, von ihren Wurzeln abgelöst, krachend zusammen; es wurde licht nach allen Seiten hin und der feine Natursinn des glücklichen Paares fand mit richtigem Gefühl die Stellen heraus, wo die lieblichsten Durchblicke auf das Wasser und die anliegenden Ufer zu gewinnen waren. Wie aus der Fluth emporgehoben, breiteten sich an den Stellen, wo einst der Hochwald stand, weite, lichte Rasenflächen aus, umschattet von den Wipfeln der alten Bäume, unterbrochen von Blumenbeeten, von Fliederbosquets und hier und da von einer hochragenden Eiche, Rüster oder Buche. Durch und um die ganze Insel wurden Wege angelegt, an besonders schönen Punkten Ruhesitze errichtet und an der östlichen Seite, da, wo die dunkeln Waldufer enger zusammenrücken, wo nur Wasser, Bäume und Himmel sichtbar werden, wo die Färbung der Landschaft düsterer, die Umgebung einsamer wird, wo die wunderbare Naturstille nur durch das Auffliegen eines Geiers aus einem Baumgipfel oder einer Wasserente aus dem Röhricht unterbrochen wird: hier legte die Kronprinzessin Luise eine kleine Meierei an. Wie oft landete der Nachen, der den Kronprinzen mit seinem ganzen Glücke, mit Weib und Kind, trug; wie oft wiederhallte die grüne Einsamkeit ringsum von dem Gejauchze der sich unter den Augen der Eltern tummelnden Kinder! Mit jedem Jahre wurde dieses lauter und voller, denn mit jedem Jahre wuchs die Zahl der Sprößlinge dieses fürstlichen Eheglückes, und schon mochte sich der Fährmann mit der Zeit Gedanken machen, wie er sie Alle hinüberbringen, und daß mit der Zeit doch ein zweiter Nachen nothwendig werden möchte.

Mit jedem Jahre wuchs aber auch die Vorliebe der Eltern für diesen Ort, an welchem sie in ihrem Glücke von Niemandem beobachtet, von keinem Anspruch ihrer hohen Stellung gestört, von allen Fesseln der Etiquette erlöst waren. So entstand das Schlößchen an dem westlichen Ende der Insel, in derselben Gestalt, wie es dem heutzutage von Potsdam Kommenden in seiner Form einer gothischen Ruine, mit seinen beiden runden Thürmen und zwischen diesen mit seiner eisernen Schwibbogenbrücke aus den schlanken hochragenden Bäumen heute noch sichtbar ist. Wie klein, wie einfach, ja wie schmucklos ist dieses Buen-Retiro eines jungen Königspaares! In jetziger Zeit hat es jeder Privatmann von nur mäßigen Vermögensverhältnissen schöner und bequemer. Freilich war es in einer Zeit gebaut, aus der der Sturm der Revolution alle Ueberwucherung von Pracht und Ueppigkeit hinweggefegt hatte, wo das Königthum seines Zusammenhanges mit dem Bürgerthum wieder bewußt werden mußte, und am Ende sollte es auch kein Schloß eines Königs sein, deren standen genug in und um Potsdam, sondern das ländliche Familienhaus eines zärtlich liebenden Gatten. Abwechselnd in Paretz und hier verbrachte das Königspaar die Sommermonde. Hier erblühten diesen für die Einfachheit und Stille des Lebens so harmonisch gestimmten Naturen in der völligen Hingabe an sich und die theuren Pfänder ihrer Herzen die glücklichsten Tage ihres Lebens.

Auch nach dem Tode der Königin blieb Friedrich Wilhelm der Dritte dem Eilande seines Liebesglückes treu; bis zu seinem Tode wohnte er jeden Sommer in dem kleinen Schlosse, auch mit seiner zweiten Gemahlin, der Fürstin von Liegnitz. Nach allen Seiten durchstreifte er die Insel, deren Umfang etwa nur eine Meile beträgt, gewöhnlich mit einem Buche in der Hand; am liebsten richtete er seine Schritte nach dem östlichen Ende: dort, wo die Färbung der ganzen Gegend einen schwermüthigen Charakter annimmt, hatte er dem Andenken seiner geliebten Luise eine offene Halle und in dieser ihre Büste aufrichten lassen.

Trotz seiner Sparsamkeit verwandte er namhafte Summen auf die Verschönerung der Insel. Wohnungen für den Hofgärtner und das Gartenpersonal waren schon früher entstanden; er ließ dort ausländische Thiere hegen, die aber später nach Berlin an den neuentstehenden zoologischen Garten abgegeben wurden. Mit der Berufung Lenné’s und nach dessen ersten großartigen Schöpfungen, der Umgestaltung des neuen Gartens bei Potsdam, reifte in ihm der Plan, auch die Anlagen der Pfaueninsel in einer dem modernen englischen Geschmacke, das heißt dem wiedererwachten, veredelten Naturgefühl, entsprechenden Weise umzugestalten. Er ließ neue Anlagen [8] schaffen, er legte eine großartige Rosenplantage an, er erbaute das große, ganz aus Glas bestehende Palmenhaus, das in seiner Form wie in seinem Inhalte damals etwas ganz Neues und Großartiges war, und nun allerdings fingen wieder aus hochragender Esse schwarze Rauchwolken an über der Insel aufzusteigen; nun aber hatte die Zeit in den Köpfen der Menschen aufgeräumt, daß sie nicht mehr an den Schwarzkünstler und an übernatürliche Dinge dabei dachten, sondern an den Maschinenmeister, Vater Friedrich, der in dem kleinen Hause am Wasser laborirte und die englische Maschine zur Bewässerung der neuen Anlagen überwachte.

Nach dem Tode des Königs vereinsamte die Insel, wenn sie auch nicht verödete. Die Anlagen wurden zwar mit großer Sorgfalt unterhalten, aber einem in so großartigen Schaffungsplänen sich bewegenden Geiste, wie Friedrich Wilhelm dem Vierten, der die Krone als etwas so Erhabenes ansah, daß er sie mit aller Größe und aller Pracht umgeben zu müssen glaubte, wie hätte diesem, wie überhaupt einer modernen Hofhaltung das enge Schlößchen mit seinen nüchternen Formen, mit seiner mißverstandenen Gothik genügen können! Um dies ganz zu begreifen, wollen wir einen Augenblick in dasselbe treten. Im Erdgeschosse: ein Empfangszimmer; ein Gesellschaftssalon, ein Thee- und ein Vortragszimmer; auch eine kleine Wohnung für die Gräfin Voß. Heutzutage würde jede Kammerjungfer die Nase rümpfen, wenn man ihr die Wohnung zumuthete, welche Ihre Excellenz, die Oberhofmeisterin der Königin von Preußen, also die vornehmste Dame des Königreiches, inne hatte. Wie eng, wie beschränkt sind aber auch die anderen Räume, wie einfach, wie bescheiden möblirt; nichts von Gold, Sammet, Damast oder Marmor, die Wände mit Papiertapeten beklebt, die Vorhänge von Pers, die gradbeinigen und gradlehnigen Stühle und Sophas mit schwarzem Roßhaarstoff überzogen; nur die auf dem Kamin aufgestellten Porcellangegenstände deuten an, daß hier Leute wohnen, die es weit schöner und besser haben könnten, denen aber die Einfachheit der Sitte in Herz und Gemüth lag. Stattlicher sieht es schon in den Gemächern über eine Treppe aus. Durch die ganze Länge des Gebäudes geht ein Speisesaal von schönen architektonischen Verhältnissen. Die Boisserie und das Parquet sind Kunstwerke, an den Fenstern steht das alte Spinet, auf dem die Königin Luise gespielt hatte. Rückwärts an den Saal stoßen die Privatgemächer des königlichen Paares; an der Stelle, wo das Lager der Königin gestanden, hängt eine Zeichnung ihres Marmorbildes aus der Grabcapelle von Charlottenburg. In dem Schlafzimmer des Königs steht die eiserne Bettstelle, deren er sich während der Campagne 1813 und 1814 bediente; dabei liegt noch eine Militärmütze und ein Uniformsfrack, Gegenstände, die er während seines Aufenthaltes auf der Insel getragen hatte. Diese Gemächer liegen nach der Parkseite hin, und die Laubwände desselben verhängen die Fenster wie mit dichten grünen Schleiern. Nach der entgegengesetzten Seite stößt an den Speisesaal noch ein kleines Thurmgemach – eine Stätte reicher, wehmüthiger Erinnerungen an jene Frau, die so königlich, und jene Königin, die so weiblich war und deren Leben, Leiden und Sterben man dem deutschen Volke vor die Seele zu führen niemals müde werden sollte. Hier stehen wir auf dem Boden, den ihr Fuß so oft berührt, vor dem Tische, an dem sie täglich gesessen und ihren Gefühlen und Gedanken in Briefen Ausdruck und Flügel gegeben hatte, um fernen geliebten Menschen zu sagen, wie glücklich sie an der Seite des geliebtesten Gatten war, und später, wie ihr Herz durch das Unglück des Vaterlandes gebrochen wurde.

Auf dem Schreibtische der Königin ist Alles in derselben Ordnung erhalten, wie es zu ihren Lebzeiten gewesen war: das Schreibzeug, die Nippes etc. In einer Schublade zeigt man noch die Taschentücher mit einer eingestickten Krone und ihrem Namenszuge, die sie benützt; unter Anderem befindet sich auch ein einfacher Zettel von ihrer Hand, mit den Worten: „Vergessen und Vergeben!!!! den 15. Juni 1804.“ Wir kennen die Geschichte dieses Zettels nicht, aber das ist auch gar nicht nöthig, es ist genug, daß er uns einen Einblick in ein weibliches Herz thun läßt, dessen Lebensathem Milde und Liebe war. Hieher auf diesen Tisch, in dieses Zimmer legte und trug der König Alles, was auf jene Zeit Bezug hatte, was von der Hand seiner Kinder und seiner Enkel kam. In Bezug auf Ersteres finden wir einen kleinen illuminirten Kupferstich von sehr geringem künstlerischen Werthe, die Bedeutung liegt aber in der Ueberschrift: „Toast zum 3. August 1812.“ Das Blatt war dem Könige zu seinem Geburtstage geschenkt worden, und zeigte einen Bauern, einen Landwehrmann und einen Soldaten, die über einem Tische die vollen Gläser anstoßen; auf dem Tische liegt: Die Gesetzsammlung für den preußischen Staat 1812.

Wenn auch das Schloß auf der Pfaueninsel von der königlichen Familie nicht mehr bewohnt wurde, so behielt doch der Ort für die einzelnen Glieder derselben die Weihe einer Heimathstätte und bildete, wenn die auswärtigen Mitglieder, namentlich die russische Kaiserfamilie, zum Besuch anwesend waren, einen Vereinigungspunkt für dieselbe. Das Dampfschiff „Alexandra“, welches in einer Havelbucht am Neuen Garten ankert, führte die Familiengäste nach der Insel hinab und gewöhnlich wurde der Platz vor dem Schlosse gewählt, um die Anstalten zur Bewirthung derselben zu etabliren. Alsdann konnte man dort die heiterste, von jedem Etiquettenzwang und Anspruch befreite Gesellschaft sich bewegen sehen, die auf Spaziergängen durch die Insel oder beim Besuche des Schlosses alten, lieben Erinnerungen nachging; bei Lampenlicht und unter freiem Himmel wurde das Mahl eingenommen und gewöhnlich waren schon die Sterne aufgezogen, wenn das Dampfschiff seinen Weg nach Potsdam zurücknahm. Vor Allen liebte der verstorbene Nicolaus von Rußland die Pfaueninsel. Am 13. Juli 1852 gab ihm sein Schwager König Friedrich Wilhelm IV. hier ein Fest, das, wie alle derartigen Veranstaltungen des Königs durch einen geistigen oder künstlerischen Inhalt ausgezeichnet waren, durch die Mitwirkung einer der genialsten Künstlerinnen dieses Jahrhunderts, durch die französische Tragödin Mademoiselle Rachel, verherrlicht wurde. Der Kaiser Nicolaus hatte die Künstlerin nie spielen sehen; er war zu ihrer Zeit nicht in Paris und die Rachel nicht in Petersburg gewesen; es waren oft Unterhandlungen wegen eines Gastspieles der Künstlerin auf dem dortigen kaiserlichen Theater im Gange, diese hatten aber zu keinem Resultate geführt. Da kam die achtundvierziger Revolution, und dann wollte sie der Kaiser nicht mehr sehen. Die Rachel hatte nämlich damals auf dem Théatre français mit der Tricolore zur Seite die Marseillaise gesungen, und er, den Alles, was nach Revolution roch, mit dem Hasse des Principes erfüllte, hatte in Folge dessen einen tiefen Widerwillen gegen die Künstlerin gefaßt, und so kam es, daß ihr Genie ihm fremd geblieben war. Rußland war ihr natürlich von nun an auch verschlossen – zu ihrem großen Leidwesen; denn ein Gastspiel in Petersburg mit allen kaiserlichen Geschenken und den entsprechenden Juwelen am Benefizabende repräsentirte beiläufig eine Summe von fünfhunderttausend Francs, und für Zahlen, namentlich für so hohe Zahlen, war Mademoiselle Rachel nicht unempfänglich.

Sie war während der Anwesenheit des Kaisers Nicolaus im Sommer 1852 mit ihrer Truppe ebenfalls in Berlin, und hochwillkommen mußte ihr der durch Vermittelung des Vorlesers des Königs, des Hofrathes Schneider, ihr übermittelte Wunsch Friedrich Wilhelm’s IV. sein, auf der Pfaueninsel vor dem königlichen Hof und seinen russischen Gästen einige Scenen von ihren berühmten Rollen vorzutragen. Am Abend des 13. Juli sollte die Vorstellung stattfinden. Hofrath Schneider war beauftragt, die Künstlerin vom Bahnhof in Potsdam abzuholen und nach der Pfaueninsel zu geleiten. Unterwegs fragte sie ihren Begleiter, welche Arrangements er hinsichlich der Scenerie getroffen habe.

„Scenerie?“ wiederholte der Hofrath in staunender Frage. „O ja, doch; der weite Parkgrund und hundertjährige Bäume werden die Coulissen, der blaue Himmel die Soffiten und der grüne Rasen Ihr Podium sein.“

„Wie?“ rief die Rachel entrüstet aus, „ich soll auf keiner Bühne spielen, Phädra soll ihre Todesseufzer auf grünem Rasen aushauchen? Man hält es nicht einmal der Mühe werth, für mich eine Scene zu errichten? Nein, ich werde nicht spielen, mein Herr, niemals!“

Nun war es an dem Hofrath, seine ganze Ueberredungskunst aufzubieten, die Künstlerin von ihrem mit aller dramatischen Energie ausgesprochenen Entschlusse abzubringen. Er machte ihr nach der Oertlichkeit und nach dem Charakter, den ihr Auftreten vor dem Hofe haben sollte, begreiflich, daß das Aufschlagen eines Podiums vollkommen unthunlich sei, daß sie es als eine viel höhere Würdigung ihrer Person betrachten könne, wenn sie gewissermaßen auf einem und demselben gesellschaftlichen Boden mit den Herrschaften [9] stehe, und daß es ein um so größerer Triumph ihrer Kunst sei, wenn sie ohne Lampen und gemalte Leinwand, blos unterstützt von einer herrlichen Naturscenerie, ihre Wirkungen hervorbringe. „Und dann,“ schloß der beredte Vermittler, „dann, Madame, müssen Sie Eins im Auge behalten, daß sich an diesem Abend die Pforten des kaiserlichen Theaters in St. Petersburg vor Ihnen aufthun werden.“ Letzteres war entscheidend.

„Gut,“ sagte die Rachel, „ich werde auf dem Rasen spielen.“

Leicht hob sich bei dieser Erklärung die Brust ihres Begleiters. Der ganze Hof war versammelt und in Erwartung der Künstlerin. Welche Verlegenheit für den König und seinen Beauftragten wäre entstanden, wenn sie auf ihrem Beschlusse beharrt und nicht gespielt hätte! Aber noch waren alle Hindernisse nicht überwunden. Mit einem leisen Schreck wurde Hofrath Schneider gewahr, daß die Künstlerin ganz schwarz, in schwarze Spitzen und schwarze Seide, gekleidet war. Er machte sie darauf aufmerksam, daß es gegen die Hofsitte verstoße, in Zeiten, wo nicht Hoftrauer vorgeschrieben sei, vor den Herrschaften in Schwarz zu erscheinen; wenigstens müßten in das Schwarz einige bunte Variationen angebracht werden, damit die Kleidung den Charakter der Trauer verliere.

„Aber woher nehmen?“ frug die Künstlerin mit verlegner Miene. „Ich habe nichts Anderes bei mir, ich war darauf nicht vorgesehen, ich habe nicht einmal eine Kammerjungfer bei mir.“

Der vielgewandte Vermittler wußte auch hier Rath. Er befahl dem Kutscher, nach dem Schlosse von Glinicke zu fahren, dem Sommersitze der Prinzessin Karl von Preußen. Dort suchte er eine Hofdame auf, der er seine Verlegenheit schilderte und sein Anliegen in der Bitte vortrug, daß man Europas größter Tragödin mit einigen Toilette-Gegenständen aushelfen mochte. Das geschah; Mademoiselle Rachel wurde in das Schloß geholt und mit Hülfe dienstfertiger Kammerfrauen in kurzer Zeit in eine hoffähige Erscheinung umgewandelt. So erschien sie vor den Herrschaften und spielte Scenen aus „Phädra“, den „Horatiern“ und anderen ihrer berühmten Rollen. Kaiser Nicolaus war von der Macht ihres Genius so hingerissen, daß er am Schlusse der Vorstellung aufstand und ihr als Dank und Huldigung die Hand küßte. Zum Andenken an diesen Abend ließ der kunstsinnige König von dem Bildhauer Affinger eine Statuette der Künstlerin in antikem Gewande meißeln und auf einem marmornen Postamente mit Angabe des Tages und der Jahreszahl an dem Orte aufstellen, wo die Musik ihrer Verse zu den grünen Baumkronen aufgerauscht war und wo die Kunst einem von dem Bewußtsein seiner gewaltigen Macht fast zu Marmor gewordenen Charakter diese Huldigung abgerungen hatte.


(Schluß folgt.)




Der Wundermann auf der G-Saite.


Musikalische Erinnerung aus Weimar von J. C. Lobe.


Am 25. März 1828 erschien in der Wiener Theaterzeitung folgende Anzeige: „Eine sehr interessante Nachricht für die musikalische Welt ist die Ankunft des berühmten, aus Genua gebürtigen Violinspielers Nicolo Paganini, welcher sich einmal entschlossen hat, eine Kunstreise außer Italien zu unternehmen, um dem kunstsinnigen Wien zuerst seine Leistungen zu widmen etc.“

Berühmt? In Italien vielleicht! Wir Deutsche blickten sehr von oben herab auf die italienischen Meister; ihre Opern wurden zwar in der ganzen musikalischen Welt gegeben, waren aber doch nur Spielerei in den Augen der deutschen Kritik. Instrumentalmusik, Symphonien zum Beispiel, konnten sie gar nicht machen. Und von ihrer Virtuosität auf Instrumenten war seit langer Zeit auch gar keine Rede mehr. Da hatten Deutschland und Frankreich andere Matadore. Vor Allen ragten damals auf der Geige hervor Spohr, der Riese an Gestalt und Kunstfertigkeit, Lipinsky, Kiesewetter, Mayseder etc., in Frankreich Rhode, Baillot etc. Von dem genuesischen Geigenspieler hatten nur Wenige gehört, das große Publicum wußte nichts von ihn. Dazu kam, daß er als ein alter kränklicher Mann erschien und in der That schon vierundvierzig Jahre zählte. Im besten Falle eine Ruine, gut genug noch für die deutschen Barbaren. So war es denn nicht zu verwundern, daß sein am 19. März zuerst gegebenes Concert keinen großen Zuspruch fand.

Nun aber – den Tag darauf! Da schien wahrlich ganz Wien musiktoll geworden zu sein. Bei den folgenden Concerten war das Haus schon vom frühen Morgen an von ungeheuren Menschenmassen umlagert, und ob zwar die Preise verdoppelt, dann verdreifacht wurden, trugen doch Viele anstatt eines Billets nur Quetschungen, Beulen und zerrissene Kleider davon. Den Artikeln nach aber, die nun in den Wiener Journalen erschienen, mußten entweder alle dortigen Berichterstatter übergeschnappt oder der Genueser Geiger in Wahrheit das außerordentlichste Virtuosenphänomen sein, das die Welt jemals gesehen und gehört. Da hieß es zum Beispiel: „Wer Paganini nicht gehört hat, kann auch keine Ahnung von ihm haben. Sein Spiel zu detailliren, ist rein unmöglich; da wird auch ein oftmaliges Hören nicht viel helfen.“ Der ruhige, verständige Castelli schrieb: „Noch nie hat ein Künstler in unseren Mauern so ungeheure Sensation erregt wie dieser Gott der Violine. Seine Leistung ist das Höchste, das Außerordentlichste und Bewundernswertheste, was man in der ausübenden musikalischen Kunst hören kann. Er fängt dort an, wo die Anderen zu Ende sind; er leistet das Unglaubliche, ja – da man nicht einmal die Mittel kennt, wodurch er es hervorbringt – für uns das Unmögliche!

Aus allen Städten nun, die er besuchte, Breslau, Berlin, Frankfurt am Main etc., von überall her ertönten dieselben überschwenglichen Berichte.

Ob man da nicht neugierig werden sollte!

Wird er auch nach Weimar kommen? Das war hier die Frage, für mich damals ebenso wichtig wie des armen Hamlet „Sein oder Nichtsein!“ Die kleine Residenz mit ihrem magern Geldbeutel, sagte ich mir freilich, kann ihn nicht anlocken, wenn man von den enormen Summen liest, die ihm die größeren Städte spenden müssen. Doch – die kleine Residenz hat ja einen großen Namen, tröstete ich mich; noch lebt Goethe, Hummel, Marie Pawlowna, selbst eine Claviervirtuosin ersten Ranges. Wenn Paganini ein wirklicher Künstler ist, so kann er Weimar nicht übergehen. So redete ich mir vor, so – doch ich bin ein alter Mann, und das Alter wird leicht geschwätzig. Darum streiche ich mehrere Seiten meines Manuscripts, auf welchen ich meine Warteempfindungen geschildert habe, und komme gleich zu jenem Abend des 29. October 1829, an welchem unser Orchesterdiener Buchholz bei mir eintrat, meldend: „Morgen um neun Uhr Probe auf der Bühne von dem Concert des Herrn Paganini!“

Und aus demselben oben bemerkten Grunde springe ich sogar hier über die Probe hinweg und referire gleich über das Concert am Abend. Aus der Stadt und ganzen Umgegend war Alles herzugeströmt, was den doppelten Eintrittspreis prästiren konnte. Das Haus bot einen prachtvollen, feierlich erhebenden Anblick dar, die Anwesenden waren so zusammengedrängt, ja ineinandergekeilt, daß, wörtlich genommen, ein herabfallender Apfel nicht eher den Boden gewonnen hätte, als am Ende des Concerts. Eine feierliche Stille lag auf der Masse. Aller Augen starrten auf die Bühne, jedes Ohr vibrirte in heißem Durst nach den Tönen des gerühmten Wundermannes. Die Ouverture war vorbei; das arme Ding hatte sich ganz umsonst abgearbeitet, da Niemand darauf hörte. Endlich, nach einer ziemlich langen Pause (Paganini liebte es, wie andere große Herren auch, auf sich warten zu lassen –) trat er hervor. In der linken Hand die Violine, in der rechten den Bogen, glitt er mit leisem eiligen Schritt durch unsere Reihen, bis an die Rampe; ein Pult war nicht da, denn er spielte Alles auswendig. Er machte einige leichte und ziemlich linkische Verbeugungen, wobei er den Bogen bis an den Boden senkte, wie ein General auf der Parade den Degen vor seinem Souverain. Niemals in meinem Leben habe ich einen Menschen gesehen, bei dessen Anblick mir das Herz so weh gethan, so von Rührung und Mitleid ergriffen worden wäre. Eine hagere Figur, in altmodisch schwarzem Frack und bis auf die Sohlen herabhängenden schwarzen Hosen, die um die dürren Glieder schlotterten, wie um ein bloßes Knochengerüst. Aus den langen herabhängenden Locken und [10] dem stark gekräuselten Backenbart sah ein langes, fleisch- und blutloses Gesicht mit einer langen Adlernase heraus. Von seinen Schultern hingen Pavianarme herab, woran sehr lange dürre, aber schneeweiße Hände befestigt waren. Ich mußte unwillkürlich an Callot-Hoffmann’s Capellmeister Kreisler denken. Dann wieder, wie er so theilnahmlos, fremdartig, öde in die Versammlung blickte, schien es mir, als sähe ich den armen Jerusalemer Schuster Ahasverus, der wegen einer kleinen Flegelei gegen unsern Herrn Christus nun schon an die achtzehn Jahrhunderte, vergeblich den Tod herbeisehnend, auf unsrer Erde herumwandeln muß.

Er trug zuerst sein großes Es-dur-Concert vor. Das Ritornell begann. Seine Schultern waren hoch, aber beim Spiel zog er sie zusammen, daß sein Kopf auf einem Pfahl zu stecken schien. Dabei hielt er den Bogen, entgegen den Grundsätzen aller anderen Violinspieler, eng am Leibe, So leitete und durchblitzte er das Orchester während des Tutti mit einzelnen Tonfunken.

Was aber soll ich nun sagen von seinem Spiel! Sie hatten wohl Alle Recht mit der Bemerkung, daß man ihn hören müsse, weil es sich absolut nicht beschreiben ließ. Meyerbeer sagte später zu Castil[WS 1]-Blaze: „Stellen Sie sich die erstaunlichsten Wirkungen vor, die man auf einer Violine hervorbringen kann; träumen Sie von den Wundern des Bogens und der Melodie: Paganini wird Ihre Erwartung noch übertreffen.“

In einer französischen Gesellschaft, wo sich ein berüchtigter Geizhals befand, wurde für einen wohlthätigen Zweck gesammelt. Der Sammler kam aus Versehen zum zweitem Mal an den Geizhals. Dieser antwortete: „Ich habe schon gegeben, mein Herr.“ Der Andere erwiderte: „Verzeihung, ich habe es nicht gesehen, aber ich glaube es.“ Sehr rasch fiel ein witziger Nachbar des Harpagus ein: „Und ich habe es gesehen, aber ich glaube es nicht.“ So ging es mit Paganini. „Wer es nicht gehört hat, glaubt es nicht,“ sagten die Herausgehenden, und ein Referent schrieb: „ich habe es gehört, aber ich glaube es doch nicht.“

Und ebenso wenig vermögen eingehendere Beschreibungen, in die Specialitäten seiner unerhörten Künste einen nur annähernden Begriff von dem Wesen und der Wirkung derselben in der Wirklichkeit zu geben.

Denn was bedeuten Aussagen, wie: „man vernimmt auf seinem Instrumente außer den der Violine eigenthümlichen Tönen, wahre Naturlaute, die sich bald dem einfachen Vogelgesange, bald dem Schlage der Nachtigall oder dem silberhellen Glockentone annähern, bald flötend und leise verklingend sind wie ein Zephyr, bald aber auch stürmend in Doppelgriffen dahin rauschen und das ganze Orchester zu beherrschen scheinen.“ – Er brachte gewisse Gänge, Sprünge und Doppelgriffe, die man noch von keinem Violinspieler, wer er auch sei, gehört hatte. Er spielte die schwersten zwei-, drei- und vierstimmigen Sätze, er gab in den allerhöchsten Tönen ganz dicht am Steg die chromatische Scala rein und deutlich zu hören. Gleich im ersten Solo seines Es dur-Concerts kletterte er in einer Reihe vierstimmiger harpeggirter Accorde blitzschnell in die Höhe, wobei uns Geigern der Violinverstand gänzlich verloren ging, denn es war selbst auch für den eingeweihten ein undurchdringliches Räthsel. Die größten Violinspieler bildeten sich viel ein, wenn sie leichte Sätzchen im Flageolett anzubringen wußten. Paganini brachte es in den mannigfaltigsten, ganz ungeahnten, kühnsten und ungewöhnlichsten Formen zur Anwendung. In der Sonate militaire ließ er auf einer – der G-Saite – vermittelst des Flageoletts beinahe den ganzen Tonumfang aller vier Saiten hören, so daß man, nicht hinsehend, vergaß, daß er alles das wirklich nur auf der einen Saite ausführte. Unbegreiflich auf der vollbesaiteten Violine waren die Doppelgriffe für Terzen-, Sexten-, Octaven-, Doppeltriller- und Decimen-Passagen in pfeilschneller Geschwindigkeit, Läufen in Sechszehntheiltönen, wovon die eine immer pizzicato, die andere coll’ arco (mit dem Bogen) hingezaubert wurde. Er brachte die lieblichsten Klänge so nahe am Stege vor, daß der Bogen zwischen diesem und dem Finger kaum Platz finden konnte. Das Wundervollste war, daß er mit der linken Hand ein überraschendes Pizzicato griff, während er das angefangene Spiel nebst allen dabei vorkommenden Schwierigkeiten ungestört fortsetzte, ja, er trug sogar in einigen der schnellsten, von der Höhe bis zur Tiefe hinabrollenden Läufen, abwechselnd immer die Noten im Pizzicato, und immer in langen Bogenstrichen vor. Wenn man nun nach dem Vortrage des Concerts und der Sonate auf der G-Saite glaubte, seine Künste seien zu Ende, er könne nun unmöglich noch Neues bringen, so wurde auch dieser Glaube Lügen gestraft, denn in den Variationen über „Nel cor più non mi sento“, die er zum Schluß, vom Orchester unbegleitet, gab, tönten neue unbegreifliche Wunder auf. Ohne Orchester besorgte er die Begleitung selbst. Da waren zu hören ganze vierstimmige Sätze. Eine Variation war durchgängig dreistimmig gesetzt, indem er die Melodie durch ein tremulirendes Accompagnement begleitete; ferner kam eine Variation, durchgängig mit Springbogen, die einer sprühenden Tonfontaine glich. Er hielt ein Thema auf der E-Saite, während er sich zugleich auf der A-, D- und G-Saite dazu accompagnirte. Ein ander Mal hielt er auf einer Saite den Ton einen – zwei – und drei Tacte hindurch, während er zugleich Läufe und Pizzicato auf den andern Saiten vortrug. Alles dieses, ach, und vieles Andere noch, trug er durchgängig, ohne daß ihm nur ein einziges Tönchen mißlungen wäre, mit spielender Leichtigkeit und reinster Intonation vor.

Dies alles war seine Technik, die höchste, vollendetste, welche jemals ein menschliches Ohr vernommen. Aber diese zauberhafte Technik war doch nur die Verkünderin seiner glühenden Seele. In seinem Spiele wechselten Ernst und Scherz, Tiefsinn und Tändelei, tragische Zerknirschung und gaukelnder Humor auf die schönste Weise mit einander ab. Am treffendsten hat sich darüber André ausgesprochen, aus dessen Aufsatz im „Hesperus“ ich das Folgende entlehne.

„Ist Paganini Tonkünstler im höheren Sinne, in eigener Art? Ich glaube, gänzlich abgesehen von seinen unglaublichen mechanischen Fertigkeiten und Künsten, die Frage bejahen zu müssen, weil er seinem Vortrage eine Seele, wie Keiner, zu geben weiß. Dieses Seelische ist es, was bei zarteren Gemüthern so unbeschreiblich einwirkt, was seinem Tone jene eigenthümliche Charakteristik giebt und deshalb unnachahmlich bleiben wird, weil er nur seine Seele reden läßt, nur sein Ich ausspricht. Er hat nämlich seine Violine zum Sprechorgan seiner innersten Empfindungen und seines eigenthümlichen Gemüths- und Bildungszustandes gemacht. Was in seinem Innern vorgeht, drückt das Instrument mit seltener Wahrheit, Treue und Innigkeit aus. … Dürfen wir von seinem Spiele auf den Zustand seines Innern zurückschließen, so streiten darin (wenn auch nur in der Rückerinnerung) die stürmischsten Leidenschaften mit den tiefsten, zärtlichsten Gefühlen, herbste Leiden mit den beseligendsten Freuden, schwarze Misanthropie mit kindlicher Gutmüthigkeit. Und soll ich Alles in einen Begriff fassen, so würde ich sagen: ein zerrissenes Gemüth macht sich Luft.“

Man kann sich denken, welchen Spectakel der Zauberer auch bei uns erregte. Der Beifall unseres sonst stets in den Grenzen der Mäßigung bleibenden Publicums stürmte wie brausende Meereswogen durch das Haus, und den Ruhigsten riß das Entzücken fort. Er wußte, daß der Künstler empfinden müßte, um bei Andern Empfindungen zu erwecken. Zu seinem Motto hatte er gewählt: „Man muß stark empfinden, um Empfindungen hervorzurufen.“ In Bezug auf den Eindruck seines Spiels auf’s Herz schrieb aber Holtei in seiner drastischsten Weise: „Paganini hatte in Weimar gespielt, und auch dort, auf seinen vier elenden Saiten wimmernd, den Menschen die Herzen im Leibe umgedreht.“

Als ein armer kränklicher Mann von schwächlichem Körperbau trat er an die Lampen, sobald er aber seine Geige ansetzte, den Bogen erhob und zu spielen begann, schien eine Riesenkraft, die nur in ihm geschlafen hatte, zu erwachen, die Nerven, Muskeln, alle Glieder wurden stark, straff, gespannt, alles war Geist, Kraft und Leben in und an ihm.

Wie ist er so groß, so einzig geworden? Darüber müssen wir seine Lebensgeschichte befragen.

Paganini wurde den 18. Februar 1784 zu Genua geboren. Sein Vater war ein nicht besonders bemittelter Geschäftsmann, der die Musik leidenschaftlich liebte und trieb, „mit wenig Talent, aber viel Behagen“. Bald erkannte er des Sohnes Naturanlage, und lehrte ihn die Anfangsgründe auf der Violine. Er war ein hartstrenger Mann, der den Knaben den ganzen Tag an die Violine zwang, und ihn, wenn er ihm nicht fleißig genug schien, zur Verdoppelung seiner Kräfte durch Hunger antrieb.

Im neunten Jahre ließ sich der junge Virtuose zum ersten Male in seiner Vaterstadt Genua öffentlich in einem Concert unter den unerhörtesten Beifallsstürmen des enthusiasmirten Publicums [11] hören. Nachdem er zu Parma von Rolla, dem berühmten Violin-Virtuosen, und in der Composition von Ghivetti Unterricht erhalten und dann in Genua der Einsamkeit hingegeben die fleißigsten Studien gemacht hatte, reiste und concertirte er im Alter von fünfzehn Jahren allein, immer nur in Italien herum, zweiundzwanzig Jahre hindurch, seine Fertigkeit immer wunderbarer ausbildend. Einige Jahre war er am Hofe zu Lucca angestellt. Nun aber erwachten in dem feurigen jungen Italiener die Leidenschaften. Er wurde liederlich. Vor Allem huldigte er der Liebe und dem Spiel. Die erstere schadete seinem Körper, das letztere brachte ihn oft in große Noth und Sorgen. Als er in Deutschland erschien, war er ein ordentlicher und sehr sparsamer Mann. Von Wien aus datirt sich sein Weltruhm. Und nun durchzog er denn nach und nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien, Polen etc. und kehrte endlich nach einer Abwesenheit von zehn Jahren im Sommer von 1834 nach Italien zurück, mit Ruhm und Reichthümern überhäuft, fortan bald in Genua, bald in Mailand oder bei Parma lebend. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris, wo er bereits seiner gesunkenen Gesundheit wegen nicht mehr concertiren konnte, eilte er, zu Schiffe nach Genua zurückzukehren, weil er dort zu genesen glaubte. Es war eine vergebliche Hoffnung! Nizza sollte sein letzter Aufenthaltsort werden. Sein Uebel, die Schwindsucht, machte dort reißende Fortschritte. Die Stimme erlosch, seine Kräfte sanken vollständig. An seinem letzten Abende schien er ruhiger als gewöhnlich; er hatte ein wenig geschlafen; als er erwachte, ließ er den Bettvorhang öffnen, um den Mond zu betrachten, der in vollem Glanze am reinen Himmel emporstieg. Bei diesem Anblick belebten sich seine Sinne noch einmal, er ergriff mühsam seine Violine, die treue Begleiterin auf seinen Reisen, und sendete mit seinen letzten Tönen seinen letzten Seufzer gen Himmel.

Der große Meister starb am 27. Mai 1840 im sechsundfünfzigsten Jahre seines Lebens.

Mit dem Tode des außerordentlichen Mannes war noch nicht Alles zu Ende. Er war ein Italiener und Katholik. Er glaubte an Gott, aber nicht an die Pfaffen. Er besuchte gern die Kirchen, Dome, um die gottbegnadeten Meisterwerke der Architekten, Bildhauer, Maler zu bewundern, oder die religiösen Musikwerke der alten italienischen etc. Componisten zu genießen – über das die Menschen umnebelnde und in der Verdummung erhaltende Ceremoniengemenge und Geräuchere aber hatte er die Gedanken wie die ganze aufgeklärte Welt. Dergleichen mochte der menschheitliebenden katholisch-christlichen Priesterschaft zu Ohren gekommen sein; der sehr christliche Erzbischof von Nizza versagte ihm das Begräbniß in geweihter Erde. Nur nach langem vergeblichem Bitten des Sohnes und seiner Freunde wurde ihm von Rom aus ein christliches Begräbniß bewilligt.

Paganini hinterließ einem legitim angenommenem Sohn mit Namen Achilles ein Vermögen von zwei Millionen und seinen beiden Schwestern Legate von fünfzig- bis sechszigtausend Franken, der Mutter seines Sohnes aber, der Sängerin Antonia Bianchi aus Como, nur eine lebenslängliche Rente von zwölfhundert Franken. Außerdem hinterließ er eine Sammlung der kostbarsten Streichinstrumente von Guarneri, Amati, Stradivari etc., letzteres das einzige Instrument, das er in seinen Concerten spielte, und das er seiner Vaterstadt Genua vermachte, da er nicht wollte, daß es ein anderer Künstler nach ihm besitze. Einer andern Version zufolge hatte er es Ernst vermacht, Außer der Kränklichkeit, den fast unausgesetzten körperlichen Leiden, verfolgten ihn auch die niederträchtigsten Verleumdungen der vielen Neider seiner Erfolge und seines Ruhms. Sie gingen so weit, daß man ihn wirklicher Verbrechen bezichtigte. Er sollte in seiner Jugend mit Räubern verkehrt haben; er sollte aus wüthender Eifersucht seine Gattin, und da er bewies, daß er niemals verheirathet gewesen, seine Geliebte ermordet haben. Die Einen versicherten, daß er dieser Verbrechen wegen viele Jahre mit Ketten belastet auf der Galeere zugebracht, wovon sein unsicherer schwankender Gang herrühre, andere ließen ihn eine lange Kerkerhaft erdulden, in welcher ihm nach und nach die Saiten seiner Violine geplatzt, und nur die vierte übrig geblieben, weshalb er nothgedrungen sein Spiel auf der G-Saite zu bewundernswerther Fertigkeit gebracht habe. Vorzüglich zeichnete sich in der Erfindung solcher Geschichtchen das an der Spitze der Civilisation marschirende Paris aus. Fétis sagte: „Es giebt in dieser Stadt einen ganz ansehnlichen Theil der Bevölkerung, der von dem Ueblen lebt, das er thut, und von dem Guten, das er verhindert.“ Ja, in seinem Vaterlande, wo die Orangen glühen, und die Banditen und Pfaffen blühen, behaupteten manche allen Ernstes, daß er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und seine Seligkeit in jener Welt dahin gegeben, wofür er ihm in dieser die Zauberkünste gelehrt. Alle diese Fabeln haben sich freilich nach Paganini’s Tode als Schanderfindungen und dummer Aberglaube erwiesen, aber bei seinem Leben wurden sie von Vielen für wahr gehalten, – die liebe Menschheit glaubt ja das Schlechte viel leichter und lieber als das Gute, besonders, wenn es große, berühmte oder sonst vom Glück begünstigte Menschen betrifft.


(Schluß folgt.)




Der Landwehr blutigster Tag vor Metz.


Wenn auch das alte preußische Armeeübel, daß die Linie mit überliefertem Stolz auf die Landwehr blickt, seit dem letzten Krieg wohl bedeutend nachgelassen hat, so kann die Gegenwart doch nur für sich selbst bürgen und menschliche Vergeßlichkeit leicht einmal wieder in die alte Sünde zurückfallen lassen.

Darum ist’s gut, für diese Zukunft ein Bild vom Heldenthum der Landwehr vor die Augen zu stellen, das schon seines künstlerischen Werthes wegen nicht so leicht in die Rumpelkammer geworfen wird. Und zum tüchtigen Bild gesellen wir das tüchtige Wort, das ebenfalls gerechten Anspruch auf dauernden Werth macht, denn es enthält nicht das Nationalselbstlob, für das man es erklären könnte, wenn ein Deutscher es geschrieben hätte, nein, es ist die weltbekannt gewordene Schilderung des blutigsten Tages der preußischen Landwehr von einem Engländer, von dem Berichterstatter der „Daily News“, der ein Augenzeuge des Heldentodes dieser Regimenter von Männern und Vätern war.

Der siebente October 1870 vor Metz

wird ebenso ein Ruhmes- wie ein Schmerzensblatt in der preußischen und fortan deutschen Geschichte bleiben; der englische Bericht aber ist gewiß der beste Balsam für die vielen noch blutenden Herzen und das schönste Denkmal für die Gefallenen. Darum soll er ungekürzt hier seine Stelle finden.

Von Metz nach Maizières – so schreibt der Berichterstatter – zieht sich wie eine lange Mulde mit flachem Boden, die durch die Anschwellung der Mosel sich gebildet hat, das Terrain hier in einer Breite von etwa vier englischen Meilen. Westlich und östlich laufen Höhenzüge, aber zwischen den östlichen Hügeln und der eigentlichen Thalebene fließt die Mosel, die stellenweise, besonders Olgy gegenüber, weit in die Ebene einschneidet. Quer durch das Thal hindurch, wo es sich am meisten verengt, zieht sich eine Reihe von Dörfern, die beiden Tapes und St. Remy, während Maxe und Ladonchamps etwas mehr gegen die östliche und westliche Front zu liegen. Alle diese Punkte waren von den Preußen mehr oder weniger stark besetzt. Bazaine hatte seine Dispositionen mit großer Umsicht getroffen. Unter dem Schutze des Nebels hatte er so prompt operirt, daß, als es kurz nach 1 Uhr hell wurde, seine Anordnungen beinahe vollendet waren. Zunächst führte er einen heftigen Stoß gegen Ladonchamps, aber die Landwehr-Vorposten hielten das Dorf, als ob sie nicht hundert, sondern zehntausend Mann stark wären. Die Franzosen sendeten ihre Infanterie in Schaaren hinein, während gleichzeitig ihre Artillerie zu spielen begann. Nur ein Versuch, Ladonchamps wieder zu nehmen, meinte man beim Stabe, den unsere Artillerie dem Feinde schon eintränken soll. In der That arbeiteten die preußischen Geschütze wacker genug, allein die Annahme war nicht richtig, denn der Angriff auf Ladonchamps war nur eine Diversion. Plötzlich ergoß sich auf die Dörfer Grandes und Petites Tapes, St. Remy und Maxe ein wahrer Strom von Franzosen. Die Neunundfünfziger Landwehr wollte nicht weichen, obwohl sie es kluger Weise hätte thun sollen. Sie stand, bis die Franzosen nach einem mörderischen Geschützfeuer und einem Regen von Chassepot- und Mitrailleusen-Kugeln den zusammengeschossenen

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Die Gartenlaube (1872) b 012.jpg

Die preußische Landwehr am 7. October 1870 vor Metz. Für die Gartenlaube gezeichnet von Otto Fikentscher.

[13] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [14] Rest durch rein überwältigende Massen gegen die Chaussee drängten. Das Füsilierbataillon vom achtundfünfzigsten Regiment stand in Grandes Tapes, und es stand auch am achten noch dort, aber die Besatzung bestand aus Todten und Verwundeten. Das Bataillon wollte nicht vom Platze, und man kann sagen, es wurde vernichtet, wie es dastand, die Männer mit dem Rücken gegen die Mauer, die Stirn dem Feinde zugewendet.

Auch die anderen Bataillone desselben Regiments erlitten schreckliche Verluste, und bis dahin war Bazaine’s Vorhaben gelungen. Er hatte die Dörfer zurückerobert und einige Batterien vorgeschoben, um das Feuer der Preußen zu beantworten, sich hier jedoch zu behaupten, war er nicht im Stande. Die preußische Artillerie schleuderte mittlerweile ihre Geschosse von drei Seiten des Parallelogramms und machte es ihm in der Stellung sauer. Ohne Zweifel hätte er auch diesen ersten Angriff nicht gemacht, wenn er nicht etwas mehr, nämlich die Anknüpfung von Verbindungen mit Thionville, beabsichtigt hätte. Von St. Remy und den beiden Tapes aus hielt er das Feuer der Preußen gehörig in Anspruch und ließ aus Grandes Tapes Schaaren von Tirailleurs ausschwärmen, denen es übrigens unter den Händen der Landwehr äußerst übel erging. Außerdem aber häufte er unter der Deckung des Dorfes Maxe Massen von Infanterie, mindestens dreißigtausend Mann, an, um die Preußen, wo ihre Linie am schwächsten war, dicht am Flusse zu durchbrechen. Der Moment war kritisch. Bis auf eine Brigade, die in Reserve stand, war die Landwehr sämmtlich im Feuer. Da erhielten indessen mehrere Regimenter vom zehnten Armeecorps, die unterdessen auf der Pontonbrücke die Mosel überschritten hatten, Befehl zum Vorgehen. Es war ein unvergeßlicher Anblick. Voran kamen in raschem Laufe und aufgelöster Gefechtsordnung die Füsiliere und bedeckten mit ihrer Linie die ganze Ebene; dahinter in dichten Compagnie-Colonnen mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel die Grenadiere, dazu nahm die Artillerie einstweilen von den Dörfern Abstand und concentrirte ihr Feuer auf die an der Mosel entlang vordringenden Colonnen der Franzosen.

Bazaine war auffallend schwach an Feld-Artillerie und nur St. Julien und St. Eloy arbeiteten, aber die Mitrailleuse ließ ihr Rasseln erschallen, erschütterte die Linie der vorrückenden Schützen, die nun in die Feuerlinie kamen, und riß weite Lücken in die nachpressenden Colonnen. Die Artillerie und der Schützenangriff waren übrigens für die Franzosen hinreichend. Ihre dichten Massen schwankten und dann brachen sie auseinander, und mittelst des Feldglases konnte man sehen, wie Alles sauve qui peut in das Dorf Maxe hineinstürzte. Als die Franzosen aber wieder steinerne Mauern zwischen sich und den Preußen hatten, wurden sie wieder hartnäckig und wollten nicht weiter zurück. Vergebens feuerte die preußische Artillerie auf die Dörfer, vergebens rückten die Batterieen in Echelons mit einer Präcision wie auf dem Schießplatze näher und näher. Die hartnäckige Batterie in Grandes Tapes wollte nicht schweigen und die französischen Tirailleure hielten noch die Linie der davor liegenden Chaussee fest. Mittlerweile war es ungefähr 4 Uhr geworden, als ein Stabsofficier der Linie entlang galoppirte und den Befehl zu einem allgemeinen Angriff überbrachte. Es galt, die Dörfer mit stürmender Hand zu nehmen, und vier Brigaden Landwehr, unterstützt von zwei Linienbrigaden vom zehnten Armeecorps, sollten diese Aufgabe ausführen. Einige Minuten später erscholl das Commando und die Mannschaften sprangen auf hinter ihrer Deckung und marschirten vor mit dem gemessenen schnellen Schritt, der so charakteristisch für die Preußen ist. Die Granaten der Batterie in Grandes Tapes schlugen in die Linie, Mitrailleuse und Chassepot begrüßten sie mit einem Hagel von Blei, aber die Landwehr drang schweigsam und ernst unaufhaltsam vor.

Ich bin oft im Feuer gewesen, aber ein wüthenderes Feuer, als das gegen den Mittelpunkt der Linie gerichtete, ist mir nie vorgekommen. General v. Brandenstein, der die dritte Landwehrbrigade führte, fiel in meiner Nähe, und mehrere Officiere seines Stabes wurden verwundet; endlich erreichte man die Erdwerke und Verschanzungen, hinter denen die zerschmetterten Reste der neunundfünfziger und achtundfünfziger Landwehr lagen. „Hurrah, Preußen!“ scholl es den Andringenden entgegen. Vorwärts, immer vorwärts!“ war die Antwort, und die braven hartnäckigen französischen Kanoniere hatten kaum Zeit, um die Ecke zu rennen, als die Landwehr ihnen schon auf dem Nacken war. Die Landwehr giebt nicht so leicht Pardon wie die Linie, und mancher Franzose sank dort zusammen, von einem Bajonnetstoße durchbohrt. Noch in den engen Dorfgassen fochten sie wie die Teufel und bedienten sich der Mitrailleuse mit seltener Klugheit und Wirksamkeit. Dann aber kam der lange, unerbittliche Schritt der Landwehr. Die mächtigen Schenkel und Schultern, die charakteristischen Züge in der Erscheinung des preußischen Soldaten, liehen dem Bajonnet ihre Kraft, und bald waren die Dörfer von Allen, mit Ausnahme der Sieger, der Todten und Verwundeten, gesäubert.

Der Landwehr gebührt die Ehre dieses Tages. Sie war es, die den französischen Angriff aufhielt, bis kein Mann mehr stand, der ein Zündnadelgewehr halten konnte. Sie führte auch den großen, allgemeinen Schlag, der die Franzosen aus den Dörfern fegte. Ich habe die preußische Linie vor dem heutigen Tage im Kampfe gesehen. Ich sah sie auf Hand und Fuß die Höhen von Spicheren erklettern, ich sah sie deployiren vor Colombey und Montoy in der Schlacht vom 14. August, ich sah sie Stand halten vor der Mitrailleuse auf den Abhängen von Gravelotte, und ich sah, wie sie die Franzosen am 1. September in die Festung Sedan hineinwarf. Ich habe glauben gelernt, daß die Männer der preußischen Linie vermögen, was nur irgend einem Heere der Welt möglich ist. Aber gestern habe ich das Kaliber der Landwehr kennen gelernt. Ruhig in den Verschanzungen, wo sie, gelassen am Boden liegend, die in ihrer Nähe niederfallenden Kugeln auflasen, entschlossen und unaufhaltsam in ihrem Vordringen, unwiderstehlich in dem Bajonnetangriffe, mit dem sie die Dörfer säuberte, stellte sie eine Truppe dar, die das Herz eines Mannes mit soldatischem Instincte erfreuen muß. Nichts war bemerkenswerther als die Ruhe, mit welcher die Verwundeten, die nur irgend gehen konnten, sich auf sich selbst verlassend und jede Unterstützung ablehnend hinter die Front gingen. Und es waren keine leichten Wunden, mit denen die Wackeren zurückkehrten. Ich selbst begegnete Einem, der durch die Lunge geschossen war und dem der Athem röchelnd durch die Wunde drang. Es geht dem Zuschauer zu Herzen, wenn er diese Tapferen sterben sieht.

Der Landwehrmann kann nicht leichten Herzens in den Kampf gehen wie der Soldat von der Linie, der Niemand hungernd zurückläßt, wenn er auf dem Schlachtfelde bleibt. Für jeden zweiten Landwehrmann, der da gefallen, giebt es eine Wittwe nun daheim im Vaterlande, und bei dem Gedanken an meine Kinder schwillt mir das Herz, wenn ich mir die Zahl der Waisen in den freundlichen Dörfern und friedlichen Ebenen Deutschlands vorstelle, welche noch nicht wissen, daß ihnen der gestrige Tag den Vater geraubt. Nicht daß es schien, als ob die Landwehrmänner lange bei dem Gedanken an Frau und Kinder verweilten. Der haarige Kerl, der schon einiges Grau im Barte und wer weiß wie viel junge Vögel daheim im Neste hat, ging gerade so kühn auf den Feind wie der muntere junge Freiwillige, dem nur die Liebste nachweint, wenn er fällt. Aber die Deutschen beten gern, und mir schien, daß Mancher im Augenblicke das Haupt beugte, da es vorwärts ging, als wäre er in der Kirche. Und was die Religion anbetrifft, wer war das, glaubt ihr wohl, der dort mit in den Kampf hineinstürzte, in weißem Haar, mit fliegenden Rockschößen? Das war der Divisionsgeistliche, ihr guten geistlichen Herren von England – eine mächtige Feldflasche in der einen und ein Gebetbuch in der anderen Hand. Der gute Mann, der da im Kugelregen dahineilte, war ganz außer Athem, und über und über mit Schmutz bespritzt, denn, wie er mir keuchend erzählte, sein Pferd war ihm schon unter dem Leibe erschossen worden. Als ich ihn wiedersah, da saß er hinter einer Mauer in Grandes Tapes unter einer Gruppe hingestreckter Krieger und erhob unter dem Brüllen der Geschütze seine Stimme im Gebete zu Gott.




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Im Palmengarten eines Depossedirten.


Wer früher den Rhein besuchte, unterließ nicht, am allerwenigsten zur Zeit des anbrechenden Frühjahrs, „wo alle Knospen springen“, an dem sich in breiter Fronte an dem Strom hindehnenden, mit geräumiger Vorterrasse versehenen Schlosse zu Biebrich, dem Sommeraufenthalte des Herzogs von Nassau, anzuhalten und die großartigen Parkanlagen und Wintergärten zu besuchen. Die ersteren bilden noch heute in ihrer weiten Ausdehnung, schattigen Laubgängen, breiten Rasenflächen, versteckten Teichen und bunten Blumenbeeten, und weil fern dem Wogen und Treiben einer größeren Stadt, einen der ruhigsten, man darf fast sagen, der weihevollsten Aufenthaltsorte.

War dies allein schon geeignet, den Fremden heranzuziehen und für einige Stunden in dem sonst schmucklosen Biebrich zu fesseln, so zog die zweite obengenannte Oertlichkeit, die sich mitten in diesem Parke befand, die Besucher aus Nah und Fern in weit größerem Maße an. Zur Zeit um Ostern waren die herzoglichen Wintergärten ein wirklicher Wallfahrtsort für Alle, die Gelegenheit zu deren Besuche fanden. Die Bewohner der Nachbarstädte Mainz, Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt etc. strömten in den von Blumenduft und Farbenglanz erfüllten Glashäusern zusammen und ergötzten sich an der Pracht der zwischen dem dunklen saftigen Grün herausleuchtenden Camellienblüthen, beschauten die minder prächtigen, aber blüthenreichen Rhododendren, oder athmeten den würzigen Duft der Hyacinthen ein, die neben Amaryllis, Croken, Narcissen und andern Blumen die Beete mit ihrer reichen Abwechselung schmückten.

Wer dann sich müde gesehen an dieser farbigen Blumenwelt, dem war, wenn man so sagen darf, ein weniger sinnberauschendes Vergnügen geboten, wenn er sich dem hochaufragenden Palmenhause zuwandte, das mit seiner grünlichen Glasbedeckung, den vielgestalteten und vielgearteten exotischen Gewächsen, einen ebenso harmonischen als fremdartigen Eindruck machte. Hier, wo die Sprößlinge ferner Länder und verschiedener Klimate friedlich unter einem beschützenden Dache wohnten und gediehen, wo Palmen und Latanien, Dracänen und Maranten, Philodendron und Chamärops und hohe wie niedrige Farren Zeugniß ablegten von der üppigen Vielgestaltigkeit der tropischen Flora, hier befand sich auch das trauliche Plätzchen, das der Herzogin von Nassau als Lieblingsstätte diente, wenn sie in stiller Zurückgezogenheit und Beschaulichkeit vielleicht Träume vor ihrer Seele vorüberziehen ließ, deren sich wohl auch die nicht erwehren können, die auf der höchsten Staffel des irdischen Lebens stehen. Ob die hohe Frau je daran gedacht, daß „unter Palmen Niemand ungestraft wandelt“?

Auch das herzogliche Haus entging nicht den Geschicken, die das Jahr 1866 über Reiche und Städte hereinbrechen ließ. Die verhängnißvolle Bundestagssitzung vom 14. Juni jenes Jahres führte zu dem bekannten Bruderkrieg zwischen Preußen und Oesterreich und ihren beiderseitigen Verbündeten, aus dem Ersteres nach kurzem Feldzug siegreich hervorging. Der Herzog zog sich, nachdem er einen Vertrag mit der Krone Preußen Ende September 1867 abgeschlossen, in’s Privatleben zurück und nahm mit seiner Familie ständigen Wohnsitz in Frankfurt am Main.

Es ist kein bloßer Zufall, daß bald nach dem Einzug der herzoglichen Familie in die alte Reichsstadt auch die Schöpfung des Herzogs und die Freude seiner sinnigen Gemahlin der Bürgerschaft dieser Stadt zum bleibenden Genuß und gewissermaßen zum Stolz gereichen sollte. Großmüthig verzichtete der Herzog auf weit höhere Gebote als die, wie sie Frankfurt für den Erwerb der Wintergärten zu machen im Stande war. Für einen im Verhältniß äußerst mäßigen Preis wurde von der auf Actien gegründeten Gesellschaft das wohl aus dreißigtausend Exemplaren bestehende Pflanzen-Inventar erworben und in dem prachtvollen Glastempel und den übrigen Kalt- und Warmhäusern aufgestellt. Bereits am 9. April 1870 konnte das Pflanzenhaus feierlich eröffnet werden und im vergangenen Sommer wurden auch die übrigen Localitäten dem geselligen Verkehr übergeben.

Das Bürgerthum geizt nicht nach den Ehren und dem Glanze der Großen dieser Erde. Bescheidneren Sinnes findet es Befriedigung in einem behaglichen, den quälenden Sorgen fremden Leben. Die sorgliche Pflege des Familienlebens, die bestmöglichste Erziehung der Kinder sind die ersten und vornehmsten seiner Bestrebungen, und schreitet es daneben zum Genuß, so ist es, wenigstens so weit wir es in Frankfurt kennen lernten und es ihm mit Rühmen nachsagen können – das Verlangen nach einem beglückenden, dem Gemüthe entsprechenden „Zu Hause“.

Wenn man sich den Straßen und Gassen des alten Frankfurt, seinem geschäftigen Leben und Treiben entwunden hat, tritt man in einen weiten Gürtel mehr oder weniger prächtiger Landhäuser ein, die sich eng an die die innere Stadt umschließende „Promenade“ – eine reizende Schöpfung – anschmiegen. Strahlenförmig gehen von hier theils dazwischen entstandene andere Straßen, durch zahllose Querstraßen verbunden, ab, mit ihren Häusern und Villen eine Gürtelstadt bildend, wie sie wenige Städte aufzuweisen haben. In dieser ganzen Außenstadt dürfte sich nicht ein Haus finden, welches nicht einen größeren oder kleineren Garten aufzuweisen hätte. Dort unter Bäumen und Lauben, zwischen Blumen und Büschen sucht und findet der Frankfurter, wenn er irgend die Mittel dazu hat, nach den Geschäften des Tages seine Erholung. Jede Verschönerung dieser Außenstadt, die Anlage eines Square’s u. s. w. begrüßt deshalb der Frankfurter mit Freuden. So war es s. Z. mit dem Zoologischen Garten, der, abgesehen von dem bald gewohnten Anblick der verschiedensten Thierarten aller Zonen und Länder, durch seine schönen Anlagen einen beliebten Aufenthaltsort bildete.

Als daher nach der Depossedirung des Herzogs von Nassau nur die Möglichkeit des Erwerbs der Wintergärten laut wurde, war letzterer bei dem Local-Patriotismus, den der Frankfurter im höchsten Grade besitzt, bereits eine abgemachte Sache. Die nöthige Summe war alsbald gezeichnet, die Pläne wurden entworfen, der Platz bestimmt, und als das beauftragte Comité den Kauf abgeschlossen hatte, bewegten sich auch schon Hunderte geschäftiger Hände, das Project zur raschen Realisirung zu bringen.

An einer der schönsten von Frankfurt abführenden Straßen, der mit einer Kastanien- und Lindenallee bepflanzten Bockenheimer Landstraße, etwa zehn Minuten von der Stadt und den Westbahnhöfen gelegen, dehnt sich das über zwanzig Feldmorgen große Terrain der Palmengärten aus. Wir betreten zuerst den die Gebäulichkeiten umgebenden Garten. – Wir sprechen hier nach sommerlichen Erinnerungen.

Wenn wir das Controlhäuschen mit seinen stets zuvorkommend artigen Insassen passirt haben, schauen wir über eine breite, von Kieswegen durchschnittene Rasenfläche, eingerahmt durch reizende Beete in sogenannter Teppichgärtnerei, die nach den Gebäulichkeiten zu von zwei hintereinander aufsteigenden Terrassen abgeschlossen wird.

Nach links und nach rechts biegen sich an den Gebäudelangseiten hin weite Gartenanlagen nach dem freien Felde zu, mit Aussicht auf die lieblichen Linien des Taunusgebirges ab. Rasenflächen, Baumgruppen, Blumenbeete, Teiche, bepflanzte Hügel wechseln hier in wohlthuender anmuthiger Anordnung, Alles frisch und gesund, wie es nur eine sorgfältige Cultur zu schaffen im Stande ist. Was die Gebäulichkeiten selbst betrifft, so sehen wir vom Eingang des Gartens auf das breitfrontige Restaurationsgebäude mit seinen gedeckten Säulenhallen, aus einem Souterrain und zwei hohen Stockwerken bestehend. Die Säulenhalle in der Fronte steht durch Thüren mit dem großen Saale, welcher fast die ganze Länge und Tiefe des Gebäudes in Anspruch nimmt, in Verbindung. Von der Seite aus, zur Rechten, führt ein großes Portal und ein mächtiger Vorplatz zu diesem Saale, dessen Raum durch eine hohe vierfache Säulenreihe, die als Trägerin der ausgedehnten Gallerieen dient und nach der Nordseite hin das Orchester umschließt, abgegrenzt wird, circa fünfhundert Personen faßt und neben welchem sich noch eine Reihe abgeschlossener eleganter Zimmer befindet.

Treten wir jetzt aus diesen Räumlichkeiten, die uns die schöneren Seiten des Materialismus erkennen ließen, in eine Sphäre ein, wo erst eine Ueberraschung durch den feeenhaften Anblick, dann eine gewisse behagliche Gemüthsstimmung uns überkommt. Mit dem Rücken gegen die Spiegelscheiben des Saals gekehrt, überblicken wir von einer Terrasse aus das zu uns verpflanzte [16] Bild einer fernen Welt. Da schmiegt sich wenige Stufen tiefer als unser Standpunkt das saftige Bärlappmoos in langer grüner Fläche am Boden hin, einen ewigen frischen Rasen bildend. Aus ihm heraus, theils dem Boden, theils riesigen Kübeln entwachsend, streben die Palmengruppen, die Dattel- und Schirmpalmen, die Drachenbäume, die Dracänen, die Araucarien und Riesen-Farren in schönster Abwechslung empor, während niedere Farrn, Sagopalmen, Schilfe und andere strauchartige oder am Boden hinkriechende Pflanzen dem Auge etwaige sonst durch Baumstämme und gewaltige Wurzelknollen weniger angenehm berührende Anblicke verdecken.

Kurz, es ist ein ewiges Grünen, Zweig um Zweig, Halm um Halm, tellerartige Blätter mit gerissenen und durchlöcherten Flächen, mit farbengestreiften Wedeln abwechselnd. Und mitten durch hebt sich das Auge wieder empor zu der gegenüberliegenden Wand. Dort, wo ein kleines Wasserbassin den Rasen abschließt, steigen in künstlicher, aber doch der Natur gut nachgeahmter Anordnung Felsengesteine grottenartig empor, bewachsen von Moosen und Schilfen und wiederum gekrönt von lauschigen dunklen Baum- und Strauchgruppen. Und um für uns das Bild der tropischen Natur zu vervollständigen, rauschen aus den Gesteinen die Sprudel einer mächtigen Quelle heraus, welche, einen vielfach auf dem Gestein aufschlagenden Wasserfall bildend, sich endlich in dem vorgedachten Bassin schaumsprühend verlieren. Dazu der laute Schlag, der rings aus Buschwerk und versteckten Vogelhecken tönt und mit dem Plätschern der Wasser zu wetteifern scheint – so haben wir ein wahrhaft sinnberückendes Gemälde, oder besser gesagt, künstliches Naturgebilde vor uns, dem zu entfliehen uns um so schwerer wird, je länger wir darin schwelgen.

Ein gedämpftes, dem Auge höchst wohlthuendes Licht, welches das vierundfünfzig Fuß hohe, in einem Bogen von hundertzwölf Fuß gespannte Glasdach hereinläßt, vermehrt diesen magischen Eindruck. Neben der Haupthalle ziehen sich auf drei Seiten zweiundzwanzig Fuß hohe Nebenhallen hin, die durch verschiebbare Glaswände wieder Durchblicke auf die Haupthalle gewähren.

Diese Nebenhallen bilden das Bereich der Blumen. Hier entzückt der fast überladene Blüthenreichthum der Azaleen mit ihren mannigfachen Zeichnungen und ihrer Farbenreinheit das Auge, da betäubt uns der Duft der Hyacinthen fast bis zur Trunkenheit, aus Holz- und Rindenkästchen senken sich die Passifloren und andere rankende Gewächse mit vanilleartigem Geruch hernieder, die Rosen leuchten uns mit ihren vollen Wangen oder den kaum geöffneten, einem zierlichen Mädchenmunde vergleichbaren Knospen entgegen, und hier, hier wölben sich die Camellien eng über unser Haupt zusammen. Keuscher hat die Natur wohl keiner Blüthe die Farbe aufgehaucht. Sei es, daß ein blendendes Weiß sie kleidet, daß ein rosiger Schimmer, wie die Morgensonne auf den Gletschern, über sie hinspielt, oder daß ein brennendes Roth sie durchglüht, rein, unendlich rein ist ihr Colorit, und wo eine mehrfache Färbung ein Blüthenblatt durchzieht oder säumt, da steht Farbe neben Farbe abgegrenzt, als dürfe keine Berührung den zarten Hauch beeinträchtigen. Und diese schöne Blüthenpracht blickt aus den fleischigen dunklen Blättern, die mehr den Farben als Folie zu dienen scheinen, um ihre Intensivität zu heben, denn als schützendes Schattendach. Es ist ein köstlicher, reizender Anblick.

Gerade diese Camellienallee bildete einst den höchsten Glanz der Gärten von Biebrich, den Stolz der herzoglichen Familie. Hier, wo wir unter den in vergangenen Tagen von ihr gehegten Blumen wandeln, wollen wir auch ihrer noch kurz zu gedenken suchen. Menschen, auch die unter der Krone geborenen, haben wie die Blumen ihre Schicksale. Der Sturm, der die Halme niederbeugt, bis er in den Stoppeln keinen Widerstand mehr findet, geht auch über Kronen und Throne dahin, beugt und bricht, bis auf dem verödeten Boden neue Saaten sprossen.

Der Sturm des Jahres 1866 hat den Thron des nassauischen Hauses gestürzt, wie es mit anderen Herrschergeschlechtern gleichzeitig auch geschehen ist. Wohl mildert, wohl macht die Zeit so manches Leid vergessen. Die aber einst das Scepter geführt, auf deren Wink sich ganze Heere bewegt, tragen den Stachel, den verlorene Vorrechte in ihnen zurückgelassen, ihr ganzes Leben in sich und vererben ihn auf ihre nachkommenden Geschlechter, nie oder nur höchst selten die Hoffnung einer endlichen Restauration verlierend. Wenn die anderen Depossedirten jenes genannten Jahres aber auch äußerlich kein Hehl daraus machten, daß sie das über sie gekommene Unglück nicht verschmerzen konnten, ja daß sie mit Sehnsucht die Behandlung, die ihnen geschehen, gerächt sähen, so vergruben der Herzog von Nassau und seine Gemahlin, der allerdings im Jahre 1866 in ihrem Schloßgarten von Biebrich von Officieren unglimpflich begegnet wurde, ihren Groll in ihr Tiefinnerstes. Kein Beispiel ist bekannt geworden, daß je ein Glied dieser entthronten Familie öffentlich oder im Geheimen gegen ihr Schicksal, nachdem es einmal über sie hereingebrochen, conspirirt hätte. Was über sie verhängt wurde, sie trugen es mit Würde, wodurch erst das Unglück seine Weihe erhält. Nachdem der Herzog, allerdings unfreiwillig, einmal dem Throne seiner Väter entsagt hatte, bescheidete er sich, als Haupt der Familie seine Gemahlin und seine Kinder im kleinen, aber sicher glücklicheren Kreise um sich zu sehen. Einfach wie ein reicher Privatmann ist sein Haushalt gestaltet, gewürzt durch die ungemeine Zärtlichkeit, mit der die Kinder an den Eltern hängen.

Die herzogliche Familie, welche jedoch nur im Winter dauernden Aufenthalt in Frankfurt nimmt, bewohnt das Rothschild’sche Haus in der „Neuen Mainzer Straße“, in welcher zu des seligen Bundestags Zeiten die Herren Gesandten vorzugsweise gerne „residirten“. Vom April 1864 bis zum Untergange Frankfurts als freie Reichsstadt, 1866, wohnte Herr v. Savigny, der letzte preußische Bundestagsgesandte, im jetzigen Palais des Herzogs von Nassau. Der Herzog erscheint im gewöhnlichen Leben sehr einfach und unterscheidet sich in seiner Person und Kleidung in Nichts von anderen wohlstehenden bürgerlichen Persönlichkeiten. Seine Statur ist klein und wenig imponirend. Sein kurzes Gesicht macht ihm das Tragen einer Brille nöthig, ohne die man ihn nie sieht. Wenn er durch seine frühere sehr häufige Anwesenheit in Frankfurt, namentlich in dessen Kaufläden nicht bekannt wäre, so würde man kaum seine gesellschaftliche Stellung in der einfachen, anspruchslosen Erscheinung errathen. Die Herzogin, welche jetzt allerdings sowohl die Zeit, als den Eindruck der für sie nicht zu verwischenden trüben Erinnerungen aus ihrem Antlitz nicht verleugnen kann, war früher von außerordentlicher Schönheit, eine wahrhaft typische Erscheinung; trotz dem Obengesagten ist indeß auch heute noch ihre frühere Schönheit nicht zu verkennen.

Der Erbprinz ist ein schlanker junger Mann, fast einen halben Kopf größer als der Herzog. Auch er ist, die etwas aristokratische Haltung abgerechnet, in Frankfurt immer sehr einfach und anspruchslos aufgetreten. Die österreichische Uniform mag ihn sehr wohl kleiden. Die übrigen Kinder sind noch zu jung, um von ihnen mehr sagen zu können, als daß ihre Erscheinung eine im Ganzen angenehme ist.

Gegen seine Angestellten und seine Dienerschaft ist der Herzog sehr mild, freundlich und freigebig. Besonders opferwillig ist er gegen die Leute, welche früher in seinen Diensten gestanden haben; sie wurden theils sehr gut gestellt, theils erhielten sie sehr ansehnliche Pensionen. Allgemein bekannt und vielfach in der Presse hervorgehoben ist seine Opferwilligkeit beim letzten Kriege. Nach dem „Rheinischen Courier“ hat der Herzog für die Soldaten und die Hinterbliebenen weit über 40,000 Thaler gezahlt.

Der Leser der demokratischen Gartenlaube möge uns nicht verübeln, wenn wir angesichts dieses Pflanzen- und Blumengartens auf denjenigen abschweiften, der einst die Schöpfung in’s Leben gerufen. Die Beziehung lag aber nahe, und wie das Anschauen der Blumenwelt und das Leben in ihr gar oft die Wunde des Gemüths zu heilen im Stande ist, so heilte ja auch der Herzog, und zwar selbst im Innern verwundet, die Wunden so mancher, die ihm jetzt Erholung und Erhaltung danken und im Innern denken:

Wohlthaten, still und rein gegeben,
Sind Blumen, die im Grabe leben.




[17]
Für einen deutschen Geisteskämpfer.


Die Gartenlaube (1872) b 017.jpg

Ludwig Feuerbach.

Es ist schwer, den Volkskreisen eine klare Anschauung von der Bedeutung des Philosophen beizubringen. Wenn wir ihnen auch sagen, daß das Wort „Philosophie“ so viel als „Liebe zur Weisheit“ bedeutet und die Philosophie im Verlauf der Zeiten ausgebildet worden ist zur „Wissenschaft der allen anderen Wissenschaften gemeinsamen Principien und der allgemeinen Gesetze der wissenschaftlichen Forschung“ – oder zur „Wissenschaft von dem Wesen der Dinge an sich, also von Dem, was in dem Wechsel der Erscheinungen und unter allen besonderen Gestaltungen als das Bleibende sich offenbart“ – so werden wir damit den Philosophen dem Volke um keinen Schritt näher gebracht haben. Die Herren der Wissenschaft haben ja ohnedies lange genug eifrig dafür gesorgt, dem Volke möglichst fremd zu bleiben, und noch jetzt hat das sogenannte Popularisiren der Wissenschaften seine erbittertsten Gegner im Gelehrtenzunftlager. Das Bedürfniß brach auch hier dem Besserem Bahn. Verständlich dem Volke wird aber ein rein geistiges Wirken nur durch die Erfolge im Leben. Weisen wir es denn auf die Zeiten der Unthaten des Aberglaubens und die Verbrechen des Glaubens hin, so werden wir unserem Ziel näher kommen. Weder der Theologie noch der Rechtswissenschaft allein war es zum Beispiel möglich, den scheußlichen Hexenprocessen ein Ende zu machen Dazu gehörte eine Befreiung des Geistes von ihm unglaublich fest anhangenden Schlacken des Irrwahns und aus einer kläglichen Beschränktheit. Diese schwere Arbeit war Beruf der Philosophie. Während es noch heute nicht an katholischen Priestern fehlt, welche dem Teufelsglauben zu Liebe auch Scheiterhaufen wieder anzünden, und sogenannte lutherische Pastoren, die es nicht ungern sehen würden, wenn man Diejenigen, welche nicht in ihre Kirchen geben, in’s Gefängniß steckte, – ist die Philosophie ihren das Denken reinigenden Gang weiter geschritten und längst in die Pforten des Glaubens selbst eingedrungen, um den Geist vom Zwang zu befreien; sie ist es, die zuerst die Befreiung der Schule von der Kirche verlangte; aber sie ist es auch, die in der Politik ihre befreiende Stimme erhob, denn ihr höchstes Ziel ist die Wahrheit, und was sie auf dem Weg zu diesem Ziel Störendes und Hemmendes findet, muß sie zu befestigen suchen, und das ist der Kampf, den sie für die Menschheit führt.

Aber auch das Vaterland vergißt sie nicht und alle Tugenden stehen unter ihrem Schutze. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, wo Deutschland am Boden lag und der deutsche Geist nur in der Pflege der Ideen fortlebte, sprach man eben deßhalb der Nation alle Thatkraft ab. Da trat Fichte auf, der tapfere Philosoph, und goß das Feuer seines Geistes in die Jugend, und wie herrlich bewiesen die Denker und Träumer, diese Professoren und Studenten auf den Schlachtfeldern des Befreiungskriegs, daß die Ideen auch Kraft zum Handeln geben!

[18] Ein solcher Kämpfer, ein Geistesheld mit dem Muthe Fichte’s, ist der Philosoph, dessen Bildniß und Lebensbild wir heute unsern Lesern vorlegen: Ludwig Feuerbach.

Die Philosophie ist der wahrste Ausdruck des geistigen Gesammtlebens einer Zeit, und die Geschichte der Philosophie ist ebendarum die Geschichte des menschlichen Geistes. Wir sehen daher diese geistige Machtäußerung des Menschen auch dem Schicksal alles Menschlichen preisgegeben, wir sehen es irren und mißbraucht werden. Ein großartiges Beispiel dafür zeigte sich an der Philosophie Hegel’s, die, weil sie, je älter der Philosoph ward, desto mehr sich mit den kirchlichen Glaubenslehren versöhnte und somit für trefflich conservativ galt, sich im damaligen Staate der Intelligenz die Geltung einer Staatsphilosophie erwarb. Dieser Richtung trat eine kecke Schaar entgegen, die vom hallischen Leo sofort den Titel „Hegelinge“ erhielt, und der entschiedenste unter ihnen war eben unser Feuerbach.

Derselbe ist ein Sohn des berühmten Criminalisten und königlich bairischen wirklichen Staatsraths Anselm von Feuerbach, wurde am 28. Juli 1804 zu Landshut geboren und durchlebte bis heute ein Leben, in welchem weder das Schicksal, noch er selbst Veranlassung gaben, ihn durch besonders auffallende Ereignisse im großem Publicum bekannt zu machen. Eine Rolle im öffentlichen Leben zu spielen, wobei eine Schaustellung seiner Person nicht zu umgehen gewesen wäre, dazu war er viel zu wenig eitel. Er liebte es, mehr zu sein, als zu scheinen, und darum haßte er auch ebenso die Reclame, als er unfähig war, auf andern Antrieb, als von seinem Genius gedrängt, nur eine Zeile für die Oeffentlichkeit zu schreiben. Feuerbach’s Leben sind seine Schriften. Bei ihm ging der Mensch im Schriftsteller auf, wofür er in seinen Schriften aber auch den ganzen Menschen zeigt.

Was Feuerbach zu irgend einer Zeit seines Lebens war, das war er allemal ganz. In seiner Jugend war er fromm, aber fromm mit der ganzen Energie seines Wesens. Er betete und fastete – daher das Wort, das er gelegentlich äußerte: „Die Theologie hat mir den Magen verdorben.“ – Er ging zur Universität Heidelberg mit dem festen, ernst gemeinten Entschluß ab, Theologie zu studiren und ein Geistlicher zu werden. Er selbst sagt daher später: „Wenn irgend Einer berufen und berechtigt war, über die Religion ein Urtheil zu fällen, so war ich es; denn ich habe die Religion nicht nur aus Büchern studirt und sie nicht nur aus dem Leben Anderer, sondern auch aus meinem eigenen Leben kennen gelernt.“

Heidelberg vermochte dem rastlos strebenden Geiste des jungen Mannes indeß keine hinlängliche Nahrung zu bieten. Er ging deshalb (im Jahre 1824) nach Berlin und bald schrieb er von da seinem Vater: „Ich habe die Theologie aufgegeben, aber ich habe sie nicht muthwillig oder leichtsinnig aufgegeben, nicht weil sie mir nicht gefällt, sondern weil sie mich nicht befriedigt, weil sie mir nicht giebt, was ich fordere, was ich nothwendig bedarf. Ich will die Natur, vor deren Tiefe der feige Theologe zurückbebt, ich will den Menschen, aber den ganzen Menschen an mein Herz drücken.“ Hegel war der gewaltige Magnet, der damals den strebsamen Theil der studirenden Jugend unwiderstehlich an sich zog, und auch Feuerbach widerstand dieser Anziehungskraft nicht. Aber er wußte sich doch bald selbstständiger und nach und nach von der Hegel’schen Philosophie ganz unabhängig zu machen. Trotzdem schreckte der Ausspruch: „Feuerbach ist Hegelianer!“ selbst manchen Gelehrten von der Lecture seiner Schriften ab und ließ Feuerbach so nicht zur rechten Popularität gelangen. Schon sein Erstlingswerk: „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“, das von genialer Laune übersprudelt, spottet gleichsam aller Schulzucht, und in seinem „Wesen des Christenthums“, das seinen Ruf vorzüglich begründete, ist der entschiedene Bruch mit der Hegel’schen Doctrin nicht mehr zu verkennen. Leider betrachtete das Publicum mit dem noch den Gährungsproceß nicht gänzlich verleugnenden „Wesen des Christenthums“ die schriftstellerische Thätigkeit Feuerbach’s als auf ihrem Höhepunkte angelangt und somit als ziemlich abgeschlossen, während er selbst doch keineswegs schon mit sich fertig war und von jetzt an erst ganz und gar seine eigenen Wege ging. In seiner „Theogonie“ (Götterentstehungslehre) erinnert nichts mehr an die philosophische Schule, die er durchlaufen. Hier ist, während die Behandlung des Stoffes, den er als Meister beherrscht, den auf der Höhe der Wissenschaft stehenden Gelehrten keinen Augenblick verkennen läßt, die Darstellung durchweg plan, ruhig, lichtvoll, geistreich, und die Sprache classisch. Aber wer hat denn seine Theogonie gelesen, trotzdem er dieselbe unter dem einladenderen Titel „Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit“ im Jahre 1866 als zehnten Band der Gesammtausgabe seiner Schriften hat erscheinen lassen?

Wie Feuerbach früher der Theologie den Abschied gegeben, so wollte er nun auch die Philosophie an den Nagel hängen, um sich ganz und gar der einzig wahrhaften Wissenschaft, der Naturwissenschaft, in die Arme zu werfen. Allein der Tod des Königs Max des Ersten, der die zahlreichen und sämmtlich begabten Söhne Anselm’s von Feuerbach auf seine Kosten studiren ließ, vereitelte diesen Plan; Ludwig Feuerbach konnte nicht fortstudiren und mußte Philosoph bleiben. – Im Jahre 1828 habilitirte sich Feuerbach als Docent der Philosophie in Erlangen und hielt Vorlesungen über Logik und Metaphysik. Bald fühlte er aber, daß er auf dem Lehrstuhle, wo er lehren sollte, wie die polizeilich gedrillte Schule es verlangte, nicht an seinem Platze war, und vertauschte den erstickenden Schulstaub mit der freien Landluft. Er zog nach Bruckberg, einem kleinen, waldeinsamen Dorfe in der Nähe Ansbachs. Die Natur und ihre Wissenschaft lag ihm fortwährend im Sinn. „Alle abstracten Wissenschaften verstümmeln den Menschen; die Naturwissenschaft allein ist es, die ihn in integrum restituirt, die den ganzen Menschen, alle seine Kräfte und Sinne in Anspruch nimmt.“ In Bruckberg’s stiller Waldeinsamkeit entstanden in rascher Folge seine epochemachendsten Schriften (im Verlage bei Otto Wigand in Leipzig), und namentlich war er ein rüstiger Mitarbeiter an den Halle’schen Jahrbüchern (Herausgeber Ruge und Echtermeyer), die zu ihrer Zeit die neuen Fortschrittsideen mit rücksichtsloser Kühnheit vertraten. Leider nähren Literatur und Philosophie ihren Mann nur schlecht; deshalb machte Feuerbach einen Versuch zur Erlangung einer Professur, jedoch vergebens. Nachdem er aber, 1838, die Schwägerin des Freundes, der ihm das stille Philosophenasyl im Gutsschlosse zu Bruckberg eröffnet, als Gattin heimgeführt, war es ein Freudenschrei, den er in den Worten ausdrückte: „Jetzt kann ich meinem Genius huldigen, jetzt unbeschränkt, frei, rücksichtslos der Entfaltung des eigenen Wesens mich weihen!“

Die hochgehenden Wogen des Jahres 1848 ließen ihn noch einmal den Schauplatz des öffentlichen Wirkens betreten. Studenten waren es, die ihn nach Heidelberg beriefen, wo er jedoch nicht auf der Universität, sondern auf dem Rathhause und vor einem gemischten Publicum Vorlegungen über „das Wesen der Religion“ hielt. Im folgenden Jahre kehrte er in sein stilles Dorf zurück, das er nie mehr verlassen haben würde, hätte nicht die Noth an seine Thür geklopft. Nach dem Tode seines Schwiegervaters war er Theilhaber an einer Fabrik geworden, die leider ein so unglückliches Ende nahm, daß er sein ganzes Vermögen dabei einbüßte und seine Schloßwohnung zu Bruckberg verlassen mußte. Eine bescheidene, einsam gelegene Wohnung am Rechenberg bei Nürnberg ist seitdem sein Asyl.

Fragen wir nach den Grundsätzen dieses Philosophen, so finden wir sie von ihm, allerdings eisern, ebenso furcht- als rücksichtslos in folgendem Satz ausgesprochen: „Mir war es und ist es vor Allem darum zu thun, das dunkle Wesen der Religion mit der Fackel der Vernunft zu beleuchten, damit der Mensch endlich aufhöre, eine Beute, ein Spielball aller jener menschenfeindlichen Mächte zu sein, die sich von jeher, die sich noch heute des Dunkels der Religion zur Unterdrückung des Menschen bedienen. Mein Zweck war, zu beweisen, daß die Mächte, vor denen sich der Mensch in der Religion beugt und fürchtet, nur Geschöpfe seines eigenen unfreien, furchtsamen Gemüthes und unwissenden, ungebildeten Verstandes sind, zu beweisen, daß überhaupt das Wesen, welches der Mensch als ein anderes, von ihm unterschiedenes Wesen in der Religion und Theologie sich selbst gegenübersetzt, sein eigenes Wesen ist. Der Zweck meiner Schriften ist: die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Candidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewußten Bürgern der Erde zu machen. Mein Zweck ist daher nichts weniger als ein negativer, verneinender, sondern ein positiver, ja, ich verneine nur, um zu bejahen; ich verneine nur das phantastische Scheinwesen der Theologie und Religion, um das wirkliche Wesen des Menschen zu bejahen.“

[19] Feuerbach’s jüngerer Bruder Friedrich stellt in einer Schrift „Die Religion der Zukunft“ als System desselben die Aufgabe auf, zu beweisen: daß man, um Frieden und Glückseligkeit auf Erden zu begründen, die Kirche auf friedliche Weise in eine Volksbildungsanstalt und die Theologen in Diener der Menschheit, Volkslehrer und Vorkämpfer der Volksbildung umwandeln müsse. Man habe nur die Wahl zwischen dem theologischen Gott und der Menschheit, Eines oder das Andere müsse man opfern.

Gar oft ist von der Gefahr die Rede gewesen, welche durch diese Feuerbach’schen Grundsätze nicht nur der Religion, sondern auch der Sittlichkeit drohen soll. Das Letztere ist ganz gewiß nicht der Fall, und auch das Erstere nicht, wenn wir unter Religion jene Herzensbildung verstehen, deren köstliche Frucht die Menschenliebe ist. Wenige kurze Aussprüche werden Feuerbach in dieser Beziehung rechtfertigen. „Es giebt nur Ein Böses – es ist der Egoismus; und nur Ein Gutes – es ist die Liebe.“ „Liebe, aber wahrhaft! – und es fallen Dir alle anderen Tugenden von selber zu.“

Feuerbach’s eigenes Leben liefert übrigens das sprechendste Zeugniß für die Ungefährlichkeit seiner Grundsätze. Mehr Herzensgüte, Zartsinn und Anspruchlosigkeit wird selten bei einem Manne angetroffen, neben einer Entschiedenheit des Charakters, einer Unwandelbarkeit und Makellosigkeit der Gesinnung, die auch seine schlimmsten Gegner niemals anzutasten gewagt haben.

Um so tiefer ist es zu beklagen, daß eines solchen Mannes Lebensabend ein so entsetzlich trauriger sein soll, wie ein nur allzu gut verbürgtes Gerücht dies befürchten läßt. Im stillen Philosophenasyl am Rechenberge liegt Ludwig Feuerbach arm, alt und krank darnieder: dem Pflüger mit dem Geist ist die Schar zerbrochen, mit der er den Acker auch um das liebe Brod durchfurchen mußte. Das einzig noch in der Liebe für die Seinen schlagende Herz drückt die Centnerlast der Sorge für deren Zukunft.

Darf so das Ende Ludwig Feuerbach’s sein?

Nein! Soweit läßt der Theil unsrer Nation, welcher denkfähig und herzensfrei einst dem muthigen Kämpfer seinen Beifall zugejubelt hat, soweit läßt das deutsche Volk von heute die alten Schandbilder nationalen Undanks nicht auffrischen! Wir können zwar nicht erst das Spiel eines Plebiscits aufführen, um abstimmen zu lassen, wie groß die Zahl Derer ist, welche in Feuerbach’s Religionsphilosophie nicht mehr sehen und wünschen mögen als ein neues System zu den alten; wir wenden uns an Diejenigen, welche noch heute die Begeisterung nachfühlen, welche der Feuerbach der „Jahrbücher“ in ihnen erregte, und an alle Diejenigen, welche die Ueberzeugung erfüllt, daß nur zum Besten der Menschheit, zum Heil seines Volks, zum Glück jedes Einzelnen der rastlose Mann im selbstgewählten Beruf sich abmühte – diese Getreuen des Apostels der kämpfenden Wissenschaft fordern wir auf, die Redaction der Gartenlaube in den Stand zu setzen, im Namen ihrer Leser für die Lieben Feuerbach’s einen Schirm gegen ein zu hartes Geschick aufzurichten und ihm selbst noch ein Lächeln der Freude in das einst so göttlich strahlende Auge zu locken. Selbstverständlich steht zu erwarten, daß für dieses Unternehmen eine der hohen wissenschaftlichen und nationalen Würdigkeit des Mannes entsprechende Form und Art gefunden werde: nicht von Unterstützung kann hier die Rede sein, sondern von einem Nationaldank, für welchen in allen Hauptsitzen deutscher Intelligenz sich Ausschüsse zu bilden haben, um der Einsammlung der Ehrengaben Zug und Kraft zu geben.

Die Gartenlaube veröffentlicht, wie immer, zu rechter Zeit Quittung und Abrechnung über die ihr zugehenden Beiträge zu diesem Nationaldank.

Redaction der Gartenlaube 50 Thlr.; Dr.  Friedrich Hofmann 3 Thlr.; X. Y. aus Wiesbaden 10 fl. rh.; Professor Bock 10 Thlr.




Die barmherzige Schwester.

(Mit Abbildung S. 5.)

Fremde Leiden, fremde Sorgen
Treiben dich von Haus zu Haus,
Und kein goldner Frühlingsmorgen
Lockt dich mehr zum Licht heraus
Aus der dumpfen, trüben Kammer,
Wo ein Leben schmerzvoll ringt
Und der allerschwerste Jammer
Sich um Menschenherzen schlingt.

Mit der Röthe deiner Wangen,
Ach, ist auch dein Glück verblüht,
Ist die Freude hingegangen,
Die an treuer Brust nur glüht.
Nicht am Abend, nicht am Morgen
Beut dir Liebe ihren Strauß –
Fremde Leiden, fremde Sorgen
Treiben dich von Haus zu Haus.

Und in stummverhalt’ner Klage
Hebst das Kindlein du empor,
Das an seinem ersten Tage
Auch sein Bestes schon verlor.
Weinst du? Darf das junge Leben,
Das so warm sich an dich schmiegt,
Neu um’s Herz dir Träume weben,
Die du doch schon längst besiegt?

Darf der Wünsche gold’ner Reigen
Dich umgaukelnd neu dir nah’n?
Nein, du nennst kein Herz dir eigen,
Einsam wallst du deine Bahn.
Fremde Noth und Thränen borgen
Lieb’ und Treue bei dir aus –
Fremde Leiden, fremde Sorgen
Treiben dich von Haus zu Haus.

 Hermann Oelschläger.




Blätter und Blüthen.


Französische Wissenschaft. „Wer wird uns von den falschen französischen Gelehrten befreien? Jedes Jahr, gegen Neujahr, werden wir von illustrirten Büchern, welche die Bildung der Jugend zum Zweck haben, überfluthet. Einige, man kann es nicht leugnen, stammen von verdienstvollen Männern her. Die meisten aber enthalten, unter dem Vorwande der Wissenschaft, nichts als Halbwahrheiten, Irrthümer und Dummheiten. H. Figuier, einer der stärksten Producenten dieser schlechten Waare, ist schon lange wegen seines unbegreiflichen Leichtsinns bekannt. Dennoch ist es ihm gelungen, in seinem letzten Werke ‚Die Menschenracen‘ seine gewöhnlichen Fehler zu überbieten, und wer dieses Buch ohne die nöthige Vorbildung liest, kann überzeugt sein, daß er über einen der interessantesten Punkte des Wissens nur falsche und unvollständige Kenntnisse erlangen wird.“

Diesen Mahnruf erläßt die „Discussion“, Organ der demokratischen Partei Belgiens, in ihrer Nummer vom 10. December 1871. Durch diese wackere Zeitung aufmerksam gemacht, nahmen wir das Buch zur Hand und fanden die angeführte Aeußerung nicht allein gerechtfertigt, sondern noch viel zu glimpflich. Wir lassen hier einige Zitate folgen. Der deutsche Leser bedarf keiner sonstigen Commentare.

„Die Familie der Slaven enthält die Russen, die Finnen (!), die Bulgaren, die Serben, die Bosniaken, die Ungarn (!), die Croaten etc.“ Diese Entdeckung wird die Finnen und Ungarn in nicht geringes Erstaunen versetzen.

„Die Franken stammen aus der Vermischung der Gallier mit den alten Bewohnern des Landes, den Iberern. Später gesellten sich Römer und Griechen hinzu und noch später Alanen, Gothen, Burgunden und Sueven.“

Die germanischen Franken sind dem Herrn Figuier total unbekannt. Sie haben nicht existirt. Sein Buch spricht nicht von der Eroberung Galliens durch die Merovinger. Wie könnte auch ein gutgesinnter Franzose zugeben, daß sein Vaterland jemals unter das Joch der nordischen Barbaren gerathen wäre? Die Franken waren also mit Iberern gemischte Gallier, und um dies zu beweisen, führt man uns, Seite 24, eine Zeichnung vor, welche gallische und fränkische Druiden darstellt. Das Schönste kommt erst. Herr Figuier vergleicht die modernen Deutschen und Franzosen. Er sagt:

„Die Völker der teutonischen Familie besitzen im höchsten Grade die Kennzeichen der weißen Race. … Da die Deutschen im Osten und im [20] Süden sich viel mit den Völkern des Südens vermischt haben, so bieten sie nicht ausschließlich den teutonischen Typus.“ Darauf giebt Herr Figuier eine schmeichelhafte Beschreibung der Eigenschaften der Germanen. Man glaubt, dieses Portrait beziehe sich auf die Deutschen auch im Norden und im Westen.

„Nein,“ sagt der Autor, „bei diesen Letzteren ist aus der Gutmüthigkeit eine unverhohlene Grausamkeit (férocité) geworden, aus der Naivetät eine gräßliche Falschheit (duplicité noire), aus der Sanftmuth eine herrische und brutale Gewaltthätigkeit. … Die preußische Barbarei ist auf der Höhe der Vandalen des zweiten Jahrhunderts angekommen.“ – Der Grund hiervon? Herr Figuier giebt uns die Antwort: „Die Deutschen im Norden sind Finnen, mit Slaven gemischt. Sie haben fast nichts von der germanischen Race.“

Was haben wir nun von den Franzosen zu denken?

„Vom intellectuellen Standpunkt kennzeichnet sich der Franzose durch eine Schnelligkeit und eine Thätigkeit des Begriffsvermögens, welche außerordentlich zu nennen sind. Er versteht schnell und gut. Eine Nuance von Gefühl gesellt sich zu dieser intellectuellen Thätigkeit. Zu diesen Eigenschaften des Geistes und des Herzens füge man noch eine starke Dosis Vernunft, ein richtiges Urtheil (!) und eine wahre Leidenschaft für Ordnung (!!) und Methode, so hat man den Typus des Franzosen.“ Durch alle diese Eigenschaften erklärt H. Figuier eine Masse Vortheile Frankreichs und namentlich „die ausgezeichnete Organisation des öffentlichen Unterrichts!“(!)

Ist es zu verwundern, wenn H. Figuier am Schlusse sagt: „wenn im Jahre 1870 die Vereinigung von bedauernswürdigen, fatalen Umständen das Vaterland gezwungen hat, sich dem Willen eines Volkes zu fügen, welches sich noch jetzt über seinen Sieg wundert, so hat der alte Ruf der Tapferkeit und Intelligenz des französischen Soldaten nicht im mindesten unter dieser unvorhergesehenen Niederlage gelitten. Die Stunde der Wiedervergeltung gegen die nordischen Barbaren wird früh oder spät schlagen!“

     So viel zur Belustigung der Leser der Gartenlaube.

     Lüttich, im December 1871.

Dr. Karl W. Grün.




Instinct oder Ueberlegung? Eine Maus im Canarienvogelbauer – gewiß ein seltener Gast! – Am 20. Juni vorigen Jahres saß ich in der Abenddämmerung auf dem Sopha, als mein Blick“ zufällig auf den alten Aloëstock fiel, welcher seit Jahren die linke Seite eines Eckfensters einnimmt und bei einer Höhe von etwa drei ein halb Fuß bis an die obere Wölbung desselben reicht. Ich glaubte zwischen den langen fleischigen Blättern dieser Pflanze etwas Lebendes zu bemerken und überzeugte mich denn auch alsbald, daß ein dunkler Gegenstand letztere gleich den Stufen einer Treppe flink erklomm und bereits zwei Dritttheile der Höhe erreicht hatte. Ich dachte anfangs an einen Vogel, der in’s Zimmer gerathen sein könnte, dann aber fiel mir bei, daß auch Mäuse im Hause – einem Bäckeranwesen – nicht eben selten seien, obwohl solchen namentlich von Seiten des Hausherrn emsig nachgestellt werde. Ich trat einen Schritt heran. Meine Näherung war beobachtet worden und das Klettern wurde sofort eingestellt. Wie leblos sah ich einen dunkeln Körper an den Stamm der Pflanze geschmiegt und erst nach längerer Zeit, währenddem ich meinen vorigen Platz wieder eingenommen hatte, begann die Vorwärtsbewegung von Neuem.

Oben in der Mitte der Fensterwölbung hing der Bauer eines Canarienvogels in der gewöhnlichen länglichen Form an einer etwa ein Fuß langen Schnur. Es währte nicht lange, so wurde ich an dem leisen Schwanken des Käfigs gewahr, daß dessen Rand betreten worden war, wozu eines der herüberreichenden Blätter als Brücke gedient haben mußte. Mit Hülfe eines Sessels blickte ich nun in den Käfig und sah denn hier eine große Maus mitten in demselben, an den Körnern, die der eigentliche Bewohner des Käfigs aus dem Futternapfe auf den Boden geworfen, behäbig schmausend.

Der Besuch mußte bereits öfters wiederholt worden sein, denn der Vogel schien durchaus nicht erschreckt, sondern betrachtete den dicht unter ihm knabbernden Vierfüßler sehr gleichgültig von seinem Ruheplatze aus. Die Maus benahm sich ebenfalls ganz ungenirt, schaute mich zunächst mit emporgestreckter Schnauze stier an und fuhr dann in ihrer angenehmen Unterhaltung fort. Ich ließ sie eine Zeitlang gewähren; da ich indessen fürchtete, es möchten im Laufe der Nacht noch andere derartige Gäste nachkommen und das Vögelchen am Ende doch in dieser oder jener Weise Schaden leiden, so suchte ich die Maus nun zu verscheuchen, um dann den Käfig an einen andern Ort zu bringen. Allein nur mit Widerstreben verstand sich die Maus endlich dazu, das Innere des Käfigs zu verlassen und sich außen am Rande hinzukauern – jedenfalls in der Absicht, wieder einzudringen, sobald sich der Störenfried entfernt haben werde. Als ich sie durch eine Drehung des Käfigs unmittelbar vor mir hatte, spielte sie die Todte oder Schlafende und erst nach wiederholter Berührung mit einem Stückchen Holz begab sie sich wieder auf die Aloë zurück und trat hier zögernd den Rückweg an. Das Hinzukommen meines Hundes, der auf den Stuhl sprang und die Nase zwischen die Blätter streckte, beschleunigte endlich den Marsch – ein Satz auf den Zimmerboden herab und die Maus war verschwunden.

Unwillkürlich tritt die Frage heran, wie das Thier von der oben in der Höhe, im freischwebenden Käfig bereitstehenden Mahlzeit Kenntniß erlangt habe? – Hat dasselbe auch vielleicht hier und da ein Hanfkorn auf dem Zimmerboden gefunden, so setzt die Ausführung des eben beschriebenen Unternehmens doch immer förmliche Schlüsse, eine Ueberlegung voraus. Dabei waren, bis das Gezweige der Aloë erreicht war, ganz besondere Schwierigkeiten zu überwinden. Denn vom Fensterbrett aus, zu welchem ein Stuhlbein die Leiter bilden mußte, war der glatte Scherben von glasirtem Thon, der wegen der Stärke der Pflanze bei ziemlichem Umfang beinahe einen Fuß hoch ist, zu erklimmen oder durch einen Sprung von den benachbarten kleineren Blumentöpfen aus zu gewinnen.

L. Z. in M.




Heinrich Kruse, der Verfasser der Dramen „Die Gräfin“, „Wullenwever“ etc., hat im Verlage von S. Hirzel ein Trauerspiel in fünf Aufzügen „König Erich“ erscheinen lassen, das wir dem Leserkreise der „Gartenlaube“ warm empfehlen dürfen. Der Dichter gebietet über eine bedeutende dramatische Gestaltungskraft, der Knoten der Handlung ist geschickt geschürzt und die auftretenden Personen treten lebendig vor unser Auge. Nur zu oft erscheinen die Figuren in deutschen Dramen wie Schattenbilder ohne Blut und Mark, ohne eine innerliche Entwicklung, und vermögen darum nicht ein dauerndes Interesse anzuregen; in „König Erich“ begrüßen wir eine Erscheinung von wirklich dichterischem Werthe, welche die Aufmerksamkeit der Literaturfreunde verdient und hoffentlich auch bald den Weg auf die Bretter findet, die die Welt bedeuten.

Emil Rittershaus.




Für unsere abgebrannten Landsleute in Chicago.


Durch das verheerendste der Elemente, das Feuer, zerstört, liegt ein Drittel Chicagos in Asche, und in der vorzugsweise von Deutschen bewohnten Nordseite der Stadt bezeichnen nur rauchende Trümmer noch die einstigen Wohnsitze der Bürger. Fünfzigtausend Deutsche, Männer, Frauen und Kinder, sind heimath- und mittellos geworden und sehen sich den Schrecken des Winters ausgesetzt. Es bedurfte nur der Angabe dieser Thatsachen, um in ganz Deutschland abermals die Herzen und Börsen zu öffnen und auch unsere Freunde wieder zur oft bethätigten Opferfreudigkeit anzuspornen. Die heutige dritte Quittung mag als Beweis dienen. Es gingen wieder ein:

Clementine in Petersburg 2 Thlr.; Gerber- und Schuhmacherzeitung 2 Thlr.; Theaterbillets von M. M. 10 Thlr.; Gesangverein „Arion“ in Furtwangen 46 Thlr. 20 Ngr.; Sängerbund in Weißstein 12 Thlr.; Gartenlaubenleser in Lehe 1 Thlr. 10 Ngr.; die Zechau-Leesener Donnerstags-Gesellschaft 10 Thlr.; Erlös einer Liebhaber-Theatervorstellung in Treptow 20 Thlr.; C. S. 2 Thlr.; aus Dilligen von V…i, mit einigen Freunden 8 Thlr.; A. Grebe in Beurig 15 Ngr.; vom Polterabend des Müller Fach in Welbsleben 1 Thlr. 18½ Ngr.; W. F. B. 10 Thlr.; Pfroffer in Groiz 1 Thlr.; H. K. in Minden 2 Thlr.; aus Gödern 15 Ngr.; Ertrag einer Lotterie von Schülerinnen in Siegen 7 Thlr.; W. F. in Wissen 5 Thlr.; L. Gebhardt 5 Thlr.; Abr. Stoffens in Tiejenhof 10 Thlr.; Hobach in Wien 1 Thlr.; Gerdes u. Sohn in Altena 2 Thlr.; Familie E. M. in Darmstadt 5 Thlr.; M. in L. 10 Thlr.; L. in L. 10 Thlr.; aus Neustadt in Schl. 1 Thlr.; Reinertrag eines Dilettanten-Concerts in Treptow 40 Thlr. 3½ Ngr.; Hänschen 1 Thlr.; J. G. 5 Thlr.; Ertrag einer Sammlung durch Bürgermeister Albrecht in Waltershausen 17 Thlr.; F. Naumann in Delitzsch 1 Thlr.; Mathilde 2 Thlr.; Red. d. Zeitung für Pommern in Colberg 5 Thlr. 15 Ngr.; Rendant Gruner in Weißstein 1 Thlr.; C. R. in Charlottenburg 2 Thlr.; K. v. S. 5 Thlr.; Pastor Schrödter in Kaiserswaldau 4 Thlr.; P. R. u. F. R. 2 Thlr.; vom Comptoir-Personal d. Handlung Nicolai in Pirna 5 Thlr.; W. Klingschmitz in Ostrau 2 Thlr.; Gesangverein Liederverein in Marburg 25 Thlr.; H. G. Oberfrohne 1 Thlr.; eine Doctor-Rechnung in Gera 22½ Ngr.; Scheibe in Mühlberg 8 Thlr. 22 Ngr.; Damen- u. Herren-Gesangverein in Altena 25 Thlr.; Wittwe Steinbach aus Roda 10 Thlr.; 2. u. 3. Beitrag der Schlagzeug-Capelle des Café Orlopp in Gera 7 Thlr.; K. in L. 1 Thlr.; C. Ternei, im Namen des Taubstummenvereins in München 5 Thlr. 2 Ngr.; N. N. 10 Thlr.; Frau S. H. in Ohrdruff 1 Thlr.; heitere Gesellschaft bei Geller in Diez 4 Thlr. 10 Ngr.; E. L. in Tönning 1 Thlr.; Verein in Höxter 31 Thlr. 3 Ngr.; Gewerbeverein in Langensalza 8 Thlr. 4 Ngr.; Schiele sen. in Jena 5 Thlr.; N. Rottey in Riga 5 Rubel.; Lötscher in Disna 10 Rubel.; Concert des Runden Tisches in Schwetzingen 50 fl.; zwei glücklich Liebende in Aibling 5 fl.; zwei englische Studirende 2 fl. 20 kr.; Lehrer Hankel in Wilkau 16 Ngr. 4 Pf; Ertrag eines im Schützenhause zu Danzig abgehaltenen Vocal- u. Instrumental-Concerts 81 Thlr.; Samml. der Essener Zeitung 530 Thlr. 4½ Ngr.

Außerdem von der Liedertafel in Moskau ein Brief für den deutschen Gesangverein in Chicago mit einer Tratte von 198 Doll. 75 C., zur Anschaffung neuer Noten.

Zur Nachahmung dringend allen Bürgermeistern und Gemeindevorständen empfohlen:

Sammlung des Stadtraths von Leisnig bei der Kaufmannschaft 10, Fabrikantenverein 10, Gewerbeverein 5, Sparcasse 5, Tuchmacher-Innung 5, Schuhmacher-Innung 3, Stadtcasse 10, zusammen 48 Thlr.; der Stadtrath in Lommatzsch 25 Thlr.; Sammlung der Gemeinde Oberstein 155 Thlr. 22½ Ngr.

Wollten alle Deutschen Gemeinden und deren Vertreter diesem opferfreudigen Beispiele folgen, so würden unsere armen Landsleute in Chicago bald aller Noth überhoben sein und mit dankerfülltem Herzen der Brüder in Deutschland gedenken. – Im Laufe dieser Woche gingen bereits

2000 Thaler

von unserer Sammlung nach Chicago ab.

Ernst Keil.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Cafil