Die Gartenlaube (1872)/Heft 2

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 2.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Am Altar.
Von E. Werner, Verfasser des „Helden der Feder“.
(Fortsetzung.)


Es war allerdings ein schattiger und lieblicher Fußweg, den Beide jetzt einschlugen, aber für Lucie schien er nur da zu sein, um ihn in allen möglichen und unmöglichen Windungen zu umkreisen. Wie ein junges Reh, das der Gefangenschaft entflohen und der Waldesfreiheit zurückgegeben ist, so sprang sie dahin, das ging immer mitten durch Gebüsch und Haidekraut, ohne nach Weg und Steg zu fragen. Jetzt lief sie einem Schmetterlinge nach, um in der nächsten Secunde drüben auf der entgegengesetzten Seite ein Eichhörnchen aufzujagen, oder eine Blume zu pflücken. Bald hier, bald dort sah Bernhard den blauen Schleier ihres Hutes zwischen den Bäumen aufflattern, und dann wehte er wieder dicht neben ihm, wenn sie athemlos an seiner Seite kam, beide Hände voll Blumen; dabei plauderte der kleine Mund unaufhörlich und floß über von Fragen und Neckereien, sie war zu glückselig.

„Nun aber ist’s genug!“ sagte Bernhard endlich und zog ihre Arme in den seinigen. „Jetzt bleibst Du an meiner Seite, dort drüben ist bereits der Ausgang des Waldes, wo der Wagen uns erwartet.“

„Schon? O laß mich nur noch einen Blick in die Schlucht dort thun, nur einen einzigen! Ich muß durchaus wissen, wo der kleine Bach herkommt, der dort drüben plätschert; in zwei Minuten bin ich wieder zurück.“

Und fort war sie, Bernhard sah den blauen Schleier bereits wieder drüben an der Felswand flattern und in der nächsten Minute dahinter verschwinden.

„Nun Gott sei Dank, eine geschraubte Modedame wenigstens hat die Pension nicht aus ihr gemacht! Das ist noch ganz das Kind, das ich vor vier Jahren dorthin brachte,“ sagte er, mit dem Ausdruck tiefster Befriedigung ihr nachblickend, und blieb geduldiger, als es wohl sonst seine Art war, stehen, um ihre Rückkehr zu erwarten.

Lucie hatte inzwischen die Schlucht erreicht und blickte neugierig hinein; es war ein reizendes Stück Waldeinsamkeit, das sich hier vor ihren Blicken aufthat. Rauschend und silberhell kam der Bach von der Höhe herab und stürzte, über glatte Kiesel und moosige Steine, an dunklen Felswänden vorüber, in den Wald hinein. Darüber wölbten sich hohe Buchen und dazwischen grünte weiches Moos und rankte sich blühendes Gesträuch – es war ein Ort, so recht zum Träumen und Sinnen geschaffen, aber gerade dies lag der jungen Dame himmelweit entfernt. Ihr erster Blick galt dem Orte selbst, ihr zweiter einem Himbeerstrauch, der, in der Felswand wurzelnd, mit einer Fülle dunkelrother Beeren über den Bach hinaushing. Das sehen und einen unbezwinglichen Appetit danach verspüren, war für Lucie Eins; vergessen war das Versprechen, sogleich zurückzukommen, vergessen das drohende Stirnrunzeln des Bruders. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, trat sie sofort den Weg nach der Felswand an; daß er mitten durch den Bach ging, kümmerte sie durchaus nicht. Ihr Kleid zusammennehmend, sprang sie leicht wie eine Elfe von Stein zu Stein. Das Wasser rieselte unter ihren Füßen und durchnäßte völlig die beiden Residenzstiefelchen, die für Spaziergänge im Gießbach wohl nicht berechnet waren, aber das erhöhte nur ihr Vergnügen; sie lachte laut auf, wenn die hellen Wassertropfen emporspritzten oder das niederhängende Gezweige ihre Stirn streifte. Der kleine Strohhut hatte sich schon beim ersten Schritt als zu lästig erwiesen, er hing am Arme und mußte einstweilen die duftende Fülle der im Walde gepflückten Blumen bergen; die Locken, von keinem Bande mehr gehalten, wehten lose um Hals und Schultern; dabei ging es vorwärts, über Felsgeröll, Baumwurzeln und Wassersturz, immer aufwärts, den Bach hinauf. Je schwieriger der Weg, desto größer wurde der Eifer, das junge Mädchen war nur eine Jugendlust, ein jubelnder Uebermuth, und jetzt endlich stand sie oben, hell beschienen von dem Sonnenstrahl, der durch das Laubdach drang und gerade auf das rosige Kinderantlitz fiel, mit flatternden Locken, mit glühenden Wangen und strahlenden Augen, und streckte die Hand nach dem ersehnten Gesträuche aus.

Aber plötzlich ließ sie dieselbe wieder sinken und stieß einen leisen Ausruf des Schreckens aus. Drüben vom Rande der Felswand blickten ein Paar große unheimlich tiefe und dunkle Augen starr zu ihr herüber, und als sie erschreckt noch weiter zurückwich, tauchte eine Gestalt in langem schwarzem Gewande aus dem Gebüsch hervor, und stand hochaufgerichtet ihr gegenüber.

Die erste Regung Luciens war, trotz der so nachdrücklich betonten sechszehn Jahre, eine ganz gründliche Gespensterfurcht, und ihre erste Bewegung ein Versuch davon zu laufen, aber schon im nächsten Augenblick siegte die Vernunft. Gespenster am hellen Mittage! Während die Sonne so goldig durch die Buchenzweige schien und der Bach zu ihren Füßen so lustig plätscherte, als wolle er sie auslachen über ihre kindische Angst – sie nahm allen Muth zusammen und wagte einen zweiten Blick hinüber.

[22] Da sah sie nun allerdings, daß es ein Mensch war, der dort drüben stand, ein Mann in langem geistlichem Talar, der bisher im Moose gelegen und von dort aus vermuthlich den ganzen Spaziergang durch den Gießbach mit angesehen hatte. Das Buch, in dem er gelesen, lag noch am Boden, er selbst aber stand mit verschränkten Armen und blickte düster und unverwandt auf sie hin.

Also ein Geistlicher, der wahrscheinlich seine Predigt einstudirte, und der hatte sie so erschreckt! Luciens ganzer Uebermuth kam zurück; ohne sich weiter um den fremden Zuschauer zu kümmern, der ihr jetzt ganz und gar kein Interesse mehr einflößte, begann sie eine gründliche Plünderung des Himbeergesträuches und schickte sich dann an, den Weg, den sie gekommen war, wieder hinabzusteigen.

Jetzt aber mußte sie bei dem Fremden vorüber, er stand noch immer wie angewachsen, ohne sich zu regen, und dabei stand er gerade auf einem der großen Steine, die den Pfad durch den Bach bildeten. Der unhöfliche Mann dachte nicht daran, auch nur einen Schritt zur Seite zu treten, trotzdem er doch sah, daß sie hinab wollte. Lucie begann sich über diese Rücksichtslosigkeit zu ärgern, sie setzte nachdrücklich ihr Füßchen in’s Wasser, daß es hoch aufspritzte, um ihm begreiflich zu machen, wie sehr störend ihr sein Standpunkt sei, und warf ihm einen ihrer allerungnädigsten Blicke zu.

Dabei begegnete sie aber zum zweiten Male seinen Augen, die noch immer unbeweglich auf ihrem Antlitz ruhten, gerade so starr und düster wie vorhin. Es mußte doch etwas Gespensterhaftes in dem Manne sein, denn dem jungen Mädchen ward auf einmal glühend heiß unter diesem seltsamen Blick, die ganze vorige Angst kam verdoppelt zurück, sie wünschte sich weit weg in die schützende Nähe des Bruders und doch stand sie wie gefesselt von einer fremden Macht und wagte keinen Schritt vor- oder rückwärts zu thun. So vergingen in paar beängstigende Secunden, da endlich wich der unheimliche Fremde langsam zur Seite, er gab den Weg frei und wie ein gescheuchtes Reh flog Lucie an ihm vorüber, den Bach hinab, und in den Wald hinein.

Hier kam ihr Bernhard, durch ihr langes Außenbleiben beunruhigt, bereits entgegen. „Sind das etwa die gewünschten zwei Minuten? Du scheinst wirklich – aber was hast Du denn, Kind, Du siehst ja ganz verstört aus!“

Lucie hing sich fest an seinen Arm, jetzt, wo sie sich geschützt wußte, brach der alte Uebermuth schon wieder durch, sie warf noch einen scheuen Blick zurück nach der Schlucht, aber es zuckte bereits schelmisch um ihre Lippen, als sie antwortete:

„Ich bin dem Währwolf begegnet, von dem es in den Märchen heißt, daß er in Menschengestalt umgehe! Drüben stand ein Mann, so finster und unheimlich, er trug einen langen schwarzen Talar –“

„Das wird einer von den Mönchen des Stiftes gewesen sein,“ meinte Bernhard gleichgültig. „Die Herren Benedictiner pflegen zwar sonst nicht gerade die einsamen Waldgründe aufzusuchen, wenn sie sich außerhalb des Klosters amüsiren! – Das Ordenskleid also hat Dich so erschreckt?“

Lucie sah zu Boden und schüttelte den Kopf. „Nicht das Kleid,“ sagte sie leise, „der Blick war es. Er hatte so seltsame Augen, wahre Gespensteraugen!“

Das Spottlächeln von vorhin erschien wieder auf dem Gesicht des Bruders. „Dein Heroismus scheint nur den Gouvernanten gegenüber zu existiren! Noch vor einer Viertelstunde prahlst Du damit, Dein ganzes Pensionat in Schach gehalten zu haben, und jetzt läufst Du vor einem Mönchsgewand und einem Paar Mönchsaugen davon. In der That, eine rechte Heldenseele, die ich da in meiner Schwester entdecke!“

Lucie wollte auffahren und sich eifrig gegen den Vorwurf vertheidigen, aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen; denn in diesem Augenblick traten sie aus dem Walde auf die Höhen hinaus, und eine prachtvolle Gebirgslandschaft rollte sich vor ihren Blicken auf. Rauschend schoß der Bergstrom durch ein weites offenes Thal, im hellsten Sonnenstrahl schimmerten Flecken, Dörfer und einzelne Gehöfte, theils am Strome, theils am Bergeshang zerstreut liegend, von nah und fern herüber, dazwischen leuchtete das sonnige Grün der Matten, die ringsum all die tiefer gelegenen Höhen umkränzten, und darüber hinaus strebten dunkle Tannenwälder höher und höher an den Bergwänden empor, bis zum Gipfel hinauf. Im Vordergrunde lag ein Schloß, eine malerische alte Bergveste, die gerade hinab zum Strom blickte, aber so kühn es sich auch auf seinem Felsen hob, und so trotzig die grauen Erker und Söller aus dem Tannengrün hervorschauten, es trat doch zurück vor dem mächtigen, schloßartigen Gebäude, das sich ihm gegenüber auf einer Anhöhe ausdehnte, von weiten Gärten umgeben, mit Mauern und Pfeilern, die wie für die Ewigkeit gegründet schienen, mit langen Fensterreihen und zwei prachtvollen Thürmen über dem Hauptportal. Die Sonnenstrahlen fielen mit vollster Kraft auf die leuchtend weißen Mauern; vom hellsten Mittagsglanz umflossen lag die Benedictinerabtei stolz und mächtig da, weithin das Thal beherrschend, die Krone und der Mittelpunkt des ganzen herrlichen Landschaftsgemäldes, und über das alles hinaus hoben sich die riesigen Häupter des Gebirges, von blauem Duft umwoben, und ragten ernst und gewaltig hinein in die sonnige Welt.

Lucie war überrascht stehen geblieben, nur ein lautes Ah der Bewunderung entfuhr ihren Lippen, dann blieb sie regungslos im Anschauen versunken, Bernhard beugte sich zu ihr nieder.

„Nun, Lucie, wirst Du hier Deine engen Residenzstraßen, Deine hohen Häuser und den ummauerten Pensionsgarten vermissen? Ich denke nicht.“

Das junge Mädchen fuhr aus dem athemlosen Schauen auf bei dieser Anrede, sie schlang plötzlich ihre beide Arme um den Hals des Bruders und rief mit der ganzen stürmischen Freude eines Kindes: „O, ich habe nicht gewußt, daß die Welt so schön ist!“

Bernhard lächelte. „Du hast freilich noch nichts davon gesehen, als nur unsere märkischen Haiden. Sieh dort hinüber, dort liegt Deine künftige Heimath, und jetzt laß uns eilen, daß wir sie endlich erreichen, es ist hohe Zeit!“

Er hob sie in den bereits wartenden Wagen und nahm an ihrer Seite Platz, ein Druck mit dem Zügel, und die ungeduldigen Thiere griffen aus; dahin rollten sie, dem Thale zu, hinein in die Berge.




„Ist Pater Benedict schon zurückgekehrt?“

„Noch nicht, Euer Gnaden!“

„Er soll sofort nach seiner Ankunft benachrichtigt werden, daß ich ihn zu sehen wünsche, und daß der Herr Graf Rhaneck ihn hier erwartet.“

Der Kammerdiener schloß die Thüren und entfernte sich, den soeben erhaltenen Befehl auszuführen; die beiden Herren, welche sich im Arbeitszimmer des Prälaten befanden, blieben mit einander allein.

Es war ein großes, mit fürstlicher Pracht eingerichtetes Gemach. Die schweren purpurrothen Seidenvorhänge des hohen Bogenfensters wehrten, zur Hälfte herabgelassen, den glühenden Strahlen der Mittagssonne den Eingang. An einem Tisch, der mit kostbarem Schreibgeräth, mit Briefschaften und Papieren aller Art bedeckt war, saß der Prälat im reichvergoldeten, mit dunklem Sammet überzogenen Lehnstuhl, während Graf Rhaneck von seinem Sitze ihm gegenüber aufgestanden war, und mit raschen, etwas ungeduldigen Schritten das Zimmer durchmaß.

Es war nicht schwer, in den Beiden gleich beim erstens Blick zwei Brüder zu erkennen, die Aehnlichkeit zwischen ihnen trat deutlich genug hervor: dieselbe hohe, imponirende Gestalt, dieselben großen blauen Augen, derselbe Schnitt des Gesichtes, mit dem gleichen Ausdruck eines unnahbaren Stolzes. Es waren offenbar Familienzüge, die Züge eines edlen, kräftigen Geschlechts, die sich in diesen regelmäßigen Linien wiederholten, und vielleicht war sie auch unter den Rhanecks erblich, jene eigenthümliche Linie auf der Stirn, gerade zwischen den Augen, die, in ruhigen Momenten kaum sichtbar, sich bei jeder Erregung zu einer drohenden Falte vertiefte, ein Zug von Härte, ja von Grausamkeit, der, wenn er erst einmal hervortrat, das Antlitz fast entstellte und ihm einen ganz anderen Charakter lieh.

Aber trotz aller Aehnlichkeit waren die Brüder doch verschieden genug von einander. Auf dem Gesicht des Prälaten lag kalte leidenschaftslose Ruhe, die Augen blickten so scharf und durchdringend, als seien sie gewohnt, Alles und Jedes, was ihnen nahte, bis in die innersten Tiefen hinein zu durchschauen und zu ergründen; die Haltung war ernst und gemessen und das bereits [23] ergraute Haar, im Verein mit dem schwarzen Ordensgewande, ließen ihn um ein ganzes Theil älter erscheinen als den Bruder, obgleich in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Jahr zwischen ihnen liegen mochte. Das volle dunkelblonde Haar des Grafen dagegen zeigte nur hin und wieder einige Silberfäden, das Auge war noch voll Feuer, die Bewegungen rasch und energisch, in Gang, Haltung und Ausdruck sprach sich eine Lebhaftigkeit aus, die in früheren Jahren wohl Leidenschaftlichkeit gewesen sein mochte, und die reiche Uniform, welche einen hohen militärischen Grad kennzeichnete, hob die Erscheinung des noch immer schönen Mannes noch um ein Bedeutendes.

Er wartete, bis sich die Thür hinter dem Kammerdiener geschlossen hatte, und nahm dann das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf.

„Du scheinst so zurückhaltend über Bruno. Giebt er Dir irgendwelchen Anlaß zur Klage, oder was ist sonst mit ihm?“

„Nicht doch!“ sagte der Prälat ruhig. „Pater Benedict fährt nach wie vor fort, sich unter all seinen Mitbrüdern auszuzeichnen. Er ist streng gewissenhaft in der Erfüllung seiner Pflichten und sehr eifrig in seinen religiösen Uebungen, nur allzusehr.“

Zu eifrig?“

„Ja, ich liebe es nicht, wenn meine jungen Mönche in diesem letzten Puncte allzu weit gehen. Diese ewigen Bet- und Bußübungen, dies fortwährende Fasten und Kasteien ist auf die Dauer nicht durchzuführen; es muß nothwendig einen Rückschlag erzeugen, der gefährlich werden kann.“

Der Graf lächelte. „Das mußt Du ihm zu Gute halten. Er ist nun einmal ein Schwärmer, ist es von jeher gewesen.“

„Es taugt aber hier nicht mehr!“ Die Stimme des Prälaten nahm unwillkürlich einige Schärfe an. „Ich habe schon öfter damit zu kämpfen gehabt. Das kommt aus den Seminarien mit seinen Idealen von begnadigter Priesterschaft, von ascetischer Weltentsagung und gottgeweihtem Leben und findet – ein Kloster, wie es eben in unserer Zeit besteht. Die Ernüchterung kann nicht ausbleiben, und was dann? Es will mir nicht gefallen, dies finstere, scheue Absondern von den Brüdern, dies fortwährende einsame Umherschweifen in den Wäldern, dies nächtelange Studiren und Brüten über den Büchern –“

„Und das machst Du ihm zum Vorwurf?“ unterbrach ihn der Graf rasch und beinahe unmuthig. „Du, der von jeher über die geistige Indifferenz und Trägheit Deiner Mönche klagtest! Ich begreife Dich nicht! Gerade dieser rastlose Wissensdrang im Verein mit seiner eminenten Begabung und seinem Feuereifer, das sind die Elemente, aus denen man die Stützen der Kirche heranzieht.“

„Oder die Apostaten!“

„Um Gotteswillen, Du glaubst doch nicht, daß Bruno –“

„Nein!“ sagte der Prälat. „Ich wiederhole es Dir, er hat mir noch keinen Grund zum Tadel gegeben; ich mißtraue nur dieser Richtung im Allgemeinen, und das muß anders werden, wenn er die Hoffnungen verwirklichen soll, die Du auf ihn setzest. Du schmeichelst Dir damit, in ihm dereinst meinen Nachfolger, vielleicht noch etwas Höheres zu sehen; Talent dazu hat er genug, aber ihm fehlt der freie Ueberblick, die Berechnung. Mit Beten und Kasteien, das einer untergeordneten Mönchskutte ziemen mag, erringt man keine hervorragende Stellung in der Kirche, noch füllt man sie damit aus. Er muß hinweg über das Schülerhafte des Neophyten, wenn er empor will, und daß er das noch immer nicht kann, flößt mir Besorgniß ein!“

Der Graf antwortete nicht, mit einem unterdrückten Seufzer trat er zum Fenster und schaute, den Vorhang zurückschiebend, hinaus in das sonnenbeschienene Thal. Der Prälat folgte der Richtung seines Blickes.

„Was sagst Du zu der neuen Nachbarschaft in Dobra?“ fragte er, plötzlich von dem soeben verhandelten Gegenstande abbrechend.

Rhaneck zuckte die Achseln. „Ich habe nicht geglaubt, daß die Seltenow’schen Besitzungen in solche Hände fallen würden!“ sagte er wegwerfend. „Es ist immerhin ein starkes Stück von diesem norddeutschen Bauer, sich so gerade in unsere Mitte hinzusetzen, als wäre er unseres Gleichen. Man ignorirt ihn einfach.“

Sehr ruhig stand der Prälat auf und trat gleichfalls zum Fenster. „Es ist von jeher Dein Fehler gewesen, Ottfried, die Gegner zu unterschätzen, und nichts rächt sich so schlimm wie gerade dies. Dieser Günther ist Keiner von Denen, die sich mit einem Stirnrunzeln und einem vornehmen Achselzucken abthun lassen. Man hatte allerdings die Absicht, ihn zu ignoriren; aber er kam uns zuvor und ignorirte einfach uns. Nebenbei ist er auf dem Wege, eine Macht in der Umgegend zu werden.“

„Warum nicht gar!“ fuhr der Graf auf. „Die Güter sind in Grund und Boden gewirthschaftet – er wird darauf zu Grunde gehen!“

„Ich fürchte, er bringt sie zu einer nie geahnten Höhe. Wo Graf Seltenow seinen Ruin fand, da findet dieser ‚norddeutsche Bauer‘ überall neue Hülfsquellen und deckt wahre Schatzgruben auf. Was er in dem einen Jahre schon geleistet, übersteigt alle Begriffe; seine Einrichtungen und Verbesserungen sind großartig, noch schlimmer, sie sind praktisch. Ich habe mir eingehenden Bericht darüber erstatten lassen. Geht das so fort, dann ist es allerdings keine Prahlerei mehr, wenn er behauptet, daß die Güter nach sechs Jahren das Sechsfache ihres bisherigen Werthes haben würden.“

„Nun, und wenn’s wäre, was geht das uns an?“ Der verächtliche Ausdruck lag noch immer um den Mund des Grafen. „Man wird dafür sorgen, daß er auf seiner Scholle bleibt. Uebrigens soll er ja, wie ich höre, ganz in seine wirthschaftlichen Angelegenheiten vertieft sein und gar nicht beabsichtigen, auf einem andern Gebiete irgend eine Rolle zu spielen.“

„Weil er noch fremd ist. Warten wir erst ab, wenn er festen Fuß gefaßt hat. Es ist immer gefährlich, wenn ein Fremder, ein Protestant, all die Arbeitskräfte der Umgegend an sich zieht und für sie eine Autorität wird. Es gährt ohnedies hier überall; man wird ihm gegenüber Stellung nehmen müssen.“

Der Graf hörte die letzten Worte kaum, er wandte sich hastig um, denn in diesem Moment wurde die Flügelthür von Neuem geöffnet und ein junger Mönch in der schwarzen Tracht der Benedictiner erschien auf der Schwelle.

Er konnte höchstens vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt sein, aber es lag nichts von Jugendfrische und Jugendleben in diesen Zügen, die Beides vielleicht nie gekannt hatten. Ueppiges dunkles Lockenhaar kräuselte sich um die hohe Stirn und umgab ein Antlitz, das selbst in seiner ascetischen Blässe und seinem Ausdruck finsterer Verschlossenheit noch schön zu nennen waren. Die kalte, fast eisige Haltung contrastirte seltsam mit dem düstern Feuer der großen tiefliegenden Augen, während das lange dunkle Ordensgewand den hohen Wuchs noch mehr hervortreten ließ. Er blieb schweigend, mit einer tiefen ernsten Verneigung an der Thür stehen, trotzdem er sah, daß Graf Rhaneck im Begriff stand, ihm entgegen zu gehen, und trat erst auf einen Wink des Prälaten langsam näher.

„Graf Rhaneck wünscht Sie zu sehen, deshalb ließ ich Sie rufen, Pater Benedict!“ erklärte dieser. „Du ziehst doch wohl vor, Deinen Schützling allein zu sprechen, Ottfried; ich will das erste Wiedersehen nicht stören. Im Cabinet findest Du mich.“

Er grüßte leicht mit der Hand und zog sich in das anstoßende Gemach zurück, Pater Benedict neigte sich, wie vorhin, tief und unterwürfig vor seinem geistlichen Oberherrn, der Graf aber trat jetzt auf ihn zu und bot ihm die Hand.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, ein volles Jahr lang nicht! Muß ich jetzt auch dem hochwürdigen Herrn Pater die Ehren seines neuen Standes geben, oder ist mir noch die frühere Vertraulichkeit und der weltliche Name erlaubt?“

Die Worte klangen freundlich und herzlich, und es war ein eigenthümlicher, halb froher halb düsterer Blick, der dabei forschend über das Antlitz des jungen Mönches glitt, aber dieser erwiderte die Begrüßung kaum, seine Hand lag kalt und still in der des Grafen, ohne dessen Druck zu erwidern, und seine Züge blieben unbeweglich, als er ablehnend sagte: „O, ich bitte, Herr Graf!“

Rhaneck lächelte. „Nun, der Vormund und ehemalige Beschützer kann auch wohl noch das alte Recht in Anspruch nehmen, nicht, Bruno? Also jetzt endlich ist das Ziel erreicht, dem Du von frühester Jugend an bestimmt wurdest, nach dem Du selbst mit allen Kräften gerungen hast. Du gehörst nun dem alten berühmten Orden an, der jedem seiner Mitglieder die Priesterwürde verleiht, zu dem ein Jeder das Wissen und den Beruf des Priesters mitbringen muß. Nicht wahr, es ist ein anderes Gefühl, als Geweihter des Herrn vom Altare auf die Menge herabzublicken, [24] die sich um Deinen Segen drängt, als unter ihr verloren zu knieen und zu beten?“

Es zuckte etwas auf in den Zügen des jungen Priesters bei den letzten Worten, vielleicht zustimmende Begeisterung, vielleicht auch etwas Anderes, deuten ließ es sich nicht, denn die langen Wimpern sanken sofort nieder und verschleierten den Blick, er sah zu Boden.

„Vor allen Dingen muß ich Ihnen, Herr Graf, meinen Dank aussprechen, daß Sie mir dies Ziel ermöglichten. Nur Ihrer Güte allein verdanke ich meine Erziehung und Ausbildung, verdanke ich die Aufnahme in das Stift, die dem armen elternlosen Knaben, von niedriger Herkunft, wohl nie zu Theil geworden wäre. Ich fühle tief die Schuld –“

Ueber die Stirn Rhaneck’s lief eine glühende, schnell verschwindende Röthe, und hastig, beinahe ungestüm fiel er dem Redenden in’s Wort.

„Nicht doch, nicht doch! Nur nichts von Dank, von Schuld und dergleichen! Es war mein Wunsch, Dich diesem Stande gewidmet zu sehen, und ich bin überzeugt, Du wirst ihm Ehre machen. Mein Bruder stellt Dir das ehrenvollste Zeugniß aus, aber auch ihm gehst Du zu weit in Deinem rastlosen Eifer. Ich hoffte, Du würdest nach dem angestrengten Studium des Noviziats hier im Kloster endlich die Ruhe finden, deren Du so sehr bedarfst, statt dessen überarbeitest Du Dich nach wie vor, wachst ganze Nächte hindurch, gönnst Dir selbst auf Deinen Spaziergängen keine Erholung. Der Pater Prior sagte mir, als ich bei der Ankunft nach Dir fragte, Du lägest sicher wieder im nahen Walde und brütetest über irgend einem canonischen Werke, das Du mit Dir genommen. Bruno, wo soll das denn endlich hinaus?“

Der Vorwurf klang sehr milde, aber er mußte doch irgend eine wunde Stelle berühren, bei Erwähnung des Waldes schoß plötzlich eine dunkle Gluth in dem Antlitz des jungen Mönches auf und färbte brennend heiß Stirn und Schläfe, der Blick suchte scheu den Boden und die Lippen zitterten leise, dann plötzlich sanken die Blutwellen wieder, so schnell und stürmisch, wie sie aufgestiegen waren, und das Gesicht wurde erschreckend bleich.

Der Graf, dem dieser jähe Farbenwechsel nicht entgangen war, schaute ihn betroffen an. „Du bist krank!“ sagte er unruhig. „Dein ganzes Aussehen verräth es! Solchen Anstrengungen und Bußübungen, wie die Deinigen, muß schließlich selbst eine eisenfeste Gesundheit unterliegen. Wozu das Alles? Du bist jung, Du hast noch keine Schuld auf Deinem Gewissen, mache ein Ende mit dieser ewigen Pönitenz, werde endlich einmal wie Deine anderen Mitbrüder. Schone Dich, Bruno, ich bitte Dich darum!“

Er hatte die beiden Hände des jungen Priesters ergriffen und zog ihn leise zu sich, während sein Auge mit unverhüllter Besorgniß auf dessen blassen Zügen ruhte. Es lag eine seltsame Weichheit in Ton und Blick, eine Zärtlichkeit, deren man dies Gesicht und diese Stimme kaum fähig gehalten hätte; es geschah sicher nicht oft, daß Graf Rhaneck bat, aber der Eindruck dieser Bitte war anders, als er erwartete. Benedict machte eine Bewegung, als wolle er die Hand zurückziehen, und ließ sie dann, wie sich plötzlich besinnend, in der des Grafen, in seiner ganzen Haltung war etwas wie unwillkürliches Zurückweichen, wie instinctmäßige Abwehr, und in dem Blick, den er jetzt langsam emporhob, lag noch Schlimmeres, ein vielleicht unbewußter, aber tiefer und nur mühsam bezwungener Widerwille, als er ehrfurchtsvoll, aber eisig antwortete: „Sie sind sehr gütig, Herr Graf.“

Rhaneck ließ seine Hand fallen und trat zurück; er schien die Abweisung zu verstehen, aber jener verächtliche Ausdruck, der seinen stolzen Lippen so sehr zu Gebote stand, als er vorhin von dem „Bauer“ gesprochen, erschien diesmal nicht, wo er doch fast beleidigt wurde; wohl zuckte eine tiefe Bitterkeit durch sein Gesicht, aber sie hatte mehr vom Schmerz, als vom Zorn an sich.

„Du willst in mir immer und ewig nur den Gönner sehen, nie den väterlichen Freund!“ sagte er rasch und heftig. „Ich habe es nun bereits aufgegeben, bei Dir je eine Regung des Vertrauens der Offenheit zu finden. Immer diese unübersteigliche Kluft zwischen uns! und Du mußt Dir doch selbst sagen, daß Deine Stellung mir und der Welt gegenüber jetzt eine andere geworden ist.“

Benedict’s Wangen begannen sich wieder leise zu färben, aber diesmal war es unverkennbar die Röthe der Beschämung.

„Verzeihung, Herr Graf! Ich fühle tief mein Unrecht gegen den Mann, dem ich Alles danke, aber –“

„Aber Du kannst es nicht ändern! Laß gut sein, ich mag keine erzwungene Zuneigung, noch weniger eine erheuchelte. Wir werden uns jetzt wohl öfter sehen, da ich den Sommer über in Rhaneck zu bleiben denke. Für heute lebe wohl!“

Er wandte sich nach dem anstoßenden Gemach, aber auf der Schwelle zögerte er einen Moment, wie um eine nochmalige Annäherung Benedict’s zu erwarten, doch dieser verharrte unbeweglich auf seinem Platze, und mit einer raschen, unmuthigen Bewegung trat der Graf in das Cabinet seines Bruders.

„Ist die Unterredung schon zu Ende?“ fragte dieser befremdet aufblickend.

Rhaneck warf sich finster in einen Sessel. „Bruno ist wieder einmal unzugänglicher als je! Diese eisige Zurückhaltung und Verschlossenheit ist nicht zu überwinden!“

Der Prälat lächelte etwas hohnvoll und ein leiser Hohn lag auch in seiner Stimme. „Pater Benedict hat wohl wieder Deine Zärtlichkeit mit seiner unterwürfigen Kälte zurückgewiesen? Ich dachte es mir! Sonst wäre der Liebling nicht so schnell entlassen worden. Du thätest besser, sie Deinem eigenen Sohne zuzuwenden.“

Rhaneck fuhr auf. „Meinem Sohne! Und Bruno – ?“

„Ich meine den künftigen Majoratsherrn, Ottfried Grafen zu Rhaneck!“ Die Stimme des Prälaten klang scharf und schneidend. „Ihm allein bist Du diese Regungen von Zärtlichkeit schuldig, die Pater Benedict weder verstehen kann noch darf.“

Der Graf stützte den Kopf in die Hand. „Laß das ruhen!“ sagte er gepreßt. „Du weißt, in dem Punkte gehen unsere Ansichten auseinander.“

„Ja, nur allzusehr! Du wirst dieser Schwäche doch niemals Herr werden, das habe ich längst eingesehen. Du hast Recht, es ist am besten, der alte Streit bleibt ruhen. Laß uns davon abbrechen!“ –

Pater Benedict hatte inzwischen, als er sich verabschiedet sah, die Gemächer des Abtes verlassen und öffnete jetzt die Thür zu dem Kreuzgange, der die Prälatur mit den übrigen Räumen des Klosters verband. In dem schattig kühlen Raume gingen zwei Männer, im Gespräch begriffen, langsam auf und nieder. Der eine, gleichfalls ein Benedictinermönch, der Prior des Klosters, mit klugen, aber unangenehmen Zügen und stechenden schwarzen Augen, die einen eigenthümlich lauernden Ausdruck hatten, schien das Wort zu führen, während sein Begleiter mit einer Art unterwürfiger Freundlichkeit zuhörte. Es war ein Mann, schon hoch bei Jahren, er stand bereits auf der Schwelle des Greisenalters, die Kleidung eines Weltgeistlichen, die er trug, war sehr einfach, um nicht zu sagen dürftig, und doch schien sie mit ganz besonderer Sorgfalt in Stand gesetzt zu sein. Spärliches weißes Haar kam unter dem schwarzen Käppchen zum Vorschein, welches das fast kahle Haupt bedeckte. Das blasse eingefallene Gesicht verrieth zwar keine hervorragende Intelligenz, aber es hatte einen freundlich bescheidenen, ja demüthigen Ausdruck und in den hellen Augen, die das Alter noch nicht getrübt, lag etwas wie stille Resignation. Seine ganze Haltung hatte etwas Gedrücktes und Schüchternes, er fühlte sich offenbar nicht heimisch auf diesem Marmorfußboden und in der Gegenwart des Priors, der in gönnerhafter, vornehm herablassender Art zu ihm sprach.

Bei dem Eintritt Benedict’s verstummte die Unterhaltung und Beide wandten sich dem Eintretenden zu, der mit dem üblichen Klostergruße an ihnen vorüber wollte, der Prior hielt ihn jedoch zurück.

„Ist die Audienz bei dem Herrn Prälaten schon beendet?“

„Ja, Hochwürden.“

„So?“ Der Prior schien befremdet, er machte eine nachlässig vorstellende Bewegung mit der Hand. „Pater Benedict, der Jüngste unserer Brüder“ – und zu diesem gewendet fuhr er fort: „Sie kennen ja wohl den Herrn Pfarrer Clemens noch nicht?“

„Nein, Hochwürden.“

„Er ist unser Gast für einige Tage! Wird der Herr Graf Rhaneck heut zur Tafel bleiben?“

„Ich weiß nicht.“

Der Prior sah ihn mit einem Blicke an, der deutlich verrieth, wie wenig er mit diesen einsilbigen Antworten zufrieden war.

[25]
Die Gartenlaube (1872) b 025.jpg

Schloß Scharfenberg.
Nach der Natur aufgenommen von Herbert König.

[26] Benedict schien das nicht zu bemerken, er wartete schweigend auf weitere Fragen seines Vorgesetzten, und als diese nicht erfolgten, neigte er sich wie vorhin, schritt durch den Kreuzgang, und verschwand durch die entgegengesetzte Thür.

Der Prior blickte ihm eine Weile nach und wendete sich dann mit dem Ausdruck unverstellten Hohnes zu seinem Begleiter.

„Da sehen Sie, Reverendissime, unseren zukünftigen Abt und Herrn – nach dem Willen des Prälaten und seines Bruders nämlich, die ihn schon als solchen betrachten.“

Der alte Pfarrer sah ihn fast erschreckt an. „Sie scherzen, Hochwürden! Dieser junge Priester!“

„Ist das Schooßkind des Prälaten, das Wunder des ganzen Klosters, man hat sehr hochfliegende Pläne mit ihm. Es ist nur ein Glück, daß mit dem Tode eines Abtes auch dessen Regiment aufhört, und die Freiheit der Wahl an uns zurückfällt. Pater Benedict müßte etwas weniger hochmüthig sein, und sich vor allen Dingen weniger Feinde unter den Brüdern machen, wenn er im Ernste von einer dereinstigen Erhebung träumen wollte, auf die jeder Andere denn doch mehr Anspruch hat, als er.“

„Mir schien in dem Wesen des jungen Paters nichts von Hochmuth zu liegen,“ wendete der Pfarrer schüchtern ein, „ich fand seine Haltung im Gegentheil unterwürfig und durchaus geziemend.“

Der Prior zuckte verächtlich die Achseln. „Ja, die Klostervorschriften hat er trefflich eingelernt, und dennoch gebe ich Ihnen mein Wort, es ist der hochmüthigste Starrkopf, der je eine Kutte getragen. Sie haben es ja gehört. ‚Ja‘ und ‚Nein‘ und ‚Ich weiß nicht‘, weiter ist überhaupt nichts aus ihm herauszubringen. Blicken Sie einmal in seine Augen, ob da etwas von Demuth und Unterwerfung geschrieben steht, ich lese ganz andere Dinge darin. Wir werden noch etwas erleben an diesem Eindringling, der von Rechtswegen in einen Bettelorden gehört, und nicht in ein Herrenstift, das sich immer nur aus den ersten und besten Familien des Landes recrutirte und dies Privilegium bisher festgehalten hat, trotz aller Klosterregeln. Aber unser Herr Prälat wollte und Seine Gnaden haben uns Alle so trefflich in Zucht, daß kaum Einer es mehr wagt, sein Veto noch geltend zu machen, diesem allmächtigen Willen gegenüber, genug, die Aufnahme ward durchgesetzt.“

„Pater Benedict ist also von sehr niedriger Herkunft?“

Ein boshaftes Lächeln glitt über die unangenehmen Züge des Priors. „Wie man’s nimmt! Es heißt, er sei der Sohn eines ehemaligen Dieners des gräflich Rhaneck’schen Hauses. Bah, wozu geben solche Leute den Namen nicht her, wenn man es ihnen gut bezahlt! Thatsache ist, daß Graf Rhaneck ganz vernarrt ist in diesen – Schützling; er liegt seinem Bruder fortwährend mit Briefen, und jetzt sogar persönlich an, ihm das Kleinod nur ja recht zu behüten, und Pater Benedict weiß nur zu gut, unter welcher mächtigen Protection er steht. Er versteht es meisterlich, das noli me tangere im Kloster zu spielen, keinen von den Brüdern würdigt er seiner Unterhaltung oder seines Umganges, Alle hält er sie sich vornehm fern, er, der Jüngste, der nur aus besonderer Gnade hier Aufgenommene! Freilich, er weiß, daß er sich schlechterdings Alles erlauben darf und in Allem geschützt wird.“

„Aber ich hörte bereits den Eifer und den Fleiß des jungen Bruders rühmen,“ wagte der Pfarrer mit seiner leisen schüchternen Stimme zu bemerken.

Das häßliche Lächeln von vorhin trat wieder auf die Lippen des Priors. „O ja, daran fehlt es ihm nicht, aber gerade dieser Eifer ist mir verdächtig. Er denkt zu viel! Das ist an und für sich schon gefährlich im Kloster, am gefährlichsten aber unter dem Regiment unseres Prälaten. Nicht wahr, Herr Mitbruder,“ ein halb mitleidiger, halb verächtlicher Blick glitt dabei über die dürftige Erscheinung des Greises, „damit haben Sie sich wohl niemals abgegeben?“

Jener verstand den Spott nicht. „Nein,“ sagte er treuherzig. „Ich habe redlich und treulich meines Amtes gewartet, aber mich nie an Grübeleien gewagt, die für mein geringes Wissen und Verstehen zu hoch waren.“

Der Prior legte ihm mit gönnerhafter Miene die Hand auf die Schulter. „Recht so! Deshalb werden Sie auch dereinst ruhig auf Ihrer Pfarre sterben, während Pater Benedict – nun, ich mag nicht zum Propheten werden. Lassen Sie uns gehen, soeben läutet die Mittagsglocke. Ich will sehen, daß ich Ihnen nach der Tafel die gewünschte Audienz beim Prälaten auswirke.“


(Fortsetzung folgt.)




Schloß Scharfenberg bei Meißen.



Je öfter ich alte Schlösser und Denkmale der Vorzeit besuche, desto einleuchtender scheint es mir, wie es Pflicht jeder Regierung, jeder Behörde und Gemeinde wäre, dieselbe auf’s Sorgsamste zu erhalten, und ebenso sollten Künstler und Schriftsteller sich beeifern, die immer seltener werdenden und mehr und mehr zerfallenden wenigstens in Bild und Wort für die Zukunft zu bewahren. Leider geschieht dies viel zu wenig, ja man ist vielmehr bemüht, in angekränkelter Neuerungssucht, oder aus „Utilitätsprincipien“, jene Rudera einer grauen, altehrwürdigen Vorzeit mit aller Gewalt vom Erdboden zu vertilgen, oder sie zu profanen, ja entwürdigenden Zwecken zu verwerthen, in dem eiteln Wahne, der Neuzeit durch solchen Vandalismus besonders Rechnung zu tragen. Wer das Aeußerste dieser Art sehen will, dem kann nicht mehr die „Marienburg“ genügen, weil dort sich ein Heumagazin eingenistet hat: dieses Aeußerste wird jetzt in Nürnberg, das die Liebe, der Stolz, der nationale Schmuck von ganz Deutschland ist, geleistet durch den Abbruch der Ringmauern mit ihren Thürmen. Da blutet selbst dem einfachen Handwerksburschen das Herz über einen Verlust, in welchem der speculirende Geldsack nur klugen Gewinn sieht. Möchten doch die Herren Bürgermeister, Stadträthe und Stadtverordnete, und wie sie heißen mögen, die den Stab hierüber zu brechen haben, nur ein wenig bedenken, daß sie ihren Städten mit solch nie zu entschuldigender Demolirungswuth den empfindlichsten Schlag in’s Gesicht geben und ihren Säckel nicht wenig schädigen. Möchten sie in Betracht ziehen, daß der wahrhaft gebildete, sinnige Reisende selten eine Stadt besucht wegen einer neuen Fabrik, einer Kaserne, oder eines modernen Rath- oder gar eines imposanten Zuchthauses, sondern um jener Denkmale willen, der stummen und doch so beredten Dolmetscher der Geschichte unserer Väter, unseres Landes. Nur allzu viele Geister der Gegenwart sympathisiren mit jenem speculativen Kopfe, der die Heidelberger Ruine rasiren und an ihrer Stelle ein elegantes Etablissement à la Kroll in Berlin errichten wollte!

Das uralte „Scharfenberg“, von welchem wir dem Beschauer in nebenstehendem Bilde zwei Ansichten geben, den Haupteingang und eine Sicht vom Park aus, blieb glücklicher Weise von der Fürsorge gewisser Väter der Stadt verschont, einfach weil sie hier Nichts zu sagen hatten. Der Familie von Miltitz, in deren Besitz es sich befindet, gebührt das Verdienst, das Schloß ihrer Ahnen vor dem gänzlichen Verfall bewahrt zu haben, obwohl der derzeitige Besitzer nicht hier, sondern auf dem nahen nicht minder romantischen Siebeneichen wohnt.

Scharfenberg ist nächst der Meißner Albrechtsburg unstreitig eines der ältesten Bergschlösser des Meißnerlandes. Einige Schriftsteller wollen den Ursprung desselben in die Zeit König Heinrich’s des Vogelstellers verlegen, als er längs der Elbe eine Reihe von Burgen zum Schutz gegen die Sorben anlegte. In seiner jetzigen Gestalt besteht dieser ehrwürdige Rittersitz erst seit 1618, indem Sigismund von Miltitz ihm auf den Trümmern der alten Burg seine gegenwärtige Gestalt gab. Die örtliche Lage des felsigen Berges, auf dem Scharfenberg zweihundert Fuß hoch über der Elbe liegt, verbunden mit einigen anderen archäologischen Wahrnehmungen, lassen annehmen, daß heute noch wesentliche Baulichkeiten aus ältester Zeit herrühren, namentlich ein Theil der Ringmauer, der Brücke und der unterirdischen Räume, wie Pferdeställe, Gefängnisse und Burgverließ. Die Geschichte des Schlosses hängt in frühester Zeit mit dem Dasein der alten einst so berühmten Silberbergwerke zusammen; noch im vorigen Jahrhundert arbeiteten hier hundert Knappen, bis der Bau 1769 durch einen Wolkenbruch ersoff, und erst nach vollen hundert Jahren wieder in Betrieb gebracht wurde. Ob das Schloß im Hussiten- oder dreißigjährigen [27] Kriege eine Rolle gespielt, darüber ist nichts Zuverlässiges vorhanden. Auch die Sage von dem Ritter, der heute noch in Stein gehauen über dem Schloßthore steht, entbehrt jeder historischen Begründung. Man erzählt sich nämlich vom Fahnenträger der Besatzung Scharfenbergs im dreißigjährigen Kriege, der sich mit der Fahne lieber vom Thurme herabgestürzt (und noch dazu glücklich entkommen sei), als den Schweden übergeben habe. Das Steinbild des Ritters spricht schon für eine viel frühere Zeit. Auf den Trümmern eines vom Blitz zerstörten großen Thurmes mit Capelle hat Dietrich von Miltitz das sogenannte „Burggärtchen“ anlegen lassen, einen der schönsten Punkte unseres an herrlichen Fernsichten schon so reichen Elbthales.

Das Elbdampfschiff führt uns unmittelbar bis an den Fuß der alten Burg, die aus waldiger Höhe auf uns herabschaut, und ungefähr eine Meile von Meißen liegt. Wir steigen durch eine Allee alter Linden hinauf und betreten das Schloß durch das Portal, welches unser Bild zeigt; dasselbe führt in den malerischen Hof, der am Ende von einer mächtigen Linde beschattet wird.

Hinter einem eisernen Gitter sind Reste von Schädeln und anderen menschlichen Gebeinen aufbewahrt, die theils im Burgverließ, theils in den Burggräben aufgefunden wurden. Das Burgverließ, von dem wir eine getreue Copie liefern, was allerdings ohne die leuchtende Castellanstochter in diesem nächtigsten Dunkel nicht möglich gewesen wäre, liegt außerhalb des Schlosses zur Rechten. Es ist kaum zehn Schritte im Durchmesser und von rohen Steinen im Kuppelbau aufgeführt. Man steigt durch eine sehr enge und niedrige Pforte ungefähr zwölf Stufen hinunter und gelangt mittelst einer Leiter in die grausige Oede. Eine traurige Reliquie, ein Schädel, liegt noch auf einer Bank, und die in die Wände und an den Fußboden befestigten eisernen Haken und Ringe sind nur zu beredte Zeugen einer furchtbaren Justizpflege.

Die ebenfalls unterirdischen Gefängnisse, im Schloßhofe rechts gelegen, sind theilweise, wie die Pferdeställe, in Felsen gehauen. Zu diesen Gefängnissen führen ebenfalls sehr niedrige Thüren, und die Fensterlöcher sind so eng, daß sie eine Vergitterung überflüssig machen. In einer Vorhalle befinden sich noch die Ketten, Fesseln und Ringe, die hier gefunden wurden; es ist in der nämlichen, wo der alte, aus braunen Fliesen zusammengesetzte Schenktisch steht, der mit sehr guten Medaillon-Bildnissen der Kaiser Albrecht des Zweiten, Rudolph des Ersten, Maximilian des Ersten, Ferdinand des Zweiten, Friedrich des Dritten und Vierten und Maximilian des Zweiten verziert ist, die ebenfalls in Thon gebrannt sind. Ausdrücklich sei hierbei aber bemerkt, daß alle zu diesem Schenktisch verbrauchten Fliesen Reste eines riesigen Ofens aus Meißen sind.

Eine enge gothische Pforte am Ende des Schloßhofes führt in genanntes Thurmgärtchen, von wo aus man eine der entzückendsten Fernsichten genießt. Die Worte, die über dem Spitzbogen in lateinischer Sprache eingehauen sind, geben keine geringe Meinung von der Gesinnung des damaligen Schloßherrn, denn sie heißen auf deutsch:

Mag sie in Trümmern zerfallen, die vielgepriesene Veste
 Eines edlen Geschlechts, wenn nur der Edelsinn bleibt!

Die sonstigen Räumlichkeiten des Schlosses bewahren nur zum Theil einen eigenthümlichen Charakter und sind wegen ihrer großen Anzahl auch nur theilweise bewohnt. Zwei Zimmer mit schön gerippten gothischen Decken, sowie eine Treppe aus letzter Renaissance-Zeit sind von besonderm Interesse; ebenso ein Ofen von 1688, auf dessen Platte steht: „Fortuna ut luna“, „Das Glück ist wie der Mond“, das heißt, gleich wechselvoll.

Auf der Rückkehr stiegen wir thalwärts über das Gerölle, das neuerdings wieder aus dem Silberschacht „Güte Gottes“ zu Tage gebracht wurde, und warfen noch manchen Blick auf das alte Scharfenberg da oben, das wie ein Adler aus seinem Horste schaut. Mögest du immer so pietätvolle Herren haben wie jetzt! Das war der Wunsch, mit dem wir von der alten Burg schieden.

H. Kg.




Ein Stillleben in der Havel.


Von Georg Horn.


(Schluß.)


Bevor wir den eben geschilderten Theil der Pfaueninsel verlassen, um uns nach einem noch schlichteren und einfacheren Hause an ihrem östlichen Ende zu wenden, werfen wir einen letzten Blick auf das durch die Königin Luise für immer geweihte Schlößchen und werden noch einer erhebenden Erinnerung gerecht, nicht nur darum, weil sie sich als die neueste und jüngste an diese Stätte knüpft, sondern mehr noch, weil sie mit den bedeutungsvollen Ereignissen des vorigen Jahres im Zusammenhange steht.

Es war am 23. Juni 1871, sieben Tage nach dem Siegeseinzug der Truppen in Berlin, nach dem Rausche und Klange jener Feste, die sich als eine persönliche Huldigung für den neuerstandenen deutschen Kaiser gestalteten, da zog es den Sohn Friedrich Wilhelm’s und Luisens mitten aus dem Siegesrausch und Volkesjubel hinaus in die grüne Einsamkeit der Pfaueninsel. Nur von seiner engern Familie, von seinen Kindern, dem Kronprinzen und der Großherzogin von Baden und seinen Enkelkindern umgeben, nahm er zuletzt seinen Weg nach dem Schlößchen und stieg die Treppe hinauf nach den Zimmern seiner Eltern, nach dem Thurmgemache, wo er vielleicht oft die Thränen seiner Mutter über die Erniedrigung Preußens hatte fließen sehen, nach dem Saale, wo das altmodische Spinet stand, aus dessen Tönen sich die Königin oftmals Trost und Stärke für ihre gebeugte Seele geholt haben mag, und nun setzte sich die Urenkelin, die siebenjährige Prinzeß Victoria von Baden, an das Spinet, auf den Stuhl der Urgroßmutter und stimmte vor dem aufmerksam lauschenden, auf’s Höchste überraschten Großvater das „Heil Dir im Siegerkranz“ an.

Halten wir noch unser Auge auf das prachtvolle Bild vor uns gerichtet, auf die spiegelklare Havelfluth, über die sich in kühnen Bogen die Brücke von Glinicke wölbt; jener rechts aus dunklen Kiefern emporschauende Campanile ist der Glockenturm der Heilandskirche am Port, weiterhin nach links ragen Thorzinnen des Parks von Glinicke aus dem Baumdickicht auf; jenseit der Brücke, auf waldiger Höhe wird ein Thurm des Schlosses von Babelsberg sichtbar, der Schöpfung und dem Lieblingsaufenthalt des Kaisers; die hochwehende Fahne zeigt an, daß derselbe augenblicklich dort weilt, jene imposante Kuppel, die den Horizont begrenzt, ist die Kuppel der Nicolai-Kirche in Potsdam, der schlanke Thurm rechts derselben gehört zur dortigen Garnisonkirche, der Ruhestätte Friedrich’s des Großen; die beiden durchbrochenen Thürme mit den sie verbindenden offenen Galerien rechts im Vordergrunde, dem Babelsberg gegenüber, auf grüner, waldiger Höhe, dem Pfingstberge gelegen, sind der äußerste vorgeschobene Posten der Gärten von Sanssouci. Das dunkle Grün der märkischen Fichten vermischt sich mit den lichten Tönen des Laubholzes und löst sich, in die Ferne sich verlierend, in Nebelblau und Sonnenduft auf – es ist ein Bild voll idyllischer Ruhe, voll stillen Reizes und bewegten Lebens – aber trennen wir uns davon und nehmen wir unseren Weg landeinwärts nach dem östlichen Ende der Insel. Derselbe geht erst durch Blumenanlagen, dann durch einen Parkwald von jungen Eichen auf einer sanftansteigenden Höhe der Insel immer am Wasser entlang, nach einer Weile thalwärts, an das Ufer derselben.

Ein bescheidenes Haus taucht vor unseren Blicken auf, es besteht aus Parterre und einem Giebelgeschoß, es ist von der Havel nur durch einen kleinen Vorgarten getrennt und rings von Reben eingehegt, so daß die Trauben einem fast die durstigen Lippen berühren – eine gute Vorbedeutung. Das Haus gemahnt uns, als stände darüber geschrieben: „Tritt nur frischen Muthes ein, hier grüßt dich eine gastliche Pforte“. Wir sind bei Mutter Friedrich. Die Genannte ist die Frau des Maschinenmeisters Friedrich. Dieser ist auch sonst Meister in eingelegten kunstvollen Arbeiten aus Schildpatt, Elfenbein, Perlmutter, Gold und Silber; er hat darin prachtvolle Sachen gearbeitet, er hat sich das Prädicat [28] eines akademischen Künstlers erworben und sein Bruder ist der bekannte Dombildhauer Friedrich in Straßburg. Frau Friedrich, oder wie sie im Volksmunde genannt wird, „Motter Friedrichen“, wohnt mit ihrem Manne seit siebenundvierzig Jahren in diesem kleinen Hause, und auf der Pfaueninsel gewesen sein und Mutter Friedrich nicht begrüßt zu haben, das wäre eine mißglückte Partie und ein beschämendes Eingeständniß.

Mutter Friedrich gehört zur Pfaueninsel, wie die Farbe zu einem Bilde, wie der Trumpf zu einem Stiche, wie das Wunder zum Märchen, wie die vergangene Stunde zur jetzigen. Das Geräusch der Schritte auf dem Kiese hat sie aufmerksam gemacht, daß wieder ein Besuch, wie so viele des Tages, ihrem Hause nahet; sie erscheint in der Thür, eine untersetzte, corpulente Frau, mit einem milden, gutmüthigen Gesicht, in dessen Falten vierundachtzig Jahre eingeschrieben stehen. Sie trägt ein graues Wollenkleid, eine recht vollkommene Schürze mit weiten großen Taschen und eine Haube mit einer dicken Garnirung. Sie sieht uns mit forschenden, vielleicht etwas mißtrauischen Blicken an und nimmt sich einige Zeit, unsern freundlichen Gruß zu erwidern. Wir bitten ganz demüthig um eine Tasse Kaffee oder ein Glas Bier.

„Wenn Jette noch was hat, na meinetwegen,“ ist die Antwort.

Jette ist das Factotum und schon fünfzehn Jahre im Hause. Jette hätte nach der Versicherung ihrer Herrin schon oft Partien machen können, aber sie will von den beiden alten Leuten nicht eher weg, als bis diese selbst weg sind. Es wird von Mutter Friedrich immer im Zweifel gelassen, ob Jette noch etwas zu trinken und zu essen hat, aber Jette hat immer noch etwas. In Bezug auf ihre Gäste weiß Mutter Friedrich feine Unterschiede zu machen. Sie theilt sie in solche, die ein Trinkgeld an Jette geben, und in solche, die keins geben. Jene werden als Hausfreunde behandelt, von denen sie als Zeche nur die Auslage nimmt, Diese als Fremde nach dem Tarif großer Restaurationen. Wehe Dem, der mit dem Anspruch eines Rechtes, getränkt und gespeist zu werden, hierher kommt, wer nicht honigsüße Worte zu geben weiß, wenn auch der Magen knurrt und die Lippen verschmachten! Namentlich hat Mutter Friedrich die Berliner auf dem Zug, wenn die so ankommen: „Heda! Wirthschaft, Kellnér!“ dann stellt sie sich in Positur:

„Hier ist keene Wirthschaft, hier ist och keen Kellner, sondern nur ne Jette, ick habe für Sie nischt zu essen und zu trinken.“

„Aber erloben Sie, mein Madameken, da unten sitzen ja Gäste.“

„Ick bin nicht Ihr Madameken, die Gäste gehn Ihnen jar nischt an, ick kann mir in die Laube setzen, wenn ick will, und wenn Sie wieder nach der Pfaueninsel kommen, denn bringen Sie nur Ihre Schinkenstullen mit. Wenn ick will, brauch’ ick jar Keenen hier einzulassen.“

Dann ist auch alles Bitten umsonst; dann wird Mutter Friedrich, die sonst so gut und bieder ist, geradezu feindlich und treibt mit dem Schwerte ihrer Worte die Sünder aus dem Paradiese, das ihnen da unten in einem stillen Plätzchen in der lauschigen Laube erschienen war. So mußte eines Tages selbst Herr von Bismarck in Begleitung zweier Freunde abziehen. Mutter Friedrich ist eine wohlsituirte Frau; sie hat es nicht nöthig, mit Gästen sich abzumühen, es ist eine Gefälligkeit von ihr, und um dieser theilhaftig zu werden, muß man bei ihr in aller Form vorgestellt und eingeführt sein, ihr aus der Stadt etwas Neues erzählen, ober, womit man sich ihre besondere Gunst erringt, einen Sahnentopf in ihre Küche spenden. Dann hat man bei ihr gewonnen, dann kann man ihr auch ein Billet schreiben und sich für den nächsten Tag zu einem kleinen Mittagsessen ansagen. Die Küche in dem kleinen Maschinenhause ist ein Unicum an Reinlichkeit und Originalität; das Messing an dem Herde und an den Gefäßen glänzt, als ob es aus purem Golde wäre; an den weißlackirten Küchenbrettern hängen etwa dreihundert Sahnentöpfe in allen Formen und Farben aus Porcellan, Glas oder Metall; es sind lauter Geschenke, die Mutter Friedrich erhalten hat, und wenn sie die Namen der Geber nennt, so macht man gleichsam einen Cursus aller Persönlichkeiten durch, die in den letzten vierzig Jahren am Hofe, in der Regierung oder in dem öffentlichen Leben des preußischen Staates irgend eine Rolle gespielt haben. Im Staatsleben, Kunst oder Wissenschaft haben sie sich durch ihre Thätigkeit, bei Mutter Friedrich durch ihre Sahnentöpfe verewigt. In einem Glasschranke sind die raren Sachen aufbewahrt, die Geschenke von Fürstlichkeiten oder gekrönten Häuptern.

Nachdem einmal ein hoher Herr die scherzhafte Aeußerung gemacht hatte, daß die Sammlerin Alles aufhinge, ließ sie die Geschenke, die von dieser Seite kamen, aufstellen. Mit Stolz zeigt sie auf ein weißes vergoldetes Chocoladenservice, das nur noch einmal im Besitze des Kaisers existirt und dessen Form in der königlichen Porcellan-Manufactur in Berlin nach Herstellung der beiden Exemplare zerstört wurde. Es ist ein Geschenk des Königs nach dem Kriege von 1866; auf dem einen steht verzeichnet: „7. Juni 1866“, auf dem andern: „23. September 1866“. Das erstere Datum bedeutet den Tag, an welchem der König zum letzten Male vor dem Kriege, das letztere den Tag, wo derselbe zum ersten Male nach dem Kriege wieder auf der Pfaueninsel bei Mutter Friedrich erschienen war. Die sogenannte „Vonderheydtlaube“ am Wasser ist der Ort, wo in Bezug auf die Ereignisse jenes Jahres entscheidende Entschlüsse gefaßt wurden, und heute noch behauptet Mutter Friedrich zu allererst damals gewußt zu haben, daß Krieg würde; denn an diesem Tage wurden ihr Haus und Gärtchen nicht leer von Ministern und Generalen, die zum Könige gingen, und die Depeschen kamen „wie die Schloßen vom Himmel“, und damals habe ihr gleich so was geschwant.

Es herrscht im preußischen Königshause von je her eine patriarchalische Familiarität zwischen den einzelnen Mitgliedern und alten, treuen, bewährten Dienern desselben. Ein solches Verhältniß ist es auch, das die Herrschaften mit Mutter Friedrich verbindet; es vergeht kaum eine Woche, wo nicht die eine oder die andere prinzliche, die kronprinzliche Familie oder der Kaiser selbst auf der Pfaueninsel erscheint und bei ihr zu Mittag ißt oder das Abendbrod einnimmt. Dann darf Mutter Friedrich ganz ungenirt in die Laube kommen und in ihrer gewohnten Weise mit den Herrschaften das Gespräch unterhalten; sie hat das Vorrecht, zu sagen, was einem Anderen und Vornehmeren nicht erlaubt wäre, sie nimmt sich aber auch gar kein Blatt vor den Mund und erzählt alles, was sie so hört und erlebt hat, in ihrer ungeschminkten treuherzigen Weise, nimmt auch wohl gar keinen Anstand, dazwischen einmal in die Küche zu rufen, daß Jette nicht vergißt, den Braten zu begießen und den Auflauf einzurühren. Mit großer Liebe hängt die jüngste Generation des Königshauses an ihr, obgleich sie sich gar nicht scheut, den Prinzchen und Prinzeßchen manchmal derbe Wahrheit zu sagen, und als neulich der jüngsten Einer, dem sie einen Kuchen zu schenken pflegte, was sie aber damals übersah, ihr damit drohte, daß er nicht wieder kommen würde, war ihre Antwort:

„Na, denn kommen Sie eben nicht wieder, denn ist ooch nischt dran gelegen.“

Sie wird von allen Gliedern der königlichen Familie hoch geehrt und durch Aufmerksamkeiten und Geschenke ausgezeichnet. Vor einigen Jahren feierte sie mit ihrem Eheherrn ihre goldene Hochzeit. Das war ein Fest für die Insel und die Umgegend! Es kanten die Adjutanten und Hofdamen im Auftrage ihrer Herrschaften mit Glückwünschen und mit Sträußen und Geschenken, es kamen aus Potsdam die Ersten und Vornehmsten, „ihr das Compliment zu machen“, so daß sie, nach ihrer Aeußerung, gar nicht mehr wußte, wer sie war, und wirklich glauben konnte, sie sei über Nacht etwas Besonderes geworden, so hätten sich die Leute „mit ihr gehabt“, und Sachen habe sie bekommen, so fein und kostbar, daß sie sie im Leben nicht brauchen könne. Aber auch sonst, wenn „bei Kronprinzens“ etwas Kleines ankommt, ist Mutter Friedrich die Erste, die es außer der Umgebung sehen darf; sie ist auch immer bei der Taufe zugegen, und als sie einst ein großer berühmter General, der alle Welt duzt, da sah, redete er sie an:

„He, Mutter Friedrich, wo kommst denn Du her?“

„Na, gerade so wie Sie, Excellenz – zu Wagen,“ war ihre Antwort.

Ihr glücklichster Tag jedoch war, nach ihrer Erzählung, als „nach dem neuen schrecklichen Franzosenkriege“ eines Mittags eine Barke auf ihr Haus zukam und ihr königlicher, nunmehr kaiserlicher Herr ausstieg, und sie ihm entgegenging, vor Freude und Ehrfurcht fast in die Kniee sinkend, und wie er ihr entgegenkam, [29] so frisch und rüstig wie ein Junger, und ihr die Hand gab und dabei sagte, daß sie zu ihm nicht Kaiser sagen dürfe, daß es zwischen ihnen Beiden beim Alten bliebe, und wie er sich da in der stillen abgeschlossenen Laube am Wasser so behaglich gefühlt und sich ihr Mahl so gut habe schmecken lassen und ihr dann mit freundlichem Lächeln gesagt:

„Ja, Mutter Friedrich, am schönsten und besten ist es doch auf der Pfaueninsel.“





Deutsche Gräber in der Fremde.


3. Der Organist von Treuen.


Es war Anno Dreißig nicht recht geheuer in den voigtländischen Bergen. „Es donnert ennet dem Rhistrom!“ singt Hebel. Es donnerte damals auch in der kleinen Stadt Treuen, hoch oben, wo der blaue Schiefer wächst, den man den Leuten „auf’s Dach giebt“, und wo damals der arme und ehrliche Weber am Webstuhl der Zeit saß und sich eine bessere Zukunft „zu Faden schlagen“ wollte.

Die jungen Leute von heute wissen nicht, mit wie wenig damals das Volk zufrieden gewesen wäre! Auch dieses Wenige, das von Anno Dreißig an allmählich kam, fast eitel Scheinbares, kostete harte Kämpfe! Da und dort ein Leben und viele Millionen Tage menschlicher Freiheit! – Der Hauptkampf, besonders an kleinen Orten, brach damals gegen die noch frohnberechtigten, meist adeligen Rittergutsbesitzer los, gegen die „Schlösser“ und die „gnädigen Herren“, die den Herrn Pfarrer creirten, den Herrn Gerichtsdirector commandirten und mit des Gerichtsdieners Stock exercirten; da war alles bei einander, weltliche und geistliche Polizei, sammt der blinden Frau Justitia. Dies war wohl auch der Feudalzettel, den die guten Bürger von Treuen abschneiden wollten und weshalb der Provinzialaufruhr durch die einzige Hauptstraße des Städtchens dahin tobte, Gerichtshaus und Gefängniß belagerte, Scheiben einwarf, daß es klirrte und „Kies und Funken stoben“ und jeder „gutgesinnte“ Bürger und „gnädige Herr“ mit sammt der „gnädigen Frau“ sich flüchtete. Nur die armen verwalterlichen und gerichtsdienerlichen oder sonst subalternen Häute hingen die kleinen Dynasten der „Volkswuth“ entgegen und dieselben wurden denn auch manchmal weidlich durchgegerbt. Die Leute rächten sich an der Ruthe, da ihnen die Hand, die sie damit geschlagen, entgangen.

So ging es denn besonders in Treuen kunderbunt her 1830. Gesetz und Ordnung waren aufgelöst, das Gefängniß, die Bastille, lag halb in Trümmern, sogar die fetten Schweine des Wachtmeisters wurden nicht geschont, wie die Volkschronik erzählt. Die Armee war fern, sie mußte die sächsischen Niederlande bewachen; es brandete und donnerte auch dort unten in den großen Städten; dazu waren die zwölftausend Mann des stehenden Heeres von dazumal ohnehin nur eine homöopathische Dosis gegen die Millionen politischer Fieberan- und -einfälle jener Zeit.

Da rückten zwei mächtige Donnerbüchsen in’s Feld, sie pflanzten sich hoch auf mitten im Steinhagel und sendeten ihre Redegeschosse gegen die wilden Bastillenstürmer; es waren zwei junge Männer: der von uns in Nr. 2 berührte Karl Todt, und der seit 1825 in Treuen angestellte Oberlehrer und Organist Karl Böhme.

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Ruhestätte Karl Böhme’s in St. Manz.

Diese beiden jungen Männer machten mit der Gewalt ihrer Rede und durch das Vertrauen, das schon damals die Bürger ihnen schenkten, der „tollen Woche“ ein Ende; sie vermittelten – und ernteten, wie die Freisinnigen aller Zeiten, als die Gefahr vorüber war, schlechten Dank, sie kamen in’s schwarze Buch, das einzige Symbol deutschmetternich’scher Polizeieinigkeit, sie blieben darin ihr Lebenlang.

Die Bastillenstürmer aber wurden in ziemlicher Anzahl des Aufruhrs gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit selbstverständlich überwiesen und in’s Correctionshaus befördert. Karl Böhme wirkte von da an Jahre lang im Stillen, wie es das politische Veilchen jener Tage nothwendig hatte, wenn es unter bureaukratischer Pfefferminze, geistlichen Disteln, feudalen Brennnesseln und polizeilichem Bitterklee noch ein ganz klein wenig duften wollte; er wurde Vorsteher der Stadtverordneten und zog sich als Schulmeister manchen braven Jungen heran.

Inzwischen wurde es „Tager“; 1848 fuhr, wie Lenore um’s Morgenroth, empor aus alten Träumen. Es bildete sich aus der liberalen Partei heraus eine demokratische, und diese sendete ihre Mannen, v. Dieskau, den alten Kämpen, und v. Trützschler, den jungen, – der später in Mannheim auf dem Sandhügel den Tod des politischen Märtyrers starb – hinauf in’s Frankfurter Parlament, zwei Edelinge des Volkes. Die erste große Volksversammlung hielten die Unter- und Obervoigtländer zusammen bei Schöneck, und dort, wie im nahen stillromantischen Waldhaus (heute nur noch berühmt wegen seiner vorzüglichen Knackwürste) und an manch anderem heimlichen Orte, durch die Wälder, durch die Auen, zogen die damaligen Führer ihre Soldaten der Freiheit und Einheit zusammen, begeisterte Reden entflammten die Herzen. Die gesammte Reaction, Bureaukratie, Adel, Militär, Absolutismus, Muckerthum und wie die Nebelgestalten alle hießen, durch die der politische Volkserlkönig dahin brauste, im schwarzrothgoldnen Mantel das schon halbtodte Kind der Einheit und Freiheit, lagen scheinbar, aber wohlberechnend zu den Füßen der jubelnden Menge. Beschlüsse auf Beschlüsse, Volksversammlungen an allen Orten und Enden, Zeitschriften aus der Erde wachsend, fliegende Blätter in allen Lüften, Karl Böhme überall dabei. In Treuen erschien unter seiner Mitwirkung der demokratische „Voigtländer“, der sich noch ziemlich lange hielt; Böhme wurde Präsident des Vaterlandsvereins.

Da kamen die Maitage von 1849. Es wurde rekrutirt und marschirt, mit Jagdflinten, Pistolen und Sensen gedachte man die deutsche Reichsverfassung zu retten. Guter Wille, schwache Kraft, wenig Leute. Einige Tage provisorische Regierung, dann politischer [30] Pancratius und Servatius; Alles, Alles miteinander erfror, nur der Haß der Rückwärtsmänner nicht. Schreck, Entrüstung, Verrath; die Spreu flog haufenweise vom Weizen, am bedauerlichsten in Treuen. Der Kern blieb fest, mit ihm Böhme. Schon waren die meisten Gefängnisse unten im Lande angefüllt; fast alle Voigtländer waren noch frei oder auf Ehrenwort entlassen – Maikäfer am Schnürchen.

Da sammelten sich noch einmal die Männer jener rauhen, aber frischen Berge des Voigtlandes im Schützenhaussaale zu Plauen. Sie kamen herniedergestiegen in’s lieblich milde Elsterthal, sie wollten noch einmal das Wort erheben für die deutsche Reichsverfassung. Auf dem Präsidentenstuhle thronte der greise ehrwürdige Cantor Finke von Plauen (später zu fünf Jahren Zuchthaus verurtheilt). Die Meisten, die ihn umgaben, hatten, um zu kommen, einer speciellen polizeilichen Erlaubniß zum Reisen bedurft, da sie fast Alle „eingegrenzt“ waren. Keiner war sicher, sofort abgeführt und eingesteckt zu werden „bis auf Weiteres“, wie damals der weise Spruch der trefflichen Specialuntersuchungsrichter lautete.

Böhme und ich waren auch gekommen, wir wandelten in’s Freie; in einem Wirthshaus da kehrten wir ein und tranken, im Vorgefühle unserer Schicksale, ein Glas auf’s Wiedersehen. Wenige Zeit darauf saßen wir alle Beide

„Hinter düstern Wällen,
Hinter ehrnem Thor.“

Böhme wurde, nach langmonatlicher Untersuchungshaft, zu zehn Jahren Zuchthaus in Eisen verurtheilt, durch seine Tochter Selma aber mittels eines guten Dietrichs befreit. Selma hatte den Gefängnißschlüssel in Glaserkitt abgedrückt und Schlosser gab es damals genug, die solche Festungsschlüssel nachmachten. Es war dies im ersten Winter, wo Haft und Aufsicht noch eine ziemlich gemüthliche war, später ward’s „besser“! Angst und Gefahr schwand unter Aengsten und Gefahren dahin; die Reiseroute lautete: über Treuen in die Schweiz! Polizei und Soldaten trennte oftmals nur eine dünne Wand vom Gesuchten. Von Nürnberg reiste Böhme bis Augsburg, im traulichsten Gespräch mit vier bairischen Officieren, incognito. In Kempten, droben im Allgäu, bestand damals, wie an vielen anderen Orten, eine demokratische Auswanderungsgesellschaft, eine Art Schifferzunft, welche die flüchtigen Hochverräther per Achse nach dem Bodensee transportirte und hinter Lindau herum in Tell’s uraltem Befreiungsnachen über das schwäbische Meer spedirte mit dem Wahlspruch:

„Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen!“

Dort bei dem kühnen Zunftmeister jenes wohlorganisirten Demokraten-Casinos, im versteckten Stübel, bei einem guten Glas Bier, verlebte Böhme die letzten schönen Stunden auf Deutschlands Erde.

Es war

„im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,“

des Jahres 1852; auch ich war in Arkadien geboren! das heißt, auch ich hatte, nach langem Zögern, 1851 den Ausbruch aus einer der Frohnvesten Sachsens, Adorf, gewagt; auch mich hatten die damaligen Gesetzesausleger mit zwölf Jahren Zuchthaus erster Classe, Kette und Klotz, bedacht und einigen Monaten Knochenzugabe. Alles von wegen der verpönten Reichsverfassung, die man zwanzig Jahre später mit siebenhunderttausend Mann, den Kaiser an der Spitze, aus Frankreich heimholte, nach Milliarden Opfern an Blut und Leben und Vermögen! 1849 war noch ein Mißverständniß und die Beusts und Manteuffels waren keine Bismärcker.

Ich aber schaukelte, ein Gast der freien Schweizerberge, bei romantischem Mondenschein, wie sich solchen ein deutscher Jüngling nicht schöner denken kann, auf den krystall-, gold- und silberblitzenden Wellen des Bodensees, in einer Nußschale von einem Schiffchen, nahe dem uralten Hafenstädtchen Arbon. Der Thurgau lag mit seiner ganzen Obstwald-Blüthenpracht unmittelbar vor mir, nahe und doch in nebelgrauer Mondferne. Durch die Weingelände am Ufer flüsterte friedlich und freundlich die Seeluft; von einem alten grauen Thurme brummte die Glocke neun Uhr. Ganz wie die Einleitung zu einem idyllischen Romane. Der Fährmann war kein Hexenmeister in der Kunst zu rudern und zu landen. Er fand nicht einmal den rechten Hafen dieser uralten Seestadt und setzte mich, mir nichts, dir nichts, bei einem Fußweg an’s Land. Da stand ich in einem prächtigen Baum- und Blumengarten, wie in einem Zaubermärchen. Vom nahen Hügel, aus weinumrankter Hütte, tönte Lautenklang und Frauensang dem irrenden Ritter entgegen.

„Da half kein Zittern, da half kein Zagen!“

Links und rechts hemmende Hage, vor mir verführerischer Sirenensang; ich verstopfte die Ohren keineswegs, ging frisch drauf los, stellte mich den erstaunten Gesichtern einiger hübschen Mädchen als fremder Irrwisch vor, der soeben aus dem tiefen Meere emporgetaucht sei, und wurde von ihnen, wenn auch nicht gastfreundlich zu der Väter Burg geführt, so doch auf den rechten Weg in’s Städtli und zum Städtli hinaus, nach dem Bade Horn zu.

Auf jenem Horn aber, ihm ein Cap der Hoffnung, hatte sich still und friedlich der weiland Organist von Treuen mit seiner Tochter Selma niedergelassen, und wenn ein Studentenscherz über vergangene Nothjahre eines Mannes erlaubt ist, so konnte man damals von ihm singen:

„Er büßt die Schuld im fernen Land
Als … Tabaksfabrikant.“

Böhme und seine Selma fabricirten Cigarren. –

Es ist seit jenem ersten Wiederfinden im Asyl manch langes Jahr vergangen. Böhme wurde später Agent verschiedener Handelshäuser und nahm in St. Gallen, als Tapetenhändler mit Frau Hajek associirt, eine allgemein geachtete Stellung ein. Wir haben als alte Voigtländer treu und fest zusammengehalten, uns oft besucht, viel Freud’ und Leid miteinander getheilt und lebten oft im Geiste wieder draußen in unseren dunkeln Schwarzwäldern, der Heimath, bei all den Braven, die der Sache treu geblieben, ohne daß es uns gelüstet hätte, wieder bleibend heimzukehren.

Ich hatt’ einen Cameraden,
Einen bessern find’st Du nit!

Da – es war wiederum „im wunderschönen Monat Mai“ –, 1864, vierunddreißig Jahre nach der Revolte zu Treuen, die Wellen kräuselten, die Lüfte säuselten, als zu mir, weit in’s Solothurner Land hinein, ein schwarz berändertes Brieflein geflogen kam: „Karl Böhme ist gestorben!“ Eine heftige Lungenentzündung hatte den alten Gardisten der deutschen Einheit und Freiheit, ungeahnt und plötzlich, zur großen Armee beordert.

Vergangenen Sommer besuchte ich den anspruchslosen, aber recht freundlichen Kirchhof zu St. Manz, fast mitten in der Stadt St. Gallen. Es war einundzwanzig Jahre nach Böhme’s Flucht. Deutschland war inzwischen einig geworden und hatte eine Reichsverfassung erhalten. Wenn auch nicht im Sinne von 1849, so hatte doch das Jahr 1870 das ganze deutsche Volk einmal einig gesehen, und die Entwickelung der Völker schreitet nur langsam voran. Es sind seit 1830, seit den Tagen des Aufruhrs von Treuen, allwo Böhme seine erste Volksrede gedonnert, immerhin politische Riesenschritte nach vorwärts gemacht worden von Deutschland wie von keinem andern Lande. Möge das deutsche Volk nun auch dieses „Helden der Schule“ nicht vergessen, der sich still gebettet in St. Manz unter einer Trauerweide, unter einem wärmenden, himmelblaugeblümten Teppich von Immergrün und einem dunklen Felsenblocke aus dem Rheinthal. Ja, aus dem Rheinthal! vom wunderlieben Rhein! rebenumkränzt, felsumstarrt, dort, wo er noch ein unbesonnener Jüngling ist und manchmal im jugendlichen Uebermuthe breite, sonnige Thäler überfluthet, wie böse Schicksale Völker und Länder, während er weiter unten mit männlicher Klarheit Völker verbindet, Lasten des Lebens trägt und Strudel und Untiefen überbrückt und ruhig die Pfade wandelt, die ihm die Gesetze vorschreiben, bis er am Ende seiner Tage als alter Kerl im Sande verrinnt, wie wir Alle! Vom Rheine, wo gegenüber der kleinste deutsche Staat Lichtenstein an den Alpen klebt wie ein heimliches Schwalbennest! Vom Rheine, dem gefeierten, stammt der Grabstein unseres „deutschen Böhme“. Und auf diesem Grabsteine steht geschrieben:

Hier ruhet
Karl Böhme.
Geb. am 9. Hornung 1809 zu Göhrlitz
im Königreich Sachsen
Gest. den 11. Mai 1864 zu St. Gallen.
Verbannt aus seinem Vaterlande, weil er für des
Volkes Rechte gestritten, fand er im Lande der
Freiheit ein Asyl und ein Grab.
Fritz Rödiger.




[31]
Der Wundermann auf der G-Saite.


Musikalische Erinnerung aus Weimar von J. C. Lobe.


(Schluß.)


Außer diesen Fabeln war von Paganini’s Charakter und Privatleben bis zu seiner Ankunft in Deutschland wenig oder nichts bekannt. Von da an aber wählte er sich zeitweise Gesellschafter, die ihn auf seinen Reisen begleiteten und seine Geschäfte besorgten. Einer derselben, der hannoversche Literat Georg Harrys, hat längere Zeit ein genaues Tagebuch darüber geführt, aus welchem wir interessante Einblicke in die Gewohnheiten und Eigenheiten Paganini’s gewinnen.

Künstler haben in der Regel viel Sinn für die Natur. Paganini machte eine große Ausnahme. Mochte er auf seinen Reisen durch die blühendste Landschaft, an den schönsten Villen und Schlössern vorüberfahren, durch die romantischsten Gegenden kommen, er nahm keine Notiz davon, sie hatten keinen Reiz für ihn. Sprach er nicht, so dachte er an seine Kunst, an seine Composition, oder verfiel in melancholisches Sinnen. Er konnte auch nicht um sich schauen, weil er, stets fröstelnd, den Wagen rings um sich her fest verschlossen hielt. Gleich dem Minister Kaunitz, der sich vor jedem Lüftchen ängstlich hütete, saß Paganini bei zweiundzwanzig Grad Wärme in seinen Pelz gehüllt, alle Wagenleder zugehakt, in seinen Winkel gekauert, und erlaubte seinem Begleiter kaum, die Seite, wo er saß, zuweilen zu lüften. Auf das deutsche Klima schimpfte er immerwährend, er schrieb ihm einen großen Theil seiner körperlichen Leiden zu, die er doch aus Italien schon mitgebracht. Oft sagte er zu Harrys, wenn er sich in seinen Pelz einhüllte: „Das ist ein vortreffliches Möbel in Deutschland, ohne welches man nicht reisen kann, selbst mitten im Sommer“. Merkwürdigerweise saß er dagegen in seinem Zimmer am liebsten zwischen offenen Thüren und Fenstern, was er „ein Luftbad nehmen“ nannte. Die häufigen Erkältungen, die er sich dadurch zuzog, haben seine Kränklichkeit am meisten befördert.

Wie alle kränklichen Personen, liebte Paganini den Schlaf; im Reisewagen schlief er oft zwei Stunden hintereinander, und dies dreimal des Tages. Dann war er nach dem Erwachen heiter, gesprächig, ja zu Scherzen aufgelegt.

An der Station angekommen, blieb er in seinem Wagen oder promenirte, während man die Pferde fütterte und wechselte, aber er trat niemals in ein Wirths- oder Posthaus, bevor er an dem Orte angekommen, den er als Ziel seiner Reise bestimmt hatte.

Sein Gepäck machte ihm wenig Sorge. Das Kostbarste für ihn, sein Instrument, ein Guarneri, lag in einem sehr abgegriffenen und abgeschabten Kasten, in dem er zugleich die Schatulle, einige kleine Pretiosen und etwas feine Wäsche aufbewahrte. Seine ganze Garderobe hätte ein Handwerksbursche bequem in seinem Ränzel tragen können. Seine Gesammtpapiere, wichtiger als die manches reisenden Geschäftsmannes, waren in ein rothes Büchlein eingeschlossen. Dieses, obwohl nur aus einigen zwanzig losen Blättchen bestehend, enthielt doch das Resultat aller seiner Geschäfte, seitdem er aus Italien nach Deutschland gekommen war. Das waren aber Hieroglyphen, die Niemand als er zu enträthseln vermochte. Da lag alles untereinander geworfen, Wien und Karlsruhe, Frankfurt und Leipzig, Einnahmen und Ausgaben, Postpferde und Concertbillets, und doch fand er sich bewundernswerth in dieses Labyrinth, und verrechnete sich selten zu seinem Nachtheile, obgleich er im Rechnungsfache ganz unerfahren war.

In den Gasthäusern auf seinen Reisen war Paganini mit Allem zufrieden, was er vorfand, es war ihm einerlei, ob man ihm ein Dachstübchen oder ein Putzzimmer, ein gutes oder schlechtes Bett anbot, nur mußte seine Wohnung im Hinterhaus liegen, da ihm der Straßenlärm gänzlich zuwider war. „Ich muß in dem großen Städten Geräusch genug aushalten,“ sagte er, „auf der Reise will ich Ruhe haben.“

Kutscher, Hausknechte, überhaupt Leute niederer Classe behandelte Paganini sehr geringschätzig und würdigte sie keines Blickes. Redete ihn ein solcher Mensch einmal zufällig an, so drehte er ihm den Rücken zu, und fragte seinen Begleiter: „Was will denn das Geschöpf von mir. Wer ist denn das Vieh?“ Auf die Versicherung seines Begleiters, daß die Leute hier zu Lande höchst gutmüthiger Natur wären, erwiderte er: „Ei was, so ist die Canaille durchweg“.

Am Ziel angekommen, konnte der streng bewachteste Staatsgefangene kein monotoneres und langweiligeres Leben führen, als der große Meister in seinem Zimmer. Nichtsdestoweniger verließ er dasselbe nur selten und ungern, da er sich in der absoluten Einsamkeit am behaglichsten zu befinden schien. –

Sänger und Virtuosen müssen ihre Künste mühsam erringen und durch täglich mehrere Stunden wiederholte Tonleitern, Solfeggien und Uebungen schwerer Stellen Stimme oder Finger geschmeidig und gelenkig zu erhalten suchen. Aber auch darin war dieser wunderbare Mann eine fast unglaubliche Ausnahme. Es ist erwiesen, daß auf allen seinen Reisen Niemand aus seinem Zimmer heraus einen Geigenton vernommen, als etwa das Stimmen der Violine, und das nur an Concerttagen, wenige Augenblicke vor der Probe oder vor dem Concerte selbst. Paganini machte auch gar kein Hehl daraus, daß er seine Geige nicht anders anrühre, als wenn er müsse; „ich habe genug im Leben geübt und bin froh, wenn ich die Geige nicht aus dem Kasten zu nehmen brauche,“ sagte er.

Da Paganini daheim gänzlich unbeschäftigt blieb, dürfte man glauben, daß er die Zeit zum Componiren benutze. Aber auch dies war nicht der Fall. Die Werke, Concerte, Variationen etc., womit er auf seinen Reisen auftrat, hatte er alle in Italien verfertigt, und nicht ein einziges neues Product auf seinen Reisen zu Tage gefördert.

Von Belesenheit war bei ihm keine Rede, da er außer seiner Muttersprache nur ein wenig Französisch verstand, alle anderen Sprachen ihm fremd waren und er zur Lectüre keine Neigung hatte. Er machte auch gar kein Hehl daraus, wenigstens gegen seinen Begleiter nicht, daß er gar keine wissenschaftliche Bildung besitze. Seine Entschuldigung war: „Man kann nur eine Wissenschaft gründlich erlernen. Meine ganze Lebenszeit habe ich meiner Geige und der Theorie der Musik gewidmet, und keine Zeit für andere Wissenschaften übrig gehabt.“ Eine lange Reihe von Jahren hat Paganini täglich zehn bis elf Stunden gegeigt. Ebenso wenig hatte er Sinn für andere weltliche Dinge; an den politischen Ereignissen nahm er keinen Theil; die ungeheuersten Erscheinungen und Wandlungen in der Weltgeschichte, der Fall der mächtigsten Existenzen, der Gedanke an Napoleon’s Sturz, der Aufstand und die heroischen Thaten der Griechen, oder der Gedanke an sein zerrissenes ohnmächtiges Vaterland machten weniger Eindruck auf ihn, als eine platzende Saite seiner Geige während des Spiels vor dem Publicum.

Diese äußerste Einseitigkeit seines Geistes aber, dieses Fixiren auf nur das Eine, sein Violinspiel, machte ihn zu dem größten Virtuosenphänomen, das die Welt je gesehen.

Im Ganzen war Paganini Melancholiker, wie wohl die meisten, denen gesunde Tage eine Seltenheit sind. Der kranke Körper ist ein trübes Fenster, durch welches der Geist keine heitere Welt erblicken kann. Doch hat auch der Melancholiker Momente des Frohseins und namentlich des Humors. So konnte Paganini, wenn er mit einigen Bekannten zusammentraf, der redseligste und amüsanteste Gesellschafter sein. Er erzählte dann vorzugsweise Anekdoten aus seinem Leben, die er sehr pikant und humoristisch vorzutragen verstand. Von großen Gesellschaften, Gastessen war er ein abgesagter Feind, und es bedurfte stets der Ueberredung, um ihn aus seinem Zimmer zu bringen, um eine Einladung anzunehmen. Dann sprach er bei Tische wenig, genoß aber desto mehr. Bei der größten Gasterei ließ er selten eine Speise ungekostet. Sein Appetit war einer der stärksten; er konnte mehrere Stunden fortwährend essen, ohne die geringsten Beschwerden davon zu haben, und war auch dem Gott Bacchus nicht abgeneigt. Dabei war er gewöhnlich so zerstreut, daß er selten wußte, was er, und ob gut oder schlecht genossen hatte. Am Gespräch nahm er wenig Theil. Nach aufgehobener Tafel entfernte er sich bald, um seine Siesta zu halten. In Abendgesellschaften, wo es ungezwungener herging, war er zugänglicher; wollte man sich aber über Musik [32] mit ihm unterhalten, oder ihn mit einer musikalischen Soirée beglücken, dann war seine gute Laune unwiederbringlich dahin. An Karten und gesellschaftlichen Spielen nahm er keinen Theil. Für Personen hatte er ein außerordentlich treues Gedächtniß, dagegen gar keines für Orte. Die Namen der Städte, wo er Concerte gegeben, entschwanden seinem Gedächtniß, wenn er sie kaum verlassen. Wie die Natur Paganini ganz besonders für das Violinspiel eingerichtet hatte, war ganz merkwürdig. Die Finger hatten eine außerordentliche Länge und eine beispiellose Biegsamkeit; so konnte er den Daumen so weit zurückbiegen, daß er mit dem Nagel desselben die Oberfläche der Hand zu berühren vermochte. Ebenso außerordentlich war die Gelenkigkeit seiner Arme. Ohne alle Anstrengung bog er die beiden Ellenbogen dicht aneinander.

Vorzüglich merkwürdig war das Benehmen Paganini’s auf dem Wege zu den Concerten, in den Concertproben und hinter den Coulissen. In den Stunden zeigte er sich sowohl in persönlicher als artistischer Beziehung am allerinteressantesten. Seine Stimmung und sein ganzes Wesen am Morgen vor der Probe war ernster und feierlicher als gewöhnlich, Obgleich seiner Leistungen sicher, konnte er sich doch einer Art Befangenheit nicht erwehren. An einem solchen Morgen that er gar nichts, er saß still im Sopha. Wenige Augenblicke bevor er zur Probe fuhr, öffnete er den Violinkasten, um zu sehen, ob keine Saite gerissen sei, stimmte die Geige, griff höchstens ein paar Accorde, schloß dann den Kasten wieder zu, und ordnete die an dem Tage nöthigen Musikalien. Dabei schnupfte er fast ununterbrochen Tabak, ein sicheres Zeichen bei ihm der inneren Unruhe und des Nachdenkens. Fand er, daß sich Zuhörer eingeschlichen hatten, was nicht selten geschah, so markirte er seine Solos nur, deutete sie wohl blos durch ein leises Pizzicato an.

Sein Gehör war das denkbar feinste; der geringste Fehler entging ihm nicht. Beim stärksten Orchestertutti rief er: „Die zweite Clarinette bläst nicht! Ich höre den Alt nicht!“ etc. Spielte man ihm nicht zu Dank, so konnte er sehr heftig werden; begleiteten ihn die Musiker aber mit Präcision, dann rief er ihnen mitten im Spiele ein lautes „Bravissimo“ zu. Wir hatten vernommen, daß er in den Fermaten seine höchsten Künste zeige, und spitzten die Ohren, als er in der Probe nach dem Ende im ersten Satze kam. Er überraschte uns aber auf sehr unangenehme Weise, indem er die Violine mit den Worten absetzte: „Und so weiter, meine Herren!“ und weiter fortfahren ließ. Aus Furcht, daß man ihm eine Pièce entwende und abschreibe, nahm er seine Musikalien jedes Mal sorgfältig wieder mit sich, obgleich die Principalstimme gar nicht dabei war, da er Alles auswendig spielte. Nach der Probe genoß er ein einfaches Mittagsmahl und ruhte dann aus.

Sonderbar war’s, daß diesen an Concerttagen den Tag über schweigsamen, ernsten, melancholischen Mann von dem Augenblick an, wo er in dem ihm angewiesenen Nebenzimmer angekommen war, bis zu seinem Heraustritt vor das Publicum aller Ernst, der ihn den Tag über begleitete, verlassen hatte. In der Zwischenzeit trieb er gewöhnlich nichts als Scherze und Späße, und trieb das fort, bis der Capellmeister ihm ankündigte, daß die Reihe an ihm sei, wo er, plötzlich zum gewöhnlichen Ernst umgewandelt, vor dem Publicum erschien. Da er nach jedem Solostück so stark transpirirte, daß er zwei, drei Mal an einem Concertabende die Wäsche wechseln mußte, so glaubte man, daß das Spiel seinen schwächlichen Körper sehr angreife. Dies konnte aber nicht der Fall sein, da er am Abend nach dem Concert in der Regel heiterer war, als zuvor, und es ihm weder an Appetit noch an Schlaf fehlte.

Frei von gewissen Gewohnheiten der Großen war er auch nicht ganz. Wie bei Revuen oder Festparaden das Militär wohl stundenlang in brennender Sonnenhitze oder bei starker Winterkälte auf seinen General oder Kriegsherrn warten muß, so kam auch Herr Paganini nicht gleich, sondern ließ das Publicum eine geraume Anzahl von Minuten auf sich warten, bis er erschien. In den Zwischenacten wimmelte sein Cabinet von Musikfreunden, Blumensträuße und Gedichte stellten sich ein, meistens von Damen herrührend, denen er dann die artigsten Complimente machte. Es gehört dergleichen zum Virtuosenglück – wer’s dafür nimmt. Kirchenmusik hörte Paganini gern, weniger machte er sich aus der Oper, namentlich der deutschen. Doch schätzte er „Don Juan“ außerordentlich. Der Militärmusik war er nicht hold: „Diese Leute bringen es selten zum Zusammenklang!“ sagte er. Dagegen hatten Glockenspiele auf den Thürmen einen großen Reiz für ihn.

Ein schöner Zug in seinem Charakter war seine stets bereite Gefälligkeit. Junge Musiker, die ihm ihre oft dickleibigen Partituren brachten, junge Frauenzimmer, die von ihm wissen wollten, ob ihre Stimme sonor genug für die Bühne sei, Geigen, die ihm zur Beurtheilung gebracht wurden, Künstler, von deren Talent er sich überzeugt hatte und die ihn um Empfehlungen baten – Allen war er freundlich und gab ihnen Bescheid nach seiner Ueberzeugung. Lob hörte er gern, und las die Journale, in welchen es ihm gespendet wurde, mit Eifer und Genugthuung. Seine Correspondenz führte er in italienischer Sprache, seine französischen Briefe mußte er sich corrigiren lassen. Seine Handschrift war nicht die leserlichste.

Aeußere Pracht und Luxus waren ihm zuwider, selbst seine Orden trug er selten anders, als wenn er öffentlich erschien, und dann auch nur das Band derselben in der Ordensschnalle. Oftmals sagte er: „Wozu kann das Alles gut sein? Ich bin nicht stolz.“ Sich vom Gelde zu trennen war für ihn, den ehemaligen Verschwender, nach seiner Umwandlung zur Sparsamkeit, die allerschwierigste Aufgabe. Er konnte wegen einer nach seiner Meinung zu hohen Trinkgeldforderung höchlichst aufbrausen. Er handelte überhaupt auch bei den gewöhnlichsten Ausgaben, um abzudingen, was er sich in Italien hatte angewöhnen müssen; deshalb kam er bald in den Ruf eines Geizhalses, welcher in dem Maße stieg, als seine Reichthümer durch die außerordentlichen Einnahmen bei seinen Concerten zunahmen, die er nie anders als mit doppelten, oft mit dreifachen Eintrittspreisen gab. Daß er aber auch wohlthätig sein konnte, wo er es für angewandt erachtete, davon hat er ein Beispiel gegeben, wie es ein nobleres wohl nicht leicht geben mag. Bekanntlich lebte Berlioz den größten Theil seines Lebens in ärmlichen Umständen, ohne andere Schuld, als daß er an seinem Ideal mit eiserner Consequenz festhielt, das aber den Franzosen nicht zusagte. Auf Paganini machten aber Berlioz’ Werke einen wunderbaren Eindruck, und als er dessen „Romeo und Julie“ mit angehört und von des Componisten kümmerlicher Lage Kenntniß erhalten, schrieb er ihm am andern Tage:

„Mein lieber Freund!

Nachdem Beethoven entschlafen, konnte nur Berlioz ihn wieder aufleben lassen, und ich glaube nach dem Genuß Ihrer göttlichen Compositionen, die eines Genies wie das Ihrige würdig sind, Sie bitten zu müssen, als ein Zeichen meiner Huldigung zwanzigtausend Franken anzunehmen, die Sie nach Vorzeigung des Beigeschlossenen von Herrn Baron v. Rothschild ausgezahlt erhalten werden.“

Paganini erschien mir damals, in meiner warmen Jugend, als der vollkommenste Virtuose, als der Unvergleichliche im höchsten Sinne des Worts, und er ist es mir heute noch, wo das Blut in den Adern des fünfundsiebenzigjährigen Greises kalt und langsam hinschleicht. Ob je einer wiederkommen wird auf der Geige, der ihn vollständig erreicht, kann ich nicht wissen, bis heute ist’s noch nicht geschehen. Denn welchen Aufruhr er unter den Geigern auch erregte, mit welcher Wuth sie sich auch seitdem Tag und Nacht abwürgten, seine Künste ihm abzulernen und nachzumachen, in ihren Stübchen, und wo sie nur die Geige zur Hand hatten, bis zu den Pausen in den Proben (in den Proben im Berliner Orchester zum Beispiel mußte es förmlich verboten werden, sich Paganini’s Kunststücke einzuüben) – es sind nach ihm allerdings tüchtige Virtuosen gekommen, sie haben ihm auch manche seiner Künste abgelernt und mit mehr oder weniger Geschick nachgeahmt; aber alle seine besten Nachfolger, sie mögen Namen haben wie sie wollen, sind höchstens nur Bruchstücke von ihm. Das weiß ich und wissen Alle, die ihn gehört, daß über ihn hinaus kein Sterblicher mehr steigen wird noch kann. „Paganini ist der Wendepunkt der Virtuosität,“ sagte Robert Schumann und er hatte Recht. Die Folgezeit hat nur noch einmal ein Paganini ebenbürtiges Virtuosen-Phänomen erschaffen, auf dem Clavier, Franz Liszt. Auch er hat den Culminationspunkt auf seinem Instrument erstiegen, auch er hat die Virtuosität bei manchen seiner Nachfolger und Schüler außerordentlich gesteigert, und von Manchen wird gesagt, daß sie ihm nahe gekommen; erreicht in seiner ganzen Kraft und Herrlichkeit hat ihn keiner, übertroffen kann und wird er ebensowenig werden als Paganini. Doch steht der Ungar Liszt in geistiger Hinsicht als Componist, Schriftsteller und fast in allen Fächern menschlichen Wissens unendlich hoch über dem beschränkten Italiener.




[33]
Die Gartenlaube (1872) b 033.jpg

Schneehuhnjäger auf der Hochebene Norwegens.
Nach der Natur aufgenommen von Vincent Lerche in Düsseldorf.

[34]
Thierbudiker.


Von Franz Schlegel, Director des Zoologischen Gartens in Breslau.


Neben fliegenden Buchhändlern haben wir auch fliegende Zoologen. Wir meinen nicht Roßmäßler und Vogt mit ihren Wandervorlesungen, vielmehr die Schausteller zoologischer Merkwürdigkeiten und deren Helfershelfer. Von den Budikern, welche auf Vogelschießen, Messen, Jahrmärkten hier einen Seehund, und weil das gar zu gemein klingt, natürlich als Seejungfer oder Seebär, Seewolf oder Seelöwen, dort einen Dachs als amerikanisches Stinkthier, einen Schäferhund als Wolf präsentiren, weiße Mäuse oder Rattenalbinos, Murmelthiere, dressirte Flöhe, gelehrte Hunde oder abgerichtete Canarienvögel zur Schau stellen – über diese Kleinkrämer hinweg lassen Sie uns zu den Engroisten der Gilde übergehen.

Wer kennt nicht die Firmen van Aken, Martin, Kreutzberg, Renz, Batty, die sich theils durch kostbare Thiersammlungen, theils durch ihre Vertraulichkeit mit wilden Bestien einen Namen gemacht. Sie Alle, ausnahmslos, und mögen sie die ausgezeichnetsten Schausteller heißen, verschmähen nicht, zu „klappern“ – Klappern gehört zum Handwerk –, ja scheuen selbst vor Täuschungen des Publicums nicht ganz und gar zurück. Wagen sie auch nicht, wie das ehelängst hier zu Lande geschehen, ein gemeines Maskenschwein hochtrabend als Zwerghippopotamus oder als Rhinocerosschwein auszuposaunen: in der Regel wird doch der Gänsegeier zum Lämmergeier, und mit allerlei reizenden Titulaturen für seine Thiere ist man keineswegs karg. Klappern gehört zum Handwerk, und es steht diese Maxime nicht nur bei Menageristen in hohem Ansehen, sie wird eigentlich bewußt oder unbewußt überall befolgt. Für Schaustellungen wenigstens ist sie das unerläßliche Aushängeschild. Die Amerikaner nennen das „Humbug“. Es hat sich damit ein etwas verächtlicher Begriff verbunden; aber die Welt will betrogen sein und obendrein ist es ganz besonders lustig, die Dummen, „die nicht alle werden“, zu foppen, und gewiß nicht ganz ohne Verdienst, sie zu witzigen.

Doch bleiben wir bei unseren Thierbudikern.

Menageristen sind unter sehr schwierigen Verhältnissen geschulte und nothgedrungen ganz vortreffliche Praktiker. Man denke nur daran, welche Calamität das Nomadenleben ist, und wie wenig Schutz sie dabei für ihre Thiere vor den Widerlichkeiten des Klimawechsels haben. Was will das sagen, Eisbäre z. B. und Rennthiere auf engen Raum beschränkt in brennender Sonnenhitze einem langweiligen Transport ausgesetzt zu sehen; jedenfalls bedenklicher noch ist es, tropische Thiere vor grimmiger Kälte schützen zu müssen. Gern nehmen unsere heutigen Menagerien ihren Weg den Linien des Eisenbahnnetzes entlang, sonst aber galt es auf Heerstraßen sich fortzuschleppen, und da litten denn die Thiere, abgesehen von der Langwierigkeit, durch Staub und holprige Passage oft ganz erschrecklich. Kolosse, wie Elephanten, mußten ihre Reise natürlich zu Fuß zurücklegen und marschirten zwischen einem überdeckten, mit Pferden bespannten Räderkasten. Wenn es dem Unhold nicht behagte, weiter Fuß bei Fuß zu setzen, und es dem Cornak nicht gelingen wollte, seinem Thiere die Unthunlichkeit, auf offener Landstraße Halt zu machen, beizubringen, dann zogen, wie ich das selbst erlebt, zehn Pferde nicht den Widerspenstigen von der Stelle. Nothgedrungen hielt man eben, bis der Elephant beliebte weiter zu marschiren, was nicht selten erst dann geschah, wenn man dem Indianer tüchtig zugesprochen, und zwar nicht blos mit Worten, sondern am liebsten mit Rum, Cognak oder Arak.

Das Menageriegeschäft galt bis vor wenigen Jahrzehnten als ein sehr einträglicher Erwerbszweig. Immer aber war es nicht ohne Wagniß, weil die Spesen dabei ganz ungeheuer sind. – Zuweilen verfolgt sie Mißgeschick; ein epidemisches Sterben kann eine Menagerie binnen wenigen Tagen ruiniren. Renz geschah es, daß bei der Ueberfahrt von Kopenhagen seine sämmtlichen Thiere über Bord gestürzt werden mußten, um das lecke Schiff vom Untergang zu retten.

Augenblickliche Geldverlegenheiten haben schon ganz respectable Firmen betroffen; glücklicherweise scheitern aber beabsichtigte Pfändungen an der Rathlosigkeit der Gläubiger und der Gerichte, wie Löwen, Tiger, Elephanten und Nashörner aufzubewahren sind. Wenn freilich ein zoologischer Garten am Orte ist, dann versteht sich wohl dieser dazu, die gepfändeten Thiere aufzubewahren. So sah ich einst Batty’s Löwen im Dresdner Thiergarten fast einen ganzen Sommer lang als Bürgen für die Schulden ihres Herrn haften.

In Hafenstädten zumal findet man stets Firmen, welche ausgedehnten Handel mit lebenden Thieren treiben. Die bekanntesten Grossisten der Gilde sind die beiden Deutschen Hagenbeck in Hamburg und Jamrach in London. Beide sind Inhaber stehender Menagerien, deren Hauptzweck aber nicht die Schaustellung, sondern der Handel ist. Hier werden in der Regel wenig Umstände mit den Thieren gemacht, ungleich weniger, als wir in zoologischen Gärten zu machen pflegen. Zeit ist Geld, sagt der Handelsherr und auf ein gegenseitiges Verständniß wird bei der zumeist kurzen Dauer des Verkehrs ohnehin nicht gerechnet. Einem Nichtwollen antwortet der Besitzer mit dem unerbittlichen Muß, und dem einfachen Commando wird die Wasserspritze oder je nachdem die eiserne Brechstange Nachdruck zu verleihen wissen. Die Zufuhr überseeischer Thiere ist noch keineswegs so geregelt, als man dem europäischen Bedarf nach erwarten und wünschen möchte. Die Bezugsquellen sind oft genug rein zufällige. Seeleute wie Passagiere führen nicht selten einzelne Thiere zur Kürzung der Langeweile während einer eintönigen Fahrt mit, schlagen dieselben bei der Landung gegen ortsübliche Münze los und so trifft es sich zuweilen, daß bedeutende Kostbarkeiten zu Spottpreisen eingehandelt werden. Kleinere Thiere, zumal Vögel, vor Allem aber Papageien, sowie das Heer der kleinen afrikanischen Finken, die sogenannten Schmuckvögel werden bekanntlich zu Hunderten und Tausenden auf Speculation verschifft und in Europa zu Markt gebracht. Transporte von größeren Thieren aber belieben Capitaine selten und dann höchstens nur die einzelner weniger Individuen und womöglich in besonderem Auftrag. Handelt es sich gar um Thiere, welche nicht am überseeischen Landungsplatze sich darbieten, sondern, wie fast alle größere Thiere, tief aus dem Lande her beschafft werden müssen, so kann, wenn nicht besonderer Zufall im Spiele ist, auf deren gelegentliche Zufuhr nicht gerechnet werden. Diese Aufgabe fällt einer besonderen Kaste zu, den eigentlichen Voyageurs des Geschäfts. Wenige nur wagen Gut und Blut an diesen Erwerbszweig und noch wenigere mögen dazu berufen sein. Keiner von Allen aber hat soviel gewagt und soviel gewonnen, als der meinen Lesern aus der Gartenlaube bekannte Casanova.

Durch Gründung der zoologischen Gärten sind die Ansprüche des Publicums allerdings gewachsen und mag das Geschäft auch wohl einigermaßen beeinträchtigt worden sein. Lange vorher aber, schon weil die Menagerien sich täglich mehrten und weil der Kreis der in Buden auszustellenden Thiere ein ziemlich beschränkter ist, schien es nicht recht mehr zu genügen, die Bestien einfach anzuschauen. Es galt dem fast gleichmäßig wiederkehrenden Einerlei neuen Reiz zu geben, und damit wurden aus unseren Thierbudikern Thierbändiger. Schon die alten Römer veranstalteten Thierkämpfe in ihrem Circus. Ihren starken Nerven aber war es nicht genug, die Gewandtheit und Kaltblütigkeit der Gladiatoren zu bewundern. Unbedingt Blut mußte dabei fließen, gleichgültig ob das der Thiere oder der Menschen. Wir dagegen dünken uns etwas besser; vorgeblich die Herrschaft des Menschen über die Bestien bewundernd, lassen wir uns von der Furcht kitzeln, den Thierbändiger zerfleischt werden zu sehen.

Die Kunst, wilde Thiere zu zähmen, hat von jeher als besonderes Geheimniß gegolten. Viele verschiedene Ansichten sind darüber laut geworden. Kein Thierbändiger hat aber bislang sein Geheimniß verrathen und zwar nicht darum etwa, weil er zünftig dasselbe bewahren zu müssen geglaubt, sondern darum, weil er instinctiv mehr als selbstbewußt zu jener Praxis gelangt, welche ihm die Herrschaft über die wildesten Thiere sichert und deren Kraft in seiner Sphäre lahm legt und gleichsam bannt. Unzweifelhaft in dem Blicke des Menschen liegt für sie etwas Ueberwältigendes, Ehrfurcht und Unterwürfigkeit Gebietendes, auch ohne daß zugleich die ganze Erscheinung des Thierbändigers so imponirend zu sein braucht. Der seiner Zeit berühmte und uns Allen wenigstens dem Namen nach bekannte Martin, der Vorgänger [35] van Amburg’s ist ein kleiner dicker Mann, aber noch heute in einem Alter von einigen siebenzig Jahren – wie ich mich selbst vor nicht gar langer Zeit davon zu überzeugen Gelegenheit gehabt – so feurigen Wesens und so durchbohrenden Blickes, ganz besonders wenn er von seinen Löwen und Tigern spricht, daß man bei seinen begeisterten und begeisternden Erzählungen sich selbst unter einem gewissen Bann zu fühlen vermeint.

Gemeinhin nimmt man an, daß Thierbändiger selten ihren Bestien nur soweit trauen, auf Momente selbst die Augen von ihnen abzuwenden, und ganz besonders beim Verlassen des Käfigs diese Vorsicht nie gern versäumen. Aber auch das ist nicht zutreffend. Schon manchen Thierbändiger habe ich gesehen, der in seiner bedenklichen Gesellschaft sich ebenso bewegte, als wenn er von seinen trautesten Freunden umgeben wäre. In entscheidenden Momenten freilich und bei wenig erprobten Thieren wird natürlich auch von solcher Waffe Gebrauch gemacht. Ein jedes Thier hat, wie der Mensch, auch seine Laune, seine Sympathien und Antipathien, und diese zu verstehen und zu umgehen, das ist hier wie dort, Menschen wie Thieren gegenüber die schwierige Kunst des Umgangs. Einzelne Ungethüme scheinen allen Künsten ihrer Herren unzugänglich. Damit ist nun nicht gerade gesagt, daß dieselben überhaupt unzähmbar seien. Im Gegentheil, Löwen und Tiger gingen aus der Hand des einen ganz vortrefflichen Thierbändigers in die eines andern über, angeblich als völlig unzähmbar, wurden aber dem neuen Herrn folgsam und werthvolle Schaustücke.

Martin pflegte mit seinen Thieren nicht lange vergebliche Versuche zu machen. Gelang es ihm nicht innerhalb der ersten Wochen, dem Thiere das Verständniß seines Wohlwollens und seiner Ueberlegenheit beizubringen, so gab er die Hoffnung auf. Zuweilen kam es vor, daß er schon am zweiten oder dritten Tage sich in den Käfig eines neuangekommenen Thieres wagte. Auf meine Frage, ob er nicht dabei bisweilen eine Anwandelung von Grauen habe, war die einfache Antwort, daß er nie zu einem Thiere gehen würde, ohne dessen gewiß zu sein, daß die Bestie von der Ueberlegenheit ihres Gebieters durchdrungen sei. Dies möglichst unfehlbar zu beurtheilen, das war eben seine Kunst.

Man denke aber ja nicht, daß menschliche Verstellung, mit der mir unseres Gleichen wohl blenden, hinreichend ist, Thiere zu täuschen. Merkt doch unser Haushund genau, ob eine böse Miene oder ein strenges Wort seines Herrn ernstlich gemeint ist oder nicht. Unfehlbar spürt er den leisesten Schein der Unwahrheit in unserem Gebahren heraus.

Ebenso und noch mehr wittern die urwüchsigen Naturen jener Thiere unter etwa erkünsteltem Muthe die feige Menschenseele durch und, zum Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit kommend, werden sie durch ärmlichen Scheinmuth des Gegners nicht in Schranken gehalten werden können. Oberste Bedingung ist also unerschütterliches Selbstvertrauen oder, wie Martin in seiner ihm eigenen Sprache sich ausdrückte: „Der Artikel Furcht ist in meinem Lexikon nicht zu finden!“

Freilich ist man damit noch lange nicht gegen alles Ungefähr gesichert; Ausfälle übler Laune erzeugen auch bei Thieren Blindwüthigkeit, und alsdann kann es höchst bedenklich werden, ihnen zu nahen. Solche Momente waren es, wo selbst anerkannt tüchtige Thierbändiger, wie van Amburg, Charles und Andere zum Opfer fielen.

Auch Martin, wie ich aus seinem eigenen Munde vernommen, sah sich bei einer seiner Schaustellungen in Paris genöthigt, mit seinem Löwen, wie der Kunstausdruck sagt, zu „arbeiten“, obgleich er von bösen Ahnungen erfüllt die Bühne betrat. Sein Kennerblick hatte sofort herausgefunden, daß das Thier heute nicht zum Spielen aufgelegt war. Trotzdem, seiner Ehre und dem zahlreich versammelten Publicum zu Liebe, wagte er es auch heute. Der Zwinger öffnet sich, der Löwe tritt vor, dumpfbrüllend wie so oft schon die beifallklatschenden Pariser entzückend.

Diesmal aber sollte des Thieres Annäherung, sein Niederducken nicht Liebe, nicht Demuth bedeuten; ein mächtiger Satz, der Löwe faßt Martin am Schenkel, trägt ihn triumphirend über die Bühne und läßt ihn am Eisengitter niederfallen. Martin rafft sich auf, rafft seine ganze Kraft, seine ganze Geistesgegenwart zusammen, stürmt, so gut es eben gehen will, auf den in der Ecke lauernden, zu erneuertem Sprunge bereits ausliegenden Löwen los und züchtigt ihn für die Frevelthat. Der Löwe erkennt sein Unrecht und windet sich schweifwedelnd, um Gnade flehend, zu seines Herrn Füßen. Martin’s Genesung schritt nur sehr langsam vorwärts und schon berieth man, das schrecklich verwundete Bein zu amputiren. Das Publicum hatte hinreichende Zeit, sich in allerlei Vermuthungen für und wider zu ergehen. Auch ein wettsüchtiger Engländer fand sich, der tausend Pfund Sterling einsetzte, daß Martin, falls er wieder seinem Thiere sich anvertrauen sollte, über kurz oder lang demselben zum Opfer fallen würde. Glücklich kam Martin nach sechs Monaten soweit, seine Schaustellungen von Neuem zu beginnen, und fortan heftete sich jener Engländer ihm an die Ferse. Tag für Tag saß er zur bestimmten Stunde im Circus auf dem von ihm abonnirten Platze, eifrig mit Lesen von Zeitungen beschäftigt, die er nur dann aus der Hand zu legen pflegte, wenn Martin zu seinem Löwen ging. Und dieser ging zu ihm; denn er glaubte psychologisch richtig, gerade nach jenem Vorfalle, wo er doch schließlich als Sieger das Feld verlassen, auf das Thier um so sicherer zählen zu dürfen.

Erwartungsvoll saß so der Engländer Abend für Abend da – es handelte sich ja um die Ehre, Recht zu haben, und nebenbei um tausend Pfund – mit gekreuzten Armen, kein Auge von dem Schauspiel verwendend. Mehrere Monate lang freute sich Martin der auf sein Leben gestellten Wette. Sie trug nicht wenig dazu bei, seinen Vorstellungen für die große Menge einen ganz besonderen Reiz zu geben. War doch Jeder, so gut wie der wettende Engländer von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Martin früher oder später der Bestie zur Beute fallen würde.

Schließlich mochte aber doch der Mann mit dem frommen Wunsche im Herzen unserem Martin ein Gräuel und in manchen Augenblicken etwaiger Widerspenstigkeit seines Löwen wie ein Memento mori vorgekommen sein. Um daher den lästigen Gast loszuwerden, machte ihm der Thierbändiger folgendes Anerbieten. Der Löwe sollte verurtheilt werden zweimal vierundzwanzig Stunden zu hungern. Alsdann hatte Martin zu ihm zu gehen, ihm ein Stück Fleisch zu reichen, dasselbe aber, sobald die hungrige Bestie mit Gier darüber hergefallen sein würde, wieder aus dem Rachen herauszureißen. Der Engländer versprach für den Fall des Gelingens an Martin tausend Pfund zu zahlen und damit von seiner früheren Wette abzustehen. Termin und alles Nähere war verabredet und festgesetzt. Die Vorstellung nahte, die Billets waren schon seit Wochen vergeben und deren Preise aus einer Hand in die andere um das Zehn- und Zwanzigfache gestiegen.

Der Engländer hatte zweimal vierundzwanzig Stunden bei dem Löwen Wache gehalten, um seiner Sache sicher zu sein, daß das Thier auch wirklich die bestimmte Zeit über fasten werde. Martin trat zu dem ausgehungerten Thiere ein und reichte ihm ein Stück Fleisch. Gierig fiel der Löwe über den Fraß her. Triumphirend blickte Martin über die athemlose Versammlung hin und warf dem Engländer, seinem Plagegeist, einen höhnenden Blick zu. Doch das Schwierigste der Aufgabe war noch nicht abgethan. Martin beugt sich zu dem Thiere nieder und auf sein einfaches Commando „à moi!“ (mir her!) läßt der Löwe seine Beute los. Mit dem Fleisch in der Hand, seinen Löwen zur Seite gekauert, der natürlich mit gierigem Blick jeder Bewegung seines Herrn folgt, ruft Martin das ganze anwesende Publicum zum Schiedsrichter auf. Unter stürmischem Applaus wird er als Sieger gefeiert. Jetzt empfängt der Löwe sein Fleisch zurück und Martin verläßt unangefochten den Käfig. Der Held wurde ob dieser Verwegenheit übermäßig gepriesen, strich seine tausend Pfund ein und war seines lästigen Gastes ledig.

Nun aber den Schlüssel zum Räthsel, wie ich ihn aus Martin’s Munde selbst erfahren. Durch ein einfaches Manöver hatte er seinen Löwen dahin gebracht, auf jedesmaliges Commando „à moi!“ die eben empfangene Beute loszulassen. Vier Wochen hintereinander tagtäglich begab sich der Thierbändiger zu seinem Löwen, in jeder Hand ein Stück Fleisch. Das eine schlecht, Haut, Knochen und Sehnen, wurde dem Löwen zuerst gereicht. So wie er sich anschickte, dasselbe zu zerreißen, wurde ihm das andere Stück Fleisch, ein schönes Rippenstück vorgehalten, während Martin das zuerst dargereichte unter stetem Zuruf seines „à moi!“ erfaßte und wegzog. Das Thier, mit dem Tausch zufrieden, hatte sich schließlich gewöhnt, auf des Herrn Wort seine Beute loszulassen, darum weil es recht gut wußte, dabei nicht zu kurz zu kommen.

Nicht rohe Gewalt ist es, womit der Mensch die ihm überlegenen Thiere zwingt, noch sonst ein Geheimmittel. Ganz vor Allem ein auf gegenseitiges Verständniß begründetes gegenseitiges [36] Vertrauen vermag zwischen scheinbar so ungleichen Freunden ein einigermaßen dauerhaftes Bündniß zu vermitteln. Und darum eignen sich geistig beschränkte Thiere, denen solches Verständniß unmöglich ist, wie zum Beispiel der sonst so gemüthlich scheinende Bär, zu solchem Verkehr weniger als die sonst gefürchtetsten Raubthiere, wie Löwen, Tiger und Panther.

Der großen Menge freilich ist mit derlei einfachen Aufschlüssen nicht gedient, weit eher wird sie an Zauberei glauben.

Abgesehen von diesen Kunstproductionen, sind die Menagerien als Vorläufer der zoologischen Gärten von großer Wichtigkeit. Sie waren die ersten Stätten, wo wir unsere Schaulust befriedigen, unsere Studien nach dem Leben machen konnten, und auf die hier gewonnenen Anregungen und Erfahrungen theilweise wenigstens fußen, einen Schritt weiter gehend, die Liebhabereien einzelner Fürsten für Thiergärten. Das wissen die Herren Thierbudiker sehr wohl und betrachten darum zoologische Gärten nur als stehende Menagerien und uns Thiergärtner einfach als Collegen, wenn auch nicht ohne den Hintergedanken, daß wir als Gelehrte außer Stande sind, jemals ihre Höhe zu erreichen. Auch der berühmte Lichtenstein, der Gründer des Berliner zoologischen Gartens, mußte es sich gefallen lassen, von einem Thierbudiker brieflich als „Director von die wilden Biester“ angesprochen zu werden.




Blätter und Blüthen.


Aus der Hochebene Norwegens. (Mit Abbildung.) Die norwegische Hochebene ist nicht mehr jenes unbekannte Land des Grauens und des starren Todes, wie man es sich wohl vor einigen Jahrzehnten vorgestellt hat. Hunderte von unseren Lesern haben schon die Strecke derselben befahren, die man auf der Route Christiania–Drontheim über Dovre passirt, und Hunderte andere werden sie noch befahren. Aber das ist ein civilisirter Theil des Hochgebirgs. Es führt eine ausgezeichnete Chaussee darüber, und gute Wirthshäuser (die sogenannten Fjeldstuer) bieten dem Reisenden so viel Comfort, als man billigerweise an der Grenze des ewigen Schnees beanspruchen kann. In dem volksthümlichen leichten Gefährt, dem Karriol, das, mit einem Sitz zwischen zwei großen Rädern, immer nur auf eine Person berechnet ist, und womit man sehr rasch und sehr bequem fährt, durchjagt der Reisende das Gebirge. Aber was er von diesem Sitze aus von der Hochebene sieht, ist nur eine unabsehbare, gelblich-grüne, in’s Bräunliche schillernde Fläche, mit Moosen und Zwergbirken bedeckt – überall von kleinen, eiskalten Bächen durchrieselt und diese von graublätterigem Weidengestrüpp eingefaßt, im Hintergrunde die mächtigen, von ewigem Schnee bedeckten Kuppen. Oede und leer kommt ihm das Ganze vor – höchstens wird die grabesähnliche Ruhe unterbrochen von dem klagenden Laute des Regenpfeifers, oder ein einsamer Schneefalke segelt hoch in den Lüften, nach Beute ausschauend. Aber von der übrigen Thierwelt, in ihren Arten zwar arm, aber in den Individuen um so reicher, sieht und hört er nichts. Und gerade in dieser Region finden sich die hauptsächlichsten Repräsentanten des jagdbaren Wildes Norwegens: die Schneehühner und die Rennthiere.

Das Schneehuhn, norwegisch Rype, gehört zur Familie der Rauchfußhühner und findet sich im norwegischen Hochgebirge in zwei Arten vor: das Moor- oder Thalschneehuhn, norwegisch Lirype, und das Gebirgsschneehuhn, norwegisch Fjeldrype. Die ersteren leben in den unendlichen Morästen und in den Abhängen des Gebirges, wo die Zwergbirke vorkommt, die zweiten aber zwischen dem Geröll der flachen baumlosen Hochebene, auf der Grenze des ewigen Schnees. Eigenthümlich für beide Arten ist, daß sie im Winter ein vollständig verändertes Aussehen bekommen. Während sie nämlich im Sommer ein graugelbes (das Alpenschneehuhn ein mehr graublaues), mit Braun gezeichnetes Federkleid haben, dessen Farbe es fast unmöglich macht, sie von dem umgebenden Boden zu unterscheiden, werden sie im Herbst schneeweiß, und nur die unteren Schwanzfedern bleiben schwarz, so daß man auf dem Schnee nur die Schnäbel als schwarze Rinde bemerkt. Zu Millionen kommen sie vor in den unendlichen Strecken, die in Norwegen auf dieser Höhe liegen, und ihr zartes, dunkles, nach Birkenknospen duftendes Fleisch macht sie zum beliebtesten Jagdwild, das sich namentlich im Herbst verfolgt sieht, wenn die Jungen erwachsen sind (und oft schon vorher), nicht nur von den eingebornen Jägern, sondern auch massenhaft von jagdlustigen Engländern, die mit ihrem Spleen und ihren Hunden herüberkommen. Wochenlang räumen letztere oft im Gebirge oder auf den Inseln Lofodens in Nordland auf’s Unbarmherzigste darunter auf, meistens nur, um in ihren Notizbüchern mit einer so und so großen Anzahl renommiren zu können, denn sie haben für einen großen Theil des Geschossenen oft keine andere Anwendung, als daß sie es ihren Hunden vorwerfen. Die Jagd ist nämlich in diesen Regionen, die meistens Staatseigenthum sind, außerhalb der Schonungszeiten vollständig frei. Aber die fortwährenden rücksichtslosen Plünderungen englischer Jagdliebhaber werden die norwegischen Behörden wohl bald auf vernünftige Jagdgesetze bringen.

Die Jagd ausführlich zu beschreiben, würde uns hier zu weit führen, um so mehr, da der berühmte Zoologe Brehm vor Jahren in der Gartenlaube eine so anziehende Schilderung seiner Schneehuhnjagden auf Dovrefjeld gegeben hat, und wir wollen uns deshalb nur auf einige Andeutungen über die Jagd im Winter beschränken.

Hat das Schneehuhn im Sommer Feinde genug in Gestalt von listigen Füchsen, hungrigen Falken, raubgierigen Engländern und kunstgerechten Jägern – im Winter wird doch der Stand der armen Thiere womöglich noch schlimmer. Zwar fehlen die langen Engländer mit ihren weittragenden Büchsen, aber der Schnee und die Kälte treiben das Schneehuhn nach den Thalabhängen herunter, wo es in den Birkenknospen reichliche Nahrung findet, und hier wird ihm von schlauen Gebirgsbewohnern mittelst Schlingen mit dem besten Erfolge nachgestrebt. Die eigentliche Jagdausbeute fällt in die Wintermonate, weil die Hühner sich dann gefroren wochenlang halten und meilenweit verschickt werden können.

Aber mühelos ist diese Jagd nicht und eine kräftige Natur gehört dazu. Weil diese Birkenwaldungen, die mit Vorliebe von dem Schneehuhn als Winterquartier aufgesucht werden, in der Regel so weit von der bewohnten Thalsohle liegen, daß man von da aus nicht täglich die Schlingen nachsehen kann, so vereinigen sich oft ein paar Jäger und ziehen, mit der Büchse und einem schmalen Vorrath von Eßwaaren ausgerüstet, nach einer gut gelegenen Sennhütte, wo sie dann oft wochenlang hausen, bis es die Mühe verlohnt, die gewonnene Ausbeute nach der Stadt zu bringen.

Um aber die weiten unwegsamen Strecken, die noch dazu oft mit ellenhohem Schnee bedeckt sind, zurückzulegen, bedient sich der Jäger seiner Schneeschuhe (Ski), indem ihm sonst in den meisten Fällen das Vorwärtskommen ein Ding der Unmöglichkeit sein würde. Es sind dies sechs bis acht Fuß lange, drei Zoll breite Stücke aus Fichten- oder noch besser aus Eschenholz, die nach vorn etwas breiter werden und in eine gekrümmte Spitze auslaufen. In der Spitze sind sie sehr dünn, vielleicht ein Drittel Zoll, werden aber allmählich nach der Mitte zu dicker, erreichen dort die größte Stärke, anderthalb bis zwei Zoll, und werden nach hinten zu wieder dünner. Da der Läufer auf der Mitte steht, erhalten sie hierdurch die nöthige Elasticität. Auf der Mitte ist ein Bügel von gewundenen Weidenzweigen oder von Birkenrinde befestigt, um die Fußspitze hineinzustecken. In einzelnen Gegenden wird der Fuß noch mit einem Riemen um die Knöchel festgeschnallt, doch ist dies für den Fall, daß man im Bergablaufen umschlägt, leicht gefährlich. In anderen Gegenden trägt man auch wohl den einen Ski kürzer als den andern, was besonders bei schnellen Wendungen seine Vortheile haben soll. Das Allgemeine ist aber, wie gesagt, zwei Ski von gleicher Länge und Bügel ohne Riemen zu haben.

Unten sind die Ski entweder glatt, oder mit einer bis zwei schwachen Rillen der Länge nach versehen. Es ist dies besonders für Anfänger angenehm, da es dem Steuern größere Sicherheit verleiht. In Gegenden, wo das Terrain sehr coupirt ist, sind sie auch wohl unten mit einem Stück Seehundsfell versehen, dessen Haare nach hinten laufen, um das Bergsteigen – was man mit Schneeschuhen nur in Zickzack fertig bringen kann – zu erleichtern. Denn der Ski ist seiner Natur nach eigentlich ein Rutschapparat, um schnell abwärts zu kommen. In der Ebene bewegt sich der Läufer durch eine geradeaus schleifende Bewegung. Ein geübter Läufer kommt aber in der Ebene auch schnell vorwärts.

Das eigentliche Vergnügen beim Skilaufen ist, wenn man eine sanft geneigte schiefe Ebene vor sich hat. Der untere Schnee muß gefroren sein, so daß er trägt, und man nicht auf einzelnen Stellen durchdrückt, und dann muß noch ein paar Zoll frischer Schnee darüber gefallen sein; denn auf der glatten Eiskruste glitscht man erstens sehr leicht, und zweitens riskirt man immer gehörige Schrammen im Gesicht, wenn man, was bei dieser Art Schnee leicht passirt, kopfüber geht und die Eiskruste durchschlägt, denn sie schneidet beinahe wie Glas. Dann gehört zum Skilaufen noch ein Stab, dessen unteres Ende mit einer flachen Holzscheibe versehen ist, um das Steckenbleiben im Schnee zu verhindern.

Diese Art Sport ist von Alters her sehr beliebt gewesen in Norwegen. Jung und Alt, Bauern und Städter, huldigen ihm, man hat sogar früher – wenn wir nicht irren, noch zu Anfang des Jahrhunderts – eine auf Ski einexercirte Compagnie Jäger gehabt, die aber nachher als unpraktisch abgeschafft worden ist.

Alle Jahre werden noch Wettrennen in verschiedenen Theilen von Norwegen veranstaltet, und die Proben, die Derjenige ablegen muß, der als Sieger hervorgehen soll, sind nicht immer ganz leicht, denn es gilt, im rasenden Laufe über Hindernisse hinwegzusetzen und Sprünge zu machen, die nach Faden, und nicht nach Fuß zählen. Daß viele dabei Pech haben, und auf allem Andern eher als auf den Füßen herunterkommen, ist natürlich, aber das beeinträchtigt die Freude der Zuschauer und Mitbewerber nicht im Geringsten, denn in der Regel sind ein paar Schrammen im Gesicht, und höchstens ein gebrochener Ski, der ganze Schaden.




Allen unsern auswärtigen Freunden, die wir nicht direct benachrichtigen konnten, nur hierdurch die Trauerkunde, daß nach einer telegraphischen Nachricht von gestern Nacht unser einziger guter Sohn und Bruder

Alfred Keil

auf einer Orientreise in Cairo einem Diphtheritisanfalle erlegen und so plötzlich uns auf immer entrissen ist.

Leipzig, den 29. December 1871,
Ernst Keil, Frau und Geschwister.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.