Die Gartenlaube (1874)/Heft 48

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1874) 767.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[767]

No. 48.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Nach fünfzig Jahren.


Aus den Papieren eines Wohlbekannten.


(Fortsetzung.)


„Die Sonne stand bereits nahe am Horizonte und im Walde fing es allmählich zu dunkeln an. Mein Kind, das geschlafen hatte, erwachte und begann zu weinen. Mathis, der mit seinem Knaben sofort abgestiegen war, stand bereits am Wege, bang erwartend, was nun geschehen werde. Widerstand konnten wir nicht leisten, ja, wenn wir es vermocht hätten, würde es jedenfalls die äußerste Thorheit gewesen sein, dies zu thun. Ich stieg also, wie uns geheißen war, aus, und gleich hinter mir folgte die Wärterin mit dem Kinde, das ich sofort in meine Arme nahm, um es selbst zu schützen, wenn es gefährdet sein sollte, denn meine Besorgniß war sehr groß.

Als wir Alle, angstvoll der Dinge harrend, die geschehen würden, am Wege standen, stiegen zwei der Bewaffneten in den Wagen und durchsuchten denselben genau. Ein Dritter setzte sich zu dem Kutscher, den man nicht genöthigt hatte, abzusteigen, auf den Bock und ein Vierter nahm den Platz hinten am Wagen ein. ‚Umkehren!‘ riefen gleich darauf die Zwei, die in den Wagen gestiegen und darin geblieben waren. Wir standen noch immer am Wege und fürchteten nun, ebenfalls wieder zum Einsteigen genöthigt und mit Gewalt zurückgebracht zu werden. Der Kutscher lenkte indeß um, wie ihm befohlen war, dann trieb er die Pferde zu raschem Laufe an und fuhr in den Hohlweg zurück, aus dem wir soeben herausgekommen waren. Wir aber standen hülflos unter dem freien, dunkelnden Himmel, und wußten nicht, ob Die, welche uns angehalten hatten, Revolutionsmänner waren, die mich an der Flucht zu hindern beabsichtigten, oder Räuber, die vermutheten oder wußten, daß ich eine Summe Geldes bei mir im Wagen habe, und derselben sich bemächtigen wollten. Da uns durchaus sonst kein Leid angethan worden war, so schien wohl die letztere Annahme die richtige zu sein.

‚Der Kutscher ist im Einverständnisse mit den Räubern oder wohl gar der Anstifter des Anfalls gewesen‘, meinte Mathis.

Daß ich irgend einmal und zwar bei der ersten Gelegenheit Frankreich, das ich haßte, so lange es unter den Schreckensmännern der Revolution schmachtete, verlassen werde, war unter meinen Leuten allerdings kein Geheimniß, auch hatte man sehr wohl bemerken können, daß ich in der letzten Zeit Vorbereitungen getroffen, die auf meine baldige Abreise deuteten, und daß ich mich reichlich mit Geld bei dieser Gelegenheit versehen werde, ließ sich sehr wohl voraussehen. Die Vermuthung des treuen Mathis hatte also die Wahrscheinlichkeit für sich.

Da standen wir nun in dem einsamen, dunkelnden Walde, ohne zu wissen, was wir beginnen sollten. Sollten wir umkehren, uns bemühen, die Uebelthäter zu ermitteln und sie der Strafjustiz zu übergeben? Aber dann wurde meine Absicht, das Land zu verlassen, unbestreitbar offenkundig, und ich setzte mich der Rache der Revolutionäre noch mehr aus. Vielleicht, ja wahrscheinlich, war der schreckliche Eulogius Schneider mit der Guillotine und seinen Begleitern unterdeß unserer Gegend noch näher gekommen, und wenn ich ihm in die Hände fiel, war ich unrettbar verloren. Diese Aussicht, die sich mir mit allen Schrecknissen immer fürchterlicher darstellte, entschied, und ich erklärte, daß wir trotz Allem, was geschehen sei und vielleicht noch geschehen werde, den Weg fortsetzen müßten.

‚Eines Wagens werden wir gar nicht bedürfen,‘ äußerte Mathis, ‚weil wir uns in ganz geringer Entfernung vom Rheine befinden. Das Dorf, in welchem der Mann wohnt, der versprochen hat, gegen eine bestimmte Summe uns über den Fluß hinüber zu bringen, muß ganz in der Nähe liegen. Haben wir dann deutschen Boden betreten, können wir unsere Reise ungestört nach Belieben fortsetzen, wann und wohin wir wollen.‘

So wanderten wir denn, keineswegs entmuthigt, jenem Dorfe zu und erreichten dasselbe auch glücklich, ehe die Nacht vollständig eintrat. Wir hörten deutlich das Rauschen des Rheines, denn das kleine Dorf lag dicht am Ufer desselben, und der Mann, der uns überzusetzen versprochen hatte, wohnte in dem ersten Häuschen.

Mathis ging zu ihm voraus: ‚Alter, da sind wir!‘ rief er an der Thür des Häuschens. ‚Wie steht’s? Alles in Ordnung?‘

‚Das Boot liegt schon bereit,‘ antwortete ihm der Mann, ‚aber ich rathe, mit der Ueberfahrt zu warten bis zum nächsten Morgen. Ich allein kann im Dunkel die Fahrt nicht wagen, denn der Rhein geht hoch, und mein Gehülfe ist nicht zur Hand. Ehe er aufgefunden werden kann, vergeht wohl eine Stunde, und dann ist finstere Nacht. Gleichwohl ist er der Einzige, dem wir trauen dürfen, und es ist im Dorfe bereits gemeldet, daß Aristokraten kommen und von hier aus zu fliehen versuchen würden, auch Befehl gegeben, sie anzuhalten.

Wir traten in das Häuschen des Schiffers.

‚Retten Sie uns!‘ beschwor ich ihn. ‚Ich will Sie reich belohnen, reicher als Sie vermuthen können – aber retten Sie uns sofort! Sie sind mit dem stürmischen Elemente vertraut; so wagen Sie es denn, uns allein über den Fluß zu bringen! Schaffen Sie uns hinüber – es soll Sie nicht gereuen!‘

[768] ‚Ich werde tapfer mitrudern,‘ sagte Mathis, indem er den Mann zur Eile trieb.

‚Sei’s denn!‘ meinte dieser nach längerem Widerstreben.

Wir stiegen also in das Boot, hüllten uns zum Schutze gegen die kalte Luft auf dem Flusse so gut wie möglich in unsere Tücher und Mäntel ein und – der Schiffer stieß das leichte Fahrzeug vom Ufer mit den Worten ab: ‚in Gottes Namen sei’s gewagt!‘

Ich athmete wieder auf, denn ich betrachtete mich schon als gerettet. Unsere Abfahrt war ja erfolgt, ohne daß wir gesehen worden. Auch entfernten wir uns ziemlich schnell mehr und mehr vom Ufer. Wir vernahmen nichts als das Rauschen des Flusses und das leise Geräusch der Ruder. Leichte Nebel schwammen über dem Wasser, und ich segnete sie, denn sie verhüllten unser Boot vor den Feinden, wenn diese uns verfolgen wollten. Noch hatten wir die Mitte des Flusses nicht erreicht, als wir in die Nähe einer der Inseln gelangten, deren es in jener Gegend im Rheine mehrere giebt. Der Schiffer begann kräftiger und rascher zu rudern, und das Boot glitt schnell dahin. Mit jedem Ruderschlage kamen wir der Insel näher; bald befanden wir uns ihr gegenüber und fuhren einige Augenblicke an derselben hin. Der Schiffer ruderte mit verstärkter Macht. Fast hatten wir die Insel bereits hinter uns gelassen, als plötzlich Stimmen von derselben her in gebieterischem Tone uns ‚Halt!‘ zuriefen und ein Boot an der Spitze der Insel, von der andern Seite derselben her, auf uns zukam. Die Strömung war indeß hier so stark, daß das jedenfalls feindliche Boot, welches gegen dieselbe fahren mußte, sich uns nur langsam nähern konnte.

‚Halt!‘ rief man uns immer auf’s Neue und immer heftiger und drohender zu.

‚Jetzt gilt’s,‘ flüsterte der Schiffer und er strengte seine Kräfte auf das Aeußerste an.

‚Halt!‘ hörten wir noch einmal, und gleich darauf knallten zwei oder drei Schüsse. Die Kugeln, die uns galten, pfiffen über uns hin, ohne uns zu treffen. Der Schiffer keuchte vor Anstrengung, und auch Mathis führte das Ruder mit Aufbietung all seiner Kraft. Gott war uns gnädig. Das feindliche Boot verschwand im Nebel, während bald darauf, schon ziemlich deutlich zu erkennen, das rettende – das deutsche – Ufer vor uns lag. Auch ein Haus schien da zu stehen, denn wir bemerkten ein Licht. Nicht lange mehr, und wir hatten deutsches Land erreicht. Der Schiffer sprang an das Ufer, befestigte das Boot, und wir konnten wohlbehalten aussteigen. Mit welchen Gefühlen betrat ich das Land, das nicht Frankreich war! Der Schiffer, unser Retter, begleitete uns zu einem ihm wohlbekannten Hause in der Nähe und empfahl uns den Bewohnern desselben, die uns freundlich aufnahmen.

‚Mathis,‘ sagte ich, ‚lohne dem Braven, der uns gerettet, reichlich diese muthige That!‘ – und der treue Diener that, wie ich befohlen.

Der Schiffer erschöpfte sich in Danksagungen und wünschte mir eine baldige glückliche Rückkehr in besserer Zeit. Dann erbot sich Mathis, da wir in dem kleinen Hause nicht wohl die Nacht verbringen konnten, in die ihm wohlbekannte sehr nahe kleine Stadt zu gehen und einen Wagen zu bestellen, der mich und die Meinigen so bald wie möglich dahin abhole.

Es war fast Mitternacht, als wir in einem Gasthause jener Stadt ankamen, wo wir nach dem ereignißreichen Tage endlich Ruhe fanden. Wir verweilten dort beinahe eine Woche lang, um uns ganz zu erholen, bevor wir die Reise weiter fortsetzten, deren nächstes Ziel Freiburg sein sollte, wo ich Nachricht von der Jugendfreundin erhalten zu können hoffte, da die Besitzung ihrer Eltern, wie ich mich wohl erinnerte, in der Nähe jener Stadt gelegen war und die Freundin selbst mit dem Sohne des Nachbars hatte verheirathet werden sollen. Freiburg, wo ich während meiner hoffentlich nur kurzen Abwesenheit aus dem Vaterlande zu verweilen gedachte, war damals eine fast französische Stadt geworden, in welcher sich namentlich viele geflüchtete französische Geistliche, auch solche aus Klöstern, aufhielten. Häufig begegnete man ihnen in ihren verschiedenen Ordenstrachten in den Straßen.

Es gelang mir bald, eine wenn auch bescheidene Wohnung dort zu finden, die nach der einen Seite hin den Blick auf den rebenbepflanzten Schloßberg, nach der andern auf den zierlichen Thurm des herrlichen gothischen Münsters gestattete. Den Namen meines Mannes, den ich bis dahin hatte führen müssen, legte ich nun ab, um mich auch in dieser Weise ganz von ihm loszusagen und durch den Namen nicht fortwährend an ihn erinnert zu werden. Ich nannte mich nach den Disteln in dem Wappen meines Vaters Madame Chardon und untersagte meinen Leuten streng, mich jemals anders als mit diesem einfachen, unbekannten Namen zu bezeichnen. Ich fühlte mich nun gesichert, auch ziemlich beruhigt und gewöhnte mich bald an das stille Leben, das mir um so mehr wohlthat, als die Nachrichten aus Frankreich und namentlich aus dem Elsaß täglich grauenerregender lauteten. Von andern Sorgen war ich frei. Mein Kind gedieh sichtbar, und durch Mathis hatte ich in Frankfurt einen Theil der dort hingelegten Gelder erheben lassen.

Eines Tages, als ich aus dem Münster kam, in welchem ich regelmäßig meine Andacht verrichtete, stieg aus einem Wagen, der an dem Haupteingange hielt, eine stattliche, schwarz gekleidete Dame. Meine Blicke fielen zufällig auf sie, und kaum konnte ich einen freudigen Ausruf zurückhalten, denn ich erkannte in ihr, wie sehr sie sich auch verändert hatte, die Mutter meiner Klosterfreundin, die ich stets verehrt und geliebt hatte. Sie dagegen schien mich nicht zu erkennen. Ich hatte freilich seit dem Aufenthalt im Kloster zu Straßburg ein ganz anderes Aussehen erhalten. Dennoch trat ich ihr freudig entgegen und rief ihr den Namen jenes Klosters zu. Sie blieb verwundert stehen und sah mich forschend an. Da nannte ich ihr meinen Mädchennamen. Sofort traten ihr die Thränen in die Augen, und sie ergriff meine beiden Hände. Ich berichtete ihr flüchtig, daß ich aus meinem unglücklichen Vaterlande geflohen sei und seit einigen Tagen hier in Freiburg wohne. Dann fragte ich nach ihrer Tochter, meiner Freundin, und erzählte, daß ich derselben eigentlich zürne, weil sie mir keine Antwort auf meine Briefe gegeben.

‚Ein Geschäft,‘ entgegnete die Dame darauf, ‚hat mich heute nach Freiburg geführt, und ich kann die Stadt nie verlassen, ohne im Münster zu beten. Geben Sie mir Ihre Wohnung an! Ich komme zu Ihnen, um mit Ihnen von meiner Tochter zu sprechen.‘

Ich that, wie sie gewünscht hatte, und wir schieden. Die Dame trat in den Dom, ich aber eilte nach Hause. Eine halbe Stunde später klingelte es an meiner Thür, und die Mutter meiner Freundin trat bei mir ein. Sie erzählte unter Thränen, daß sie keine Ruhe mehr finde, seit ihre unglückliche Tochter im Grabe ruhe, denn sie klage sich täglich an, daß sie die Schuld an dem Tode derselben trage.

‚Seit dem Tage,‘ begann die unglückliche Frau, ‚an welchem sie den ihr bestimmten Bräutigam gesehen, verfiel meine arme Tochter in tiefe Trauer. Unter Thränen erklärte mein beklagenswerthes Kind, daß es den Mann, mit dem es verbunden werden sollte, nie werde lieben lernen. Das ganze Wesen desselben war dem zarten Mädchen in tiefster Seele verhaßt, denn nur zu bald wurde es klar, daß er alle üblen Eigenschaften der Franzosen, ihre Laster und ihre gleißenden Formen, ohne eine Spur von deutschem Gemüthe besitze. Dennoch stellte ich meiner Tochter in unseliger Verblendung vor, daß sie durch Voreingenommenheit sicherlich sich täuschen lasse, und, wie sie immer sanft und gehorsam gewesen, willigte sie auch diesmal, um ihre Eltern nicht zu betrüben, nach kurzem Widerstreben ein, die Frau des jungen Grafen zu werden. Sie hoffe, sagte sie, ihn wenigstens achten zu lernen, wenn es ihr auch nicht möglich sein werde, ihn zu lieben. Die Trauung erfolgte, und meine Tochter bezog mit ihrem Manne eine Besitzung in der Nähe, die ihm sein Vater überließ – aber achten und lieben lernte sie ihn nicht. Nach kurzer Zeit fanden sich mehrere seiner Pariser Freunde und leider auch seiner Freundinnen ein, und es begann ein Leben so toll und frech, daß ich es zu schildern gar nicht versuchen will. Meine Tochter verbrachte ihre Tage in Trauer und Einsamkeit, weil sie sich weigerte an den Festen und Lustbarkeiten Theil zu nehmen, die alle Tage stattfanden und die sie verletzten. Gott verzeihe mir, daß ich es ausspreche – es war ihr Glück, daß sie im Kindbette starb. Ihr Mann, der junge Graf, hatte sich durch seine Lebensweise in maßlose Schulden gestürzt; seine Besitzung wurde verkauft, die andern Schulden [769] aber zu bezahlen, verweigerte sein Vater; er selbst ging nach Coblenz und trat in das Heer der französischen Prinzen und Emigranten.‘

Ich weinte mit der armen Mutter und versprach ihr, einige Tage zu ihr zu kommen, ehe ich aber mein Versprechen ausführen konnte, sah ich mich durch die täglich sich wiederholender Gerüchte von dem nahe bevorstehenden Erscheinen der Sansculotten in Deutschland veranlaßt, das zu dicht an der Grenze Frankreichs liegende Freiburg zu verlassen und einen anderen, sicherern Zufluchtsort aufzusuchen. Ich fand keinen mir ganz zusagenden, und wir zogen deshalb unstät von Stadt zu Stadt: wir hielten uns in Mannheim und Frankfurt und eine längere Zeit in Weimar auf, wo die verwittwete Herzogin Amalie mich sehr freundlich aufnahm. Ich hätte hier ruhig und unbelästigt leben können, aber – es waren nun seit meiner Flucht Jahre vergangen, und die Gelder, die ich nach Deutschland mitgebracht hatte, fingen allmählich an, zu Ende zu gehen; ich hatte mich sogar bereits genöthigt gesehen, einige meiner Juwelen zu verkaufen, so daß ich nicht mehr ohne Besorgniß in die Zukunft sehen konnte, zumal an eine baldige Rückkehr nach Frankreich für mich noch nicht zu denken war. Geld aus Frankreich zu erhalten, war ganz und gar unmöglich. Die Nachrichten aus der Heimath lauteten zwar beruhigend, mir widerstrebten aber die Zustände dort noch immer, und ich blieb fest entschlossen, meinen Fuß auf den Boden des blutgetränkten Frankreichs nicht zu setzen, so lange man die königliche Familie nicht zurückberufe und die Republik bestehen lasse. Nach meinem Manne mich zu erkundigen, unterließ ich aus fortdauernd ungeschwächtem Hasse gegen denselben, aber man meldete mir unaufgefordert, daß die Folgen meiner Flucht traurig genug gewesen.

Meine Besitzung mit dem merkwürdig alterthümlichen Schlosse, von dem aus ich geflohen, war von der revolutionären Regierung eingezogen worden, wie die Güter aller Emigrirten. Die Besitzung hatte auch verkauft werden sollen, mein Mann aber hatte es durchzusetzen gewußt, daß sie ihm als Belohnung für seine der Revolution geleisteten Dienste eigenthümlich überlassen wurde. Man meldete mir auch, daß ich durch ihn von Spionen umgeben, daß die Räuber, durch die ich auf meiner Flucht überfallen worden von ihm gedungen gewesen wären und den Auftrag erhalten hätten, mir nur das Geld abzunehmen, das ich im Wagen bei mir haben dürfte, mich selbst aber reisen zu lassen. Das Kind freilich sollte mir auch geraubt werden, aber nicht, so lange ich mich auf französischem Boden befände, weil man mit Recht erwartete, ich werde mich von ihm nicht trennen lassen. Aus diesem Grunde sollte das Boot, das uns über den Rhein brachte, mit Gewalt angehalten, das Kind hier mir entrissen, zu seinem Vater zurückgebracht, ich aber verhindert werden, demselben zu folgen. Deshalb hatte man uns auf dem Rheine anzuhalten versucht, deshalb sogar auf uns bei der Ueberfahrt geschossen, und nur der ungewöhnlichen Anstrengung des braven Schiffers war es zu danken gewesen, daß der schändliche Plan mißrieth. Für seine gute That war dann aber leider der Schiffer gleich nach seiner Rückkunft in die Heimath festgenommen worden, weil er mir, einer Aristokratin, zur Flucht verholfen. Er war als das erste Opfer des Ungeheuers Eulogius Schneider gefallen, als dieser mit der Guillotine in jener Gegend erschienen war.

Alle diese Nachrichten erschütterten und erzürnten mich heftig. Dazu kam mein täglich wachsender Haß gegen den neuen Helden der Revolution, gegen Bonaparte, von dem ich im Anfange gehofft hatte, er werde die Familie des ermordeten Königs zurückführen und dem Ungeheuer ‚Revolution‘ das Haupt zertreten, der aber, wie sich bald deutlich zeigte, die Herrschaft derselben weiter, selbst über die benachbarten Länder ausbreitete und vielleicht gar für sich und seine eigenen ehrgeizigen Pläne thätig war.“




Hier endeten die Aufzeichnungen, und der junge Förster, welcher mit Spannung gelesen hatte, rief unbefriedigt aus:

„Nun bin ich so klug wie vorher und weiß nicht, warum Ihr in Deutschland geblieben seid und warum wir uns gerade hier befinden.“

„Das werde ich Dir erzählen,“ entgegnete sein Vater, „und zwar sogleich, da wir gerade jetzt ganz ungestört sind. Höre mich also aufmerksam an! Was Du gelesen hast, ist Alles noch vor Ablauf des vorigen Jahrhunderts geschehen. Ich und Marie, die Tochter der Schreiberin, waren noch sehr jung, ich erinnere mich aber noch lebhaft unseres Aufenthaltes in Weimar, von dem in den Aufzeichnungen zuletzt gesprochen wird, und ich sehe noch immer die gnädige Frau, wie sie damals aussah, vor mir. Mein Vater, der der beste Schütze seiner Zeit war, gefiel bei einer großen Jagd, die der Herzog von Weimar veranstaltete, einem der anwesenden fremden Herren so sehr, daß er von demselben aufgefordert wurde, in seine Dienste zu treten. Dieser Herr war der Vater unseres jetzigen Guts-Oberherrn. So angenehm meinem Vater der Antrag war, der seinen Neigungen und Kenntnissen vollständig entsprach, und so gern er ihn gewiß angenommen hätte, schlug er ihn doch aus, weil er sich nicht entschließen konnte, seine Herrin zu verlassen. Er sprach dies gegen den fremden Herrn unverholen aus und gewann dadurch die Achtung desselben in dem Maße, daß er aufgefordert wurde, zu bleiben wo er sei, zugleich aber auch die Versicherung erhielt, daß er ihm zu jeder Zeit willkommen sein werde.

Bald nach jenen Jagdtagen erkrankte unsere liebe Herrin aus Verdruß über eine neue Nachricht aus Frankreich. Vielleicht war es die Nachricht gewesen, daß ihr Gemahl, den sie so sehr haßte, daß sein Name vor ihr nie genannt werden durfte, in der Armee Bonaparte’s diene, den sie nie anders als den Usurpator und den größten der Revolutionäre nannte. Ihre Krankheit verschlimmerte sich von Tag zu Tag, und die gute Frau selbst fing an zu glauben, daß sie bald werde sterben müssen.

Eines Tages ließ sie uns Alle an ihr Bett bescheiden, um Abschied von uns zu nehmen. Sie verfügte über ihr Vermögen, das nur noch klein war, bestimmte eine Summe für ihr Begräbniß, eine andere für die Pflegerin ihres Kindes, der sie zugleich empfahl, sobald wie möglich in ihre Heimath zurückzukehren; denn sie wußte, daß die Frau große Sehnsucht nach Frankreich empfand. Meinem Vater übergab sie den ihr gebliebenen Rest von Schmucksachen mit dem Auftrage, dieselben nach und nach zu verkaufen und für ihre Tochter zu verwenden. ‚Nimm die Dir angebotene Jägerstelle an,‘ fuhr sie fort, ‚aber führe mein Kind mit Dir und laß’ es gemeinsam mit Deinem Knaben erziehen! Der Gedanke, meine Tochter könne einmal ihrem Vater wieder übergeben werden, läßt mich nicht ruhig sterben. Schwöre mir, treuer Diener, jenem Manne, der mich so unglücklich gemacht hat, den Aufenthalt seiner und meiner Tochter stets zu verheimlichen! Nenne Niemandem den wahren Namen und Geburtsort des Kindes! Laß’ meine Tochter in Unkenntniß über ihren Stand und ihr Herkommen! Erziehe sie einfach, wie ich es bisher gethan, in der Furcht Gottes und in der Liebe zu ihrem Fürsten!‘

Dann nahm die Kranke ein goldenes Medaillon, auf dem man außen das Bild eines alterthümlichen seltsamen Schlosses in sehr schöner Prägung und Ciselirung sah und in dem sich ein neues Portrait ihres Vaters befand, vom Halse. Sie übergab es meinem Vater mit den Worten: ‚Dies soll meine Tochter anlegen und niemals von sich thun, wie ich es nie abgelegt habe. Meine Mutter, die es als Brautgeschenk von meinem Vater erhielt, hat es ebenfalls stets getragen.‘ Mein Vater schwor mit Thränen in den Augen, getreulich Alles zu erfüllen, wenn, was er nicht fürchten möge, der Tod sie uns entreiße.

Sie lebte darauf nur noch einige wenige Tage. Die Kammerfrau machte sehr bald Gebrauch von der erhaltenen Erlaubniß, nach Frankreich zurückkehren zu dürfen, und verabschiedete sich eilig, sowie ohne großen Schmerz von uns und dem Kinde ihrer Wohlthäterin, das sie über Alles zu lieben vorgegeben hatte. Aber auch das Kind sah sie ohne Trauer ziehen. Mein Vater, der nun mit zwei Kindern, einem eigenen und einem fremden, im Auslande sich befand, konnte sich dennoch nicht entschließen, in sein Vaterland zurückzukehren; er schrieb vielmehr an den Herrn, der ihn hatte in seinen Dienst nehmen wollen, meldete demselben, daß er jetzt bereit sei zu kommen, und erhielt bald darauf die Weisung, sobald wie möglich einzutreffen.

Er verließ alsbald Weimar mit mir und Marie; wir zogen hierher, und die neue stille Wohnung am Walde wurde uns allmählich eine wirkliche liebe Heimath. Wir lernten die guten Leute im Dorfe kennen und spielten wohl auch gelegentlich mit den Kindern. Ich erinnere mich, daß Marie von den anderen Mädchen ihres Alters im Dorfe durch ihre lieblichere [770] und gewandtere Zierlichkeit, durch die dunklere Farbe ihrer Augen und ihres Haares, sowie durch ihre weit größere Lebhaftigkeit sich unterschied, die sich sogar bis zur Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit steigerte. Wir Beide hatten beim Schullehrer und Pfarrer Unterricht, auch in der Religion und zwar im protestantischen Glauben, weil weit und breit kein katholischer Geistlicher sich befand. So wuchsen wir allmählich heran in jugendlichem Glücke und fühlten uns durch nichts Fremdes von unseren Nachbarn und Bekannten getrennt, zumal wir Beide unsere Muttersprache wenig übten, da sie selbst in unserm Familienkreise mehr und mehr außer Gebrauch gekommen war.

Als die Franzosen bis in unsere Nähe gelangt und bei Jena die große Schlacht siegreich geschlagen hatten, war Marie bereits eine stattliche Jungfrau geworden, und ihre Angst vor den französischen Soldaten steigerte sich von Tag zu Tag, gleichsam als sei dieselbe eine Erbschaft von ihrer Mutter, wie das Medaillon, das sie nach der Weisung derselben stets am Halse trug. Oftmals bat sie uns sogar um Verzeihung, daß sie uns mit dieser ihrer Furcht quäle, aber welche Mühe sie sich auch gab, ruhig zu sein, wurde sie doch stets von unerklärlicher Angst ergriffen, wenn sie nur von Franzosen sprechen hörte.

Eines Tages, als sie auch so gegen mich sich aussprach und zwar als wir Beide allein hier im Zimmer waren, antwortete ich:

‚Fürchte Dich nicht, liebe Marie! Ich bin ja bei Dir und ich schütze Dich, sollte es mir auch mein Leben kosten.‘

Sie schmiegte sich nach diesen Worten an mich, als suche sie an meiner Brust den Schutz, den ich ihr verheißen hatte. Was in diesem Augenblicke in mir vorging, weiß ich nicht. Ich hatte Marie immer sehr lieb gehabt, lieb wie eine Schwester, jetzt auf einmal sah ich nicht die ‚Schwester‘ in ihr, sondern nur das schöne Mädchen, und entdeckte plötzlich in meinem Herzen ein Gefühl, das andere, leidenschaftlichere Liebe war. Unwillkürlich umfaßte ich sie, die sich vertrauensvoll an mich gelehnt hatte; ich mußte ihr sagen, daß ich sie liebe und nichts mehr wünsche, als sie mein Weib nennen zu können, und ich fragte sie, ob sie die Meine werden wolle.

‚Ewig die Deine!‘ antwortete sie. ‚Ich habe Dich immer geliebt und es oftmals in stiller Nacht der Mutter im Himmel gestanden, während ich ihr Medaillon küßte, auch meinen Wunsch gegen sie im Gebete ausgesprochen, immer bei Dir zu bleiben.‘

Das war unsere selige Verlobungsstunde.

Als der Vater dann zu uns kam, theilten wir ihm mit, was wir einander gestanden und gelobt hatten.

‚Ich gebe gern meinen Segen dazu.‘ antwortete er, ‚und ich weiß, daß ich Dir, Marie, auch den Segen Deiner Mutter geben kann. Als ich ihr geschworen habe, getreulich alles Das zu thun, was sie mir über Dich aufgetragen, setzte sie leiser, gegen mich gewandt, die Worte hinzu, die ich Euch jetzt wiederholen darf. Sie sagte: ‚Wenn die Kinder herangewachsen sind, und in ihren Herzen entwickelt sich eine Neigung zu einander, so daß sie als Gatten mit einander durch das Leben gehen möchten, so tritt ihrem Wunsche nicht entgegen! Ich habe die feste Ueberzeugung, daß meine Tochter an der Seite Deines Sohnes glücklicher sein wird, als ich es in anderen Verhältnissen gewesen bin. Nur laß sie nie nach Frankreich zurückkehren, wie Du mir feierlich geschworen hast!“

‚Von dem, was Deine Mutter sonst besaß, Marie,‘ fuhr mein Vater fort, ‚ist nichts mehr übrig geblieben als ein Perlenhalsband, das ich nie verkaufen mochte, obgleich sie mir die Erlaubniß dazu gegeben hatte, weil ich wußte, daß es ihr liebster Schmuck gewesen war, ein Andenken an ihre Mutter.‘

Er suchte das Perlenhalsband hervor und übergab es Marie, die bald dieses neue Andenken an die theure Mutter, bald das Medaillon unter Freudenthränen küßte. Wir saßen an dem Tage noch lange traulich bei einander, denn der Vater, der ungewöhnlich heiter geworden war, erzählte vielerlei aus Frankreich und von vergangenen Zeiten. Seine Heiterkeit wurde nur ein wenig gestört, als Marie ihn bat, ihr auch von ihrem Vater etwas mitzutheilen. Es schien ihm schwer zu werden, eine rechte Antwort darauf zu finden. Endlich sagte er:

‚Ich habe ihn nicht gekannt, und Deine Mutter sprach nie von ihm.‘

Der Bund unserer Herzen empfing die priesterliche Weihe, doch verging, ehe das geschehen konnte, eine ziemlich lange Zeit, denn der Geistliche verlangte Papiere über unsere Herkunft, die theils nicht zu beschaffen waren, theils der Vater zu erlangen nicht einmal versuchen wollte. Endlich erfolgte unsere Trauung, ohne daß die geforderten Papiere vorgelegt worden wären, weil man der Versicherung des Vaters glaubte, daß sie im Sturme der Revolution verloren gegangen. Wir waren nun insgesammt über alle Beschreibung glücklich, da mir die Zusicherung gegeben war, des Vaters Nachfolger zu werden, namentlich aber da auch der Krieg eine Zeitlang geschwiegen oder sich in ferne Länder gezogen hatte. Leider sollte die Zeit des Friedens nicht lange währen. Im Frühlinge des Jahres 1813 zeigten sich wieder gewaltige Truppenmassen auch in unserer Gegend, und es hieß sogar, daß es in unserer Nähe zur Schlacht kommen werde. An einem der ersten Maitage jenes Jahres, als ich im Dunkel des Abends von einem Gange zurückkam, sah ich drüben auf der Anhöhe hinter dem Dorfe, in der Richtung nach Lützen hin mehrmals Leuchtkugeln aufsteigen, und ein Bekannter, der mir begegnete, wollte am Tage fernen Kanonendonner gehört haben.

Am andern Tage – ein Sonntag war es, wenn ich nicht ganz irre, – schon ziemlich früh erschienen bei uns Flüchtlinge aus dem nächsten Städtchen, die mit Entsetzen meldeten, es würden zahlreiche Verwundete von dem Schlachtfelde bei Lützen dahin gebracht und ein Theil des siegreichen französischen Heeres ziehe heran. Es sei möglich, daß es auch zu uns kommen werde. Indeß verging uns der Tag ruhig, wenn auch in großer Angst und Aufregung. Gegen Abend etwa kamen in der That endlose Massen französischer Infanterie aus dem Walde auf dem Wege unterhalb des Dorfes heraus und wendeten sich diesem zu. Ich sehe sie mit den langen Gamaschen und den hohen schwarzen Bärenmützen noch deutlich vor mir. Sie sangen. Voll Besorgniß fragten wir uns Alle, wohin die Schaaren sich wenden würden, da es bereits zu dunkeln anfing. Marie zitterte vor Angst und schloß die Thür des Hauses. Ich wich nicht von ihrer Seite, denn sie war, was wir lange vergeblich ersehnt hatten, zum ersten Male guter Hoffnung; der Vater dagegen ging bis an das Dorf, um zu sehen, wohin die Truppen zögen, und es uns dann zu berichten. Sie marschirten, wie er uns heimkehrend berichtete, in dichtgeschlossenen Reihen durch die Gassen des Dorfes, noch immer singend, bis auf die Felderfläche vor demselben. Dort machten sie Halt. Sie schienen, wie der Vater meinte, die Nacht hier verbringen und ein Lager aufschlagen zu wollen.

Unterdeß war es völlig Abend geworden. Es herrschte eine Todtenstille im Dorfe, weil sich in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, Niemand regte. Plötzlich vernahm man eigenthümliche Trommelschläge, die bis zu uns drangen und einen schauerlichen, unheimlichen Eindruck in der stillen Nacht machten.“


(Schluß folgt.)




Der Maler der „Wild-, Wald- und Waidmannsbilder“.
Ein Stück Selbstbiographie.


Von den Meinigen jederzeit auf’s Herzlichste geliebt, wie ebenfalls von Spiel- und Schulgenossen wohlgelitten, wurde ich in meiner Jugend nur von meinem grämlichen Rector als eine unverbesserlich nichtsnutzige Range verschrieen. Freilich war ich kein Stubenhocker und stillsitzender, fleißiger Schüler, ließ vielmehr oft genug Aufgaben Aufgaben sein, und eilte dafür hinaus in die bis unmittelbar an meine Vaterstadt heranreichende, von mir schon damals so heiß geliebte Dresdener Haide, dort in stiller Waldeinsamkeit das rege Thierleben, von der Ameise und der gaukelnden, tiefblauschillernden Libelle an bis zu der rastlos muntern Vogelwelt und dem scheuen Wilde aller Art, mit innigster Herzenswonne zu belauschen. Dabei regte sich aber doch bereits

[771]
Die Gartenlaube (1874) b 771.jpg

Guido Hammer.
Nach einer Photographie von Christ. Hahn in Dresden.

auch in mir der dem Menschen so tief innewohnende begehrliche Drang: die harmlosen Geschöpfe des Waldes nicht nur betrachten, sondern auch – lebendig oder todt – besitzen zu wollen. Und dieses selbstsüchtige Trachten lehrte mich denn schon als Knaben, mit Geschick Fische, junge Vögel und Eichhörnchen, Igel und dergleichen mehr mit den Händen zu fangen, wie ich durch Vogelsteller von Profession, Feld- und Waldhüter und sonstige oft recht problematische Naturen, mit denen ich draußen in freundlichem Verkehr trat, Sprenkel und Dohnen und Fallen stellen, beziehentlich mit ihren verrosteten Dienstgewehren allerhand Gethier, worunter auch schon Lampe eine Rolle spielte, erlegen lernte.

So ward denn frühzeitig der Grund zu meiner späteren Jagdleidenschaft gelegt, und der von Kindheit an instinctiv gehegte Wunsch: einst Jäger von Beruf werden zu wollen, zum ernstlichen Plane befestigt. Doch der Mensch denkt – Gott aber lenkt! Als ich nach meinem vierzehnten Jahre dem mir verhaßten Schulzwange entronnen war und nun freudig der zuversichtlichen [772] Hoffnung lebte, endlich bei einem Förster als Lehrling eintreten zu dürfen, um dabei vollberechtigt Tag und Nacht im stillen Walde hausen zu können – da trat als hinderndes Schicksal mein guter Vater, der ernste, stramme Ministerialbeamte, auf Grund seiner unüberwindlichen Abneigung gegen die lustige, freie Jägerei, mit einem gebieterischen Nein! dazwischen. Hingegen versagte der mir ja sonst so sorglich Wohlwollende unter Beistimmung meiner für alles Poetische und Künstlerische leicht empfänglichen lieben Mutter seine Genehmigung nicht einen Augenblick dazu, meines ältesten Bruders Julius, des Dichters von „Schau um Dich und schau in Dich“, Rath befolgen zu dürfen, die Akademie zu besuchen, um mich darin zum Maler auszubilden. Hiermit begann denn eine neue Aera für mich.

In dieser unterbrach ich aber keineswegs meine geliebten Waldgänge, sondern gab mich dem mir ganz unentbehrlich gewordenen Genusse nur um so schrankenloser hin, als ich mir die Grenzen dazu bedeutend erweiterte. Infolge dessen galten jetzt meine Ausflüge zumeist der poesiereichen Umgebung des bekannten königlichen Jagdschlosses Moritzburg mit seinem umfänglichen Thiergarten. Hier weilte ich nun an waldumschlossenen verschilften Teichen und weiten Brüchen unter dem dort immerhin leicht zugänglichen Wilde aller Art tagelang, ja oft die mondhellen Nächte hindurch, um dessen selbst geheimstes Gebahren nach und nach zu erlauschen. Auch versäumte ich niemals, den königlichen Jagden, welche draußen abgehalten wurden, beizuwohnen, natürlich nur als geduldeter Zuschauer oder höchstens freiwilliger Treiber. Hierbei fand ich aber doch durch angeknüpfte Bekanntschaften mit der dortigen Jägerei endlich auch die längst und heiß ersehnte Gelegenheit, selber mit der Büchse in der Hand auf „Nachsuchen“ oder bei befohlenem Abschusse von Wild unter der Hand thätig mit eintreten zu dürfen. Und da ich hierbei eine nicht gewöhnliche Geschicklichkeit, namentlich Raschheit, entwickelte, außerdem aber auch noch ein allezeit williger, anstelliger, unermüdlicher und dadurch nützlicher Gehülfe beim Transporte und „Aufbrechen“ des erlegten Wildes war, und dieses in der Regel auch noch zur Freude aller Grünröcke „so hübsch abmalte“, so ward ich von diesen nach und nach – als in ihre „Farbe“ passend – wie ein ihnen ebenbürtiger Standesgenosse betrachtet.

Es ist mir ja aber auch später das edle Waidwerk in der That, schon um meines erwählten Faches in der Kunst willen, zum wirklichen Berufe geworden, so daß ich nach dem Verlassen des Ateliers meines vortrefflichen Lehrers und Meisters meine Existenz lediglich darauf stützen konnte und mußte; habe ich doch bis heute nur in der Jägerwelt Mäcene gefunden. Aber die Höchstgestellten davon haben mich nicht nur mit ihren Aufträgen beehrt und an ihren Jagden teilnehmen lassen, wie der so kernfeste, ritterliche Jägersmann, der regierende Herzog von Coburg, und der Altmeister im Waidwerk, der hochherzige Reichsgraf zu Solms – nein, Beide erstreckten in wahrer Liebe zu Jägerei und Kunst ihre Huld für mich, der ich ihnen als Vertreter einer wie der andern Richtung gleichviel gelte, auch noch so weit, daß sie mich bei vielen Gelegenheiten auszeichneten und wahrhaft beglückten. Zumal das gesammte edle Haus zu Solms hat mir in nie erloschener freundlicher Zuneigung so unendlich viel Liebes erzeigt, daß es sogar vor Kurzem meine heißeste Sehnsucht nach einem eigenen Heim gestillt. Hier im föhrenumrauschten, hirschgeweihgeschmückten, trauten Häuschen, wo ich nun frohgemuth und sorglos an der Seite meiner Lieben schaffen und wirken kann, fühle ich mich jeden Tag von Neuem so überglücklich, daß mich mein Herz mit unwiderstehlicher Gewalt dazu drängt, gerade an dieser Stelle, vor aller Welt, meine unauslöschliche Dankbarkeit dafür zu bekunden.

So hat sich meine warme Liebe und getreue Anhänglichkeit für die Jägerei reich belohnt, wie ich mich denn überhaupt rühmen darf, so glücklich gewesen zu sein, daß wo ich mit deutschen Jägern, hoch oder niedrig, zusammengetroffen, ich überall im raschen Fluge deren Freundschaft gewann. War es in Sachsens holzreichen Gebirgen oder Gauen, war es in Böhmens herrlichen Forsten, war es in Schlesiens weitgestreckten, bis hinein nach Polen und Galizien reichenden kiefernbestandenen, wundersam anziehenden Wälderstrichen, war es im bairischen, tiroler oder steirischen Hochlande mit seinen urwäldlichen Beständen, Almen, Schroffen und schneegegipfelten Firsten, oder war es selbst am fernen Meeresstrande des Bosporus – überall fand ich Freunde unter den Jägern. Bedarf’s doch aber auch bei Waidleuten nur, sich Aug’ in Aug’ zu blicken, einen biedern Händedruck, dazu ein frisches, echtes Jägerwort – und Herz zu Herz hat sich gefunden.

Doch auch einigen wenigen Nichtjägern bin ich, namentlich in Bezug auf meine Künstlerlaufbahn, in meinem Leben zu innigem Danke verpflichtet worden. So werde ich in treuer Erkenntlichkeit es niemals vergessen, daß Professor Hübner, der vielbegehrte Meister, es war, der mich nach meinem akademischen Cursus aus eigenem Antriebe seiner auserwählten Schülerzahl einreihte und mich dadurch zu Dem gebildet hat, was ich als Künstler geworden. Neben diesem aber hat mein Freund Professor Bürkner durch anregende Aufträge für den Holzschnitt, wie allererste Verwendung meiner schriftstellerischen Arbeiten mir den Weg gebahnt, nun schon seit zwei Jahrzehnten in diesen Spalten durch Bild und Wort vor meine Leser treten zu dürfen. Und wenn ich ihm, dem freundlichen Vermittler hierzu, noch heutigen Tages auf’s Wärmste dafür danke, um wie viel mehr noch dem Begründer und Leiter der „Gartenlaube“, meinem lieben, hochverehrten Freunde Keil, der mir in jeder Beziehung und allezeit mit seiner Uneigennützigkeit die Hand geboten und herzlichste Zuneigung bewiesen![1]

So schließe ich denn dankbaren Herzens gegen Alle, auch nicht Genannte, welche mir im Leben Gutes gethan, meine vom freundlichen Gönner mir abgeforderte Lebensskizze, doch nicht, ohne auch noch meinen lieben Lesern als begleitenden Gruß zu nebenstehendem Conterfei ein recht herzliches „Waidmanns Heil!“ zuzurufen.

Guido Hammer.


  1. Die bestimmte Ordre des seit zwanzig Jahren getreuen Mitarbeiters meiner Gartenlaube, vorstehenden Artikel Wort für Wort und unverändert abzudrucken, zwingt mich, auch diesen letzten Passus in seiner ursprünglichen Fassung aufzunehmen. Von einer „Uneigennützigkeit“ kann aber bei Hammer’s vortrefflichen künstlerischen Leistungen, die jedem Blatte eine stets willkommene Zierde sein würden, nicht die Rede sein.
    E. K.




Literaturbriefe an eine Dame.


Von Rudolf Gottschall.


XV.


Sie zweifeln doch nicht an der Macht der Sympathien, verehrte Frau? Welche Frau hätte jemals an einer Macht gezweifelt, der sie allein ihre Siege verdankt!

Doch in der Literatur will man von der Sympathie nichts wissen. Die ästhetische Kritik kommt mit ihren unveräußerlichen Maßstäben, rückt sich die Brille zurecht, mißt und secirt die Dichter und bestimmt nach anatomischen Grundsätzen am Secirtische, ob ihr Organismus gesund, ob ihr Herz zu groß oder zu klein ist, ob ihr Gehirn an Blutarmuth oder Blutüberfüllung leidet. Das geht Alles so streng wissenschaftlich zu! Unfehlbar wie des ferntreffenden Apollo Lichtgeschoß ist der Ausspruch der Kritik – und wenn irgend ein Marsyas geschunden wird wegen seines unglückseligen Flötenspiels, so findet diese Execution ebenfalls nach allen Regeln der Kunst statt.

Und doch, verehrte Frau, mit dieser olympischen Hoheit der Kritik, mit dieser Würde und Unfehlbarkeit ist es nicht ganz geheuer! Ihre Cirkel werden oft gestört, öfter als sie selbst in ihrem erhabenen Selbstbewußtsein glaubt – und was diese Cirkel stört, das ist eben jenes geheimnißvolle Wesen mit dem Januskopfe, das ist die Sympathie[WS 1] und Antipathie, die uns wie mit einem nervösen Fluidum magnetisiren. So gut wie uns dieser oder jener Sterbliche gleich bei seinem Erscheinen mit seiner ganzen Persönlichkeit auf das Wohlthuendste berührt, daß wir in seine Zaubersphäre wie festgebannt sind, ohne von seinen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sympathe

[773] Vorzügen oder Tugenden etwas zu wissen; so gut wir einen Andern nicht ausstehen können, und wenn er der bravste Mann wäre, wie ihn Bürger mit Orgelton und Glockenklang feiert: ebenso ergeht es uns mit den Dichtern. Es giebt Unsterbliche, die uns abstoßend langweilig und ungenießbar sind, denen gegenüber wir mit Mühe und nur aus Rücksichten auf ihren hohen Rang ein Gähnen unterdrücken; es giebt Sterbliche, die im höchsten Grade sterblich sind, die nur von heute bis morgen leben und die auf uns eine ebenso anziehende wie fesselnde Wirkung ausüben. Und die vornehme Dame Kritik sollte von diesen Neigungen und Abneigungen unberührt bleiben? O nein, verehrte Frau! Sympathie ist der geheime Grund aller Kritik. Es gehört das mit zur Philosophie des Unbewußten. Was im Lichte des Bewußtseins klar und logisch bewiesen wird, das hat seinen tieferen Grund in dem geheimen Magnetismus der Seelen. Eine Zeitlang war es Mode, die Frage aufzustellen, ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter sei. Viele Kritiker haben sich für den einen oder den andern entschieden; sie haben diese Entscheidung sehr beweiskräftig zu begründen gesucht, und doch ging ihre Ueberzeugung jedem Beweise voraus und war unabhängig von allen logischen Schlußfolgerungen; es war Allen die innerste Sympathie, die sie zu dem einen oder dem andern zog und von der dasselbe gilt, was Schiller von der Liebe singt:

Das ist der Liebe heil’ger Götterstrahl,
Der in die Seele schlägt und trifft und zündet;
Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,
Da ist kein Widerstand und keine Wahl.

Diese Sympathie kann, wie wir es bei manchen Bewunderern Shakespeare’s sehen, eine so gefährliche Alleinherrschaft gewinnen, daß sie außer ihrem Lieblingsdichter nichts zwischen Himmel und Erde gelten läßt, daß sie bei jedem Tadel desselben in Wuthausbrüche verfällt; ja, es giebt nicht nur gewöhnliche Sterbliche, sondern selbst Schriftsteller, die sich in einen gefeierten Dichter so hineinleben, daß sie die Welt nur mit seinen Augen ansehen, nur in seinen Versen empfinden, in seinen Sentenzen denken. Man könnte an eine Seelenwanderung glauben – nur daß der Geist des unsterblichen Ahnherrn durch diese Lebensläufe in absteigender Linie geschädigt wird. Wie viele Dichter und Kritiker gehen in Shakespeare ohne Rest auf – und wie viele Abdrücke des britischen Dichters, selbst auf Packpapier und Löschpapier, giebt es in unserer literaturhistorischen Curiositätensammlung!

Aus Gerechtigkeitsgefühl, verehrte Frau, habe ich oft gelobt, was mir persönlich gar nicht behagte, wenn es mir in seiner Art gut und trefflich erschien, und habe auch den sauersüßen Ton zu vermeiden gesucht, der bei solchen Huldigungen aus Gewissenhaftigkeit sich nur zu leicht einstellt. Doch etwas sonorer klingt immer ein Lob, das aus voller Sympathie gespendet wird, und ich will Sie heute an einen Dichter erinnern, dem ich diese Sympathie stets entgegengebracht habe und der auch Ihnen kein Fremdling ist.

Alfred Meißner hat seine „Gesammelten Werke“ in achtzehn Bänden (Leipzig, F. W. Grunow) erscheinen lassen und so eine stattliche Summe langjähriger literarischer Thätigkeit dem Publicum vorgelegt. Es ist ein eigenthümliches Zeichen der Zeit, daß unsere Dichter in ihren besten Jahren bereits solche Gesammtausgaben erscheinen lassen; früher waren dies in der Regel Ausgaben letzter Hand. Auch Paul Heyse, der zehn Jahre jünger ist, als Alfred Meißner, hat bereits seine „Sämmtlichen Werke“ herausgegeben. Productive Schriftsteller, bei denen Erfolge und Mißerfolge bunt durcheinandergehen, fühlen das Bedürfniß in einer raschlebenden Zeit, wo oft nur der letzte Eindruck haftet, sich in ihrem gesammten Wirken der Nation vorzustellen. Eine Summe dichterischer Leistungen fällt ganz anders in’s Gewicht, als ein vorübergehender Erfolg, der oft nur eine aus dem Glückslotto gezogene Nummer ist. Wie viele solche literarische Eintagsfliegen hat der aufmerksame Beobachter im Sonnenscheine flattern und zerflattern sehen!

Alfred Meißner begann als Lyriker, hat aber später als Dramatiker und Romandichter eine vielseitige Thätigkeit entwickelt. Man pflegte ihn längere Zeit mit dem jüngstverstorbenen Moritz Hartmann zusammenzustellen. Beide waren in Böhmen geboren, und hielten sich in Leipzig auf, wo sie die ersten Gedichtsammlungen erscheinen ließen. Und in ihren Gedichten war bei allem Freisinne ein gewisses böhmisches Colorit unverkennbar. Damals schwärmte man für alle Nationalitäten, die in irgend einer Weise unterdrückt schienen oder die Rolle der unterdrückten spielten; mit den Czechen von heute hat man in Deutschland so wenig Sympathien, daß man sich auch für ihre Nationalhelden von früher nicht mehr begeistern kann, und wenn ein Dichter die Trommel Ziska’s heute rühren wollte, so würden wir nur die Trommelwirbel zu hören glauben, mit denen die czechische Reaction ihre Getreuen gegen das Deutschthum und die Freiheit zu den Waffen ruft. Damals aber klang uns „Kelch und Schwert“ sehr romantisch, als ein Symbol der Völkerbefreiung, und wir lauschten mit Andacht der poetischen Kunde der Heldenthaten, welche Ziska mit seinem eisernen Streitkolben vollbracht hat.

Alfred Meißner’s Muse hat einen schwermüthigen Zug; sie liebt die Felseneinsamkeit auf hohen Bergen, in tiefen Schluchten, mit rauschenden Tannenwäldern, und selbst wenn sie auf der stillen See im Abendstrahle ein weißes Segel ziehen sieht, so fühlt sie ein leises Weh durch ihr Gemüth gleiten. In dem tiefen felsumschlossenen Thale, wo die Tannen an den Wänden schauern und der Bergstrom in die Schlucht tost, fühlt der Dichter die Qual hoffnungsloser Liebe, und mitten in dem schroffen, gezackten Felsgebirge, in der Urwüste der Welt ruft er aus:

Hier lerne, wie klein eines Menschen Weh’n,
Hier lerne jauchzen und untergehn!

Dabei trat er auf als Anwalt der Armen und Unterdrückten und hatte eine besondere Vorliebe für die verlorenen Sünderinnen; doch sein Pathos hatte etwas Seelenvolles, eine anziehende und hinreißende Gemüthswärme.

Man hat Meißner oft einen Reflexionspoeten genannt; Sie wissen, verehrte Frau, was es mit solchen Bezeichnungen auf sich hat. Viele wollen, daß die Dichtung gar keine Gedanken zum Ausdrucke bringe, sondern nur in musikalischen Stimmungen dahinschwebe, etwa wie Elfengeister im Mondenscheine. Das ist berechtigt für das Lied, aber nicht für die höheren Gattungen der Lyrik. Alle wahrhaft großen Dichter von Pindar bis zu Schiller und Byron sind gedankenreich gewesen, und ihre Größe besteht eben darin, daß sie dauernden Gedanken die dauernde Form gegeben haben.

Das gefällt freilich vielen Dichterlingen nicht, welche den berechtigten Wunsch hegen, unsterblich zu werden, denen es aber zur Erfüllung dieses so weitverbreiteten Wunsches an dem nöthigen Fonds fehlt. Da ist der sehr gelehrte Professor in Ihrer Kreis- und Gymnasialstadt, der fortwährend in des Knaben Wunderhorn tutet und in deutschen Schulstunden seinen Zöglingen auseinandersetzt, wie man sich in der Dichtung vor Gedanken und Reflexionen hüten müsse, eine Warnung, welcher er selbst so gewissenhaft wie möglich nachkommt. Der dicke Herr leidet an einem fortwährenden lyrischen Asthma, wenn er dichtet; es ist ein beständiges Seufzen und Athemholen. Schreibt er aber eine Ballade, so fehlt Schön-Ellen und Jung-Walter nicht und das beliebte Hopp, hopp! In einem kurzen Verse von zwei Zeilen wird eine innige Liebe abgehandelt, im zweiten ein Ritt bei Mondscheine, im dritten bricht man den Hals oder geräth in die Sümpfe und die Arme der Nixen – das ist der kurzathmige Balladenstyl und gegen ein solches Meisterwerk erscheinen natürlich Schiller’s „gedehnte und schleppende“ Balladen als mißlungene Experimente.

Oder denken Sie an Ihre liebenswürdige Nachbarin, das sentimentale Schloßfräulein, das, der Farbenharmonie zum Trotz, stets in Blau und Grün geht, wie ein Veilchen und Vergißmeinnicht, und jeden Tag einen Strauß der duftigsten Albumsverse pflückt. Da ist alles Glaube, Liebe, Hoffnung; alles quillt so warm aus der Seele heraus; nichts als Empfindung, gestaltlose, nicht greifbare Empfindung, eine Gedankenlosigkeit, wie sie der Gymnasialprofessor nicht vollendeter sich wünschen könnte.

Sie sehen, wie hoch ein Reflexionspoet wie Meißner zu schätzen ist! Freilich, Gedanken ohne Gestaltung wären nicht viel besser; doch Meißner hat in seinen epischen Dichtungen bewiesen, daß er auch ein tüchtiges Gestaltungsvermögen besitzt. Zwar in seinem „Ziska“ wallen und wogen die Bilder oft wie dissolving views durcheinander; es sind eben große Massenbewegungen, von denen sich die düstere Gestalt des Helden abhebt; die stimmungsvolle Beleuchtung durch den Gedanken überwiegt [774] die plastische Gestaltung des Einzelnen; aber es ist Feuer und Leben in diesen Bildern und dichterischer Zug und Schwung.

Auf ein kleines Juwel epischer Dichtung, welches erst neuerdings Meißner’s Muse zu Tage gefördert, möchte ich Sie aufmerksam machen, verehrte Frau; es ist das Gedicht „Werinherus“, dessen Held der Mönch aus Tegernsee, der muthmaßliche Verfasser des altdeutschen Gedichts „Meine Helmpracht“ ist. Der Gegensatz des freien und schönen Griechenthums gegen den dumpfen Mönchsgeist wird hier, nicht in weitschweifigen Betrachtungen, sondern in einer Reihe sinnreicher und lieblicher Bilder uns vorgeführt. Das ausgegrabene Venusbild, welches der Mönch gegen die Volkswuth schützt und dann in seiner Zelle aufstellt, wird seinem ganzen Leben verhängnißvoll; die Liebe, der er sich hingiebt, wie die Liebe, welche er zurückweist, führen ihn in schlimme Verwicklungen, in lange Klosterhaft, bis er zuletzt einsam unter seinen weißen Rosen in Tegernsee als Greis mit dem Silberhaare über die Irrungen des Lebens nachdenkt.

Auch als Dramatiker ist Alfred Meißner aufgetreten. Seine Dramen „das Weib des Urias“, „Reginald Armstrong“ und „der Prätendent von York“ sind, namentlich die beiden letzteren, in der Ausführung nicht so dichterisch glänzend, wie man es von Meißner’s reichem Talente erwarten durfte, aber der dramatische Entwurf ist geistreich, correct und bühnengewandt, und man hatte allen Grund, eine Kraft, wie diejenige Meißner’s, an die Bühne zu fesseln. Gleichwohl zog sich der Dichter nach diesen Versuchen wieder von ihr zurück. Es ist ja das Loos des deutschen Theaters, daß die reichsten Erfolge nur der Mittelmäßigkeit oder gar der auf den rohesten Effect speculirenden Routine zufallen, daß die echten Talente sich jeden Erfolg mühsam erkämpfen müssen, und bald, ermattet von dem Ringen mit den feindlichen Mächten der Bühne, sich wieder einer friedlicheren Wirksamkeit zuwenden. Es ist dies sehr bedauerlich, verehrte Frau, und wenn so oft von dem Verfalle des deutschen Theaters gesprochen wird, so kann man den Grund desselben hauptsächlich in der geringen Unterstützung suchen, welche hervorragende Talente bei dem Publicum finden.

Am bekanntesten in weiteren Kreisen ist Alfred Meißner durch seine größeren Romane geworden, ein Genre, dem er sich von Jahr zu Jahr mit immer größerer Hingebung zuwendete. Er hat es verstanden, dieses Genre nicht zu einem genre ennuyeux, dem einzig unerlaubten, zu machen. In der That, verehrte Frau, ein langweiliger Roman ist ein Gräuel vor dem Herrn zu nennen, denn auch der strengste ästhetische Richter, nicht allein das bloße Unterhaltungsbedürfniß müssen von einem Roman verlangen, daß er spannt und fesselt. Vielleicht steht der Roman nicht in einem ganz legitimen Verhältnisse zu den neun Musen; selbst Schiller wollte in dem Romandichter nur den Halbbruder des Dichters sehen. Doch gerade, was ihm an Berechtigung fehlt, muß er durch Liebenswürdigkeit ersetzen. Eine Ehefrau darf langweilig sein, eine Freundin nicht. Meißner hat aber viele Eigenschaften, die ihn befähigen, ein volksthümlicher und unterhaltender Romanschriftsteller zu sein; er hat eine reiche und lebendige Phantasie, eine Vorliebe für Situationen, die etwas auf der Spitze stehen, für das Packende, Nervenerschütternde, für effectvolle Ueberraschungen und tragische Ausgänge, für jenes Stoffartige, welches im Mysterienroman in Blüthe steht; aber alle diese Elemente werden durch künstlerische Behandlung ihrer Härte beraubt und in einen Guß verschmolzen mit dem geistig Bedeutsamen, das in dem Grundgedanken eines Kunstwerkes liegt.

Meißner hat in seinen ersten Gedichten und Romanen etwas, was an Lord Byron erinnert. Die Zipfel des Byron’schen Halstuches gehören bekanntlich zu den fashionablen Kennzeichen vieler neuen Dichter, welche durch diese flatternde Genialität sich dem großen Briten verwandt glauben. Meißner hat aber eine Byron’sche Ader; sein Don Juan in der „Sansara“, der Freiherr von Hostiwin, ist ein Held, der in seiner Physiognomie an viele Helden des britischen Dichters erinnert. „Sansara“ bedeutet bei den Indern das bunte Weltleben, im Gegensatze zur „Nirwana“, dem Versinken in das Nichts, wie es die großen Weisen des Ganges und der letzte Buddha lehrte, der an der Table d’hôte in Frankfurt am Main mit seinem geheimnißvollen Pudel saß. Meißner nannte seinen Roman „Sansara“, weil er uns in demselben die Wirren eines wildbewegten Lebens schildert, eine Welt der Liebesabenteuer, ein rastloses Streben nach Genuß. Später wird dieser Don Juan mit dem Lasso des ehelichen Glückes von einer Schönen eingefangen, welche ihn die Freuden edler Liebe kennen lehrt. Es ist dies eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Daß diese Don Juans mit ihrem unbegrenzten Streben nach Glück und Genuß sich auf einmal in ihren vier Pfählen so heimisch fühlen, daß sie nie wieder ihren früheren süßen Gelüsten verfallen: das ist doch wohl etwas „Neues“, welches dem Gange der Welt nicht entspricht, eine zu gewagte, zu wenig bestätigte Annahme, Doch der Dichter muß einen Strich machen unter die Vergangenheit, wie wäre sonst ein Abschluß möglich?

Das Hauptwerk Meißner’s ist der Doppelroman „Schwarzgelb“ und „Babel“, ein Roman voll von Geist und Leben, voll spannender, oft starker, ja greller Motive, bei welchen das Politische und Criminalrechtliche sich ablösen, trefflich in seiner ernsten und humoristischen Charakteristik, ein Zeitgemälde, welches die Geschicke seiner Helden und Heldinnen an die neuere Geschichte Oesterreichs knüpft: „Schwarzgelb“ an die Zeit nach der Revolution von 1848, „Babel“ an die Epoche des österreichisch-französischen Krieges, dessen Schilderungen, wie besonders die Schilderung der Schlacht von Magenta, einen wichtigen Theil des Werkes ausmachen. Herausgeschrieben ist der Roman aus der vollen Empfindung einer Zeit, welche, in heftigen Wehen begriffen, den Umsturz alter Ordnungen und die Neugestaltung der Zukunft mit augenblicklichem Wirrsale büßt. „Nicht nur unser Oesterreich,“ heißt es in „Babel“, „die ganze große im Umbau begriffene Welt ist ein Babel geworden. Uralte Mauern brechen zusammen; alte Götzen stürzen nieder; der Staub umwirbelt den Blick.“ Meißner’s Roman hat aber nicht, wie „die Ritter vom Geiste“, den nur leise angedeuteten Hintergrund eines bestimmten Staates; seine österreichische Localfarbe ist mit brennender Prägnanz aufgetragen. Solche alte Haudegen wie der General Greifenstein, solche liberale Salonschönen wie Leonie, deren Leben eine Kette von Abenteuern ist, Redacteure wie Schmey, welche industriellem Schwindel und ehelichen Privatspeculationen huldigen, selbst solche problematische Charaktere, wie der Major von Weyher, der großsprecherische Münchhausen, sind durchweg als eigenthümliche Producte des österreichischen socialen Lebens zu betrachten.

Es giebt frivole und unternehmungslustige Salondamen überall – Sie lächeln, verehrte Frau, denn Sie denken an unsere gemeinsame Bekannte, die einen ganzen Liebeskalender mit rothgedruckten Heiligen besitzt – aber diese Leonie Meißner’s ist jeder Zoll eine Oesterreicherin. Sie wissen, daß die Kunstgärtner durch das verschiedenartige Erdreich verschiedene Varietäten derselben Pflanze erziehen – und das verlangen wir auch von dem Dichter. Wir begleiten den Helden in mancherlei politische Verwickelungen und Cabinetsintriguen; wir stoßen auf die Portraits österreichischer Staatsmänner, doch ohne Unterschrift; wir machen selbst die persönliche Bekanntschaft des geheimnißvollen Mannes aus den Tuilerien, dessen Nimbus in letzter Zeit so rasch verblichen ist. Doch auch poetische Erscheinungen wie Cornelia fesseln uns; die criminellen Katastrophen, die dunklen Punkte der Handlung erhellen sich allmählich und halten lange unsere Spannung auf die Lösung wach; sie selbst sind mit der keck zugreifenden Derbheit der Mysterienromane geschildert.

Auch alle anderen Romane und Erzählungen Meißner’s, verehrte Freundin, haben den gleichen Vorzug der frischen Schilderung, des Phantasiereichthums und der geistigen Perspectiven. Hierzu kommt, daß sie in einem klaren, lebendigen Styl geschrieben sind, welcher frei von jeder falschen Vornehmheit und gezierter Manier ist. Frisch und frei zu schreiben, wie man denkt und spricht, ohne an den Worten herumzukünsteln: das ist ein großes Verdienst in einer Zeit, in welcher viele Autoren glauben, sie müßten, um sich von dem Jargon des Pöbels zu unterscheiden, sich eine ganz besondere Zigeunersprache der Classicität zurecht machen. Wir lieben, verehrte Freundin, was sich natürlich giebt, und echte Begeisterung ist stets eine Tochter der unverfälschten Natur und spendet ihren Auserwählten den Pfingstgeist von selbst.




[775]
Der letzte Sonnensohn.
Nachdruck untersagt.
Eine Historie von Johannes Scherr.


1.


Werden, wachsen, blühen, welken, vergehen! Das in das ewige Gesetz der Natur und der Geschichte. Wie für die Pflanze und wie für die einzelnen Menschen, gilt es auch für die Völker. In seiner 1844 geschriebenen Strophe:

„Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth’ an Blüthe,
Nach ew’gen Regeln wiegen sie sich drauf;
Wenn hier die eine matt und welk verglühte,
Springt dort die and’re voll und prächtig auf;
Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen
Und nun und nimmer träger Stillestand!
Wir seh’n sie auf-, wir seh’n sie niederwehen
Und jede Blüthe ist ein Volk, ein Land –“

hat Freiligrath dieses Naturgesetz, diese weltgeschichtliche Thatsache in schöne Worte gekleidet.

In unsern Tagen ist für den von Ewigkeit her und in Ewigkeit hin sich vollziehenden Wechsel von Leben und Sterben im Universum das Modewort „Kampf um’s Dasein“ aufgekommen. Es hat seine Vollberechtigung. Nicht nur „Mensch sein heißt ein Kämpfer sein“, sondern existiren wollen heißt kämpfen müssen. Fressen oder gefressen werden! Es gibt kein Drittes. Diese eiserne Nothwendigkeit steigt von den niedrigsten Organismen bis zu den höchsten empor. Vom Grashalm bis zum Menschen, vom Menschen bis zu den Weltkörpern – alles kämpft um sein Dasein. Wir wissen jetzt, der Golden-Zeitalter-Friede, welcher im Beginne der menschlichen Gesellschaft geherrscht haben soll, ist nur eine Fabel für Kinder, der „ewige Friede“, welcher die sociale Entwickelung krönen soll, ein Märchen für ausgewachsene Schwachköpfe. Die Geschichte der Menschheit war, ist und bleibt ein ewiger Krieg. Wozu aber der ganze Gräuel? Ja, wer das wüßte! Alle Religionen, alle Philosopheme haben die traurige Räthselfrage nach „des Menschenlebens Sinn und Frommen“ zu beantworten versucht und haben alle mitsammen als Antwort nur ein Chaos von Unsinn zuwegegebracht.

Die sogenannte Weltgeschichte zeigt uns, wie ein Volk nach dem andern auf die geschichtliche Bühne tritt, mit mehr oder weniger Geschick und Kunst seine Rolle spielt, mehr oder weniger Effect macht und dann abgeht, einen mehr oder weniger nachhaltigen Eindruck hinterlassend. Wo sind denn die Nationen und Staaten, welche im Alterthum die „Heldenrollen“ innehatten? Wo ist das ägyptische, das assyrische, das persische, das makedonisch-griechische, das römische „Weltreich“? Schon lange dahin, schon lange zu Moder geworden, um die Erde für das Wachsthum von neuen Staatengebilden zu düngen. Für jedes Volk, für jeden Staat gilt das alte Seherwort:

„Einst wird kommen der Tag, wo die heilige Ilios hinsinkt“ –

wobei nur zu bemerken, daß beim Hinsinken der verschiedenen Iliosse von Heiligkeit durchaus nichts wahrgenommen zu werden pflegt. Das Welken von Pflanzen, Thieren, Menschen, Völkern und sicherlich auch von Gestirnen ist eben ein häßlicher Proceß. Seine Häßlichkeit ist das genaue Gegenbild zur Hoffnungsfrische des Wachsens und zum Schönheitsglanze des Blühens.

Wollt ihr ein solches Völkerwelken mitansehen? Blickt nach Spanien!

Vor dreihundert Jahren – eine wahre Bagatelle von Zeit! – war dieses Land die führende und gebietende „Weltmacht“. Heute ist es eine Ruine. Eine Ruine allerdings, die sich noch immer für einen Staatsbau ausgeben möchte; aber trotz alledem eine Ruine, in zur Permanenz gewordenen Revolutionen, Gegenrevolutionen, Palastskandalen und Bürgerkriegen Stein für Stein zerbröckelnd. Im 16. und noch im 17. Jahrhundert stand der dichterische und künstlerische Genius des Landes schöpfungsmächtig da: Zurbaran, Velasquez und Murillo malten; Cervantes dichtete den Don Quijote, eines der tiefsinnigsten Werke, welche jemals einem Poetengehirn entsprungen; Lope entfaltete eine geradezu wunderbare Hervorbringungskraft; Calderon schuf den spanischen Faust („el magico prodigioso“), Moreto die graziöseste Komödie der Weltliteratur („el desden con el desden“). Heute trägt die spanische Literatur sklavisch die Schleppe der französischen, welche früher bei ihr die umfassendsten Anleihen aufgenommen hatte, und seit langem vermag Spanien an der wissenschaftlichen Arbeit Europas in ihren höheren und höchsten Graden nicht mehr theilzunehmen.

Spanien ist an der Religion zu Grunde gegangen, also an etwas, dessen, die Herren Kraftstoffel mögen sagen, was sie wollen, die menschliche Gesellschaft nie und nirgends entbehren konnte, kann und können wird. Denn, wie ich auch hier wiederholen muß, die Religion ist der Idealismus des Volkes. Sie ist und bleibt das einzige Mittel, wodurch sich das Volk – ich rede natürlich nicht von dem abstrakten Ding von „Volk“, welches die Jan-Bockolte unserer Tage lächerlich-willkürlich zusammengeschneidert und aufgeschwindelt haben – mit der idealen Welt, die aller Kraftstoffelei zum Trotz ein sehr reales kulturgeschichtliches Motiv ist und bleibt, in Beziehung setzen kann, wenn auch noch so unzulänglich und in noch so grotesken Formen. In Spanien hatte sich, wie jedermann weiß, die Religion in Folge der jahrhundertelangen Kämpfe der sogenannten Christen mit den Islamiten zum wildesten Fanatismus hinaufgesteigert. Alles wurde diesem geopfert. Der Spanier war immer Katholik, Spanier oft, Mensch nie, außer in seinen Lastern. Die Inquisitionsfeuerbrände, welche die spanischen Ketzer verzehrten, haben auch die ganze Zukunft der Nation versengt.

Aber gewiß ist auch, zur Zeit, wo die Religion in Spanien zu so hochrother Feuerblüthe ausgeschlagen war, da hat sie – immer in ihrem Sinne freilich – das gesammte Dasein der Nation auf allen Gebieten zu außerordentlicher Kraftentwickelung gebracht und unzählige neue Beweise für die alte Thatsache geliefert, daß die Religion, wie sie die furchtbarsten Leidenschaften im Menschen aufzustürmen vermag, so auch die edelsten menschlichen Triebe zur Vollbringung der staunenswerthesten, ja geradezu unerhörter Thaten anzueifern versteht.

Denn – und damit lenken wir auf den Boden hinüber, auf welchem unsere Historie spielt – es kann keinem Zweifel unterstellt werden, daß dem blendenden, von Romantik funkelnden Heldenzug, welchen die Spanier im 16. Jahrhundert durch die unermeßlichen Länderstrecken der Neuen Welt führten, des Kreuz vorangetragen wurde. Allerdings, der wilde Golddurst, welcher durch die in’s Märchenhafte übertriebene Kunde von den edlen Metallschätzen Amerikas in den Spaniern geweckt worden, die zur fixen Idee gewordene Vorstellung vom „El Dorado“, ebenso die durch die Moriskenkriege bis zur hellen Don-Quijoterie hinaufgespannte spanische Abenteuersucht, endlich der den Untertanen des „Weltmonarchen“ Karl’s V. unschwer angeflogene Größenwahn, alle diese Elemente haben zur Weckung, Schärfung und Schulung eines Unternehmungsgeistes, für welchen der Begriff des Unmöglichen gar nicht vorhanden war, sehr viel beigetragen. Aber die Seele der spanischen „Conquista“, d. h. der beispiellosen Eroberungen der Spanier in der Neuen Welt, war thatsächlich doch die Religion, derselbe glühend-fanatische Glaube, welcher jeden Spanier innigst überzeugt sein ließ, daß er für die Sache Gottes und der heiligen Jungfrau stritte, daß er, je mehr „Seelen“ der rothen Heiden er zur Hölle spedire, um so zuversichtlicher erwarten dürfte, daß seine eigene Seele in den Himmel eingehen werde. Ohne die völlige Hingabe der spanischen „Conquistadoren“ an ihren religiösen Wahn wären ihre Vollbringungen geradezu unerklärlich, im Guten wie im Bösen. Es ist ein und derselbe spanische Katholicismus gewesen, welcher das Kreuz auf die Alhambra pflanzte, die gräuelhaften „Glaubensakte“ (Autos de fé) feierte, die deutschen Protestanten bei Mühlberg schlug, das Henkerschwert Alba’s in den Niederlanden führte, den großen Teokalli in Tenochtitlan erstürmte und den goldenen Tempel der Sonne in Kuzko zu einer Soldatenbeute machte.




2.


In Truxillo, einer Stadt der Landschaft Estremadura, wurde um das Jahr 1471 ein Bastard geboren, Francisko Pizarro, dessen früheste Kindheit so verwahrlos’t war, daß später die nicht gerade reinliche Sage ging, das von seiner Rabenmutter ausgesetzte Findelkind sei nur durch die Barmherzigkeit einer säugenden Sau am Leben erhalten worden. Sicher ist, [776] daß der wildaufwachsende Junge keinerlei Unterricht empfing, nicht lesen, nicht schreiben lernte und, um sein Leben zu fristen, Schweinehirt wurde. Aber der arme Bursche hatte etwas, viel sogar von dem Metall in sich, aus welchem bedeutende Menschen geschmiedet werden, unter Umständen Helden oder Heilande, unter andern Umständen weltgeschichtliche Schurken oder Scheusale. Will man gerecht sein, so muß man sagen: Pizarro war zwei Drittel Held und ein Drittel Scheusal. Im Uebrigen ein rechtgläubiger Spanier jeder Zoll, ein ganzer Mann, scharfverständig, schlau, zäh, unbeugsam, skrupellos, das verwirklichte Ideal eines spanischen „Conquistador“, für welchen das Wort „Furcht“ ein ganz inhaltsloser Schall war.

Die Erzählungen von den Wundern der Neuen Welt, damals das Tagesgespräch in Spanien, setzten die echtspanische Phantasie des Schweinehirten in Brand. Er warf seinen Stab weg, bettelte sich nach Sevilla durch, woselbst die Banden des „El Dorado“ suchenden „Heldengesindels“ sich zu sammeln und einzuschiffen pflegten, und gelangte nach Westindien hinüber. Im Jahre 1510 befand er sich auf Hispaniola und versuchte sich, unterstützt von seinem entfernten Verwandten Hernando Cortez, dem nachmaligen Eroberer Mexikos, als Pflanzer. Später ein Gefährte des kühnen Balboa, welcher im Jahr 1513 den unerhört mühsäligen Entdeckungszug über die Landenge von Darien unternommen hatte, war er einer der ersten Männer von weißer Rasse, deren Blicke auf den ungeheuren Spiegel des Stillen Oceans gefallen sind. Nachmals, so um 1515 herum, ist er als Hauptmann in den Diensten des Don Pedrarias, Statthalters von Panama, und erfreut sich auch des Besitzes eines Landgutes von sehr mäßigem Umfang in der Nähe dieser Stadt, von welcher aus die Entdeckungs- und Eroberungszüge der Spanier sich zunächst gegen Norden und Westen, später auch nach Süden richteten. Zur Zeit von 1524 war in Folge der entdeckenden und erobernden Thätigkeit der Spanier in Amerika bereits ein unermeßliches Gebiet der spanischen Krone unterworfen.

Nun gelangten die bestimmteren Botschaften von der wundersamen Eroberung Mexikos nach Panama und thaten eine zündende Wirkung. Eine um so zündendere, als mit der Kunde von dem märchenhaft glanzvollen Ausgange des mexikanischen Abenteuers zugleich unbestimmte Gerüchte von einem fabelhaft reichen Kulturstaat im Süden unter den Kolonisten von Darien sich verbreiteten. Unser gewesener Schweinehirt und dermaliger Hauptmann vernahm mit äußerster Spannung die beiderlei Neuigkeiten. Er mochte finden, daß er, jetzt ein Fünfziger, es eigentlich noch nicht sehr weit gebracht hätte in der Neuen Welt. Er mochte etwas in sich fühlen, das ihm sagte: „Was dein Vetter Cortez konnte, das kannst du auch und vielleicht sogar noch ein bißchen mehr. Wie wäre es, so ich an einem der Entdeckungs- und Eroberungsgeschäfte, welche jetzo, in südlicher Richtung unternommen – nach dorthin soll ja das wahre El Dorado liegen – nachgerade bei uns in Panama sehr in die Mode kommen, unzögerlich mich betheiligte?“

Von Entdeckungs- und Eroberungsgeschäften sprach ich und zwar mit Bedacht. Zur Stunde wäre es noch zeitgemäßer, von Entdeckungs- und Eroberungsgründungen zu sprechen. Denn, in Wahrheit, die spanischen Conquistadoren waren richtige „Gründer“ in ihrer Manier. Sie „machten“ in Länderfindung und Länderraub, wie die modernen Börsenräuber – welche ich nicht mit ordinären Taschendieben zu verwechseln bitte – in „Türken“ und „Rumänen“ machen. Das fieberhafte Aufsuchen des El Dorado war nachgerade zum wohlkalkulirten Aktiengeschäfte, zur Gründerei in mehr oder weniger großem Stil geworden.

In Betracht seiner eigenen unzulänglichen Mittel that sich demnach Pizarro nach Mitgründern um und fand solche in dem zu einigem Vermögen gekommenen Kriegsmanne Diego de Almagro und in dem Pfarrer Hernando de Luque. Die drei Dons legten demnach ihr Vermögen in einer Spekulation an, welche die Ausführung und, selbstverständlich, die Ausbeutung des angeblich im Süden von Darien gelegenen Goldlandes Peru zum Zwecke hatte. Almagro besorgte den Ankauf, die Ausrüstung und Bemannung von zwei kleinen Schiffen, und maßen Panama ein Ort war, wo immer eine hinlängliche Anzahl von Abenteurern, Strolchen und Desperados umherlungerte, konnte Pizarro, als Führer der „Expedition“, im November von 1524 aus dem Hafen der Stadt absegeln. Er kam freilich nicht nach „El Dorado“ und überhaupt nicht sehr weit. Ungeahnte Widerwärtigkeiten aller Art zu Wasser und zu Lande nöthigten ihn zur Umkehr. Allein er brachte nach Panama doch dieses Ergebniß mit, daß, je weiter man südwärts steuerte, die Sage von einem in jener Richtung gelegenen großen und so zu sagen von Gold starrenden Reiche immer bestimmtere Gestalt gewann.

Daraufhin gingen unsere Gründer nur noch energischer ins Zeug. Auf den Kredit Sr. Hochwürden Don Luque wurden 20,000 „harte Thaler“ (pesos duros) aufgetrieben und damit die Kosten der Ausrüstung einer zweiten Expedition bestritten. Am 10. März von 1526 vereinbarten und unterzeichneten die drei Spekulanten ein Dokument, welches zu den absonderlichsten Kuriositäten der Geschichte gezählt werden mag: nämlich eine Vertragsurkunde, kraft welcher „im Namen Christi“, wie der Eingang lautete, die drei Associés festsetzten, daß die zu entdeckenden und zu erobernden Länder, soweit sie zum Reiche Peru gehörten, zu gleichen Theilen unter sie, die drei Geschäftstheilhaber, getheilt werden sollten und zwar „mit allem Zubehör, was besagte Länder an Menschen, Thieren, Gold, Silber und Edelsteinen enthielten, mit selbstverständlichem Vorbehalt jedoch der Oberherrlichkeit der Krone Spanien und der aus dieser Oberherrlichkeit fließenden Rechte“. Zu einer solchen Naivität der Philosophie des Raubes hat sich das moderne Gründerthum doch kaum hinaufzuschwindeln gewußt. Drei Lumpe theilen förmlich unter sich ein noch gar nicht aufgefundenes Reich „mit allem Zubehör“ – der kolossalste Humbug, die tollste Don-Ouijoterie; aber ganz ernsthaft gemeint und mit derselben echtspanischen Grandezza betrieben, womit der sinnreiche Caballero aus der Mancha in der Stallmagd von Toboso eine Prinzessin sah und begrüßte.

Auf zwei Schiffen, welche eine Bemannung von hundertzwanzig Mann hatten, fuhren Pizarro und Almagro diesmal von Panama südwärts und gelangten, an der Küste hinsteuernd, bis zur Mündung des Flusses, welcher nachmals der Rio San Juan hieß. Hier überfiel Pizarro ein am Ufer gelegenes Dorf der Eingeborenen und machte eine nicht unbeträchtliche Beute an Schmucksachen aus Gold – ein Vorglanz so zu sagen vom Goldlande Peru. Also rüstig weiter nach Süden zu, immer weiter! Aber mit jedem Tage steigt auch die Mühsal der Fahrt. Ein Theil der Mannschaft meutert und fordert die Rückkehr nach Panama. Man geht an’s Land und hält eine Art Kriegsrath. Einander schnurstracks widersprechende Ansichten werden mit mehr oder weniger heftigem Gebärdenspiele vorgebracht. Pizarro steht auf: „Genug des Geschwätzes!“ Dann zieht er sein Schwert und zeichnet mit der Spitze desselben eine von Osten nach Westen gehende Linie in den Küstensand und sagt:

„Freunde und Gefährten, seht, auf dieser Seite liegen Mühsal, Hunger, Regen, Sturm, Verlassenheit und Tod, aber auch Peru mit seinen Schätzen; auf jener Seite Gefahrlosigkeit und Sicherheit, aber auch Panama mit seiner Armuth. Jeder nun wähle, was er für gut hält! Was mich angeht, ich gehe südwärts.“

Das heldische Wort that seinen Dienst, wenn auch nur bis zu dem Grade, daß eine Anzahl entschlossener Männer bei dem Führer auszuharren und die Unternehmung weiter zu führen beschlossen, während die Anderen auf einem der beiden Schiffe nach der Landenge von Darien zurückkehrten.

Noch nahezu acht an prüfungsvollen Zwischenfällen reiche Monate hatte der kühne Mann alle seine Klugheit und Standhaftigkeit aufzubieten, um nicht unverrichteter Dinge zurückkehren zu müssen. Endlich gelang es den El-Dorado-Fahrern, die nachmals Pasado genannte Landspitze zu umschiffen, und ihr Fahrzeug glitt nun auf einer bislang noch von keinem europäischen Schiffskiel getheilten Meeresfläche dahin, immer weiter nach Süden, bis es in die schöne Bucht von Guayaquil einfuhr.

Mit weitgeöffneten Augen blickten sie auf die zugleich großartige und anmuthige Scene, welche sich vor ihnen entfaltete. Der schmale, aber üppig grüne Ufersaum, durch welchen sich zahlreiche Wasseradern dem Meere zuwanden, war mit einer Reihe von Städten und Dörfern besetzt. Hinter diesen Sitzen einer zahlreichen Bevölkerung hob sich der riesige Bergwall der [777] Anden oder Kordilleren jählings empor, hier in zwei seiner schönsten Kolosse gipfelnd, in dem breitkuppeligen Chimborasso und in der blendend weißen Pyramide des Kotopaxi.

Am nächsten Morgen kreuzten unsere Abenteurer die Bucht und gingen vor Anker angesichts der wohlgebauten Stadt Tumbez, deren Aussehen ihre Zugehörigkeit zu einem civilisirten Staatswesen bezeugte. Das Zeugniß trog nicht. Tumbez war eine volkreiche Stadt des Inka-Reiches.

Das so lange, so mühsälig gesuchte El Dorado war gefunden; denn Pizarro landete an der Küste von Peru.




3.


Wo lag Peru? Wie war es mit dem Inka-Reiche?

Amerika – das darf jetzt für ausgemacht gelten – hat seine Urbevölkerung von Asien her erhalten. Wir können uns die Stunde vorstellen, wo ein Halbthier von Mensch nordasiatisch-mongolischer Rasse seine Blicke über die Beringstraße hinüberwarf und sich fragte: Kann ich da hinüber gelangen? Diese Frage muß so oder so gelöst worden sein, denn die Rassegenossenschaft der asiatischen Mongolen und der amerikanischen Indianer scheint einer begründeten Anzweifelung kaum noch unterstellt werden zu können. Im übrigen ist die vorzeitliche Geschichte Amerika’s bis zur Ankunft der Europäer in der Neuen Welt vorerst ein Chaos, für dessen Entwirrung und Aufhellung zwar schon vieles gethan worden, aber noch weit mehr zu thun sein wird. Die zwei großen Pfadesucherinnen und Pfadefinderinnen, die vergleichende Sprach- und Religionsforschung, haben hier noch eine ungeheure Wildniß zu durchwandern.

Geschichtliche Thatsache ist vorderhand, daß die indianische Bevölkerung Amerika’s vor der Ankunft der Europäer auf sehr verschiedenen Kulturstufen stand. Ebenso, daß die Spanier im 16. Jahrhundert in Centralamerika schon auf die ruinenhaften Ueberbleibsel einer bereits zu Grunde gegangenen Civilisation stießen. Endlich, daß wir durch Vermittelung der spanischen Conquistadoren von den Zuständen, von der Macht und von dem Verderben der zwei bedeutendsten Staats- und Gesellschaftswesen, welche die Cultur der amerikanischen Rothhäute geschaffen hatte, vom Azteken-Reich in Mexiko und vom Inka-Reich in Peru, umfassende Kunde besitzen. In welchem Lichte den erobernden Spaniern diese beiden Staatswesen erschienen, bezeugt schon der Umstand, daß sie dem Beherrscher von Mexiko wie dem von Peru den Titel ihres eigenen Monarchen, den Titel Karl’s des Fünften, den Titel „Kaiser“ (emperador) beilegten und damit die außerordentliche Machtstellung dieser indianischen Fürsten anerkannten. Freilich mag hierbei auch die Absicht der Eroberer, die Größe ihrer Wagnisse und ihrer Erfolge in ein möglichst glänzendes Licht zu stellen, mit im Spiele gewesen sein.

Als Pizarro und seine Miträuber – denn diese Bezeichnung gebührte im Grunde doch der ganzen Sippschaft – an der Küste von Peru erschienen, hatte dieser Staat das Hochmaß seiner Ausdehnung erreicht, während seine Gesundheit und Kraft schon im Sinken begriffen waren. Man kann die ungefähren Grenzmarken des Reiches bestimmen, wenn man sagt, daß die Inka-Kaiser das ganze Gebiet beherrschten, welches heutzutage die vier sogenannten Republiken Ecuador, Peru, Bolivia und Chile einnehmen. Der unterirdische Reichthum des Bodens war ein außerordentlicher und namentlich durfte Peru mit Grund ein Goldland, das Goldland heißen. Die oberirdische Bodenbeschaffenheit dagegen konnte sich an Fruchtbarkeit mit den östlichen Küstenländern von Süd- und Mittelamerika bei weitem nicht messen. Im peruanischen Reiche mußte gearbeitet werden und zwar tüchtig, um die nöthigen Lebensmittel für die Bevölkerung zu beschaffen. Die große Meisterin Noth mit ihrer erstgeborenen Tochter Arbeit, sie waren auch hier, wie überall, die Kulturbringerinnen.

Man hat die Anfänge der peruanischen Civilisation früher am Titikakasee suchen zu müssen geglaubt, ist aber jetzt vergewissert, daß diese Civilisation in und bei Kuzko ihren Ursprung genommen habe. Diese Stadt, deren Name „Nabel“ bedeutet, war der geheiligte Mittelpunkt des Inkareiches, und es drängt sich uns als ein denkwürdiger Zusammenklang in den Anschauungen grundverschiedener und einander wildfremder Völker die Erinnerung auf, daß die Hellenen ihr Nationalheiligthum Delphi ebenfalls den „Nabel“ (der Erde) genannt hatten. Von Kuzko aus war die peruanische Cultur in der Form der Eroberung südwärts bis an die Grenzen des Araukanerlandes, nordwärts über Quito hinaus vorgedrungen. Ostwärts erstreckten sich die Grenzen des Reiches bis hinauf zur Wasserscheide der Anden und da und dort auch über die Kämme derselben hinüber und in die Pampas des südamerikanischen Festlandes hinein. Unlange vor der Ankunft der Spanier hatte das Reich der Inka den Gipfel seiner Machthöhe erreicht.

.


(Fortsetzung folgt.)




Zwei stumpfe Ecken Berlins.


Wenn man im ältesten Theile der jetzigen Hauptstadt des deutschen Reichs vom Molkenmarkt aus den Weg nach dem Kölnischen Fischmarkt einschlägt, sieht man in der von der Poststraße und dem Mühlendamme gebildeten „stumpfen Ecke“ die stattlich abgerundete Façade eines drei Stockwerke hohen Gebäudes hervorspringen, dessen reiner und sauberer Anstrich ihm fast ein modernes Ansehen verleiht, das aber bei näherer Betrachtung in seinem Baustil und seinen Verzierungen unschwer seinen alterthümlichen Charakter erkennen läßt. Der von acht Säulen getragene Balkon mit dem künstlerisch schöngeformten Gitter und den zierlichen Figuren, sowie hoch oben die steinernen Vasen, welche das Gebäude krönen, deuten darauf hin, daß es kein gewöhnliches Bürgerhaus ist. Und in der That, das hohe Alter und die historisch denkwürdige Vergangenheit des Hauses, welches mehrere absonderliche Geschlechter durch seine Räume ziehen sah, berechtigen es, mit selbstbewußter Würde auf seine niedrigen und unscheinbaren Nachbarn herabzublicken.

Der sogenannte „Mühlendamm“, dessen Abschluß das Gebäude auf seiner rechten Seite bildet, gehört zu den ältesten Anlagen der Stadt und zugleich zu denjenigen Theilen derselben, welche seit ihrer Erbauung keine sehr wesentliche Umbildung der äußeren Form erfahren haben. Um das Jahr 1100 soll die Anlegung von Mühlen, veranlaßt durch den größeren Bedarf an Mehl, der eine Folge der rasch zunehmenden Bevölkerung war, stattgefunden haben. Sie standen ursprünglich der Landesherrschaft zu, wurden aber später theilweise von dem Rathe und den Bürgern Berlins erworben. Dieses getheilte Eigenthumsrecht hörte nach der großen Empörung der Berliner Bürger 1448 unter der Regierung des Kurfürsten Friedrich’s des Zweiten auf. Stadt und Bürger büßten alle ihre Lehne und auch ihre Mühlen ein, welche von diesem Zeitpunkte an Eigenthum des Landesherrn wurden und es auch geblieben sind. Der Mühlendamm selbst bestand vor Alters aus einem schmalen, unansehnlichen Gange, welcher mit einigen hölzernen Krambuden besetzt war.

Etliche solcher „Hausbuden“ nahmen denn auch ursprünglich die am Mühlendamm gelegene Seite unseres Grundstückes ein, während in der Front der Poststraße mehrere von einem offenen Platze umgebene Gebäude auf demselben standen. Die ältesten Urkunden über das Grundstück, welches jetzt die Nr. 16 der Poststraße führt, reichen bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts. Wenn man heutigen Tages den wohlgeordneten großstädtischen Verkehr beobachtet, wird man sich kaum eine Zeit vorstellen können, in welcher diese Gegend wüst, schmutzig und der Heerd schrecklicher Seuchen war. Bei Regenwetter bildeten sich auf dem ungepflasterten Damm der Straße riesige Pfützen, in denen sich das Federvolk der Enten und Gänse mit Behagen niederließ. Jeder Hauseigenthümer hielt sich dergleichen Hausgethier, welches für stattliche Mistbeete sorgte, die den Zugang zu den mit Lehm oder, wenn es hoch kam, mit Schindeln gedeckten und durch kleine Sandwüsten oder schlammige Sümpfe von einander getrennten Häusern erschwerten. Denkt man sich um dieses ungeregelte, schmutzige Chaos erbärmlicher Wohngebäude eine halbverfallene Mauer, welche schwerlich im Stande

[778]
Die Gartenlaube (1874) b 778.jpg

Das Ephraim’sche Haus in der Poststraße in Berlin.
Nach einer Originalzeichnung von Professor Doepler in Berlin.

[779]
Die Gartenlaube (1874) b 779.jpg

Die Passage an der Ecke der Friedrichs- und Behrenstraße in Berlin.
Nach einer Originalzeichnung von Professor Doepler in Berlin.

[780] war, irgend einem Feinde zu imponiren, so hat man einen Begriff von der damaligen „Residenz“ des Kurfürsten von Brandenburg. Aber allmählich machten sich auch hier die Fortschritte der Cultur geltend. Handel und Verkehr nahmen größere Dimensionen an; der Wohlstand wuchs, und die Ansprüche auf die Bequemlichkeit der Wohnstätten erhöhten sich.

Auch das Grundstück in der „stumpfen Ecke“, auf welchem nach Aussage der Chronik ein gewisser Hans Zehender, auf Grund eines ihm vom Magistrat verliehenen Privilegiums, im Jahre 1488 eine Apotheke errichtet hatte, sah einer besseren Zeit entgegen. Ein angesehener Berliner Bürger, der Apotheker Tonnenbinder, in dessen Besitz das Grundstück zu Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts überging, ließ die einzelnen Gebäude niederreißen und an ihrer Stelle ein Eckhaus aufführen, welches den Raum des jetzigen Balconbaues umfaßte.

Tonnenbinder’s Familie gerieth später in’s Elend. Sein Sohn und Erbe hatte den Erweiterungsbau des Hauses zu weit in das in der Poststraße angrenzende, ihm nicht angehörige Grundstück hineingeführt. In einen Proceß verwickelt, mußte er das nachbarliche Terrain für fünfunddreißigtausend Thaler erstehen. Zu diesem schweren Verluste kam, um sein Unglück zu beschleunigen, der Zusammensturz des schon bis zum Dache vollendeten Gebäudes.

Es war im März 1761, als der berühmte und berüchtigte Hofjuwelier und Münz-Entrepreneur Friedrich’s des Großen, Veitel Heine Ephraim, vom König zum Ankauf eines zweiten Hauses und zum Etablissement seiner Kinder mit der Freiheit eines christlichen Bankiers bei rechtlichen Angelegenheiten vor und außer Gericht „begnadigt“, von dem Apotheker Johann Faber das Grundstück erwarb. Ephraim hatte im Jahr 1754 seine berüchtigte Thätigkeit begonnen, nachdem Friedrich der Große einen Vertrag zur Prägung der Landesmünzen mit ihm abgeschlossen hatte, und stand trotz aller ihn compromittirenden Vorgänge sieben Jahre später noch immer in königlicher Gunst. So soll er jene acht, den Balkon unseres Hauses tragenden Säulen, welche von dem gräflich Brühl’schen Schlosse herrühren, das im siebenjährigen Kriege der Zerstörung preisgegeben wurde, von Friedrich dem Großen zum Geschenk erhalten haben.

Ephraim ließ nun nach Entfernung der Buden am Mühlendamm das Haus in Anschluß an das ältere Gebäude vollständig ausbauen und nach Dietrich’s Angaben in derjenigen Gestalt aufführen, in der es sich noch gegenwärtig präsentirt.

Von dem gewaltigen Reichthum der Ephraim’schen Familie und der Stellung, welche sie einnahm, mag eine Episode Zeugniß geben, welche wir dem mit der Geschichte des alten Berlin so vertrauten Ferdinand Meyer nachzuerzählen uns gestatten. Ephraim’s Vater besaß das Haus Nr. 30 in der Spandauer-Straße, welches nach seinem Tode auf den Sohn überging. Es lag dem Rathhause gegenüber und war das stattlichste unter den dreißig Häusern, welche die Juden bis zum Jahre 1763 überhaupt nur in Berlin besitzen durften. In diesem Hause wurde am 7. Januar 1740 auf besonderen Befehl der Braunschweig-Wolfenbüttel’schen Herrschaft, wie auch der königlichen Familie, auf Ephraim’s und seiner Söhne Kosten eine Eheverbindung zwischen zwei von ihnen erzogenen Waisen, Namens David Zacharias und Irie Wolff vollzogen. Die Judenschaft mußte zur Kurzweil des Hofes derartig aufgedrungene Ehrenbezeigungen über sich ergehen lassen, wußte aber durch den Schacher bei solchen Gelegenheiten sich dafür zu entschädigen. Die Façaden des Hauses waren mit prachtvollen Tapeten behangen. In einem Zimmer rechter Hand erblickte man ausgelegte Galanteriewaaren, zur Linken ein Gemach mit reichen französischen Stoffen, während Ephraim selbst in einem besonderen Zimmer seine Juwelen ausgestellt hatte und verschiedene jüdische Kaufleute kostbare Brabanter Spitzen nebst anderen Weißwaaren feilboten. Außerdem waren noch zwei Gemächer, das eine mit reichgestickten Gewändern, das andere mit feinen italienischen und holländischen Gemälden ausstaffirt. Den Fußboden des Hofes bedeckten Brabanter Tapeten; Tannenzweige nebst Hunderten von Lampen und Lichtern an den Außenwänden erhöhten den Glanz der Festlichkeit.

Gegen halb vier Uhr erschien der Hof mit zahlreichem Gefolge und wurde zunächst nach dem Seitenflügel rechter Hand geleitet, woselbst drei kostbar neumöblirte Zimmer zu seiner Aufwartung hergerichtet waren. – Demnächst fand eine Besichtigung der ausgelegten Waaren statt, verschiedene Einkäufe wurden befohlen und sodann die Trauung nach jüdischem Ceremoniell auf freiem Hofe unter einem Traghimmel vollzogen. Noch ein Tanz der jungen Leute, dem die fürstliche Gesellschaft beiwohnte, und zurück begab sich dieselbe nach Hofe.

Ephraim ließ sich nun eine glanzvolle Ausstattung des neu erworbenen Gebäudes angelegen sein. Bemerkenswerth ist das noch erhaltene „chinesische Zimmer“ im zweiten Stockwerk und das schöne und hohe, mit kunstvoll gearbeitetem Geländer versehene Treppenhaus, das in sanfter Rundung hinansteigt und den Blick bis hoch oben an die Decke schweifen läßt.

Der König hatte ein persönliches Interesse an diesem Gebäude, in welchem er als Kronprinz eine Zeit lang geweilt und jenes bekannte Zusammentreffen mit seiner Braut, der Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig, gehabt hatte. Er soll später geäußert haben, daß das Gebäude nichts zu wünschen übrig lasse, als – einen Galgen, denn er (Ephraim) habe ihn ganz abscheulich betrogen.

Im Jahre 1843 fiel das Haus, nachdem es zwanzig Jahre früher aus den Händen der Nachkommen Ephraim’s, welche auf dem anfangs bis zur Spree sich ausdehnenden Terrain eine Tabaksmühle erbaut hatten, in den Besitz des Kaufmanns Ulrici übergegangen war, dem Fiscus zu, wurde später aber wieder Privateigenthum. Seit jener Zeit ist die heilige Hermandad in den Vorderräumen des Gebäudes heimisch, in welchen für verschiedene Abtheilungen des Polizeipräsidiums die erforderlichen Bureaus eingerichtet sind.

Als sollte dieses ehrwürdige Bauwerk aus dem alten Berlin gleichsam das Recht haben, auch eine lebendige Originalität aus der „guten alten Zeit“ in sich zu bergen, haust in demselben als „Castellan“ ein wunderliches Männlein, das im altmodischen langen Rocke, mit den schlurrenden Pantoffeln an den Füßen, der langen Pfeife im Munde und dem abgenutzten Käppchen auf dem spärlichen Haare den Eindruck einer leibhaftigen Antiquität macht, welche das moderne Berlin aus dem vorigen Jahrhunderte überkommen hat. Auf unser mit rührender Devotion entgegengenommenes Ersuchen um einige, auf das Gebäude bezügliche Mittheilungen erzählte das Hausväterchen, daß es früher einmal in einem Zeitungsblatte gar Vieles und Schönes über das Haus, in dem es seit zwanzig Jahren dem Posten des Castellans vorstehe, gelesen habe. Auf unsere Frage, wann dies geschehen sein mochte, meinte der Alte nach einigem Sinnen: „Meine Frau ist in den Sechszigern gestorben und vorher ist es gewesen,“ und mit ungläubigem Kopfschütteln nahm er unsere Versicherung, diese ganz neue Art der Zeitrechnung als ein Curiosum aus der stumpfen Ecke an der Poststraße und dem Mühlendamme der „Gartenlaube“ verrathen zu wollen, entgegen.

Und nun zu jener zweiten „stumpfen Ecke“ Berlins, an welcher die große Friedrichsstraße mit der Behrenstraße sich kreuzt. Welch’ ein anderes Bild entfaltet sich vor den Augen des Beschauers, wenn er seine Blicke auf den glanzvollen Bau der Passage richtet! Welch’ ein Unterschied in den auf beiden Bildern vom Künstler mit frappirenden Zügen fixirten Physiognomien des öffentlichen Verkehrs! Dort an dem Mühlendamme das bunte Treiben des geschäftigen Lebens. Man sehe nur den Omnibus dort, welcher schwerbeladen dahinrasselt, sehe die ihren Fahrgast erwartende Droschke, deren Klepper einen drastischen Contrast bildet zu den prächtigen Rossen, wie man sie auf dem andern Bilde erblickt! Man betrachte nur jenen „Mühlendammer“, welcher für einen Rock von etwas zweifelhafter Verfassung den „Rechten“ gefunden hat, der nicht ohne Zögern in die Tasche greift, um den geforderten Preis zu erlegen; jenen Herrn, der ohne Zweifel die eiligen Schritte zur Börse lenkt, daneben den rastlosen Laufburschen, der, wie von der Tarantel gestochen, um die Wette mit einem maulkorblosen Köter davonläuft; weiterhin den bebrillten, zugeknöpften Bureaukraten, dem der Actenstaub noch vom vorigen Tage auf den Kleidern sitzt; die zierliche kleine Putzmacherin, welche auf dem Wege in’s „Geschäft“ ist, und vorn zur Rechten den biederen Blousenmann, mit dem Wächter des Gesetzes in eifriger Debatte über die Affaire Arnim begriffen.

Und nun vor der „Passage“, welch’ anderes Leben und Treiben, welch’ Bild des Wohllebens, welcher Zusammenstrom eleganter Erscheinungen, welche Fülle großstädtischen Luxus! Und [781] als stattlicher Hintergrund zu diesem bewegten Genrebilde ragt der stolze Bau der Passage empor! Noch vor gar nicht so langer Zeit trugen die Straßen Berlins fast durchweg den Charakter tödtlicher Nüchternheit und echtester Kleinstädterei. Erst neuerdings und Hand in Hand mit dem Erwachen des nationalen Selbstgefühls ist auch der Sinn für schöne und der deutschen Residenz würdige Bauten erwacht, welcher in einer großen Reihe schnell hintereinander entstandener Werke seinen Ausdruck fand. Die Menge aber der neuen palastartigen Privathäuser und durch Eleganz des Stils, wie durch Gediegenheit des Materials ausgezeichneten öffentlichen Gebäude wird von der köstlichen Copie der weltberühmten Mailänder Passage überragt. Das großartige, 1873 vollendete Werk, an dem nur eines, der französische Name, zu bedauern ist, bedurfte zu seiner nach dem Entwurfe der Baumeister Kyllmann und Heyden ausgeführten Erbauung eines Zeitraums von drei Jahren. In einer Länge von vierhundertundzehn, einer Breite von sechsundzwanzig Fuß und einer Höhe von zweiundvierzig Fuß bildet die Passage, eine mit Glas überdeckte Verbindung zwischen der Straße „Unter den Linden“ und der Behrenstraße. Beide Façaden, nach den Linden und der Behrenstraße, sind im Stile reicher, an französische Kunst sich anlehnender Renaissance gehalten. Das Gebäude nach den Linden zu enthält außer vielen Nebenräumen einen prachtvollen großen Concert- und Redoutensaal, dessen Decke und Wände mit vorzüglichen Gemälden von Begas, Hildebrand und Ewald und dessen Fenster mit Glasgemälden geschmückt sind. Im Innern des nach der Behrenstraße gelegenen Flügels befinden sich echt großstädtisch eingerichtete Geschäftsräume, unter ihnen jene schönen und bequemen Correspondenzsäle, wie sie Berlin bisher nicht gekannt hat. Für eine geringe Vergütigung empfängt der Gast daselbst alle erforderlichen Schreibmaterialien, Couverts und Marken, um an comfortablen Pulten Briefe oder Depeschen zu schreiben. Ein Briefkasten nimmt das Geschriebene auf, um es direct in das Postbureau im Erdgeschosse hinabgleiten zu lassen, von wo es an Ort und Stelle expedirt wird.

Das Restaurationslocal der Passage umfaßt die ausgedehnten Räume des Entresols und des ersten Stockes, einen Complex von sechszehn Sälen und Nebengemächern, ihrer Anlage und inneren Einrichtung nach ebenso behaglich, wie luxuriös, ebenso künstlerisch schön in der Ausstattung, wie zweckentsprechend für den Gebrauch.

Vom Treppenflur, zu dem sich der Eingang in der Behrenstraße öffnet, führt eine Wendelstiege aus schlesischem Marmor in einem zwar schmalen, aber stattlichen Treppenhause zum ersten Geschoß hinauf. Ein langer Speisesaal mit sechszehn Fenstern Front nimmt den Raum nach der Behrenstraße hin ein. Er geht unmittelbar in den hohen, strahlenden Concertsaal über, welcher, von unserer „stumpfen Ecke“ gesehen, oberhalb des großen Eingangsthors von der Friedrichsstraße her liegt. Er ist von imposanter architektonischer Anlage und Decoration, dreiseitig nach der Straße hin abgeschlossen.

Vom Westende des Speisesaales führt die Wendeltreppe zu den Räumen des Entresols, in welchem namentlich die kolossalen Billardsäle Staunen erregen.

Die eigentliche Glasstraße, welche vom frühen Morgen bis zum späten Abend von dem promenirenden Publicum dichtgefüllt ist, die sogenannte „Kaisergalerie“, ist ganz in Terracotta ausgeführt und mit figürlichen Compositionen der Bildhauer Afinger, Enke, Wittig, Calandrelli u. A. geschmückt. Der Fußboden ist mit Metlacher Platten belegt. Die Tausende, welche diese Galerie täglich passiren, richten in der Mehrzahl ihre Augen wohl weniger nach oben zu den herrlichen Ausschmückungen, die zu beschreiben einer eigenen Broschüre bedürfte, als nach den Seiten der Galerie, auf welchen eine Reihe von Magazinen, von denen eines immer reicher und eleganter ist, als das andere, die Schaulustigen anlockt.

Am belebtesten ist es in und vor der Passage zur Nachmittagszeit, wenn die junge vornehme Welt sich zur Promenade anschickt. Namentlich Sonntags, wenn der Himmel nicht eine gar zu düstere Miene macht, ist des Menschengewühls hier kein Ende. Einen solchen Moment belebter Nachmittagspromenade hat der Künstler zu seinem Bilde gewählt. Das Trottoir ist mit Spaziergängern reich besetzt; elegante Gestalten, geputzte Kinder überschreiten die Straße; durch den Eingang der Passage drängt sich die Menge; noble Equipagen jagen im Hintergrunde vorüber, und von stolzen Rossen herab übersieht ein vornehmes Paar das farbenreiche Gruppenbild vor der Passage. Wir folgen dem Strome, suchen in dem nach Wiener Muster eingerichteten Café, welches in der Mitte des Durchgangs zur Einkehr einladet, kurze Rast und lassen das Panorama großstädtisch-aristokratischen Lebens mit demselben Interesse an uns vorüberziehen mit welchem wir das bürgerlich-geschäftliche Getriebe an der „stumpfen Ecke“ des Mühlendammes beobachtet haben.

M. R.




Blätter und Blüthen.


Klein-Deutschland. Mit dem Namen „Klein-Deutschland“ oder auch „Dutchtown“, wie der Amerikaner es in seine Sprache übersetzt, wird ein ziemlich umfangreicher Stadttheil New-Yorks bezeichnet, der zwar nicht ausschließlich, aber doch vorzugsweise von Deutschen bewohnt ist. Die obige Bezeichnung für das deutsche Quartier und namentlich die amerikanische Lesart derselben ist hier bei Weitem geläufiger als in Deutschland der Name Waldeck oder Lichtenstein. Der Ankömmling von drüben, an welchem Punkte der Manhattan-Insel er immer landen möge, darf sicher sein, daß er in dem Ersten, der ihm begegnet, einen sichern Wegweiser nach „Dutchtown“ findet.

Schon das äußere Gepräge dieses Stadttheils unterscheidet sich merklich von seiner Umgebung, allerdings nicht immer zum unbedingten Vortheile unserer Landsleute. Was ihn ganz besonders kennzeichnet, ist der in ihm durchweg vorherrschende Gebrauch der Muttersprache, leider in einer so verkommenen Gestalt, daß ein „Grünhorn“ (Bezeichnung für den Ankömmling) versucht werden könnte, sie für ein völlig fremdes Gewächs zu halten. Außerhalb „Dutchtown“ dürfte es auf der Erde kaum einen Platz geben, wo die verschiedensten deutschen Mundarten in gleicher Weise gegen einander ausgetauscht werden. Vom derben ostfriesischen Seemannsfluche bis zur gewähltesten Höflichkeitsformel eines biederen Sachsen variirt der herrliche Mutterlaut in allen ihm möglichen Modulationen. Durch den fortwährenden unmittelbaren Austausch der Dialecte einerseits und durch die Aufnahme vieler mundgerechter englischer Wörter, die meistens von unsern schwäbischen Landsleuten des bessern Klanges wegen mit der Nachsilbe „le“ geziert werden, andererseits entsteht jenes wundervolle Sprachsammelsurium, das in Pennsylvanien unter dem Namen „deutsch-pennsylvanisch“ sogar der Landessprache gefährlich zu werden droht.

„Klein-Deutschland“ umfaßt etwa vierhundert Häusergevierte oder sogenannte Blocks; es hat sechs Avenues oder Längenstraßen, die von vierzig und einigen Querstraßen rechtwinkelig geschnitten werden. Auf diesem Flecke wohnen nicht weniger als fünfzigtausend Deutsche einmüthig beieinander; in höchst einzelnen Fällen hat sich ihnen eine irische Familie zugesellt. Während politische Grenzen in keiner Weise sichtlich hervortreten und an die alten Tage der Heimath erinnern, scheint religiöser Einfluß durchgehend die Wahl einer Niederlassung bestimmt zu haben. So haben die Katholiken namentlich den untern oder südlichen Theil in Beschlag genommen, wo ihre mächtige Kathedrale an der dritten Straße den Schwerpunkt bildet, während die einfachen, meist thurmlosen Gotteshäuser der Protestanten und freien Gemeinden nur im oberen Theile zu finden sind. Will der Jude einer ähnlichen Neigung folgen, so siedelt er sich bei seinen Glaubensgenossen in der zehnten Straße an.

In industrieller und mercantiler Hinsicht steht „Klein Deutschland“ nicht nur keinem der übrigen Stadttheile nach, sondern es hat in verschiedenen Branchen des gewerbthätigen Lebens gar eine Berühmtheit erlangt. So beherrschen die Norddeutschen den ganzen Kram- und Gemüsemarkt New-Yorks, während Süddeutschland vorzügliche Bierwirthe liefert. Das Fleischer- und Bäckeramt betrachten die Schwaben als ihr Privilegium, wie die polnischen Juden die Weißwaaren- und Putzgeschäfte.

Wenn irgendwo in der Welt das Handwerk einen goldenen Boden hat, so ist dies ganz gewiß in „Dutchtown“ der Fall. Hier ist Armuth eine große Seltenheit; dahingegen würde man bei etwaiger Haussuchung kaum eine Familie finden, die nicht im Besitze eines Sparcassenbuches wäre, das freilich in den wenigsten Fällen Reichthümer enthält; denn nach hiesiger Auffassung der Begriffe „reich“ und „arm“ giebt ein Vermögen von zwei- bis dreitausend Dollars noch kaum das Recht, seinen Besitzer wohlhabend, geschweige denn ihn reich zu nennen.

Unter den Geschäftsstraßen, die unser „Deutschländchen“ der Länge nach durchschneiden (denn nur die Längenstraßen sind in größeren amerikanischen Städten die eigentlichen Geschäftsstraßen), darf ich zwei als besonders charakteristisch hervorheben: die Bowery, zugleich westliche Grenze, mit ihren zahlreichen Kunsttempeln und Vergnügungslocalen, die der Deutsche mit dem Irländer brüderlich theilt, und die Avenue B, an welcher sich die mercantilen Geschäfte concentriren. Letztere wird auch deutscher „Broadway“ genannt. Wenn man sich eine Leipziger Messe oder irgend einen der größten Jahrmärkte Deutschlands vergegenwärtigen will, so hat man damit eine ziemlich schwache Vorstellung von dem Leben und Treiben, das Tag für Tag, jahraus, jahrein auf dieser Promenade herrscht. Jedes Erdgeschoß ist eine blühende Werkstatt, jede Beletage ein brillanter Laden, und die streckenweise überdachten Seitenwege bilden einen unabsehbaren Stapelplatz für Waaren, offen für Jedermann; obwohl nun tausenderlei allerliebster Kleinigkeiten von geschickten Fingern ohne viel Aufhebens zu annectiren wären, gehört ein Diebstahl auf offener


Hierzu der „Weihnachts-Anzeiger“, Extrablatt der „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[782] Straße doch zu den Seltenheiten. Unsere Diebe sind gar romantische Naturen; sie lieben gefahrvolle Einbrüche, blutige Raubanfälle, aber es würde eine Schande für die ganze Sippschaft sein, ließe sich einer auf einem so gewöhnlichen und gefahrlosen Wege ertappen.

Je näher der Abend kommt und je mehr das Leben im unteren, dem eigentlichen Geschäftstheile der Stadt erstirbt, desto mehr beleben sich die Straßen im „kleinen Deutschland“. Tausende und aber Tausende von Familienvätern sind heimgekehrt, und ein Jeder derselben macht nach eingenommenem Abendbrod den üblichen Spaziergang mit Weib und Kindern, wobei in der Regel die Einkäufe für den folgenden Tag besorgt werden. Dem Nützlichen verbindet sich das Angenehme. Orgeldreher und fahrende Musikbanden erscheinen auf der Scene, beginnen jetzt den glanzvollsten Abschnitt ihrer Thätigkeit und finden auf Schritt und Tritt ein dankbar lauschendes Publicum. Fruchthändler und der unvermeidliche Zuckerwaaren-Verkäufer belagern die Straßenecken, und die pyramidenartig aufgestapelten Producte des Südens lächeln gar zu verführerisch in dieser magischen Kienspahnbeleuchtung. Ein zahlloses Heer barfüßiger Zeitungsjungen versorgt um diese Zeit den Markt mit echten und unechten Depeschen, die das Kabel am Nachmittage gebracht, oder mit Abendblättern, die in politsch-mageren Zeiten von schauerlichen Sensationen strotzen. Hie und da lodert eine mit Theer bestrichene Tonne mitten auf der Straße, um von irgend einem frohen Familienereignisse Kunde zu geben oder um die Reste verfaulten Bettstrohes zu verschlingen. Sobald die Witterung ein längeres Verweilen unter freiem Himmel gestattet, entfaltet das beschriebene Bild sich in einem noch größeren Maßstabe auf dem „Tompkin-Square“, einem großen quadratförmigen freien Platze im Centrum unseres deutschen Quartieres.

Auch im Uebrigen hat der Bewohner „Dutchtowns“ sich den Gebräuchen der alten Heimath wenig entfremdet; ja manche seiner Naturanlagen scheinen hier sogar noch einer höheren Entwickelung fähig zu sein. Der Genuß des Bieres zum Beispiel ist verhältnißmäßig stärker als in irgend einer durstigen Stadt der alten Welt, selbst München nicht ausgenommen. Bier und Sauerkraut sind die einzigen deutschen Wörter, welche hinsichtlich ihrer Aussprache dem Amerikaner keine Schwierigkeiten machen, die einzigen Laute, die ihm zu Gebote stehen, wenn er das Nationalgefühl seines teutonischen Vetters reizen will, und nicht selten haben wir die Ehre Mr. Lagerbier oder Mr. Sauerkraut angeredet zu werden. Gambrinus ist der gute Geist in jeder Familie: ihm zu Ehren thront der Pitcher (Krug) in allen Größen und Formen auf dem Kamingesimse jeder Haushaltung, und die ritterliche Gestalt des edlen Flandern erscheint in allen unseren Festzügen und ungleich majestätischer als die verblichene Fratze des irischen Sanct Patricks, der bei dergleichen Gelegenheiten den Whiskey zu repräsentiren hat.

Wie man Bowery die Kunststraße, Avenue B die Geschäftsstraße nennen könnte, so ließe sich Avenue A als Lagerbierstraße bezeichnen. Hier reiht sich eine Halle des erhabenen Gambrinus an die andere; hin und wieder nur ward es einem Austern-Salon oder einer Specereihandlung gestattet, die Eintönigkeit zu unterbrechen. „Das muß ein gar gemüthliches Kneipenleben sein,“ denkt man gewiß in Deutschland. Aber man irrt sich; gemüthlich ist es keineswegs, und so ein alter, regulärer Stammgast von drüben möchte das Leben in einem New-Yorker Bierlocale höchst unbehaglich, sogar unheimlich finden. In vielen Fällen wird der Mann auf seinen Biergängen vom Weibe begleitet, das sich theils unter die Gesellschaft des Salons mischt, theils gleich einer Rebekka am Brunnen mit dem Kruge am Schenktisch auf den Quell des Lebens wartet. Wenn der deutsche Mann hier ein Auge zuzudrücken hat, genießt er auf der andern Seite das dem Amerikaner fast unbekannte Glück, in seinem Weibe eine treue Lebensgefährtin zu besitzen. Mit geringer Ausnahme ist das deutsche Weib hier eine wackere, in das Geschäft oft fördernd eingreifende Hausfrau. Die Weiberrechtlerinnen haben im „Deutschländchen“ bisher wenig Anklang gefunden, während es unseren Frauen keineswegs an Energie fehlt, die ihnen innerhalb ihres Bereiches zustehenden Rechte mit dem größten Nachdrucke zu vertheidigen. So war ich noch vor wenigen Tagen Zeuge einer gar komischen Scene, die darin bestand, daß ein Haufen Mütter einen Yankee, der sich etwas vorwitzig über den deutschen Kindersegen ausgesprochen hatte, mit Besenstielen bis zur Grenze transportirten.

Bezüglich der Temperanz- und Sonntagsgesetze nimmt „Klein Deutschland“ dem übrigen New-York gegenüber eine immerwährend feindliche Stellung ein, die in ruhigen Zeiten jedoch niemals einen herausfordernden Charakter annimmt. In der Wahlzeit aber würde ein politischer Candidat nie auf die Stimme eines Deutschen zählen können, wofern er es unterließe, die Beseitigung der verhaßten Gesetze in sein Programm aufzunehmen. So wenig der Deutsche sich sonst um die öffentlichen Angelegenheiten der Stadt kümmert, an seinem Sonntagsvergnügen hat er mit der ihm eigenen Zähigkeit festgehalten. Während in den irischen und Yankee-Quartieren der Sonntag eine plötzliche unheimliche Stille hervorruft, gleicht das Völkchen von „Dutchtown“ an diesem Tage einem summenden Bienenschwarme in der Stille des Urwaldes.

Die zahllosen Vergnügungslocale, die Volks- und Nationalgärten an der Bowery sind bereits am Nachmittage übervölkert, und Kunstgenüsse der verschiedensten Art vom classischen Drama bis zur Puppen-Komödie herab befriedigen den Geschmack und das vorhandene Bedürfniß in jeder Richtung. Neben diesen für Jedermann meistens gratis geöffneten Kunsttempeln laden zahlreiche Vereine und Gesellschaften zu ihren Abendunterhaltungen ein; Gesang, Declamation, ein Lustspiel, abwechselnd mit einer Operette, und Ball bilden in den meisten Fällen das während der Saison wenig veränderte Programm. Unser „Deutschländchen“ zählt allein an sechszig Gesangvereine, unter denen mehrere ihr eigenes Local besitzen. Während der Sommermonate werden die Sonntage natürlich zu weiteren Ausflügen benutzt; Excursionen zu Wasser oder zu Lande dürfen bei uns Deutschen stets auf lebhafte Theilnahme rechnen, und vor allen Plätzen ist das liebliche „Staten-Island“ am Eingange der Bai von New-York das Ziel unserer sonntäglichen Wallfahrten. Die schattenreichen Waldungen, die anmuthigen Hügel, die eine weite Aussicht auf das Meer gestatten, zumeist aber das Kommen und Gehen heimathlicher Segel – alles Dies übt einen ganz besonderen Zauber und läßt uns die liebe alte Heimath nie ganz vergessen. Die Anziehungskraft dieses Eiländchens ist so gewaltig, daß selbst die entsetzliche Westfield-Katastrophe, die an einem Sonntagnachmittage des vorigen Sommers mehr als hundert Menschenleben auf dieser Fahrt vernichtete, seiner Frequenz kaum etwas geschadet hat. Auch die an der Nordseite der Stadt gelegenen Parks bieten unsern deutschen Völkerschaften ein günstiges Terrain zur Abhaltung landesüblicher Feste, unter denen das dreitägige Cannstädter Volksfest eine hervorragende Stelle einnimmt. An dieses schließt sich dann eine Reibe von Kirchweihen, Schützen- und Sängerfesten, Wurst- und Traubenmärkten, die erst spät im Herbste ihr Ende erreicht.

Auf dem Gebiete der Politik, das bekanntlich hier zu Lande zu den einträglichsten gehört, haben unsere Klein-Deutschen sich bisher am unthätigsten gezeigt, und ich bin genöthigt, ihnen diese Lauheit bis zu einem gewissen Grade als eine Ehre anzurechnen. Die himmelschreienden und vor aller Welt beispiellos dastehenden Uebelstände in der städtischen Verwaltung New-Yorks belasten das Conto unseres ehrlichen Namens nicht mit dem geringsten Posten, und kein Deutscher figurirt auf der Liste unserer größten und gemeinsten Staatsverbrecher. Zwar besitzen wir auch unsere politischen Genossenschaften, jedoch nur, um am Wahltage die Parade mitmachen zu können. Auch fehlt es im „Deutschländchen“ nicht an sogenannten Wardpolitikern, ehrlosen Subjecten, die den Judaslohn sicher nicht von der Hand weisen würden; allein das politisch schwerfällige deutsche Element ließ sich für ihre Zwecke nie verwerthen. Erst die allmächtig strahlende Siegessonne des deutschen Kaiserreichs erweckte auch bei uns Deutsch-Amerikanern neues politisches Bewußtsein und eine regere Theilnahme am öffentlichen Leben. In jenen glorreichen Tagen war es eine Lust, durch’s „Deutschländchen“ zu wandern. Guirlanden und Kränze schmückten jeden Giebel, und die Fahnen verschwanden fast nie von den Dächern. Jünglinge, die „Wacht am Rhein“ singend, durchzogen die Straßen Arm in Arm, als ginge es zu einer Rekrutenaushebung oder zum Ausmarsche in’s Feld. Die wunderbare „Nationalhymne“ erklang vom frühen Morgen bis spät in die Nacht; sie klang aus jeder Bierhalle, aus jedem Arbeitsshop; der Vater lehrte sie seinem Knaben; die Mutter sang ihren Säugling damit zur Ruhe. Versammlungen fanden an allen Ecken und Enden statt; ich erinnere mich, daß ich an einem Abend an sieben verschiedenen Plätzen Sympathien für die gerechte Sache meines Vaterlandes zum Ausdrucke gebracht habe. Uebrigens nehmen seit dieser Zeit die Deutschen mehr Antheil an den hiesigen politischen Bewegungen.

J. J.




Die Friedenslinde an der Hasenhaide. Ueber die Großthaten der Gegenwart und deren Verherrlichung sollen wir nicht vergessen, daß auch unsere Vorfahren große Zeiten gesehen, Zeiten, denen wir um ihrer gewaltigen uns noch heute fruchtenden Errungenschaften willen ein pietätvolles Gedenken schulden. Die Epoche von 1813 bis 1815 ist in der Geschichte deutschen Ruhmes ein nicht minder wichtiger Merkstein, wie das glorreiche Jahr 1870/71 es ist, und darum sollen uns die Denkmäler jener Zeit der Befreiung vom fremden Joche immerdar heilig bleiben. Nun steht aber auf einem Hügel am Eingange zur Hasenhaide bei Berlin (von der Seite des Cottbuser Thores aus), dicht neben der Happold’schen Brauerei eine prachtvolle Linde, welche nach den blutigen Kämpfen der Befreiungskriege von patriotischen deutschen Männern zur Feier des Friedensschlusses gepflanzt wurde – heute ist sie fast ganz vergessen; aber nicht nur das, ihre Wuzeln sind in einer Tiefe von sechs bis acht Fuß vom Erdreich völlig entblößt. Regen und Wind verzehren den Hügel immer mehr, und der nächste Sturm kann den Baum fällen, den unsere Großväter zu Ehren des Vaterlandes gepflanzt haben. Im Hinblicke auf diese für uns beschämende Möglichkeit dürfte es, wie uns von einer Anzahl Berliner Bürger mitgetheilt wird, nöthig sein, zur Befestigung der zu machenden Erdaufschüttung das Terrain dieser Friedenslinde abzusteifen oder um den Hügel eine kleine Mauer zu ziehen; denn ohne solchen Gegenhalt würde trotz geschehener Ergänzung der weggefallenen Erde nach einigen Jahren der Zustand dieser Erinnerungsstätte derselbe sein, wie heute. Wie leicht wäre hier geholfen!




Kleiner Briefkasten.

K. in B–n. Wir haben das neue Lindau’sche Stück noch nicht gesehen und deshalb kein Urtheil darüber. Nach Berliner Berichten hat es dort bei der ersten Vorstellung wenig angesprochen, wird aber trotzdem im Schauspielhause weiter aufgeführt und macht volle Häuser. Nach Dresdener Mittheilungen hat dagegen der „Erfolg“ – zweifelsohne Erfolg gehabt.

M. in Kbg. Warum nicht? Auch die Pädagogen ziehen zuweilen die Schalksjacke an. Im Jahre 1852 konnte man in Nordamerika noch einen englisch geschriebenen Leitfaden der Geographie finden, der über Deutschland nur Folgendes zu berichten hatte: Deutschland ist ein großes Land mit großen Wäldern, in denen viel Pech fabricirt wird. – Hatte der Mann bis 1870 so sehr Unrecht?




In der Verlagshandlung der „Gartenlaube“ ist so eben in einer eleganten Buch-Ausgabe erschienen:
E. Marlitt,
Die zweite Frau.
2 Bände 2 Thlr. 15 Ngr.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)