Die Lohengrinsage und die Schwanenburg zu Cleve

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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Die Lohengrinsage und die Schwanenburg zu Cleve
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 586–590
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Lohengrinsage und die Schwanenburg zu Cleve.

Wenn der Rhein beim Godesberge und Drachenfels das Wunderreich der Romantik verlassen und ihm die himmelanragenden Zinnen des Doms zu Köln noch den letzten Gruß der bildenden Kunst zugesandt haben, durchläuft er eine weite Strecke nüchternen Flachlands. Die vorher verschwenderische Natur ist schaffensmüde geworden, und die Sagen sind verklungen. Aber wie vielfach in den Ausgang eines Menschenlebens der Widerschein rosiger Jugend noch einmal blendend hineinfällt, so schmückt und ziert, wie es im Liede des Dichters heißt,

               „der letzte deutsche Gau
Den Rhein noch einmal mit den schönsten Reizen;
Geschichte, Sage, Wiese, Hügel, Au
Umarmen ihn.“

Da liegt Xanten, die Heimat des größten deutschen Sagenhelden, des kühnen Siegfried. Begeisterten Mundes erzählt uns der Dichter der Nibelungen von den hohen Festen, die dort gefeiert wurden, als das blühende Königskind, Sigmundens und Sigelindens Sohn, das Ritterschwert empfing, mit dem er, sich [587] und Andern zu schwerem Leide, auszog gen Worms, zu werben um Chrimhilden, „deren übergroße Schöne war kundig weit im Lande“. Besonders aber bilden die schwanenreichen Niederungen zwischen Rhein, Maas und Schelde den Schauplatz der alten Schwansage und der aus ihr erwachsenen Sage vom Schwanritter Helias, wie ihn die Volksdichtung, oder Lohengrin, wie ihn die Kunstdichtung benannt hat. Im Mittelpunkte dieses sagenreichen Gebiets steht das Schloß Cleve, das noch bis zum heutigen Tage die Schwanenburg heißt. Auf der Spitze des uralten, wenn auch später erneuten Thurmes, von dem es heißt, daß schon Julius Cäsar ihn fünfzig Jahre vor Christus als eine Schutzwehr wider die großen Feinde des Römerreiches, die blondlockigen Germanen, erbaut habe, prangt jetzt ein vom Winde bewegter Schwan, und ein Schwan steht im Wappenschilde derer von Cleve.

Der alte flandrische Chronist Heliand, der im zwölften Jahrhundert eine Weltgeschichte schrieb, meldet uns, es sei zu der hoch über dem Rhein ragenden Burg Juwamen, allwo gerade die Fürsten des Reichs versammelt waren, ein unbekannter Ritter in einem Kahne geschwommen gekommen, den ein Schwan an einem silbernen Kettlein zog. Er habe sich allda vermählt, Kinder erzeugt und sei dann auf dem wieder erscheinenden Schwanschiffe verschwunden. Sein Geschlecht blühe noch bis auf den heutigen Tag. Spätere Chronisten, wie Gert von Schueren und Jan Waldenaar, wissen, daß der fremde Ritter Helias hieß und daß es Beatrix war, die schöne Tochter des Grafen Dietrich von Cleve, die er und zwar im Jahre 711 gefreit. Ein Anderer, Vinandus Pighius, ist auch über die Herkunft des Ritters unterrichtet, indem er schreibt: „Dieser Jüngling nannte sich Helias de Grail und gab vor, aus dem irdische Paradiese (wohl gar aus dem himmlischen gekommen zu sein, und ist er wegen seinen Kriegsthaten und andern vortrefflichen Eigenschaften vom Kaiser zum Grafen und das Land Cleve zur Grafschaft erhoben worden mit der ausdrücklichen Bewilligung der Erbfolge auf seine Nachkommen.“ Also ward der Schwanenritter zum Ahnherrn der Grafen von Cleve und Mark und es durfte der Dichter des reizenden Idylls „Otto der Schütz“ sagen:

„Ihr habt die Sage weit vernommen,
Wie einst des Hauses großer Ahne,
Vom Schwan gelenkt, an’s Land geschwommen –
Von Monsalwatsch war’s Lohengrin;
Beatrix warb er zum Gemahle.
Wohl trieb ein kläglich Schicksal ihn
Hinweg von ihr zum Dienst dem Grale,
Doch blieb der Stamm, von ihr geboren,
Des Vaters Banner unverloren.
Solch hohen Stammes rühmte sich
Der Gral von Cleve Dieterich.“

Was uns der Chronist in seiner trockenen Weise kurz und flüchtig andeutet, ist aber nur der matte Abglanz eines bunt schillernden Bornes, der das Reich der Mythe, der Mär, Sage und Geschichte gemeinsam durchfließt und ist dessen Zaubertiefe es wohl lohnt einmal hinabzusteigen.

Der Schwan war durch seine Farbe und den ihm angedichteten Gesang für die mythische Zeit der geheimnißvolle Repräsentant des schöpferischen Lichts. Und des himmelentstammten Klangs, der wie der Geist über den Wassern schwebte (als Zugvogel), aus unbekannter Ferne erschien und wieder dahin zurückkehrt. Er stand da im Gegensatze zu dem Raben, dem Vogel der das Leben vernichtenden Nacht, dem Repräsentanten der Hölle. So fliegen die Nornen als Schicksalsjungfrauen in der Gestalt von Schwänen durch die Lüfte; die Walküren erscheinen von Schwanenfittigen getragen über dem Getümmel der Schlachten und entscheiden deren Loos. Wie Allem, was einen geheimnißvollen Zusammenhang sich wahrt zwischen Himmel und Erde, so wohnte auch den Schwänen die Gabe der Weissagung bei. So kommt auch in den Liedern der Edda die wunderbare Natur des Schwans vielfach zur poetischen Verwerthung.

Im Reiche des Märchens und der Sage erscheint der Schwan als ein Abkömmling oder Sendbote aus einer andern glückseligeren Heimath, zu der er, von Sehnsucht getragen, immer wieder zurückkehrt. Indem er von Osten gen Westen fliegt, verbindet er auf geheimnißvollem Wege das Morgen- und Abendland und trägt die Wunder des erstern in dieses hinüber, wie sich dies charakteristisch ausprägt in dem bekannten Schwanenmärchen von Musäus: „Der geraubte Schleier“. Hier begegnen wir namentlich der Mär von den Schwanenjungfrauen, die ihr Schwangefieder beim Baden ablegen und zu wunderschönen Mädchen sich wandeln, damit aber auch den Wechselfällen des irdischen Daseins, vor Allem der süßen Gefahr der Liebe verfallen. Von ihrem Anblicke bethört, raubt ein schöner Menschenjüngling ihnen das Gewand, wie den an eine goldene Krone befestigten Schleier, dessen Besitz ihrer Wiederverwandlung bedingt. Sie können nicht mehr zurück zu ihrer Schwanenheimath, verbleiben im Banne des Herzens und genießen nun die Lust und das Leid der irdische Liebe. Aber die Sehnsucht nach der fernen Heimath voll ewigen Glückes lebt in ihnen fort, und als der Gatte ist unbewachter Stunde ihnen das streng verwahrte Schwanenkleid zeigt, das sie wieder zu Schwänen wandelt, fliegen sie durch die Lüfte davon, unbekümmert darum, daß dem verlassenen Gatten darüber das Herz vor Sehnsucht bricht.

Dasselbe leitende Motiv, nur aus dem Weiblichen in’s Männliche übersetzt, geht durch die Sage vom Schwanenritter. An die Stelle des verborgen gehaltenen Schleiers tritt hier die verbotene Frage nach der Heimath des auf räthselhafte Weise erworbenen Gatten. Auch vollzieht sich im Schwanenritter selbst keine Wandlung aus dem Menschen zum Thiere, vielmehr ist ihm der Schwan der Führer und Bote aus und nach den seligen Gefilden. Diese Sage vom Schwanenritter, wie sie nach vielen Wandlungen ist das Volksbuch übergegangen ist, erzählt uns Folgendes:

Rion, Sohn des Pirion und der Matabruna, König im Lande Lillefort, führt die schöne Beatrix als Gattin heim. Matabruna, die böse Mutter, sinnt darauf, wie sie dem Sohne das Herz der jungen Königin abwendig machen könne. Sieben Hündlein, sprengt sie im Lande aus, habe die junge Mutter geboren, indeß sie deren sieben blühende Kinder, welche bei der Geburt jedes ein silbernes Kettchen am Halse trugen, bei Seite bringt. Ein frommer Einsiedler, Helias, nimmt die im Walde Ausgesetzten erbarmend auf und erzieht sie heimlich. Dort später entdeckt und zum zweiten Male vom Tode bedroht, flattern sie, der Zier ihrer Kettchen beraubt, als Schwäne in die Luft. Nur der älteste entgeht durch Zufall dieser Metamorphose. Er wird nach dem Einsiedler „Helias“ genannt und weist, zum Jüngling herangewachsen, durch das Gottesurtheil eines glücklich bestandenen Zweikampfes, die Unschuld seiner Mutter nach. Die böse Matabruna wird verbrannt, und die Schwanengeschwister werden durch die Wiederherbeischaffung der silbernen Kettchen entzaubert bis auf einen, dessen Kettchen sich nicht mehr im alten Zustande befindet. Helias selbst wird König an des Vaters Statt. Da erscheint eines Tages der noch als Schwan verzauberte Bruder mit einem Schifflein und deutet mit stummer Geberde an, sein Bruder möge es besteigen – und nun geht die bisher vorwiegend märchenhafte Vorgeschichte über in die eigentliche Sage vom Schwanenritter. Helias folgt der Leitung des brüderlichen Schwanes und kommt in das Land der Herzogin von Billon (Bouillon). Diese ist von ihrem Schwager, dem Grafen von Frankenburg, der Vergiftung ihres Gatten bezichtigt worden und soll nun einen Ritter zum Kampfe mit ihrem Ankläger stellen, zum Erweise ihrer Unschuld.

Da naht, wie ein Traum ihr vorher verkündet, auf einem von einem Schwan gezogenen Schifflein ein fremder Ritter; er besiegt den Verleumder und erhält die Hand der schönen Clarissa, Tochter der Königin. Diese fragt den Gemahl eines Tages nach dem Lande, dem er entstamme. Helias verbietet ihr diese Frage zu thun; sonst müsse er scheiden. Die junge Herzogin bescheidet sich dessen. „Man weiß aber wohl,“ erzählt das Volksbuch in seiner naiven Treuherzigkeit, „wie die Frauen sind. Was man ihnen verbietet, das thun sie gerade zumeist und sind sie erst einmal neugierig nach einer Sache, dann haben sie keine Ruhe mehr Tag und Nacht, bis sie darum wissen.“ Also erging’s auch Frau Clarissen. Denn sie fragt nach sechs Jahren abermals. Vergebens ist die rührende Bitte des Kindes, vergebens das vermittelnde Wort des Kaisers – der Schwan steht schon auf der Wacht. Helias kehrt wieder heim gen Lillefort, ohne daß Frau und Kind seinen Namen erfuhren. Der Schwan, sein Bruder, wird endlich entzaubert, er aber siedelt über in ein Kloster, tief im Walde der Ardennen. Nach langem Suchen gelingt es treuer Gattenliebe, ihn noch in der Stunde des Sterbens aufzufinden. Hier liegt [588] die Vorgeschichte des Schwanenritters noch ganz im Bereiche des Märchenhaften. Es klingt in dieselbe hinein nicht sowohl die Mär von den Schwanenjungfrauen, als vielmehr jenes wunderliche Märchen von den sieben Brüdern und der treuen Schwester, das durch den Pinsel Moritz von Schwind’s eine neue künstlerische Verklärung gefunden hat. Im zweiten Theile, der eigentlichen Schwanenrittersage, steigt die Erzählung aus dem romantischen Dämmer zur Helle des geschichtlichen Tages; sie führt den sächsischen Kaiser Otto den Ersten in die Scene und bezeichnet weiter als die Enkel des Schwanenritters Gottfried von Bouillon und Balduin, den ersten König von Jerusalem.

Der Minnesänger Conrad von Würzburg rückt in seinem uns nur fragmentarisch überlieferten Schwanenritter die geschichtliche Basis noch weiter zurück – in die Zeiten Karl’s des Großen. Hier ist es Beatrix, die schöne Tochter Gottfried’s von Brabant und Erbin von Cleve, deren Herz und Land der Schwanenritter wider deren ländersüchtigen Schwager, den Sachsenherzog, gewinnt. Da sind wir also wieder auf Cleve’schem Boden. Eine ältere belgisch-französische Tradition macht den Schwanenritter von Cleve zu einem Krieger Julius Cäsar’s, und weitere Forschungen führen ihn zurück bis auf Ulysses, der, nach einer Stelle im Tacitus, auf seinen Irrfahrten auch rheinaufwärts gefahren ist.

Eine eigenartige Entwickelung erhielt die Sage vom Schwanenritter dadurch, daß die mittelalterliche Kunstdichtung sie mit der Gral- und Artussage in Verbindung brachte. An die Stelle des heidnischen Mythus mit seiner grandiosen Phantastik des Märchens, mit seinem sinnlichen Zauber, tritt hier die weihrauchduftende, sinnbethörende Mystik des Christenthums, wie sie sich in jener wunderbaren, ursprünglich maurischen Legende von dem heiligen Gefäße, in welches das zur Erlösung der Welt geflossene Blut des Heilands aufgefangen war, und im König Artus und seiner Tafelrunde ausspricht, die das heilige Kleinod in einem besondern mit Gold, Marmor und Edelstein verschwenderisch ausgestatteten Tempel im fernen Lande India hüten. Der rettende Ritter des Schwans ist jetzt ein Abgesandter des Grals, Lohengrin, der Sohn des Tempelritters Parcival. Der Schwan, der ihn führt, erscheint nicht mehr unter der Metamorphose eines Menschen, sondern unter der eines Engels, als Bote des Himmels. So führt ihn zuerst Wolfram von Eschenbach am Schlusse seiner großen Graldichtung „Parcival“ in Scene. Es herrschte im Lande Brabant, heißt es dort, eine Frau von würdereichem Leben, großem Reichthum und hohem Stande. Viele Fürsten warben um ihre Hand, aber ihr demüthig keuscher Sinn widerstand all ihrem Werben; nur der sollte ihr Genosse sein, der ihr gesandt werde von Gottes Hand. Da erscheint der von den Grafen des Landes hart Bedrängten der ersehnte Bräutigam des Himmels auf einem von einem Schwan gezogenen Schifflein. Dann folgen Verlöbniß und Hochzeit, das Verbot der Frage und dessen verhängnißvoller Bruch.

Im jüngeren Titurel (1270), einer Nachbildung des Fragment gebliebenen älteren Titurels von Wolfram von Eschenbach, nimmt die Geschichte Lohengrin’s eine von der herkömmlichen total verschiedene Entwickelung, welche dadurch von Wichtigkeit ist, daß Richard Wagner sie theilweise als Leitmotiv in seinem „Lohengrin“ verwandte. Hier wird die Gattin Lohengrin’s, Belaye de Lizeborge, weniger von den Qualen der Neugier, die Abkunft des Gemahls zu erfahren, als von der Furcht vor dessen Unbeständigkeit gepeinigt. Da erhält sie von einer Zofe den Rath, sich ein Stück vom Leibe Lohengrin’s zu verschaffen und dasselbe heimlich zu verzehren. Dies Mittel wirke ein unzertrennliches Band der Liebe zwischen ihr und ihm. Zu diesem Ende dringen die Verwandten der Frau Nachts in Lohengrin’s Schlafgemach; dieser erwacht, sieht traum- und schlaftrunken die bloßen Schwerter, wittert Verrath, holt aus zum Kampf und fällt durch das Schwert der eigenen Freunde. Seine Gattin tödtet der Gram.

Zwanzig Jahre später erschien ein selbstständiges größeres Gedicht, das den Namen unseres Sagenhelden Lohengrin an der Spitze trägt. Der Anordnung des Gedichtes nach trägt Wolfram von Eschenbach auf den Wunsch des Landgrafen Hermann von Thüringen vor versammeltem Hofe die Märe vor, wie Lohengrin vom König Artus gesandt war gen Brabant. Gleichwohl ist Wolfram von Eschenbach nicht der Verfasser des Gedichts, vielmehr ist derselbe bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben. Die Sage ist hier, soweit sie sich nicht im Wundergebiet des Grals bewegt, auch mehr auf den Boden des Geschichtlichen fixirt und rein menschlicher Empfindung nahe gerückt.

Der Inhalt ist im Wesentlichen derselbe wie der des allbekannten Libretto’s von Richard Wagner’s Oper „Lohengrin“, und darf daher ein näheres Eingehen auf denselben dem Leser hier wohl erspart bleiben. Nur einer Personen-Veränderung müssen wir besonders gedenken. Nach der Sage ladet das Brautpaar Lohengrin und Elsa den Kaiser, die Kaiserin und alle Fürsten zur Hochzeit nach Brabant. Unter letzteren befindet sich ein Graf von Cleve, den beim Turnier Lohengrin in den Sand streckt, wobei dem Besiegten der Arm zerschmettert wird. Da ersteht in der Gattin des Grafen von Cleve die Rächerin an Lohengrin, indem sie Elsa aufreizt, nach ihres Gemahls geheimnißvoller Abkunft zu fragen. Diese in der Sage episodische Figur der Frau von Cleve wächst in der Oper „Lohengrin“ zu der dämonischen Ortrud empor, welche das dramatische Gegenspiel wider Lohengrin und Elsa mit wahrhaft furchtbarer Energie vollzieht. Sie hat den Bruder Elsa’s in einen Schwan verzaubert und dadurch den Verdacht erregt, daß Elsa ihn gemordet habe. Telramund, ihr Gatte, zeiht diese vor dem Kaiser ausdrücklich des Mordes, er wird von Lohengrin im Kampfe besiegt, aber begnadigt. (In der Sage läßt der Kaiser dem Besiegten den Kopf abschlagen.) Dafür klagt er ihn offen der Zauberei an, an die er selbst auch glaubt. Die zauberkundige Ortrud weiß, daß, wenn ihm ein Stück seines Leibes, auch nur das kleinste Glied, entrissen wird (Motiv aus dem jüngeren Titurel), sein Zauber gebrochen ist. Telramund beschließt, ihm ein solches Stück gewaltsam zu entreißen, und kommt dabei um. Der Rangstreit zwischen Elsa und Ortrud beim Kirchgange weist zurück auf die gleiche Scene zwischen Brunhild und Chrimhild in den Nibelungen. Lohengrin darf seinen Namen nicht nennen, weil seine heilige Kraft als Gralritter nur so lange wirkt, wie er unerkannt bleibt, doch bringt ein brünstiges Gebet ihm seine Kraft noch so weit wieder, daß er vor seiner Heimkehr Elsa’s Bruder entzaubert.

Der Born sagenhafter Romantik im Schloß zu Cleve ist mit der Schwanenrittersage noch nicht ausgeschöpft. Auch die Sage von der weißen Frau hat dort einen ihrer vielverzweigten Wohnsitze eingenommen. Sie steht mit der Schwansage in innerer Verbindung. In die Farbe des Schwans gekleidet, wohnt der weißen Frau, gleich den Walküren, die Gabe der Weissagung bei, und sie ist gleich den Schwanenjungfrauen und dem das Schiff geleitenden Schwane die Botin zum höhern ewigen Leben. Nach einer Deutung ist auch die weiße Frau Niemand anders als die schöne Beatrix von Cleve, die Gattin des Schwanenritters Helias, welche aus Reue über ihre unselige Frage und zur Sühne des gebrochenen Gelübdes ruhelos fortlebt und als Schutzgeist ihres Hauses im Schloßthurme zu Cleve von Zeit zu Zeit erscheint, um bedeutungsvolle Wendungen in der Geschichte ihres Geschlechts voraus zu verkünden. Von da ging sie mit dem Heimfall des Geschlechts im Wege Erbgangs an das Haus Brandenburg auch dahin mit über.

In Beziehung zur Schwansage steht auch der Cleve’sche Schwanenorden, der als Ordenswappen einen sitzenden Schwan mit goldener Kette führte.

Endlich schlingt auch noch eine andere Sage ihr frisches Blätterwerk in die trockenen Lettern der Chronik des Hauses Cleve. Es ist die durch Gottfried Kinkel in so anmuthiger Weise poetisch wiedergeborene Aventiure von Otto dem Schützen. Der junge Graf Otto, erzählt der Chronist, Sohn des Landgrafen Heinrich von Hessen, sollte nach dem gewöhnlichen Loose der nachgeborenen Söhne in den geistlichen Stand treten. Sein Sinn aber steht auf männliche Thaten und Abenteuer; er kauft sich statt der Bücher Schwert und Armbrust und zieht statt auf die hohe Schule nach Paris unerkannt als schlichter Schütze an den Hof des Grafen Adolph des Fünften von Cleve. Dort gewinnt er sich durch sein ritterliches Wesen, seinen Muth und seine Gewandtheit das laute Lob des Grafen und die stille Gunst von dessen Tochter, der schönen Beatrix. Da erscheint nach sieben Jahren ein hessischer Ritter, Heinrich von Homberg, am Hofe, der alsbald den jungen Prinzen erkennt, von diesem aber um Beibehaltung seines Incognitos gebeten wird, denselben aber doch durch sein Benehmen dem Grafen Adolph verräth. Da nun inzwischen

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Die Gartenlaube (1879) b 589.jpg

Schloß Cleve.
Originalzeichnung von Franz Schreyer.

[590] des Landgrafen ältester Sohn gestorben war, und es dem Lande Hessen an einem Erben gebrach, tritt der alte Landgraf dem Todtgeglaubten die Landgrafschaft ab, und Otto der Schütze hält mit der geliebten Beatrix fröhlichen Einzug im Lande der Hessen. Die strenge Forschung schüttelt, um die Wahrheit der Geschichte befragt, zwar verneinend ihr Haupt, vermag aber nicht ihr das Leben zu nehmen, das sie fortlebt im Reiche der Poesie.

Fr. Helbig.