Die Wetter-Prophezeiung einst und jetzt

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Autor: Carus Sterne
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Titel: Die Wetter-Prophezeiung einst und jetzt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 452-455, 535-538, 584-586
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[452]
Die Wetter-Prophezeiung einst und jetzt.
Von Carus Sterne.
1. Die Astrometeorologie.

Im Anschlusse an die vorjährige Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte zu Kassel fand, wie schon zwei Jahre früher, eine Conferenz darüber statt, in welcher Weise nach dem Muster der Vereinigten Staaten und anderer Länder die vorgeschrittene Meteorologie der Neuzeit auch in Deutschland für Handel und Gewerbe, Landwirthschaft, Garten-, Forst- und Weinbau etc. nutzbar gemacht werden könnte. Die Idee, eine Organisation zu schaffen, durch welche beinahe Jedermann im deutschen Reiche erfahren könnte, welche Temperatur, Windrichtung, Niederschläge etc. er am nächsten Tage an seinem Aufenthaltsorte zu gewärtigen hat, steht in sonderbarem Widerspruch mit der Entsagung, welche den berühmten Naturforscher Arago noch 1846 sagen ließ: „Kein Naturforscher, der auf seinen Ruf halte, werde sich mit Wetterprophezeiungen versuchen“, und erinnert andererseits lebhaft an die staatliche Organisation der Wetterprophetie, wie sie bereits im alten Assyrien statthatte.

Aus den im letzten Jahrzehnt entzifferten Ziegelsteinblättern der königlichen Bibliothek von Ninive hat man zahlreiche Beweise entnommen, daß den Staatsastronomen Assyriens unter vielen andern Obliegenheiten auch die Pflicht auferlegt war, aus dem Studium der Gestirne das Wetter für die verschiedenen Provinzen des Landes abzuleiten und vorherzuverkünden.

„Wenn der Mond,“ heißt es auf einer solchen Tafel, „am 1. und 28. des Monats dasselbe Ansehen zeigt, so ist das ein [453] schlechtes Zeichen für Syrien, und wenn dasselbe am 1. und 27. stattfindet, für das Land Elam. Wenn der Mars im Monat Ulul wohl sichtbar ist, wird die Ernte gut ausfallen und das Herz des Landes erfreut werden. Wenn der Mond in seinen Aspecten von Wolken bedeckt erscheint, so wird es Ueberschwemmungen geben etc.“ Wie der größte Theil des übrigen Aberglaubens der Chaldäer, der aus der Voraussetzung eines allgemeinen Zusammenhanges aller Naturerscheinungen unter einander hervorgegangen war, so ist ihre Astrometeorologie über Kleinasien und Rom in die alte Welt gedrungen und hat unsere Witterungskunde – es ist schrecklich, aber wahr – bis tief in’s neunzehnte Jahrhundert hinein beherrscht.

Ohne freilich diese Ursprungsstätte selbst zu berücksichtigen hat der Geschichtsschreiber der Chemie, Professor Hermann Kopp in Heidelberg, die ferneren Schicksale der Astrometeorologie in einem kürzlich erschienenen Buche geschildert[1], dem wir im Nachfolgenden manche Einzelheiten entnehmen werden und welches einem weiteren Leserkreise um so angelegentlicher zu empfehlen ist, als es auch die neueste Stufe der jungen Wissenschaft von der rationellen Vorausbestimmung des Wetters demselben ausführlicher zugänglich macht, als wir es hier versuchen können.

Wenn wir uns zunächst auf den historischen Standpunkt zurückbegeben, so sehen wir die Gelehrten des Alterthums völlig in den chaldäischen Ansichten befangen. Virgil in seinem Gedichte über den Landbau wiederholte in Bezug auf die Witterungsvorzeichen größtentheils dasselbe, was der macedonische Arzt Aratos einige hundert Jahre früher in einem astronomischen Gedichte darüber vorgetragen hatte. Der Vater der wissenschaftlichen Astronomie Ptolemäos, welcher in der Mitte des zweiten Jahrhunderts zu Alexandria lehrte, behandelte diesen Zweig der Astrologie in seinen Werken so ausführlich, daß wir uns nicht wundern können, auch noch Tycho de Brahe und Kepler[2] ihre Kalender mit den Einflüssen füllen zu sehen, die der kalte und feuchte Saturn, der warme und trockene Jupiter, der heiße Mars, die trockene Sonne und der kühle Mond, die heitere Venus und der neblige Mercur auf jede Woche und jeden Monat zusammen ausüben sollten: wie, weil man damals nur fünf Planeten kannte, immer einer von ihnen und außerdem Sonne und Mond jedes siebente Jahr, jeden siebenten Monat, Tag und Stunde besonders regiere, und zwar souverain, wenn nicht etwa Kometen dazwischen kämen und den Fall bedenklich complicirten.

Nur darum möchten wir mit einigen Worten hierauf näher eingehen, weil auf diesem Glauben an die Planetenherrschaften ein leider noch nicht verblichenes Erbstück unserer Kalender beruht, der bekannte Witterungsbericht „nach dem hundertjährigen Kalender“. Man nimmt gewöhnlich an, dieses alte Inventar berufe sich auf eine angebliche Erfahrung, nach der die Witterung alle hundert Jahre wieder dieselbe sein solle, allein in dem alten Entwurf des Abtes Mauritius Knauer zu Langheim bei Bamberg handelt es sich vielmehr um den obenerwähnten jährlichen Thronwechsel der sieben Planeten in der Beherrschung des Jahres, und aus diesem Grunde wurde der hundertjährige Kalender (im siebenzehnten Jahrhundert unter der Autorität eines Dr. Hellwig) immer für sieben Jahre neu bearbeitet und herausgegeben. Bei dem ungemeinen Vertrauen, welches die Landleute und manche andere Volksclassen, trotz der fortwährenden Enttäuschungen, immer noch auf den hundertjährigen Kalender setzen, ist es zu bedauern, daß dieser Mißbrauch selbst noch in solchen Kalendern fortdauert, die von gemeinnützigen Gesellschaften, Vereinen für Volksbildung etc. herausgegeben werden. Man möge doch bedenken, daß die richtigen und sicheren Angaben der Kalender über Finsternisse, Gestirnbewegungen etc. geeignet sind, bei dem gewöhnlichen Manne den Glauben zu erwecken, daß man eben auch das Wetter auf Jahr und Tag vorausberechnen könne, und nicht einmal die alltägliche Erfahrung, daß die Witterung an demselben Tage in den östlichen und westlichen Provinzen, im Norden und Süden eines und desselben Landes häufig gänzlich verschieden ist, vermag den Glauben an solche heimathslosen und darum in sich selbst unmöglichen Angaben zu erschüttern.

Vergeblich haben sich Heinrich Bebel und Franz Rabelais vor mehr als dreihundert Jahren bemüht, die Kalenderweisheit durch prophetische Almanache lächerlich zu machen, in denen sie mit Würde und Nachdruck verkündeten, daß im kommenden Jahre mehrere Leute an schwerem Geldmangel und andere an heftigen Krankheiten leiden würden, daß im Uebrigen die alte Sonne und der alte Mond scheinen, der Winter Katarrhe und der Sommer Schweiß verursachen würde etc. Trotzdem kaufen in Deutschland die Landleute noch heute „Die Prophezeiungen des Schäfer Thomas“ und in Frankreich den „Dreigedoppelten Almanach“ („Le triple Almanach“) von Mathieu de la Drôme’s seligen Erben, der, wie sein Titel sagt, für Jedermann schlechterdings unentbehrlich ist, da er von den Koryphäen der Wissenschaft redigirt und von den ersten Künstlern illustrirt wird. Er sagt das Wetter und die anderen Weltbegebenheiten voraus und zwar nach einer ganz genauen Berechnungsmethode, welche gerade so wie das Recept des dreigedoppelten kölnischen Wassers Familienbesitz ist. Da indessen auf die Mondphasen ein besonderer Nachdruck für den Wetterwechsel darin gelegt wird, so handelt es sich wahrscheinlich ebenso wie bei der Berechnung des concurrirenden „Meteorologischen Almanachs“ von dem berühmten Kampherpillen-Fabrikanten und rothen Republikaner Raspail (gestorben 1878) um die vielbeklagte Pfuscherei unseres lieben Trabanten, des Mondes, in unser Wetter.

Die allgemeine Ueberzeugung, daß sich schlechterdings mit dem Mondwechsel das Wetter ändern müsse, läßt sich vielleicht als der zäheste Ueberrest der altchaldäischen Astrometeorologie in unserem Sinnen und Denken betrachten. Bei schlechtem Wetter, welches eine Aenderung sehr wünschenswerth erscheinen läßt, blickt noch immer Männiglich und Weibiglich hoffnungsvollst auf den nächsten „Mondwechsel“, der dem endlosen Regen oder Frost schon seinen Abschied geben werde. Nun sind aber die Mondphasen, das Abnehmen und Zunehmen und namentlich der Eintritt des ersten und letzten Viertels so gleichgültige Beleuchtungserscheinungen, daß Niemand in der Natur, nicht einmal die Warzen- und Wurmdoctoren, die entscheidende Stunde merken würden, wenn sie nicht genau im Kalender stünde. Der bekannte französische Astronom Faye ist vor Kurzem in solche Verzweiflung über die Unausrottbarkeit des Mondaberglaubens gerathen, daß er die Schreiblehrer der Dorfschulen um ihre Unterstützung gebeten und sie ersucht hat, der noch unverdorbenen Jugend zur Uebung vorzugsweise solche Sätze zu dictiren, wies „Es ist nicht wahr, daß der Vollmond die Wolke auffrißt; – es ist erlogen, daß der Neumond das Wetter ändern soll“ etc. Uebrigens sind nicht alle Wetterkundigen so radicale Mondverächter wie Herr Faye, vielmehr ist der vielgenannte Professor Stieffel in Karlsruhe ebenso wie der schon erwähnte Republikaner Raspail durch den Mond zu hohem Prophetenruhme gelangt. Da nämlich die Mondphasen nach neunzehn Jahren wieder auf dieselben Tage fallen, so müßte, falls sie die eigentlichen Wettermacher wären, nach neunzehn Jahren das alte Wetter wiederkehren, und die genannten Mondpropheten ersetzten deshalb nach neunzehnjähriger Beobachtung und Aufzeichnung den siebenjährigen Knauer’schen Planetenkalender durch einen mindestens ebenso zuverlässigen neunzehnjährigen Mondkalender.

In aller Abenteuerlichkeit verjüngten sich die astrometeorologischen Speculationen der Chaldäer in einem Berliner Rechnungsrath a. D. (F. A. Schneider), der seit dem Jahre 1836 mehr als dreißig Jahre hindurch die Planeten von Neuem für unsere Witterung verantwortlich machen wollte. Auf Jahre hinaus, so weit nur die Planetenberechnungen der Sternwarten reichten, die ihm zur Grundlage seiner Witterungs- und Temperaturbestimmungen dienten, berechnete er auch das Wetter voraus, veröffentlichte seine Vorhersagungen in der „Vossischen Zeitung“ und machte, die Nieten mit der Unvollkommenheit alles menschlichen Wissens entschuldigend, nachträglich triumphirend auf die Treffer aufmerksam. Wenn man von dem Platze aus, auf welchem der Obelisk zur Erinnerung an den vorjährigen Einzug des wiedergenesenen Kaisers in Berlin errichtet werden soll, nur wenige Schritte in die Potsdamer Straße hineinthut, so erblickt man links in der Mitte eines hübschen Gartens die angenehme Villa des letzten Chaldäers, [454] welche in Goldschrift auf blauem Grunde die Inschrift trägt: „Astrometeorologisches Institut“ und darunter die Zeichen Uranus symbol.svgSun symbol.svg das heißt Uranus in Quadratur mit der Sonne. Es bezeichnet diese Hieroglyphe, wie es scheint, den Gründungstag des Institutes, von dessen nunmehr erloschener Wirksamkeit die Wissenschaft keine Notiz genommen hat.

Ueberblicken wir die Entwickelung der astrometeorologischen Wissenschaft von den assyrischen Zeiten bis zur Gegenwart, so sehen wir, daß die Idee derselben wohl eine sehr richtige war; man suchte eben die astronomischen Ursachen des Wetters zu ergründen und aus diesen im Voraus seinen Gang zu berechnen. Mit der genaueren Erkenntniß der Bewegungen im Planetensysteme hat man aber als die beiden Hauptfactoren, welche das Wetter bedingen, die Bewegung der Erde um die Sonne und um sich selbst erkannt, wobei die Neigung der Erdachse gegen die Erdbahn als die eigentliche Ursache der Ungleichheit des Wetters im Jahreslaufe betrachtet werden muß. Wenn die Achse nämlich senkrecht auf der Bahnebene stünde, so würden wir die Sonnenstrahlen, abgesehen von der größeren Entfernung im Sommer, unter stets gleichen Bedingungen empfangen, also weniger unter der Ausgleichung der Lufttemperaturen leiden und uns eines ewigen Frühlings erfreuen. In welcher Weise diese Ausgleichung durch die Passate in unseren Breiten vor sich geht, habe ich früher einmal den Lesern der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1874, S. 149) zu schildern gesucht und muß heute darauf verweisen.

Man könnte nun glauben, daß das von diesen Ausgleichungen abhängige Wetter alljährlich demnach denselben Verlauf nehmen müßte, da die eben genannten Hauptfactoren alljährlich in genau derselben Weise zusammenwirken. Bekanntlich ist ersteres nun keineswegs der Fall, und man hat sich deshalb gefragt: sind da dennoch ernstliche Verschiedenheiten in den Grundursachen vorhanden, die nicht mit dem Jahresumlauf zusammenfallen? Ist etwa die Sonne – so lautet die erste Frage – nicht immer gleich heiß? Wir haben über die Ursache der Sonnenwärme vorläufig nur, wenn auch zum Theil sehr gegründete, Vermuthungen, aber wir wissen allerdings, daß auf der Sonne periodisch sehr lebhafte Verbrennungsprocesse eintreten, die uns als ungeheure Eruptionen glühender Gasmassen (Protuberanzen oder Fackeln) und dadurch entstehende gewaltige Rauch- und Wolkenbildungen (Sonnenflecken) erscheinen; wir wissen ferner, daß diese Processe innerhalb etwas über elf Jahre ein Maximum und ein Minimum aufweisen.

Schon im vorigen Jahrhundert hat man nun zu bemerken geglaubt, daß das Sonnenflecken-Maximum mit Jahren größter Kühle, des Mißwachses, hoher Kornpreise, mit Hungersnoth etc. zusammenfalle, aber die genauen Untersuchungen des älteren Herschel erwiesen eher das Gegentheil, und in der That streiten sich soeben die englischen Meteorologen darüber, ob nicht umgekehrt die seit einigen Jahren andauernde Fleckenlosigkeit der Sonne vielmehr an der großen indochinesischen Hungersnoth schuld sei. Sofern man die bis jetzt noch unbekannte Thatsache der elfjährigen Sonnenfleckenperiode dem Jupiter in die Schuhe schieben möchte, dessen Umlaufszeit etwas über elf Jahre beträgt, so läuft Alles das wieder auf Astrometeorologie hinaus, allein wir haben nicht einmal zwingende Gründe, die Sonnenfleckenperiode selbst, geschweige gar den Jupiter für unsern letzten Winter verantwortlich zu machen, etwa wie man einen solchen früher den Einflüssen des alten, kalten Saturnus zuzuschreiben pflegte.

Auf eine fernere mögliche und voraussehbare Ursache der Störungen im regelmäßige Verlaufe unserer Witterungserscheinungen hat innerhalb des letzten Decenniums der österreichische Naturforscher Rudolph Falb vielfach hingewiesen, auf die Anziehungskraft nämlich, mit welcher die Masse von Sonne und Mond auf unsere Atmosphäre wirken müsse. Eben so wohl wie die Anziehungskraft dieser Weltkörper die Ebbe und Fluth unserer Meere erzeuge, so müsse sie ähnliche Erscheinungen in unserer Atmosphäre hervorrufen, besonders wenn Sonne und Mond vermöge ihrer gegenseitigen Stellung in derselben Richtung und in größter Erdnähe auf sie wirken. Zur Zeit des ersten und letzten Viertels wirken beide Weltkörper in senkrecht auf einander stehenden Richtungen und würden sich also mehr stören, als sie sich unterstützen könnten, zur Zeit des Vollmondes und Neumondes aber wirken sie in derselben Richtung und vereinigen also ihre Kräfte, ähnlich, wie es in der Gellert’schen Fabel heißt:

„Vereint wirkt jetzo dieses Paar,
Was einzeln Keinem möglich war,“

und könnten so unter Umständen eine atmosphärische Springfluth zu Stande bringen. Besonders kräftig würden sie zusammen wirken, wenn zur selben Zeit eine Sonnen- oder Mondfinsterniß stattfindet, und wenn der Mond (wie alle vier Wochen) gerade in seiner größten Erdnähe, oder (wie alle vierzehn Tage) in seinem Aequatorstande, und die Sonne in ihrer Erdnähe (1. Januar) oder in ihrem Aequatorstande (21. März und 23. September) stehen. Wenn einmal vier oder gar fünf dieser Factoren zusammenwirkten, was sich ja genau vorher berechnen läßt, so würde nicht nur eine Kaiserfluth in Aussicht stehen, sondern auch heftige Stürme und einseitige Druckverminderungen in der Atmosphäre, Entweichen gespannter Dämpfe aus dem Erdinnern, kurz Finsternisse, Orkane, Gewitter, Erdbeben und Ueberschwemmungen – alle Schrecknisse der Natur zusammen. Falb hat auf Grund dieser Voraussagungen vielfache Prophezeiungen sowohl von Erdbeben und Vulcanausbrüchen, wie von meteorologischen Processen gemacht, die auch zum Theil eingetroffen sein sollen, aber im Allgemeinen hat seine Theorie die Fachgelehrten nicht zu überzeugen vermocht, und wenn wirklich in ihr ein Factor für die Erklärung einzelner Störungen der Atmosphäre gefunden sein sollte, so bleibt die Unberechenbarkeit des gesammten übrigen Wirkungsverlaufes auf längere Zeit hinaus darum nicht weniger Thatsache.

Auch ist diese Launenhaftigkeit des Wetters unschwer zu verstehen. Wäre die Erde eine polirte oder unpolirte Kugel aus gleichmäßiger Felsenmasse, ohne Gebirge, Wälder, Wüsten und Meere von mannigfach wechselnden Umrissen, so würde das Wetter unzweifelhaft viel regelmäßiger in seiner Atmosphäre verlaufen, als es geschieht. Aber das ungleiche Vermögen der einzelnen Theile ihrer Oberfläche, sich in der Sonne zu erwärmen und diese Wärme der Luft mitzutheilen, Wasserdämpfe zu entwickeln oder zu verdichten, bringt, ebenso wie die Gebirge selbst, Ablenkungen der regelmäßigen Luftströmungen hervor, die, selbst von wechselnden Zuständen abhängig, den Proceß auf das Höchste compliciren. Dazu kommt, daß es oft nur eines kleinen Anstoßes bedarf, um ein häufig vorhandenes schwankendes Gleichgewicht in der Atmosphäre aufzuheben und Wirbelwinde zu erzeugen, die zerstörend über die Länder eilen und deren Brutstätte vielleicht eine von der Sonne stark erwärmte Felseninsel im Ocean oder eine brennende Stadt gewesen. Alle solche secundären Ursachen, die den regelmäßigen Gang der Witterung durchkreuzen, sind unberechenbar und werden es bleiben, und es bleibt dem Forscher auf diesem Gebiete nichts übrig, als der Politik berühmter Staatslenker der Gegenwart zu folgen und ihre Entscheidungen nur „von Fall zu Fall“ zu treffen. Statt einer Entzifferung des künftigen Wetters aus den Ursachen heraus und auf Jahre vorauf, werden sie sich begnügen müssen, dem Lauf desselben zu folgen und aus seiner im gegebenen Augenblicke vorherrschenden Richtung und Tendenz auf vierundzwanzig, höchstens achtundvierzig Stunden eine Prophezeiung zu wagen, höchlichst zufrieden, wenn der Erfolg ihren Voraussagungen entspricht und der über kurz oder lang sichere Umschlag nicht schon innerhalb dieser kurzen Zeitspanne eintrifft. Diese Bemühungen, aus dem erkennbaren Verlaufe, statt aus den theilweise unerkennbaren und unübersehbaren Ursachen, den Gang des Wetters vorauszusagen, bilden den wichtigsten Unterschied und Fortschritt der praktischen Meteorologie unsrer Zeit, zu der wir uns im folgenden Artikel wenden werden.

Für heute mag es dem Verfasser nur noch gestattet sein, seine Ueberzeugung auszusprechen, daß auch die Thiere, welche bei vielen Leuten als Wetterpropheten im höchsten Credit stehen, ihre Voraussagungen nur „von Fall zu Fall“ machen. Es ist ja sicher, daß viele Thiere den bevorstehenden Umschlag des Wetters vorausempfinden und durch ihr Gebahren ankündigen. Daran ist nichts Wunderbares, denn sie haben ihr besonderes Interesse an der Meteorologie, z. B. die Frösche am Regen, und die fliegenden Insecten an der Aufsuchung eines Schlupfwinkels vor dem Eintritt von Regen und Sturm. Auch viele Menschen, namentlich Krüppel und Bresthafte, haben gleichsam ein Barometer im Leibe, und kürzlich hörte ich von einem Manne, der Erdbeben und Stürme mit Kopfschmerz vorausempfinden will. Aber daß die Spinnen monatelang die Witterung vorausempfinden sollen, glaube ich trotz der schönen Geschichte von Quatremère-Disjouval, [455] der dem General Pichegru 1794 auf Grund seiner Spinnenstudien einen harten Winter vorausgesagt haben soll, nicht; jede Schwalbe aus der großen Schaar derer, die noch keinen Sommer machen, jeder verfrühte Storch, dem das Klappern vor Frost näher ist als das vor Vergnügen, beweisen uns ja, daß Irren nicht ausschließlich menschlich, sondern auch schwälbisch und störchisch ist – trösten wir uns also über den Mangel an Unfehlbarkeit mit diesen vielgenannten Wetterverständigen!

[535]
Die Wetter-Prophezeiung einst und jetzt.
Von Carus Sterne.
2. Sturmgesetze und Sturmwarnungen.

Die kühnen Träume der alten Meteorologie haben wir kurz in dem vorigen Artikel zu schildern gesucht, heute werden wir zunächst darzulegen haben, wie sie bescheiden wurde und von unten auf zu bauen begann. Im sechszehnten und siebenzehnten Jahrhundert hatte die Meteorologie zwei Instrumente erhalten, welche es ermöglichten, aus ihr eine Wissenschaft zu machen, das Thermometer und das Barometer. Schon früh hat man begonnen, mit dem ersteren regelmäßige Temperaturbeobachtungen anzustellen, und ebenso sind die Beziehungen des Luftdrucks zum Wetter früh erkannt worden. Bereits Pascal, der die Brauchbarkeit des Barometers für Höhenmessungen feststellte, glaubte solche Beziehungen wahrzunehmen, und Boyle sprach 1665 jene Regeln aus, die noch heute meist den ganzen Ballast der vulgären Barometer-Weisheit ausmachen, daß es nämlich im Allgemeinen bei schönem Wetter höher, als vor und bei Regen stehe, und im Allgemeinen bei östlichen und nördlichen Winden höher, als bei westlichen und südlichen. Dazu fügte 1660 der Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke eine in Form einer Prophezeiung gemachte Beobachtung, die namentlich dazu beitrug, den Ruf des Barometers als Propheten zu entwickeln. Er sah nämlich sein Wettermännchen, eine auf der Flüssigkeit seines primitiven Barometers schwimmende Figur, eines Tages so plötzlich sinken, daß er als Ursache davon einen Aufruhr im Luftkreise annehmen mußte und einen Sturm voraussagte, der zwei Stunden später über Magdeburg dahinraste. Seitdem hat man das Barometer mit einer förmlichen Wettertaxe versehen, und da jeder Mensch von der launischen Witterung unserer Breite gezwungen wird, sich ein wenig auf Wetterprophetie zu legen, so ist es zum populärsten aller physikalischen Instrumente und zum fast unentbehrlichen Hausrath jeder wohleingerichteten Wohnung geworden. Freilich erwerben die aufmerksameren Barometer-Beobachter meist bald genug die Erfahrung, daß dem, was das Barometer schwarz auf weiß giebt, nicht sehr weit zu trauen ist, und in der That giebt es nur demjenigen Frager einigermaßen befriedigende Auskünfte, der seinen Bewegungen aufmerksam folgt und gleichzeitig eine Reihe weiterer Momente, als da sind: Temperatur, Windrichtung, Luftfeuchtigkeit, Jahreszeit und andere, zu berücksichtigen versteht.

Die Meteorologie ist dann durch langjährige Einzelbeobachtungen langsam aufgebaut worden, indem zahlreiche über die ganze gebildete Welt zerstreute Beobachter fortwährend die einzelnen Daten aufzeichneten und ihre Beobachtungsreihen durch den Druck einander zugänglich machten. Wir wollen hier von den älteren Beobachtern nur an die Familie Cassini in Frankreich, an Saussure in der Schweiz erinnern. Eine festere Organisation dieser Beobachtungen im Anschlusse an diejenigen des Erdmagnetismus verdankt man bekanntlich den Bemühungen Alexander von Humboldt’s, der im Vereine mit seinen Freunden Arago und Leopold von Buch und im Anschlusse an seine mit Gauß begründeten magnetischen Observatorien (vergl. [536] „Gartenlaube“ 1877, S. 280) eine große Anzahl unter einander austauschender Beobachtungsstationen in’s Leben rief. Indem Humboldt’s Ansehen das Ausland zur Nachahmung veranlaßte, wurde so von Deutschland aus der Grund zu der Neugestaltung der Meteorologie gelegt, die sich bald in dem am 4. April dieses Jahres verstorbenen Professor Dove zu Berlin dermaßen centralisirte, daß er mit Recht als der Schöpfer dieser nunmehr Früchte tragenden Wissenschaft betrachtet wird.

Dove war nämlich 1848 zum Director des zwei Jahre vorher begründeten königlichen meteorologischen Institutes zu Berlin berufen worden, welches mit dem statistischen Bureau in unmittelbarer Verbindung stand, einer Verbindung, die, so sonderbar sie auf den ersten Blick erscheinen mag, von segensreichstem Erfolge war. Dove wurde dadurch nämlich veranlaßt, die Meteorologie nach der sichersten und geeignetsten Methode aufzubauen die es für diese Wissenschaft geben kann, nach der vergleichend-geographisch-statistischen Methode, und seine umfassenden Combinationen der Beobachtungsreihen aus allen Zonen legten das Fundament einer Wissenschaft, die wir mit Stolz eine deutsche nennen dürfen.

Nach dieser vergleichend-statistischen Methode lernte man zunächst die Vertheilung der Wärme über die Erde kennen, welche auf den Karten durch Curven gleicher Monats- oder Jahreswärme (Isothermen) dargestellt wird und auf deren Verlauf das ideale Wetter beruhen würde, wenn die Wirklichkeit dem Ideal jemals gliche. Auch den beständigeren Unregelmäßigkeiten wurde übrigens von Dove durch Einführung seiner Isanomalen (Linien gleicher Abweichungen vom Mittel) für die einzelnen Zeiten Rechnung getragen, und die geistreiche Art, wie er regelmäßige Abweichungen (z. B. die Rückfälle der Kälte im Mai) und ganz unregelmäßige (harte Winter und heiße Sommer) zu erklären wußte, sichern ihm in dieser Wissenschaft, trotz aller Neuerungen, für immer einen ersten Platz.

Freilich interessirt uns mehr, als die von ihm begründete Kenntniß des idealen Wetters, das reale, wie es sich rücksichtslos über Gerechte und Ungerechte ergießt. Wir kennen als die Hauptursache unseres Witterungswechsels den Kampf der Passatwinde, der im Winter in Südeuropa tobt und gegen den Frühling in unsere Breiten fortschreitet, wir wissen, daß diese Winde dem Dove’schen Drehungsgesetze folgen und mit wenigen Ausnahmen stets in der Richtung der Uhrzeiger „herumgehen“, aber wir wissen die Hauptsache nicht, wann und wie lange wir in dem Bette des Einen oder des Andern oder auf dem Begegnungsplatze beider auszuharren haben.

Dennoch sind die Winde zuerst der Gegenstand einer geregelten Voraussage geworden, sobald man nur durch die Ausdehnung des Telegraphennetzes über den größten Theil der Erde die Möglichkeit gewonnen hatte, ihnen in jeder Richtung den Vorsprung abzugewinnen. Schon im Jahre 1842 machte Kreil in Prag einen darauf bezüglichen Vorschlag, und durch Redfield und Loomis wurde 1846 bis 1847 der Gedanke telegraphischer Sturmwarnungen in Nordamerika angeregt und bald zum großen Nutzen der Schifffahrt ausgeführt, sofern sich dort die Stürme fast regelmäßig von Südwesten her nordostwärts über das Land bis zur atlantischen Küste bewegen.

In Europa, dem Ursprungslande des Gedankens, gab erst der berühmte Sturm, welcher am 14. November 1854 das Lager der Alliirten bei Balaklava verwüstete und auf dem Schwarzen Meere mehrere Kriegsschiffe vernichtete, den Anlaß, die Frage telegraphischer Sturmwarnungen näher in’s Auge zu fassen. Jener Sturm hatte nämlich ganz Europa von Westen nach Osten durchzogen und war bereits am 10. und 11. November über Spanien und Frankreich dahingegangen, sodaß man sich sagen mußte, es wäre bei vollständiger Verbindung sehr leicht möglich gewesen, der Flotte wie der Armee eine rechtzeitige Warnung auf telegraphischem Wege zugehen zu lassen. Der damalige französische Kriegsminister Marschall Vaillant beauftragte den berühmten 1877 verstorbenen Director der Pariser Sternwarte Leverrier, die Frage untersuchen zu lassen, und das Ergebniß einer von Liais gelieferten Arbeit war einerseits die Erkenntniß, daß ein Wellenthal mit sehr vermindertem Luftdruck, ein starkes Minimum, wie wir jetzt sagen würden, über Europa hingegangen war, und daß es nützlich erscheine, in Paris fortlaufende Witterungsberichte aus möglichst vielen europäischen Stationen zu erhalten, um „von Fall zu Fall“ wenigstens gegen Stürme auf der Hut sein zu können. In diesen Arbeiten haben wir auch den Anfang der modernen Witterungs-Prognose überhaupt zu suchen.

Mit ähnlichen Organisationen, wie eine solche bald darauf in Paris geschaffen wurde, ging man nun auch in andern Ländern vor; seit 1860 bereits erließ die Centralstelle von Utrecht, die unter der Leitung des verdienten Meteorologen Buys-Ballot steht, auf Grund ihrer inländischen Berichte regelmäßige Sturmwarnungen für die Küstenstationen, und im Jahre darauf (1861) wurde dieser Sicherheitsdienst für Küste und Häfen in England durch den Admiral Fitzroy, mit dem einst Darwin seine Weltreise gemacht hatte, in ein heute an den meisten Seeküsten eingeführtes System gebracht. Auf den Küstenstationen, welche von einer Centralstelle aus die telegraphischen Sturmberichte erhalten, befindet sich ein Mast, an welchem ein oder zwei kegelförmige Körper respective Laternen (die aus der Ferne als Dreiecke erscheinen), je nachdem sie einzeln oder zu zweien und mit der Spitze nach oben oder nach unten aufgezogen werden, genau die Richtung signalisirter Stürme anzeigen, die an der Küste zu erwarten sind, wobei noch eine cylindrische Laterne, die aus der Ferne nach allen Richtungen als Quadrat erscheint, hinzugefügt wird, wenn der zu gewärtigende Sturm sehr stark ist. Die deutschen Küstenstationen erhalten ihre für Schifferei und Fischerei ungemein segensreichen Sturmwarnungen von der seit 1874 in den Besitz des deutschen Reiches übergegangenen Hamburger Seewarte, einem der bestversehenen und bestgeleiteten derartigen Institute der Welt, nachdem Hannover schon 1864 und Preußen 1868 solche Warnungen für ihre Küsten eingeführt hatten. Nordamerika folgte 1865 und Italien 1869 diesen Beispielen. Was die Sicherheit dieser Sturmwarnungen betrifft, so ist sie bereits auf mehr als 80 Procent gestiegen.

Seit der Herstellung des transatlantischen Kabels haben auch die Wirbelstürme, die uns meist von Nordamerika zugehen, einen Theil ihres Schreckens verloren, da unsere Westküsten nunmehr meist mehrere Tage im Voraus erfahren, wann sie diese unliebsamen Gäste zu erwarten haben. Es ist merkwürdig, daß gerade eine der unberechenbarsten Störungen im Luftkreise, die aus weiter Ferne kometengleich bis in unsere Kreise vordringt, durch diese Behandlung von Fall zu Fall völlig ihres überraschenden Charakters entkleidet werden konnte.

Der Schöpfer der modernen Meteorologie, Professor Dove in Berlin, erkannte bereits im Jahre 1821, daß die gefürchteten Cyclone oder Hurricane, die namentlich in den westindischen und chinesischen Meeren mit verheerender Gewalt toben, Wirbelstürme von einem oft ungemein großen Drehungsdurchmesser sind, und der englische Forscher Piddington, der Amerikaner Redfield und andere Meteorologen haben sich durch die nähere Erforschung der Gesetze dieser verheerenden Naturerscheinung um das Wohl der Menschheit, wie um die Wissenschaft sehr verdient gemacht. In der Mitte dieser Wirbel herrscht in einer Ausdehnung von oft drei bis sieben Meilen Windstille, und ein außerordentlich niedriger Barometerstand, der anderthalb bis gegen drei Zoll unter den früheren gegangen ist, zeigt an, daß hier eine gewaltige Luftverdünnung stattfindet. Rings um diese unheimliche Stille tobt ein Wirbelsturm, in welchem die Schiffer auf einem Durchmesser von oft 100 geographischen Meilen alle Segel einziehen müssen, während die äußersten Grenzen der ringförmigen Luftbewegung bis zu 250 geographische Meilen aus einander liegen können. Uebrigens ist die Bewegung der Luft streng genommen keine kreisförmige, sondern die Luft nähert sich in Spirallinien dem Centrum, wird daselbst nach oben gerissen und tritt dort in Form sehr zersetzter Wolken wieder aus dem erweiterten Wirbel heraus.

Auf den Antillen, wo diese Stürme besonders verheerend auftreten, beginnt der Vorgang in der Regel mit einem Ostwinde, der schnell zu einem Orkane mit furchtbaren Güssen und elektrischen Entladungen anschwillt, darauf folgt, indem sich das Centrum über den Ort fortbewegt, eine Ruhepause, worauf der entsetzlichste Weststurm einsetzt, und einige Stunden später lächelt die Sonne auf eine Stätte der Verwüstung hinab, welche aussieht, als ob ein Feuer über das Land gegangen wäre und Ortschaften und Wälder weggefressen hätte. Von der Wildheit dieser Naturerscheinung haben wir Europäer glücklicher Weise keine Ahnung, aber es mag erwähnt werden, daß solche Stürme Vierundzwanzigpfünder wie leichtes Spielwerk umhergeschleudert [537] haben und daß man nachher Seeschaum und Schiffstrümmer meilenweit von der Küste trifft. Der Ursprung dieser zuweilen in wenigen Stunden Tausende von Menschenleben und Millionen von Besitzthümern vernichtenden Wirbelstürme ist vor wenigen Jahren (1872) von dem Professor Reye in Straßburg auf so geringfügige Ursachen zurückgeführt worden, daß wir dieselben als bestes Beispiel der im Vorhergegangenen oft betonten Unberechenbarkeit des Wetters hier etwas näher betrachten müssen.

Reye erkannte als die Grundursache einen schwankenden, weil falschen Gleichgewichtszustand der Atmosphäre, wie er bei ruhiger, heiterer Luft leicht dadurch entsteht, daß die an der Erdoberfläche erwärmte und mit Feuchtigkeit gesättigte Luft, wenn die Temperaturabnahme nach oben nur etwa einen drittel Grad auf hundert Meter beträgt, nicht mehr aufsteigt, vielmehr sich, von der kälteren Luft der oberen Regionen zusammengedrückt und dadurch schwerer gemacht, unter ihr in großen Massen ansammelt.

In der Region der Windstillen, aus denen die Wirbelstürme meist ihren Ursprung nehmen, werden, eben wegen der geringen Luftbewegung, besonders häufig ungeheuere Massen wärmerer, feuchter Luft unter der kühleren und trockeneren Oberschicht in einem solchen schwankenden Gleichgewichtszustande erhalten. Nehmen wir nun an, ein Vogel steige dort senkrecht in die Höhe, oder ein Feuer werde auf dem Felde angezündet; an der betreffenden Stelle findet die unten in der Ausdehnung vieler Meilen angesammelte feuchtwarme Luft einen Ausweg; von dem auf ihr lastenden Drucke befreit, steigt sie, sich immerwährend ausdehnend, wie in einem Schlote mit zunehmender Geschwindigkeit aufwärts. Oben seitlich abfließend, zieht sie von unten her an der ihres Ueberdruckes entlasteten Stelle andere feuchte Luftmassen nach sich, und der Zug durch diesen unsichtbaren Schornstein, dessen Wandung aus Luft besteht, wird mit jedem Augenblicke heftiger. Nach der Luftverdünnung, die sich am Fuße desselben bildet, strömen von allen Seiten die benachbarten, ebenfalls zum beschleunigten Aufsteigen befähigten Massen herbei und werden, noch ehe sie die windstill bleibende Mitte erreicht haben, nach oben gerissen. In Folge der Erddrehung wird die unten herbeigezogene Luft, statt gerade und radial nach dem luftverdünnten Centrum hinzuströmen, genöthigt, in Spiralwindungen um dasselbe zu kreisen. Ist das luftverdünnte Centrum nördlich vom Aequator gelegen, so müssen die herbei gesogenen nördlichen Luftströmungen, welche aus Gegenden geringerer Umdrehungsgeschwindigkeit kommen, hinter dem rascher bewegten Centrum zurückbleiben, die südlichen dagegen ihm vorauseilen, und so wird hier ein Wirbel entstehen müssen, der wie die Zeiger einer auf dem Glasbauch liegenden Taschenuhr herumgeht. Auf der südlichen Halbkugel entstandene Wirbelstürme drehen sich aus derselben Ursache wie die Zeiger einer auf dem Rücken liegenden Taschenuhr. Die Geschwindigkeit der Luftströmung wird dabei nach mechanischen Gesetzen beständig beschleunigt, je näher der Wind dem Centrum kommt. Wenn man bedenkt, daß die von größeren Wirbelstürmen herbeigesogene Luft oft hundert Meilen weit herkommt, so kann man sich erklären, wie die anfangs vielleicht nur mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern in der Secunde begabte Luft gegen das Centrum eine größere Geschwindigkeit als selbst die Geschosse unserer Riesenkanonen erreicht. Das erklärt die furchtbare Wirkung der Wirbelstürme und ebenso die Abnahme der Wirkung, wenn der Cirkel sich in Folge der Verminderung der saugenden Kraft allmählich erweitert. Diese Wirbel bewegen sich nun, nach einem Gesetze, welches Helmholtz in neuester Zeit festgestellt hat, welches aber hier nicht näher aus einander gesetzt werden kann, unter dem Einflusse der herrschenden Passatwinde in einer fast parabolischen Bahn von Amerika nach Europa. Zwischen dem zehnten und zwanzigsten Grad nördlicher Breite entstehend, nähern sie sich in der Richtung der Antillen der Halbinsel Florida und entfernen sich, ihren Umfang immer mehr erweiternd, fast in der Richtung des Golfstromes von Amerika, woher die Schiffersage entstanden ist, daß sie auf dem Golfstrome gleichsam reiten sollen.

Die Geschwindigkeit ihrer Fortbewegung beträgt in der Nähe der Antillen vier bis fünf geographische Meilen in der Stunde, auf dem nordatlantischen Meere sechs bis acht Meilen, sodaß sie im Mittel zehn bis zwölf Tage brauchen, um von ihrer Ursprungsstätte aus unsere Küsten zu erreichen. Obwohl ihre Wuth sich unterwegs bedeutend abgekühlt hat, richten sie doch noch an unsern Küsten manchmal viel Unheil an, und die telegraphische Meldung dieser unliebsamen Gäste vermag uns daher großen Vortheil zu bringen. Ein Beispiel einer derartigen Anmeldung – welches aber nicht gehörig beachtet wurde – legte H. Parry am 1. Februar 1875 der Pariser Akademie der Wissenschaften vor. Er hatte am 13. Januar in französischen Zeitungen auf Grund von Telegrammen, die er von Boston und Saint Pierre Miquelon empfangen hatte, darauf aufmerksam gemacht, daß ein dort beobachteter Cyclon die Richtung nach Europa eingeschlagen und am 10. auf Neufundland gewüthet habe. Er hatte hinzugefügt, daß dieser Wirbelsturm, wie gewöhnlich, der Richtung des Golfstromes folge und in vier bis fünf Tagen in Irland zu erwarten sein dürfte. Er kam in der That mit der größten Pünktlichkeit am 15. Januar in Irland angerast, befand sich am 17. in Dänemark und setzte, beträchtlichen Schaden anrichtend, seinen Weg bis nach Asien fort, wie es schien auf dem besten Wege, eine Reise um die Welt zu machen. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr es sich empfiehlt, solchen Sturmwarnungen eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden, als es bisher geschehen ist.

Diese Wirbelstürme haben übrigens in ihrer Entstehung eine große Aehnlichkeit mit unseren Sommergewittern, denen ein ähnlicher Zustand des falschen Gleichgewichtes in der Atmosphäre vorausgeht, welche wir als sogenannte „Schwüle“ empfinden, bis mit einem Wirbelsturme in der Höhe und unter Blitz, Donner und Regen oder Hagel die Ausgleichung erfolgt. Daher können solche kleinere Wirbelstürme auch unter Umständen nicht blos vorausgesagt werden, sondern Jemand, der mit diesen Verhältnissen des durch ungemeine Schwüle sich ankündigenden gestörten Gleichgewichts näher bekannt ist, kann gleich einer mittelalterlichen Blocksberghexe und sicherer als ein afrikanischer Regenzauberer Unwetter und Sturm erzeugen. Reye giebt davon in seinem obengenannten Werke mehrere Beispiele, von denen wir eines der lehrreichsten mittheilen wollen. Der Capitain Alexander Mackay war während der regenlosen Monate April, Mai, Juni im Jahre 1845 bei einer Vermessung der atlantischen Küste in Florida beschäftigt, und er wußte aus den Untersuchungen des amerikanischen Meteorologen Espy, daß man in dieser Zeit leicht durch größere Feuer Sturm und Regen herbeiführen könne. Da sich nun in dieser Gegend viele ausgetrocknete Schilfweiher befanden, die der Vermessung ohnehin sehr hinderlich waren und unter dem frischen Schilf eine zwei bis drei Fuß hohe Schicht trockenen und sehr entzündlichen Schilfes enthielten, beschloß er, gelegentlich ein derartiges Experiment zur allgemeinen Erquickung anzustellen.

Als eines Tages die ganze Expedition sich in Klagen über die außerordentliche Schwüle und Hitze erging, feuerte der Capitain die Neger durch das Versprechen eines reichlichen Regenschauers und einer frischen Brise an, die Vermessung weiter zu führen. „Sie starrten empor, und rings herum – keine Wolke so breit wie eines Mannes Hand war zu sehen. Und sie blickten wieder mit gutmüthigem, ungläubigem Grinsen auf den Capitain

‚Hoho! Hehe! Capitain Wolken machen aus nichts! Hihi! – Bringen Capitain Wasser all diesen Weg von der See? Hoho! Hihi!‘

Der Capitain that über diese Zweifel sehr ungehalten, und die trockene Schilflage des Weihers wurde angezündet. Die Flammen erhoben sich sofort bis über die höchsten Bäume, eine dichte Rauchsäule stieg spiralförmig gewunden empor, und als die Rauchsäule verging und eine Wolke sich zu bilden begann, zog der Capitain einen weiten Kreis rings um sich im Sande und stellte sich in die Mitte, phantastische Figuren machend und aus gebrochenem Französisch kabbalistische Formen drechselnd. Noch blieb die Wolke unbemerkt; aller Augen waren auf den Capitain gerichtet, welcher dastand, auf die Erde starrend und dort Teufelsfratzen zeichnend. Da auf einmal ein Rollen fernen Donners; jeder Blick wandte sich augenblicklich nach oben: eine Wolke breitete sich dort aus. Der Donner nahm zu, die Blitze leuchteten lebhafter, die Kniee der Neger schlugen vor Angst zusammen; schon fiel der Regen, und in Strömen, obgleich nach allen Seiten der reine Himmel unter der Wolke sichtbar war. Der Capitain behauptete mittlerweile seine mystische Haltung und setzte seine wilden, seltsamen Evolutionen fort. Einige in den Schwank eingeweihte Weiße fielen auf die Kniee, und ihnen folgten die Neger, deren Furcht mit dem Sturme zunahm. Mit gefalteten Händen [538] richteten sie stiere Blicke der Scheu und Abbitte auf den Capitain. Kurz, die Scene stellte einen vollständigeren Triumph der Forschung über die Unwissenheit dar, als man irgendwo im neunzehnten Jahrhundert, zumal in unserer erleuchteten Republik, für möglich gehalten hätte.“

Mackay hat nachher noch oft die Schilfgrasfelder anzünden lassen, und jedesmal, wenn kein Wind sich regte, erfolgte ein tüchtiger Regenschauer, ja, in den ganzen drei Monaten dieser Vermessung mußte man sich ausschließlich mit solchem künstlichen Regen begnügen.

Carus Sterne.

[584]
Die Wetterprophezeiung einst und jetzt.
Von Carus Sterne.
3. Karten-Wahrsagung.

Durch Verbesserung der Beobachtungsinstrumente, als da sind Windrichtungs- und Windstärkemesser, Luftfeuchtigkeits- und Regenmesser und viele andere Hülfsmittel, hat man den Meteorologen die mechanische Arbeit der Beobachtung mehr und mehr erleichtert, ja hier und da völlig abgenommen, denn man hat den Beobachter durch eine Art von Automaten ersetzt, der unermüdlich Tag und Nacht Alles, was im Luftkreise seiner Aufstellung vor sich geht, getreulich zu Papiere bringt. Der unlängst verstorbene Pater Secchi in Rom hat einen solchen Meteorographen construirt, der beständig Luftdruck, Temperatur, Niederschläge, Windrichtung und Windstärke in verschiedenen Rubriken eines langen Papierstreifens zeichnet und nur alle zehn Tage aufgezogen zu werden braucht, Wilde in Bern gar einen solchen, der gleich auf ein ganzes Jahr mit Schreibmaterial versehen wird.

Die Ausdehnung des elektrischen Telegraphennetzes gab ein anderes Mittel zur Vervollkommnung. Hatte man bisher erst nachträglich die Einzeichnung der einzelnen Beobachtungselemente in Karten vornehmen können, so wurde damit der Versuch nahe gelegt, auf Grund der bei den Centralstationen eingehenden Berichte, sofort ein kartographisches Bild des andauernden Wetters zu entwerfen, um daraus eine klarere Vorstellung von dem Gange und den Veränderungen desselben zu gewinnen. So entstanden die sogenannten synoptischen Wetterkarten, das heißt Landkarten, in welche die auf einer großen Anzahl von Stationen beobachteten gleichzeitigen Temperaturen, Barometerstände, Windrichtungen, Niederschläge etc. eingezeichnet wurden. Ein besonderer Fortschritt wurde ferner im Verständnisse der Witterungserscheinungen erreicht, als man begann, die Orte mit zur selben Zeit gleichem Barometerstande durch Linien gleichen Luftdruckes (Isobaren) mit einander zu verbinden. Es ergab sich hierbei nämlich, daß, wenn man die Isobaren für ein größeres Gebiet, z. B. für Europa, zeichnete, dieselben gewöhnlich einander umschließende Kreise oder [585] Ellipsen um einen oder mehrere Mittelpunkte geringsten Luftdruckes (barometrische Minima) bilden. Rings um ein solches steigt der Luftdruck bis zu den Grenzen eines etwaigen zweiten oder dritten barometrischen Minimums.

Wollte man sich diese durch die Isobaren dargestellten Luftdruckverhältnisse plastisch vergegenwärtigen, so könnte man sich die Minima wie tiefe Einsenkungen, Kesselthäler in der Atmosphäre vorstellen, nach denen also die Luft von allen Seiten hinströmen müßte. Man kann sich eines solchen Bildes zur Veranschaulichung bedienen, obwohl es der Wirklichkeit nicht ganz entsprechen würde, denn der niedrige Luftdruck des Mittelpunktes wird wahrscheinlich hauptsächlich dadurch bedingt, daß dort ein stärkeres Aufsteigen erwärmter und oben abfließender Luft stattfindet. Je tiefer jenes Thal und je steiler die Aufsteigung der Wandungen erscheint, um so stärker wird, um bei unserem Bilde zu bleiben, das Zuströmen der Luft erfolgen. Da man sich gewöhnt hat, die Isobaren von fünf zu fünf Millimetern Luftdrucksunterschied zu zeichnen, so wird sich der steilere Abfall des Thales durch näheres Aneinanderrücken der einfließenden Isobaren kennzeichnen, dem natürlich lebhaftere Winde entsprechen werden.

Um nun eine Einheit für diese Verhältnisse zu schaffen, die mit einem Worte die Zunahme oder Abnahme des Luftdruckes bezeichnet, hat der norwegische Meteorologe Mohn, der sich um die Klarlegung dieser Verhältnisse in neuester Zeit besonders verdient gemacht hat, den Begriff der Gradienten eingeführt, das heißt des Schrittes, um welchen der Luftdruck auf den nach dem Minimum gezogenen Radien abnimmt, wenn man sich demselben nähert. Beträgt diese Abnahme für die geographische Meile weniger als 0,3 Millimeter, so sprechen wir von Windgradienten, beträgt sie mehr, so haben wir Sturmwind; die Gradienten der Cyclonen gehen bis zu vier Millimetern.

Man könnte nun glauben, daß die Luft von allen Seiten genau in den Richtungen der Radien nach dem Minimum hinströmen müßte, allein in Folge der Erddrehung findet hierbei eine ganz ähnliche Ablenkung statt, wie wir sie im vorigen Artikel bei den Wirbelstürmen kennen gelernt haben; die Luft strömt, statt in gerader Richtung, in Spirallinien nach dem Minimum und deshalb muß rings um dasselbe überall eine andere Windrichtung herrschen. Nach Buys-Ballot’s „Windregel“ geschieht diese Ablenkung auf unserer Erdhälfte stets nach rechts von der radialen Richtung, und zwar um so stärker, je schneller der Wind weht, oder je größer die Gradienten sind; auf der Nordseite des Minimums herrscht NO, auf der Westseite NW, auf der Südseite SW und auf der Ostseite SO. Man kann das auch so ausdrücken: wenn man (auf der nördlichen Halbkugel) irgendwo mit dem Winde geht, so hat man das Minimum stets zu seiner Linken, etwas nach vorn, zu erwarten.

Man ersieht hieraus, daß sich also auch das Gesammtbild der Witterung in irgend einem größeren Theile meist als ein Wirbel darstellt, von welchem die übrige Witterung insofern abhängt, als es die Südwestwinde sind, die bei uns Wärme, Feuchtigkeit, Wolken, Nebel, Schnee, Regen etc. bringen, die Nordostwinde dagegen, welche Kälte, Trockenheit, Klarheit etc. bringen das heißt, wenn sie Bestand erringen. Auch die übrigen, obwohl weniger wichtigen Wetterereignisse, pflegt man in die Isobarenkarten einzutragen, so die Richtung der Winde, durch Pfeile, die man durch die Beobachtungsstationen legt, wobei man durch die Zahl der Fiederungsstreifen die Stärke des Windes andeutet, sodaß etwa sechs oder acht Fiederungsstreifen den stärksten Sturm bezeichnen, dagegen ein einziger Streifen schwachen Wind. Auch die Temperaturen und Niederschläge pflegt man entweder hineinzuschreiben, oder letztere durch Schraffirung des Gebietes oder durch einen die Pfeilspitze vertretenden kleinen Kreis anzudeuten, der, wenn ganz weiß gelassen, klaren Himmel bedeutet, wenn zum vierten Theil, halb oder dreiviertel geschwärzt, entsprechende Bewölkung, und wenn ganz schwarz, Regen an dem betreffenden Orte anzeigt. Aehnliche Zeichen hat man für Schnee (Sternchen), Gewitter (ein Zickzack) etc. Manche dieser Zeichen sind allerdings nur in solchen Karten gebräuchlich, die für ein größeres Publicum bestimmt sind, denn ein Fachmeteorologe ersieht z. B. Richtung und Stärke der Winde meist unmittelbar aus der Lage der Isobaren.

Die Ausbreitung des Telegraphennetzes, welche das Entwerfen der synoptischen Karten auf den Centralstationen und damit überhaupt erst einen klareren Einblick in den Gang des Wetters ermöglichte, hat nun auch andererseits die tägliche Veröffentlichung der eingelaufenen Berichte aus dem ganzen Land- oder Erdtheile durch die Zeitungen ermöglicht. Da dies natürlich nur Werth hat, wenn es spätestens bis zum Morgen des nächsten Tages geschehen kann, so hat man die sinnreichsten Mittel und Wege erdacht, um die Witterungsverhältnisse irgend einer Station mit je einem Worte sowohl der Centralstation mitzutheilen, als von dieser weiter nach den kleineren Centren zu befördern. Die praktischen Amerikaner haben eine förmliche Wettersprache erfunden, um mit je einem kurzen Worte Barometerstand, Windgeschwindigkeit etc. zu bezeichnen. Es bedeutet z. B. nach diesem Wörterbuch:

Barometerstand. Thermometerstand. Windgeschwindigkeit.
28.60" Fallow 50° F Tory 20 Meilen Ready
28.61" False 51° F Total 21     "     Rebate
28.62" Falsify 52° F Touch 22     "     Rebel
28.63" Falstaff 53° F Toulon 23     "     Rebuff

Man sieht, für jedes Witterungselement braucht dem Namen der Station nur ein kurzes Wort beigefügt zu werden, dessen Anfangsbuchstabe sofort die Kategorie anzeigt. Da das Centralamt von Washington täglich die Berichte von 400 Stationen empfängt, so ist eine solche Abkürzung allerdings sehr wichtig. An dieser vom Staate glänzend ausgestatteten und der Leitung des General Myer unterstellten Centralstation werden nun seit 1870 nicht nur die Berichte alsbald weiter vertheilt, sondern auch nach ihrer Entzifferung dreimal täglich sehr detaillirte Karten entworfen, in mehreren Farben gedruckt und trotz dessen für den Preis von anderthalb Cent (sechs Pfennig) auf den Straßen verkauft. Diese Wetterkarten wurden, wie schon früher in der „Gartenlaube“ (1877, S. 92) erzählt wurde, während der Weltausstellung zu Philadelphia dorthin durch den zeichnenden Telegraphen übermittelt und sofort vervielfältigt. Eine regelmäßige Verbreitung auf diesem Wege hat sich indessen bisher nicht ausführen lassen, und man mußte, wie anderwärts, den Nebenstationen die Aufgabe überlassen, ihren Umkreis mit ähnlichen Karten zu versehen.

Der Großartigkeit dieser Organisation ist man in der alten Welt nur in so weit nachgekommen, daß einzelne Morgenzeitungen täglich die Witterungskarte des vorherigen, einige Abendblätter die desselben Tages bringen, seit April 1875 die „Times“ seit Mai 1876 „l'Opinion“, seit October 1876 die „Wiener alte Presse“, seit Juli und November 1877 die „Hamburgische Reform“ und der „Hamburgische Correspondent“. Natürlich sind nur Zeitungen, die am Orte einer Centralstation erscheinen, ohne allzugroße Opfer im Stande, rechtzeitig eine Wetterkarte zu bringen, denn andere müßten sich den Inhalt der Karte telegraphiren und dieselbe durch einen Meteorologen zeichnen lassen, was im Verhältniß zu dem Nutzen einen zu großen Geld- und Zeitaufwand erfordern würde.

Schon die alltägliche Veröffentlichung der Karte erfordert, wie man denken kann, eine sehr schnell arbeitende Organisation. Man hat dazu eine Form, welche die Umrisse der regelmäßigen Karte erhaben auf ebener Fläche zeigt, von welcher man Abgüsse in schwerflüssiger Metalllegirung gießt. Auf diesen Abguß werden dann die Isobaren der größeren Karte der meteorologischen Station mittelst eines Storchschnabels verkleinert copirt und eingravirt, die Zeichen, Buchstaben und Worte aber mit Stempeln eingeschlagen. Davon wird in leichtflüsigem Metall die erhabene Form für die Druckpresse durch neuen Abguß gewonnen.

Diese Karten, welche uns mit einem Blicke den Gang der Witterung auf den heimischen und Nachbargebieten zeigen, eignen sich nun auch außerordentlich für den Versuch einer Vorhersage (Prognose) von Fall zu Fall. Wenn man die Karten der letzten Tage vergleichend neben einander legt, so läßt sich die Tendenz des Wetters aus den Bewegungen der Minima der Isobaren bis zu einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrade vorauserkennen, zumal wenn die Minima in ihrer gewöhnlichen Richtung (von Westen nach Osten) vorwärts rücken, und es sich nicht um die Jahreszeit der Ueberraschungen (Nachwinter und Spätherbst) handelt, in welcher indessen die Vorherkenntniß der Witterung viel weniger wichtig ist, als z. B. im Sommer. Doch ist diese Wahrsagung aus den Karten durchaus keine leichte Kunst, die etwa Jeder üben könnte. Es gehört dazu vielmehr eine genaue Kenntniß der örtlichen Verhältnisse, namentlich in Gebirgsländern, und die Berücksichtigung vieler Einzelheiten, wie z. B. des [586] herrschenden Sättigungsgrades der Luft mit Feuchtigkeit, der in den Karten gewöhnlich nicht verzeichnet steht. Daher erscheint auch der praktische Nutzen der Kartenveröffentlichung von einem problematischen Werthe, denn der durchschnittliche Zeitungsleser wird kaum im Stande sein, sich daraus einen einigermaßen sichern Schluß über die kommende Witterung abzuleiten.

Von einem viel größeren Werthe muß es somit für Feld-, Garten- und Forstwirthschaft, für Weinbau, Fischerei, Schifffahrt und Handel, für alle Gewerbe, die des Sonnenscheins oder des Regens bedürfen, erscheinen, wenn auf der Centralstation von einem erfahrenen Meteorologen sogleich ein Wahrscheinlichkeitsbild von der künftigen Gestaltung des Wetters entworfen und mitgetheilt wird. Die Hoffnung, welcher der große Lavoisier schon im Jahre 1790 Ausdruck gegeben, daß man einst im Stande sein werde, des Morgens in der Zeitung ein Bülletin darüber auszugeben, wie die Witterung an dem betreffenden Tage und vielleicht auch dem folgenden sein werde, hat sich trotz der dazwischen erfolgten Verzweiflung der Meteorologen, siebenzig Jahre später erfüllt. Schon im Jahre 1863 gab das Pariser meteorologische Institut unter der Leitung von Marié-Davy sogenannte Wahrscheinlichkeiten (Probabilités) für die Witterung des nächsten Tages aus, und obwohl dieselben bald wieder eingeschränkt wurden, gebührt ihm, wie bei den Sturmwarnungen, auch für die Einführung der allgemeinen Prognose, das Verdienst der Initiative.

Später sind auf demselben Wege auch England und die Continentalstaaten gefolgt, aber zu der größten Ausdehnung ist dieses System in Nordamerika gelangt. Die Verbreitung der von Washington ausgegebenen Voraussagen (Probabilities oder Inications) geschieht unter allen möglichen Erleichterungen seitens der Verkehrsämter nach allen Richtungen der Windrose. Um elf Uhr Abends wird die Prognose für den nächsten Tag telegraphisch an zwanzig Centralämter versandt, welche sie an alle Postanstalten übermitteln, denen sie bis zum nächsten Mittag zukommen kann. Seit 1873 wird sie auf allen Postanstalten angeschlagen, und gleichzeitig erhalten die Anwohner der Wasserläufe regelmäßige Wasserstands- und Eisgangsberichte.

Seit dem September 1878 hat auch die unter der Leitung des ausgezeichneten Meteoro- und Hydrologen Neumayer stehende deutsche Seewarte damit begonnen, solche Witterungs-Prognosen auszugeben, und durch das ihr von allen Seiten, auch seewärts zuströmende Material ist sie offenbar vorzüglich befähigt, als Centralstätte einer solchen Organisation zu dienen. Aber in richtiger Erkenntniß der Schwierigkeit, diese Prognosen den Verhältnissen der einzelnen Bezirke anzupassen und die vor Allem nöthige schleunige Beförderung zu garantiren, macht sie die weitere Bearbeitung ihres Materials von den Centralstationen der einzelnen Provinzen zur ersten Bedingung ihrer Mitwirkung.

Einige solcher Bezirksorganisationen haben sich bereits seit mehreren Jahren bei uns völlig bewährt. So versendet Professor Klinkerfues in Göttingen seit 1876 alltäglich seine Prognosen an die „Göttinger“, „Kölnische“ und „Braunschweigische Zeitung“, sowie an die Landwirthschaftlichen Vereine in Braunschweig und Celle, auch an einige Privatpersonen. Er verwerthet dabei außer den Isobarenkarten vorzüglich noch Hygrometerbeobachtungen, welche für die Voraussage von Niederschlägen und namentlich von Nachtfrösten sehr wichtig sind. Vorzüglichen Erfolges erfreut sich das unter der Leitung des Professor Bruhns in Leipzig seit Jahr und Tag bestehende System der Vorhersage für Sachsen, welches vorläufig auf zwei Jahre vom Landesculturrathe eingeführt worden ist. Es kommen dort täglich, außer den directen Berichten von Dresden, Annaberg, Bamberg und anderen Orten, drei Depeschen von der Seewarte, die letzte um fünf Uhr Abends, an. Um sechs Uhr ist die Prognose fertig und wird telegraphisch an die Stadtverwaltung von Dresden, Chemnitz, mehrere Zeitungen und Vereine gesandt, Außerdem wird sie in Leipzig sofort gedruckt und an zwanzig Orten angeschlagen, auch den Zugführern der abgehenden Eisenbahnzüge mitgegeben. Schließlich findet noch mehrfach eine Verbreitung durch optische Signale statt: eine an einer hohen Signalstange aufgezogene Kugel bedeutet gutes, zwei veränderliches und drei schlechtes Wetter. So erfahren die Landwirthe in weiten Kreisen das Wetter für den nächsten Tag um sieben Uhr Abends. Eine ähnliche Organisation für Mittelfranken bestand unter Leitung des Dr. van Bebber zu Weißenburg und wird für Württemberg durch Profeffor Dr. Schoder in Stuttgart projectirt.

Die vorjährige Conferenz zu Kassel beabsichtigte die Ausdehnung einer solchen Voraussage für das ganze Reich in’s Auge zu fassen und über die Heranziehung der Interessenten zur Kostenbegleichung zu berathen. Merkwürdiger Weise zeigten sich auf dieser Conferenz die amtlichen und nichtamtlichen Vertreter der Landwirthschaft den zu erhoffenden Vortheilen gegenüber am kühlsten. Sie fanden die Voraussetzungen nicht sicher genug. Die Statistik derselben betreffend, bemerkte Professor Klinkerfues, daß von seinen Prognosen 76 Procent eintreffen, Professor Bruhns erreichte bei strengster Controle, in welcher z. B. eine Prognose als falsch angesehen wurde, wenn der vorhergesagte Regen eine Minute nach Ablauf des Tages eintrat, im Juli 81 Procent und Dr. van Bebber sogar 98 Procent Treffer. Diese Verschiedenheit kann sich zum Theil auf eine verschiedene Kritik der einzelnen Ergebnisse, theils auch auf locale Schwierigkeiten beziehen, wenn z. B. nahe Gebirge Wetterscheiden bilden und die Prognose erschweren. Die Vertreter der Landwirthschaft machten geltend, daß nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung Jedermann 50 Procent Treffer haben würde und daß erfahrene Landwirthe es wohl auf 60 bis 65 Procent aus eigener Erfahrung und Beobachtung bringen würden, somit sei der Vortheil zu gering, um bedeutende Kosten aufzuwiegen.

Dabei wird aber übersehen, daß die wissenschaftlichen Prognosen nicht einfach die Alternative: gutes oder schlechtes Wetter in’s Auge fassen, sondern mancherlei Einzelheiten enthalten, die von großem praktischem Werthe sind. So haben die Prognosen des Professor Bruhns in Leipzig fünf Rubriken: 1) Wetter im Allgemeinen, 2) Temperatur, 3) Windrichtung, 4) Windstärke, 5) Niederschläge. Bei 50 Procent der Fälle waren alle fünf Angaben richtig. Auch darf man annehmen, daß bei geregelter Organisation die Treffer um einige Procent steigen werden, und sich fragen, ob der Vorsprung der 15 bis 20 Procent sicherer Prognosen nicht die Kosten lohnen würde.

Ein den Weinbauern vorausverkündeter Nachtfrost im Mai kann durch Schmokfeuer, die in Frankreich vielfach erprobt wurden, unschädlich gemacht werden, und was einige Sicherheit in der Erntezeit werth ist, weiß Jedermann. Aber auch selbst dann, wenn die Kosten den Nutzen für die Gesammtheit vorläufig übersteigen sollten – ein Nutzen, der freilich in keiner Weise zu berechnen ist, – können wir nur wünschen, daß die Reichsregierung die ihr gemachten Vorschläge ausführen möchte, denn es handelt sich hierbei offenbar um eine Culturaufgabe. Den Leser aber, der sich noch genauer über diese Fragen zu orientiren wünscht, verweisen wir auf das im ersten Artikel erwähnte und von uns mehrfach benutzte Buch: „Einiges über Witterungsangaben von Professor Dr. Hermann Kopp“.

  1. Einiges über Witterungsangaben. Gemeinfaßlich dargelegt von Hermann Kopp. Mit 6 Tafeln. Braunschweig, Vieweg und Sohn, 1879.
  2. Uebrigens ist der große Kepler, obwohl er der Astrologie, die er die „närrische Tochter der Astronomie“ nennt, aus ökonomischen Gründen dienen mußte, doch zugleich als der Vater der wissenschaftlichen Klimatologie und Witterungskunde zu betrachten, wie dies in einem soeben erschienenen französischen Schriftchen (Essai sur la météorologie par M. H. Brocard. Grenoble 1879) überzeugend nachgewiesen wird.