Ein Damen-Duell

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Autor: Sacher-Masoch
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Titel: Ein Damen-Duell
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–42, S. 649–652, 669–672, 689–694
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Damen-Duell.
Von Sacher Masoch.

Das Fußregiment der Preobraschenskischen Garden hatte die Wache im Winterpalaste bezogen. Es war im Frühsommer, aber die Czarin Katharina die Zweite schien noch immer nicht daran zu denken, das festliche Petersburg mit dem idyllischen Landaufenthalt von Zarskoje Selo zu vertauschen.

In der geräumigen weißgetünchten Wachtstube schliefen die Soldaten sitzend, aus Furcht, ihre großen festgewickelten Zöpfe zu beschädigen; in dem kleinen anstoßenden Officierszimmer lagerten Lieutenants und Junker von den verschiedensten Regimentern um einen langen schmierigen Tisch und spielten Onze et demi; sie spielten bereits den ganzen Nachmittag und spielten bis in die Nacht hinein bei dem spärlichen Lichte einer kleinen Oellampe, welche von der rußigen Decke herabhing. Nur Einer spielte nicht. Es war ein junger schlanker Officier mit blühendem Gesicht und großen hellblauen Augen unter dunklen Wimpern und dunklen Brauen, welche sich beinahe coquet von dem weißen Toupet abhoben. Er saß, die Beine weit von sich gestreckt, die Hände nach rückwärts in die Taschen seines grünen Uniformfrackes versenkt, in einer finstern Ecke und starrte vor sich hin.

Jetzt verließ auch ein Zweiter den Spieltisch; er athmete auf und blickte um sich, dann näherte er sich dem Cameraden in der Ecke.

„Du spielst nicht mehr, Koltoff?“ begann er, die Hand auf seine Schulter legend.

„Nein – und Du?“

„Ich bin fertig,“ erwiderte der Zweite. „Ich habe Alles verspielt.“

„Ich auch,“ sprach Koltoff, „aber bei Dir, mein lieber Lapinski, bedeutet das im Grunde nicht viel. Eine Carambole mit Deinem theueren Vater, eine Sittenpredigt, und damit gut. Ich bin ruinirt. Ich habe entsetzlich viel Schulden, wie Du weißt, und keinen Vater, der sie zahlen würde, nicht einmal einen Onkel, den ich beerben könnte; ich habe heute meine Gage verspielt in der wahnsinnigen Hoffnung, das Glück könnte mir lächeln und mir ein paar Tausend Rubel in den Schooß werfen wie neulich dem Grafen Saltikoff, und jetzt stehe ich da, ohne eine Kopeke, und in ganz Rußland giebt es Niemand mehr, der mir eine Kopeke leiht. Mir bleibt also nichts übrig, als mich zu erschießen.“

„Hör’ mir auf,“ erwiderte sein Freund. „Wie Du richtig bemerkt hast, gilt es nur eine Carambole mit meinem theuren Vater, und wir haben Geld.“

„Das heißt, Du hast Geld.“

„Nein, wir.“

„Ich kann doch nicht –“

„Was kannst Du nicht?“

„Von Deinem Gelde leben,“ sprach Koltoff; „die Ehre gebietet mir, mich zu tödten.“

„Ah! ich glaube, Du hast zu viel getrunken,“ erwiderte Lapinski, die Achseln zuckend; „aber sage mir lieber gleich, wie viel Du brauchst, es geht in Einem.“

Koltoff schwieg.

„Nun, wenn Du durchaus nicht willst,“ sprach Lapinski ärgerlich, „ich dränge meine Liebe und Freundschaft Niemandem auf.“

Damit stülpte er den dreieckigen goldbordirten Hut so heftig auf seinen wohlgepuderten Kopf, daß eine weiße Wolke aus demselben emporwirbelte, und verließ sporenklirrend die Wache; als er jedoch vor dem niedrigen Thore seines Wohnhauses stand und bereits den Klopfer in der Hand hatte, da fielen ihm die Worte seines Cameraden schwer und beängstigend auf die Brust; er kehrte um und ging mit raschen Schritten zu Koltoff’s Wohnung, sprang über die Planke, welche den Hof derselben umfaßte, und die morsche Holztreppe empor.

Durch die Thür seines Freundes fiel ein weißer Streifen Licht auf die Diele. Er war also gleichfalls nach Hause zurückgekehrt und noch wach. Lapinski klopfte. Keine Antwort. Er klopfte stärker und rief zugleich: „Um Gotteswillen, mach’ auf; Geld, es ist Geld da für Dich!“

Nun hörte er Schritte, dann wurde eine Lade zugeschoben, endlich öffnete Koltoff.

Lapinski erschrak über die Veränderung, die in so kurzer Zeit mit seinem Freunde vorgegangen war; das Haar hing ihm wirr in das bleiche Gesicht, die Augen waren tief in ihren Höhlen eingesunken und zeigten ein unheimliches unruhiges Feuer.

Lapinski hatte instinctmäßig, als wenn er ihn von einem Vorhaben abhalten wollte, seine Hand ergriffen und blickte verstört im Zimmer umher, ohne daß er etwas Verdächtiges entdecken konnte, dann näherte er sich rasch dem Tische, welcher in der Fenstertiefe stand und auf dem Koltoff zu schreiben pflegte. Dieser machte eine Bewegung, aber schon hatte der Camerad eine Lade hervorgezogen und in derselben die Pistole entdeckt, deren Hahn noch gespannt war.

„Also wirklich?“ stammelte Lapinski, mehr vermochte er im Augenblick nicht.

Beide schwiegen einige Zeit. Dann nahm Lapinski das Wort. „Habe ich Dir nicht gesagt, daß ich Dir Geld schaffen will?“

„Ich erkenne Deine treue Freundschaft von ganzem Herzen an,“ erwiderte Koltoff, „aber ich bin nicht im Stande, auf fremde [650] Kosten zu leben. Es handelt sich ja bei mir nicht um momentane Hülfe. Es fehlt jede Aussicht für die Zukunft, und wenn ich auch von Brod und Wasser leben und Spiel und Frauen für immer abschwören will, wie soll ich von meiner elenden Lieutenantsgage meine Schulden zahlen? Zuletzt wird mir doch nichts übrig bleiben, als – eine Kugel.“

„Sollte es wirklich keinen anderen Ausweg mehr geben?“ sprach Lapinski. „Laß uns nachdenken. Aber versprich mir vor Allem, nichts gegen Dein Leben zu unternehmen, ehe unser Witz sich nicht erschöpft hat. Gieb mir die Hand darauf.“

„Unter Bedingungen,“ entgegnete Koltoff.

„Gut,“ entschied der Erstere, „wenn wir binnen einem Monate zu keinem Resultate gelangt sind, steht es Dir frei –“

„Mich zu erschießen?“

„Zu erschießen, zu ersäufen, zu vergiften, rädern zu lassen, was Dir besser gefällt.“

„Abgemacht.“

Die Cameraden schüttelten sich herzlich die Hände.

„Aber was hast Du für ein Project?“ begann Koltoff.

„Vor der Hand noch gar keins,“ erwiderte Lapinski, „aber mir ist nicht bange darum. Gäbe es etwas Erfinderischeres auf der Welt als das Hirn eines Lieutenants? Also gieb Acht! Fangen wir gleich mit dem Kühnsten an. Stürze Orloff und schwinge Dich zum Günstling der Czarin auf.“

„Was fällt Dir ein!“ rief Koltoff.

„Warum nicht?“ meinte der Camerad. „Die Geschichte ist nur halb so lebensgefährlich wie das Erschießen, Du bist ein hübscher Junge, es muß Dir gelingen.“

Koltoff antwortete mit einem lauten Lachen.

„Warum lachst Du?“ fuhr Lapinski fort. „Heutzutage ist Alles möglich, Alles, sag’ ich Dir, das Wunderbarste und Seltsamste, genau so wie zu Zeiten des Kalifen Harun al Raschid. Aber ich sehe, zu einem solchen Wagestück hast Du nicht den Muth, oder ist Katharina die Zweite vielleicht nicht ganz nach Deinem Geschmacke? Ziehst Du die schwarzen Augen vor?“

„Genug des Spaßes!“ sagte hierauf Kolloff; „der Weg, den ich gehen soll, muß vor Allem ein ehrlicher sein.“

„Hm“ – Lapinski sann nach. „Ich hab’ es!“ schrie er plötzlich auf. „Ich hab’ es. Du mußt heirathen.“

„Heirathen? Nein, da will ich mich lieber erschießen,“ erwiderte der Lieutenant mit dem Ausdrucke wirklichen Entsetzens in dem jugendlichen Gesichte.

„Verloren bist Du einmal,“ lachte der Camerad, „so wähle mindestens die angenehmste Todesart und – heirathe.“

„Angenommen, ich könnte mich entschließen,“ sprach Koltoff, „wo fändest Du eine Frau für mich, eine reiche Frau, die dem armen verschuldeten Officier die Hand reichen würde?“

„Nichts leichter als das,“ erwiderte Lapinski; „ein reiches Mädchen zu finden, das Dich nimmt, aus purer Liebe nimmt, das hielte schwer: unsere Fräulein vom alten Adel und leeren Geldsack speculiren sämmtlich auf Generale oder mindestens auf einen reichen Bojaren vom Lande; aber eine Dame, die selbst ein großes Vermögen hat, kann sich schon den Luxus gestatten, einen Mann zu nehmen, den sie liebt.“

Koltoff lächelte. „Du hast vielleicht sogar schon eine Braut für mich in petto?“

„Warum nicht? Hundert auf einmal,“ sprach Lapinski, „ich habe darin schon manchem braven Menschen geholfen aus reinem Vergnügen an der Sache, und weil ich, wie Dir bekannt, in Allem Ordnung liebe und halte, so habe ich mir zu diesem Zwecke ein genaues Lexikon aller unserer heirathsfähigen Damen angelegt.“

„Wie?“ rief Koltoff immer heiterer, „ein Heirathslexikon?“

„Hier,“ fuhr Lapinski fort, ein ziemlich voluminöses Notizbuch hervorsuchend, „da hast Du es. Du findest sie alle beisammen, unsere Schönen, jede mit genauer Personbeschreibung, sowie Angabe ihres Vermögens, Charakters, Vorlebens und anderweitiger Verhältnisse.“

„Das ist in der That kostbar,“ lachte Koltoff. „Laß also sehen.“ Und die beiden jungen munteren Officiere begannen das Heirathslexikon zu studiren.

„Ich wäre dafür, alphabetisch vorzugehen,“ begann Lapinski nach einer Pause, „versuche bei der Ersten Dein Glück, und bekommst Du einen Korb, so belagere die Zweite und so fort von A bis Z.“

„Das wäre doch zu leichtsinnig,“ meinte Koltoff, „ich bin meinetwegen bereit, meinen Nacken dem Pantoffel einer Frau zu beugen, aber es muß ein Pantoffel sein, – eine Frau wollte ich sagen, welche ich liebe.“

„Wie ist also Dein Geschmack, blond, braun, schwarz?“

„Vor Allem lege ich auf ein bescheidenes Wesen Werth.“

„Dann erschieße Dich auf der Stelle,“ rief Lapinski, „im Reiche und am Hofe der nordischen Semiramis Katharina der Zweiten ein bescheidenes Wesen! Weißt Du nicht, daß unsere besten Frauen, von dem Beispiel oben verführt, mindestens Amazonen und Blaustrümpfe sind?“

„Was also thun?“

„Wenn Du schon zu gewissenhaft bist, alphabetisch vorzugehen, so laß das Fatum entscheiden,“ meinte der übermüthige Camerad.

„Wie?“

„Wie? Ganz einfach. Wir machen es wie die Araber, wenn sie ihren Koran um Rath fragen,“ erwiderte Lapinski, „wir stechen mit einer Nadel in mein Lexikon, und dort, wo die Spitze haften bleibt, dort hast Du Deine Braut zu suchen.“

„Gut.“

Lapinski nahm hierauf eine Nadel und verfuhr ganz in der Weise und mit dem Ernste orientalischer Fatalisten, dann schlug er das durchstochene Notizbuch auf. „Du hast ungeheures Glück,“ sagte er, nachdem er den Stich aufgesucht und geprüft. „Dein Schicksal führt Dich zu der zugleich schönsten und reichsten Dame meines Verzeichnisses.“

„Laß sehen!“ rief Koltoff erregt.

„Lubina Fürstin Mentschikoff,“ las Lapinski, „Wittwe des Fürsten Iwan, dreiundzwanzig Jahre alt, hohe imposante Gestalt, schlank, herrliche Formen, stolze, schöne Gesichtszüge, schwarzes Haar, schwarze feurige Augen, tiefe Altstimme. Charakter fest und verläßlich, Wesen gebieterisch, aber liebenswürdig und anmuthig, viel Geist, große Bildung, besitzt ein Vermögen von zwei Millionen Rubeln, vollkommen frei und unverschuldet, ist ihren Verwandten gegenüber vollkommen selbstständig. Ihr Ruf sowohl in ihrer Ehe, als seitdem, der beste. Besondere Bemerkungen: gilt als Männerfeindin.“

„Dient sie nicht in der Armee?“ fragte Koltoff.

„Warte. Richtig, ja. Sie dient im Regimente Simbirsk und hat den Rang eines Majors.“

„Das kommt ungelegen,“ meinte Koltoff.

„Weshalb? unsere Amazonen tragen ja sämmtlich Officiersepauletten, die Gräfin Iwan Saltikoff, die Fräulein Jadwiga Niewelinski und Sophia Narischkin und viele Andere, und Frau von Mellin commandirt sogar ein Regiment.“

„Aber ich bitte Dich,“ rief Koltoff, „wie soll ich es anfangen, meinem Vorgesetzten eine Liebeserklärung und einen Heirathsantrag zu machen?“

„Ich weiß nichts davon, daß dies gegen das Reglement wäre,“ entgegnete Lapinski. „Zu Deinem Glücke hat Peter der Große nicht im Entferntesten daran gedacht, daß es Lieutenants in Reifröcken und einen Major geben könnte, welcher der mediceischen Venus Concurrenz macht. Also fasse Dir ein Herz, es wird Dir nicht den Kopf kosten, beziehe jetzt ruhig Dein Bivouac, und morgen beginnen wir die Operationen, das heißt der Herr Lieutenant der Preobraschenskischen Garde wird anfangen, dem Herrn Major des Regimentes Simbirsk den Hof zu machen.“

„Und wenn mich der schöne Major für meine Kühnheit in Arrest schickt?“ lachte Koltoff.

„Dann tröstest Du Dich damit,“ erwiderte der Camerad, „daß Amor Dein Profoß ist.“




Es war gegen Mittag, als Koltoff am nächsten Tage von seinem Freunde aufgepoltert wurde, welcher in rosigster Laune, den Schnurrbart unternehmend aufgedreht, mit den großen Sporen klirrend, bei ihm eintrat.

„Zu den Waffen!“ schrie Lapinski. „Auf den Feind! der Krieg beginnt, zu den Waffen!“ und zu gleicher Zeit stellte er sich vor den Nachttisch und begann mit den Fäusten auf demselben Reveille zu trommeln.

Koltoff, der Selbstmörder, dehnte sich behaglich in seinem Bette und gähnte. „Was drängst Du so?“ sprach er langsam gedehnt, „wir haben ja nichts zu versäumen.“

[651] „Wir haben sehr viel zu versäumen,“ rief der Camerad; „Du vergißt, daß ich nur vier Wochen Zeit habe, um Dich zu verheirathen, mein Geliebter, und dann, wenn es nicht gelungen ist, bist Du toll genug, Deinem kostbaren Leben ein Ende zu machen. Also zu den Waffen, um so mehr als dies die Stunde ist, wo die Fürstin Lubina Mentschikoff nach den übereinstimmenden Berichten meiner Spione auf der Terrasse ihres Palastes die Morgenchocolade nimmt.“

„Du hast schon Spione?“ murmelte Koltoff erstaunt, indem er sich anzukleiden begann.

„Spione, gute Spione sind für eine geschickte und erfolgreiche Kriegführung unentbehrlich,“ antwortete Lapinski, „man muß über die Aufstellung und die Bewegungen des Feindes stets auf das Genaueste unterrichtet sein, um darnach seine Dispositionen treffen zu können.“ Der lustige junge Officier blickte auf seine Uhr. „Es fehlt eine Viertelstunde zu Zwölf. Genau vor fünfzehn Minuten ist unsere Göttin erwacht, in weiteren fünfzehn Minuten wird sie ihre Morgentoilette beendet haben und Schlag zwölf Uhr auf die Terrasse heraustreten. Also beeile Dich.“

In wenigen Minuten war Koltoff fertig, und die beiden Freunde durchschritten, ein französisches Kriegslied der Zopfzeit trällernd, die Straßen, welche zu dem Palaste der Fürstin Mentschikoff führten, aber sie näherten sich dieser feindlichen Festung, wie Lapinski das in schönem Renaissancestile erbaute, von einem weitläufigen Parke, im Geschmack von Versailles, umgebene Gebäude nannte, von rückwärts, durch ein schmutziges Gäßchen, das längs der Gartenmauer lief.

„Kein Mensch in der Nähe“ sprach Lapinski, „laß uns somit vor Allem recognosciren.“

Koltoff stellte sich auf seine Anordnung an die Mauer des Parkes und sein Camerad schwang sich auf seine Schulter und blickte hinein. „Auch im Garten ist Alles stille,“ meldete er „und weithin nichts zu entdecken. Wir können es also wagen, einzudringen.“

Ohne Weiteres schwang sich Lapinski hierauf von der Schulter seines Freundes auf die Mauer, und von dieser mit Hülfe eines Astes auf einen nahestehenden Nußbaum, von welchem er sich rasch zur Erde herabgleiten ließ.

„Warte,“ ertönte seine Stimme von innen, „ich will sehen, ob ich keine Bresche entdecke.“

Die Bresche fand sich nicht, aber dafür eine Gartenleiter, welche vor einer halbgestutzten Taxushecke aufgespreizt stand. Lapinski bemächtigte sich ihrer und schob sie über die Mauer, drüben wurde sie von Koltoff aufgefangen, der wenige Secunden darnach auf der Mauer erschien und die Leiter an sich zog, um dann bequem auf ihren Sprossen in den Garten hinabzusteigen. Die beiden Freunde näherten sich nun, durch die langen parallel laufenden Hecken verdeckt, dem Palaste, von dem eine geräumige Terrasse mit breiten Stufen gegen den Garten zu abfiel. Sie verbargen sich hinter einem großen Bosquet rother Rosen, etwa fünfzig Schritte von derselben entfernt.

Auf der Terrasse stand zwischen schlechten geschmacklosen Statuen der Venus und des Liebesgottes ein kleines Tischchen, für eine Person gedeckt, und vor demselben ein sammtner Armstuhl und ein Fußschemel von gleichem Stoffe.

Nicht lange, und ein Diener in gestickter Livrée nach französischem Schnitte erschien und brachte auf einem silbernen Brette die Chocolade, während ein zweiter die Flügelthüren weit öffnete.

Eine Dame trat mit raschem Schritte in stolzer gebieterischer Haltung heraus. Nach der Beschreibung des Heirathslexikons seines Cameraden konnte Koltoff keinen Augenblick zweifeln, daß es die Fürstin Lubina Mentschikoff war, aber die lebendige Erscheinung wirkte ganz anders, als das todte Wort.

Koltoff war in der ersten Secunde von der jugendlich majestätischen Gestalt, dem feinen geistvollen Gesichte, den großen blitzenden schwarzen Augen der schönen Amazone überrascht, in der zweiten geblendet, in der dritten bis zum Wahnsinn verliebt. Die Fürstin trug ihr dunkles, nur ganz leicht gepudertes üppiges Haar in einem großen, von einem hellrothen Bande zusammengehaltenen Knoten, über dem duftigen weißen Spitzennegligé einen Schlafpelz von rothem Atlas mit reichem Hermelinbesatz, nach damaliger Mode in der Taille knapp anschließend und dann in reichen Falten sich einbauschend bis zu der Schleppe, welche weit zurückfloß. Ohne daß sie nur im Geringsten ahnte, man beobachte sie, benahm sie sich doch bei ihrem Frühstück mit der ganzen coquetten Anmuth einer Rococodame, so daß der gute Lieutenant von der Preobraschenskischen Garde nahe daran war, alle Subordination bei Seite zu setzen und dem verführerischen Major vom Regimente Simbirsk glattweg zu Füßen zu stürzen.

„Nun, wie gefällt Dir Deine Braut?“ fragte Lapinski im Flüstertone.

„Du hast mich hierher geführt,“ erwiderte Koltoff, „nur um mich noch unglücklicher zu machen; wie soll ich nur eine Secunde hoffen, dieses herrliche Weib, diese Gottheit mein zu nennen, wo soll ich den Muth hernehmen, mich ihr zu nähern oder gar um ihre Hand zu werben?“

„Sehr gut, ausgezeichnet,“ sprach leise sein Freund; „Du bist verliebt, ja Du brennst lichterloh, wie ich sehe. Es geht also Alles nach Wunsch –“

„Wie?“

„Laß mich nur manövriren.“

„Was hast Du vor?“

„Du mußt ihr eine Liebeserklärung machen,“ fuhr Lapinski fort.

„Ja, aber wie soll ich das anfangen?“ fragte Koltoff ziemlich rathlos. „Ich kann doch nicht hier –“

„Ich denke nicht im Entferntesten daran,“ entgegnete Lapinski.

Indeß hatte sich, von dem Geräusche auf der Terrasse und dem Anblick der Fürstin angelockt, von dem Dache des Palastes herab sowie aus allen Büschen und Aesten eine zahlreiche Gesellschaft von Sperlingen, Finken, Zeisigen, Stieglitzen um die schöne Frau versammelt, welche ihr Brod zerpflückte und den schreienden und durch einander flatternden kleinen Bettlern die Krumen desselben zuwarf.

„Genug, Du wirst Dich doch nie sattsehen,“ fuhr Lapinski fort, „so reizend auch die Idylle gerade jetzt ist. Komm also, ich habe einen Plan, Du wirst heute noch die Bekanntschaft der stolzen Schönen machen. Was sage ich, heute! Auf der Stelle.“

Die beiden Officiere verließen hierauf ihr Versteck und den Park auf demselben Wege, auf welchem sie denselben betreten hatten.


Eine Stunde nach dem Frühstück pflegte die Fürstin Lubina Mentschikoff eine Spazierfahrt durch die Stadt zu machen und dann in der Caserne ihres Regimentes den Bataillonsrapport entgegen zu nehmen und die dringendsten dienstlichen Angelegenheiten zu erledigen.

Zugleich mit ihrer Equipage waren diesmal die beiden Lieutenants zur Stelle, welche sich indeß darauf beschränkten, den Palast und das Fuhrwerk aus weiter Entfernung zu beobachten. Der Wagen der Fürstin im Rococostyle war eine jener schwerfälligen Kriegsmaschinen, mit denen die eroberungslustigen Damen jener Tage zum Siege zogen, auf vier hohen Rädern ruhte ein viereckiger vergoldeter Kasten mit Glaswänden, welche die in demselben sitzende Dame von allen Seiten deutlich zu sehen gestatteten. Ein großer dicker Kutscher in rother Livrée mit großem dicken Zopf und einer weißen Halsbinde, welche gleich einem Riesenschmetterling unter seinem Kinn saß, leitete die schönen Holsteiner Pferde mit großer Würde.

Zwei Lakaien sprangen aus dem Palaste hervor der eine riß den Schlag auf. Die Fürstin folgte raschen Schrittes in einer Uniform, welche weibliche und männliche Toilette geschmackvoll verband; über die hohen schwarzen Reitstiefel, an denen gewaltige Sporen saßen, fiel eine reichfaltige sammetne Robe von dem Grün des russischen Soldatenkleides, welche, da sie von keinem Reifrock aus einander gespannt wurde, in natürlichen malerischen Falten fiel. Ein Ueberrock von gleichem Stoff und gleicher Farbe mit rothem Aufschlag und goldenen Litzen umschloß die Taille, an dem schwarzen Lackgürtel hing der Stoßdegen, auf dem weißen Toupet ruhte der dreieckige Hut mit weißem Federbesatz.

„Nun kaltes Blut und Geistesgegenwart!“ sprach Lapinski.

Die schöne Amazone war eben im Begriff ihre Handschuhe zu knöpfen, als ein alter Bettler, welcher bisher den Pferden schön gethan hatte, sie um eine Gabe ansprach. Sie warf ihm eine Münze zu, stieg elastisch in den Wagen, der Lakai schloß den Schlag und der Wagen rollte davon. Die Pferde gingen in ruhigem stolzem Trabe, aber nicht lange. Nach wenigen Schritten schon wurden sie unruhig, fielen in ein rascheres Tempo, begannen sich zu bäumen, zu wiehern und zeigten Lust durchzugehen. Der [652] Kutscher riß sie mit aller Kraft zurück, aber ein neuer Anlauf, den die Pferde nahmen, warf ihn vom Kutschbock herab und in den Straßenkoth. Die Pferde rasten mit dem schwerfälligen Wagen, welcher jeden Augenblick umzuwerfen drohte, davon, die Fürstin war in Gefahr – sie richtete sich vom Sitze auf und suchte das Fenster zu öffnen, vergebens. Der Pöbel schrie und lief dem Wagen nach, wodurch die Pferde nur noch scheuer wurden. Da, im entscheidenden Augenblick stürzte sich Lieutenant Koltoff dem Gespann entgegen, warf sich den Pferden in die Zügel und brachte sie zum Stehen. Lapinski war in der nächsten Secunde gleichfalls zur Stelle und faßte die Pferde, während Koltoff den zertrümmerten Wagenschlag öffnete und die Fürstin, welche, von Glassplittern verwundet, am Kopfe und an den Händen blutend, ohnmächtig geworden war, heraushob. Er trug sie auf seinen Armen in ihr Palais zurück und ließ sie auf einen Lehnstuhl, den die herbeigeeilte Dienerschaft im Thorwege aufstellte, nieder. Während ihre Kammermädchen ihr mit Wasser und Essenzen Hülfe leisteten, lag der junge Officier unbekümmert um die gaffende Umgebung vor ihr auf den Knieen und bedeckte ihre Hände mit Küssen. Endlich schlug die Fürstin die Augen auf, sah Koltoff lange und erstaunt an und fragte:

„Was ist geschehen? Wo bin ich?“

Der junge Officier erklärte ihr die Lage, in welcher sie sich befand, indeß kam sie selbst vollkommen zur Besinnung und dankte ihrem Retter mit einigen abgebrochenen Worten, dann erhob sie sich und zog sich, auf den Arm ihrer alten Amme gestützt, in ihre Gemächer zurück.

Koltoff suchte seinen Freund auf, welcher ihn mit einem selbstgefälligen Lächeln erwartete.

„Nun, Du dankst mir nicht einmal,“ begann er, „habe ich meine Sache nicht gut gemacht?“

Koltoff verstand seinen Cameraden nicht und sah ihn mit unzweideutigem Erstaunen an. „Du – wie soll ich das verstehen?“ stammelte er endlich.

„Hältst Du Dich für so einen Glückspilz,“ erwiderte Lapinski, „daß die fürstlich Mentschikoff’schen Pferde Dir zu lieb aus eigenem Antriebe durchgehen, damit Du die Ehre und das Vergnügen hast ihre Gebieterin zu retten?“

Koltoff war vollständig verblüfft. „Also Du hast – aber wie?“ stotterte er.

„Hast Du den alten Bettler bemerkt, welcher sich an den Pferden zu schaffen machte, während Deine Göttin einstieg?“ fragte Lapinski.

„Ja, nun?“

„Der geriebene Bursche hat dem einen Gaul, mit dem ich übrigens das lebhafteste Bedauern fühle, einen brennenden Feuerschwamm in die Nüster gesteckt.“

„In Deinem Auftrag?“ schrie Koltoff auf.

„Allerdings, damit Du Gelegenheit habest, der Fürstin das Leben zu retten,“ entgegnete sein Camerad mit vollkommener Seelenruhe.

„Du bist ja ein furchtbarer Mensch!“ rief Koltoff. „Bedenke, welches Unglück geschehen konnte!“

„Ich habe keinerlei Bedenklichkeit, wo es das Glück, das Leben eines Freundes gilt,“ erwiderte Lapinski. „Uebrigens ist Alles gut abgelaufen, wozu sich also jetzt über alle möglichen und unmöglichen Möglichkeiten den Kopf zerbrechen!“

„Aber wenn die Fürstin todt geblieben wäre?“

„Nun, so hätten wir sie beweint,“ entgegnete der leichtfertige Gardelieutenant, „und das Heirathslexikon von Neuem zu Rathe gezogen. Aber sie ist vor der Hand nicht gestorben und der Schreck, den der Herr Major trotz seiner schönen Uniform und seinem Degen ausgestanden, wird ihm hoffentlich nicht schaden. Du bist jetzt auf das Glänzendste bei der schönen Lubina eingeführt und ich kann es mir lebhaft vorstellen, wie sie jetzt aufgelöst auf ihrer Ottomane ruht und Du ihr im Traume erscheinst, schön wie Adonis, stark und muthig wie Hercules, von bengalischen Flammen effectvoll beleuchtet. Komm, mein Junge, trinken wir eine Flasche guten Weins –“

„Ja, das wollen wir,“ stimmte Koltoff bei, „auf das Wohl der Fürstin –“

„Was fällt Dir ein?“ lachte Lapinski; „auf jenen großen Unbekannten, der den Feuerschwamm entdeckt hat!“

[669] Gegen Abend erschienen die beiden Officiere in voller Parade in dem Palaste der Fürstin, um über das Befinden derselben Erkundigungen einzuziehen. Nachdem man ihnen darüber die beruhigendsten Versicherungen gegeben, traten sie den Rückweg an.

„Höre,“ begann Lapinski, „wir können uns doch nicht so ohne Weiteres damit zufrieden geben, daß man uns mittheilt, die Fürstin sei so gut wie unversehrt und vollkommen wohl. Es ist anständig und klug, daß wir unserer Freude darüber, daß dieser Unfall keine ernsten Folgen gehabt hat, auf irgend eine Weise Ausdruck geben. Was hältst Du von einer Serenade?“

Kolloff brach in lautes Lachen aus. „Eine Serenade, ohne eine Kopeke im Sack zu haben!“

„Warum nicht?“ erwiderte sein ausgelassener Camerad, seine Säcke umkehrend. „Sieh mich an, ich besitze noch baare anderthalb Rubel, und doch wollen wir allen Geldsäcken zum Trotz der Fürstin heute eine Serenade bringen, wie sie das kleine Weibchen gewiß noch nicht erlebt hat.“

Während Koltoff noch den Kopf schüttelte, zählte Lapinski das Geld, ein und einen halben Rubel, in seine Hand und beauftragte ihn, Papiere in allen Farben, Oel und Unschlittkerzen einzukaufen; er selbst nahm es auf sich, die Musik, sowie ein preciöses Bouquet, wie er sich ausdrückte, herbeizuschaffen.

„Ich fange an zu glauben, daß Du mit dem Teufel im Bunde bist,“ meinte Koltoff.

„Allerdings,“ erwiderte Lapinski, „und zwar mit einem armen, aber lustigen Teufel.“

Damit trennten sich die Freunde.

Nach einer Stunde trafen sie, wie es Lapinski angeordnet hatte, in der Caserne der Preobraschenskischen Garde zusammen, Lapinski mit einem riesigen Bouquet, dessen Zusammenstellung zwar viel zu wünschen übrig ließ, das aber nichtsdestoweniger durch die Seltenheit seiner Blumen und die Pracht seiner Farben imponirte.

„Wie kommst Du dazu?“ fragte Koltoff, während er den schweren Strauß in der Hand hielt und bewundernd betrachtete.

„Auf die billigste Weise von der Welt,“ erwiderte Lapinski; „ich stieg auf dem bekannten Wege in den Garten der Fürstin und band dort höchst eigenhändig das Bouquet.“

„Du hast also die Blumen gestohlen?“

„Nehmen wir an, es wäre so,“ erwiderte der wenig bedenkliche Camerad, „so geschah es nur, um sie der Eigenthümerin wieder in kürzester Zeit zurückzustellen.“

„Du bist unverbesserlich,“ meinte Koltoff.

Lapinski hatte indeß bei sämmtlichen Wäscherinnen des Regimentes die Wäschestangen requirirt, und jetzt begannen seine Soldaten unter seiner Anleitung aus den von Koltoff eingekauften Kerzen und dem in Oel getränkten farbigen Papiere Lampions zu verfertigen und auf den Stangen zu befestigen. Das Ganze ging so militärisch rasch und genau vor sich, daß mit eingetretener Dunkelheit der Abmarsch beginnen konnte.

Vorn gingen Soldaten mit brennenden Lampen in allen Farben, dann folgten in einem Spalier von Lampions die beiden Officiere, Koltoff mit dem Bouquet, und hinter ihnen sämmtliche kleine Tambours und Pfeifer der Preobraschenskischen Garde in voller Parade, frisch gepudert, mit steifen Zöpfchen. Den Zug schlossen wieder Soldaten mit Lampions. Zahlreiche Gaffer folgten; als man vor dem Palaste der Fürstin Halt machte, war bereits eine unabsehbare Menschenmenge versammelt.

Lapinski stellte seine Leute in ein Quarré, welches, von den farbigen Lampions umgeben, gar nicht übel aussah, und postirte sich mit Koltoff unmittelbar vor der Front desselben dem Balcon des schönen weiblichen Majors gegenüber. Als Alles bereit war, hob er den Rohrstock, welchen damals jeder Officier trug, und die Tambours eröffneten die seltsame, echt soldatische Serenade mit einem höllischen Wirbel, dann fielen die Pfeifen ein und alle zusammen spielten nunmehr den originellen zierlich pedantischen Marsch, nach welchem die Rococosoldaten damals marschirten und der auch beim Gassenlaufen üblich war.

Es währte nicht lange, so klang die Glasthür des Balcons, und die schöne Lubina trat heraus im weißen Nachtgewande, eine Sammtmantille umgeworfen; sie blickte sichtlich erstaunt auf die Menge, die Tambours, die Officiere; erst als Koltoff seinen Hut abnahm und mit einem kräftigen Wurf den riesigen Blumenstrauß emporschleuderte, so daß er zu den Füßen der Fürstin niederfiel, erkannte diese den Retter ihres Lebens und verstand seine Absicht. Sie dankte mit artiger Verneigung, hob die Blumen auf und als die Tambours wieder ihren Wirbel schlugen, hielt sie sich die Ohren zu und brach in lautes Lachen aus.

Lapinski gebot Ruhe. Die Fürstin dankte nochmals mit einem bezaubernden Lächeln und zog sich zurück. Wenige Augenblicke später erschien ein Kammerdiener, welcher in ihrem Namen die beiden Officiere einlud, zu ihr zu kommen.

„Vorwärts!“ flüsterte Lapinski seinem strahlenden Cameraden zu. „Jetzt liegt Alles in Deiner Hand. Erkläre Dich ihr auf der Stelle. Ich führe indeß meine kleinen Helden nach Hause.“

[670] Während die Serenade schwenkte und abmarschirte, wobei Lapinski noch tüchtig wirbeln ließ, stieg Koltoff langsam, bei jedem Treppenabsatz anhaltend und Athem schöpfend, die Stiege empor. Der Kammerdiener führte ihn durch eine Flucht herrlich eingerichteter Säle, schlug eine Portière zurück, und im nächsten Augenblicke stand der junge Officier der reizenden Frau gegenüber, mit ihr allein in einem Boudoir, wie es nur jene Zeit so coquett und sinneverwirrend einzurichten verstand.

Die Fürstin war so tactvoll, nicht nach seinem Freunde zu fragen, sondern lud Koltoff mit der anmuthigsten Handbewegung und dem liebenswürdigsten Lächeln, als verstehe sich ihr Tête à Tête von selbst, ein, neben ihr auf dem echt türkischen Divan Platz zu nehmen.

„Vergeben Sie,“ begann Koltoff, „Fürstin, die armselige Art und Weise, in der ich meiner Freude über Ihre Rettung aus einer so ernsten Gefahr Ausdruck gegeben habe, aber –“

„Weshalb vergeben?“ unterbrach ihn die Fürstin. „Es war eine echt militärische Serenade.“

„Sie sind zu gütig,“ erwiderte der Gardelieutenant; „aber ich bitte nochmals, nicht danach meine Gefühle für Sie zu beurtheilen.“

„Ich bin von Ihren guten Gesinnungen gegen mich überzeugt,“ sagte die schöne Frau, indem sie ihre dunkle Sammetmantille fallen ließ und die Büste einer olympischen Göttin zeigte.

„O, ich wäre glücklich, wenn ich mein Blut für Sie verspritzen, mein Leben für Sie geben könnte!“ rief Koltoff leidenschaftlich erregt.

„Illusionen der Jugend!“ sprach die Fürstin; „aber Sie wählen Worte, wie man sie nur einer Frau gegenüber gebraucht, welche man liebt.“

„Und Sie finden es recht traurig, daß ein armer Lieutenant die Fürstin Mentschikoff zu lieben wagt?“

„Traurig? Nein.“

„Also lächerlich!“ rief Koltoff.

„Noch weniger,“ erwiderte die schöne Frau, mit den Spitzen ihres Deshabillés spielend. Zugleich zuckte ein muthwilliges Lächeln um ihre Mundwinkel.

„Aber Sie lachen doch,“ rief Koltoff vorwurfsvoll.

„Ueber Ihre Zaghaftigkeit,“ entgegnete die coquette Rococoschöne, „sie steht dem Soldaten schlecht an.“

„Sie ermuthigen mich also?“

„Wozu?“

„Sie zu lieben.“

„Lieben Sie mich denn?“ rief die Fürstin und schlug ein helles Lachen an.

„Aber jetzt lachen Sie doch über den armen Lieutenant!“ sagte Koltoff bitter.

„Bei Gott, nein!“ entgegnete die Fürstin auf einmal sehr ernst.

„Lachen Sie nur,“ fuhr der junge Officier fort, „verspotten Sie mich auf das Unbarmherzigste, ich liebe Sie dennoch und werde Sie immer lieben; ich bin glückselig, daß ich Ihnen nun einmal sagen darf, wie sehr, wie unaussprechlich ich Sie liebe, wenn Sie mich auch auf der Stelle für immer aus Ihrer Nähe verbannen.“

„Wer sagt Ihnen, daß ich dies thue?“ entgegnete die Fürstin, welche sich offenbar an der jugendlichen Gluth des Lieutenants ergötzte.

„Sie verbannen mich nicht?“ schrie Koltoff aus.

Die schöne Lubina legte den Finger auf den Mund, um vorerst den Ausbruch seiner Freude ein wenig zu mäßigen, und als der hübsche Officier noch einmal noch dringender, aber leise fragte, schüttelte sie den Kopf. O, wie reizend, wie verheißend war dieses Kopfschütteln für Koltoff!

„Sie lieben mich also wieder?“ flüsterte er, von der Liebenswürdigkeit seines Vorgesetzten, des Majors vom Regimente Simbirsk, fortgerissen.

„Das habe ich nicht gesagt,“ beeilte sich Lubina, seine Hoffnungen coquett vernichtend, einzufallen, „aber –“ sie lächelte wieder mit ihrem bezaubernden Lächeln, „ich erlaube Ihnen, mich zu lieben.“

„Und Sie erlauben mir, um Ihre Gunst, um Ihre Hand zu werben?“ rief der von Neuem entflammte Lieutenant.

„Wie kühn auf einmal!“ sagte die Fürstin.

„Sie verbieten es mir wenigstens nicht?“ drängte Koltoff, ihre kleine Hand ergreifend, welche sich vergebens in die weißen Spitzenwellen zu retten suchte.

„Nein, nein,“ lachte Lubina.

In demselben Augenblicke lag Koltoff zu ihren Füßen und küßte ihre Hände, und die schöne Rococodame wurde auffallend roth, trotz der weißen und rothen Schminke, mit der ihr Gesicht bemalt war.




Einige Tage später, an einem warmen Sommernachmittage, gingen die Fürstin und Koltoff in einer schmalen Allee des Mentschikoff’schen Parkes, durch die dichte grüne Taxuswand vor der Sonne geschützt, auf und ab. Sie sprachen lange nicht, sondern schienen nur damit beschäftigt, mit ihren Blicken den Faltern zu folgen, welche paarweise über die Spaliere herein- und hinausflogen und, hier und da sich auf der Ecke niederlassend, ihre farbenprächtigen Flügel auseinanderspannten. Endlich schlug die schöne Lubina einen Seitenweg ein und sie kamen zu einem reizenden Plätzchen, einer massiven Steinbank, von den Zweigen einer alten Eiche beschattet, der gegenüber ein Springbrunnen plätscherte, und hinter der riesigen Marmormuschel, in welche derselbe sein helles schäumendes Wasser warf, stand eine von einem Italiener der Antike fein nachgebildete Gruppe, Venus und Adonis. Koltoff heftete seine Augen mit einem so seltsamen Ausdrucke auf diese Gruppe, daß Lubina, ihn leicht mit dem Fächer treffend, fragte, ob er die marmorne Dame schöner finde als sie.

Koltoff gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile seufzte er aber und sprach: „Glauben Sie nicht, daß die Menschen damals weit glücklicher waren als jetzt?“

„Sie meinen, weil die schönen Göttinnen des Olymps damals zu den Sterblichen herabstiegen?“

„Nein, weil sie lieben konnten,“ sprach Koltoff; „es ist, als hätten Corsett und Reifrock alle natürlichen Empfindungen erstickt.“

„Warum gerade Corsett und Reifrock?“ fiel die Fürstin ein. „Glauben Sie, daß das Jabot und der Zopf dem Herzen freieren Spielraum lassen?“

Der Lieutenant zuckte die Achseln, ihm schien es doch, daß er ordentlich liebe und darin den verliebten Heroen des Alterthums in Nichts nachgebe, aber die Fürstin war anderer Ansicht.

„Sie glauben mich zu lieben,“ sprach sie, „aber was ist das, was Sie da empfinden? Ein wenig Einbildung, ein wenig Eigensinn und sehr viel – Eitelkeit. Heut zu Tage liebt man nicht mehr, sondern hat Liaisons, und nicht das Herz, nicht die Leidenschaft sind es, welche diese zarten Bande knüpfen, nur die Langeweile.“

„Und was hätte diesen Umschwung in der menschlichen Natur hervorgebracht?“

„Die Philosophie,“ erwiderte die Rococodame, „wir denken zu viel über unsere Gefühle nach, als daß dieselben tiefe Wurzeln fassen könnten, und wir haben Ideale, welche uns die Freude an der Wirklichkeit verderben, und wäre die letztere noch so schön, noch so lachend. Bleiben wir gleich bei mir selbst stehen. Sie haben mir, gleich im ersten Augenblicke, als ich nach jenem Unfall zur Besinnung kam und Sie vor mir knieen sah, sehr wohl gefallen –“

Koltoff erröthete und blickte verschämt zu Boden.

„Sie gefielen mir an jenem Abende, wo Sie mir nach der originellen Serenade Ihre Liebe gestanden,“ fuhr Lubina fort, „beinahe noch besser, und jetzt –“

„Jetzt finden Sie mich bereits unausstehlich!“ rief Koltoff.

„Nein,“ erwiderte die Fürstin, mit ihrem Fächer und jedem einzelnen Worte tändelnd, „jetzt glaube ich sogar, daß ich Sie liebe.“

„Sie lieben mich!“ schrie der junge Officier auf, und so heftig zwar, daß ein kleines Rothkehlchen, das vom Rande des Bassins aus neugierig mit seinen Edelsteinaugen das Paar betrachtet hatte, erschreckt aufflog.

„Es scheint,“ sagte die Fürstin, „oder was soll es bedeuten, daß mein Herz so heftig klopft, wenn Sie eintreten, und auch dann, wenn Sie bei mir sind, lange noch. Entscheiden Sie selbst.“ Und die coquette Schöne nahm die Hand des jungen Officiers und legte sie auf ihr Herz.

„In der That,“ stammelte Koltoff.

„Nun denn, nehmen wir an, daß ich Sie liebe,“ fuhr Lubina fort. „Wie lange werde ich Sie lieben? Ich bin so [671] unglücklich, ein sehr hohes männliches Ideal in meiner Seele zu tragen. Begegnet mir nun ein Mann im Leben, der durch einen oder den anderen oder mehrere jener Vorzüge, welche ich von einem echten Manne unzertrennlich halte, meine Phantasie erregt, so meine ich, ihn zu lieben, ja, ich liebe ihn vielleicht wirklich, ich bin begeistert von ihm, ich könnte alle die Thorheiten eines jungen Mädchens begehen, bis – bei fortgesetzter und schärferer Betrachtung – an meinem glänzenden Monde die Flecken hervortreten.“

„Wie?“

„Bis ich jene dunklen Stellen entdecke, welche jeder Mensch in seinem Wesen hat,“ fuhr die schöne Frau fort, „dann sehe ich plötzlich, wie weit der Mann, den ich liebe, von dem Manne entfernt ist, den ich mir träume, und ich bin enttäuscht, meine Neigung ist entwurzelt, ich habe kaum Mitleid, wo ich vor Kurzem noch Bewunderung hatte.“

„Das ist aber recht traurig,“ sagte Koltoff, eigentlich wußte er aber weder, was er von der Fürstin denken, noch was er sagen sollte.

„Sie sehen also,“ fuhr diese fort, „daß ich Unrecht begehe, Unrecht an mir und dem Manne, dem ich mich gebe, wenn ich eine neue Ehe eingehe.“

„Und wie ist das männliche Ideal beschaffen, das Ihnen vorschwebt?“ fragte Koltoff nach einer kleinen Pause.

„Der Mann, den ich lieben, dem ich gehören soll,“ erwiderte Lubina, „muß alle Vorzüge des Körpers mit jenen des Geistes vereinigen, er muß zu gleicher Zeit ein vollkommener Cavalier, ein tapferer Soldat und ein Philosoph von nicht gewöhnlichem Geiste sein.“

„Sie verlangen viel,“ stammelte der junge Lieutenant, ihn erschreckte vorzüglich die Philosophie.

„Gewiß finden sich alle diese Eigenschaften selten vereinigt,“ sagte Lubina, „ja vielleicht nie: Voltaire ist häßlich wie ein Affe und Moritz von Sachsen hat die Logik eines Corporals; aber wenn dies wirklich so ist, bin ich, wenn mein Geist in höheren Regionen schwebt, verpflichtet, statt meiner göttlichen Träume mit der gemeinen Wirklichkeit vorlieb zu nehmen. Beklagen Sie mich.“

Die Fürstin versank in Nachdenken.

„Werde ich je mein Ideal finden?“ sprach sie nach einiger Zeit, den Blick ihrer dunklen seelenvollen Augen schwermüthig in die Weite verloren.

Koltoff schwieg, und er schwieg auch beharrlich, als die schöne Frau, scheinbar unabsichtlich, zuerst mit ihrer Fußspitze die seine berührte, dann mit ihrem vollen warmen Arme seine Hand streifte. „Eine seltsame Frau,“ dachte er, „sollte sie wirklich unfähig sein zu lieben?“

Und die Fürstin? Die Fürstin sagte zu sich: „Ein seltener Lieutenant. Er scheint zu viel im Plato gelesen zu haben.“




Koltoff kam bald täglich zu der schönen Fürstin, ja es gab Tage, wo er dienstfrei war und sich dafür von früh bis Abends dem Dienste der launischen Göttin weihte, und Lubina verfügte in der That über ihn, wie eine Olympierin über den Erdgeborenen, wie die Gebieterin über den Sclaven. Wenn sie ausritt, war es Koltoff, welcher ihr in den Sattel helfen, welcher sie begleiten mußte, und das Reiten mit ihr war ein gefährliches Ding, denn sie setzte kühn über Gräben, Hecken und andere Hindernisse, so daß der dienende Cavalier nicht selten in die Gefahr kam, das Genick oder doch mindestens Arm und Bein zu brechen. Im Parke wurde ein Schießstand eingerichtet, Lubina schoß mit ihrem Anbeter um die Wette, und hier bewährte sich neuerdings, daß Amor blind ist, denn der gute Lieutenant fehlte regelmäßig die Scheibe, und alle die schönen alten Bäume, welche dieselbe umgaben, trugen bereits die Spuren seiner Kugeln.

Im Parterre des Palastes war ein kleiner Fechtsaal eingerichtet, in welchem sich die kühne Amazone und ihr Anbeter täglich auf der Mensur gegenüberstanden, Lubina über dem weißen hochgeschürzten Gewande einen leichten Brustpanzer, Beide mit Drahtmasken und großen Stulphandschuhen, das Floret in der Hand, und dann, nachdem der Appell gegeben, gab es kaum etwas Reizenderes, als die schöne Frau, wenn sie mit schlangenähnlicher Behendigkeit die Stöße des Gegners auffing, zurücksprang und, wieder zum Angriff übergehend, ihn bis an die Wand trieb, wo sie ihn gewöhnlich durch eine Finte entwaffnete und ihm die Spitze ihrer Waffe zum Zeichen des Sieges auf die Brust setzte.

Aber es blieb nicht bei diesen Körperübungen, bei denen der Officier in seinem Elemente war; er mußte der Amazone, welche sich, wie alle vornehmen Damen ihrer Zeit, mit Philosophie, Naturwissenschaften, schöner Literatur, Geschichte beschäftigte, auch auf den geistigen Kampfplatz folgen, und so eifrig Koltoff war, in jenen Stunden, welche ihm seine Göttin frei ließ, das Versäumte nachzuholen, seinen Kopf mit den Philosophemen der Griechen, Römer und der französischen Encyclopädisten zu füllen, sich mit den herrlichen Werken eines Homer und Virgil, eines Horaz und Ovid, wenn auch nur in schlechten französischen Uebersetzungen, bekannt zu machen, die Modedichtungen Voltaire’s, Diderot’s, Lafontaine’s zu verschlingen: die Fürstin, welche mit einem wenn auch sehr oberflächlichen, doch weitschweifenden Wissen einen lebhaften, weiblich feinen Geist und eine große natürliche Beredsamkeit verband, bereitete ihm viel schwere Stunden; er gerieth endlich ganz in die Rolle eines Schülers dem gelehrten Meister gegenüber und stellte sich zu den physikalischen Experimenten und den astronomischen Beobachtungen, bei denen er Lubina beistehen mußte, so naiv an, daß die Fürstin sich an ihm noch mehr ergötzte, als an den erzielten wissenschaftlichen Ergebnissen.

Eine griechische Rotunde auf einer großen Wiese ihres weitläufigen Parkes bildete das Studio der Fürstin; es enthielt im Erdgeschoß einen chemischen Heerd und alle die mysteriösen Anstalten der damaligen noch mit der Alchymie Hand in Hand gehenden Chemie und Physik; in dem obern Stockwerk befand sich eine große Bibliothek, zwischen deren hohen Fächerkästen Globen, Büsten berühmter Männer der Wissenschaft und Thiergerippe aufgestellt waren; das oberste Geschoß mit weit durchbrochenen Fenstern und die Plattform dienten zu astronomischen Zwecken, und wenn die Fürstin, durch einen weiten schwarzen Sammttalar und eine runde Sammthaube vor der kalten Nachtluft geschützt, mit ihrem Adepten hier oben erschien und das große Sternrohr zu richten begann, machte sie den Eindruck eines weiblichen Faust.

Es schien aber der gelehrten Amazone bald nicht mehr zu genügen, daß ihr Anbeter sich ohne Groll von ihr entwaffnen ließ und – ihr mit den Retorten und Quadranten zur Hand war. Er mußte die Flöte blasen lernen, um sie zu begleiten, wenn sie auf dem Piano spielte, er nahm auf ihr Geheiß Tanzstunden bei einem Pariser Tanzmeister, welcher sich in Petersburg niedergelassen hatte, und hatte die Aufgabe, täglich nach dem Essen, während seine Göttin in dem künstlich verdunkelten Zimmer ruhte, ihre Hunde spazieren zu führen.

Endlich gab ihm Lubina förmliche Proben auf, ganz wie die Damen der Troubadours und Minnesänger es zu thun pflegten. Sie hatte in ihrem Parke unter Anderem einen großen braunen Bären, welcher in einem weiten Zwinger verwahrt war. Derselbe war sehr jung in ihren Besitz gekommen und zeigte daher nur noch geringe Spuren von Wildheit. Immerhin war jedoch eine Unterhaltung unter vier Augen mit ihm ein Wagestück.

Lubina verlangte also eines Morgens mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt von ihrem Anbeter, er möchte in den Käfig des Bären steigen und den drolligen braunen Gesellen nach der damaligen Mode frisiren.

Koltoff war im ersten Augenblicke starr, aber er besann sich nicht lange und gehorchte. Zu seinem Glücke stand er seit langem schon, ohne daß seine grausame Herrin es wußte, mit dem Bären auf gutem Fuße. Er brachte ihm täglich Obst und Honigscheiben, welche derselbe mit einem ganz besonders artigen Knurren und Brummen entgegennahm.

Auch diesmal führte der Gardelieutenant derlei Leckereien bei sich, und nachdem er noch zwei Pistolen und ein persisches Jagdmesser zu sich gesteckt und sich mit Kamm, Bürste, Pomade und Puder versehen hatte, ließ er sich von dem Gärtner den Zwinger aufschließen und trat in das Gefängniß seines gefährlichen Freundes, während die schöne Lubina, vor dem Gitter stehend, mit einem seltsamen, halb neugierigen, halb schauerlichen Reiz die eigenthümliche Scene beobachtete. Der Bär blieb anfangs vollkommen gleichgültig, er ließ seinen mächtigen Kopf auf den Vordertatzen ruhen und blinzelte nur mit den kleinen Augen nach rechts und links.

Koltoff rief ihn mit starker Stimme an. Er rührte sich nicht. Hierauf warf der kecke Lieutenant etwas von seinem Obst in die Futterschüssel des Bären und schob sie ihm hin. Der Bär schnupperte; richtete sich auf und leckte an dem Obst. Plötzlich [672] richtete er sich aber in seiner vollen imponirenden Größe auf und wollte, ein eigenthümliches Gewinsel ausstoßend, Koltoff umarmen.

Die Fürstin erschrak und schrie auf, sie hielt ihren Anbeter für verloren.

Der Bär hatte indeß durchaus nichts Uebles im Sinn, der Geruch des Honigs, den Koltoff bei sich führte, hatte ihn aus seiner süßen Ruhe geweckt, und als er sich aufrichtend seinen Freund erkannte, versuchte er nach echt täppischer Bärenart denselben zu liebkosen. Koltoff schob ihm rasch eine große Honigscheibe in den Rachen, worauf sich der Bär artig niedersetzte und die Augen wie ein echtes Leckermaul schließend zu naschen begann.

Nun war der Augenblick da, das kühne Wagniß auszuführen. Koltoff besann sich nicht lange, sondern nahm den zottigen Kumpan frisch in die Arbeit, er kämmte ihm, so gut es ging, mit Hülfe der Pomade das Kopfhaar zu einem Toupet zusammen und beeilte sich, so oft das Thier ungeduldig zu werden schien und ihm darüber brummend seine Bemerkungen machte, demselben eine neue süße, duftende Honigscheibe zuzuwerfen. In wenig Augenblicken war der große Kopf des Bären dicht eingepudert, schneeweiß gleich dem eines Elegant, und Koltoff zog sich rasch auf den Fußspitzen zurück. Als sich die Thür des Zwingers hinter ihm schloß, atmete er auf. Das gefährliche Abenteuer war überstanden.

Lubina überhäufte ihn mit schwärmerischen Lobeserhebungen, ihr Herz schien bezwungen, aber zur größten Ueberraschung des armen Lieutenants gab sie ihm noch denselben Abend eine neue Prüfung auf.

„Sie haben mir einen so großen bewunderungswürdigen Beweis von Ihrer Kaltblütigkeit und Ihrem Muthe gegeben,“ sagte sie, „daß es Ihnen gewiß selbst erwünscht sein wird, mir nun auch eine Probe von Ihrem Geiste und Ihren Kenntnissen zu geben.“

Koltoff erschrak, er fand keine Worte und verneigte sich nur stumm.

„Ich werde Ihnen eine Ihrer würdige Aufgabe stellen,“ fuhr die gelehrte Amazone fort. „Schreiben Sie ein Werk unter dem Titel ,Der Mensch und die Natur', weisen Sie in demselben alle Beziehungen nach, welche zwischen Beiden bestehen, zeigen Sie, inwieweit der Mensch von seiner großen Mutter abhängig ist, abhängig bleiben muß, worin er sich von ihr befreien, so sogar über sie stellen und auf sie einen Einfluß gewinnen kann. Aber ich vergesse, daß Sie ja selbst es sind, welcher uns über diese Materie ganz neue, ungeahnte Perspectiven eröffnen wird.“

Koltoff hatte sich noch nie so unglücklich gefühlt, nie in seinem Leben, nicht einmal in jener Nacht, wo er sich erschießen wollte, als heute, wo er die schöne Fürstin Mentschikoff als zukünftiger Verfasser des Buches „Der Mensch und die Natur“ verließ. Wo sollte er die Ideen, wo die Kenntnisse, ja wo nur das leere Papier zu diesem verwünschten Werke hernehmen? Er ließ sich den ganzen folgenden Tag im Palaste Mentschikoff nicht sehen, sondern irrte trübselig in den Straßen umher, sah auf der Wache dem Kartenspiel der Cameraden zu, und schlich endlich zu seiner Tanzstunde, und überall war es ihm, als ob ihn eine Stimme verfolgte und ihm in das Ohr raune: „Der Mensch und die Natur!“ und wie er bei der Menuette in der dritten Position stehend den ersten Geigenstrich seines Tanzmeisters Monsieur Perdrix erwartete, entfuhren ihm unwillkürlich die unseligen Worte: „Der Mensch und die Natur!“

Der kleine Franzose, welcher eben den Bogen erhoben hatte, setzte ab und sah den Lieutenant erstaunt an.

„Der Mensch und die Natur,“ wiederholte er, „was haben Sie damit?“

„Bemitleiden Sie mich,“ erwiderte Koltoff, „ich soll ein Buch schreiben über diesen Gegenstand, ein philosophisches Werk in der Art der französischen Encyclopädisten, und habe keinen Dunst davon.“

„Nun, so lassen Sie es bleiben,“ meinte der Franzose.

„Aber es hängt mein Lebensglück, ja, vielleicht mein Leben von diesem unseligen Buche ab!“ rief Koltoff.

„Ihr Leben?“ entgegnete der Tanzmeister lächelnd.

„Ich schwöre es Ihnen, mein Leben,“ rief der Russe, und dabei sah er so verzweifelt aus, daß der kleine Franzose dadurch überzeugt wurde, und mit ihm auf Rettung zu sinnen begann.

Als Koltoff ihn zum Vertrauten gemacht und in alle Umstände eingeweiht hatte, machte der kleine Franzose plötzlich einen Luftsprung und begann dann, seine alte verstimmte Geige mörderisch mit dem Bogen bearbeitend, in der Stube herumzutanzen, und zwar alle nur denkbaren Schritte und Tacte durch einander, dann schlug er eine Pirouette und sagte, vor dem erstaunten Koltoff in einer graziösen Positur stehen bleibend:

„Ich rette Sie, ich schreibe Ihnen das Werk.“

„Wie,“ schrie Koltoff, „Sie wollen, herrlicher, goldener Monsieur Perdrix?“ Er umfaßte den kleinen Mann, hob ihn in die Luft und sprang mit ihm herum. „Nun, wie aber machen wir das?“ fagte der Lieutenant, als er Monsieur Perdrix wieder der Erde zurückgegeben hatte; „denn ich für meinen Theil will lieber täglich zwei Mal den Bären frisiren und pudern, als eine Zeile daran schreiben.“

„Wie? wie ich das mache, junger Leonidas?“ schmunzelte der alte durchtriebene Tanzmeister. „Sie bekommen das Werk, parole d’honneur, aber Sie fragen mich nie, wie ich es gemacht habe.“

Es vergingen ein paar Wochen.

Koltoff kam gegen Abend, stets nur für Augenblicke, zu der Fürstin, und war auch sonst wenig zu sehen, er gab sich ganz die Mühe, in seinen Studien vergraben zu sein.

Indeß war der Tanzmeister Monsieur Perdrix in der That in einem wahren Gebirge von Büchern vergraben, er hätte Alles, was an philosophischer und naturhistorischer Literatur in der Residenz Katharina’s der Zweiten aufzutreiben war, um sich angehäuft und schrieb, auf das Gerathewohl in die Masse hineingreifend und bald den, bald jenen Band, jetzt Aristoteles, jetzt Hippokrates, dann Voltaire, Quesnay, Baco, und wieder einmal Aristoteles amputirend – denn abschreiben oder bestehlen ist kein Wort für die mörderische literarische Schlächterei, welche der Alte unter den Philosophen anrichtete – und schrieb und las und schrieb wieder, und hatte in nicht vier Wochen ein ganz stattliches Manuscript beisammen. Allerdings gehörte davon kein Gedanke, keine Phrase, kaum eine Wendung ihm, aber er hatte mit der seinem Volke eigenthümlichen Geschicklichkeit Alles klar geordnet und – was nur in einer streng entwickelten, akademischen Sprache, wie die seine, dem Halbgebildeten möglich war – in gutem klarem, ja elegantem Französisch niedergeschrieben.

[689] Koltoff war, als er das Manuscript las, auf dessen Titelblatt in schöner Fracturschrift die Worte „Der Mensch und die Natur, ein philosophischer Versuch von J. Koltoff, Lieutenant in der Preobraschenskischen Garde“, standen, von seinem eigenen Werke so begeistert, ja gerührt, daß er Thränen vergoß, Monsieur Perdrix seinen Lebensretter nannte, ihn umarmte, küßte, in fünf Kneipen schleppte; in jeder auf Kosten Lapinski’s glänzend bewirthete und ihm endlich, gleichfalls aus Lapinski’s Tasche, ein Honorar von zehn Rubeln, damals in der That eine stolze Summe, einhändigte.

Lapinski, der von „Dem Menschen und der Natur“ kein Wort verstand, zeigte sich gleichfalls entzückt.

Koltoff konnte also mit dem Bewußtsein einer Leuchte der Wissenschaft vor die schöne Lubina treten. Noch denselben Abend las er die Schrift des Tanzmeisters, von der er jetzt schon selbst überzeugt war, daß es seine Schrift sei, der Fürstin vor, welche ihn von Zeit zu Zeit durch ein „wie geistreich!“ oder „vortrefflich!“ oder „in der That ganz neu, vollkommen neu!“ unterbrach, so daß er zuletzt, mit gerechtem Stolz erfüllt, ihr und sich selbst das Wort gab, bei diesem ersten Schritt, den er so bescheiden einen Versuch“ genannt hatte, nicht stehen zu bleiben, sondern zu seinem und seines Vaterlandes Ruhme auf dem so glücklich betretenen Pfade fortzuschreiten.

„Der Mensch und die Natur“ aber kam aus den Händen des schönen Majors in jene der Fürstin Daschkoff und wurde von dieser der Czarin vorgelegt. Und Katharina die Zweite, dieses geniale Weib mit dem kühnen Blicke eines großen Mannes, las es. Sie las es und sagte: „Es enthält nichts Neues, aber es verräth umfassende Kenntnisse und es ist sehr gut geschrieben.“

Damit war das Glück des jungen Officiers gemacht.

Einige Tage nach der kaiserlichen Lecture erhielt er das Patent eines Capitains im Regiment Tobolsk, welches damals gleichfalls eine Dame, die schöne Amazone Frau von Mellin, befehligte. Das Manuscript des französischen Tanzmeisters aber wurde auf Kosten der Petersburger Akademie gedruckt.

Der Siegesjubel des philosophischen Officiers wurde nur dadurch ein wenig getrübt, daß auch der „Capitain“ Koltoff, der Verfasser des Buches „der Mensch und die Natur“, die schöne Amazone mit nicht größerem Erfolge belagerte, als der Lieutenant Koltoff, der Friseur des Bären.

Die coquette Schöne wich mit ebensoviel Geschick als Ausdauer jeder Auseinandersetzung aus.

Und endlich geschah es, daß Koltoff eines Abends bei der liebenswürdigen Lubina einen Anderen fand. Dieser Andere war ein schöner Pole Czartoriski, welcher den polnischen Gesandten nach Petersburg begleitet hatte; er zeichnete sich durch die seiner Nation nächst der französischen eigenthümliche Eleganz und Feinheit des Benehmens aus, hatte in Paris die Modeschriftsteller kennen gelernt und verstand es, über das physiokratische System und die Rechte des Menschen ebenso blendend zu sprechen, wie über die Toilette der Marquise von Pompadour und die Einrichtungen des Hirschparkes.

Als er die Fürstin verließ, küßte er ihr mit einem mehr liebenswürdigen als ehrerbietigen Blick die Hand, und die Fürstin erwiderte diesen Blick mit einem Lächeln.

Koltoff, in dem längst Alles wogte, begann zu fiebern. Kaum hatte der Pole das Gemach verlassen, so überhäufte er Lubina mit Vorwürfen, welche ihn ruhig, ja gleichgültig anhörte.

„Also dies ist Ihr neues Ideal?“ rief der von Eifersucht entstellte wüthende Capitain endlich.

„Sie sind in der That ein Mann von Geist,“ erwiderte die Fürstin. „Sie erraten, was Andere kaum ahnen. Sie haben mich in diesem Augenblicke über meine eigenen Gefühle aufgeklärt. Ja, dieser Pole ist mein Ideal; er –“

„Für wie lange?“ unterbrach sie Koltoff barsch; „es gab eine Zeit, wo Sie ein anderes Ideal hatten.“

„Ja wohl, ein anderes,“ lispelte die Fürstin mit einem müden Lächeln; „ich habe schon viele Ideale gehabt.“

Koltoff ging mit großen ungeduldigen Schritten in dem duftigen Boudoir auf und ab; so daß sich die weißen Fenstervorhänge wie Segel aufblähten und die Porcellanchinesen auf dem Kamin mit den großen Köpfen zu nicken begannen. Jetzt blieb er vor der übermüthigen Frau, welche er gegen seinen Willen köstlich unterhielt, stehen und sprach sehr ernst, beinahe feierlich: „Wir müssen zu einem Resultate kommen, Madame!“

„Also kommen wir zu einem Resultate,“ spottete Lubina.

„Heute noch!“

„Heute noch.“

„Sie werden offen und ohne Rückhalt auf meine Fragen antworten!“

„Ja.“

„Offen und ohne Rückhalt?“

„Offen und ohne Rückhalt.“

„Lieben Sie mich noch?“ begann Koltoff sein Verhör.

Die Fürstin schwieg.

[690] „Ich bitte um Antwort,“ rief Koltoff schon etwas unartig. „Lieben Sie mich noch?“

„Wie soll ich darauf antworten?“ lispelte die Fürstin.

„Sie versprachen mir zu antworten, offen und ohne Rückhalt,“ fuhr Koltoff vor Wuth zitternd fort, „also antworten Sie.“

Die Fürstin zögerte noch immer.

„Lieben Sie mich noch?“ fragte Koltoff immer heftiger.

„Ich weiß es nicht,“ erwiderte die Fürstin die Achseln zuckend.

„Nun, vielleicht wissen Sie, ob Sie jenen Herrn lieben!“ schrie Koltoff.

„Ich weiß es ebenso wenig,“ sagte die Fürstin.

„Jedenfalls scheine ich hier überflüssig zu sein,“ sprach Koltoff und nahm seinen Hut. In demselben Augenblick sprang die Coquette auf und hielt ihn zurück. „Sie dürfen nicht gehen,“ sprach sie ebenso stolz als dringend, „ich verbiete es Ihnen.“

Koltoff stieß ein grobes bäuerisches Gelächter aus und ging, er war auf das Aeußerste gebracht, da – er war eben im Begriffe, die Thür hinter sich zu schließen – geschah, was er am wenigsten erwartet, die Fürstin brach in Weinen aus, sank zu Boden und bekam Krämpfe. Koltoff eilte ihr zu Hülfe, er war von Neuem gefangen. –

Der Monat, welchen sich Lapinski zu seiner Verheirathung ausbedungen, war längst verflossen, aber Koltoff schien es nicht zu bemerken, er dachte nicht im Entferntesten mehr daran, sich zu erschießen. Er kam täglich wie zuvor zu der Fürstin, war täglich nahe daran, vor Wuth und Eifersucht zu ersticken, nahm jedesmal seinen Hut, um für immer zu gehen, und blieb jedesmal von der schönen Coquette im neuen Netze gefangen.

Er wäre nie in seinem Leben zu einem Ende gekommen, wenn nicht Lapinski, sein treuer Camerad, neuerdings intervenirt hätte.

„Es ist klar, daß die Fürstin Dich liebt,“ sagte dieser eines Tages zu Koltoff, der ihm seine Leiden klagte, „denn liebte sie Dich nicht, so hätte sie längst den Polen genommen und Dich gehen lassen, denn Du bist wahrhaftig weder so liebenswürdig, noch so geistreich, wie Du Dir einbildest, trotz Deinem Werke ,der Mensch und die Natur‘; es kann also nicht blos der Reiz Deiner Unterhaltung sein, der Dich ihr so werth macht, daß sie sofort Krämpfe bekommt, wenn Du an das Desertiren denkst. Sie liebt Dich, also benütze Dein Heldenglück, dringe auf eine Entscheidung von ihrer Seite, und wenn sie, wie ich erwarte, Dich abweist, bleibe einmal wirklich aus, sei ein Mann, trotze nur eine Woche ihren Thränen, ihren Krämpfen, ihren Bitten, ihren Briefen, und sie ist Dein.“

Koltoff ging noch denselben Abend an die Ausführung dessen, was ihm sein Freund so klar entwickelt hatte. Er nahm eine gewisse ernste, ja würdevolle Miene an und blieb anfangs so einsilbig, daß die Fürstin ihren Anbeter herzlich langweilig fand, und als nicht einmal das wärmste Lob, das sie dem Polen spendete, ihn aus seiner Ruhe brachte, begann die schöne Frau zu gähnen und endlich mit ihrem Affen zu spielen.

„Dies muß ein Ende nehmen,“ begann der Capitain ziemlich rauh.

„Was muß ein Ende nehmen?“ erwiderte die Fürstin, welche mit Vergnügen Leben in die Situation kommen sah.

„Das Spiel, das Sie treiben,“ sagte Koltoff.

„Wer will mir verbieten mit meinem Affen zu spielen?“ antwortete Lubina boshaft.

„Also Ihr Affe bin ich –“ schrie Koltoff auf.

„Wer spricht denn von Ihnen?“ unterbrach ihn die Fürstin mit einem kühlen Lächeln.

„Von wem sprechen wir denn?“

„Von meinem Affen, diesem reizenden Thierchen hier,“ entgegnete Lubina, indem sie dasselbe zärtlich an ihre Brust schloß.

„Ich aber spreche von mir,“ begann Koltoff von Neuem, „von Ihnen, von uns.“

„Ach! thun Sie das,“ lispelte Lubina, „ich höre Sie so gerne sprechen.“

„Sie haben mir erlaubt, um Ihre Gunst, um Ihre Hand zu werben,“ fuhr der Capitain fort, „ich bin heute gekommen, um mir eine Entscheidung über mein Schicksal zu holen, und ich werde nicht gehen, ohne dieselbe von Ihnen empfangen zu haben.“

„Aber bedenken Sie doch, Capitain, was die Leute sagen würden, wenn Sie sich bei mir einlogirten,“ erwiderte Lubina spöttisch.

„Sie wollen mir also keine entscheidende Antwort geben?“

„Nein,“ erwiderte die Fürstin, „aber wenn Sie fortfahren, so zu schreien und zu poltern, werde ich mich erinnern, daß ich Ihr Vorgesetzter bin.“

„Auch das noch!“ stammelte Koltoff, dem der Zorn den Athem benahm. „Wissen Sie, daß Sie eine Coquette sind, eine herzlose Coquette?“

„Möglich,“ erwiderte Lubina und begann zu lachen.

„Verspotten Sie mich nur,“ schrie der Capitain außer sich, „Sie sind doch mein, und kein Mensch soll Sie mir entreißen!“ Zugleich stürzte er auf seinen schönen Vorgesetzten los und schloß ihn in seine Arme. Die Fürstin schrie um Hülfe, während Koltoff sie mit Küssen bedeckte, aber es kam ihr Niemand zu Hülfe, als der kleine Affe, welcher seine Herrin in Gefahr sah, Koltoff auf den Rücken sprang und ihn solange biß und kratzte, bis der wahnsinnige Anbeter die Fürstin losließ und auf ihren Befreier, blutend, den Degen in der Hand, Jagd machte.

Aber jetzt kam Lubina ihrem Liebling zu Hülfe.

Mit voller Majestät trat sie dem Wüthenden entgegen. „Herr Capitain,“ rief sie im Commandoton. „Ich befehle Ihnen sofort Ihren Degen einzustecken.“ Und als Koltoff, wenn auch sichtlich betroffen, nicht gleich Folge leistete, fuhr sie mit dem Fuße stampfend, im Zorne fort: „Wissen Sie, was Sie begehen? Das ist Insubordination. Ich sende Sie hiermit auf die Wache.“

Koltoff wollte sich entschuldigen.

„Kein Wort!“ rief der schöne Major. „Geben Sie mir Ihren Degen …“

Koltoff übergab der Geliebten seinen Degen, verneigte sich und ging.


Nachdem Koltoff volle vierundzwanzig Stunden auf der Wache gewesen, erhielt er seinen Degen zurück. Die Fürstin begleitete diesen Act mit keinerlei Kundgebung von ihrer Seite; sie saß in ihrem Boudoir und lachte mehr als je und erwartete ihren Anbeter sofort nach seiner Freilassung als reuigen Sünder vor ihr erscheinen zu sehen.

Aber er kam nicht.

Es verging ein Tag, es vergingen zwei, eine Woche, Koltoff kam nicht. Der Major vom Regimente Simbirsk und der Capitain vom Regimente Tobolsk trotzten miteinander wie ein paar unartige Kinder. Koltoff schweifte zu Fuß und zu Pferde ruhelos in der wüsten Landschaft um Petersburg umher, er schlief nicht, er aß nicht, er fühlte sich im höchsten Grade unglücklich; aber er hatte sich geschworen, nie und nimmer den ersten Schritt zur Aussöhnung mit der Fürstin zu thun, und er blieb fest. Lubina Mentschikoff quälte ihre Kammerfrauen, ihre Soldaten, ihren Affen, ihre Hunde, vor Allem sich selbst; aber sie war zu stolz, einzugestehen, daß sie zu weit gegangen war, daß sie mit Koltoff ein coquettes Spiel getrieben, und vor Allem zu stolz, einzugestehen, daß sie ihn liebte; und das fühlte sie jetzt beinahe zu ihrer Beschämung täglich mehr; sie entbehrte ihn, sie sehnte sich nach ihm, sie weinte vor Zorn in ihre Kissen, aber sie brachte es doch nicht über sich, ihm zuerst die Hand zur Versöhnung zu bieten, so gern sie auch die seinige ergriffen hätte.

Da geschah es, daß eines Tages den Officieren des Regimentes Tobolsk bei der Wachtparade von ihrem Obersten Frau von Mellin ein neuer Camerad vorgestellt wurde, der Lieutenant Sophia von Narischkin.

Dieser neugeschaffene Lieutenant war eins der reizendsten Mädchen der damaligen russischen Aristokratie. Auf dem Lande, in der idyllischen Umgebung eines russischen Dörfchens, in den patriarchalischen Sitten russischer Landedelleute aufgewachsen, war Sophia von Narischkin, wie viele Frauen und Mädchen jener Tage von der Erscheinung Katharina’s geblendet, durch eine abenteuerliche Phantasie dem Kreise ihrer Familie, der engen weiblichen Sphäre entrückt, zur Amazone geworden, aber zu gleicher Zeit das unschuldige, gute, ehrbare Landmädchen geblieben, das mit aristokratischem Anstand und angeborenem Mutterwitz eine edle Einfalt der Gesinnung verband, welche damals an dem Hofe von Petersburg nicht weniger selten war als an jenem von Versailles.

Man ist nie mehr geneigt, sich zu verlieben, als wenn man von einer Geliebten beleidigt, getäuscht oder verlassen worden ist. [691] Koltoff sah in sich ein Spielzeug, das die schöne Lubina zu ihrem Zeitvertreibe benutzt und dann weggeworfen hatte. Alles, was die Natur des Mannes ausmacht, empörte sich in ihm bei diesem Gedanken, und es ist natürlich, daß er im ersten Augenblicke, wo er das schöne hochgewachsene Mädchen mit den wunderbaren blauen Augen sah, es liebte und beinahe in dem nächsten schon es demselben gestand. Der Eindruck, den der junge Capitain auf Sophia machte, war auch kaum weniger günstig. Das cameradschaftliche Verhältniß erleichterte die Annäherung, und so waren Koltoff und Fräulein von Narischkin bald unzertrennlich, und sie fanden es beide so natürlich, sich zu lieben, daß sie vollkommen darauf vergaßen, es sich zu sagen und sich über ihre Absichten für die Zukunft zu verständigen.

Um so mehr beschäftigte sich die Welt mit derselben, und man nannte Fräulein von Narischkin längst die Braut des Capitains Koltoff, ja man bezeichnete schon den Hochzeitstag, ehe die Liebenden über den ersten Kuß hinaus waren.

Das Gerücht drang natürlich auch zu der Fürstin Mentschikoff, und die schöne Frau entdeckte plötzlich, daß sie den Mann, den sie so raffinirt auf die Probe gestellt, den sie selbst von sich gestoßen, mit der heftigsten Leidenschaft liebte; sie verzehrte sich vor Eifersucht und war sofort entschlossen, Alles aufzubieten, um ihn wieder zu ihren Füßen zurückzuführen. Er liebe sie noch immer, sagte sich ihre Eitelkeit, nur weil sie ihn so schlecht behandelt, habe er sich aus Verzweiflung in die Arme einer Anderen geworfen. Welche Reize konnte das simple Landmädchen für ihn haben! Ein Wink von ihr, dem schönen, eleganten, geistvollen Weibe, und er war ihr Sclave wie zuvor.

Sie schrieb an ihn, indeß noch immer hochmüthig, wenige Zeilen nur, sie erlaube ihm zu kommen. Aber Koltoff war unartig genug, von der Erlaubniß keinen Gebrauch zu machen. Sie schrieb ein zweites Mal, es klang schon wie Entschuldigung, und als Koltoff dennoch nicht kam, bat sie ihn um Vergebung und bat ihn zu kommen. Koltoff gab noch immer kein Lebenszeichen. Da war der Stolz der schönen Coquette gebrochen; sie hatte den Mann, den sie liebte, dessen Besitz ihr zu ihrem Glücke unentbehrlich schien, für sich verloren, und noch dazu verloren an eine Andere, die ihn liebte und die er wieder liebte. Sie schrieb noch einmal. Sie gestand ihre Liebe, sie verrieth ihre Leidenschaft, ihre Eifersucht und sie flehte um eine Unterredung.

Koltoff erwiderte in ebenso höflicher wie entschiedener Weise, er habe der Fürstin nichts zu sagen, und nichts, was es auch sei, was sie ihm etwa mitzutheilen hätte, könne jetzt noch die Situation ändern. Wie sie über ihr Ideal längst enttäuscht sei, so sei er fern von seinen früheren Illusionen, fern davon, sie noch anzubeten. Er bitte sie also, auf die gewünschte Unterredung zu verzichten.

Eine Laune des Zufalls wollte es indeß, daß Koltoff zwei Tage, nachdem die Fürstin seine Antwort empfangen hatte, ihrer Carosse in einer engen Gasse begegnen mußte, wo ein Ausweichen unmöglich war.

Die Fürstin ließ halten und wartete nicht ab, bis der Lakai herabsprang; sie beeilte sich, den Schlag selbst zu öffnen und Koltoff beide Hände entgegenzustrecken.

Der Capitain nahm sie jedoch nicht, sondern verneigte sich mit kalter Artigkeit, und nachdem er sich über das Befinden der Fürstin beruhigt hatte, entfernte er sich rasch mit einem ebenso ceremoniellen Gruße.

Die Fürstin aber warf sich in eine Ecke des goldverzierten Wagens und weinte.




Dem kurzen russischen Herbst war ein strenger Winter gefolgt; die nordische Capitale hatte sich in ihren weißen Schneepelz gehüllt; die armen Leibeigenen, die Kleinbürger, rückten in ihren Isbi und in den Branntweinschenken zusammen, die Reichen und Großen an den Kaminen ihrer Paläste; Concerte wechselten mit Theatervorstellungen, Gesellschaften mit Bällen ab. Die Fürstin Lubina Mentschikoff schien ihren flüchtigen Anbeter vergessen zu haben, und Koltoff und Fräulein von Narischkin waren noch immer kein Brautpaar. Der Verfasser des Buches „Der Mensch und die Natur“ hatte indeß ein neues Buch „Betrachtungen über die Fortschritte des menschlichen Geistes“ mit Hülfe des französischen Tanzmeisters Monsieur Perdrix vom Stapel gelassen und damit die Aufmerksamkeit der Petersburger Bureaux d’esprit und der Kaiserin Katharina der Zweiten in noch höherem Maße auf sich gezogen.

Auf dem ersten Hofballe dieses Winters erschien er denn auch mit einem ganz neuen Bewußtsein, mit dem, für einen kenntnißreichen und geistvollen Mann zu gelten, von der Gunst der Czarin wie von einer Glorie umgeben. Er verlor sich auch diesmal nicht wie sonst im glänzenden Schwarme der Cameraden, mit ihnen die Damen betrachtend, ihre Toiletten bewitzelnd und ihre Chronik recapitulirend, sondern gesellte sich zu einigen gewiegten Diplomaten und gefeierten Gelehrten der Petersburger Akademie der Wissenschaften.

Die Stirn in tiefe Falten gelegt, hatte er sogar für Sophia von Narischkin, welche bald nach ihm eintrat, nur einen höflich kühlen Gruß und schien die Fürstin Mentschikoff, welche stolz an ihm vorüberrauschte nicht einmal zu bemerken.

Im Gedränge fügte es sich, daß sich die beiden Nebenbuhlerinnen das erste Mal gegenüberstanden und feindselige Blicke wechselten. So prächtig, ja berauschend die Erscheinung der Fürstin in ihrer schweren weißen mit Rosenbouqueten in farbiger Stickerei bedeckten Robe, ihrem blitzenden Diamantenschmuck war, so konnte Sophia doch den stechenden drohenden Blick ihrer schwarzen Augen ruhig aushalten und spöttisch lächeln, denn sie war ja die Siegerin, und die Besiegte gestand es sich zu, daß dieses schlanke Mädchen mit den großen treuen naiv fragenden Augen bezaubernd war.

Das kurze Tête à Tête der Damen wurde durch den Eintritt der Czarin unterbrochen. Alle Blicke wandten sich der schönen genialen Monarchin zu, welche in natürlicher ungezwungener Majestät durch den Saal schritt.

Katharina die Zweite war noch immer schön und sie verstand es wie keine andere Frau sich immer so zu kleiden, daß ihre Schönheit zur siegreichsten Geltung kam.

Sie trug ein veilchenblaues Sammtkleid, dessen viereckiger, mit Hermelin besetzter Ausschnitt ihre herrliche Büste blendend hob. Streifen von Hermelin, durch Cocarden desselben Pelzwerkes unterbrochen, liefen bis zu dem Saum des Gewandes, der breit mit Hermelin ausgeschlagen in reicher Schleppe zurückfloß. Das hochaufgekämmte, schneeweiß gepuderte Haar trug eine kleine Nadel von Diamanten mit dem griechischen Kreuz, zwischen den Löckchen, welche auf der Stirne niederfielen, zitterten einzelne Diamanten gleich Thränen.

Die Kaiserin schien heute Abend in besonders guter Laune, sie erwiderte die ehrfurchtsvollen, beinahe demüthigen Grüße ihres Hofes mit huldreicher Herablassung, richtete, ein reizendes Lächeln um den kleinen Mund mit den vollen Lippen, an verschiedene Personen das Wort und begann endlich in liebenswürdig scherzendem Tone ein längeres Gespräch mit dem Zoologen Lagetschnikoff, welcher zu gleicher Zeit eines der bekanntesten Mitglieder der Petersburger Akademie der Wissenschaften und der schönste Mann Rußlands war.

Das Orchester eröffnete den Ball, wie es damals im slavischen Osten Sitte war, mit einer Polonaise. Die Kaiserin nahm den Arm des Grafen Panin und schritt mit ihm an der Spitze der Colonne. Der zweite Tanz war die Menuette.

Die Fürstin Lubina Mentschikoff, durch den Anblick ihrer Nebenbuhlerin und die Gleichgültigkeit Koltoff’s, welcher sie, die gefeierte Schöne, die stolze Herrin von viertausend Seelen, zu übersehen wagte, auf das Aeußerste aufgebracht und gereizt, griff jetzt zu dem letzten tyrannischen Mittel, um sich dem Manne zu nähern, der noch vor Kurzem ihr unterwürfiger Sclave gewesen war, sie machte von ihrem Rechte als Hofdame und Fürstin Gebrauch und befahl den Capitain zum Tanze.

Koltoff aber beging das Unerhörte, nie Dagewesene, diesem Befehl nicht Folge zu leisten, er entschuldigte sich bei dem Kammerherrn, welcher ihm denselben überbrachte, und – tanzte mit Sophia Narischkin, welche an diesem Abende alle Damen des Hofes in Schatten stellte und der Gegenstand allgemeiner Bewunderung war. Dies war zu viel.

Das Orchester hatte nur wenige Tacte der Menuette gespielt, als die Fürstin Mentschikoff, ihrer selbst nicht mehr mächtig, die Reihen der Tanzenden durchbrach, um Fräulein von Narischkin zu insultiren.

„Ich habe Sie zum Tanze befohlen, Capitain,“ sprach die zuerst zu Koltoff gewendet, „und Sie wagen es –“ weiter kam sie nicht, die Wuth erstickte ihre Stimme.

„Ich gehorche einem frühern Befehl des Fräuleins von Narischkin,“ erwiderte Koltoff kalt.

[692] „Ah! die Prinzessin muß also vor Ihrer Dirne, vor einer Landstreicherin zurückstehen!“ rief Lubina im höchsten Zorn.

„Sie vergessen sich,“ fiel Koltoff ein, während Fräulein von Narischkin, bis in die Lippen bleich, der Fürstin entgegentrat. „Ich verlange Genugthuung für diesen Schimpf, den ich nicht verdient habe,“ stammelte das brave, hochentrüstete Mädchen.

„Da haben Sie Ihre Genugthuung,“ rief die Fürstin und vergaß sich so weit, daß sie den Fächer erhob, um die Nebenbuhlerin zu schlagen. In demselben Augenblick trennten die Umstehenden, von der Handlungsweise Lubina’s empört, die Streitenden, aber der öffentliche Scandal war fertig; die Czarin befahl beiden Damen sofort den Saal zu verlassen.

Sie gehorchten. Die Fürstin wurde von dem Grafen Orloff zu ihrem Wagen gebracht, wo sie in convulsivisches Weinen ausbrach.

Fräulein von Narischkin hatte sich indeß, an dem Halse ihrer Mutter schluchzend, mit dem naiven Ausdruck zu Koltoff gewendet: „Ich kann Ihnen nicht helfen. Sie müssen mich jetzt heirathen.“

Koltoff, außer sich vor Entzücken, Ort und Umgebung vergessend, schloß das schöne beleidigte Mädchen an seine Brust, und Fräulein von Narischkin verließ den Winterpalast erst, nachdem sie den Capitain als ihren Bräutigam vorgestellt hatte.

Damit war aber die Sache nicht zu Ende.

Am nächsten Tage sendete Fräulein von Narischkin, ohne Wissen ihrer Eltern und ihres Bräutigams, Fräulein Hedwig von Niewelinski zu der Fürstin Lubina Mentschikoff mit einer Herausforderung zum Zweikampfe und die Fürstin nahm dieselbe „mit Vergnügen“ an. In der nächsten Stunde verhandelten die Secundanten der beiden Theile, Fräulein Hedwig von Niewelinski, Officier im Regimente Tobolsk, und Gräfin Saltikoff, Major im Regimente der finnischen Schützen, über die Bedingungen des Rencontres.

Es wurde festgesetzt, daß die Waffen Pistolen sein sollten, und die Gegner auf dreißig Schritt Entfernung auf Commando zu gleicher Zeit schießen, und zwar drei Mal. Wenn sich in diesen drei Gängen keine Verwundung ergäbe, so sei dadurch der Ehre Genüge geschehen und der Zweikampf als beendet anzusehen.


Den nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem Wäldchen in der Nähe von Petersburg. Es war ein schöner, ruhiger, aber empfindlich kalter russischer Wintertag, weithin Nichts zu sehen als ein paar große Raben, welche mit ihren schwarzen Fittichen langsam über den weißen Himmel segelten.

Da der Schnee ziemlich hoch lag, so mußte für Duellanten und Zeugen erst die Bahn frei gemacht werden, wozu die Letzteren Bauern aus der Gegend requirirten. Als alle Vorbereitungen beendet waren, kam zuerst Fräulein von Narischkin in phantastisch prächtigem Schlitten, welcher einen großen weißen Schwan darstellte, und gleich nach ihr die Fürstin.

Beide Damen beeilten sich, die Bärenfelle, mit denen sie bedeckt waren, und die großen Pelze, in welche sie sich eingehüllt hatten, abzuwerfen, und standen sich nun, nachdem sie sich kalt, aber artig begrüßt, in der coquetten Amazonentracht jener Zeit gegenüber.

Die Fürstin Lubina Mentschikoff trug hohe schwarze Reitstiefel, über der reichfaltigen grünen Sammtrobe einen Ueberrock von gleichem Stoffe mit dem Aufschlage des Regimentes Simbirsk, reich mit Zobelpelz besetzt und mit Gold verschnürt.

Die Toilette des Fräuleins von Narischkin, der durch Katharinas Vorliebe sogar hoffähig gewordenen Kosakentracht nachgebildet, bestand in Halbstiefeln von rothem Saffian, einem kurzen rothen Sammtrock, welcher nicht weiter als bis zu dem Fußknöchel herabfiel, einer enganschließenden Jacke von demselben Stoffe mit breiter Hermelinverbrämung und einer hohen runden Mütze von Hermelin.

Die beiden Damen maßen sich mit Blicken, welche deutlich genug ihre Unversöhnlichkeit verriethen, dennoch versuchten die Secundanten, wie es ihre Pflicht war, dieselben zu einem Ausgleiche zu bewegen. Vergebens. Die Fürstin hatte erst auf der Fahrt zu dem Duellplatze erfahren, daß Fräulein von Narischkin die Braut Koltoff’s sei, und war entschlossen, ihre Nebenbuhlerin zu tödten.

So wurde denn die Entfernung abgeschritten, an den Stellen, wo sich die beiden duellirenden Damen aufstellen sollten, je ein Pflock eingeschlagen. Dann luden die Secundanten gemeinschaftlich die Pistolen und gaben endlich das Zeichen zur Aufstellung. Noch wenige Secunden und die Fürstin und Fräulein Narischkin standen sich gegenüber, die Pistole, den Hahn gespannt, in der Hand. Die Zeugen nahmen ihren Posten ein und gaben das Commando: „Fertig!“ Keine der beiden Amazonen verrieth eine Bangigkeit, im Gegentheil zeigten sich beide kaltblütig und unerschrocken wie alte geriebene Duellanten von Profession.

„Eins – zwei – drei –“

Zwei Schüsse blitzten.

Die Secundanten sprangen herzu. Niemand war verwundet. Man lud also die Waffen von Neuem und nahm von Neuem Stellung.

Noch einmal ertönte das Commando, noch einmal knallten die Pistolen; diesmal war die Mütze des Fräulein Narischkin von der Kugel der Fürstin durchlöchert. Fräulein Narischkin nahm sie ab, betrachtete sie lächelnd und stülpte sie wieder auf. Ehe jedoch die Pistolen zum dritten Male geladen werden konnten, kamen im Carrière zwei Reiter herbei, welche von Weitem schon mit einem weißen Tuche wehten, und zu gleicher Zeit wurde ein Schlitten sichtbar, welcher gleichfalls die Richtung nach dem Kampfplatze nahm.

Die beiden Reiter waren Koltoff und Lapinski. Sie sprangen von den schweißbedeckten schäumenden Pferden und der erstere eilte, die kämpfenden Damen zu trennen. Er bat, er beschwor, er drohte, Alles vergebens. Fräulein von Narischkin verlangte zornglühend, mit dem Fuße stampfend, Abbitte von Seite der Fürstin für die angethane Beleidigung; die schöne Wittwe wies dagegen jedes Ansinnen dieser Art mit stolzer höhnischer Heftigkeit zurück. Beide riefen endlich, man möge die Bahn frei geben, damit sie zum dritten Male die Kugeln wechseln könnten.

Während dieses Wortwechsels war der Schlitten, welcher, wie die Officiere, auch von Petersburg her kam, pfeilschnell herangeschossen, die dampfenden Rosse hielten unweit des Duellplatzes und zwei Damen, in kostbare Pelze gehüllt und dicht verschleiert, stiegen aus und nahten schnellen Schrittes. Die erste, im kaiserlichen Hermelin, majestätisch und gebieterisch, trat zwischen die Streitenden und gebot Einhalt, zugleich den Schleier zurückschlagend. Es war die Czarin Katharina die Zweite, ihre Begleiterin die Fürstin Daschkoff.

Die Czarin hatte von dem ungewöhnlichen Zweikampfe erfahren und war herbeigeeilt, um womöglich das Blutvergießen noch zu verhindern. Sie fragte die beiden Damen, welche in einiger Verlegenheit vor ihr standen, mit einem Blicke, welcher keinen Widerspruch aufkommen ließ, ob sie sich ihrem Schiedsspruche unterwerfen wollten.

Beide Duellantinnen verbeugten sich schweigend.

Die Monarchin ließ sich hierauf die Ursache des Zweikampfes mittheilen, aber sie begnügte sich nicht mit den Erklärungen der beiden Damen, sie forschte nach dem tieferen Grunde ihres Hasses, der sich so unzweideutig aussprach, und als sie Koltoff erblickte, wandte sie sich an ihn, und der junge Officier war ehrlich oder indiscret genug, Alles zu gestehen. Katharina die Zweite lächelte.

„Hören Sie also mein Urtheil in diesem seltsamen Streite,“ sprach die Dame. „Ich verbiete die Fortsetzung dieses Zweikampfes, der Ehre ist Genüge geschehen; was aber diesen jungen Officier betrifft, so befehle ich, daß er jener der beiden Damen seine Hand reichen soll, welche ihn mehr liebt.“

„Dann gehört er mir!“ rief die Fürstin.

„Nein, mir!“ fiel Fräulein Narischkin ein.

Beide schworen, daß sie nicht leben könnten ohne ihn.

Katharina die Zweite lächelte wieder.

„Sie machen mir die Sache recht schwer,“ sagte sie, die Achseln zuckend. „Indeß habe ich einen neuen Ausweg gefunden. Koltoff ist die Ursache dieses Streites, es ist daher gerecht, daß er seine Schuld büßt. Da Sie Beide gleich gerechte Ansprüche an seine Person zu haben glauben und es nicht möglich ist, ihn in zwei Theile zu theilen, so gebiete ich, daß er sich an jenen Baum dort stellt, und Sie, meine Damen, so lange auf ihn schießen, bis Ihr Blutdurst gesättigt ist.“

„Das ist ja nicht möglich!“ stammelte Fräulein von Narischkin.

„Was wäre unmöglich, wenn ich es befehle?!“ erwiderte die Kaiserin, die stolzen Brauen finster zusammenziehend „Vorwärts Koltoff, an jenen Baum dort!“

Der junge Officier war todtenbleich geworden, aber er gehorchte.

[694] Die Gräfin Saltikoff lud die Pistolen.

„Nun schießen Sie, meine Damen!“ befahl Katharina die Zweite.

Die Fürstin spannte den Hahn ihrer Pistole und trat vor. „Ich liebe ihn so sehr,“ sprach sie auf das Höchste erregt, „daß ich ihn lieber todt zu meinen Füßen sehen will, als in den Armen einer Andern,“ und sie zielte auf Koltoff.

In dem Augenblicke jedoch, wo sie abdrückte, schlug ihr Fräulein von Narischkin mit einem Aufschrei der Verzweiflung den Lauf in die Höhe, so daß der Schuß in die Luft ging.

„Nein, nein,“ rief sie zugleich, „er darf nicht sterben, nehmen Sie ihn hin, meine Liebe ist zu groß, ich will ihn lieber verlieren als sein Blut fließen sehen!“

Die Fürstin jubelte. „Nun sind Sie mein, Koltoff,“ rief sie, „mein Sclave!“

„Gemach,“ sprach die Kaiserin, ihr die Hand auf die Schulter legend, „Fräulein Narischkin hat bewiesen, daß sie ihn mehr liebt, als Sie. Er gehört ihr.“


Zwei Wochen später feierte Koltoff seine Vermählung mit Sophia von Narischkin.