Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Weihnachtstag 1

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Am ersten Weihnachtstage.

Evang. Luc. 2, 1–14.
1. Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausgieng, daß alle Welt geschätzet würde. 2. Und diese Schätzung war die allererste, und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. 3. Und jedermann gieng, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. 4. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5. auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. 6. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. 7. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. 8. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Heerde. 9. Und siehe, des HErrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HErrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11. denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der HErr in der Stadt Davids. 12. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend. 13. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerschaaren, die lobeten Gott, und sprachen: 14. Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

 WElch eine reiche Fülle von Gedanken strömt uns aus diesem Texte zu, geliebte Brüder! Wie viel, was zur Lehre, zur Strafe, zur Beßerung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit dienlich wäre, könnte aus ihm entnommen und vor den Gemeinden an diesem festlichen Tage in öffentlicher Rede besprochen werden! Wenn es nicht gerade der heutige Tag selbst wäre, von welchem dieß Evangelium handelt, wenn man heute in der gewöhnlichen ruhigeren und kühleren Seelenstimmung an die Betrachtung gienge: wie schwer sollte es einem Prediger werden, aus all dem Reichtum etwas auszuwählen, − eine Auswahl zu treffen, die ihn nicht alsbald wieder gereuete! Nun aber erscheint uns heute die Texterzählung von der Geburt des HErrn ganz anders als sonst, denn es ist ja des HErrn Geburtstag selber, um des willen wir heute den Text lesen; und wir erfahren es heute wieder, wie ganz verschiedene Wirkung auf die Seele ein und dasselbe Gotteswort zu verschiedenen Zeiten hervorbringt. Heute fühlt man sich ganz in die Geschichte versetzt, es ist als erlebte man wieder, was der Text erzählt: alle Betrachtung verwandelt sich in Beschauung, und der Prediger fühlt es als seine unabweisbare Pflicht, dem Text und seiner Geschichte nachzugehen und die großen Thaten Gottes zu preisen, welche am heutigen Tage geschehen sind. So geht es auch mir; ich kann es nicht ändern: ich bitte euch mit mir die Geschichte anzuschauen, welche heute geschehen ist.

 Der Text, welchen wir vernommen haben, zerlegt sich wie von selber in zwei Hälften: die erste erzählt uns die Geschichte von der Geburt des HErrn, die zweite berichtet von der ersten Verkündigung dieser Geburt. Jede der beiden Hälften wollen wir betrachten.

 Die erste Hälfte erzählt uns also die Geschichte der allerheiligsten Geburt. − Der Kaiser Augustus zu Rom hatte den Befehl ergehen laßen, in seinem Reiche eine allgemeine Schatzung vorzunehmen. Alle Einwohner der seinem Scepter unterworfenen Länder sollten sammt Hab und Gut eines jeglichen aufgeschrieben werden. Wie vielen er zu gebieten hätte, wie reich und groß sie wären, welche Forderungen| an einen jeden nach Maßgabe seines Vermögens gestellt werden könnten, das wollte er wißen. Diese Schatzung, wie St. Lukas sagt, war die allererste. − Auch Judäa, das gesammte gelobte Land war dem Kaiser Augustus unterworfen; die Fürsten und Stämme des Landes mußten ihm gehorchen. Cyrenius wird genannt ein Landpfleger des Kaisers in Syrien, und seine amtliche Befugnis, die Schatzung vorzunehmen, erstreckte sich auch über das heilige Land, obwohl damals Herodes durch des Kaisers Gnade und mit seinem Willen dortselbst König war. Er vollzog den Schatzungsbefehl also, daß er eine jede jüdische Familie anweisen ließ, sich in ihrem alten Stammorte aufzeichnen und schätzen zu laßen; dem ganzen Geschäfte und der Ausführung desselben legte er die alte Eintheilung des Landes nach Geschlechtern und Stämmen zu Grunde. Damit that er nach römischem Brauch; denn die Römer ließen gerne und so weit es möglich war, jedes von ihnen überwundene und ihnen unterworfene Volk bei seinen herkömmlichen Einrichtungen und Ordnungen verbleiben. − Der allgemeine Schatzungsbefehl gelangte nun nothwendig auch an Joseph, den Zimmermann, den Mann der heiligen Jungfrau Maria, welcher zu Nazareth in Galiläa wohnte. Er war aus Davids Geschlecht, deshalb mußte er nach Bethlehem Juda wandern, um sich dort schätzen zu laßen. Ob es gebotene Sache war, daß die Frauen ihre Männer an den Ort der Schatzung begleiteten; ob es vielleicht die Art der Ehe, welche Joseph und Maria eingegangen hatten, erforderte, daß Maria am Schatzungsorte mit zugegen wäre? Wir wißen es nicht. Vielleicht war es nicht so. Vielleicht kannte die heilige Gottesmutter die Weißagung Micha 5. nicht minder als die Hohenpriester und Schriftgelehrten, welche Herodes nach Ankunft der Weisen fragte. Vielleicht war es ihr während der Zeit ihrer heiligen Mutterschaft, seit der Verkündigung des Engels klar geworden, daß sie zur Geburt des Heilandes der Welt nach Bethlehem Juda gehen müsse. Vielleicht war der Schatzungsbefehl nur der äußere Beruf zum innern, das äußere Zeichen, daß sie innerlich den Willen des Hochgelobten recht erkannt hatte. Vielleicht gieng sie mit dem hohen Bewußtsein nach Bethlehem, an den von Ewigkeit her auserwählten Ort ihrer Niederkunft, an den Ort der Weißagung oder Erfüllung zu kommen und auch mit diesem, ihrem Gang eine Erfüllerin unverbrüchlicher Gottesworte zu sein. Warum soll das nicht sein können? Warum grade das nicht, was unter allem vielleicht die schicklichste, geziemendste Auslegung ist? Jedoch, dem sei, wie ihm wolle; genug, sie geht nach Bethlehem, sie geht in der beschwerlichsten Zeit, am Ende ihrer Schwangerschaft, sie scheut Weg und Mühsal nicht, sie geht mit Joseph zur Schatzung. So lesen wir. Sie geht, ach wie geduldig − und da sie ankommt, sie, die alle hätten mit Freuden und Ehren empfangen sollen, siehe, da ist kein Raum für sie, sie muß die Herberge und die Stadt verlaßen, und eine Höhle, die zum Stalle diente, zum Aufenthalt erwählen. Es wimmelte in Bethlehem und in der Herberge daselbst von den Nachkommen bethlehemitischer Geschlechter; aber waren wol viele von Davids Stamm vorhanden − und haben es Nachkommen Davids über sich vermocht, eine Tochter Davids, die durch Nathan von dem großen König stammte, diese Tochter, in diesen Umständen, und einen Sohn Davids, der, wie Joseph, von Salomo stammte, aus der Herberge in die Höhle zu verweisen? Wol schwerlich! Kaum waren es Daviden, von denen die Herberge von Bethlehem wimmelte; es gab ja der Geschlechter, die von Bethlehem stammten, und deren Nachkommen nun zusammengeströmt sein konnten, außer dem Geschlechte Davids gar viele. Davids Geschlecht war klein geworden, und der Messias sollte nach der Weißagung ein Wurzelsprößling, ein Reis aus dürrem Erdreich sein. Von dem ohnehin kleinen Geschlechte waren vielleicht auch wenige zugegen, vielleicht waren alle schon geschätzt, bevor die fernen Pilgrime aus Galiläa ankamen. Vielleicht war es aber auch anders, vielleicht waren doch Daviden vorhanden, vielleicht ringe ich vergeblich darnach, sie zu entschuldigen, − vielleicht ließen Daviden die gebenedeite Tochter Davids hingehen − mit Wißen und Willen − hinaus aus der Stadt − in die Höhle − in den Stall. Genug, sie gieng; die Thiere waren auf den Fluren; der Ort war leer, stille, einsam, ein Heiligtum, Gottes Haus, eine Pforte des Himmels. Hier kam Mariens Stunde, hier gebar sie ihren ersten Sohn, wol ihren einzigen, jeden Falls den einzigen in seiner Art, „den Mann, den HErrn“, den Immanuel, den Helden, dem die Völker anhangen sollten. Den wickelte sie in Windeln und legte ihn in eine Krippe.
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|  Halten wir, geliebte Brüder, hier ein wenig inne und beschauen, was wir übersichtlich erzählt haben.

 Zu Rom herrscht Kaiser Augustus und es gehorcht ihm ein so großes Reich, daß er es den Weltkreiß nennen konnte. Die edelsten, begabtesten und gebildetsten Völker der damaligen Welt waren seine Unterthanen. Auch das jüdische Volk war ihm unterworfen. Von ihm empfieng es Fürsten und Pfleger; der Juden Könige aus dem Hause Herodis setzte er ein und ab nach Wohlgefallen. Er gebietet in dem fernen Rom, da fürchten sich alle Juden und gehen in ihre Stammstädte, um sich schätzen zu laßen. Selbst die Nachkommen des größten aller Könige Judä und Israels, des Königs David, gehen gehorsamlich hin gen Bethlehem, zur Wiege ihres Stammvaters, und laßen sich schätzen − von den Amtleuten eines heidnischen Kaisers. − Sehet da, wie ist Jakobs Weissagung in Erfüllung gegangen! Das Scepter ist von Juda gewichen, die Juden sind worden wie andre Völker um sie her, sie sind die Beute eines fremden Herrschers geworden. Drum kann es nicht anders sein: die Zeit ist da, der Held muß kommen, welchem die Völker anhangen, der König und Beruhiger der Heiden!

 Und vergeßet es nicht, meine Brüder, wir sind in Bethlehem. Das ist nicht allein Davids Stadt, sondern auch die Stadt Des, der da kommen soll, des Königs, welchem der HErr den Stuhl Seines Vaters David geben will ewiglich. Oder ists nicht so? Ist das nicht weltbekannt? Wol ist die Stadt klein im Vergleich zu mancher andern: aber dennoch hat der HErr sie vor allen erwählt und durch Micha (5, 1) gerufen: „Du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ Obwol klein an Umfang, wird nun die Stadt groß an Ruhm und der Evangelist Matthäus (2, 6.) sagt drum ganz richtig im Geiste der Erfüllung: „Du Bethlehem im jüdischen Lande, bist mit nichten die kleinste unter den Fürsten Juda.“ Es gibt Städte genug, welche mit andern eifersüchtig um die Ehre streiten, Geburtsorte dieses oder jenes großen Mannes zu sein; aber keine Stadt streitet mit Bethlehem, vor ihr senkt jede Stadt der Welt Fahne und Lanze, ihr gehört unbestritten die Ehre, Geburtsort des größten unter allen Männern und Menschen, des allerhöchsten Königs, des Menschensohnes, des Sohnes Gottes zu sein.

 Auf diese Stadt Bethlehem, die klein ist und doch so groß, lenke ich eure Augen und mache euch aufmerksam auf Eine, die, obwol von den Einwohnern und Gästen Bethlehems unbeachtet, obwol im Stalle herbergend und verborgen, von Gott erlesen ist vor allen Frauen der Welt und von Engeln die „gebenedeite unter den Weibern“ genannt worden ist. Ja, auf sie hin richte ich euer Andenken. Vornehmerer Abkunft, oder, mit den Vätern zu reden, höherer Abkunft ist keine Königstochter, war keine, wird keine sein; denn diese ist eine Tochter Abrahams und Davids. Oder weiß jemand eine Tochter adeligeren Stammes? Und sie ist eine Jungfrau, von keinem Mann erkannt, obwol dem Zimmermann Joseph vertrauet: Jungfrau ist sie und dennoch Mutter. Keine Demüthigere, Reinere, Heiligere ist je auf Erden gewesen: das ist die Holdselige, über welche der Geist Gottes gekommen, welche die Kraft des Höchsten überschattet hat, von welcher der Sohn des Allerhöchsten Menschheit angenommen hat; sie heißt und ist, wie das die Kirche aller Zeiten bekannte, die Mutter Gottes. Ueber ihr unendlich erhaben steht ihr Sohn; wir geben ihr von der Ihm gebührenden Ehre auch nicht den Schatten: ER ist einzig und unter Seinen Anbetern und Anbeterinnen ist sie die erste. Aber was ihr gebühret, das sei ihr zuerkannt, und das ist immerhin genug, ihr eine Ehre vor allen Frauen zuzusprechen. Der Frauen Ehre ist ihre Mutterschaft; die Ehre der seligen Jungfrau Maria ist ihre Mutterschaft. Selig ist der Leib, der Ihn getragen, und die Brüste, die Er gesogen hat! Maria ist nicht unter uns und wir haben auch keine, nicht die leiseste Weisung, sie anzurufen; wenn wir aber dermaleins in die Stadt Gottes kommen und sie sehen werden, dann wollen auch wir sie liebend und ehrend mit dem Engelgruße anreden und ihr entgegenrufen: „Gegrüßet seist du, Holdselige!“

 Brüder, diese stille Magd des HErrn an den verheißenen Ort ihrer Geburt zu bringen, mußte sich jene große Bewegung einer allgemeinen Schatzung im römischen Reiche ereignen. Welch eine Bewegung in dem ganzen Reiche, welches sich den Erdkreiß nannte − und wozu? Um eine Jungfrau, die wir kennen,| welche aber damals vielleicht nur Joseph und Elisabeth in ihrer hohen Würde kannten, von Nazareth nach Bethlehem zu bringen, den letzten Wurzelsprößling Jesses ins alte Heimatland des Stammvaters zu versetzen! Vielleicht war es, wie wir schon erinnerten, nicht einmal Mariens Pflicht, den Mann Joseph zu begleiten, dem sie vertraut war, für deßen Weib sie gehalten wurde. Vielleicht war der Beweggrund, ihn zu begleiten, da er gehen mußte, kein anderer, als der, mit dem heiligen Geheimnis, das sie hatte, an dem sicher erkannten Orte, in der erwarteten Stunde der wundervollsten Geburt nicht alleine, nicht ohne den Pfleger und Vater sein zu wollen, welchen ihr Gott beigegeben hatte. Vielleicht war also ihr Gang nach Bethlehem, wie man heut zu Tage gerne sagt, vor den Menschen ein rein zufälliger, welcher nur von Mariens Neigung und innerem Triebe abhieng und der Schatzung wegen hätte unterbleiben können. War das so, so mußte sich die ganze Welt in Bewegung setzen, ich sage nicht um ein Mägdlein von Nazareth nach Bethlehem zu zwingen, sondern nur, um ihr diesen Gang nach Bethlehem nahe zu legen, sie zu demselben nach der Vorsehung Gottes zu veranlaßen, ja gar, nur den äußeren schicklichen Anlaß zu einer Reise zu geben, von deren Zweck und Absicht die Menschen nichts verstanden, die sich vor ihren Augen immer noch am einfachsten aus der Vermählung Marien mit Joseph erklärte. So scheint sie denn ihren Mann Joseph zu begleiten, im Grunde aber begleitet er sie. Ja, die ganze Schatzungsbewegung ist nur eine Art von gleichartiger Bewegung: ganz Israel thut, was diese Tochter Davids, die Mutter des ewigen Königs thut: sie soll in ihre Heimat gehen − da geht ganz Israel in die Heimat, damit sie hingehe, und alle Geschlechter Israel begrüßen gleichsam von ihren Orten den hochgelobten König an Seinem Ort. − Meine theuern Brüder! Es ist zu verwundern, daß von Esau und Jakob geschrieben steht: „Der Größere soll dem Kleineren dienen“; aber in unserm Evangelium geschieht mehr. Augustus ist größer als Esau, und Maria sammt dem Kinde unter ihrem Herzen scheint wenigstens kleiner, als Jakob. Dennoch muß Augustus und sein Weltkreiß sich um Maria und den Sohn ihres Leibes drehen, und die Bewegung der Völker, an sich fürs ewige Leben ohne Werth, gewinnt Sinn und Bedeutung durch den verborgenen, unerkannten Dienst, welcher Marien, ihrem Sohne und dem Reiche Gottes dadurch geleistet wird.

 Maria ist in Bethlehem, in einem armen Stalle − und hier gebiert sie „ihren ersten Sohn“. Sieh hier das Weib und den Weibessaamen, von welchem geschrieben steht! Sieh hier den Fürsten des Lebens in der Gestalt eines Säuglings − und eine wahre Mutter alles Lebens! Sieh hier JEsum, Immanuel, in welchem sich Gottheit und Menschheit, Himmel und Erde, Völker und Völker wieder finden! Sieh die Versöhnung Gottes und der Menschen, von welcher wir Jahr aus Jahr ein predigen und nicht müde werden, noch zu Ende reden können, von welcher gepredigt haben alle entschlafenen Propheten und Prediger, von der die Sänger singen, die Sänger hier, die Sänger dort! Ja, das ist ein Fest, das ist ein Tag, welchen der HErr gemacht hat; der Geburtstag JEsu, das ist ein Mittelpunkt aller Tage und Zeiten! Und Bethlehem ist in der That ein Mittelpunkt aller Orte: Denn Er selber, der heute zu Bethlehem Geborene, ist ein Mittelpunkt alles Wesens, aller Wesen, aller Dinge, um den sich Erd und Himmel dankend, feiernd bewegen. Laß dich Krippe und Windel nicht hindern: diesem Knaben zinset die Welt, Sein ist der Weltkreiß und Rom, die Krone Augusti und alle Kronen sind Sein. Gelobet sei, der da kommt in dem Namen des HErrn, und gelobet sei das Reich unsers Vaters David, das da kommt! Die Stunde Seines Kommens war der jahrtausendlangen Wartezeit werth; sie ist auch einer jahrtausendlangen Feier werth. Gesegnet sei die Nacht, da Er erschienen, und gesegnet sei die Stunde Seiner Geburt von allen Creaturen in Ewigkeit, gesegnet von allen Menschen, die da wißen, welch ewigen Reichtum der Vater ihnen allen in dem neugeborenen Christus in die Krippe legte!


 Jedoch kehren wir nun zur Geschichte unsers Textes zurück. Während im Stalle von Bethlehem der Herr der Herrlichkeit geboren wurde, waren die Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden und hüteten des Nachts ihre Heerde. Sie thaten, was ihres Berufes war, und wurden dabei gesegnet, wie Zacharias bei dem seinen, wie Maria und die Weisen vom Morgenlande, Petrus und viele andere bei dem ihrigen. Zwar ergriff sie bei der| himmlischen Erscheinung, welche sie hatten, eine große Furcht; aber der Engel des HErrn, der zu ihnen getreten war, sprach sie freundlich an, tröstete sie in ihrer Furcht und in ihrem Schrecken und predigte ihnen die Geburt ihres Heilandes. Das war die allererste Weihnachtspredigt; ein Bote aus dem Himmel hielt sie in der gesegneten Nacht, von der wir reden. Jenseits hat das ganze Werk unserer Versöhnung seinen Anfang genommen: im Himmel war der Rathschluß der Menschwerdung gefaßt worden; vom Himmel war der Sohn Gottes gekommen, um Menschheit an sich zu nehmen; zum Himmel soll die Menschheit wieder geführt, die Erde wieder mit dem Himmel vereinigt werden. So nehmen denn auch die Bewohner des Himmels an der Ausführung der himmlischen Beschlüße freudigen Antheil. Ein Engel predigt nahe bei der Krippe, in welcher der neugeborene Liebling Gottes die erste Ruhe auf Erden fand, − und nach der wunderbaren Predigt sehen die erstaunten Hirten die Menge der himmlischen Heerschaaren, versammelt um den heiligen Prediger, und es wird von noch sterblichen Ohren der herrliche Lobgesang der Heerschaaren vernommen, den seitdem alle Heerschaaren der streitenden Kirche zu dem ihrigen gemacht und ohne Ermüden nachgesungen haben, − der in diesen Tagen auf allen Lippen schwebt, welchen das lallende Kind und der lallende Greis, der Jüngling in seiner Lust und der Mann in seiner Stärke singt, so weit Christen über die Erde hin wohnen.

 Hier, liebe Brüder, wollen wir wieder stehen bleiben und bedenken, was diese erste nächtliche Weihnachtsfeier uns vor die Augen und Ohren bringt.

 Es ist stille Nacht. Die Bewohner von Bethlehem, die Einwohner Judäas, der Weltkreiß des Augustus, Augustus selber ahnen nicht, was geschehen ist. Noch deckt Finsternis das Erdreich und Dunkel die Völker. Aber es soll Licht werden in immer weiteren Kreißen. Licht und Leben soll von Dem ausgehen, der im Stall und in der Krippe liegt, und es soll kein Stillstand Seines Wirkens eintreten, bis die Sonne des Tages nicht mehr leuchtet, nicht mehr der Mond des Nachts, bis ER selbst geworden ist Sonne und Licht, bis Himmel und Erde in Seinem Lichte wandeln. Alles soll von Ihm durchleuchtet, alles Seines Lichtes, Seiner Kraft, Seiner Seligkeit, Seiner Ehren voll werden.

 Als Er geboren ward in Seiner stillen Höhle, in dem Stalle zu Bethlehem, wie klein war da die Zahl derjenigen, welche Ihn kannten und nach Würden begrüßten! Da kniete vor Ihm die Mutter, welche Ihn geboren hatte, und sang wol noch einmal in ihrem Herzen: „Meine Seele erhebet den HErrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes!“ Wenn sie den Neugeborenen ansah und bedachte von wannen er ihr gegeben war, brach sie wol wiederholt in ihre Worte aus: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder!“ Sie erkannte gewis die große Stunde, welche für sie und die ganze Welt gekommen war: ihr leuchtete der stille Knabe heller als die Sonne. Sie war die erste Gläubige, an Seinem großen, geheimnisvollen Leibe das erste Glied. Und Joseph wurde das zweite. Sein freudentrunkenes Auge, seine stille Thräne, seinen Dank, ein Pfleger des Hochgelobten und ein Diener des ewigen Königs zu sein, finden wir nirgends geschildert; aber wer, der einiger Maßen erwägt, welche Offenbarungen dem frommen Joseph zu Theil geworden waren, wollte oder könnte zweifeln, daß der HErr von Seinem Pflegevater erkannt und mit anbetender Liebe aufgenommen worden sei? − So bestand denn das erste Kirchlein des neugeborenen JEsus aus nur zwei Seelen: ein einziger Mann, ein einzig Mägdlein vertraten an Seiner Krippe die Anbetung des ganzen menschlichen Geschlechtes.

 Bald aber wird die Zahl derjenigen, welche um den Heiland der Welt wißen und Ihn anbeten, etwas größer. Die Hirten auf dem Felde sehen ein großes Licht und ihnen wird offenbar des HErrn Klarheit. Sie werden hinzugezählt zu der allerersten Gemeinde, daran kann niemand gerechten Zweifel erheben. Wird ihnen doch alle Furcht benommen durch das Wort des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Wird doch ausdrücklich ihnen große Freude verkündigt! Ist doch ihnen zunächst nach den Worten des Engels der Heiland geboren! Sollten uns diese Worte des Engels täuschen? Gewis nicht! Gewis liegt in ihnen für sehende Augen Beweis genug für den Glauben der Hirten, für ihre Gliedschaft am Leibe JEsu, ob wir gleich im Verfolg der evangelischen Geschichte von ihnen nichts mehr vernehmen.

|  Siehe, wie die Klarheit des HErrn JEsus von der Krippe und dem Stalle weiter dringt. Er hat in der That keinen Raum mehr in der Herberge, obwol in anderem Sinne, als zur Zeit der Ankunft Seiner Mutter in Bethlehem. Er hat keinen Raum in der Krippe und keinen im Stalle. Er macht sich Bahn und vor Ihm verschwindet die Nacht, in der Er geboren und auf Erden angekommen ist. Zuerst preisen Ihn allein Maria und Joseph, dann kommen die Hirten zum Isaac des Neuen Testamentes, zum Freudenkindlein, − und bald wird es wahr werden, was der Engel sagte: „Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Bethlehem wird dieß Wunder, die kleine Stadt wird den Glanz dieser Begebenheit nicht einschließen, nicht verbergen können. Es wird in Jerusalem und in ganz Judäa, es wird in Galiläa, in Samaria und allen angrenzenden Ländern ruchbar werden, was der HErr gethan hat. Diese Nachricht, diese Botschaft, dieß Evangelium wird in das Volk fallen, wie das Sonnenlicht in den Nebel. Es wird eine Bewegung geben in den Massen, man wird sehen, wie es sich in ihnen scheidet und sondert, es wird dann Licht werden. Christus wird von vielen erkannt und geglaubt, von vielen mit hohen Freuden begrüßt werden, die Kinder Israel werden sich in großer Zahl zu Ihm sammeln, bis am Ende der Tage die große Schaar erlöster Knechte vollzählig sein wird, welche St. Johannes in der Offenbarung vor dem Throne des Lammes sah.

 Aber auch Juda und Israel, das gesammte heilige, gelobte Land, die anliegenden Länder werden noch nicht die letzten Grenzen sein für das Lob und die Anbetung des Neugeborenen. Schon die Predigt des Engels weiß von so engen Grenzen nichts, und wer daran zweifeln könnte, der nehme des Gewisheit aus dem Lobgesang der Engel. Die Engel nennen ja schon Mariens Sohn einen „Frieden der Erde,“ ein „Wohlgefallen Gottes unter den Menschen.“ Also ist die ganze Erde, also sind alle Menschen im himmlischen Rathsschluß zur Freude Mariens und Josephs, zur Freude der Hirten, zur Freude des Volkes Israel berufen. Also soll die Freude an Ihm, dem Neugeborenen, Seine Anbetung, Seine heilige Religion ein Gemeingut der Menschheit werden und Seine heilige Kirche soll ihre Glieder auf der ganzen Erde, unter allerlei Menschen finden. Nicht eine Landeskirche, sondern eine Kirche der Völker soll sie werden, weil Christus auch nicht ein Heiland Israels, sondern ein Heiland der Völker und der ganzen Welt sein soll.

 So geht das Licht des HErrn aus und umwebet die Erde − und bleibt endlich auch nicht auf der Erde allein, sondern es steigt auf zum Himmel und füllet auch ihn. Vom Himmel kam es, um die Erde zu gewinnen, und zum Himmel geht es, um auch ihn zu gewinnen und einzunehmen. Darum haben auch die Engel den HErrn nicht bloß einen Frieden der Erde, ein Wohlgefallen Gottes unter den Menschen genannt, sondern auch eine Ehre Gottes in der Höhe. Also ist der neugeborene Christus nicht nur auf Erden groß, sondern auch im Himmel. Der Himmel freut sich Seiner Geburt, und Gott in der Höhe erkennt in ihr Seine größte Ehre. Im Wohlgefallen und der Liebe zu Christo vereinigt sich Himmel und Erde, die höchste Höhe und die tiefsten Tiefen. Gott, Seine Himmel, Seine Engel, Seine Erde − alles ist Christi voll, des heute Geborenen, alles freut sich Sein.

 Vor Christi Geburt gieng es so klein her im Reiche Gottes − das Reich schien immer kleiner zu werden, auszusterben. Bei seiner Geburt eröffnen sich neue Aussichten, glänzende Zustände und Siege des Reiches Gottes werden über der Krippe geweißagt. Zwar von der Krippe an schweigen wieder die Engellieder, und des Herrn Klarheit leuchtet nicht mehr; in tiefster Niedrigkeit und Demuth arbeitet der Menschensohn an der Ehre Gottes und dem Frieden der Erde. Aber es geschieht denn doch, was die Engel sangen – Ehre, Friede, Wohlgefallen bleiben keine bloßen Verheißungen; sie kommen zu Stande und das Ende wird beweisen, daß Christi Thaten und Arbeit des Lobgesangs aller himmlischen Heerschaaren und der Anbetung aller Creaturen werth sind. Der Himmel war Sein vor der Geburt, betete Ihn an in Seiner Geburt, sah auf Ihn und begleitete Ihn, wohin Er auf Erden wandelte, und wurde unter unsterblichem Jauchzen in neuer Weise Sein, als Er auffuhr. Sein ist der Himmel − und im Himmel ist Er selber Gottes größte Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Denn obschon die Schöpfung ist eine Ehre Gottes, obwol die Himmel selber erzählen die Ehre Gottes und die Feste Seiner Hände Werk verkündigt; so ist doch die Menschwerdung, die Aufnahme| der Menschheit in die Gottheit, die ewige Vereinigung Gottes mit der Menschheit in Christo JEsu und was Immanuel in solcher Vereinigung vollbracht hat, eine ewige Krone der Ehren Gottes.

 Die Erde wird gleichfalls immer mehr des Sohnes Eigentum, gleichwie es der Himmel ist. Daß JEsus ist Gottes Wohlgefallen unter den Menschenkindern, daß Ihm um JEsu willen alle Menschen wohlgefallen, denen JEsus wohlgefällt, − daß JEsus ist „Friede auf Erden“ und kein Friede ist außer in Ihm: das erfahren von dem menschlichen Geschlechte immer mehr, und immer mehrere werden es erfahren, bis es heißen wird: „Nun sind die Reiche der Welt Gottes und Seines Christus geworden.“ Die Zahl der Heiligen Gottes, um deren willen die Erde und die Welt erhalten werden, nimmt immer zu und wächst unaufhaltsam, wenn gleich auch die Anzahl derjenigen sich immerfort vervielfacht, die verloren gehen. Endlich wird die Zeit kommen, wo eine vollkommene Scheidung geschehen wird, wo die Erde wird verneuert werden sammt dem Himmel, wo Ehre wird sein in der Höhe, wo vollkommener Friede die Erde umfaßen und das Lamm Gottes und in ihm Gottes Wohlgefallen auf der neuen Erde, unter den seligen Völkern wohnen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dann wird JEsus, der heute Geborene, nicht bloß von der engelischen Schaar, sondern von der Heerschaar aller seligen Menschen, aller Creaturen gepriesen werden, und das hohe Lied des Neuen Bundes, welches diese Nacht erklungen ist, wird als ein ewiges Opfer von allem, was Leben haben wird, dargebracht werden. − So eilet alles zur Vollendung − vollkommene Wahrheit wird werden der Engel Lied, und alle Gottesverheißungen werden Ja sein und Amen in Christo.


 Und du, meine Seele, und du? die Menschheit, welche von Gott erwählt ist, die Kirche Gottes, wird ihr Ziel erreichen und vereinigt mit den Engeln im Lobe JEsu selig, im Lobe JEsu heilig leben ohne Ende: − aber du, meine Seele? Ist Jesus dein, dein Friede? Ist Er, der Gottes Ehre und Wohlgefallen ist, auch deine Ehre und dein Wohlgefallen? Ist ER deine Freude, und darum Sein Geburtstag dein Freudentag? Und ist die Freude am HErrn deine Stärke zu allem Guten? Bist du Sein, Er dein?

 Laßet mich schweigen! Es folge eine Stille! Es gehe ein jeder in sich und prüfe sich! Der HErr aber verleihe, daß am Tage Seiner zweiten Zukunft von uns allen keiner fehle, sondern jeder unter der Zahl der ewigen Lobsänger stehe! Amen.




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