Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Weihnachtstag 2

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Am zweiten Weihnachtstage.

Evang. Luc. 2, 15–20.
15. Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten unter einander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem, und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HErr kund gethan hat. 16. Und sie kamen eilend, und fanden beide, Mariam und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend. 17. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20. Und die Hirten kehrten wieder um, preiseten und lobeten Gott, um alles, das sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 DIeses Evangelium erscheint dem oberflächlichen Betrachter zumal im Vergleich mit dem gestrigen überreichen Texte als arm. Die Prediger griffen deshalb je und je lieber zu den Texten des Stephanustages, welchen wir ja heute auch begehen. Diese Texte bilden zwar einen großen Gegensatz zum Weihnachtsfeste,| aber es fehlt auch nicht an Mitteln, den Gegensatz geringer oder doch angenehm zu machen, und es begegnet dem betrachtenden Geiste in ihnen ganz ungesucht eine Menge fruchtbarer Gedanken. Allein eine genauere Betrachtung unsers heutigen Festevangeliums heilt uns doch von dem Gedanken, als wäre es dürftig. Das ist ja Gottes Wort nie, und es ist eine Art von Lästerung, es in Bezug auf irgend eine Stelle desselben zu behaupten. Es ist wahr, das gestrige Evangelium ist voll großer Gottesthaten, das heutige ist nicht so; aber dafür lehrt es uns am Beispiel der Hirten eine schöne Anzahl stiller, für das innere Leben der Gemeine wichtiger Weihnachtsgedanken. Billig erzählen die Evangelien an den ersten Tagen der drei hohen Feste Gottes große Thaten, und es ist in der Ordnung, diese ersten Tage ganz der Beschauung der großen Thaten Gottes zu weihen. Aber es soll ja auch zur Anwendung kommen mit dem, was Gott gethan, und wenn wir also gestern den Lebensbaum Christus haben prangen sehen, so sollen wir doch nun auch seiner Früchte theilhaft werden. Da passt es so ganz, mit den Hirten heute nach Bethlehem zu gehen, und zu thun, was sie gethan haben. Laßt uns die stille Nachfeier nicht verachten, die wir nun anstellen, und die Gedanken mit Freuden aufnehmen, die uns dieß heilige Evangelium bietet. Möge es in uns Weihnachten werden, indem wir sie aufnehmen.

 Ihr erinnert euch, meine Freunde, an ein Wort des gestrigen Evangeliums, welches der Engel zu den Hirten sagte, − an die vom Engel gegebene Weisung: „Ihr werdet Ihn finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ In unsrer gestrigen Betrachtung fand dieß Wort keine Stätte; mit dem heutigen Evangelium dagegen steht es im engsten Zusammenhang. „Ihr werdet Ihn finden,“ sagt der Engel. Darin liegt ein Befehl, Ihn zu suchen, also nach Bethlehem zu gehen und zu schauen, was gepredigt ist. Wie nun die Hirten den Befehl ausgeführt haben und was sich an ihren Gehorsam anschloß, das eben erzählt unser Evangelium.


 Der Engel predigte den Hirten von der Geburt des HErrn, und die Predigt fand bei den Hörern Glauben. Das ist das Erste, was wir erwähnen wollen. − Wir können an den Hirten nicht den leisesten Zweifel warnehmen, daß, was sie gesehen und vernommen haben, in der That eine himmlische Erscheinung und Offenbarung, also vollkommene Wahrheit gewesen ist. Kein Wort verlieren sie, um erst darüber ins Reine zu kommen, ihr Glaube steht fest und darum wird er schnell eine Quelle entsprechender Werke. Zuerst wirkt er in ihnen den Entschluß, die Heerde zu verlaßen und nach Bethlehem zu gehen, und der Entschluß kommt zur schnellen Ausführung, wie das die Schrift ausdrücklich bezeugt.

 So ist es mit dem Leben von oben her: es zündet, und wenn es gezündet hat, brennt es immer fort und nimmt nicht allein das Herz ein, sondern regiert auch den ganzen Leib und das ganze Leben. Trägheit hört auf, wo die Predigt ihr Werk gethan hat; ein heiliges Bewegen und sich Regen nach dem Befehl des HErrn beginnt, ein brünstiges Verlangen, Gott zu schauen, erfüllt die Seele und das Leben wird ein Nahen zu ihm. Man will dann schauen, aber wie die Hirten: nicht aus Mangel an Ueberzeugung, daß man Gottes Wort vernommen, sondern weil es so des Glaubens Art ist, zum Schauen vorwärts zu dringen, weil es der Wille Gottes ist, daß der Glaube im Schauen sein Ende und seiner Zuversicht Vollendung finden soll, daß der Glaube aufhören, das Schauen ewig währen soll.

 Wir haben alle die Geschichte von dem neugeborenen Christus vernommen; wir zweifeln nicht, daß sie wahr sei; wir haben glaubwürdiger, göttlicher und menschlicher Zeugnisse genug. Aber wer, der mit rechtem Glauben die Predigt von der ersten Zukunft Christi vernommen hat, sollte nicht nach der ewigen Heimat verlangen, wo man mit dem Auge der erlösten Seele den menschgewordenen Gottessohn seliglich schauen darf, − nicht nach der zweiten Zukunft des HErrn, wo auch die Augen unserer Leiber trunken werden sollen von dem Anschauen Deßen, den wir mit Armen des Glaubens schon hier umfaßt haben? Das ganze Leben eines jeden Gläubigen ist ein Gang nach Bethlehem, denn es ist nichts anders als ein Gang vom Glauben zum Schauen. Die Hirten sind hierin ein allgemeines Vorbild der Gläubigen.


 Der freudige Glaubensgehorsam der Hirten wurde gesegnet und belohnt; der HErr leitete sie durch sichere| Zeichen zu Jesu, aus ihrem Suchen wurde ein fröhliches Finden. − Der HErr hatte ihnen durch den Engel, der ihnen gepredigt hatte, die Warzeichen des neugeborenen Kindes mitgetheilt. Diese waren so gering, daß man sich wundern muß, wie Gott und Seine heiligen Engel sie beachten mochten; aber sie waren auch so kenntlich und unverkennbar, daß sie trotz ihres Unwerths vortrefflich zu Warzeichen dienen und den Hirten ein leichtes Suchen bereiten konnten. So leitet der HErr die Seinigen an Seiner Hand, daß sie nicht irren; so gelangen sie zum Ziele, welches andere nicht einmal sehen, geschweige erlangen. Setzen wir den Fall, der Engel hätte den Hirten nicht gesagt, daß sie den HErrn im Stall, in der Krippe, in Windeln finden würden, welch ein mühsames Suchen würden sie gehabt haben, wie würde ihnen das Finden fast unmöglich geworden sein! Ihre unerfahrenen, der Wege Gottes unkundigen Herzen, welche doch nicht auf einmal durch die engelische Erscheinung zu himmlischer Weisheit gebracht worden waren, würden wol grade am verkehrten Orte nach dem Sohne Davids gesucht haben, Kinder von ganz anderer Art für den Heiland, von welchem die Engel predigten, zu erkennen bereit und geneigt gewesen sein. Es würde doch selbst die größte Weisheit, ohne göttliche Anleitung, nicht darauf gekommen sein, grade das ärmste Kind für Gottes Sohn zu erkennen! Wer wußte denn und wer konnte denn wißen, daß Gottes eingeborener, nun menschgewordener Sohn sich gerade in der tiefsten Erniedrigung den Menschen nahen wollte: dieser heimliche, verborgene Rath des HErrn war über aller Menschen Gedanken erhaben. Wol sicher darf man daher annehmen, die Hirten würden für Den, welcher ein Loblied aller Engel war, auch die Herrlichkeit und den Glanz der Erde, der ihm freilich gebührte, in Anspruch genommen haben. Aber nun waren sie aus allem Zweifel gerißen: keine Ungewisheit konnte ihnen übrig bleiben, die tiefste Niedrigkeit konnte sie nicht mehr befremden, nachdem sie einmal in Gottes Geheimnis eingeführt waren, nachdem einmal das Wort der Engel und die Klarheit des HErrn dem Kinde zu Statten gekommen waren und den dunkeln Stall zum Tempel Gottes verklärt hatten. Andern hätte es ein Räthsel bleiben können, wenn sie bemerkt hätten, wie grade die Zeichen der tiefsten Niedrigkeit den Hirten eine so große Ehrerbietung vor dem Kinde JEsus einflößen konnten: das Kind und Seine Anbeter sind immer den Kindern der Welt und Finsternis seltsame, wunderliche, unbegreifliche Erscheinungen gewesen. Das Kopfschütteln derer aber, die nicht wißen, was die Anbeter JEsu wißen, kann diese nicht irre machen in dem, was sie thun; die Freude ihres Findens und Anbetens hebt sie über das Bedenken der Welt hinweg. Die Hirten zumal wurden davon kaum berührt. Ihr stiller nächtlicher Gang war wol den übrigen Einwohnern von Bethlehem eben so verborgen, wie die Geburt JEsu selbst. Ihre Freude und Wonne wurde zunächst von keinem misgünstigen Auge wargenommen. Alle, die mit ihnen schauten, was da zu schauen war, waren mit ihnen gleicher Wonne voll, sie mögen nun vom Himmel gesehen oder an der Krippe des Neugeborenen geweint haben.

 So groß indes die Freude der Hirten war, und so viel sie vor allen Einwohnern der Stadt Bethlehem und der ganzen Welt voraus hatten, so dürfen wir doch ihr Glück nicht überschätzen. Sie hatten selig gefunden, sie kannten den HErrn, den Herzog ihrer Seligkeit, und kannten Ihn doch auch nicht. Sie hatten gefunden und wußten nicht wie viel. Sie sahen Seine Mutter und erkannten sie wohl auch als eine Tochter Davids, aber sie wußten nicht, daß sie noch Jungfrau, daß Joseph nicht Vater, daß der kleine Knabe Gott im Fleisch und Immanuel war. Sie sahen in Ihm ein Kind voll himmlischer Verheißungen, einen werdenden Erlöser, aber von Seinem göttlichen Wesen, Seiner anbetungswürdigen Herrlichkeit wußten sie nichts. Sie kennen nun den Erlöser, aber sie erkennen Ihn noch nicht: auch sie und ihre Kinder müßen erst durch Seinen Lebenslauf, durch Sein Leiden und Sterben, durch Seine Auferstehung und Himmelfahrt aus dem Morgenroth Seines Tages zum vollen Mittagslicht der Erkenntnis geführt werden.

 Wir wißen das alles von Kindesbeinen an. Aus den Ostertagen, aus der Himmelfahrt und dem seligen Pfingsten des HErrn fällt uns ein Licht auf die Krippe, welches die Hirten nicht kannten, obwol sie die Klarheit des HErrn umleuchtet hatte. Und ganz andere Warzeichen JEsu hat unserm forschenden Auge das Evangelium des zweiten Adventsonntags gegeben. Wir werden JEsum finden, wie die Hirten. Auch uns werden die Warzeichen nicht lügen und unser Finden wird um so seliger sein, als wir den HErrn in Seiner unvergänglichen Klarheit schauen werden. Bleiben wir am| Wort, gehen wir unsern Gang zu Seinem ewigen Aufenthalt wie Sein Wort uns anweist, so werden wir Ihn an Seinen Zeichen erkennen und Ihn finden in der Herrlichkeit des Vaters zu unsern ewigen Freuden.

 Nachdem die Hirten ihren Glauben durch Schauen bestätigt gefunden hatten, fiengen sie an von der Geschichte zu reden und zu predigen. − Warum haben sie nicht gleich nach der engelischen Erscheinung geredet und gepredigt? Etwa weil es Nacht war, weil erst unter ihrem Gang nach Bethlehem oder während ihres Aufenthalts dortselbst der Morgen kam? Aber sie hätten ja die Leute von Bethlehem, ihre Nachbarn und Gefreundte wecken können. Gibt es doch auch sonst Dinge, für deren Mittheilung man den Morgen nicht abwartet, sondern es für der Mühe werth hält, seine Freunde aus dem Schlaf zu wecken! Wenn eine Botschaft des Aufweckens und Aufstehens werth war, so war es die, welche die Hirten selbst von den Engeln vernommen hatten. Das anfängliche Schweigen der Hirten hat wol andere Gründe. Sie dachten nicht ans Reden; noch hatten sie etwas anderes zu thun, sie waren vom Engel angewiesen, nach Bethlehem zu gehen und den Heiland zu schauen. Sie sollten schauen − und das wollten sie: sie giengen und schauten. Ihre Seele war ganz mit der Ausführung deßen beschäftigt, was sie sollten. Sie sollten wol auch reden und predigen, aber erst durch das Schauen bekamen sie die volle, nachhaltige Befähigung. Nicht bloß als Ohrenzeugen, sondern auch als Augenzeugen sollten sie reden und ihrem Worte sollte man die doppelte Zuversicht des Auges und Ohres entnehmen können. Sie sollten nicht bloß für ihre Nachbarn, sondern für alles Volk, für alle Völker, für alle Zeiten bis ans Ende Zeugen sein. Alle Prediger der heiligen Kirche sollten sich auf ihr Zeugnis berufen können, darum mußte es fest und gewis sein. Wenn es das nicht bloß für sie, sondern für die Zweifler aller Zeiten geworden, dann sollten sie reden. Und so geschah es auch. Nach dem Schauen redeten sie, und zwar nicht bloß zufällig da oder dort, sondern sie breiteten das Wort recht absichtlich und geflißentlich aus. Sie wißen etwas, das läßt sich nicht mehr verbergen, nachdem es recht erkannt ist; das ist werth, von allen vernommen zu werden. Sie brennen so selig, darum zünden sie so fröhlich.

 Auch bei uns zündet ihre Botschaft. Woher stammen denn alle die Reden und Predigten, welche man heute und gestern in der ganzen Welt über das Wunder, das zu Bethlehem geschehen, gehalten hat und noch hält? Woher kommt all dieß Feuer des Glaubens, Bekennens und Predigens? Es ist der Funke der Hirten, der gezündet hat. Der Hirten gewisse Erfahrung hat ihrer Erzählung unter uns Ansehen verschafft und auf Grund ihres gewissen Berichtes erbaut uns der Geist des HErrn zu gleichem Glauben.


 Doch hier sind wir bereits zu dem gekommen, was wir aus unserm Texte weiter vorzulegen haben. Denn von der Wirkung haben wir nun zu reden, welche die Predigt der Hirten gehabt hat.

 Die Wirkung und der Erfolg ihrer Predigt war bei Verschiedenen verschieden; aber eine Wirkung hatte sie bei allen, welche die Kunde vernahmen: Verwunderung. Es waren eitel Wunderdinge, welche sie sagten, an die Thaten Gottes in alten Zeiten nicht bloß erinnernd, sondern auch sie überstrahlend, dem gewöhnlichen Ergehen und Erleben der Menschenkinder so gar nicht entsprechend. Dazu wurde die Geschichte von Männern erzählt, welche von einer solchen Botschaft gar keinen zeitlichen Vortheil haben konnten, denen man eigene Phantasien dieser Art nicht zutrauen konnte, aus deren Seelen Predigten wie die Engelpredigt war, Lobgesänge wie das Gloria der Engel nimmermehr kommen konnten. An Erdichtung durch die Hirten zu denken, wäre der verkehrteste Unverstand gewesen. Diese Dinge sind über aller Menschen Sinn und Vermögen so erhaben, daß sie, einmal erzählt, auch nur geschehen und göttliche Thaten sein konnten.

 Billig verwunderte sich deshalb auch jedermann. Aber wenn der Hirten Predigt keine Wirkung weiter gehabt hätte, als Verwunderung, so würde sie wenigstens für die nächste Zukunft keinen großen Segen nachgelaßen haben. Verwunderung, schnell geboren, pflegt kurzes Lebens zu sein, auch die Verwunderung über die Hirtenpredigt würde bald dahin gestorben sein, wenn schon nach Verlauf eines Menschenalters durch die ferneren großen Thaten Gottes die Erinnerung an die geweihte Nacht zu großem Segen wieder erweckt werden konnte. Es war jedoch eine, bei welcher die Engelpredigt einen größeren Erfolg hatte, das war| die Mutter des HErrn selbst. Sie, welche der Kirche des HErrn ein leuchtendes Beispiel in vielen Dingen ist, gibt uns vornemlich ein herrliches Beispiel in Aufnahme des Wortes. Sie verwunderte sich nicht bloß, sondern sie behielt alle Worte der Hirten und bewegte sie in ihrem Herzen. Sie behielt die Worte, also hatte sie dieselben gefaßt. Und wer in der ganzen Welt, wer unter allen Menschen, die je lebten oder leben, war oder ist im Stande, das Wunder, welches die Hirten sahen, so zu faßen, wie Maria, deren eigenen Erlebnissen es so sehr entsprach?! Sie faßte die Worte der Hirten beßer, als diese selber, und sie behielt sie alle. Was den Menschen nahe angeht, das behält er, auch wenn es nicht von bedeutender Wichtigkeit wäre: und Maria hätte das nicht zu unvergänglichem Gedächtnis in die Seele faßen sollen? Aus wessen Munde wohl erzählt uns St. Lucas die Geschichten von der Kindheit Jesu? Wer war am Ende das menschliche Organ, durch welches der heilige Geist Seiner Kirche jene heiligen Geschichten erhielt und mittheilte; durch wen konnte Er es beßer als durch sie, von der er selbst zu zweien Malen bezeuget hat (V. 19, 51.), daß sie dieselben behalten habe?! Aus ihrem treuen, heiligen, mütterlichen Gedächtnis, aus ihrem wahrhaftigen Munde kommt uns wol die selige Kunde, welche der Geist des HErrn mit himmlischen Kräften auf unsre Seele wirken läßt, und wenn wir die ersten Capitel St. Lucä lesen, so ist es, als säßen wir mit den heiligen Aposteln und Evangelisten, ja mit der ganzen Kirche zu Marien Füßen und vernähmen die lieblichsten aller Geschichten aus dem Munde, der davon unter allen die holdseligsten Worte sprechen konnte. − Maria behielt aber nicht bloß alle Worte, welche die Hirten sprachen, sondern bewegte sie auch in ihrem Herzen. Es war kein todtes, kein ruhendes Gut, was sie aus dem Munde der Hirten empfieng, − es lebte und blühte in ihr, und ihre hocherfreute, betende Seele betrachtete sie ohne Zweifel als immer jungen Stoff zur Andacht, als eine Quelle dauernder Freuden. Ja, bei ihr, meine Brüder, wird aus der Bewegung der Worte die Freude entsprungen sein, welche nach des Engels Worten allem Volke zu Theil werden sollte. Zwar wurde Maria schon durch die Geburt an jene Engelworte, die sie selbst vernommen, und an die wonnevolle Weißagung Elisabeths, ihrer Gefreundtin, erinnert, − und wer kann sagen, welch eine Freudenstunde die Geburtsstunde für sie gewesen ist, noch ehe die Hirten kamen! Als nun aber die Hirten kamen, als sie von ihnen die Theilnahme, die Predigt, den Lobgesang der himmlischen Heerschaaren vernahm, da wird es erst recht klar und hell in ihr geworden sein, und je länger sie die Worte der Hirten bewegte, einen desto schöneren Himmelsglanz wird ihr Geist über den Neugebornen und um ihn her ausgegoßen gesehen haben. Mit großen Hoffnungen wird sie in die Zukunft ihres hochgelobten Sohnes gesehen und zuversichtlich erwartet haben, daß einem solchen Eingang in die Zeit ein nicht geringerer Fortgang und Ausgang folgen und am Ende eine Herrlichkeit erscheinen würde, von welcher nur ein Pfand und Anfang war, was beide Maria und die Hirten erlebt hatten.

 Zwar wird uns nur von Maria ein so herrlicher Erfolg der Hirtenpredigt erzählt. Aber der Glaube Einer Maria ist auch hinreichend, die Hirtenpredigt zu bestätigen und zu besiegeln, mehr als die Verwunderung von Tausenden sammt der mit ihr verbundenen flüchtigen Freude. Maria dient uns zum hohen Vorbild wie man himmlische Worte vernehmen soll. Möge sie nur, allerdings die einzige in ihrer Art, die Glaubensgründe in sich selber trug, wie sonst niemand, kein Vorzeichen sein davon, daß nur wenige sich finden werden, die an Willigkeit zu glauben ihr ähnlich sind.


 Die Hirten hatten ihre Freudenbotschaft in Bethlehem ausgerichtet und kehrten alsdann zu ihrem Tagwerk zurück. Dieß geschah unter Lob und Preis Gottes, wie es ausdrücklich von der heiligen Schrift bezeugt wird. Ihrem Herzen war also nicht genug gethan durch die Verbreitung der seligen Botschaft, sie mußten sich gegen den Herrn, den Geber ihrer Freude, in Lob und Preis aussprechen. − Gottes Lob und Preis ist diejenige Herzensergießung, welche die Seele am meisten zufrieden stellt. Jede Feier vollendet sich im Lobgesang zu Gott. Von Gott kommt die Wohlthat, welche das Herz erfreut, und eine Leiter zu Gott wird sie, von dem sie kam. Alle Menschen, alles was Odem hat, soll Gott loben; vor allen Menschen aber und vor allen Creaturen sollen die Christen den HErrn loben, die von der Menschwerdung Gottes wißen und in dem Menschgewordenen, dem Kinde, welches zugleich Gott ist, die allerhöchste Wolthat erkennen. Und vor| allen Christen wiederum sollen die Prediger Gott loben und preisen, wie auch die Hirten nach ihrer Predigt gethan haben. Wer predigen durfte, kann und soll lobsingen. Von der Predigt zum Lobgesang ist ein Stufengang; doch predigen nicht allein, die auf den Kanzeln stehen, sondern alle Christen, ein jeder seinem Hause, seinem Kreiße, und so sollen auch alle lobsingen − und die Ehre Gottes soll überall einkehren in die Hütten der Frommen, damit sie von da heimkehre zum Himmel. Das gilt von allen Tagen unsers Lebens, insonderheit aber von den Festtagen der Christen und vom Festtag der Geburt unseres Heiles.

 Liebe Brüder! Engel sehet und höret ihr nicht; Christum in Seiner Krippe und Seine heilige Umgebung könnet ihr nicht mehr schauen, wie die Hirten; auch höret ihr nicht Augen- und Ohrenzeugen wie die Bethlehemiten. Aber einerlei Botschaft wie die Hirten, wie Maria und die Bethlehemiten vernehmet ihr. Ihr höret allerdings diese Botschaft und Predigt nur durch uns arme Prediger; aber hinter uns, die wir in Schwachheit reden, ist eine Kirche von achtzehen hundert Jahren, eine unzählbare Schaar von Zeugen, an deren Spitze die Engel, die Mutter Gottes, die Hirten, die Apostel stehen. Unser armes Zeugnis wird stark, wenn ihr bedenket, daß wir im Namen von so vielen Tausenden und Millionen vor uns Zeugnis ablegen, ja, wenn ihrs recht verstehen wollt, auch im Namen so vieler Tausende oder Millionen, die noch kommen werden und grade so zeugen wie wir. Es ist eine unabsehbare und, davon finden wir gewisse Weißagungen des HErrn, immerzu wachsende Zeugenwolke, in deren Namen wir reden − und es dürfte um des willen unserm Zeugnis Vertrauen entgegen kommen.

 Aber so vertrauenswürdig auch unsre Predigt und unser Zeugnis von der Menschwerdung Gottes ist; so wirkt es doch nicht leicht mehr das, was es zur Zeit und aus dem Munde der Hirten wirkte: Verwunderung. Wir alle haben das Zeugnis von der Menschwerdung schon im frühesten Lebensalter vernommen, wo man zum Glauben geneigt ist und sich über nichts oder über alles wundert. Wir sind unter dem Tone dieses Zeugnisses herangewachsen, es hat durch Gewöhnung das Wunderbare verloren, und es ist uns, wenn wir Gottes Menschwerdung hören, als vernähmen wir etwas, das nun einmal so und ganz natürlich ist. So kommt es, daß für uns die Ordnung der Wirkungen, welche wir von der Predigt der Menschwerdung empfangen, eine veränderte und nicht mehr dieselbe ist, wie zur Zeit der Hirtenpredigt. Verwunderung ist nicht mehr die erste, sondern die letzte Wirkung. Doch ist die Verwunderung in der Ordnung, in welcher wir zu ihr gelangen, von größerem Werthe. Wenn sie so spät kommt, ist sie bleibender, stärker, eine Mutter ewigen Preises und Lobgesangs. Ja, je mehr wir hören, desto beßer faßen, behalten, bewegen wir, desto mehr werden wir auch selbst bewegt, desto mehr wächst in uns die freudige, lobpreisende Verwunderung und wird endlich vollkommen, wenn wir das Angesicht Christi seliglich schauen. Es gibt schwere Zeiten im Christenleben, wenn uns nemlich Gottes Wort und Botschaft wie ein unfruchtbarer Dornstrauch oder wie ein abgenutztes, verbrauchtes Geräth vorkommt; aber das sind Zeiten der Demüthigung und Anfechtung, durch welche Gott jede Seele gnädig führe; im Ganzen wird das Christenherz je älter, desto ergriffener von dem Wort des HErrn, fast möchte man sagen, desto jünger, − denn es ist in der That ein Gefühl der Jugend und jugendlicher Freude, wenn sich, je mehr das Leben welkt, die Herrlichkeit des göttlichen Wortes mehr erschließt und freudige Verwunderung über Gottes Güte und Treue uns von Tag zu Tag geleitet.

 In Erinnerung des vermahne ich euch, geliebte Brüder, daß ihr euch den Weg gefallen laßet, der uns angewiesen ist. Was euch in diesen Tagen gepredigt wurde, oder noch gepredigt wird, das faßet, behaltet, beweget. Der HErr aber bewege dann selbst eure Herzen, und schenke euch die Freude, aus welcher unsre Predigt von der Menschwerdung stammt und zu welcher sie führt. Er laße euch inne werden, daß euch ein Heiland geboren ist, − ja nicht bloß geboren, sondern auch für euch gestorben, auferstanden und zum Himmel erhoben. Er schenke euch allen freudige, unsterbliche Verwunderung über Seine Gnade und verkläre sie in euch zur ewigen Anbetung! Amen.




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