Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission/Über die Wirksamkeit der Gesellschaft, betreffend die socialen Nothstände

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« Über die Wirksamkeit der Gesellschaft durch Colonisation Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission Schlußgebet »
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Gesang.
Mel.: O Welt, ich muß dich laßen etc.

Weg’ hast Du allerwegen,
An Mitteln fehlts Dir nicht,
Dein Thun ist lauter Segen,
Dein Gang ist lauter Licht;
Dein Werk kann niemand hindern,
Dein Arbeit darf nicht ruhn,
Wenn Du, was Deinen Kindern
Ersprießlich ist, willst thun.




Fünfter Vortrag
über die Wirksamkeit der Gesellschaft,
betreffend die
socialen Nothstände,
gehalten von
Dekan und Pfarrer Bachmann
in Windsbach.


 Noch eine Rede – ist Geduld vorhanden, sie auch gar anzuhören? Noch eine Rede, und zwar über die socialen Nothstände der Gegenwart, ein Feld, auf dem man Tage lang umhergehen kann, ohne es ausgegangen zu haben. Daraus folgt von selbst, daß ich, statt vieles zu sagen, vielmehr darauf werde bedacht sein müßen, vieles nicht zu sagen. In unserem ursprünglichen Gesellschaftsplane heißt es in Beziehung auf den Gegenstand, von dem wir reden: „Da hier die gröste Weitschaft ist, so hat man sich dabei am meisten vor Vielthuerei zu hüten.“| Dieser Gedanke soll mir auch bei meinem gegenwärtigen Vortrage maßgebend sein.

 Von dem Principe, auf welchem, wie unsere Sache überhaupt, so auch die Thätigkeit der IV. Abtheilung ruht, brauche ich nicht zu reden; darüber hat Freund Löhe bereits ausführlich sich ausgesprochen. Lediglich auf eine Darstellung der Art und Weise werde ich mich zu beschränken haben, wie wir jenes Princip auf dem Gebiete der socialen Nothstände in Anwendung und Ausübung zu bringen versuchen wollen. Soll ich das wenige, das ich zu sagen gedenke, vorläufig in einen kurzen Satz zusammenfaßen, so möchte derselbe etwa so lauten: Wir wollen thun, was andere nicht thun, ohne zu laßen, was andere thun, wenn wir auch in Beziehung auf den Weg von ihnen differieren.

 1. Betrachten wir die Art und Weise, wie den socialen Nothständen unserer Zeit von denen, die ein Herz für die Menschheit haben, meistens gegenüber getreten wird, so finden wir: Man sieht den gränzenlosen leiblichen Jammer an, in dem sich Tausende befinden und macht sich nun frisch daran, demselben dadurch abzuhelfen, daß man jedem vorhandenen Uebelstande ein entsprechendes (materielles) Hilfsmittel entgegensetzt. Wir halten das für eine Danaiden-Arbeit und – fast möchte ich sagen – für noch was Schlimmeres. Es ist das Elend, das in den verschiedensten Formen auf der Menschheit liegt, ein Gottesgericht, das sie um ihrer Gottlosigkeit willen zu tragen hat. Das Elend beseitigen wollen ohne die Gottlosigkeit selbst, heißt nichts anderes, als Gott in die Arme fallen und seinem Schwerte wehren wollen. Das ist aber vergebliche Mühe und ein Frevel dazu. Wer dagegen der Gottlosigkeit entgegentritt, verstopft damit zugleich in demselben Grade, als er das thut, den Brunnen des Verderbens. Mag’s drum andern gefallen, das Unkraut abzublättern, so oder so: wir wollen uns lieber an die Wurzel machen. Schwerer ist unsere Arbeit, als jene, das ist gewis, und auch viel unscheinlicher: aber das soll uns nicht irre machen; wißen wir doch, daß wir nicht Luftstreiche| thun, und daß vor Gott in der Regel groß, was vor den Menschen klein ist.

 2. Also bloß indirect (höre ich da im Stillen fragen) wollt ihr den bestehenden socialen Uebelständen entgegentreten? Wollt euch auch nicht sowol mit Abhilfe des bereits vorhandenen Jammers befaßen, als vielmehr mit Abwehr, daß desselben nur nicht noch mehr werde? Ja und nein, meine Freunde, wie Ihr wollt. Ja, wir wollen allerdings keinem Leidenden bloß leiblich helfen, sondern die leibliche Hilfe immer bloß den Schatten sein laßen unserer seelsorgerlichen Thätigkeit. Aber das sei ferne, daß wir mit unsern Bestrebungen bloß auf die Zukunft schauen, die Gegenwart aber darüber aus dem Gesichte verlieren wollten. Nein, wir wollen das Eine thun und das Andere nicht laßen und so gewissermaßen denen in Israel gleichen, die in der einen Hand die Waffen wider Saneballat hielten, mit der andern aber an den Mauern Jerusalems bauten. Wie könnten wir sie denn außer acht laßen, die Schaaren von Unglücklichen, die allenthalben in den verschiedensten Gestalten des Jammers unsern Blicken begegnen, so wir doch wißen, daß der Herr als Ihm gethan betrachten will, was wir der Geringsten Einem unter den Seinen thun? Aber eben darum, weil wir in jedem leidenden Glaubensgenoßen ein krankes Glied des Leibes sehen, daran Christus das Haupt ist, wollen wir in keiner andern, als in einer diesem Zusammenhange entsprechenden Weise Hilfe leisten; eben darum soll unser leibliches Wohlthun zugleich eine geistliche Arbeit sein.

 3. Wie fangt ihr’s denn aber an, fragt Ihr weiter, um diesen euren Gedanken im Leben zu verwirklichen? Und ich antworte: Auf die einfachste Weise von der Welt. Laßt mich’s an einem concreten Beispiele zeigen. Denken wir uns einen unserer Gesellschaft angehörigen Mann draußen auf dem Lande. Der sieht die Noth in verschiedenen Formen um sich her. Er möchte helfen, aber er weiß nicht, wie er’s machen soll. Da geht er mit einem betenden Herzen zu dem, an den er mit all| seinen innern Anliegen zunächst gewiesen ist, zu seinem Beichtvater. Dieser aber will vielleicht nichts mit der Sache zu schaffen haben; er weist ihn ab. Nun, es wird ihm wehe thun, aber die Sache läßt er drum nicht liegen. Er wendet sich an die Gesellschaft, und es wird ihm Rath gegeben werden, was in seiner speciellen Lage etwa zu thun sein möchte. So gienge es im schlimmsten Falle – am Ende vielleicht immerhin gut. Wie aber, wenn der Beichtvater hört? – wenn er sich freut, einen solchen Anstoß von einem seiner Gemeindeglieder zu bekommen? – ja, nicht erst wartet, bis er ihn bekommt, sondern selbst gleich von vorne herein mit jenem Liebesgedanken an seine Gemeinde tritt? Sollte es eine Gemeinde geben, in der nicht zwei oder drei wären, die, im Glauben und Bekenntnisse mit ihm eins, auch in jenem Liebesgedanken sich mit ihm zusammenfinden würden? Nun, diese sammelt er um sich her und bildet aus ihnen – darf ich sagen eine Diakonie? Nein, ein Diakonat in kirchengeschichtlichem Sinne wäre es nicht, aber doch eine Diakonie, wie sie uns der heilige Apostel Paulus im Hause Stephana zeigt, wenn er 1 Cor. 16, 15 empfehlend von dessen Bewohnern sagt, daß sie „zum Dienste der Heiligen sich selbst verordnet“ hätten. Mit Beihilfe dieser, ich will sagen, freiwilligen Dienerschaar ermittelt nun der Beichtvater vor allem die in seinem Pfarrbezirke vorhandene leibliche und geistliche Noth, prüft und erwägt mit ihnen, in wie weit dieselbe nach den Grundsätzen der Gesellschaft in den Kreis ihrer Thätigkeit zu ziehen sein möchte, und vertheilt dann die Berathung und Abhilfe des ermittelten Nothstandes nach seinen verschiedenen Seiten hin dergestalt unter die vorhandenen Helfer und Mitarbeiter, daß er, der Pfarrer, selbst immer der leitende Mittelpunkt bleibt, von dem alle Thätigkeit ausgeht, und zu dem sie mit ihren Referaten und Resultaten zurückkehrt.
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 4. Diese Thätigkeit knüpft sich natürlich wiederum an gewisse feststehende, von der Gesellschaft gebilligte Normen und hat ihre verschiedenen Stufen, die sie nacheinander durchmacht. Sie| fängt mit herzlicher Demüthigung und Beugung der eigenen Person und Richtigstellung derselben vor dem Herrn der Kirche an, geht dann an die Familie und das Wohnhaus, dem man angehört, und zuletzt über die Thüre hinaus, in die Gemeinde hinein, enthält sich dabei aller Zudringlichkeit und Ueberrederei, geht wahr und offen und ehrlich einher und will den Sieg nicht erzwingen, wenn ihn der Herr nicht von selbst gibt. Sie sieht sich nach den Kindern um, geht der erwachsenen Jugend nach, fragt nach den Armen und Kranken, zählt die müßig am Markte Stehenden und sucht zu erfahren, ob Arbeitsscheu oder Mangel an Arbeitsgelegenheit der Grund des Müßigseins ist, läßt auch die Fremdlinge, die kommen und gehen, nicht außer Rücksicht, geht an die Zäune und Landstraßen hinaus, auch, wo sich’s thun läßt, in die Fabriken und Gefängnisse hinein – und sammelt so Stoff zu einem Referate, das jeder Helfer und Mitarbeiter in dem Bruderkreise, der sich wöchentlich unter dem Vorsitze des Pfarrers versammelt, abzulegen hat. Hier wird gemeinsam berathen und erwogen, wo und wie etwa dieses verlassene oder verwahrloste Kind in einem ordentlichen Hause innerhalb der Gemeinde möchte unterzubringen, oder jenem armen Knaben, Alten, Schwachen durch Ausmittelung bestimmter Kosttage im Orte, durch Bestellung regelmäßiger Handreichung und Verpflegung möchte zu helfen sein; wie dem, dem die Arbeit fehlt, Arbeit in der Gemeinde verschafft, oder der, welcher an diesem Fleck nicht arbeiten mag, durch Versetzung an einen andern vielleicht wieder mit Arbeitslust angethan werden könnte. Was der Eine nicht weiß, fällt dem Andern ein; und kommt ja einmal der Fall vor, daß innerhalb der Gemeinde durchaus keine Hilfe zu finden ist, nun, so schreibt man an die Redaction unseres Correspondenzblattes in Nürnberg. Dieselbe ist ein für allemal angewiesen, ein fortlaufendes Verzeichnis zu führen – einerseits über alle da oder dort obwaltende specielle, localiter nicht zu beseitigende Nothstände, und andererseits über alle diejenigen unserer Gesellschaft angehörigen Häuser und Familien,| die entweder arme Kinder in Verpflegung oder junge Leute in die Lehre nehmen wollen, oder bei denen Arbeitslose Beschäftigung erhalten, oder Dienstboten Unterkunft finden können. Und sei es, daß auch auf diesem Wege Abhilfe nicht erzielt würde, nun, so ist als letzte Instanz immerhin noch der Verwaltungs-Ausschuß der IV. Abtheilung da, der im äußersten Falle einen localen Uebelstand zur Sache der Gesellschaft zu machen und auf diesem Wege, soweit die Kräfte und Mittel reichen, Abhilfe zu schaffen verpflichtet ist.

 5. Ihr möchtet nun endlich aber auch wißen, ob durch diese bisher dargestellte Art unserer Thätigkeit auch wirklich schon etwas erreicht worden ist? Und ich freue mich, theure Freunde und Brüder, diese Frage nicht verneinen zu müßen. Zwar haben wir kein Rettungshaus gebaut, wie solche, was wir mit Freuden vernommen haben, in Rübenhausen, Erlangen und hier in Nürnberg entstanden sind; wir haben keine Register aufzuweisen, in welchen glänzende Namen mit glänzenden Summen verzeichnet stehen; ja, nicht einmal die Namen derer haben wir aufgeschrieben, an denen wir da und dort Liebe zu üben durch Gottes Gnade gewürdiget waren. Aber das ist Factum, daß sämmtliche, während des kurzen Bestehens unserer Gesellschaft angemeldete arme, verwahrloste Kinder (immerhin freilich nur wenige) in guten Häusern Unterkunft gefunden, daß mehrere Lehrlinge entsprechende Stellen, zum Theil ganz unentgeltlich, erhalten, und einige Familien zur Annahme junger Mädchen und Heranbildung derselben zu ordentlichen Mägden sich erboten haben. Das ist Factum, daß durch die dargestellte Art und Weise, wie wir leibliche Hilfe zu leisten pflegen, schon manches Gemüth geistlich erquickt und gehoben und erbaut und mit jener Kraft aus der Höhe angethan worden ist, die Demuth und Sanftmuth, Geduld und Selbstverleugnung an der Ferse hat und dadurch zugleich Muth und Stärke giebt, jedwedes Kreuz zu tragen. Das ist Factum, daß wir durch den fortwährenden schriftlichen und mündlichen Verkehr, in welchem wir untereinander stehen, nicht allein eine klare Anschauung von dem Umfange der socialen Nothstände in unseren verschiedenen Kreisen bekommen, sondern auch Grundsätze gewonnen haben, nach welchen wir in der Bekämpfung derselben, was zu betonen ist, gemeinsam verfahren. Es kann mir nicht in den Sinn kommen, diese gewonnenen Grundsätze alle aufzuzählen: aber einige der Beschlüße und Gedanken, welche die jüngste Zeit ausgeboren hat, erlaube ich mir, weil sie mir von vorwiegender Bedeutung zu sein scheinen, doch kurz in Erwähnung zu bringen.

|  a. Da wir der Meinung sind, daß die socialen Nothstände unserer Zeit, wenn auch nicht ihren untersten, doch nächsten und Hauptgrund in dem Verfall des christlichen Familienlebens haben, so glauben wir auch dahin vorzugsweise unser Auge richten und zur Hebung und Förderung desselben das Mögliche thun zu müßen. Wir halten’s zu dem Ende vor allem für Pflicht, gegen Personen, die, ohne Eheleute zu sein, doch wie Eheleute zusammenleben, gleichviel ob unter einem Dache oder nicht, uns zu erheben, und dahin zu wirken, daß sie, einmal zusammengehörig, nicht sowol gewaltsam auseinandergetrieben, als vielmehr in einen geordneten Ehestand eingeführt werden, entweder so, daß ihnen durch Fürsprache, Unterstützung und Vertretung bei den treffenden Collegien die Erlaubnis zur Ansäßigmachung und Verehelichung innerhalb der Gemeinde erwirkt, oder, woferne triftige Gründe dagegen vorhanden sein sollten, ihnen, so oder so, im äußersten Falle durch Vermittelung der Gesellschaft, die Auswanderung an einen Ort hin, wo sie einen ehrlichen Hausstand begründen können, ermöglichet werde.

 b. Aber weil es mit dem Eintritte in den Ehestand an und für sich auch noch nicht gethan ist, sondern nur dann auf diesem Wege etwas gewonnen werden kann, wenn die Ehe nach Gottes Willen geführt wird, so sind wir zweitens zum Behufe der Anbahnung eines solchen normalen ehelichen Verhältnisses vorläufig dahin einig geworden, daß erstens jeder unserer Gesellschaft angehörige Pfarrer in einem gewissen Zeitraume eine Reihe von Predigten über das christliche Familienleben in seiner Gemeinde halten, diese Predigten dann einem eigens dazu bereits erwählten Comité überliefern und dieses Comité hinwiederum aus diesen Predigten die besten Stellen auswählen und als Zeugnisse für das christliche Familienleben zur Unterweisung für willige Gemüther veröffentlichen soll. Sodann soll von einem jeden Gliede unserer Gesellschaft zunächst in seinem eigenen Hause ein regelmäßiger, im Sinne unserer Kirche eingerichteter Familiengottesdienst, wozu, wie Ihr vernommen habt, in einem besonderen Tractate Anweisung gegeben werden wird, eingeführt, und, wenn dies geschehen und erprobt ist, der Versuch gemacht werden, diese löbliche Einrichtung auch in andere befreundete oder sonst zugängliche Häuser zu verpflanzen.

 c. Aber gibt’s nicht auch eine Menge von Leuten, die ganz und gar außerhalb des Familienlebens stehen? die heute da und morgen dort sind, die Jahr aus Jahr ein wandern, von einer Gemeinde zur andern, von einem Orte zum andern? Ist es nicht empörend, zu sehen oder zu erfahren, wie dergleichen Leute| jetzt da, jetzt dort eine Unschuld verführen, bald an einem lutherischen, bald an einem reformierten, bald etwa gar am Altare einer freien Gemeinde stehen und auch sonst thun und treiben, was ihnen beliebt, ohne von irgend jemand darüber in Frage gestellt zu werden? Der Zustand solcher irrenden Seelen ist uns bei unserer jüngsten Conferenz tief zu Herzen gegangen, und das Resultat unserer Berathung in dieser Beziehung war der Entschluß, unter unsern Amtsbrüdern nahe und ferne die Frage anzuregen: Ob es nicht gerathen sein möchte, von nun an keinen mehr zum Tische des Herrn zuzulaßen, den wir nicht kennen, oder der nicht durch ein Zeugnis über seinen Zusammenhang mit der lutherischen Kirche sich ausweisen kann, oder, woferne er ein solches Zeugnis nicht hätte oder schwer bekommen könnte, zum wenigsten ein dahin bezügliches, genügendes specielles Bekenntnis thut? Um aber willigen Herzen in dieser Beziehung entgegenzukommen, wollen wir, wie bereits gesagt wurde, eine Art von geistlichem Wanderbuch oder Pilgerbrief mit einer Anweisung zu rechtem Gebrauche desselben drucken laßen und einem jeden geben, der ihn nehmen mag, vornehmlich aber darauf bedacht sein, daß er gleich bei der Confirmation solchen, die ihn etwa in Zukunft brauchen könnten, zu Handen kommt.
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 6. Ich könnte noch allerlei, was vielleicht mit Interesse angehört werden würde, aus unsern letzten Conferenzberichten, als z. B., wie wir uns einzelner, in kirchlicher Beziehung ungünstig gestellter Klassen unserer Glaubensgenoßen (ich erinnere nur an die Eisenbahnwärter) annehmen – wie wir besonders einzelne herrschende Sünden unserer Zeit, die von vielen gar nicht für solche angesehen werden, als dem Holzdiebstahle, den Gräueln der Zauberei und dergleichen Dingen, die hin und wieder, wie wir aus erhaltenen Berichten ersehen haben, auf die großartigste Weise betrieben werden, entgegentreten wollen: aber ich darf ja Eure Geduld nicht länger in Anspruch nehmen. Darum breche ich hier ab und bitte, zum Schluße nur noch einen Vorschlag aus meinem Eigenen zur Erwägung hinzunehmen. Unter den vielen Ursachen, die es geben mag, warum so viele Leute oft auch beim besten Willen sich nicht ihr täglich Brot verdienen können, ist gewis die nicht die geringste, daß so mancher nicht gleich in seiner Jugend auf ein bestimmtes Arbeitsfeld hingewiesen wird. Wie wäre es daher, wenn wir uns heute vornähmen, von nun an genau darauf acht zu haben, und, ein jeder in seinem Kreise und nach seinem Vermögen, dafür zu sorgen, daß jedes neuconfirmierte Glied unserer Kirche (männlichen und weiblichen Geschlechts) sogleich nach seiner Entlaßung| aus der Werktagsschule in einen festen ehrlichen Beruf eintrete – ich sage sogleich, weil ich weiß, daß oft ein einziges Jahr des Müßiggangs oder regelloser Beschäftigung die ganze Zukunft eines Menschen in Frage stellt. Ja, wie wäre es, wenn wir die Einrichtung träfen, daß überall, wo wir Einfluß haben, alljährlich die neuconfirmierte Jugend in so viel Klassen abgetheilt würde, als helfende Glieder im freiwilligen Diakonate der treffenden Gemeinde sind, und ein jedes solches Glied, so zu sagen, das Patronat über eine dieser Klassen mit dem Auftrage zugetheilt erhielte, die Lebensgänge der jungen Leute aufmerksam zu verfolgen, auf diejenigen, welche elternlos, oder von ihren Eltern verwahrlost sind, etwa im Benehmen mit den Taufpathen, geeignet einzuwirken und über seine Wahrnehmungen und Erfahrungen, so wie über die Art und Resultate seiner Wirksamkeit von Zeit zu Zeit der Gesellschaft zu referieren? Eine Schwierigkeit in dieser Beziehung könnte sich freilich insoferne ergeben, als bloß Männer Mitglieder unserer Gesellschaft sind und als solche zu einer fortgesetzten Controle der Heranwachsenden weiblichen Jugend sich nicht eignen würden. Wer aber könnte dieser Schwierigkeit leichter abhelfen, als Ihr, theure Frauen und Jungfrauen, die Ihr auch ein Herz für die Kirche und für die Noth unsers Volkes habt? Wie wäre es, wenn auch Ihr Euch irgendwie zu solchem Liebesdienste und überhaupt zum Liebesdienste an Eurem Geschlechte im Sinne unserer Gesellschaft verbändet[1] Wenn Ihr Euch auch zur Armen- und Krankenpflege unter dem Frauenvolke, wozu man Männer nicht brauchen kann, entschließen wolltet und zu dem Ende Euere Namen und Euere Kräfte uns zur Verfügung stelltet?

 Ich schweige nun, nachdem ich ohnehin schon länger, als ich wollte, geredet habe, und lege nur noch meine Hände zusammen und bete: Herr, du bist unsere Stärke! Du bist die Stärke, die deinem Gesalbten hilft! Hilf deinem Volke und segne dein Erbe und weide sie und erhöhe sie ewiglich! Amen.





  1. Hieraus ergibt sich von selbst, daß man solche, die bei schon bestehenden Armen- und Krankenpflegvereinen bereits betheiligt sind, in ihrer Thätigkeit nicht stören will, und daß der oben Ziff. 3 bezeichnete Weg dabei nicht außer acht gelaßen werden darf.


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