Frauen als Entdeckungsreisende und Geographen

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Textdaten
Autor: J. Loewenberg
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Titel: Frauen als Entdeckungsreisende und Geographen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10,16, S. 163–166,258–260
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[163]
Frauen als Entdeckungsreisende und Geographen.
I.
Einleitende Rück- und Umschau.


„Sind Frauen auch Menschen, das heißt vernünftige Wesen?“ ist der Titel einer Schrift, die gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts in dem sonst alle Zeit galanten Paris erschien. Es sollte in derselben bewiesen werden, daß die Frauen, weil Frau Eva ihren Gatten zum Sündenfall verführt hat, nicht vernünftig, nicht Menschen seien und daher auch keinen Anspruch auf die ewige Seligkeit hätten. Die Schrift war eigentlich nur eine Satire gegen die Protestanten, die Alles aus der Bibel beweisen wollten. Nichts destoweniger hat ein strammer lutherischer Geistlicher, der ehrliche Magister Simon Gedike, den geschmacklosen Scherz für baaren Ernst genommen und mit großem Aufwand pedantischer Gelehrsamkeit versucht, den satirischen Bibelritter zu widerlegen und das weibliche Geschlecht in seine Menschenrechte wieder einzusetzen.

Fast drei Jahrhunderte sind seitdem vorübergerauscht und neue Fragen, die der Frauenemancipation, sind der Gegenstand mehr oder minder lebhafter Erörterung geworden. Man streitet darüber, ob die Frauen wirklich so viel physische und geistige Kraft haben, um den Männern ebenbürtig zur Seite gestellt zu werden – ob sie das Recht haben, sich aus den Schätzen der Wissenschaft und Kunst so viel anzueignen, wie ihnen ihre Fassungskraft gestattet, ihr Gedächtniß halten und ihr Verstand verarbeiten kann – und endlich ob sie das Recht haben, dies Capital zum Gemeinwohl beliebig zu verwerthen.

Man braucht kein schwärmerischer Frauenlob zu sein, man braucht die angeblich brennende Frauenfrage nicht schüren zu wollen, wenn man behauptet, daß es Frauen giebt, deren Geist stark, deren Wille kühn, deren Charakter fest genug ist, um auch den schwierigsten Problemen wissenschaftlicher Forschung nahe zu treten und sich ihnen nachhaltig und erfolgreich zu widmen. Und ebenso gewiß ist es, daß es Frauen giebt, deren Augen scharf, deren Herzen weit, deren Köpfe hell genug sind, um die fremdartigsten Erscheinungen richtig anzuschauen und unverfälscht wiederzugeben.

Zum Beweise hierfür sei nur an eine mäßige Anzahl Frauen erinnert, die sich schon in früheren Zeiten in einzelnen Wissenschaften ruhmvoll ausgezeichnet haben, und wir nennen Frauen verschiedener Nationalität, um zugleich zu beweisen, daß ihre Geistesgaben nicht Blüthen eines einzelnen Volkes seien.

Nach dem Wiederaufblühen der Wissenschaften in Italien finden wir Maria Agnesi, die sich in der Mathematik und Philosophie in hohem Grade auszeichnete. In ihrem fünfzehnten Jahre verstand sie Französisch, Spanisch, Deutsch, Griechisch, Hebräisch; in ihrem zwanzigsten Jahre vertheidigte sie an zweihundert philosophische Thesen zu allgemeinster Bewunderung und schrieb bald darauf ein mathematisches Werk, welches so viel Aufsehen erregte, daß Papst Benedict der Vierzehnte ihr den Lehrstuhl der Mathematik an der Universität zu Bologna zuwies, wo sie geraume Zeit mit großem Beifall lehrte. Fast noch berühmter ist ihre Landsmännin und Zeitgenossin Laura Bassi. Sie erhielt 1732 zu Bologna in aller Form die Würde eines Doctors der Philosophie, ward von demselben Papst Benedict dem Vierzehnten zum Professor der Physik ernannt und hielt Vorlesungen, die zahlreich besucht wurden. Ihre wissenschaftlichen Studien wurden wenig dadurch beeinträchtigt, daß sie als Gattin des Arztes Verrati einem großen Hauswesen vorstand; sie war die glückliche Mutter von zwölf Söhnen, deren Erziehung sie keinen Miethlingen anvertrauen mochte. In Padua lehrte Helene Piscopia Philosophie und verfaßte mehrere mathematische und astronomische Werke. Ebendaselbst las Novella d'Andrea über Kirchenrecht mit großem Beifall. Nur ein Umstand mochte die Zuhörer weniger befriedigen. Da nämlich die Frau Professorin ebenso schön wie gelehrt war, so war ihr Lehrstuhl mit einem Vorhang versehen, damit die Zuhörer durch den Anblick ihrer Schönheit nicht zerstreut werden möchten.

Von Französinnen nennen wir zunächst die Marquise du Châtelet, Voltaire's Freundin, die mit dem deutschen Philosophen Wolff in lebhaftem Briefwechsel stand. Sie machte zuerst Newton's System in Frankreich bekannt, und ihre Abhandlung „Ueber die Natur des Feuers“ erhielt von der Akademie der Wissenschaften den Preis. Mademoiselle Sophie Germain correspondirte Jahre lang unter dem Namen Leblanc mit dem größten deutschen Astronomen, Gauß, über mathematische Gegenstände, [164] ohne daß diesem die geringste Ahnung beikam, daß sein gelehrter vermeintlicher Freund eine Dame sei. Mademoiselle Germain erhielt auch am 8. Januar 1816 den Preis, den die französische Akademie 1809 für die beste mathematische Theorie der Chladni’schen Flächenschwingungen ausgesetzt hatte, nachdem die Aufgabe zweimal wegen ungenügender Lösung von anderen Gelehrten erneuert worden war. Der Name einer schönen Blume, die im Anfang unseres Jahrhunderts aus Japan und China bei uns eingeführt wurde, erinnert an die Astronomin[1] Hortense Lepaut, deren wissenschaftliche Verdienste französische Artigkeit dadurch ehrte, daß sie ihren Vornamen auf jene Blume übertrug. Sie war die treue Gehülfin der berühmten Astronomen Clairaut und Lalande bei den schwierigsten Rechnungen derselben.

Auch deutschen Frauen ist das Studium der Astronomie nicht fremd geblieben. Wie Frau Hevelke in Danzig ihren Gatten, so unterstützte Frau Eimmart in Nürnberg ihren Vater bei seinen astronomischen Arbeiten. Am berühmtesten ist indeß die Hannoveranerin Karoline Lucretia Herschel. Sie war einunddreißig Jahre alt, als sie 1781 ihrem Bruder Wilhelm, dem großen Astronomen, nach England folgte, um seine Mitarbeiterin zu werden, was sie vierzig Jahre lang gewesen ist. Ihre Schriften sind Zeugnisse, mit welchem Eifer und Erfolg sie gearbeitet. Sie erwarb sich eine so genaue Kenntniß des Sternenhimmels, daß sie Flammstädt’s Atlas des gestirnten Himmels und den Sternkatalog nach eigenen Beobachtungen wesentlich vervollständigte. Sie entdeckte selbstständig neun Kometen, unter ihnen auch den, welcher nach seinem Berechner der Encke’sche Komet heißt. Nach dem Tode des Bruders kehrte sie 1822 nach Hannover zurück. Hier war es, wo Alexander von Humboldt im Jahre 1846, als er selbst schon im siebenundsiebenzigsten Altersjahre stand, die sechsundneunzigjährige Dame besuchte, die, noch bei voller Lebenslust, sich nur darüber beklagte, daß man aufgehört habe, sie astronomische Berechnungen machen zu lassen, da sie ohne Arbeit ungern ihre Pension beziehe. Erst zwei Jahre später, im Januar 1848, verschied sie im achtundneunzigsten Lebensjahre.

In neuerer Zeit, im Jahre 1847, haben zwei Frauen, Frau Rüncker in Hamburg und Mrs. Mary Mitchel in Nordamerika, gleichzeitig den hundertzweiundachtzigsten Kometen des Olbers’schen Verzeichnisses entdeckt. Aus unsern Tagen sei noch Signora Katharina Scarpellini erwähnt. Sie war Mitglied zahlreicher gelehrter Gesellschaften, auch des geologischen Reichsinstituts in Wien, und Vorsteherin des Observatoriums der Sternwarte auf dem Capitol in Rom.

In gleicher Weise zeichneten sich Frauen auch in den Naturwissenschaften und verschiedenen Zweigen der physikalischen Geographie aus. Weil es sich in diesen Zeilen nur um eine einleitende Uebersicht für die späteren Mittheilungen handelt, nennen wir in aller Kürze in der Botanik: Mrs. Elisabeth Blackwell, die mehrere Foliobände mit Abbildungen seltener Pflanzen herausgab, und die Französin Eulalia Delisle, welche die vorzüglichen Zeichnungen von Humboldt’s Gramineen gefertigt hat, Mrs. Huthins, Madame Greville, Fräulein Libert, Hermine von Reichenbach, Wilhelmine Fritsch, Frau Kublik, Gräfin Fiorino Mazzanti und Mrs. Johnston, die Meyen’s „Pflanzengeographie“ recht wacker übersetzt und ergänzt hat. In der Zoologie haben Mrs. Jeannette Power über Meeresthiere, Mrs. Mary Anning über Sepiathiere, Donna Anna Rizzi über die Seidenraupen geschrieben. Der Archäologie hat Fräulein Mestorf, die gegenwärtig das Amt eines Custos im Kieler Museum für nordische Alterthümer verwaltet, namentlich in der nordischen Alterthumskunde anerkannt Vortreffliches geleistet. Als Schriftstellerin nennen wir Mrs. Sabine, die Gattin des Generals und Präsidenten der „Royal Society“ in London, als die vortrefflichste Uebersetzerin verschiedener Werke Alexander von Humboldt’s, der „Ansichten der Natur“ und des „Kosmos“.

Mit besonderer Auszeichnung ist Mrs. Mary Somerville zu nennen. Sie war in den mathematischen Naturwissenschaften in hohem Maße bewandert, gut unterrichtet in der altclassischen wie in der modernen Literatur, eine geschickte Zeichnerin und Malerin, und wußte sich bis in’s höchste Greisenalter eine rege Theilnahme für alles Wissenschaftliche zu bewahren. Bereits 1811 erhielt sie in Edinburg eine Preismedaille für die Lösung verschiedener mathematischer Probleme und wurde auch von der „Geographischen Gesellschaft“ in London ausgezeichnet. Sodann veröffentlichte die „königliche Gesellschaft der Wissenschaften“ in London ihre Abhandlung über „die magnetisirende Kraft der Sonnenstrahlen“ und sie selbst ihre Bearbeitung von Laplace’s „Mécanique céleste“ und das Werk über „den Zusammenhang der physikalischen Wissenschaften“, das vielfach übersetzt worden ist. Am bekanntesten wurde ihre zweibändige „Physikalische Geographie“, die wiederholt neu aufgelegt und übersetzt worden ist (deutsch: Leipzig, J. J. Weber, 1851). Endlich veröffentlichte 1869 die Neunundachtzigjährige noch ein zweibändiges Werk über „die neuesten Resultate der Mikroskopie und Chemie“. Seit 1835 war sie Mitglied der „königlichen Gesellschaft der Wissenschaften“ in London und erhielt 1869 von der Londoner „Geographischen Gesellschaft“ für ihre „Physikalische Geographie“ die große goldene Victoria-Medaille. – Und Mary Somerville, die zweiundneunzig Jahre alt geworden, war nicht blos eine Zierde der wissenschaftlichen Frauenwelt, sondern auch eine vortreffliche Gattin und Mutter.

Wenden wir uns nunmehr zu den Frauen als eigentlichen Reisenden.

Eine wahrhaft heldenmüthige Reisende ist die Französin Madame Godin des Odonais. Sie begleitete ihren Gatten, den Astronomen Godin, der mit Bouguer und La Condamine von der französischen Akademie um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Quito und Peru geschickt wurde, um Gradmessungen zu genauerer Bestimmung der Gestalt der Erde zu machen. Als nach fünfzehn Jahren die Heimkehr bevorstand, der Gatte aber in Cayenne an der Nordostküste Südamerikas noch Arbeiten zu vollenden hatte, wagte es die Frau, das ganze breite äquatoriale Südamerika mit seinen Cordilleren, Urwäldern, Wilden und Bestien zu durchwandern und den langen Amazonenstrom bis Oyapok hinunter zu fahren. Auf dieser sechshundert Meilen langen unwegsamen Wanderung, die, wohlbedacht! vor fast anderthalb Jahrhunderten zurückzulegen war, konnte sie nur in einigen wenigen weit aus einander liegenden Missionsansiedelungen Rast, Erholung und Hülfe hoffen. Erschöpft von Anstrengungen erreichte sie die erste Mission, das ersehnte Rendezvous zur Erholung, aber die Mission war durch die Pockenkrankheit fast ausgestorben, die noch lebenden Ansiedler waren versprengt, und die dreißig Indianer, welche Frau Godin von Peru zum Transport und Schutz begleitet hatten, verließen sie. Mit unsäglicher Mühe zimmert der kleine Rest der Begleitung ein schwaches Canoe; zwei Indianer werden gefunden, die den Weg zur nächsten, an achtzig Meilen entfernten Mission zu kennen vorgeben; sie werden gegen Vorausbezahlung als Führer gewonnen. Aber schon nach zwei Tagen verschwinden sie und lassen die Unglücklichen, verlassen in Rathlosigkeit, unter tausend Gefahren zurück. Und die wenigen Treuen erliegen, und die Noth wird stündlich größer. So streift die muthige Frau, bei dem Mangel an gewohnter Nahrung von Hunger geschwächt, kaum noch in Lumpen, welche die Walddickichte zerreißen, viele Wochen mit dem allein noch übrig gebliebenen Sohn in den Wäldern umher.

Endlich finden sich einige Indianer, welche die unglückliche, aber kühne, noch unerschütterte Frau zur Mission nach Andoas führen. Hier war sie endlich geborgen. Der Vorsteher empfing die Vielgeprüfte mit Theilnahme und Güte und stand ihr hülfreich bei. Nicht ohne neue Beschwerden, aber doch mit Beistand fuhr sie über Lagunas und Oyapok auf dem entgegengesandten Fahrzeug ihrem langersehnten Gatten zu, mit dem sie endlich glücklich heimkehrte. Auf dem schönen Landbesitze zu St. Amand in Berry beschrieb sie dann ihre Reise, die, eine Art Robinsonade, sich lange als Lieblingslectüre erhalten hat.

Ergiebiger für die Wissenschaft war der Aufenthalt der deutschen Künstlerin Sibylla Merian in dem ungesunden, übelberufenen Surinam. Geboren und unterrichtet in der deutschen berühmten Malerfamilie der Merian und in den reichen Natur- und Kunstsammlungen Hollands zu einer bewunderten Meisterschaft ausgebildet, gab sie einem unwiderstehlichen Drange nach, die buntfarbigen Blumen, Schmetterlinge und Käfer im Glanze des frischen Lebens zu studiren und nachzubilden. Im tropischen Surinam malte sie zwei volle Jahre, und ihre Blätter sind noch heute in den Cabineten Hollands, Petersburgs, im Britischen Museum hochgeschätzte Meisterwerke. Unter der großen Zahl ihrer hinterlassenen Werke, zu denen sie die Kupfer selbst gestochen hat, [166] sind besonders nennenswerth „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ (zwei Bände) und „Die Metamorphose der Insecten von Surinam“.

Zu der Zahl der reisenden Frauen, die künstlerische Thätigkeit bewährt haben, gehören auch Frau Agassiz und Frau Fedtschenko. Erstere, die Gattin des berühmten Naturforschers und Ichthyologen, begleitete denselben auf seinen Forschungsreisen nach dem Amazonenstrom. Die Erlebnisse dieser ertragreichen Reise sind von Frau Agassiz veröffentlicht worden, die ebenso gut die Feder wie den Pinsel zu führen verstand. Frau Fedtschenko, eine Russin, theilte mit dem Gatten auf einer mehrjährigen, sehr beschwerlichen Forschungsreise im Altaigebiete, am Oxus, in Chokand alle Beschwerden und künstlerischen Arbeiten.

Die Völkerkunde des Orients hat Lady Mary Worthley Montagu in hohem Maße gefördert. Als Gemahlin des Lord Edward Montagu, der als Gesandter nach Constantinopel gegangen war, lernte sie die Levante und das Leben im türkischen Orient kennen, wie nie eine Frau zuvor. Mit der Sultanin eng befreundet, hatte sie Zutritt in den Harem. Ihre Reisebriefe an die Dichter Addison, Young, Pope setzten die geistreiche Welt Albions in preisende Bewunderung. Sie hat zuerst das orientalische Leben, die Sitten und Zustände des Morgenlandes in ihrer innersten Eigenthümlichkeit entschleiert. Sie war es auch, welche die Impfung der Schutzpocken in Constantinopel kennen gelernt, dieselbe an ihren eigenen Kindern selbst angewandt und zuerst, lange vor Jenner, 1721, in England eingeführt hat.

An die Wanderungen der Lady Montagu reihen sich die Reisen ihrer Landsmännin Lady Rich an. Ihr Gatte war Consul in Bagdad und einer der berühmtesten englischen Orientalisten, Alterthumsforscher und Diplomaten. Das Consulathaus desselben zu Bassora war offenes Asyl, Gasthaus, Hospital, Akademie für Sprach- und antiquarische Studien, Bibliothek und Museum. Und an der Spitze dieses Hauses waltete Lady Rich. Sie theilte mit dem Gatten seine sprachlichen, historischen, antiquarischen Studien, als er die Ruinen von Babylon erforschte und die von Niniveh bei Mosul zuerst entdeckte. Lady Rich begleitete ihn hoch zu Roß und Kameel durch ganz Vorderasien nach Constantinopel, und von da wieder zurück durch ganz Kleinasien, den Kaukasus, Armenien bis an den Tigris. Ein ganzes Jahr hindurch folgte sie ihm auf seiner Entdeckungsreise durch das damals noch unbesuchte Kurdistan, dann nach Persien, zur Untersuchung der Ruinen und Keilschriften von Persepolis. Von hier wollte Sir James Rich zu Lande nach Bombay gehen, wo er eine hohe Stellung im indischen Gouvernement antreten sollte, während Lady Rich ihm zu Schiff dorthin vorauseilte. Glücklich ist sie gelandet; Monate gehen vorüber; mit Sehnsucht erwartet sie den Gatten – da naht das persische Schiff mit der Trauerflagge und bringt Todesbotschaft von dem Ersehnten, welcher der Cholera erlegen war. Der Schrecken wirft sie zu Boden, und nach dreitägiger todesähnlicher Ohnmacht war ihr vielbewundertes, glänzendes, tiefschwarzes Haupthaar zu stumpfer, farbloser Blässe ergraut und sie selbst bis zur Unkenntlichkeit gealtert. – Die Geographie verdankt ihr mehrere classische Werke, die sie später herausgab.

Bombay erinnert an Frau Amalie Heber, die Gemahlin des Bischofs Heber in Calcutta. Sie war 1823 mit dem Gatten nach Bengalen gekommen, durchwanderte an seiner Seite die große Diöcese, ganz Hindostan von Calcutta bis Bombay und Madras, und beschrieb nach des Gatten frühem Tode (1826) die Reisen, sein Leben und seine Wirksamkeit auf eine für die Länder- und Völkerkunde Indiens anerkannt sehr lehrreiche Weise.

Auch in die Einöden Australiens drang der Forschungstrieb einer deutschen reisemuthigen Frau. Frau Amalie Dietrich aus Siebenlehn in Sachsen bereiste von 1863 bis 1873 im Auftrag des Herrn Godefroy in Hamburg für dessen berühmtes Museum Australien, namentlich Queensland, die in unseren Tagen vielbesprochenen Samoa-, die Tonga- oder Freundschaftsinseln, um daselbst naturwissenschaftliche Sammlungen zu machen. Sie brachte eine reiche ethnologische Auslese mit, die zu den werthvollsten Schätzen in dem genannten Museum gehört. – Und eben wird aus Kopenhagen berichtet: Fräulein Therese Peturson, eine Tochter des Bischofs in Reykjavik, hat in dem letzten Sommer, 1879, mit geologischen Untersuchungen beschäftigt, den Hekla bestiegen, mannigfache Beobachtungen im Krater und auf dessen Boden über Temperatur, Schwefelgehalt etc. angestellt und Stöße, Ausbrüche vorhergesagt, die später nach Ort und Stärke genau erfolgt sind.

An hochinteressante Reisewerke von Frauen erinnern schon die bloßen Namen Lady Esther Stanhope, Frau von Staël, Frau Talvj (Therese Jacobs), Frau Ida Pfeiffer, der der jugendlichen Holländerin Fräulein Tinne. Die reiche belletristische Literatur der „Reise-Briefe“, „Reise-Schilderungen“, „Reise-Eindrücke“ etc. von Frauen kann hier füglich ganz übergangen werden.

Was bisher gesagt worden, möge genügen, um daran zu beweisen, daß die geistigen Fähigkeiten der Frauen oft überraschend reicher sind, als man gewöhnlich anzunehmen beliebt – es möge genügen als Einleitung für die folgenden zwanglosen Mittheilungen aus Reisen von Frauen, welche an den großen geographischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte verdienst- und ruhmvollen Antheil genommen haben.

J. Loewenberg.
[258]
II.
Mistreß Atkinson's sibirische Hochzeitsreise.

Es war in den Jahren 1848 bis 1851, als der englische Maler Thomas Atkinson seine mehrjährige Studienreise nach Sibirien, der Mongolei, der Kirgisen-Steppe, der chinesischen Tatarei ausführte. Sein Reisewerk mit mehr als achtzig Bildern und Skizzen erschien im Jahre 1860, fand aber wenig Beifall, obgleich es von Gegenden handelte, die damals noch wenig bekannt waren. Um so mehr Anerkennung erwarb sich die Beschreibung derselben Reise, welche seine Frau, Mrs. Atkinson, die den Gatten muthig und treu in allen Beschwerden und Gefahren begleitet hatte, 1863 herausgab.

Wir sehen an ihr, daß Frauen ganz andere Dinge beobachten und fremde Eigenthümlichkeiten oft schärfer auffassen, als Männer; daher bietet das Buch eine Fülle interessanter Neuigkeiten und spannender Situationen dar. Mrs. Atkinson war überdies eine wahrhaft heroische Dame; denn es gehört nicht wenig Muth zu dem Entschlusse, aus der gebildeten Welt heraus eine vierjährige Wanderung unter den nomadischen Steppenvölkern Sibiriens zu unternehmen und auszuführen. Hierzu kam, daß diese Wanderung die Hochzeitsreise der Mrs. Atkinson war; eine seltsame Hochzeitsreise! Zu den eigenthümlichen Vorbereitungen für dieselbe gehörte unter anderem eine fleißige Uebung im Pistolen- und Büchsenschießen, im Handhaben verschiedener Waffen, um in Noth und Gefahr sich selbst vertheidigen zu können. –

*          *
*

Wir begrüßen unsere Reisenden in Jalutarowsk am Ischim. Es war die erste sibirische Stadt, wo länger gerastet wurde. Das junge Ehepaar war an Herrn Murawieff empfohlen, einen der Hauptverschwörer des Jahres 1825. Sein Bruder war jener Serjei Murawieff, der damals unter Umständen hingerichtet wurde, die selbst in Rußland Grauen und Schrecken erregten. Schon hatte der Henker sein Amt vollbracht, schon hing der Unglückliche am Galgen – da riß der Strick. Ehe man einen neuen herbeigeschafft, kehrte dem Gehenkten die Besinnung zurück; er merkte, was um ihn vorging, und äußerte darüber die herzbrechenden Worte: „Es ist doch zu viel für einen Menschen, zweimal hingerichtet zu werden.“ Herr Murawieff befand sich inzwischen hier so wohl, wie sich in Sibirien ein Verbannter befinden kann.

Zwischen Omsk und Tomsk begegnete es den Reisenden, daß sie im Schlitten eingeschlafen waren, und als sie erwachten, stand derselbe still und die Pferde waren ausgespannt, obgleich die Gegend keine Poststation aufzuweisen hatte, sondern nur zwei oder drei elende Hütten mitten im Wald. Der spitzbübische Yemtschik (Postillon) hatte die Schläfer einer Diebesbande zugeführt, und nur ihr wackerer Steppenhund und die gespannten Pistolen verhalfen ihnen wieder zu dem Ihrigen, so daß die Reise fortgesetzt werden konnte.“

Tomsk ist eine Stadt der Goldwäscher. Mrs. Atkinson sah hier Goldstufen von fünfundzwanzig bis dreißig Pfund Gewicht. Auch der Vicegouverneur gehörte zur Goldaristokratie des Ortes. Er hatte die Tochter eines Goldsuchers geheirathet, die früher barfuß in den Straßen herumgelaufen war, bis ihr alter Vater an einem glücklichen Tage durch Entdeckung eines Goldlagers zum steinreichen Manne geworden.

Am 3. Juni 1848 ging die Reise von Tomsk südwärts. Frau Atkinson war entzückt über den Blumenreichthum der Steppe. Ganze Flächen leuchteten in tiefer Orangefarbe von den Blumen der Kugelanemonen, zwischen denen hellblaue Streifen von Vergißmeinnicht sich zeigten. Dabei lag noch viel Schnee. Der Obi hatte weite Strecken überschwemmt, was das Reisen sehr erschwerte; auch brach ein Steppensturm aus, wegen dessen man die Nacht am Ufer des Stromes zubringen mußte.

Dafür wurde es am nächsten Tage in Barnaul gemüthlicher. Mrs. Atkinson lernte hier das Hausfrauenleben in einer Steppenstadt von einer eigenthümlichen Seite kennen. Die Hausfrauen zeigten hier mit Stolz ihre Vorrathskammern oder vielmehr Vorrathssäle, die einem vollständigen Specereimagazin glichen. Ganze Kisten von Lichtern, Mehl, Gewürzen etc. waren mit untadelhafter Sauberkeit aufgespeichert. Jede Familie muß sich nämlich für ein ganzes Jahr mit Vorräthen versehen, und wehe der Hausfrau, die nicht gut gerechnet oder die Vorräthe nicht zusammengehalten hat, denn mit Geld läßt sich der Schaden nicht mehr gut machen, da der Apotheker nur einmal im Jahre auf die Messe nach Irbit geht, wo er den Hausfrauen ihre Bedürfnisse für das ganze Jahr einkauft.

Nach dem Ritt durch die heiße Steppe von Bisk mußte der schöne Damensattel mit einem Herrensattel vertauscht werden; denn die Gebirgspfade sind so schmal und schwindelerregend, daß ein anderes als Cavalierreiten unmöglich ist. Die beherzte Engländerin hatte daher Manneskleider angelegt, saß auch in einem Mannessattel fest und sicher und schlief unter dem Filzzelte eines Kalmückendorfes ruhig und sorglos.

Am goldenen See im Altai verlebte das junge Ehepaar die Flitterwochen; dann ging's nach Kopal im Süden des Balkaschsees. Sehr glücklich machte es überall die Frauen, zu erfahren, daß die Großfürstin Olga verheirathet sei. Jetzt, meinte eine derselben, da sie einen Mann habe, müsse sie auch ein Platock, das ist ein Kopftuch, tragen. Wie betroffen aber war die sibirische Einfalt, als die Engländerin versicherte, daß eine Großfürstin weder vor noch nach der Hochzeit ein Tuch um den Kopf winde, was den loyalen Sibirierinnen wie eine anstößige Sittenverletzung erschien.

Ein Kirgisen-Aul südlich von Ajagyz auf der Steppe zeigte ringsum nur Heerden. Die Jurte, das Wohnzelt, welches Frau Atkinson betrat, stand auf einem reinen Rasenflecke in der Nähe eines kleinen Stromes, und der Boden war bedeckt mit prächtigen bucharischen Teppichen. Als der Thee fertig war, zu welchem auf erlesenem chinesischem Porcellan getrocknete Früchte gegeben wurden, brachte ein struppiger Kirgise ein kleines lebendiges Lamm, um die Gäste zu fragen, ob sie mit dem Aussehen des Thieres zufrieden seien. Da kein Einwand zu erheben war, mußte das arme Thier bluten und dampfte wenige Minuten später schon in einem bereit stehenden Kessel. Nach dem Thee wurden vom gastfreien Häuptling des Aul Kumis (gegohrene Stutenmilch) und Pfeifen servirt.

Am 13. September verließ man einen Lagerplatz in der Nähe des Ala-Kul-Sees. Es war ein köstlicher Morgen, zum ersten Male zeigte sich die Silberkette des Ala-Tau im Süden. Frau Atkinson fühlte sich schon seit mehreren Monaten Mutter, und die Beschwerden der Reise wurden um so empfindlicher. Man ritt den ganzen Tag. Kein Tropfen Wasser war anzutreffen; nur eine Wassermelone gewährte einige Erquickung. Die Sonne sank, und Dämmerung folgte rasch hinterdrein. Der Ritt ging auch in der Dunkelheit immer vorwärts. Aber bald wurde es bitter kalt, Mrs. Atkinson konnte vor Erstarrung nicht mehr die Zügel [259] halten; man saß ab, breitete ein paar Bärenfelle auf den Boden und ließ sie ausruhen. Erwärmt und in Pelze gehüllt, setzte sie die Reise fort. Nach zwei Stunden aber konnte Frau Atkinson nicht mehr im Sattel bleiben. Sie ging eine kleine Strecke, saß wieder auf, ging wieder und wechselte oft in Ermattung und Schwäche. Endlich sah man Feuer und hörte das Bellen von Hunden. Der Aul war erreicht, nachdem man ohne Rast 150 Werst (über 21 deutsche Meilen) zurückgelegt und seit Morgens nichts genossen hatte als ein Glas Rum und eine Wassermelone. Am 20. September erreichte man Kopal.

Hier genas Frau Atkinson am 4. November, in Folge der großen Anstrengungen um zwei Monate zu früh, eines Knaben. Derselbe erhielt die Namen Alatau Tamtschibulak, nach Berg und Quelle, in deren Nähe er geboren wurde, und die Dame, welche ohne Zwischenrast 150 Werst weit reiten konnte, absolvirte auch das Wochenbett in gleichem heroischen Stil. „Schon den Tag nach meiner Entbindung stand ich auf und ging etwas umher. Den dritten Tag stand ich nach dem Frühstück auf und legte mich seitdem nur zur Nachtruhe wieder nieder.“

Als Wärterin diente eine Frau, die wegen Kindesmordes zu hundert Streichen verurtheilt worden war, das heißt: zum Tode. Als sie die Prügel empfangen sollte, trat indeß ein liebeglühender Kosak vor und erbot sich, sie zu heirathen, worauf er – das ist gesetzlich – fünfzehn Streiche sich selbst für die Geliebte aufzählen ließ, während die Mörderin straflos blieb. Seitdem lebte das Paar glücklich zusammen, und dem Anschein nach war die Frau trotz ihres begangenen Verbrechens ein gutmüthiges und williges Geschöpf.

Anfangs wohnte Mrs. Atkinson unter einem runden, aus Weidenholz geflochtenen, mit Filz aus Wolle und Kameelhaar gedeckten Zelte. Die Thür wurde wie ein Vorhang aufgerollt oder herabgelassen. Der Schornstein war eine runde Oeffnung im Zeltdach, der Boden mit Filz und drüber gelegten bucharischen Teppichen bedeckt. Man hätte sich in einer solchen Jurte ganz behaglich fühlen können, wenn die Buran nicht gekommen wären, jene furchtbaren Steppenstürme, welche nur gar zu oft die Zelte über den Köpfen der Schläfer abbrechen. Zu Gunsten des kleinen Alatau wurde daher eine hölzerne Bude mit zwei Zimmern erbaut, und außerdem verschaffte man sich den unerhörten Luxus eines Lehnsessels, eines Stuhles und zweier Tische. Die Geburt des Knaben war in Kopal ein freudiges Ereigniß; denn gerade in jenem Monat des Jahres 1848 waren alle Kinder in der Steppe gestorben. Von weit und breit kamen nun die Kirgisen herbei, um den Naturschatz zu sehen, und einer der Sultane schickte einen Knecht sogar 200 Werst weit, um dem sechs Wochen alten Alatau zum Geschenk eine geräucherte Hammelkeule zu überbringen, die nicht etwa für die Eltern, sondern ganz ernsthaft nur für das Kind bestimmt war. Wäre das Kind aber ein Mädchen gewesen, so hätte sich kein Kirgise in die geringsten Unkosten versetzt. Die Kirgisen des Ala-Tau wollten den Buben durchaus bei sich behalten, ja, sie behaupteten ernstlich, er gehöre ihnen, weil er auf ihrem Gebiete geboren und von ihren Thieren genährt worden sei. Sie versprachen, aus ihm einen Häuptling zu machen und ihn mit Heerden zu beschenken. Mit diesen gutgemeinten Rechtsansprüchen und Versprechungen konnte sich jedoch die Mutter nicht befreunden.

Mit dem Gouverneur von Kopal, Baron Wrangel, schloß man innige Freundschaft; er war dankbar für den geselligen Umgang während des Winters. Eines Tages gab er den Officiersdamen der Steppe einen Ball. Selbst von Bisk her kamen die eingeladenen Gäste. Die Officiere, versichert unsere Verfasserin, waren Gentlemen, die Frauen aber über alle Begriffe entsetzlich. Eine dieser Damen erschien auf dem Ball in einem sehr kurzen, grell gedruckten Kattunrocke mit einem zwei Zoll breiten Rosasaum, mit stark benagelten Schuhen und – ohne Strümpfe. Handschuhe fehlten ihr gleichfalls, dafür aber hatte sie muskulöse Arme wie ein Athlet, und Hände, um einen Stier niederzuschlagen. Die vornehmsten Damen, die Honoratioren von Bisk, erschienen in wollenen, ja sogar in verschossenen grünseidenen Kleidern. Beim Balle selbst zeigte sich jedoch, daß die strumpflose Officiersdame durch ihre wirbelnden Bewegungen alle andern Tänzer und Tänzerinnen im Ballsaale verdunkelte. Um acht Uhr setzte man sich zur Abendtafel, und um zehn Uhr ging oder taumelte alles heim; denn gehen konnte Niemand – so herzhaft hatte man dem Schnaps zugesprochen.

Am 24. Mai 1849 ging es nicht ohne dankbaren Abschied von Kopal gegen Osten. In den Bergen giebt es eine Fülle wilder Fruchtbäume und Fruchtsträucher: Stachelbeeren, Johannisbeeren, Erdbeeren, Pfirsiche, Aepfel. Die Kirgisen essen nichts davon; denn „Kraut und Frucht sind für die Thiere, und die Thiere sind für die Menschen“.

Der Knabe blieb während der Reise immer gesund, obgleich die Blattern grassirten. Die Mutter schreibt dies den fortwährenden kalten Waschungen zu; sie selbst hatte eine starke Vorliebe für kaltes Wasser und badete oft dreimal am Tage, selbst im Winter, wenn sie sich das Eis der Flüsse aufthauen lassen mußte.

Die Steppe war reich an glitzernden Bächen, und nur gegen den Balkasch zu ging sie in eine schauervolle trockene Wüste über. Die Lufttöne des Bildes waren von solcher Pracht und Wärme, daß die Frau des Malers ausruft: „Wer diese Räume nicht besucht hat, der kann keine Ahnung haben von dem Glanz und der Pracht einer Abendlandschaft auf der Steppe.“

Der Rückweg nach Sibirien führte wieder über die Steppe der große Horde. Mrs. Atkinson beobachtete hier, daß die Kirgisenfrauen Knaben bis zum zehnten und elften Jahre säugen, aber auch nur die Knaben, den Mädchen wird keine solche Liebe zu Theil. Uebrigens kann ein Kirgise oft drei Tage ohne Nahrung aushalten, wenn er aber anfängt zu essen, dann hört er nicht eher auf, bis er Alles, was gerade da ist, aufgezehrt hat. Ein Mann kann ein ganzes Schaf bei einer Mahlzeit verzehren. Auffallend sind oft die grellen Altersunterschiede zwischen Frau und Mann. In einem Aul sah Frau Atkinson einen Burschen, der fast noch ein Kind war, an eine dreißigjährige Frau verheirathet, die ihn, dem Alter entsprechend, wie ein Kind behandelte; ein schwächlicher Knabe von fünfzehn Jahren hatte ein handfestes Weib zur Frau. Solche Ehen finden jedoch nur statt bei Knaben, die als Waisen zurückgeblieben und deren Angehörige oder Vormünder, wie wir sagen würden, für eine ältere Frau sorgen, die sie in Obhut nimmt und aufzieht.

In Ajagyz nahm die Verfasserin zum letzten Mal Abschied von den Silbergipfeln des Ak-Tau und Ala-Tau im Süden; denn die Reise ging jetzt wieder nach Sibirien zurück. Ueber Barnaul und Tomsk ging es nach Krasnojarsk, an dessen Goldwäschen 9000 Sträflinge unter der Aufsicht von nur 80 Kosaken beschäftigt waren. Die Winterstation war Irkutsk. Von einem ihrer dortigen Verehrer erhielt unsere Verfasserin ein sonst höchst gefährliches Geschenk, einen Briefbeschwerer, ein Stück Malachit mit einigen Goldäderchen auf der Oberfläche, wie man sie in Mineraliensammlungen oft findet. Das Geschenk war von einer amtlichen Urkunde begleitet, welche bescheinigte, durch wen und auf welche Weise die Inhaberin in den Besitz dieser Erzstufe gekommen sei. Hätte man dieselbe bei ihr gefunden ohne diese Urkunde, so hätte sie lebenslängliche Verbannung nach Sibirien zu gewärtigen gehabt.

In Irkutsk verkehrte die Dame viel mit verbannten Russen. Zu diesen zählte Fürst Wolkonskoi mit seiner Familie. „Das Reisen,“ bemerkte er, „hat auf die Menschen oft ganz eigenthümliche Wirkungen. Ich zum Beispiel ging als ungestümer Jüngling nach Deutschland, Frankreich und England. Als ich nach Hause zurückkehrte, merkte ich unglücklicher Weise, daß meine Reise nach dem Westen der gerade Weg nach Sibirien und in die Bergwerke war.“ – –

Zu den Bekannten in Irkutsk zählte auch eine noch ziemlich hübsche Dame, die in ihren guten Tagen auffallend schön gewesen sein mußte. Sie war sehr jung an einen reichen, lebenslustigen Mann verheirathet, der aber dem russischen Nationallaster, dem Spiel, ergeben war. In wenigen Jahren verspielte er sein großes Vermögen, ohne daß die arme Frau das Geringste davon geahnt hatte, bis zu ihrem Schrecken eines Tages ein Herr sich bei ihr melden ließ, der ihr erklärte, daß er das Haus mit allem Zubehör und sie selbst im Spiel gewonnen habe. Ihr Mann hätte in letzter Nacht mit besonderem Unglück gespielt. Als das Geld bis auf die letzten Kopeken, dann alle unbewegliche und bewegliche Habe, Aecker, Haus, Möbel und Pferde verspielt waren, setzte er seine Frau auf die letzte Karte und – verlor. Das Glück war der Frau insofern hold, als sie mit dem glücklichen Spieler seitdem zwanzig Jahre exemplarisch zufrieden gelebt hatte.

In Nischni-Udinsk wohnten die Reisenden bei einer Salinebeamten. Das offene Haus zeigte eine auffallende Sorglosigkeit [260] gegen Diebe und Diebstahl. Dennoch arbeiteten in der Saline nur Sträflinge. Frau Taskin, die Gemahlin des Beamten, erzählte, daß sie nur Sträflinge und zwar nur solche, die sehr schwere Verbrechen begangen hatten, halten dürfe. Das Zimmer, welches unsere Künstlerfamilie bewohnte, ließ sich weder verschließen noch verriegeln. Nebenan schlief eine Magd, die ihren Herrn ermordet, und im Hause diente als Kindeswärterin eine Person, die ihre Herrin vergiftet hatte, und doch erklärte Frau Taskin, daß sie sich niemals treuere und bessere Dienstboten wünsche, als diese Sträflinge.

In Kiachta, an der chinesischen Grenze, wurde für die Fremdlinge ein chinesisches Festdiner veranstaltet. Chinesische Tafelschlachten sind bis zum Ueberdruß beschrieben worden, aber Frau Atkinson ist die erste, die uns belehrt hat, nach welcher Methode die chinesischen Köche ihre Treffen ordnen. Der große Gedanke eines chinesischen Diners besteht nämlich in der systematischen Folge der Gerichte. Zuerst erscheint alles Fleisch gesotten; nach diesem Gang kommen dieselben Fleischarten gedünstet, dann in dritter Reihe gebraten, und zuletzt erscheinen sie in Gestalt von Saucen oder Suppen. Jeder Gang besteht aus einem Dutzend Schüsseln, was uns nicht auffallen darf, weil die chinesische Küche sehr reich an Fleischsorten ist, da auch junges oder altes Katzen- und Hundefleisch nicht verschmäht wird.

Der Thee, welcher nach Tisch gereicht wurde, wollte der Verfasserin nicht munden; er war ihr weniger schmackhaft als in russischen Häusern. Die Ursache liegt darin, daß die Chinesen den Thee in Kesseln kochen lassen, wodurch natürlich ein Ueberschuß von Gerbsäure ausgezogen wird. Merkwürdig, daß man in dem Theelande keinen Thee zu bereiten versteht! Unsere sachverständige Hausfrau erzählt uns, daß die Russen, wenn sie Thee bereiten, ihn mit siedendem Wasser brühen, die Kanne schwenken und den ersten Aufguß wegschütten. Da die Russen als die ersten Adepten unter allen Theetrinkern gelten, so wird dieser Gebrauch jetzt in England und auch von anderen unserer aufgeklärten Theetrinker nachgeahmt. Indessen behaupten die Chemiker, daß gerade das Theïn, das Arom, welches den Thee zum Thee macht, zuerst aufgelöst werde und später erst die schwerer lösliche Gerbsäure hinzu komme, die dem Thee seine braune Farbe und den herben Geschmack mittheile. Die Russen gießen also das Beste hinweg. Am rathsamsten ist's, man spült den Thee mit lauwarmem Wasser, welches reinigt, ohne das Theïn aufzulösen.

Zwischen dem russischen Kiachta und der Chinesenstadt Maimatschin wird der gesammte Landhandel zwischen Rußland und China vermittelt. Auch Maimatschin wurde besucht, ja das Künstlerpaar erhielt sogar Erlaubniß, nach Schluß der Thore die Stadt im Glanze der Papierlaternenbeleuchtung zu sehen, was eine besondere Vergünstigung war; denn Fremde mußten vor Thorschluß die Stadt verlassen. Unglücklicher Weise war gerade Hoftrauer, und die Theater waren in Folge dessen im ganzen himmlischen Reiche für ein Jahr geschlossen.

Nach Barnaul war inzwischen ein neuer Commandant, Oberst Strolemann, gekommen, der sein Amt mit einem Balle inaugurirte, und der „Commandantenball“ ist für Barnaul stets das größte Ereigniß im ganzen Winter. Da aber, wie schon bemerkt worden, hier alle Waaren von der Irbiter Messe bezogen werden müssen, die Strolemann's aber noch nicht mit dem Nöthigen versorgt waren, so hatten sie sich in Barnaul nur dürftig versehen können. So kam es denn, daß während des heitersten Ballvergnügens, als die Kerzen erst zum geringen Theile herabgebrannt waren, eine nach der anderen ausging und es bald immer finsterer wurde. Die Bedienten liefen herbei, die Kerzen wieder anzuzünden. Alles vergeblich! Endlich machte man die Entdeckung, daß die Dochte der Kerzen betrügerischer Weise nur durch den oberen Theil derselben hindurchgezogen waren. Es wurden allerdings noch zur Fortsetzung des Vergnügens ein paar Kerzen aufgetrieben, aber die Hausfrau fühlte sich tief beschämt durch die Störung des Festes, und die Stimmung der Damen, die ihren besten Staat auch bei glänzender Beleuchtung sehen lassen wollten, trübte sich wie der Ballsaal. –

Und trotz alledem klagt Frau Atkinson, als sie heimkehren mußte: „Ich muß seufzen, so oft ich daran denke, daß wir Sibirien, seine Eisblöcke, seine Schneegebirge, seine lieblichen Landschaften, seine erhabene Natur bald verlassen sollen. Fast möchte ich wünschen, ich wäre eine Kirgisin und dürfte wandernd herumziehen unter dem klaren Himmel auf saftigen Gebirgstriften!“

Der kleine Alatau Tamtschibulak entwickelte sich übrigens vortrefflich, und die „British Association“ veranstaltete nach dem Tode des Vaters, 1861, eine reiche Sammlung für seine weitere Erziehung und Ausbildung.

J. Loewenberg.
  1. Vorlage: „Astonomin“