Literarische Briefe (Gutzkow) 4

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Textdaten
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Autor: Karl Gutzkow
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Titel: Literarische Briefe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 308–310
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: An eine deutsche Frau in Paris IV.
Über R. Wagner: Das Judenthum in der Musik
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Literarische Briefe.

An eine deutsche Frau in Paris.
Von Karl Gutzkow.

IV.

In Ihrem überraschend erwachten Eifer für die Vorkommnisse auf dem Gebiet der deutschen Literatur, verehrte Frau, fordern Sie mich, flammend vor Leidenschaft, wie eine zweite Jungfrau von Orleans, auf, das Schwert zu ergreifen und auch meinerseits gegen Richard Wagner’s „Verunglimpfung der Juden“ zu kämpfen! „Dieser Mensch“ (Ihr Zorn läßt Sie diesen sonst in der Literatur nicht üblichen Ausdruck brauchen), „dieser Mensch will den Juden besondere Ohren und besondere Kehlen andichten, als wenn ganz Paris aus nichts als Juden bestanden hätte, als wir im Saal der großen Oper über seinen langweiligen Tannhäuser lachten und immer wie aus Einem Munde das volle Auditorium sieben, wenn nicht acht Mal an jenem unglücklichen, für die Deutschen so beschämenden Abend ausrief: Schon wieder die Pilger?! Diese Brochüre, die mir mein Mann zu lesen brachte, ist, ich versichere Sie, von Niemand anders, als vom Abbate Francesco Liszt im Auftrag Seiner Heiligkeit bei Richard Wagner bestellt, um die concordatsfeindliche österreichische Journalistik, die sogenannte ‚Judenpresse‘, noch von einer anderen Seite her in Attake zu nehmen. Der Vatican wird dem Verfasser für seine neueröffnete Judenhetze den Orden vom goldenen Sporn überreichen lassen!“

Gemach, gemach, meine theuerste Gönnerin! Nur nicht gleich so im Sturm! Vorläufig fehlt es ja an Widerspruch gegen die kleine Schrift „Das Judenthum in der Musik“ (Leipzig, Weber) innerhalb des gesammten weiland römisch-deutschen Reiches gar nicht. Wo man hinsieht, genießt der neue Hundt-Radowsky (so hieß vor fünfzig Jahren ein principieller Gegner des Judenthums) vollständig die Wonne seines von ihm gesuchten Märtyrerthums. Kreuzigt ihn! steht in allen Blättern zu lesen und „die Meistersinger von Nürnberg“ werden bei ihrem Rundgang über die deutschen Bühnen gut thun, jüdische Plätze, z. B. Frankfurt am Main, zu vermeiden, sonst würde der Schuster Hans Sachs viel Pech zu besehen haben.

An und für sich, Sie vorurtheilslose, unbefangene Frau, könnte man ja geneigt sein, manches, was Richard Wagner von einem Standpunkt aus, den er selbst als den blonden bezeichnet, gegen „Judenthum in der Musik“ vorgebracht hat, leidlich anzuerkennen. Z. B. Gesangsmanier?! Stimme?! Auch Ihnen, verehrte Frau, traue ich den Geschmack zu, sich die Ohren zuzuhalten beim Gesang jenes in Wien an einem Abend zwanzig Mal herausgerufenen Edgardo oder Severo, der früher ein Synagogenvorsänger gewesen und die Mauern Jericho’s einreißen könnte mit seiner Stimme, die einem Rennpferde gleicht, das nur für den einzigen abendlichen Wettlauf bei so und so viel Spielhonorar oder so und so viel Einnahme-Tantième seine Kräfte sammelt, einsetzt und zuletzt wieder in den Stall zurückgeführt wird, um bis zum nächsten Wettrennen in vollständigster Apathie auszuruhen. Und Compositionsweise?! Wahrlich, Meyerbeer kann doch nur relativ Ihre Wonne sein! Die „Gnaden-Arie“ ist gewiß reizend; aber was hat man nicht für Quincaillerieen bei unserem alten Freund Giacomo mit in Kauf zu nehmen! In „Dinorah“ – da sollte seine Musik um jeden Preis nun klassisch und einfach geworden sein. Sie wurde aber, ob durch die mitspielende Ziege oder die Rivalität mit Offenbach, ein reines Gemecker! Und Offenbach selbst?! Diese Schamlosigkeit, diese Cancannerie, diese Travestie und Parodie von – Schiller’s Glocke, Taucher, Bürgschaft etc. durch Itzig Veitel Stern —! O gewiß, Judenthum haben wir in der Literatur, in der Politik, warum sollten wir nicht auch „Judenthum in der Musik“ haben? Man könnte die Eigenart des semitischen Stammes auf dem Gebiet der Töne nachweisen bis in eine Fülle von Einzelheiten. Von der Eitelkeit gar nicht zu reden. In Wiens prachtvoller neuer Synagoge stand ich vor Jahren bewunderungsvoll, und der verstorbene Vorsänger der reichen Gemeinde, ein bekannter Componist, schilderte mir die Schönheit eines von ihm zur Einweihung componirten Psalms. Er intonirte einige Passagen und fragte mich mit dem ganzen seinem Stamm eignen Wohlgefallen an sich selbst: „Nicht wahr — doch reizend?!“ Ich war starr. Er meinte seine eigne Composition.

Bei alledem scheint mir Wagner’s Beweisführung grundfalsch. Der sächsische Maestro will seine Gegner vorzugsweise in den Juden finden, im schlechten Geschmack derselben, in ihrem Zusammenhalten sowohl in der Presse wie innerhalb der Gesellschaft, in ihrer Rache für – einen Artikel, den er vor Jahren in eine Leipziger Zeitschrift geschrieben hätte! Das ist in der That die Selbsttäuschung einer Befangenheit, die etwa mit dem logischen [311] Calcül eines Shakespearischen Narren sagen wollte. Die Sonne geht im Westen unter, weil der Löwe ein reißendes Thier ist! Nichts paßt von den Eingebungen seines Zorns auf seine Lage. Nichts paßt von seinen Malicen über „Judenschönheit“, „Judennasen“ etc. auf die Erklärung des Schicksals seiner Muse. Warum opponiren ihm denn, wenn dies wirklich der Fall sein sollte, so consequent die Juden? Er hätte sich sagen sollen: Weil die Juden mehr als wir Christen einen bei ihnen tiefeingewurzelten religiösen Zug haben, genannt die Pietät. Das jeweilige Negiren der Juden hebt bei ihnen ihr tiefes Bedürfniß der Anerkennung nicht auf. Wenn sich die Verehrung vor den großen Namen der Tradition, in underm Fall vor Mozart, Beethoven, Schubert, in irgend einem Theil der gebildeten Gesellschaft zu einer Leidenschaft hat steigern können, so ist es bei gebildeten Juden. Oder hat Wagner nie diese musikalischen Puristen, diese Rabbinen classischer Musik kennen lernen, die z. B. in Berlin in Quartett- oder Symphoniesoireen den Ton angeben und die dann gewöhnlich – wer wohl sind? Der erste Buchhalter eines jüdischen Bankierhauses (zufällig spielt er die Bratsche), ein jüdischer Makler mit einem schwarzen Sammetkäppchen auf dem weißen Lockenhaupte (ein regelmäßiger Habitué jeder Vorstellung des „Fidelio“), ein jüdischer Privatgelehrter (zugleich ausgezeichneter Schachspieler), ein docirender Professor (sein Fach ist Mathematik, nicht ganz das Gegentheil classischer Musik), kurz hervorragende Erscheinungen aus allen Stämmen des auserwählten Volks! Hat ihm nicht B. A. Marx die Ueberschwänglichkeit in den Stimmungen dieser conservativen Gemeinde vergegenwärtigt, dieser Gemeinde, die sich in Dresden, Prag, Wien, Frankfurt am Main, Hamburg in jedem Concertsaal, auf allen vordern Parketreihen wiederholt? Nimmt man noch das besondere Talent der Juden hinzu, schon auf drei Schritt weit jeden Schwindel zu erkennen, und die jüdische Vorsicht, sich immer erst die Faiseurs von oben bis unten anzusehen, die einen neuen Humbug in die Mode bringen wollen (in unserm Fall die Jünglinge mit den langen Zukunftsmusikhaaren), so erscheint es geradezu an Wagner wie Blindheit, daß er das Motiv der ihn verfolgenden Gegnerschaft im mangelnden Sinn – für germanisches Leben, Volkslied, in Rachen- und Gutturaltönen, in einer steten zappelnden Furcht vor Langerweile (nach Wagner gehört die Langeweile zum Eindruck eines richtigen Kunstwerks) und in allen möglichen Ausmalungen des jüdischen Wesens sucht und nicht da, wo sie allein zu finden ist, in dem treuen Sinn der Juden für alles Anerkannte und Bewährte. Wenn man Samstags eine classische Theatervorstellung zumeist von Juden besucht sieht, wenn man die rege Parteinahme der Juden beobachtet für Alles, was dem menschlichen Geist Opfer und Huldigung entgegenbringt, so ist es einfach die beim Juden viel stärker noch, als beim Christen empfundene Indignation, daß durch Wagner und seine Schule eine Tonmuse hätte aufkommen sollen, die Mozart für Zopf erklärte.

Und vollends in Nacht und Nebel geräth Wagner, wenn er auch Felix Mendelssohn-Bartholdy, diesen ihm wahrscheinlich widerwärtigsten Stein des Anstoßes, seinem Popanzbegriff von „Judenschönheit mit Knoblauchsduft“ unterordnen will! Wo ist bei diesem Zögling christlich-germanischer oder sagen wir geradezu christelnder Bildung nur ein Rest von Zusammenhang mit der Synagoge geblieben? Mendelssohn’s Großvater schon war ein Humanitätsphilosoph wie Nathan der Weise. Die zweitnächste, Mendelssohn vorangegangene Generation gehörte vollständig der Romantik an. Consul Bartholdy ließ in Rom seine Villa mit Fresken von der Hand unserer Cornelius und Overbeck schmücken. Durch Verheirathungen seiner Angehörigen kam Felix in katholisirende Verbindungen. In Düsseldorf machte er die Richtung des Convertiten Schadow mit, schloß sich den lyrisch-träumerischen, theilweise strengkatholischen Malern an. Wenn ihm der Ausdruck des Dramatischen nicht gelingen wollte, so trug eben die lyrische Richtung seiner ganzen Zeit, der Heine-, Lenau-, Anastasius Grün- Zeit, die Schuld, und allerdings dann auch die mangelnde freimüthige politische und an den großen Fragen der Zeit wenig interessirte Richtung Mendelssohns. Ist Mendelssohn’s wunderbare Kunst der Reproduction, der Vertiefung in einen gegebenen Inhalt, ob nun classisch, wie in der Antigone, oder romantisch, wie im Sommernachtstraum, oder kirchlich, wie im Paulus, irgend etwas Anderes, als die Virtuosität eines feinen, hochgebildeten, poetisch nachfühlenden Kopfes, dem, eben in Folge seiner seltenen Bildung, alles verständlich, erfaßbar und zugänglich war? Es ist geradezu sträflicher Leichtsinn, der Nation eine so edle Gestalt verzerren und ihr Schandnamen andichten zu wollen, die sie nicht verdient.

Richtiger wäre gewesen, wenn sich Wagner durch den Unmuth über den ihm, wie er glaubt, systematisch gehaltenen Widerpart hätte bestimmen lassen zu schreiben über „Die Vornehmthuerei in der Musik“. Er würde dann diesen seinen Gegenstand in zwei Theile haben zerlegen können, in die Vornehmthuerei der Capella vulgaris, der gewöhnlichen Musikmacher, die Capellmeister und Musikvereinsdirectoren an der Spitze, und in die Vornehmthuerei, die vornehm zu thun wirkliche Ansprüche hat. Hätte Wagner gegen die musikalischen Gothaner geschrieben, so würde ihm der allgemeinste Beifall zu Theil geworden sein. Denn im Grunde hat er kaum etwas Anderes sagen wollen. Die Leipziger Musikrichtung, die Wagner seine specielle Gegnerin nennt, ist die Richtung des Gotha in der Musik, des dortigen Conservatoriums, und Mendelssohn’s Stellung zur Zeit und neueren Kulturgeschichte ist überhaupt, Mit-Repräsentant einer gewissen geheimräthlich-exclusiven Stimmung gewesen zu sein, die auch in Wagner und seinen Anhängern durchaus nur das sehen will, was etwa ein Professor der Philologie und nun gar erst der neuen altdeutschen Philologie, ein Nibelungen- und Walther von der Vogelweide-Forscher, in neueren Schriftstellern sieht, die er kurzweg als „Literaten“ abfertigt.

Wir können an dieser Stelle wieder auf unser Literaturgebiet einlenken … Keine neue Literatur ist so wie die deutsche in der erschwerenden Lage, sich unmittelbar an eine für classisch erklärte anschließen zu sollen. Der Franzose hat Racine und Molière fast schon zweihundert Jahre hinter sich. Der Engländer denkt nicht daran, jetzt noch seinen Poeten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts Concurrenz machen zu wollen. Dem Italiener liegen seine classischen Vorbilder noch weiter zurück, als dem Franzosen. Nur der deutsche Autor von heute hat sich sein bescheidenes Hüttchen unmittelbar im Schatten jener Tempel anzulegen, die unsern Unsterblichen, Lessing, Goethe, Schiller, errichtet wurden. Und der Cultus dieser großen Heroen nahm seither nicht ab. Im Gegentheil, er befestigte sich erst recht, er organisirte sich, er ging in die Schulen und auf die Katheder über. Die Regeln dessen, was in der Literatur unserer Nation geboten werden soll, werden von den Schöpfungen jener Meister abgeleitet. Man kann sagen, daß noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts mittlere Talente, wie Körner, Houwald, Contessa, Fouqué, Hoffmann, Zschokke, für weit dem Vollkommenen ebenbürtiger galten, für berechtigter, die Aufgaben nennen wir es des Weimar’schen Zeitalters fortzusetzen, als diesen mehr oder weniger Vergessenen gegenwärtig noch eingeräumt wird.

Ewiger Ruhm sei unsern großen Geistesbefreiern und Geistesbildnern dargebracht! Nicht nur in todtem Marmor aufgefangen erstarre unsre Bewunderung vor ihnen und verwandle sich in einen kalten Tribut des Herkömmlichen oder des nur Sichgeziemenden. Nein, ein lebendiger Cultus bleibe unsre Verehrung, ein Opferdienst mit langhinwallenden Wolken voll süßen Wohlgeruchs! Was wären wir ohne euch, ihr erhabenen Schatten, die ihr walten möget als die Schutzgeister über den Geschicken eures Volks, so lange der deutsche Eichwald braust, so lange freie deutsche Ströme niederwallen vom schmelzenden Alpenschnee bis zur mövenumflatterten Bucht der deutschen Meere! Erhalte sich in ewiger Jugend, was ihr geschaffen! Die jetzt vom Privilegienzwang befreite Verbreitung eurer Werke hat diesen die Möglichkeit gegeben, bis in die ärmste Hütte zu dringen und Goethe’s Faust und Schiller’s Gedichte nicht allzuweit abgelegen von der Bibel finden zu lassen. Aber – preisen wollen wir darum dennoch einen andern Fortschritt unsrer Zeit, der in einem Abschließenwollen der unbedingten Hingegebenheit unsrer Nation an ihre classische Literaturperiode zu liegen scheint. Die nicht ermüdende Beschäftigung mit dem Vergangenen verwandelt sich nachgerade in eine Art Orthodoxie.

Alle Textkritik, alles Herausgeben von Briefwechseln, alle Commentare und was nur gründliche Forschung oder bloße Industrie zur Anhäufung von Material für die Ergründung jener classischen Zeit beibringt, es kann nicht mehr die Ueberzeugung feststellen, daß die Leistungen jener Zeit allen Bedürfnissen des menschlichen Geistes und zumal allen Sehnsuchtsgedanken der [312] deutschen Nation selbst schon vollkommene Genüge gewährt haben. Gleichgültig schon wurde vor einigen Jahren Karl August’s und Goethe’s Briefwechsel aufgenommen. Es werden täglich immer wieder Versuche gemacht, uns durch Bild und Wort mitten in die alten literarischen Zustände zurückzuführen, die großen Persönlichkeiten uns in Situationen zu zeigen, die annähernd einige Wahrscheinlichkeit für sich haben. Es bedürfte aber nur eines gelegentlichen Einfalls einer befähigten Feder, um diese Arbeiten als reine Phantasiestücke hinzustellen, die, wenn sie bedeutend sind, eben so auch schon wieder aus einem neuen Geist, einem fortzeugenden und der Nation neue Errungenschaften zuführenden Trieb entstanden sind und entstehen. So ist ja auch die Wagner’sche Wiederbelebung der Romantik eine andere als die Romantik selbst, leider, wie uns scheint, eine zu doctrinäre und in den „Meistersingern“ geradezu schulbuchmäßige.

Geheimerathsliteratur, Schulcompendienpoesie, Philologenwonne - auf diese steuerte so recht die Zeit hin, als Mendelssohn componirte. Tieck lebte damals noch und an Kritikern auf hohen Rossen war kein Mangel. Man hatte akademische Träume, selbst für unsre schöne Literatur. Man dachte sich Poeten möglich, die gleichsam, wie von den Töchtern der Frau Crelinger gesagt wurde, als diese zur Bühne gingen, schon mit Glacéhandschuhen auf die Welt gekommen sind. Man vergaß, daß Frankreichs Akademie eine ganz andere Erfahrung lehrt. Bei jeder neuen Besetzung eines erledigten Stuhls derselben kämpfen jetzt zwei Parteien, eine, die eine Literatur der überlieferten Regelmäßigkeit schützen und befördern will, eine andere, die dem wildwachsenen, durch die praktischen Zwecke der Literatur geleiteten, individuell entwickelten Talent die akademische Auszeichnung gönnt. Und siehe da! die letzte Partei siegt. Die Akademie bequemt sich, sich in Autoren zu finden, die ihren eignen Weg gegangen sind. Bei uns hoffte man noch bis in die neueste Zeit auf die Resultate künstlich-classischer Fischzucht. Die Bühne sollte das „beste“ der gelieferten Dramen krönen, und wenn es nur so im deutschen Dichterwald gegangen wäre, einige junge Poeten waren bereit, sich um den vacanten Goethe-Thron zu bewerben. Einen Talentvollen gab es, von dem man gesagt hat, seine Eltern hätten ihn eigens zu einem künftigen Goethe erzogen. Aber mit Bildung und Vornehmthun allein läßt sich nichts erreichen. Man setzt da wohl einen Schritt hinaus auf das glatte Parquet der Erfolge und der Fuß tritt fest und sicher auf, zumal wenn fürstliche Huld mit Titeln und Orden zu Hülfe kommt, und schon beim zweiten kommt der Zukunfts-Goethe wie jeder Andre zu Fall. Manche fingen da an recht menschlich zu reden. Sie schrieben Dramen mit dem Programm: Erst gewinn’ ich mir mein Publicum durch etwas Zuthat Birchpfeiffer! Hab’ ich’s, dann soll man den neuen Shakespeare sehen! Man wartet seither auf diese letzte Enthüllung vergebens, und ein „gekrönter“ Dramatiker, Namens Lindner, hat es inzwischen schon umgekehrt gemacht. Er fing mit dem „neuen Shakespeare“ an und arbeitet jetzt für die Berliner Wallnerbühne. Während einige deutsche Fürsten das Theater auf den Hund bringen, hat er den guten Gedanken gehabt, Karl August von Weimar zu schildern, der einen Hund auf’s Theater brachte. Der letzte ästhetische Gothaner, der etwas vorstellt, möchte vielleicht Emanuel Geibel sein. Dieser versuchte in München eine Fortsetzung der alten Weimarzeit und wäre ganz ein Mann nach dem Herzen Ihres kürzlich verstorbenen alten Akademikers Nisard gewesen, der nur Fabeln und Eklogen gedichtet haben wollte – vor einigen zwanzig Jahren rief er einen Sturm in der Pariser Presse hervor durch seine Bezeichnung der neuen französischen Literatur als la littérature facile. Nun, auch Geibel, dieser in so wunderbarem Farbenglanz prangende Vogel, ein Sänger des gewähltesten Ausdrucks, immer sinnig und bedeutend in seinen Zwecken. klug und weise in den Zuspitzungen seines Effects und besonders den Frauen ein Name süßesten Klanges, recht ein Felix Mendelssohn in der Literatnr – dieser nun flattert im Drama von Stoff zu Stoff, ohne es darin zu jener welt- und herzbezwingenden Wirkung bringen zu können, die dem Drama zu Theil werden muß. wenn es sich lohnen soll, an dieser Stelle mit den Bevorzugten der Tagesgunst zu wetteifern …

Vielleicht gewinnt Richard Wagner einen neuen Standpunkt für die Aufklärung und Ergründung der Quellen seiner von ihm vorausgesetzten Unpopularität, einen Standpunkt, der dann zu gleicher Zeit auch der Literatur und all’ unserer sonstigen Culturgeschichte zu Gute käme und auf welchem man vollkommen seiner Richtung einen leidlich siegreichen Durchbruch und manchen Triumph wünschen könnte wenigstes über die vulgäre Traditionsmusik und – die Vornehmthuerei. Möge ihm dann seine diesmal falsch gewählte Spur, die Abirrung in’s Ghetto, vergeben und vergessen sein!