Ode an den Westwind

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Textdaten
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Autor: Percy Bysshe Shelley
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Titel: Ode an den Westwind
Untertitel:
aus: Lieder- und Balladenbuch amerikanischer und englischer Dichter der Gegenwart, Seite 168-172
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Hoffmann & Campe
Drucker: Jacob & Holzhausen
Erscheinungsort: Hamburg
Übersetzer: Adolf Strodtmann
Originaltitel:
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[168]

 Ode an den Westwind.

 1.

O wilder Westwind, du des Herbstes Lied,
Vor dessen unsichtbarem Hauch das Blatt,
Dem Schemen gleich, der vor dem Zaubrer flieht,

Fahl, pestergriffen, hektisch roth und matt,

5
Ein todtes Laub, zur Erde fällt! O du,

Der zu der winterlichen Ruhestatt

Die Saaten führt – die Scholle deckt sie zu,
Da liegen sie wie Leichen starr und kalt,
Bis deine Frühlingsschwester aus der Ruh’

10
Die träumenden Gefilde weckt, und bald

Die auferstandnen Keim’ in Blüthen sich
Verwandeln, denen süßer Duft entwallt: –

Allgegenwärt’ger Geist, ich rufe dich,
Zerstörer und Erhalter, höre mich!

[169]

 2.

15
Du, dessen Strömung bei des Wetters Groll

Die Wolken von des Himmels Luftgezweig
(Engel von Blitz und Regen sind es) toll

Wie sinkend Laub zur Erde schüttelt: – gleich
Dem schwarzen Haare, das man flattern sieht

20
Um ein Mänadenhaupt, ist wild und reich


Vom Saum des Horizonts bis zum Zenith
Auf deinem Azurfeld die Lockenpracht
Des nahnden Sturms verstreut! Du Klagelied

Des ziehnden Jahres, welchem diese Nacht

25
Als Kuppel eines weiten Grabes sich

Gewölbt mit all der aufgethürmten Macht

Von Dampf und Dunst, die bald sich prächtiglich
Als Regen, Blitz entladen: – höre mich!

[170]

 3.

Du, der geweckt aus seinem Sommertraum

30
Das blaue Mittelmeer, das schlummernd lag,

Gewiegt an einer Bimsstein-Insel Schaum

In Bajä’s Bucht von sanftem Wellenschlag,
Und tief im Schlaf die Wunderstadt gesehn,
Erglänzend in der Fluth kristallnem Tag,

35
Wo blaues Moos und helle Blumen stehn,

So schön, wie nimmer sie ein Dichter schuf!
Du, dem im Zorne selbst entfesselt gehn

Des Weltmeers Wogen, wenn sie trat dein Huf,
Indess der schlammige Wald, der saftlos sich

40
Das Blatt am Grunde fristet, deinen Ruf


Vernahm, dass falb sein grünes Haar erblich
Und er sich bebend neigte: – höre mich!

[171]

 4.

Wär ich ein todtes Blatt, von dir entführt,
Wär’ eine Wolke, ziehnd auf deiner Spur,

45
Wär’ eine Welle, die den Odem spürt’


Von deiner Kraft, und selbst sie theilte, nur
So frei nicht, Stürmender, wie du! Ja, schritt’
Ich noch, ein Knabe, auf der Kindheit Flur,

Begleiter dir auf deinem Wolkenritt,

50
Als, deinen Flug zu überholen, mir

So leicht erschien: – dann klagt’ ich, was ich litt,

So bitter flehend nicht wie heute dir.
O nimm mich auf, als Blatt, als Welle bloß!
Ich fall’ auf Schwerter – ich verblute hier!

55
Zu Tode wund, sinkt in des Unmuths Schoß

Ein Geist wie du, stolz, wild und fessellos!

[172]

 5.

Lass gleich dem Wald mich deine Harfe sein,
Ob auch wie seins mein Blatt zur Erde fällt!
Der Hauch von deinen mächt’gen Melodein

60
Macht, dass ein Herbstton beiden tief entschwellt,

Süß, ob in Trauer. Sei du, stolzer Geist,
Mein Geist! O sei es, stürmevoller Held!

Gleich welkem Laub, das neuen Lenz verheißt,
Weh meine Grabgedanken durch das All,

65
Und bei dem Liede, das mich aufwärts reißt,


Streu, wie vom Herde glühnder Funkenfall
Und Asche stiebt, mein Wort ins Land hinein!
Dem Erdkreis sei durch meiner Stimme Schall

Der Prophezeiung Horn! O Wind, stimm ein:

70
Wenn Winter naht, kann fern der Frühling sein?