Photographien aus dem Reichstag

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Von einem Mitgliede desselben
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Photographien aus dem Reichstag
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–18
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Der Reichstag des Norddeutschen Bundes
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[217]
Photographien aus dem Reichstag.
Von einem Mitgliede desselben.
I.


Von Frankfurt nach Berlin, von der Paulskirche in’s preußische Herrenhaus – das ist ein weiter Schritt. Nicht ein Jeder ist geneigt, nicht ein Jeder ist innerlich frei genug, diesen weiten Schritt jetzt schon mit zu machen. Ich weiß das, ich fühle das, ich verstehe das. Und doch ist es ein weiter Schritt – vorwärts. „Die Hälfte ist mehr als das Ganze,“ heißt ein berühmtes Wort eines griechischen Philosophen. Ich nehme keinen Anstand, es auf uns, die Vertreter der deutschen Lande nördlich vom Main, im Gegensatz zu den in der Paulskirche versammelten Vertretern von ganz Deutschland, einschließlich Oesterreichs, seinem vollen Umfange nach anzuwenden. Denn das Frankfurter Ganze war in Wahrheit doch nicht das Ganze. Wir hielten es nur dafür, in Wahrheit war es nur ein Dritttheil. Neben den Männern in der Paulskirche tagte die preußische Nationalversammlung in Berlin, tagte der österreichische Reichsrath in Kremsier; beide mit schlecht verhehlter Eifersucht gegen die Beschlüsse der Paulskirche, beide mit dem ausgesprochenen Hintergedanken, von den zufälligen Mehrheiten des Frankfurter Parlaments sich nimmermehr die Geschicke Preußens oder Oesterreichs dictiren zu lassen. Wer in Frankfurt mit vollem Ernst, mit wirklicher Hingabe an den ausgesprochenen Zweck des Parlaments vertreten war, das waren allein die deutschen Mittel- und Kleinstaaten, nicht aber Preußen und noch viel weniger Oesterreich. Wir wissen das jetzt, oder sollten es wenigstens wissen.

Neben uns tagt Niemand. Nicht der österreichische Reichsrath, dem wir nichts mehr vorschreiben wollen noch können, nicht der preußische Landtag, dessen Rechte unsere eigenen Rechte sind, und Gott sei Dank auch nicht das Sonderparlament eines süddeutschen Bundes, dessen unheimliche Aufgabe nur sein könnte, die feine diplomatische Scheidelinie am Main zur wirklichen Grenzlinie zu erweitern. Neben uns tagt höchstens jenseits des Rheins der französische gesetzgebende Körper und sieht mit sehr gemischten Empfindungen uns zu, wie wir, ohne viele Worte zu machen, nach fest gegebenem Plane einen Grundstein auf den anderen schichten zu dem Massivbau der deutschen nationalen Einheit. Lassen wir ihn ruhig zusehen.

Von Frankfurt nach Berlin, von der Paulskirche in’s preußische Herrenhaus – das ist ein weiter Schritt vorwärts. Aber es ist auch der Uebergang aus dem mondbeglänzten Zauberland der Poesie in das tageshelle Reich der nüchternen Wirklichkeit. Die Glocken klangen nicht vom Thurme herab, als wir heute vor vier Wochen zur Eröffnungsfeier uns auf den Weg machten; wir waren nicht umwogt und umbraust von Tausenden und aber Tausenden jubelnder, jauchzender, begeisterter Menschen, und keine Maiensonne schien hell und warm, kein Frühlingshauch, kein Blüthenduft erfüllte die Luft am Mittag des 24. Februar, wie damals am 18. Mai, als in der alten Kaiserstadt am Main die Männer des ersten deutschen Parlaments in feierlichem Zuge vom Dome nach der Paulskirche gingen. Berlin war still, frostig still.

Ein paar hundert Menschen standen wohl im Lustgarten und auf der Schloßfreiheit umher; aber sie hätten doch kein warmes Wort des Grußes für uns gehabt, auch wenn die zahlreichen ordnunghaltenden Schutzmannschaften es verstattet hätten. Sie hatten nur Augen für die glänzenden Equipagen, für die reichaufgeschirrten Pferde, für die goldgestickten, ordengeschmückten Uniformen der Reichstagsmitglieder, nicht für die Reichstagsmitglieder selbst. Es war ein Act der hohen Politik, zu dem wir in das Schloß berufen waren. Die Regierung hatte ihn im Staatsanzeiger angeordnet wie einen anderen Regierungserlaß auch; das Hofmarschallamt hatte Programm und Ceremoniell dafür vorgeschrieben; wir selbst wußten, wie und wann wir zu erscheinen, unsere Kutscher wußten, wo sie an- und abzufahren hatten – was hatte das Volk dabei zu thun? Die Köpfe, die dies Werk geplant, sie standen viel zu hoch; die Hände, die hier die Knoten geschürzt, sie waren ihm viel zu fein. Aus langen, geheimnißvollen Berathungen mit einundzwanzig Regierungen war der Entwurf einer Verfassung für den norddeutschen Bund hervorgegangen und der ganze düstere Ernst des letzten Sommers hatte dazu gehört, um dies Werk zu zeitigen; in dringender Hast waren die Wahlen ausgeschrieben und weitaus zu Gunsten der Regierungen ausgefallen; in raschester Folge hatte sich die Einberufung des Reichstags daran gereiht – war das Alles in des Volkes Interesse geschehen? Barg das gemeinsame Werk so vieler Diplomaten mit seinen kargen Bestimmungen über Reichstag und Finanzen kein Attentat auf verbriefte verfassungsmäßige Volksrechte in seinen Falten? Wie Viele wußten es von den Hunderttausenden Berlins – wußten wir selbst es?

Es war das ernste Reich der nüchternen Wirklichkeit, das uns auf allen Seiten umfing. Leben heißt Kampf, Leben heißt Arbeit, Leben heißt Ordnung und Maßhalten; hier in den glänzenden Räumen des Hohenzollernschlosses blickten uns diese ernsten Begleiter des Lebens, trotz all’ der reichen großartigen Pracht, aus allen Ecken an. Ja, sie haben gekämpft, die Hohenzollern, sie haben gearbeitet, sie haben Ordnung und Maß gehalten – Jahrhunderte lang – bis sie aus armen schwäbischen Junkern Burggrafen von Nürnberg, Kurfürsten von Brandenburg, Könige von Preußen wurden. Und der letzte Hohenzoller, der uns heute hierher entboten, hat er nicht vor Allen kämpfen und arbeiten, Ordnung und Maß halten müssen, bis er als erster und mächtigster deutscher Fürst die Geschicke unseres Volkes in seine Hand nehmen konnte? Gewiß, hier in diesen Räumen waltete sein Wille und nicht der unsrige; gewiß, hier ging Alles her nach seinem Gebot, nicht nach dem unsrigen. Aber das Bewußtsein drängte sich doch und auch unabweisbar einem Jeden auf: dieser Wille war mächtig nicht blos uns gegenüber; dieses Gebot hatte Nachdruck und nicht blos uns gegenüber. Macht aber und Nachdruck, die waren es ja, an deren Mangel das Werk von Frankfurt gescheitert, die waren es ja, deren wir für das zu gründende deutsche Reich vor Allem bedurften, und die nüchterne, ernste Wirklichkeit hier in Berlin ist demnach für die Erreichung unseres Zweckes am Ende doch wohl geeigneter, als all’ die Poesie und Romantik damals in Frankfurt.

Ich weiß nicht, ob in eines Jeden Brust all’ diese ernsten, widerstreitenden Gedanken Beifall fanden. Mir wenigstens war es schwer zu Muthe, als ich über die Schloßbrücke zur Eröffnungsfeier fuhr und durch die Gänge des königlichen Schlosses hinschritt, um hinauf zu steigen in die Capelle zum Gottesdienst. Das wimmelte da von flimmernden, ordenbeladenen Uniformen, so daß das ohnehin schon so reich mit Gold und Marmor und Gemälden geschmückte Gotteshaus nur noch bunter und schimmernder erschien. Ein Werk, das mit so viel feierlichem Ernst eingeleitet wird, das muß ja wohl auch ehrlich gemeint sein. Die denkwürdige Thronrede, die wir wenige Minuten später im Weißen Saale vernahmen, gab uns Allen die sichere Bürgschaft, daß das uns vorzulegende Verfassungswerk aus dem ernsten Willen hervorgegangen sei, auf den Grundlagen der bestehenden Freiheiten des deutschen Volkes auch seine Einigung herbeizuführen, und weithin erscholl darum auch kräftig und begeistert das zweite Hoch auf den König, als er freundlich grüßend den Saal wieder verließ. Es war ein Sonnentag in der Geschichte der Hohenzollern, wie er noch nicht dagewesen ist. Auf dem Thron stand der greise Vater der nach schwerer Mühe das Werk vollbracht sah; ihm zur Rechten, eine Stufe höher als die übrigen Prinzen, stand in vollster männlicher Kraft der Sohn und nächste Erbe der jetzt so reich begnadeten Krone, und von der Tribüne oben schaute, wenn auch als zartes Kind, der Enkel dem Werke zu, dessen Grundstein zu legen Vater und Sohn da unten im Begriff standen. Drei Geschlechter wirkten mit bei diesem Hohenzollernwerk. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen, daß sie es nimmer wieder aus den Händen lassen!

Es stand noch ein Mann bei der Eröffnung des Reichstags, dem Könige näher als alle Anderen. Er stand nicht auf einer Stufe des Throns wie der Kronprinz und auch nicht zur Rechten wie die übrigen Prinzen, denn er war kein Prinz. Er stand links im Saal, dem Thron zunächst, in weißer Kürassier-Uniform und mit einem Gesicht so bleich, daß man zweifelhaft sein konnte, was weißer sei, ob das Tuch des Rockes oder das Gesicht des Mannes. Man sah es wohl, der Mann war körperlich schwer [218] leidend, aber die Muskeln waren doch noch stark genug, um die hohe, kräftige Gestalt in voller militärischer Straffheit aufrecht zu halten. Das war Graf Otto von Bismarck-Schönhausen, des Königs Wilhelm Ministerpräsident. Er hatte den größten Antheil an dem Zustandekommen des Werkes, und darum stand er ja wohl mit vollem Recht dem Thron ein paar Schritte näher als alle Anderen.

Es ist nicht allzu häufig, daß ein bedeutender Mann alsbald durch seine äußere Erscheinung sich als solcher ankündigt. Beim Grafen Bismarck ist dies der Fall. Wer den Grafen Bismarck stehen und gehen sieht, der erkennt sofort an der straffen Haltung und der ungewöhnlichen Energie bei gleichzeitiger maßvoller Eleganz und Leichtigkeit der Bewegungen, daß er es mit einem Manne von entschiedenem Charakter zu thun hat. Der starke Kopf mit den starken Gesichtszügen, die breite Stirn, der fest zusammengepreßte Mund und das leuchtende, lebhafte, wasserhelle Auge verringern auch diesen Eindruck gewiß nicht. Das Gesicht ist nicht schön, aber es ist bedeutend und es gewinnt alsbald, sowie in der Unterhaltung der regelmäßige Ernst, der jetzt auf ihm gelagert ist, der Heiterkeit und Gutmüthigkeit wieder Platz macht, die ursprünglich auf ihm ihren Ausdruck fanden. Denn das muß wahr sein, Gras Bismarck ist von Haus aus eine heitere, freundliche, warme Natur; er hätte sonst nicht so viele treue Freunde von Jugend auf gefunden, er hätte sonst nicht so viele Gewalt über die Menschen erlangen können. Es ist jetzt freilich leicht, sein Loblied zu singen. Aber seine zahlreichen Bekannten aus den Universitätszeiten her haben das immer behauptet. Ein im Bewußtsein der vollsten Jugendkraft übermüthiger, ausgelassener Gesell, sagen sie, sei er freilich auch gewesen, und leidenschaftlich und leicht aufbrausend dazu; aber ein ehrenhafter, flotter Bursch und ein – gefährlicher Schläger auf der Mensur. Nun, das hat er mit Wallenstein gemein, von dem ja unser Schiller auch sagt: „Denn zu Altdorf im Studentenkragen trieb er es, mit Permiß zu sagen, ein wenig locker und burschikos.“ Das Altdorf des Grafen Bismarck heißt freilich Göttingen, wo das Corps der Braunschweiger – ein altes Mitglied desselben ist im Reichstag und kann es mit seinen eigenen Narben belegen – damals von ihm als Senior der Hannoveraner manchen scharfen Hieb zu fühlen bekommen hat. Die Gewohnheit der scharfen Hiebe hat er beibehalten, wenn er sie auch jetzt nur mit der Zunge austheilt. Zutreffender, eleganter, schlagender Gedankenausdruck ist wenigstens seine hervorragendste Eigenschaft als Redner und würde ihm wohl unter allen Umständen die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sichern, auch wenn er nicht zu uns als preußischer Ministerpräsident zu sprechen hätte.

Es kann nicht meine Absicht sein, schon jetzt, bei der Darstellung der Eröffnung des Reichstags in den engen Rahmen meiner Schildereien ein umfassendes Bild des Grafen Bismarck zu zeichnen; der weitere Verlauf meiner Mittheilungen wird mir indeß Veranlassung geben, mit seiner politischen und persönlichen Charakteristik mich eingehender zu beschäftigen. Er gehört für alle Zeit der Geschichte an und es wäre voreilig und unberufen, wollte irgend einer seiner Zeitgenossen, zumal augenblicklich im Höhepunkt seiner glänzenden Laufbahn, der Aufgabe der Geschichtsschreibung vorgreifen. Ich kann hier nur sagen: auf dem Mann, den Hunderttausende in Deutschland noch vor einem Jahre nicht laut genug verwünschen konnten, ruhen augenblicklich die Hoffnungen von ebenso vielen Hunderttausenden. Es ruht vor Allem aber auch auf ihm die Hoffnung des Reichstags, und diese Hoffnungen werden sich erfüllen, wenn sich bewahrheitet, was uns versprochen, daß sein Werk auf den Grundlagen der bestehenden Freiheiten aufgebaut wird. Seinem Tact und Geschick wird und muß es gelingen, die widerstrebenden Elemente, die jeder große, parlamentarische Körper in sich trägt, zu vereinigen. Dafür ist er Graf Bismarck, das heißt, seit dem Freiherrn von Stein unser größter deutscher Staatsmann. Deshalb aber, weil er der eigentliche Eckstein des Reichstags ist, habe ich hier versucht, mit einigen leichten Strichen vorläufig auch seine Person zu skizziren.[1]

[232]
II.


Im Weißen Saale des Königsschlosses spielte sich nur die effectvolle Eröffnungsscene des Norddeutschen Reichstages ab, der eigentliche Schauplatz von dessen Wirksamkeit liegt anderswo. Dahin wenden wir uns jetzt. Da Ihr eigentlicher Reichstagsschilderer noch immer durch seine Parlamentsgeschäfte in der Fortsetzung der begonnenen Skizzen verhindert wird, so gestatten Sie mir wohl, daß ich einstweilen Ihre Leser in das „Haus“ einführe.

Mit einem Gefühl, welches mit gewöhnlicher Neugierde nichts zu thun hat, interessiren wir uns für die Männer, in deren Händen das Geschick Deutschlands liegt, und betreten die Räume, in denen das Norddeutsche Parlament seine so bedeutungsvollen Sitzungen hält. Das stattliche Gebäude in der Leipziger Straße Nummer drei, wohin wir uns begeben, entspricht nicht ganz den Vorstellungen eines Versammlungshauses für die Vertreter des deutschen Volkes, da es nur provisorisch zu diesem Zweck benutzt wird. Die äußere Façade erinnert an die überwundene Zopfperiode, obgleich die Geschmacklosigkeiten derselben entweder glücklich vermieden, oder durch spätere Restauration beseitigt worden sind. In den innern Räumen befinden sich die verschiedenen Bureaux und der mäßig große Sitzungssaal, in dem bis vor Kurzem das preußische Herrenhaus getagt oder vielmehr – genachtet hat.

Die Wände sind schmucklos, pompejanisch-roth gestrichen, die Decke ist in Felder getheilt, mit einfachen Rosetten von Stuck geziert, der Raum beschränkt, die Beleuchtung gerade ausreichend, dagegen die Ventilation mangelhaft, so daß bald eine drückende Schwüle, bald eine rheumaerzeugende Zugluft herrscht. An drei Seiten befinden sich die Tribünen für das Publicum und die Logen für den Hof und die Diplomatie. Einige niedrige Stufen führen zu einer Nische, die von einem gewölbten Bogen gebildet wird und gleichsam wie in der Kirche das Allerheiligste repräsentirt. Hier befindet sich der Präsidentenstuhl und das Bureau für die Beisitzer, die sehr beschränkte und darum unbequeme Rednerbühne, daneben der Tisch für die Stenographen. Zu beiden Seiten sitzen auf erhöhten Stühlen die Bundes-Commissarien an grünen Tischen. Der ganze übrige Saal wird von den Reichstagsmitgliedern eingenommen und zwar in der gewohnten Weise, daß die conservative Partei die rechten, die liberale mit ihren verschiedenen Fractionen die linken Bänke behauptet, während die Annectirten und Bundesgenossen sich auf den hintersten Plätzen niederlassen.

Bevor die Sitzung beginnt, sind bereits die Tribünen für das Publicum dermaßen überfüllt, daß man nur mit größter Mühe einen Platz erhalten kann. Die Mehrzahl muß den Verhandlungen stehend beiwohnen, da der Raum nicht auf eine so große Zuhörermenge berechnet ist. Die Debatten des sonst hier ansässigen Herrenhauses waren so wenig verlockend und so selten [233] besucht, daß, wie der Berliner Witz behauptet, sich hier nur Liebende zum Rendezvous einstellten, weil sie sich vor jeder Störung sicher fühlten. Das ist jetzt anders geworden und der Andrang so stark, daß nur wenig Begünstigte ein Billet erlangen und von den mehr als sechshunderttausend Einwohnern, welche Berlin zählt, kaum zweihundert das Glück genießen, die Vertreter der deutschen Nation zu hören und zu sehen. Dieser Uebelstand ist um so beklagenswerther, weil die stenographischen Berichte nur ausnahmsweise in die Hände des Publicums gelangen, die Mittheilungen der Zeitungen aber blos ein verstümmeltes Bild geben und das gedruckte Wort niemals die gesprochene Rede in ihrer lebendigen Unmittelbarkeit zu ersetzen vermag. Die Zuhörer selbst gewähren ein interessantes Bild und bieten dem Beobachter hinlängliche Gelegenheit, die politischen Strömungen und die öffentliche Meinung kennen zu lernen. Hier sitzt ein wohlgesinnter, für Bismarck schwärmender Landjunker neben einem entschiedenen Demokraten, dort ein neugieriger Fremder, der seinen aufmerksamen Nachbar durch fortwährende Fragen nach den hervorragendsten parlamentarischen Größen stört, Freunde und Landsleute eines Deputirten, welche auf den Augenblick lauern, wo der Cicero ihres Kreises das Wort ergreifen und einen Triumph feiern wird, von dem sie in der Heimath erzählen können. Auch das weibliche Geschlecht ist hier vertreten und man muß in der That die Ausdauer bewundern, mit welcher diese Damen oft mehrere Stunden die drückende Hitze und das Gedränge ertragen. Bei wichtigen Verhandlungen und entscheidenden Abstimmungen nehmen die Tribünen lebhaft Theil, die gespannten Gesichter, die bald hoffnungsvollen, bald getäuschten Physiognomien, die unwillkürlichen Zeichen des Beifalls oder der Mißbilligung verrathen hinlänglich die innere Erregung und man kann darnach leicht auf das politische Glaubensbekenntniß der Einzelnen schließen.

Minder besucht ist die Diplomaten-Loge, wo man nur selten einen fremden Gesandten, einen höheren Officier oder einen jungen Attaché in untadliger Toilette und gelben Glacéhandschuhen sieht. Dagegen ist die sonst verlassene Hofloge fast immer angefüllt. Nur selten fehlt der Kronprinz, der mit großer Aufmerksamkeit der Debatte zu folgen scheint und meist von Anfang bis zum Ende den Sitzungen beiwohnt. Schwerlich wird ein Fremder in dem bescheidenen jugendlichen Officier mit den wohlwollenden, angenehmen, aber keineswegs imponirenden Zügen den tüchtigen Feldherrn und preußischen Thronfolger ahnen; eben so wenig wie in der anmuthigen, zwar elegant, aber einfach gekleideten Dame an seiner Seite die beliebte Kronprinzessin Victoria. Beide tauschen von Zeit zu Zeit einen Blick des Einverständnisses, ein vertrauliches Lächeln, wodurch sie ihr Interesse an den Verhandlungen verrathen. Auch der Prinz und die Prinzessin Karl von Preußen sind eifrige Besucher des Norddeutschen Parlaments, das jedenfalls sich in den hohen und höchsten Kreisen einer größeren Gunst zu erfreuen scheint als das preußische Abgeordnetenhaus. Von fürstlichen Gästen sieht man hier zuweilen die Großherzoge von Weimar und von Baden, von denen besonders der Letztere einen überaus guten Eindruck durch sein schlichtes, freundliches Wesen macht. – Gegenüber der Tribüne befindet sich die Journalisten-Loge, wo die Vertreter der Presse, darunter manche bekannte und interessante Persönlichkeit, mit der Feder in der Hand die Verhandlungen nachschreiben und redigiren; eine Arbeit, deren Schwierigkeit und anstrengende Mühe gewiß nur wenig Zeitungsleser ahnen, abgesehen von der damit verbundenen Gefahr, da selbst die wortgetreue Veröffentlichung der gehaltenen Reden nicht vor Verfolgung und Strafe schützt.

Unterdeß haben sich die Mitglieder des Reichstags allmählich zu der bevorstehenden Sitzung eingefunden, zum Theil ihre Plätze eingenommen, zum Theil verschiedene Gruppen gebildet. In der vordersten Reihe bemerkt man auf der rechten Seite des Hauses einige höhere Officiere in ihren Uniformen. Der Jüngste von ihnen, eine kräftige Gestalt mit einer offenen soldatischen Physiognomie, den dunklen Schnurrbart in die Höhe gedreht, in kleidsamer blauer Husarenjacke ist der Prinz Friedrich Karl, der siegreiche Feldherr in den Kriegen gegen Dänemark und Oesterreich. Mit militärischer Gewissenhaftigkeit übt er die Pflichten eines Deputirten und obgleich er meist mit der Rechten stimmt; bewahrt er sich doch die vollkommene Freiheit seiner Meinung, indem er nicht selten, wie z. B. bei der Frage über die Zulassung des Abgeordneten Moritz Wiggers, seiner besseren Ueberzeugung ohne jede Parteirücksicht folgt. Dort der ältere General, eine schlanke, etwas vorgebeugte Gestalt, auf der ein geistig feiner Kopf mit schlichten, grauen Haaren ruht, ist der berühmte Stratege von Moltke. Sein kluges, von zahlreichen Falten und Fältchen durchfurchtes Gesicht, der forschende, bald beobachtende, bald nach innen gekehrte Blick verrathen combinirenden Verstand und tiefes Nachdenken, mehr den gelehrten, sinnenden Rechenmeister als den praktisch ausführenden Krieger. Sein Gegenbild ist der tapfere General von Steinmetz, eine echte Soldatennatur, wettergebräunt, fest, gedrungen, mit straffer Haltung, trotz des Alters und der silberweißen Haare jugendlich frisch, in seinen Bewegungen und in der ganzen Haltung der Repräsentant militärischer Disciplin und Tüchtigkeit, mit einem naiven Anstrich, der sich unwillkürlich auch bei der Ausübung seiner jetzigen ungewohnten parlamentarischen Functionen kund giebt. Zwischen diesen beiden Gegensätzen nimmt der General Vogel von Falckenstein eine vermittelnde Stellung ein, indem er in seiner ganzen ritterlichen Erscheinung mit energischer Thatkraft eine seinem Rang entsprechende höhere Bildung zu verbinden weiß. Von allen diesen gefeierten Feldherren haben bis jetzt nur Moltke und Falkenstein Proben ihrer Beredsamkeit abgelegt, die andern scheinen nach den vollbrachten Thaten das Wort zu verschmähen, obgleich die großen Führer des Alterthums, ein Themistokles und Cäsar, nicht nur auf den Schlachtfeldern durch das Schwert, sondern auch in den Volksversammlungen und im Staat durch ihren Geist glänzten.

Weit zahlreicher als der Militärstand ist die hohe Aristokratie vertreten, welche vorzugsweise auf den ersten Bänken der rechten Seite ein ansehnliches Contingent von Herzögen, Fürsten und Grafen liefert. Wenn schon dieselben bis auf wenige Ausnahmen zur conservativen Partei gehören, so ist doch die Zeit und besonders das Jahr 1866 auch an unseren „kleinen Herren“ nicht spurlos vorübergegangen. Auch in ihren Ansichten und in ihrer politischen Stellung ist eine mehr oder minder bedeutende Wandlung eingetreten und macht sich die Spaltung bemerkbar, von der eben so gut die Conservativen wie die Liberalen in Folge der letzten Ereignisse ergriffen worden sind. Durch diesen inneren Zersetzungsproceß ist die sogenannte freie conservative Fraction entstanden, welche ungefähr die Stellung der englischen Tories einzunehmen sucht, überzeugt, daß ein starres Festhalten an den feudalen Grundsätzen früher oder später den Untergang des Adels herbeiführen muß. An ihrer Spitze steht der Herzog von Ujest, dessen staatsmännisches Talent gerühmt wird. Derselbe ist ein eleganter Herr, eben so sicher im Parlament, wie im Salon und in der Gesellschaft, wo er manchen Triumph gefeiert haben soll. Sein Vater war der bekannte Fürst von Hohenlohe, ein großer Musikfreund, der auf seinen Gütern in Oberschlesien eine förmliche Colonie von Musikern gegründet hatte und eine ausgezeichnete Capelle unterhielt. Auf derselben Bank sitzt der Herzog von Ratibor, einer der liebenswürdigsten Cavaliere, Verehrer der Kunst und selbst talentvoller Maler, der mit geschickter Hand während der Sitzung die hervorragendsten Mitglieder des Reichstages treffend ähnlich porträtirt. Seine Schwester, eine Prinzessin von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, hat ihrem früheren Zeichenlehrer, dem talentvollen Hofmaler Lauchert, aus Neigung und mit Zustimmung ihres erlauchten Bruders die Hand gereicht. Eine gleiche politische Richtung wie die beiden Genannten vertreten noch die Grafen Bethusy-Huc und Renard, dessen volles rosiges Gesicht einen höchst behaglichen Eindruck macht. Auch diese Herren scheinen den Spruch zu beherzigen, daß Reden Silber, Schweigen Gold sei, nur Graf Bethusy macht zuweilen eine Ausnahme, obgleich er keineswegs durch rhetorisches Talent sich auszeichnet.

Der Führer dagegen der streng conservativen Fraction ist Graf Eberhard von Stolberg-Wernigerode, der sich als Commandeur und Kanzler des Johanniterordens in dem letzten Kriege wahrhafte Verdienste um die Pflege der Verwundeten auf den Schlachtfeldern und in den Lazarethen erworben hat. Die eigentliche Seele der Feudalen ist ein Bürgerlicher, der bekannte Geheimrath und frühere Redacteur der Kreuzzeitung, Herr Wagener. Derselbe wurde 1815 geboren, studirte in Berlin die Rechte und arbeitete unter dem reactionären Präsidenten Senfft von Pilsach bei der Regierung zu Frankfurt an der Oder an den Meliorationsanlagen. Als Consistorialassessor in Magdeburg wurde er durch das Ministerium Schwerin im Jahre 1848 zum Austritt aus dem Staatsdienst veranlaßt, worauf er die [234] Neue Preußische Zeitung gründete und mit eben so vielem Geist wie Geschick die feudalen Interessen vertrat, wobei er allerdings in der Wahl seiner Waffen nicht gerade allzu scrupulös und bedenklich war. Zum Lohn für seine mannigfachen, offenen und geheimen Dienste erhielt er bekanntlich von der kleinen, aber mächtigen Partei das Rittergut Dummerwitz zum Geschenk. Nach seinem Rücktritt von der Redaction wurde er später unter dem Ministerium Bismarck zum vortragenden Rath ernannt. Als Redner zeigt Herr Wagener eine rücksichtslose Dreistigkeit, die selbst bei seinen Gesinnungsgenossen zuweilen Anstoß erregt. Sein fließender Vortrag hat jedoch etwas Monotones, Trockenes, wie seine ganze knöcherne und wenig sympathische Gestalt, doch müssen selbst seine Gegner seinen scharfen Verstand anerkennen. In seinen Ausdrücken ist er nicht besonders wählerisch und seine Bilder sind nicht eben glücklich und geschmackvoll, so wenn er von der „Vollblutstute Germania“ spricht, oder die Verfassung „nicht eine Parlaments-, sondern eine Regimentstochter“ nennt. Von allen Conservativen hat er der socialen Frage die größte Aufmerksamkeit geschenkt und sich vielfach den Arbeitern genähert, um aus einer solchen gefährlichen Verbindung politisches Capital zu machen und die ihm verhaßte Bourgeoisie einzuschüchtern. Jedenfalls ist Herr Wagener seit dem Tode Stahl’s, mit dem er sich jedoch in keiner Weise vergleichen läßt, das bedeutendste Mitglied seiner Partei und ein durchaus nicht zu unterschätzender Gegner, da es ihm weder an politischer Begabung noch an energischer Kühnheit fehlt. Auf derselben Seite sieht man noch den Fürsten von Pleß, einen der reichsten Grundbesitzer Schlesiens, und den Fürsten Lichnowsky, den Bruder jenes abenteuerlichen, aber genialen Felix Lichnowsky, den ein tragisches Geschick bei dem Volksaufstande in Frankfurt am Main ereilte. Die Aehnlichkeit zwischen Beiden scheint mehr eine äußere als innere zu sein und sich lediglich auf eine gewisse Lebenslust zu beschränken. Nicht unerwähnt darf unter den Conservativen Herr von Blankenburg bleiben, dessen Erscheinung und Beredsamkeit stets mit der gebührenden Heiterkeit begrüßt wird, obgleich sein Humor in letzter Zeit, seitdem er eine ministerielle Schwenkung gemacht, wesentlich gelitten hat. Auch Herr Hans Köster, der Dichter verschiedener unaufgeführter Dramen und Gatte einer einst berühmten Sängerin, geht mit der Rechten durch Dick und Dünn, während er durch seine pathetischen Reden eine unbewußte Komik entfaltet.

Im Ganzen erscheint jedoch die conservative Partei im Norddeutschen Parlament, wo sie die Majorität hat, minder schroff, weniger energisch und kampflustig, als im preußischen Herrenhause. Die Gewalt der Thatsachen und der unabweisbare Einfluß der Regierung hat die Principien erschüttert, die starren Consequenzen abgeschwächt und dem eigentlichen Junkerthum die Spitzen abgebrochen, so daß ihm eine unausbleibliche Krisis droht. Auch hier wiederholt sich das Schauspiel der Inconsequenz, der Schwankung und des Abfalls, welche die beginnende Auflösung, zugleich aber die Neubildung dieser Partei auf einer gänzlich veränderten Basis bedingen, wenn dieselbe nicht früher oder später ein klägliches Ende, trotz ihres vermeintlichen Sieges, nehmen will.

Das allgemeine directe Stimmrecht ist die täuschende Lorelei, welche das Junkerthum in den Abgrund zieht. Nicht ungestraft darf man selbst den Schein der Freiheit annehmen; sie rächt sich nicht nur an ihren Feinden, sondern auch an ihren falschen Freunden.

[251]
III.

Eine interessante Gruppe bildet das zusammengeschmolzene Häuflein der Altliberalen, der oft verspotteten Gothaner. Aus ihrer Mitte ist der Präsident des Reichstags, Herr Dr. Simson, hervorgegangen. Derselbe hat, abgesehen von seinen sonstigen Verdiensten, eine geschichtliche Bedeutung dadurch erlangt, daß er an der Spitze der Frankfurter Deputation stand, welche Friedrich Wilhelm dem Vierten die von diesem ausgeschlagene Kaiserkrone anbot. Später bekleidete er längere Zeit im preußischen Abgeordnetenhause die Stelle des Präsidenten und zeichnete sich als Abgeordneter durch seine entschiedene Opposition gegen die Regierung und durch sein unbestrittenes Rednertalent aus. Er ist der geborene parlamentarische Ober-Ceremonienmeister, wozu er sich durch seine genaue Kenntniß der üblichen Formen und durch seine ganze würdige Erscheinung eignet. Mit classischer Ruhe sitzt er auf dem Präsidentenstuhl gleich einem alten Römer, dem nur die Toga fehlt, das geistvolle Haupt auf die Brust gesenkt, die Hand nach der Glocke ausgestreckt, mit welcher er jeden drohenden Sturm zu beschwichtigen weiß. Mit seltener Klarheit folgt er der Debatte, entscheidet er die verwickeltsten Punkte der Fragestellung, ordnet er die Reihenfolge der Amendements, Unteramendements und der Anträge, ertheilt er das Wort oder unterbricht er die Redner, wenn sie im Eifer des Gefechts von der Sache abschweifen und bei persönlichen Bemerkungen das Maß des Erlaubten überschreiten. Wie ein Gott schwebt er über den sich bekämpfenden Parteien, bringt er Licht und Ordnung in das parlamentarische Chaos. Als Redner entwickelt Simson eine große Eleganz und Feinheit; seine Perioden sind sorgfältig ausgearbeitet und gefeilt, Bilder und Gleichnisse mit Geschmack gewählt, der Witz, der ihm zu Gebote steht, verräth classische Bildung, attisches Salz, geistreiche Pointen. Seine Worte erscheinen, wie er selbst, immer à quatre épingles, im schwarzen Leibrock, mit Glacéhandschuhen, weißer Cravatte und Manschetten. Er spricht wie sein Vorbild Cicero „ore rotundo“, mit salbungsvoller Würde, mit einer gewissen Grazie, selbst wenn er seinen Gegner angreift und einen Stoß gegen dessen Blößen führt. Er begeistert nicht, er reißt nicht hin, aber man hört ihn gern und bewundert sein rhetorisches Talent, seine klaren Gedanken, seinen schönen Periodenbau und auch seine ehrenwerthe Gesinnung.

Aus ganz anderem Holz geschnitzt und aus einem andern Thon geformt ist der aus alten Zeiten wohlbekannte Herr von Vincke (Hagen). Wenn der Präsident Simson sich mit einem ruhig leuchtenden Fixstern vergleichen läßt, so schweift sein politischer Freund und Gesinnungsgenosse als ein rastloser, mehr blendender als erhellender Komet an diesem parlamentarischen Himmel. Immer beweglich wie Quecksilber, ist er selten auf seinem Platz zu finden, sondern stets im Saale herumirrend, gleich einem Pendel hin- und herschwankend zwischen dem Ministertisch und den Bänken der Rechten, in den Gängen und verschiedenen Ecken des Saales, wo er sich wie ein Kreisel herumtreibt, indem er bald dem alten General Steinmetz die Hand drückt, bald mit einem Bundescommissär eifrig spricht. Sein geröthetes Gesicht mit den hängenden Wangen und dem vorspringenden Kinn erinnert einigermaßen an die geistreiche Caricatur des englischen „Punch“. Der graue, fast weiße Kopf steckt tief in den hochgezogenen Schultern, die Hände verschwinden abwechselnd in den Armlöchern seiner Weste oder in den Hosentaschen. So sitzt er, wenn er überhaupt sitzt, mit einer unnachahmlichen Nonchalance in lauernder Stellung wie ein Jäger auf dem Anstand. Plötzlich springt er auf und ergreift nicht die Büchse, aber das Wort. Er spricht oder widerspricht vielmehr, da sein eigentliches Element der Widerspruch mit sich und Andern ist. Die verkörperte Opposition, ausgerüstet mit einer seltenen Schlagfertigkeit und einem angeborenen Witz, feierte er auf dem „Vereinigten Landtage“ die größten Triumphe gegen die Regierung, welche ihm die Bewunderung seiner Zeitgenossen und den Namen des „preußischen Mirabeau“ eintrugen. Seitdem ist sein Ruhm verblaßt, sein Witz gealtert und gegenwärtig kämpft er auf Seiten der Regierung öfters gegen seine früheren politischen Freunde, ohne daß man ihn direct der Apostasie beschuldigen kann wofür seine unabhängige Stellung bürgt. Im Grunde ist er der Alte geblieben, ein rücksichtsloser Parteigänger, ein kühner Stegreifritter, der den Kampf um des Kampfes willen liebt und sich mit jedem Gegner herumrauft, um seine Ueberlegenheit zu zeigen. Seine Junkernatur kann sich nicht verleugnen und bricht immer wider Willen hervor; hätte er keinen andern Gegner, so würde er mit sich selbst oder mit seinem Schatten anbinden. Sein unbestrittener Witz ist gewöhnlich gegen die Person und nicht gegen die Sache gerichtet, wo er aber ernst oder gar pathetisch wird, erregt er oft blos Lachen, was ihn jedoch nicht stört, wenn nur gelacht wird. Schade, daß ein so großes Talent, eine so reich begabte Natur sich selbst zerstört und den einst erworbenen Ruf eines hochgeehrten Freiheitskämpfers den subjectiven Gelüsten, dem vorübergehenden Erfolge opfert. – Auf derselben Seite finden wir noch den Grafen Schwerin, dessen mehr bürgerliche als aristokratische Erscheinung ein unbedingtes Vertrauen mehr zu seiner Gesinnung als zu seiner Thatkraft einflößt, den schlesischen Grafen Dyhrn, einen gemüthlichen Liberalen, mit der Figur und dem Humor eines Fallstaff, und den Professor Max Duncker, der als Verfasser einer Geschichte des Alterthums bekannt ist und als vortragender Rath des Kronprinzen lange Zeit ein Dorn in den Augen der reactionären Hofpartei war, die sich jedoch durch seine Haltung mit ihm jetzt ausgesöhnt zu haben scheint. –

Hinter den Altliberalen sitzen die Mitglieder der neugebildeten national-liberalen Fraction, die sich hauptsächlich aus der Fortschrittspartei recrutirt hat. An ihrer Spitze steht Herr Twesten, dessen Talent und Charakter selbst von seinen Gegnern hochgeachtet werden. Als echter Deutscher folgt er seiner individuellen Ueberzeugung bis zum Eigensinn, auch wenn er damit bei seinen Freunden Anstoß erregen und vollkommen isolirt stehen sollte. Es liegt in seinem ganzen Wesen etwas Abstractes oder vielmehr ein ideeller Zug, der auch in der sinnigen Physiognomie, in dem geistig ruhigen Ausdruck seines Gesichtes, in der ganzen bescheiden reservirten Haltung sich kund giebt. Dabei fehlt es ihm nicht an staatsmännischer Einsicht, an praktischem Verständniß, an Scharfblick und Klarheit. Daß er Muth und Energie besitzt, hat sowohl der frühere Chef des königlichen Militärcabinets, General von Manteuffel, wie der Herr Justizminister Graf zur Lippe erfahren. Trotz dieser ausgezeichneten Eigenschaften, wie sie selten in einem Mann zusammengefunden werden, vermißt man jedoch an Twesten die hinreißende Macht der Begeisterung, die Gewalt der Leidenschaft, die zündende Kraft des Wortes, welche blitzähnlich die Hörer entflammt. Seine Rede ist stets überzeugend, so klar und scharf wie ein heller Wintermorgen, frei von jeder Phrase, fern von allem falschen Pathos, aber sie erwärmt nicht, wenn wir ihr auch meist mit ganzer Seele zustimmen müssen; sie gleicht mehr einer Denkschrift, als der freien Eingebung des Genius. Twesten ist ein eifriger Philosoph und Verehrer Kant’s, dessen kategorischer Imperativ gleichsam die Richtschnur seines Lebens und politischen Wirkens, der Schlüssel zu dem ganzen Charakter zu sein scheint.

Eine eigenthümliche Stellung nehmen die Professoren Gneist und von Sybel in der Versammlung des Norddeutschen Parlaments ein. Beide berühmte Gelehrte und ausgezeichnete Redner, Mitglieder der entschiedensten Opposition im preußischen Abgeordnetenhause, haben in jüngster Zeit eine bemerkenswerthe Umwandlung in ihren Meinungen und politischen Ansichten erlitten und von Neuem den Beweis geliefert, daß ein deutscher Professor zu den incommensurabeln Größen gehört, indem er aus lauter Respect vor einer „imponirenden That“ die Besinnung verliert und die seltsamsten Extravaganzen begeht. Freilich hat besonders Herr von Sybel schon früher sein Talent für solche Metamorphosen vielfach nachgewiesen, so wenn er in seinen historischen Schriften dem despotischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm dem Ersten nachrühmt, daß dieser absoluteste Herrscher stets nur der öffentlichen Meinung seiner Unterthanen Rechnung getragen habe, die er bekanntlich in landesväterlicher Milde eigenhändig mit dem Stock tractirte. Eben so eigenthümlich waren die Auslassungen des Herrn von Sybel über das deutsche Kaiserthum und die polnische Geschichte. Doch sind alle diese Paradoxen und geistreichen Balancirkünste nur Kleinigkeiten gegen den letzten Luftsprung des berühmten Historikers, der in der That einem wahren salto

[252]
Die Gartenlaube (1867) b 252.jpg

Der Reichstag in Berlin.
1. Simson, der Präsident des Reichstags.

2. General v. Steinmetz. 17. Lette.
3. Graf Stollberg. 18. v. Bennigsen.
4. v. Savigny. 19. v. Hennig.
5. Graf Bismarck. 20. v. Forckenbeck.
6. v. d. Heydt. 21. v. Unruh.
7. v. Itzenplitz. 22. Twesten.
8. General v. Falckenstein. 23. Julius Wiggers.
9. v. Moltke. 24. Moritz Wiggers.
10. v. Roon. 25. Braun (Wiesbaden).
11. v. Vincke (Hagen). 26. Michaelis.
12. Prinz Friedrich Karl. 27. Lasker.
13. Harkort. 28. Schulze-Delitzsch.
14. Graf v. Schwerin. 29. v. Vaerst.
15. Graf Dyhrn. 30. Waldeck.
16. Römer. 31. Duncker.

[254] mortale seines Rufes gleicht. Als Redner hat Herr von Sybel im preußischen Abgeordnetenhause mehrmals großes Triumphe gefeiert, die jedoch schwerlich seine letzte Niederlage aufwiegen. Seine damaligen Reden strotzten von geistreichen Impromptus und Gedankenblitzen, welche jedoch zuweilen an das Collegienheft und die Studirlampe erinnerten. Er spricht, als ob er wie Demosthenes Kieselsteine im Munde hätte, und kaut die Worte, indem er sie in einzelne Sylben zerreißt, so daß man seine Reden lieber liest als hört. Der breite Ton paßt zu der gedrungenen Figur, dem runden Gesicht und der etwas selbstbewußten Haltung.

Wie Sybel ist auch Professor Gneist vom Katheder in die Reihen der politischen Opposition getreten, nachdem er seinen Abschied als Hülfsarbeiter bei dem Obertribunal in Berlin genommen hatte, wo ihm trotz seines großen Talentes keine Beförderung zu Theil wurde. Wegen seiner freisinnigen Richtung wurde er im Jahre 1848 für die Nationalversammlung, im Jahre 1849 für die zweite Kammer als Candidat aufgestellt, unterlag aber seinem damaligen Mitbewerber Johann Jacoby. Erst 1858 wählte ihn die Stadt Stettin und 1862 der Mansfelder Kreis zu ihrem Deputirten. In dieser Eigenschaft nahm Gneist bald vermöge seiner hohen Bildung und seiner Beredsamkeit eine hervorragende Stellung in der Fortschrittspartei ein, wo er als der unermüdliche Bekämpfer der Cabinetspolitik gegen das Ministerium Bismarck auftrat. Den Glanzpunkt seiner politischen Thätigkeit bildete seine berühmte Rede am 6. October 1863 über das Budgetrecht des preußischen Abgeordnetenhauses, ein rhetorisches Meisterstück, ebenso ausgezeichnet durch den innern Gehalt, ihre unerbittliche Logik und schlagenden Gründe, wie durch die Fülle der Gedanken und die vollendete Form. Dagegen zeigte Gneist bei manchen andern Gelegenheiten ein bedenkliches Schwanken, eine gewisse Neigung zu doctrinären Theorien und juristischer Spitzfindigkeit, so daß er öfters die Erwartungen täuschte, welche Freunde wie Gegner von ihm hegten. Unwiderstehlich, hinreißend, wo das ihm innewohnende Rechtsbewußtsein ihn leitet, wo er auf dem festen Boden des Gesetzes steht, erscheint er haltlos, gewunden und sophistisch, wenn ihm dieser Compaß fehlt. Sein Charakter hält nicht immer gleichen Schritt mit seinem großen Talent, und schwerlich möchte er wie Cato immer auf Seite der Besiegten stehen. Dieser Mangel an zäher Ausdauer und unerschütterlicher Beharrlichkeit spricht sich für den aufmerksamen Beobachter in der ganzen nervösen Erscheinung, in den spitzen Zügen, den unter der goldenen Brille rastlos umherschweifenden Augen und dem reizbaren Temperament aus, während das zur Bedeckung der Hauptblößen sorgfältig nach vorn gestrichene Haar eine leicht verzeihliche Eitelkeit verräth. Minder talentvoll und bedeutend, aber dafür zuverlässiger und fester sind die Herren von Bockum-Dolffs und der frühere sächsische Minister von Carlowitz, eine stattliche Figur, aber Beide mit einer so schwachen Stimme, daß diese meist wirkungslos verhallt. Da ist ferner der würdige Präsident Lette, der Begründer und Vater zahlreicher Vereine und gemeinnütziger Gesellschaften, und neben ihm der kleine, gewandte Assessor, Doctor Lasker, unermüdlich als Antragsteller, klar, scharfsinnig, aber noch allzu beweglich und lebendig. Er ist darum nicht frei von oft unbegreiflichen Inconsequenzen und Widersprüchen.

Aus den gelichteten Reihen der Fortschrittspartei ragt vor Allen eine hohe Greisengestalt hervor, mit weißen, abstehenden Haaren und schmalem Rundbart, energischen Zügen, trotz des Alters jugendlich frisch in allen ihren Bewegungen. Eine schwarze Binde bedeckt das eine kranke Auge, während das andere klar und feurig blitzt. Das ist der alte Waldeck, der unerschütterliche Freiheitskämpfer, fest und kernig, sturmerprobt wie die tausendjährigen Eichen seiner westphälischen Heimath. Sein Leben ist bekannt und die Verfolgungen, die er seiner Ueberzeugung willen erlitten, bilden das traurigste Blatt in der Geschichte der preußischen Justiz. Selbst der Staatsanwalt bezeichnete die gegen Waldeck erhobenen Beschuldigungen als ein frivoles Bubenstück. Der Sohn der rothen Erde ist der geborene Volkstribun; ungebeugt trotzt er jedem Sturm, steht er noch immer in den vordersten Reihen der Demokratie, ob auch links und rechts die Andern schwanken und sich der Gewalt der Thatsachen fügen. Als „getreuer Eckart“, wie er sich selbst nennt, sitzt er vor dem Venusberg und warnt die Schwachen vor der Verführung, mahnt er das Volk, sich nicht von noch so glänzenden Versprechungen und Erfolgen blenden zu lassen. Er liebt sein Vaterland, aber noch mehr die Freiheit, für die das größte Opfer nicht scheut. Niemals ist er auch ein Haar breit von seinen Grundsätzen abgewichen, seiner Ueberzeugung auch nur im Gedanken untreu geworden. Seine Reden sind von dem Feuer der Begeisterung durchglüht, obgleich er kein Redner in der hergebrachten Weise genannt werden kann. Seine Stimme klingt gewöhnlich dumpf und grollend, seine Perioden sind nichts weniger als schulgerecht, seine Ausdrücke weder gewählt noch elegant. Dennoch ist die Wirkung überraschend und meist hinreißend, wenn er die Tribüne betritt und die Worte wie Donnerkeile schleudert, während sein Gesicht glüht, seine Augen blitzen. Von ihm gilt der bekannte Satz, daß die Leidenschaft beredt macht, im vollsten Maße. Meist stockend und abgebrochen beginnt seine Rede, als holte er sie aus der Tiefe seiner Brust mühsam herauf, erst nach und nach überwindet er den Widerstand, schmilzt das spröde Erz unter der gewaltigen Gluth, schmiedet er die Waffen, mit denen er für die Freiheit kämpft und ihre Gegner vernichtet. Wehe dem, der ihm in den Weg tritt, ihn zu unterbrechen wagt! Selbst die kühnsten Lacher auf der rechten Seite verstummen sogleich, wenn Waldeck mit drohend aufgehobener Hand und erhobener Stimme bei solchen Gelegenheiten ihnen zuruft: „Ich verbitte mir Ihr Lachen!“ Sein Blick, seine Geberden haben in diesen Augenblicken etwas Niederschmetterndes, Ueberwältigendes und eine tiefe Stille folgt einer derartig aufregenden Scene. Es ist die Macht der Persönlichkeit, die Gewalt eines festen Charakters, die sich unwillkürlich Achtung und Gehör verschafft. Was aber Waldeck spricht, findet stets einen Widerhall in den Herzen des Volkes und übt einen unbeschreiblichen Einfluß aus. Mag er auch als Redner sich zuweilen von seiner Leidenschaftlichkeit überwältigen lassen, als Parteiführer die Consequenz bis zum Eigensinn treiben, mögen Andere ihm auch an Talent und staatsmännischer Einsicht, obgleich ihm diese keineswegs mangelt, überlegen sein, so bleibt Waldeck wie im Abgeordnetenhause auch im Reichstage die Stütze und Säule der preußischen Demokratie, der unbesiegte Held der Freiheit.

Dieselbe Popularität wie Waldeck genießt Schulze-Delitzsch, der Vater und Begründer des deutschen Genossenschaftswesens, wodurch er sich allein schon ein unvergängliches Verdienst erworben hat. Minder schroff als der alte Volkstribun, verleugnet er eben so wenig wie dieser seine Grundsätze, bleibt er sich selbst unter allen Verhältnissen treu. Seine gedrungene untersetzte Gestalt, die breite Brust, das mächtige Organ verkündigen den eigentlichen Volksredner, der die Massen durch die Gewalt des Wortes zu ihrem eigenen Besten zu lenken weiß. Aber auch im Reichstag wie im preußischen Abgeordnetenhause übt seine vom Herzen kommende und zum Herzen dringende Sprache einen bedeutenden Einfluß, obgleich er hier seltener und nur in den wichtigsten Fragen das Wort ergreift. Mit großer Klarheit der Ansichten verbindet Schulze eine wohlthuende Wärme des Gefühls, die sich öfters zu hinreißender Begeisterung steigert. Auch der Witz oder vielmehr ein schalkhafter Humor steht ihm zu Gebote, ohne daß er je verletzend wird wie Vincke. Seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine ehrenhafte Gesinnung und heitere Laune versöhnen selbst seine politischen Gegner und erwerben ihm zahlreiche Freunde. Durch diese Eigenschaften und sein bekanntes Organisationstalent wird er zum Vermittler der oft sich entgegenstehenden Ansichten innerhalb seiner Partei, bildet er den festen Kitt, das Bindemittel zwischen den leider oft auseinander fallenden Elementen. Seine Thätigkeit ist bewunderungswürdig, seine Arbeitskraft unerschöpflich, seine ganze sociale und politische Wirksamkeit in und außerhalb des Hauses unersetzlich.

In seiner Nähe sitzt ein schlanker Herr, mit röthlichem, schon etwas ergrautem Demokratenbart, nicht ohne rhetorisches Talent und besonders mit einem klangvollen Organ begabt, von dem er auch fleißig Gebrauch macht. Das ist der Verlagsbuchhändler und Herausgeber der „Volkszeitung“ Franz Duncker, Bruder des bereits genannten Professors und wie dieser Mitglied einer interessanten Familie, in der sich alle politischen Schattirungen und Ansichten, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, und alle möglichen Farbennüancen, Schwarz-Weiß, Schwarz-Roth-Gold u. s. w. vorfinden. Dort sammelt sich eine belebte Gruppe, um den erst später eingetretenen Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses Max von Forckenbeck zu begrüßen, dessen parlamentarischer Tact ihm von allen Seiten die reich verdiente Anerkennung erworben hat. Sein offenes männliches Gesicht verräth eine große Intelligenz, verbunden mit vieler [255] Ruhe und Besonnenheit, Eigenschaften, die er in seiner Stellung auf das Beste anzuwenden weiß. In seinen Reden zeigt er ein gediegenes Wissen, eine lichtvolle Klarheit, großen Scharfsinn und juristische Routine, obgleich er weniger durch sein rhetorisches Talent als durch seine ausgezeichneten Commissionsberichte, besonders über die Militärfrage, im Abgeordnetenhause sich einen wohl verdienten Namen erworben hat. Bescheiden im Hintergrund hält sich Moritz Wiggers, eine schmächtige Gestalt mit feinen, nicht uninteressanten Zügen, die sich erst beleben, wenn er von den Leiden und den Uebelständen seines Vaterlandes Mecklenburg spricht. Der Klang seiner nicht allzu kräftigen Stimme hat etwas Ergreifendes und erinnert unwillkürlich an sein trauriges Geschick. Bekanntlich war Wiggers das Opfer der Reaction, die ihn auf das Aeußerste mit ihrem Haß verfolgte. Wegen Begünstigung der Flucht Kinkel’s angeklagt und freigesprochen, wurde er in den Rostocker Hochverrathsproceß verwickelt und zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, indem man willkürlich dem betreffenden Gesetze eine rückwirkende Kraft zuerkannte. In der Strafanstalt zu Dreibergen wurde Wiggers als gemeiner Sträfling behandelt und mit Abschreiben geistloser pietistischer Predigten beschäftigt, nachdem er die ihm angesonnenen Schuhmacher-Arbeiten abgelehnt. Trotz aller Anstrengungen, seine Wahl anzufechten, sitzt jetzt der ehemalige Zuchthäusler im deutschen Reichstage, dem seine Anwesenheit zur Ehre gereicht. –

[266]
IV.


Auf den Bänken der äußersten Linken sitzt das grollende Häuflein der Polen wie eine finstere Mahnung an das alte Unrecht, nur um bei jeder Gelegenheit ihren Protest gegen die Gewalt der Thatsachen zu erheben. Ihre beiden Hauptvertreter sind die Herren Kantak und Dr. Niegolewski; der Erste, eine hohe, kräftige Gestalt, mit einem interessanten Gesicht, das nur durch eine krankhafte Bildung der Nase verunstaltet wird, drückt sich leicht und fließend in der deutschen Sprache aus und vertheidigt die Rechte seines Volkes mit großer Kraft und Energie. Dagegen erscheint Herr Niegolewski als die verkörperte Klage, als die lebendige Elegie der polnischen Nation. Ein tiefer, innerer Schmerz lagert in den bleichen Zügen, in der düster gefalteten Stirn, in den dunklen, zurücktretenden Augen. Unwillkürliches Mitgefühl ergreift den Hörer, wenn der Redner mit dumpfer Stimme und erschütterndem Pathos von der einstigen Größe, von dem traurigen Schicksal seines unglücklichen Vaterlandes spricht und durch seine vergeblichen Klagen und Beschuldigungen nur die gerechten und darum doppelt schmerzlichen Entgegnungen der deutschen Mitglieder des Reichstags und besonders die wahrhaft vernichtende Kritik, die historische Beleuchtung des Ministerpräsidenten hervorruft.

Minder tragisch sind die hier am Ende des Saales auf der rechten Seite sitzenden Vertreter der dänischen Interessen, die Herren Krüger und Ahlemann aus Nordschleswig, welche sich ebenfalls durch ihr fortwährendes, erfolgloses Protestiren bemerkbar machen. Ihre Einwürfe gehen schon deshalb meist spurlos vorüber, weil Beide auf der Tribüne wegen ihres eigenthümlichen Dialekts unverständlich bleiben, obgleich sie allerdings deutsch sprechen, oder vielmehr buchstabiren, da es ihnen ausnahmsweise gestattet ist, ihre Propositionen abzulesen. Dabei bildet das rothe, blühende Gesicht des Herrn Krüger einen heitern Contrast mit seinen traurigen Beschwerden, wogegen man Herrn Ahlemann, einem hagern, blassen Herrn, mit kränklicher Gesichtsfarbe, tiefliegenden Augen und einem leisen, klanglosen Organ, mehr Glauben schenkt, wenn er über die Verletzung der Nationalität Klage führt und sich gegen jede Annexion feierlichst verwahrt.

Ein bedeutendes Contingent von hervorragenden Persönlichkeiten hat uns Hannover geliefert und zwar in allen Farben und politischen Nuancen, eifrige Particularisten, treue Anhänger des verjagten Königshauses und entschiedene Verehrer des Grafen Bismarck, tüchtige Kämpfer für die deutsche Einheit unter der Führung eines mächtigen Preußens. An ihrer Spitze steht der rühmlichst bekannte Präsident des Nationalvereins, Rudolph von Bennigsen, gleich ausgezeichnet als politischer Charakter und trefflicher Redner. Jahre lang kämpfte er in der zweiten hannoverschen Kammer gegen das Ministerium Borries, als Hauptführer der Opposition gegen eine maßlose Reaction. Noch größere Verdienste erwarb er sich um das gesammte deutsche Vaterland als er am 19. Juni 1859 in Gemeinschaft mit fünfunddreißig gleichgesinnten Politikern die von ihm abgefaßte Erklärung abgab, daß die bestehende Bundesverfassung zum Schutze Deuschlands nicht mehr genüge und einer starken, von einer freisinnigen Volksvertretung getragenen Centralgewalt weichen müsse. Seine Worte fanden einen mächtigen Wiederhall in dem Herzen des deutschen Volkes und gaben den ersten Anstoß zu den bekannten „Eisenacher Beschlüssen“ und zu der Gründung des „Nationalvereins“, dessen Präsident Bennigsen bis jetzt gewesen ist. Seine ganze Erscheinung, die hohe, vornehme Gestalt, das offene, meist freundliche, grundehrliche Gesicht, das den norddeutschen Typus nicht verleugnet, flößt unbedingte Achtung und Vertrauen zu dem echten Edelmann ein, der als entschiedener Demokrat stets mit seinem Volke Hand in Hand geht und kein anderes Privilegium beansprucht, als der Sohn seines Vaterlandes zu sein. Seine Reden, besonders die berühmte Interpellation über Luxemburg, zeugen für die Lauterkeit seiner Gesinnung, für die Größe seines Talents und bilden einen wahrhaften Glanzpunkt, einen denkwürdigen Moment in den Verhandlungen des Reichstags. Bennigsen spricht klar und ruhig, gewöhnlich mit den Händen auf dem Rücken, selbst mit einer gewissen Zurückhaltung, als hätte er mit einem unsichtbaren Hindernisse zu kämpfen. Erst nach und nach wird sein Vortrag lebendiger und fließender, gewinnt er mit jedem neuen Satz an Sicherheit und Kraft, übt er einen mächtigen Eindruck, indem er nicht die fliegende Hitze eines schnell verrauchenden Enthusiasmus, sondern die wohlthuende Wärme männlicher Ueberzeugung hinterläßt. Wenn er spricht, herrscht stets lautlose Stille im Saale.

In seiner nächsten Nähe sitzt sein Freund, der Bürgermeister Miquél, ein angehender Dreißiger, von mittlerer Statur, mit dunklen Augen, schwarzen Haaren und interessanten Zügen, die an seine Abstammung von einer geachteten französischen Emigrantenfamilie erinnern. Nachdem er in Göttingen Jurisprudenz studirt, in Paris sich längere Zeit mit volkswirthschaftlichen Arbeiten beschäftigt und später sich in seiner Heimath als Anwalt niedergelassen hatte, wurde er in die zweite hannoversche Kammer gewählt, wo er neben Bennigsen einen bedeutenden Einfluß durch seine genauen Finanzkenntnisse gewann. Mehrere glänzend geschriebene Flugschriften, darunter „die Ausscheidung des hannoverschen Domanialgutes“, erregten das größte Aufsehen durch die vernichtende Kritik dieser verwerflichen Maßregel. Zugleich entwickelte Miquél als Ausschußmitglied des Nationalvereins eine große, wenn auch nicht immer zweckentsprechende Thätigkeit, wobei er sich öfters von seinem sanguinischen Temperament und seinen subjectiven Gefühlen leiten ließ. Im Reichstag bekennt er sich jetzt, durch die jüngsten Ereignisse belehrt, zu einer mehr realistischen Auffassung der gegebenen Thatsachen, ohne darum seine freisinnigen Ideen zu verleugnen, wofür seine ganze Stellung und seine meist brillanten Reden ein sprechendes Zeugniß ablegen. Umgekehrt wie sein Freund Bennigsen fesselt Miquél von vornherein durch einen gewissen Esprit, das geistige Erbe seiner französischen Vorfahren, durch schlagende Aperçus, zutreffende Bilder und Vergleiche die Aufmerksamkeit der Hörer, geräth aber zuweilen durch eine selbstgefällige Breite in Gefahr, den ersten Eindruck abzuschwächen. Dagegen versöhnt ein Zug persönlicher Liebenswürdigkeit und großer Gutmüthigkeit selbst die Gegner mit seinen widersprechenden Ansichten und bildet gleichsam den Grundton dieser nach allen [267] Seiten so reich begabten Natur. Mit den Genannten stimmen in allen wichtigen Fragen der wackere Bürgermeister Grumbrecht aus Harburg, seit 1863 Mitglied des ständigen Ausschusses des deutschen volkswirthschaftlichen Congresses, der tüchtige Anwalt Weber aus Stade und Dr. Ellissen, ebenso bekannt als gelehrter Sprachforscher und Mitarbeiter der früheren Halle’schen Jahrbücher, wie als beredtes Mitglied der hannoverschen Opposition und zeitweiser Präsident der zweiten Kammer.

Die folgenden Herren, welche vorzugsweise auf der rechten Seite sitzen, erinnern unwillkürlich an die „Unzufriedenen“ in Goethe’s „Walpurgisnacht“, oder an die Verse des Dichters:

Es sind hannöversche Particularisten und fast ohne Ausnahme Mitglieder der dortigen, einst so einflußreichen Aristokratie. Unter ihnen gilt der frühere Justizminister von Windthorst als der Bedeutendste, obgleich er weniger durch sein oratorisches Talent, als durch seine Gewandtheit sich zum politischen Parteiführer eignet. Als Minister gelang es ihm, sich sogar mit einem gewissen liberalen Nimbus zu umgeben, dagegen stand er beim Volk als Katholik in Verdacht, den Ultramontanismus zu begünstigen. Im Reichstag ist er nirgends hervorgetreten, dennoch wird er für einen entschiedenen Gegner der preußischen Annexion gehalten und auf ihn das Sprüchwort angewendet, daß stille Wasser tief sind. Offener spricht der Freiherr von Hammerstein seine Meinung aus, ein ältlicher, etwas steifer Herr, mit einem verdießlichen Gesicht, der zuweilen seine rhetorische Lanze zu Gunsten der alten Zustände einlegt und gegen Windmühlen wie Don Quixote kämpft. Dasselbe versuchte auch Herr von Münchhausen, eine hohe etwas übergebeugte Gestalt, mit vornehm aristokratischen Zügen, der unter dem König Ernst August eine Zeit lang an der Spitze des hannöverschen Ministeriums stand, später zur Opposition gehörte und jetzt im Reichstag seinen Schmerzensruf ertönen ließ, wofür ihm Graf Bismarck in seiner bekannten Antwort eine wahrhaft vernichtende Abfertigung zu Theil werden ließ. An demselben Strange zieht der frühere Finanzminister von Erxleben, ein kleiner, magerer Herr, dem man den Zahlenmenschen sofort ansieht. Auch zwei bürgerliche Abgeordnete erscheinen als Anhänger des Particularismus, der bekannte Staatsrath und Rechtslehrer Zachariä aus Göttingen, fein und geschickt lavirend, und der Redacteur der „deutschen Volkszeitung“, Eichholz, ein geborener Preuße, was ihn jedoch nicht abhält gegen die Politik des Grafen Bismarck eine entschiedene Opposition zu machen und trotz seiner demokratischen Gesinnung König Georg und dessen Ansprüche so wie die Prätendentenschaft des Augustenburgers zu vertheidigen.

Im Gegensatz zu diesen hannöverschen Particularisten neigen sich die Abgeordneten Nassau’s fast ohne Ausnahme zu einem innigen Anschluß an Preußen. Unter ihnen ragt vor Allen der Obergerichts-Procurator Braun aus Wiesbaden hervor, eine kräftig männliche Erscheinung, jugendlich frisch, zum Parteiführer wie geschaffen, bekannt durch seine bedeutenden Arbeiten auf dem Gebiete der Volkswirthschaft. Er ist unstreitig einer der besten Redner des Reichstags und sein schönes, sonores Organ, der warme, zu Herzen dringende Ton sichern ihm stets einen großen Erfolg, unterstützt durch seine ansprechende Persönlichkeit. Mit einem umfangreichen Wissen verbindet Braun eine unermüdliche Thätigkeit, eine mehr süddeutsche Lebendigkeit, die vortheilhaft gegen norddeutsche Professorenweisheit und Schulabstractionen absticht. Er ist nichts weniger als Idealist, sondern durchaus praktisch, hier und da selbst materialistisch, kein Freund von politischen Träumen und Illusionen, kein blasser Schwärmer, sondern ein Mann der That, der realen Verhältnisse, der erreichbaren Ziele; wie es scheint, nicht ohne politischen Ehrgeiz und vielleicht berufen, noch eine bedeutende Rolle zu spielen. Auch er hat sich zu einer Schwenkung nach Rechts be – quemt.

Ein neckender Zufall hat zwei der größten Contraste auf dieselbe Bank geführt; nur durch einen Platz von einander getrennt sitzen hier die beiden Repräsentanten von Geld und Geist, Millionär und Dichter, Rothschild und Gustav Freytag neben einander. Der Vertreter der Stadt Frankfurt, die sechste Großmacht, der König der europäischen Börse und absolute Beherrscher des Geldmarkts ist ein starker, gedrungener Herr, breitschultrig, kurzhalsig, mit einem klugen, nicht uninteressanten Gesicht, eingerahmt von mächtigen, üppig wuchernden „Favoris“, welche man in Berlin „Haarcoteletten“ zu nennen pflegt, während der starke Kopf weniger an die üppigen Locken „Simson’s“, als an den kahlen Scheitel des „Elisa“ mahnt, obgleich eine sorgfältig gepflegte Frisur die hervorschimmernden Blößen geschickt bedeckt. Man rühmt Rothschild’s Verstand und Einsicht in allen praktischen Fragen, obgleich er im Reichstage als guter Rechenmeister nur der Regel folgt, daß Reden Silber, Schweigen aber Gold sei. Sein Nachbar, der liebenswürdige Dichter der Valentine, der Journalisten etc., der Verfasser von „Soll und Haben“, zeigt eine schlanke Figur und einen geistig durchgearbeiteten Kopf, der halb den Denker, halb den Dichter ahnen läßt. Auf den Ersteren deutet die schöne, breite Stirn, von dunkelblondem Haar umgeben, auf den Letzteren die träumerischen und doch wieder auch scharf beobachtenden Augen und ein sinnender Zug des interessanten Gesichts. Ob der Dichter eben so gut zu reden, als zu schreiben weiß, läßt sich aus seiner Wirksamkeit im Reichstag nicht entscheiden, da ihm zum größten Bedauern seiner zahlreichen weiblichen Verehrer auf der Tribüne, durch den angenommenen Schluß der Debatte die Gelegenheit geraubt wurde, sein Talent zu zeigen, als er sich zum Wort in einer wichtigen Frage gemeldet hatte; seine Befürwortung einer Petition aber war zu unerheblich, um ein Urtheil über seine Begabung zu fällen.

Wie Hannover liefert auch das Königreich Sachsen Vertreter der verschiedensten politischen Richtungen, neben den streng Conservativen und Liberalen selbst mehrere Social-Demokraten, wie die Herren Stauß, Schraps, Streit[WS 1] und Bebel. Letzterer, ein noch junger Mann, mit blassem, scharf geschnittenem Gesicht und noch schärfer eindringender Stimme, erinnerte durch die Art und Weise seiner Beredsamkeit in der Frage über den Anschluß der süddeutschen Staaten an die rothen Vögel der Revolution. Seine Worte klangen wie Sturmgeläute und warfen zündende Funken in die Versammlung, welche über die ungewohnte Sprache in keine geringe Aufregung gerieth, so daß Herr Lasker sich veranlaßt fand, in harten Ausdrücken, die ihm einen Ordnungsruf des Präsidenten zuzogen, die Rede des Herrn Bebel zu kritisiren. In demselben Sinne, wenn auch gemäßigter, sprach der bekannte Professor Wigard aus Dresden, der Typus eines ungebeugten Freiheitskämpfers aus dem Jahre 1848, trotz der grauen Haare und des ergrauten Demokratenbartes voll jugendlicher Begeisterung, jedoch mehr berufen, sich in einer Volksversammlung als in dem Norddeutschen Parlament Gehör zu schaffen. Auffallend still verhalten sich dagegen die liberalen Herren Schaffrath, Minkwitz, Heubner und Rewitzer, deren Schweigen um so mehr gegen ihre frühere Beredsamkeit in der sächsischen Kammer absticht. Trotzdem ziehen diese Männer, deren Namen einen guten Klang in ganz Deutschland haben, die Aufmerksamkeit auf sich. Unter den Conservativen Sachsens machten sich besonders Herr von Thielau und Geheimrath von Wächter bemerkbar.

Aus den übrigen deutschen Ländern sind noch erwähnenswerth Fries für Sachsen-Weimar, Forkel für Coburg, der wackere Julius Wiggers, der das liberale Bürgerthum in Mecklenburg-Schwerin würdig vertritt, der witzige Salzmann, welcher den Kladderadatsch an der „Karoline“ von Reuß gerächt, Meier von Bremen, dessen Rede über das deutsche Marinewesen die größte Anerkennung verdiente und auch fand, endlich Dr. Rée aus Hamburg, ein echter Demokrat, voll Geist, Bildung und Charakter.

Aus diesen verschiedenen Bestandtheilen ist nun das Norddeutsche Parlament zusammengesetzt, welches die große Aufgabe der Einigung Deutschlands zu vollbringen hat. Es fehlt hier nicht an bedeutenden Männern, an tüchtigen Kräften, an berühmten Namen; daneben freilich findet man die particularistische Beschränktheit, die feudale Selbstsucht und Standesüberhebung, die schwankende Gesinnungslosigkeit, welche sich von dem Erfolg nur zu leicht bestimmen läßt, die Halbheit und starre Einseitigkeit nur zu zahlreich vertreten. Statt eines organischen Ganzen bildet der Reichstag ein Conglomerat entgegengesetzter Ansichten und Interessen, gleichsam einen Niederschlag der letzten bewegten Jahre, dem der innere Zusammenhang mangelt. Aber die Gewalt der Thatsachen, das Gewicht und der Druck der ehernen Nothwendigkeit üben ihre zwingende Macht auf die widerstrebenden Elemente und schaffen Compromisse, welche unter andern Verhältnissen nicht zu Stande gekommen wären.

Wir sind ärmer an Illusionen, aber auch an Täuschungen [268] geworden, wir haben unsere idealen Wünsche den realen Forderungen anpassen gelernt, die nationale Machtfrage in ihrer Bedeutung anerkannt und darum uns zu mancher Concession herbeigelassen. Nicht ohne Opfer wird der Tempel der Einheit vollendet und wir müssen, nachdem die Mauern erst feststehen, den inneren Ausbau der günstigeren Zukunft überlassen, ohne darum die Hände in den Schooß zu legen. Verglichen mit der Frankfurter Nationalversammlung des Jahres 1848 ist das Norddeutsche Parlament ärmer an Begeisterung, an großen Gedanken und weittragenden Ideen, nicht von dem belebenden Athem der Freiheit durchweht, nicht von jenem allgemeinen Enthusiasmus getragen, aber dafür besonnener, frei von phrasenhafter Ueberschwänglichkeit, von unerreichbaren Träumen, von maßlosen Bestrebungen, weiser an staatsmännischer Einsicht, an praktischer Thätigkeit. Beide verhalten sich zu einander wie der begeisterte Jüngling zum gereiften Mann, aber die Natur des deutschen Volkes bürgt dafür, daß es seine Jugendideale nicht für immer vergessen, sondern mit der Wirklichkeit versöhnen und über die Einheit nicht die Freiheit, dieses höchste aller Güter, aufgeben wird.

Nun der norddeutsche Reichstag geschlossen ist, beschränken wir uns in unserer nächsten Skizze auf die Charakteristik der eigentlich maßgebenden Persönlichkeiten.

[285]
V.


Auf den erhöhten Stühlen der Bundescommissare sitzt oder saß vielmehr im Reichstage der Mann, auf welchen in diesem Augenblick nicht nur Preußen und Deutschland, sondern ganz Europa mit größter Spannung und lebhaftestem Interesse sieht. Wie König Saul in Israel ragt er um eine Kopfeslänge körperlich und geistig über seine Collegen hervor, eine imposante, ritterliche Erscheinung, in kleidsamer Kuirassieruniform, die Energie des Militärs mit der Elasticität und Geschmeidigkeit des Staatsmanns vereinend. Der wohlgeformte, kahle Vorderkopf, nur spärlich von blondem Haar umgeben, die stark gewölbte Stirn verkündigen eine überwiegende Entwicklung der großen Gehirnlappen, die bekanntlich der Sitz der Intelligenz und des menschlichen Verstandes sind. Das Gesicht zeigt eine auffallende Blässe, wodurch jedoch der geistige Ausdruck der Physiognomie eher gesteigert, als vermindert wird. Die Züge, mehr interessant als schön, erscheinen in der Ruhe schlaff und abgespannt, gewinnen aber in der Bewegung und beim Sprechen eine fesselnde Lebendigkeit. Die wasserhellen, blauen Augen blicken klar und durchdringend, die kräftige Oberlippe, vom blonden Schnurrbart beschattet, verräth durch ihr zuckendes Muskelspiel eine gewisse nervöse Reizbarkeit; zuweilen heiter lächelnd, öfter aber ironisch verzogen. Dagegen läßt das fest geschlossene Kinn eine eherne Willenskraft erkennen. Auch das Leben mit seinen Anfechtungen hat seine Signatur auf die Tafel dieses Gesichts deutlich eingeschrieben und manche stürmische Leidenschaft ihre Spuren und Furchen aufgeprägt. Das ganze Aussehen dieses Mannes zeugt von einer ungewöhnlichen Natur, von angeborener Kraft und hoher Begabung, von rastloser Thätigkeit, aufreibender Arbeit bis zur Erschöpfung und krankhafter Abmattung.

Gewöhnlich sitzt er anscheinend ruhig und theilnahmlos, oder er beschäftigt sich während der Debatte mit den vor ihm liegenden Schriften, lesend und eine flüchtige Bemerkung mit der Feder auf das Papier verzeichnend. Dennoch entgeht ihm kein Wort, keine Aeußerung bei den Verhandlungen, wie man leicht an seinen ausdrucksvollen Mienen bemerken kann, indem er durch ein leises Schütteln des Kopfes, durch ein Runzeln der Stirn und Augenbrauen seine Aufmerksamkeit zu erkennen giebt. Jetzt erhebt er sich, um auf einen Angriff zu antworten, und an Angriffen fehlt es ihm wahrlich nicht. Die eintretende Stille der Versammlung, die Erwartung auf den Tribünen, die Spannung der Zeitungs-Reporters, welche ihre Federn in Bereitschaft halten, bürgen für die Bedeutung seiner Worte: Anfänglich fühlt man sich jedoch unwillkürlich [286] enttäuscht, da Graf Bismarck, dessen Bild wir hier wiederzugeben versuchen, kein Redner ist, der durch rhetorisches Talent, strömende Fülle des Ausdrucks, brillante Wendungen und treffende Gleichnisse, oder durch schlagenden Witz und Gedankenblitze die Seele des Zuhörers fortreißt und mit Bewunderung erfüllt. Sein Organ ist zwar klar und verständlich, aber trocken und wenig sympathisch, der Klang monoton, die Sprache stockend, zuweilen sogar stammelnd, als wollte die widerstrebende Zunge nicht gehorchen, als müßte er erst mühsam nach dem passenden Ausdruck der Gedanken suchen. Auch die schwankende, halb wiegende, nonchalante Haltung ist durchaus nicht angethan, für den Sprecher einzunehmen, der mit keiner angemessenen Bewegung seine Worte unterstützt. Aber nach und nach überwindet er alle diese Schwierigkeiten, gewinnt er mit der Herrschaft über das widerspenstige Organ eine größere Sicherheit, eine zunehmende Kühnheit, die sich nicht selten bis zu verletzender Schärfe steigert. Gleich einem geschickten Fechter auf der Mensur – und er hat als Student oft auf ihr gestanden – geht er von der Vertheidigung bald zum Angriff über, rückt dem Gegner immer heftiger auf den Leib und führt mit sicherer und fester Hand Stoß auf Stoß, bis er seine ganze Kraft zu einem Meisterstreich zusammennimmt und den Kampf meist zu seinen Gunsten dadurch beendet, daß er schonungslos die Blößen des Feindes trifft und ihn tief verwundet.

Was den Inhalt seiner Reden angeht, so besitzen sie vor Allem den großen Vorzug, daß sie sich frei von allem Phrasenwesen halten. Er weiß stets, was er will und worauf es ankommt, deshalb geht er gewöhnlich ohne Umschweife auf sein Ziel los, öfters mit einer Offenheit, welche aus dem Munde eines Staatsmanns doppelt überraschen muß. Sein Ausdruck ist ungesucht und natürlich, mitunter geradezu formlos, ungenirt und herausfordernd, obgleich er meist, wie man zu sagen pflegt, den Nagel auf den Kopf trifft. Nicht selten überrascht er durch die Originalität seiner Worte, die zum Theil in den Mund des Volkes übergegangen sind, wie die bekannten Redensarten „Blut und Eisen“, die berüchtigten „catilinarischen Existenzen“ etc. Leicht läßt er sich in der Hitze der Debatte durch sein sanguinisches Temperament und durch eine nervöse Reizbarkeit zu verletzenden Aeußerungen, zu beißenden Repliquen, selbst zu persönlichen Beleidigungen hinreißen, und diese hauptsächlich waren es, die ihm besonders in früherer Zeit den Vorwurf der Rücksichtslosigkeit zuzogen und viele Gegner schufen.

Man würde jedoch Unrecht thun, wenn man den Grafen Bismarck nach den vorübergehenden Ausbrüchen von Heftigkeit beurtheilen wollte. Ebenso irrt man, wenn man ihn für einen einseitigen Verstandesmenschen hält und ihm Gemüth und Phantasie abspricht. Er besitzt beide und zwar in einem hohen Grade, woraus sich so manche Widersprüche und unbegreifliche Gegensätze dieses eigenthümlichen Charakters allein erklären lassen. Mit der größten Berechnung und staatsmännischen Besonnenheit verbindet er eine bewunderungswürdige Aufrichtigkeit, eine keineswegs diplomatische Hingebung, indem er keinen Anstand nimmt, seine geheimsten Gedanken und weit aussehenden Pläne offen auszusprechen, wobei er sich von seiner lebhaften Phantasie unbewußt hinreißen und beherrschen läßt. Trotz seines klaren Verstandes ist er nicht frei von einem gewissen Fatalismus; er glaubt an seine Mission und nimmt keinen Anstand, seine Ueberzeugung kund zu thun. „In vier Wochen,“ sagte er vor dem letzten Kriege, „werde ich der populärste Mann in Preußen sein“ – und seine Prophezeiung ist auch wörtlich eingetroffen. Seine näheren Bekannten rühmen seine persönliche Liebenswürdigkeit und eine große Gutmüthigkeit, seine treue Anhänglichkeit an die alten Freunde und seine Dankbarkeit für einmal geleistete Dienste. Seine Ritterlichkeit selbst principiellen Gegnern gegenüber ist bekannt und auch Ihre Gartenlaube hat dies erfahren. Ursprünglich in den Vorurtheilen seines Standes aufgewachsen, weiß er dieselben seinen höheren Zwecken unterzuordnen, den gegebenen Verhältnissen anzupassen und ohne seinem Principe untreu zu werden, nimmt er keinen Anstand, mit den Traditionen seiner Vergangenheit zu brechen, wenn sie sich überlebt haben und ihm hemmend in den Weg treten. Er ist vor Allem der Sohn seiner Zeit, und der Augenblick mit seinen Forderungen findet ihn stets gerüstet. Im Gegensatz zu der conservativen, starren Einseitigkeit, dem Festhalten an den alten Institutionen, zeigt er eine ungewöhnliche Beweglichkeit und Verwandlungsfähigkeit, wodurch er sich nicht selten selbst von Seiten seiner politischen Freunde den Vorwurf der Inconsequenz, sogar der Verleugnung der conservativen Grundsätze zugezogen hat. Sein Bruch mit Oesterreich, sein Bündniß mit Victor Emanuel und mit Garibaldi, die Einführung des allgemeinen und directen Wahlrechts für den Reichstag erbitterten die eigentliche Junkerpartei und die Feudalen, welche den Grafen Bismarck nicht mehr als den Ihren anerkennen wollen. Er wird sich darüber nicht sehr grämen und einfach auf seine Erfolge hinweisen. Und wie selbst seine früheren Gegner jetzt den Schöpfer der deutschen Einheit anerkennen und an seiner Seite stehen würden, wenn es gälte den französischen Hochmuth zu demüthigen, so würde, wie ein Abgeordneter der Linken sehr richtig bemerkte, der Graf eine Bürgerkrone verdienen, wie sie reicher und verdienter nie dagewesen, wenn er den freiheitlichen Ausbau Deutschlands in derselben Weise fördern wollte, wie er es jetzt mit dem einheitlichen gethan.

Graf Bismarck ist ohne Widerrede ein Revolutionär der modernen und neuesten Schule, aus der Männer wie Napoleon der Dritte und Cavour hervorgegangen sind; ein politischer „Faust“, der für die Herrschaft seine Seele hingiebt und die Hölle beschwört. Sein Wahlspruch lautet nach seinem eigenen Geständniß: „Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.“ (Kann ich den Himmel nicht beugen, so werde ich die Unterwelt erschüttern.) Er schreckt nicht so leicht vor einem Weg zurück, wenn er ihn zum Ziele führt, und greift stets zu den kräftigsten Mitteln, um den Zweck zu erreichen. Seit dem Jahre 1847 hat er so manche Metamorphose durchgemacht, obgleich er im Grunde stets derselbe geblieben ist. Damals kämpfte er an der Spitze der Feudalen gegen die liberale Opposition, deren Hauptvertreter derselbe Herr von Vincke war, mit dem er jetzt Hand in Hand auf dem Reichstage gegen die Fortschrittspartei kämpfte. Damals griff er das Recht auf die durch das königliche Versprechen vom Jahre 1815 garantirte Verfassung an, das Herr von der Heydt vertheidigte, derselbe Herr von der Heydt, der jetzt an seiner Seite als Finanzminister und Bundescommissär sitzt.

Nach der Märzrevolution gefiel er sich in kühnen Herausforderungen und galt als das Haupt der damaligen Junkerpartei, ein unerbittlicher Gegner der Volkssouverainetät, der unermüdliche Vertheidiger des Königthums von Gottes Gnaden, der Heißsporn seiner Partei, der sich durch seine spöttischen Angriffe auf die gegebene Verfassung wiederholt den Ordnungsruf des Präsidenten, Grafen von Schwerin, zuzog, ohne sich denselben besonders zu Herzen zu nehmen. Seine damalige Haltung und sein anerkanntes Talent erwarben ihm die Gunst und Beachtung Friedrich Wilhelm des Vierten. Er wurde zum Geheimen Legationsrath und bald darauf zum Gesandten bei dem wiederhergestellten Bundestag in Frankfurt am Main ernannt. Hier an der Quelle fand er hinlängliche Gelegenheit, den Fluch der deutschen Kleinstaaterei, die Erbärmlichkeit der Zustände, die Ueberhebung Oesterreichs und dessen schädlichen Einfluß kennen zu lernen. Daneben fehlte es nicht an persönlichen Reibungen mit dem damaligen österreichischen Gesandten und Bundestagspräsidenten, Grafen Rechberg. Wie das Glas Wasser der Herzogin von Marlborough, wie der Paletot des Grafen Menschikoff, so war der Schlafrock des Grafen Rechberg vielleicht die kleine Ursache großer Begebenheiten. Als der österreichische Gesandte eines Tages seinen preußischen Collegen in dieser mehr bequemen als anständigen Kleidung empfing, zog Herr von Bismarck ruhig seine Cigarrentasche hervor, steckte sich eine Havannah an und präsentirte seinem Nachbar eine andere. Es war keine Friedenspfeife, die hier geraucht wurde, obgleich Graf Rechberg den gegebenen Wink verstand.

Seine mit der Muttermilch eingesogene Verehrung für Oesterreich hatte einen bedeutenden Stoß erhalten und seitdem in ihm ein entgegengesetztes Gefühl in dem Grade hervorgerufen, daß sich der König veranlaßt fand, ihn von Frankfurt abzurufen und als Gesandter an den Petersburger Hof zu schicken, wo er für seine Pläne ein geeignetes Feld fand. Schon in jener Zeit verfolgte er den Gedanken, durch die Demüthigung Oesterreichs die preußische Macht zu heben, wofür es nicht an Beweisen fehlt, obgleich die angesponnenen Fäden durch seine Versetzung nach Paris wieder abgebrochen wurden. So kurze Zeit er auch am Hofe Napoleon’s verweilte, so benutzte er dieselbe doch auf das Beste, um seine Kenntnisse der politischen Verhältnisse zu erweitern und seine staatsmännischen Studien zu vollenden. Er war ein gelehriger Schüler, [287] der seinem Meister manches Geheimniß seiner Regierungskunst ablauschte und mit bestem Nutzen in das Deutsche übersetzte. Im September 1862 wurde Graf Bismarck, nachdem das Ministerium Hohenzollern-Schwerin abgedankt, zum Ministerpräsidenten ernannt und seitdem gehört sein Thun und Wirken der Geschichte an, die einst über ihn ein gerechteres Urtheil fällen wird als seine von Haß oder Bewunderung verblendeten Zeitgenossen.

Nächst dem Grafen Bismarck macht sich durch seine Bedeutung zunächst der Kriegsminister Herr von Roon bemerkbar, eine kräftig männliche Soldatengestalt, der Typus des höheren preußischen Militärs, fest, gedrungen, straff, obgleich im Ganzen weniger steif und zugeknöpft als die Mehrzahl seiner Collegen. Die schöne, breite Stirn und die dunklen, lebhaften Augen verrathen einen hohen Grad von Intelligenz, während das scharf geschnittene Gesicht mit dem braunen Schnurrbart einen energischen Willen, große Beharrlichkeit und zähe Ausdauer erkennen läßt. Keiner der gegenwärtigen Minister hat sich so schnell in die parlamentarischen Formen gefunden und als Redner so bedeutende Fortschritte in kürzester Zeit gemacht wie Herr von Roon. Mit einem kräftigen sonoren Organ verbindet derselbe eine große Klarheit und soldatische Frische, wodurch er manchen gelehrten Professor beschämt. Man sieht seinen Reden an, daß sie nicht an der Studirlampe ausgeklügelt, sondern aus dem praktischen Leben geschöpft worden sind. Von ihnen gilt der Goethe’sche Ausspruch: „Es trägt Verstand und guter Sinn mit wenig Kraft sich selber vor.“ Er hält mit seinen Gedanken eine gute Mannszucht und sein Geist übt eine scharfe Disciplin, so daß er stets zur Sache spricht und sein Pulver nicht unnütz verschießt. Auch die Waffen des Humors und der Ironie stehen ihm zu Gebote, obgleich er von ihnen einen selteneren Gebrauch macht als Graf Bismarck und durch eine gewisse Gemüthlichkeit den verletzenden Eindruck mildert. Bei aller soldatischen Offenheit fehlt es ihm nicht an diplomatischer Gewandtheit, oder vielmehr an jener Husarenlist, welche den Gegner unvermuthet überrascht und dessen Schwächen geschickt benutzt, wie im Reichstage Professor Gneist zu seinem Schaden erfahren hat. –

Eine mehr bureaukratische Erscheinung bietet der Minister des Innern Graf Eulenburg, ein noch jugendlicher Herr, mit kurz geschorenen Haaren und dunklem, vollem Bart, der das feine, nicht uninteressante Gesicht umgiebt. Er spricht im ostpreußischen Dialect fließend und gewandt mit einer gewissen Aufrichtigkeit, die jedoch durch den scharfen Ton einen[WS 2] beißenden Beigeschmack erhält und öfters in der Versammlung eine entsprechende Kritik hervorruft. Seine Worte gleichen prickelnden Stecknadelstichen und verwunden darum oft mehr als die scharfen und geschickt geführten Stöße des Ministerpräsidenten, dem man seine geistige Ueberlegenheit eher verzeiht, als die kühlen Angriffe des Grafen Eulenburg, der in seiner neulichen Reichstagsrede eine überraschende Schlagfertigkeit entwickelte. – In seiner Nähe befindet sich der Finanzminister von der Heydt, der kluge Rechenmeister, welcher seit dem Jahre 1847 sich mit bewundernswürdiger Elasticität den Verhältnissen anzupassen und sich unentbehrlich zu machen wußte. Die behagliche Banquiersfigur, das freundlich lächelnde Gesicht, die kleinen schlauen Augen, eine angenommene oder vielleicht auch natürliche Bonhomie machen einen durchaus bürgerlichen, soliden Eindruck. Dieses Element finden wir auch in seinen Reden wieder, die sich von allem geistigen Luxus, von unnöthiger Bilderverschwendung, eleganten Wendungen, witzigen Schlagwörtern fern halten, dagegen durch sachgemäße Klarheit, verständige Ansichten und thatsächliche Angaben ihre beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen. Er spricht ohne jeden rhetorischen Aufwand, einfach, etwas monoton, aber leicht und fließend, wie ein ruhiger Geschäftsmann, der weder herausfordern, noch hinreißen, sondern vor Allem durch seine Worte ein bestimmtes Ziel erreichen will. Es kommt ihm dabei nicht auf Principien, auf politische Parteifragen, sondern, wie es in der Natur der Sache und in seiner Stellung liegt, hauptsächlich auf – Bewilligung der Gelder an. Wird er im Verlaufe der Debatte angegriffen, so erhitzt er sich nicht, sondern antwortet mit der Miene der gekränkten Unschuld, mit christlicher Geduld, ohne seinem Gegner Gleiches mit Gleichem zu vergelten, da er kein Freund von parlamentarischen Streitigkeiten ist. Obgleich in Geldsachen die Gemüthlichkeit aufhört, ist der Grundzug des Finanzministers die größte Gemüthlichkeit im Leben wie in der Politik. Gemüthlich sind seine parlamentarischen Diners in der schönen Villa von der Heydt, wo er auch die Mitglieder der Opposition einladet; gemüthlich drückt er dem und jenem Abgeordneten im Reichstage, vor Allen Herrn von Rothschild, die Hand; gemüthlich spielt er in den Mußestunden die Orgel, da er ein großer Musikfreund ist, und gemüthlich sitzt er an dem Ministertisch, an dem er sich nach zwanzigjähriger Gewohnheit natürlich wie zu Hause befindet.

Unter den Commissarien der übrigen Bundesregierungen haben nur wenige die Gelegenheit benutzt, sich in einer oder der anderen Weise bemerkbar zu machen, obgleich sich in ihrer Mitte namhafte Staatsmänner befinden, von denen jedoch nur der sächsische Staatsminister von Friesen, der großherzoglich oldenburgische Commissar von Rössing, der Geheime Legationsrath Hoffmann für das Großherzogthum Hessen, der Commissar für Mecklenburg-Schwerin und Lippe-Detmold an passender Stelle das Wort ergriffen, während ihre sonstige Wirksamkeit außer ihrer Anwesenheit bei den Verhandlungen sich der Beurtheilung natürlicher Weise entzieht.


  1. Durch sich häufende Geschäfte in den Commissionssitzungen sah sich der Verfasser leider genöthigt, seinen ersten Artikel hier abzubrechen. Die zweite und die folgenden Skizzen werden dafür auch stofflicher um so reicher ausfallen.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche die Berichtigung: Die Herren Stauß und Streit gehören der nationalliberalen Partei an und haben auf dem Reichstag überhaupt nicht mitgewirkt.
  2. Vorlage: eine