Prinz Krummbuckel und Prinzeß Murmelthierchen

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Prinz Krummbuckel und Prinzeß Murmelthierchen
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 108–125
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[108]
14. Prinz Krummbuckel und Prinzeß Murmelthierchen.

Der König Zornrunzel herrschte in einem großen Lande in der Tartarei. Weil er immer unmuthig, zornig, unzufrieden mit aller Welt, herrisch, argwöhnisch und daher oft grausam war, so hatte man ihm den Namen Zornrunzel gegeben und darüber seinen wahren Namen beinahe vergeßen.

Dieser König hatte einen Sohn, der eigentlich Liebesmund hieß, den aber alle Welt nur Prinz Krummbuckel nannte. Der Rücken war gekrümmt und hatte einen ansehnlichen Höcker, dergleichen sich auch auf der Brust fand; seine Beine hätten einem Dachshunde recht schön gestanden; der Mund war von einem Ohr bis zum andern gespalten; die Nase war wie der Rüßel eines Ferkels und die Schielaugen waren ein wenig stark triefend.

[109] Trotz seines garstigen Namens, war dieser Prinz allgemein geachtet und geliebt, denn seine Einsicht und seine freundliche Güte, sein Bestreben Allen gefällig zu werden, so weit es möglich war, söhnte Jedermann mit ihm aus, und ließ es bedauern, daß er so ungestalt war. Wer öfter mit ihm umging, dachte kaum mehr an die Unform seines Körpers, die man überhaupt bald ertragen lernt, wenn hingegen eine häßliche Seele ewig unerträglich bleibt.

Der König Zornrunzel suchte seine Staaten immer mehr zu vergrößern, und hatte vorzüglich ein mächtiges Nachbarreich ins Auge gefaßt, welches nur eine einzige Erbin hatte. Mit einer Heirath zwischen dieser und seinem Sohne dünkte ihm Alles abgemacht. Bei fürstlichen Personen, meinte er, komme es in Ansehung der Verheirathungen gar nicht drauf an, ob beide Theile einander gefielen, oder wie liebenswürdig sie wären, sondern nur auf Staatsverhältniße.

Zornrunzel glaubte seine Absicht um desto leichter zu erreichen, da die Erbin des Nachbarreichs von Gestalt fast eben ein solches Scheusalchen war, als sein Prinz, aber ebenfalls auch ihrer angenehmen Gemüthsart und aller übrigen vortrefflichen Eigenschaften wegen so geliebt, als dieser.

Die Prinzeßin hieß eigentlich Weltauge, aber man nannte sie gewöhnlich nur Prinzeß Murmelthier, man dachte sich aber mit der Zeit nichts mehr dabei.

„Die Beiden, dachte König Zornrunzel, geben ein wunderliches Paar, das man so häßlich auf der Welt nicht mehr finden kann, und die Prinzeß Murmelthier, die gewiß auf Erden kein Mensch begehren wird, wird Gott danken müßen, daß sie noch ein Prinz zur Gemahlin verlangt.

[110] Nachdem der König das Bildniß der Prinzeßin Murmelthier erhalten hatte, ließ er den Prinzen kommen, und sagte: „Nimm dieses Gemälde und gewöhne dich daran. Das Original soll deine Gemahlin werden!“

Tausend dehmüthige Ausreden des Prinzen konnten den Willen des Vaters nicht ändern. „Wahrhaftig, sagte dieser, dir mit deinem Schweinrüßel steht es eben an, ekel zu sein; du bist ja selbst ein vollkommenes Scheusal.“

„Leider bin ich das, versetzte der Prinz, und habe Mühe genug mich selbst zu ertragen, aber unmöglich würde es sein, außer mir noch ein gleiches Scheusal zu ertragen.“

„In der That, mein theurer Prinz, sagte der König mit grimmigen Stirnrunzeln und zornfunkelnden Augen, in der That, du bist wohl ein wenig allzuzart in deinem Geschmack; ich hoffe, er wird sich in dem bekannten Prinzenthurm ändern.“

Der König ließ den Prinzen in eine uralte, große und mit vielen Thürmen versehene Burg einsperren, die ehedem zum Gefängniß für widerspenstige Prinzen diente. Weil aber, wie uns die Weisen lehren, mit der Zeit Alles viel vollkommener wird, (selbst die Kriege, die Seuchen, die Verachtung der Menschenrechte, die Nahrungslosigkeit u. dgl. m.) so hatten sich im Verlauf von zwei Jahrhunderten gar keine Prinzen gefunden, als lauter artige. Krummbuckel hätte nun artiger als alle seine Vorgänger sein sollen, aber er machte eine Ausnahme, und darum kam er in den Thurm, wo aus Mangel an widerspenstigen Prinzen das Meiste verfallen und das noch Vorhandene so uralt war, als wär es vor Erschaffung der Welt schon da gewesen.

Was sollte der Prinz hier mit sich selbst anfangen? hier wo er nicht einmal Ratten und Mäuse zur Gesellschaft hatte. – Er verlangte [111] Bücher zu seiner Unterhaltung und bekam die Erlaubniß aus der alten Thurmbibliothek sich deren so viele bringen zu laßen, als nur immer da wären; aber sie waren so alt, daß er nicht einmal darin lesen konnte. Er nahm andere und immer wieder andere, und studirte und muthmaßte und verglich, bis er da und dort einigen Sinn herausbrachte.

König Zornrunzel ließ erst, seitdem der störrige Prinz eingesperrt worden war, um die Prinzeß Murmelthier für seinen Sohn anhalten. Wie sträubte sich die arme Prinzeßin, als man ihr das Bildniß des überaus häßlichen Gemahls zeigte; wie bat sie, sie immerdar ledig bleiben zu laßen! Aber wie vergeblich war Alles! Ihr Herr Vater, der die Verbindung für seinen Staat für sehr vortheilhaft hielt, und eben nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, hielt ihr einen Spiegel vor. „Da! sagte er, schau hinein, und danke Gott.“ – Alle ihre Thränen bewegten ihn nicht; sie mußte mit dem Gesandten des Königs Zornrunzel abreisen.

Indeßen, bis die Prinzeßin ankam, ging es dem Prinzen Krummbuckel recht trübselig. Niemand durfte ein Wort mit ihm sprechen; die alten Bücher waren so schwer zu verstehen; die Gemächer und Säle waren so groß und hohl; die Kost bestand aus schmalen Bißen und bloßem Waßer und Tage und Nächte waren so lang. Hätten die Hüter nun noch dem Prinzen, wie sie eigentlich angewiesen waren, übel begegnet, so wäre sein Elend noch größer gewesen. Das aber konnten sie nicht über das Herz bringen.

Eines Tages wandelte der Prinz in einer großen Galerie auf und ab, und dachte seinem traurigen Schicksale nach, das ihn so mißgestaltet gemacht hatte, und ihm nun gar noch ein Scheusal von Gemahlin aufdringen wollte, als seine Augen von ohngefähr auf die bemalten Scheiben der Fenster fielen. Er erstaunte über die Richtigkeit [112] der Zeichnungen und über die Lebhaftigkeit der schönen Farben. Er hätte gern gewußt, was die auf den Scheiben vorgestellten Geschichten bedeuten sollten, aber das vermochte er nicht herauszubringen.

Höchst verwundert war er aber, als er auf einem Gemälde sich in seiner ganzen verzerrten Gestalt höchst genau und richtig abgebildet erblickte. Er wußte ja doch, daß binnen zweihundert Jahren kein menschliches Wesen in diese alte Burg gekommen war. Er fand sein Bildniß auf vielen andern Scheiben so vorgestellt, als ob er im obersten Geschoß des großen Thurms sich befinde, in welchem seine Wohnzimmer waren; auf einigen Bildern war es, als ob er in einer Mauer Etwas suche, und auf andern wieder, als habe er in der geöffneten Mauer einen goldenen Korkzieher gefunden. Daneben sahe er auch ein wunderschönes Mädchen mehrmals dargestellt, deßen Gesichtsbildung höchst geistreich war. Es zog seine Augen immer auf dieses schöne Bild hin, welches ihn wundersam bewegte. Er wußte nicht, wie und warum es ihm beim Anschauen deßelben so seltsam ward, und warum er davon nicht los konnte. Genug, er sahe so lang darauf hin, bis die Nacht einbrach.

Er war in sein Zimmer zurückgekehrt und nahm zu Zerstreuung seiner Gedanken das erste beste Buch, was ihm in die Hand fiel. Die Pergamentblätter deßelben waren am Rande mit schönen aber wunderlichen Figuren bemahlt, die Deckel von Gold mit verschlungenen Buchstaben von blauem Schmelz. Er fing in dem Buche an zu blättern, und siehe das Wunder! er findet dieselben Geschichten, in gleicher Größe, Art, Kunst und Farbe darin, die auf den Fensterscheiben standen. Darunter waren Zeilen geschrieben, von welchen er aber mit aller Mühe kein Wort, ja selbst keinen Buchstaben [113] und keinen Zug verstand. Aber es kam noch seltsamer und wunderlicher.

Er blättert weiter und findet auf dem einen Blatte ein ganzes Chor kleiner Musiker. Kaum hatte er sie recht angesehen, so fangen die kleinen Leute an lebendig zu werden. Sie streichen auf ihren Geigen auf, sie flöteniren und harfeniren, trompeten und blashornen, Alles zwar nur sehr schwach und leise, aber doch munter und lustig, fein und lieblich. „Wozu soll die Musik?“ dachte der Prinz, aber es fand sich bald, wozu sie sollte, denn auf dem nächsten Blatte fanden sich Herren und Frauen, alle prächtig geschmückt, weil ein Ball gegeben wurde, wo alle Welt sich drehete und tanzte. – So ohngefähr wußte der Prinz nun wohl, wie das mit dem vorigen Blatte zusammenhing. Er sahe, daß hier ein großes Fest gegeben wurde, aber warum und wozu, das wußte er freilich nicht. Daß man aber von einem Balle nicht mit trockenem Munde weggehn würde, durfte er vermuthen. In Wahrheit fand er auch auf dem nächsten Blatte ein herrliches Gastmal, welches ihm würzig und lieblich entgagen duftete. An großen Tafeln saßen kleine Personen und aßen und tranken, und Eine darunter nahm den Becher, und sagte, indem sie sich zu ihm wendete: „Auf dein Wohlergehen, liebster Prinz. Denke daran, uns unsere Königin wieder zu schaffen, welches dein Schade nicht sein soll. Wolltest du nicht daran denken, möchte dirs übel bekommen.“

Der Prinz, von allen vorherigen Wunderdingen ohnedieß schon mitgenommen, gerieth bei diesen Worten in solches Entsetzen, daß er das Buch zu Boden fallen ließ, er selbst aber fiel ohnmächtig gleich hinterdrein.

[114] Seine Wächter hatten den Fall gehört, liefen herbei und brachten ihn wieder zu sich selbst. Sie fragten: was ihm zugestoßen sei? Er antwortete, er bekomme so wenig und so schlecht zu eßen, daß es kein Wunder sei, wenn er abfällig werde und in seiner Phantasie Dinge zu sehen geglaubt habe, deren doch keins in der Wirklichkeit vorhanden sein könne.

So dachte er in der That auch da noch, als er sich völlig wieder erholt hatte, denn er hatte den Weltweisen zugehorcht, die Alles was ihnen zu hoch ist, recht leicht und gemüthlich erklären, indem sie es Aberglauben, Phantasie und Einbildung nennen.

Die Hüter, die den Prinzen liebten, brachten ihm, gegen das scharfe Verbot des Königs, gute Speise und Trank, mit welchen sie sich selbst hinlänglich versehen hatten. Als er sich gelabt hatte, nahm er in Gegenwart der Wächter das Buch wieder vor und sahe von allem vorhin Gesehenen eben so wenig noch Etwas, als seine Wächter. So wußte er nun, woran er war, und welche Macht der Magen über den Geist hatte.

Als er aber des andern Tages wieder in die Gallerie ging, und fand wieder Alles wie des Tages zuvor, da fing er doch an, an der Phantasie zu zweifeln, zumal da er sehr gut gegeßen hatte, welches der Phantasie gar nicht zuträglich sein soll. Er vermuthete, daß hierunter ein Geheimniß liegen müße, welches es auch sein möge, und suchte dahinter zu kommen.

Er stieg mühsam ins oberste Stockwerk hinauf; schlug an verschiedenen Stellen mit einem Hammer gegen die Mauer, bis er eine Stelle fand, die ihm hohl zu sein schien. Er öffnete dieselbe und fand einen goldenen Pfropfenzieher, mit dem er nichts anzufangen wußte. Indem er darüber nachsann, fällt ihm ein großer Eckschrank in die Augen, der alt und unscheinbar in einem Winkel stand. Er [115] suchte überall an demselben, da und dort, aber er fand kein Schloß. Es fiel ihm aber ein kleines Loch in die Augen, in welches er den Korkzieher steckte. Er drehte und zog dann mit aller Macht, und der Schrank ging auf, und es fand sich, daß die schlechte alte Außenseite das schönste Innere verbarg. Die Schubfächer waren von Ambra, von Bergcrystall, von den seltensten Bernsteinstücken, von der köstlichsten Perlmutter, und enthielten die kostbarsten Sachen allerlei Art, worunter die Juweelen die unbedeutendsten waren.

Der Prinz besahe den Inhalt aller Schubfächer, deren unglaublich viel waren. In einem der letzten Fächer fand er einen kleinen Schlüßel, welcher aus einem einzigen Smaragd geschnitten war, und rings umher alles, leuchtend wie ein Karfunkel, bestrahlte; und als er mit demselben eine kleine Thüre, unten am Boden des Schrankes, aufschloß, lag ein noch heller strahlender und leuchtender wirklicher Karfunkel darin, der als Deckel über eine Schale von kostbarem aber seltenem Gestein lag.

Welch ein Anblick, als er den Deckel abhob, und in der Schale eine im Blute schwimmende Menschenhand fand, die ein reich besetztes Bildniß zwischen den Fingern hielt. Seine Haare sträubten sich, seine Knie schlugen zusammen, sein Herz stockte. Jedoch er war ein Prinz; er faßte sich und dachte an alle Wunder, die ihm schon begegnet waren, und insonderheit an die gefährlichen Worte der kleinen Person auf dem Pergamentblatte. Er heftete seinen Blick auf die Hand. „Unglückliche Hand, rief er, welchem zärtlichen Prinzen, oder welchem tapfern Helden magst du angehört haben, und welche boshafte Tücke hat dich von dem Arme abgehauen, deßen Zierde du warst. Kannst du ein Zeichen noch geben, so laß mich wißen, was ich für dich thun kann; ich stehe gern zu deinen [116] Diensten, und habe ein Herz Alles für dich zu unternehmen, was ich vermag.

Die Hand, welche solchen Anerbietungen nicht widerstehen konnte, fing an ihre Finger zu bewegen und sich dadurch verständlich zu machen; denn die Fingersprache war in jener alten Zeit sehr bekannt und verständlich.

„Siehe! sprachen die Zeichen der Finger, siehe in diesem Bilde die Angebetete, von welcher mich die Wuth der Eifersucht getrennt hat. Dir ist es aufgehoben, viel für uns zu thun. Aber gehe jetzt sogleich auf die Gallerie und bemerke die Stelle, die von den einfallenden Strahlen der Sonne am meisten vergoldet wird. Suche dort, und du findest mein Kleinod.“

Die Hand hörte auf zu sprechen, wie sehr auch der Prinz wünschte, daß sie fortplaudern möchte. Sie antwortete ihm auf alle seine Fragen nicht mehr.

Da er wohl erachten konnte, es möchte auf eine solche Hand doch viel ankommen, so stellte er sie in ihrer Schale wieder an ihren Ort, verbarg den Korkzieher in die Mauer, an die Stelle, wo er ihn gefunden hatte, und eilte in die Gallerie hinab, um das Weitere zu erfahren.

Als er eintrat, zitterten klirrend die Fensterscheiben. Er sah, daß die Sonnenstrahlen auf das Bild eines jungen Mannes fielen, deßen Schönheit und Hoheit ihn anzogen. Er schob das Gemälde fort, und stellte es an einen andern Platz, fand aber hinter demselben nur ein Getäfel von Ebenholz mit goldenen Leisten, wie es überall an den Wänden der Gallerie sich fand. Er sah aber, um sich Raths zu erholen, nach den Gemälden der Fensterscheiben, die ihm ja bis hieher Alles angedeutet hatten, und fand, daß er das Getäfel aufschieben müße. Er versuchte [117] das; es gelang und er trat in einen Saal von Porphyr mit schönen Bildsäulen. Der Saal führte zu einer Treppe von Agatstufen, an den Lehnen mit Gold eingelegt. Als er die Treppe hinauf gestiegen war, kam er wieder in einen Saal, der mit den kostbarsten, hellglänzendsten Lazur ausgelegt war. An den Saal stieß eine Reihe der prachtvollesten Zimmer, in welchen Alles wohl erhalten und mit den herrlichsten Malereien und andern Kostbarkeiten versehen war.

Er kam zuletzt in ein Geheimzimmer, wo er eine Dame auf einem Bette ruhend fand, welche vollkommen dem Gemälde zu gleichen schien, das die abgehauene Hand zwischen den Fingern hielt. Sie schien im Schlummer zu liegen, aber in einem sehr unruhigen, und dem schönen Gesicht waren tiefe Züge eines dauernden Grams eingedrückt.

Mit aufmerksamer und mitleidiger Theilnahme betrachtete unser gutherzige Prinz die Schläferin. Ihre athmende Brust hob sich, und sie fing an im Schlafe zu sprechen, obwohl anfangs sehr unvernehmlich. „Denkst du, Grausamer, sagte sie in unterbrochenen Worten, ich würde dich lieben? – Dich? – hast die liebe Hand abgehauen – sie ist dir furchtbar. – – Lieben? Dich? – Nein nimmermehr! – dich! dich! dich! mein theurer Prinz – dich; ja dich wiedersehen!“

Thränen liefen über die Wangen der Schlafenden, indem sie dieß sagte. Während der Prinz sie in seinem Herzen beklagte und ungewiß war, ob er sie aus ihrem traurigen Traum erwecken sollte, erhob sich eine liebliche Musik, wie von einem Chor von Nachtigallen und Grasemücken. Gleich darauf kam, von vielen Singvögeln begleitet, ein Adler geflogen, der überaus groß war und einen goldenen Zweig in seinen Klauen hielt, besetzt mit Rubinen, welche wie Kirschen [118] gestaltet waren. – Unverwandt heftete der Adler seine Augen auf die schlafende Schöne, schwang dann seine Flügel, um auf dieselbe hinzufliegen, und in seinen zitternden Schwingen und Federn lag unverkennbar ein Ausdruck voll Sehnsucht, aber eine unsichtbare Gewalt schien ihn zu hindern bis zu derselben hinzugelangen. Er betrachtete sich nun den Prinzen mit scharfem Auge, flog dann auf denselben zu und überreichte ihm den Zweig. Dabei erhoben die Vögel ein fröhliches, aber durchdringendes Singen und Zwitschern.

Der Prinz brachte den Adler, den Zweig und die schlafende Dame in seinen Gedanken in Verbindung, und hatte darüber keinen Zweifel, daß hier ein Zauber walte. Er nahm den Zweig und berührte die schöne Schläferin damit, die in demselben Augenblick erwachte, den eben mit einem traurigen Schrei entfliehenden Adler erblickte und ihm, die Arme nach ihm ausbreitend, nachrief: „Bleib! o mein Geliebter, bleib.“

Er blieb nicht und die Dame wendete sich jetzt zu dem Prinzen. „Ich weiß, was ich dir schuldig bin, sagte sie; dir verdank ichs, daß ich aus einem Schlaf erwacht bin, der schon zweihundert Jahr gedauert hat, und an welchem die verhaßte Liebe eines Zauberers Schuld war. Es steht in meiner Macht dir zu vergelten, sage nur, was du wünschest; ich bin eine Fee.“

„Ich bin wenig zu beklagen, antwortete der Prinz, obwohl die Natur ein wenig allzu ungünstig gegen mich gewesen ist. Alles, was ich wünsche, ist, Euch zu dienen, und, wenn ich es vermag, Euch zu Eurem Geliebten zu verhelfen.“

„Großmüthige Seele, sagte sie, du verdienst glücklich zu sein; sei äußerlich so schön, als du es innerlich bist.“ Bei diesen Worten berührte sie ihn mit ihrem Zweig, und in dem Augenblick war er [119] verwandelt und hundert Meilen weit davon in einen Wald versetzt, der ihm ganz unbekannt war.

Die Wächter des Prinzen waren in der höchsten Noth, als sie des Abends den Prinzen nirgends fanden, denn dem Könige durften sie die Wahrheit nicht wißen laßen. Er hätte sie gewiß, als Mitschuldige an des Prinzen Verschwinden, grausam gestraft. Sie ersannen einen Rath, nahmen den Kleinsten unter ihnen, machten ihm zwei große Buckel, legten ihn in das Bette des Prinzen und benachrichtigten den König, daß derselbe sehr krank sei. Der König sagte bei sich selbst: „Finten sind das! Pfiffe sinds! Der Patron will nur wieder aus dem Kerker.“ – „Es ist gut,“ sagte er sehr gleichgültig zu dem, welcher diese Nachricht brachte, und entließ ihn.

Während der Prinz im Kerker war, kam die Prinzeßin Murmelthier in einer Sänfte, wohl eingepackt, am Hofe Zornrunzels an. Als dieser sie noch viel mißgeschaffener fand, als er gedacht hatte, empfing er sie mit Spott. „Ei, mein schönes Prinzeß Murmelthierchen, sagte er, Ihr habt fürwahr mit Eurer allerliebsten Figur eben Ursach gehabt, Euch gegen meinen Krummbuckel zu sträuben. Es ist wahr, der Kerl ist häßlicher als ein alter Kater, aber Ihr seid ja tausendmal häßlicher als er.“

„Sie irren sich, gnädiger Herr, antwortete die Prinzeßin, wenn Sie Ihre feinen Höflichkeiten für das Mittel halten, Liebe in mir zu Ihrem Prinzen zu erwecken. Ich weiß, wie mich die Natur gemißhandelt hat, eben darum aber sollten Sie, wenn Sie edel wären, meiner schonen. Indeßen erklär ich hiemit fest, daß ich eher als Prinzeßin Murmelthier sterben, denn als Königin Krummbuckel leben will.

„Das wäre der Tausend, mein schönes, weises Kind! sagte der König. Aber damit soll Eure Weisheit nicht loskommen. [120] Ich habe mich einmal in den Handel eingelaßen, und habe so einige Hoffnung, trotz Eurer Ungnädigkeit ihn auszuführen.“

Es ist Schade, daß wir nicht so ausführlich beschreiben dürfen, mit welchen anmuthig spitzen Worten sich noch beide Theile ein wenig zu prickeln und anzubohren fortfuhren. – Indeßen wurde der König aufgebracht, entfernte sich ohne weiter zu antworten, und ließ die Prinzeßin in ihre Zimmer bringen.

Sie wurde bald allgemein von den Hofdamen geliebt, aber sobald diese zu Gunsten des Prinzen Krummbuckels wirken wollten, wurde sie sehr ernst, und brach das Gespräch ab, denn so weise sie war, wollte sie dennoch keinen Gemahl, an dem nichts gut wäre, als blos die Herzensgüte. Das gute Kind fühlte sehr wohl, daß es ein eignes intereßantes Ding um eine erträgliche Menschengestalt ist.

So war es eine Zeitlang gegangen; als der König die Nachricht von dem erdichteten Tode seines Prinzen bekam. Jetzt kam er beinahe von Sinnen, nicht weil sein Prinz todt war, sondern weil mit deßen Tode alle Vergrößerungsplane gescheitert waren. Er mußte einen Gegenstand haben, an welchem er seine Wuth auslaßen konnte, und er nahm die Prinzeßin dazu und ließ sie sogleich, statt des Prinzen, in den Thurm einsperren. Die Arme wußte nicht, warum sie so übel behandelt wurde; sie sprach stark zu ihren Hüterinnen gegen das ihr zugefügte Unrecht, aber Niemand wagte, dem Könige es zu hinterbringen.

Die Prinzeßin mußte sich fügen. Zu ihrer Unterhaltung ging sie täglich auf die Galerie, dort die Gemälde zu betrachten. Sie konnte nicht begreifen, warum sie dort überall ihre eigene armselige Figur abgebildet fand, und hielt es für eine rachsüchtige Tücke des Königs, zumal da sie überall auch die Bildniße einer wunderschönen Schäferin und eines eben so schönen Schäfers auf den Gemälden antraf. [121] Sie vermuthete, es sollte die Häßlichkeit ihrer eigenen Ungestaltheit durch den Abstich zu ihrer Kränkung noch auffallender werden, und sie wurde es auch für ihr eigenes Gefühl, ach schmerzlich genug! „Wie glücklich, sagte sie mit Thränen, müßen so schöne Leute sein!“

Sie hatte kaum ihre Augen getrocknet, so sieht sie, nicht ohne Entsetzen, ein altes Weib vor sich stehen, tausendmal häßlicher als sie selbst, zerlumpt gekleidet und mit einem weißgelben Muffe versehen.

„Prinzeßin, sprach die Alte, ich habe deine Worte gehört und tadle sie nicht. Wie gering ich dir auch scheinen möge, so bin ich doch mächtig genug dich so schön zu machen, als diese Schäferin, und dieser liebenswürdige Schäfer würde dann dein Liebhaber werden. Indeßen könnt ich dir nicht dafür stehen, wie es dann mit deinem Herzen aussehen würde; denn die Schönheit hat schon Viele verdorben. Ich habe blos deinetwegen diesen Muff mitgebracht. Hauchst du am gelben Ende hinein, so erlangst du Schönheit; am weißen Ende hineingehaucht, wirst du immer tugendhafter und edler.“

„Gib mir den Muff, liebe Alte, sprach die Prinzeßin; hier braucht es keines langen Wählens.“ Sie nahm den Muff und hauchte ins weiße Ende hinein. „Wohl dir!“ sprach die Alte und verschwand.

Das Gefühl, nach dem Rechten getrachtet zu haben, beruhigte die Prinzeßin, wenn zuweilen das Verlangen nach gefälliger Bildung in ihr zu lebhaft werden wollte. Sie hoffte nichts weiter als Erlösung aus ihrem Kerker, aber sie hoffte vergebens, denn ihr Vater, den sie mit einem großen Kriegsheer zu ihrer Befreiung [122] erwartete, wußte nichts von ihrer Einkerkerung, weil ihre Briefe an ihn aufgefangen waren.

Sie hatte die Zeit berechnet, wo ihr Vater mit seinem Heere da sein könnte, und stieg mit einer unsäglichen Mühe und mit vielem Ausruhen bis in das oberste Stockwerk des Thurms, wozu sie fast einen halben Tag brauchte. Sie sahe zum Fenster hinaus, nach des Vaters Armee, und ersahe nichts. Sie ruhte sich aus, und schauete alsdann im Zimmer umher. Sie sahe eine Stelle in der Mauer, die ihr erst frisch und schlecht zugeflickt zu sein schien. Sie untersuchte die Stelle und fand den Korkzieher. Sie fragte; „wozu soll der hier?“ – Sie entdeckte den Schrank und das Loch darin; sie öffnete den Schrank mit vieler Mühe; sie durchsuchte denselben, sie fand die im Blute schwimmende Hand, sie entsetzte sich so sehr, daß sie die Schale beinahe hätte fallen laßen. Aber eine feine Stimme rief ihr zu: „Muth! Muth! dein Glück hängt an diesem Abentheuer!“ Sie wußte nicht, woher die Stimme kam, aber sie vertraute derselben. „Was aber soll ich thun?“ sagte sie zweifelnd so vor sich hin. „Nimm die Hand! Nimm die Hand! wisperte die Stimme! – Unter dein Bettpfülben verbergen; – dem Adler geben, der ans Fenster kommt!“

Mit Grausen zog sie die Hand aus dem Blute, die aber im Augenblick wie eine Wachshand wurde. Sie umwickelte dieselbe mit einem Tuche, und steckte sie in ihren Rock.

Eben kamen ihre Aufwärterinnen, die sie überall im Thurme mit Angst gesucht hatten; nahmen sie mit Freuden und trugen sie die Stufen herab. In den nächsten zwei Tagen ereignete sich nichts; aber in der dritten Nacht schlug beim Schein des Vollmondes ein großer Adler in der Mitternacht ans Fenster. Die Prinzeßin öffnete es ihm und reichte ihm die Hand dar, die er in seine Klauen nahm [123] und damit verschwand. Einen Augenblick darauf stand ein Jüngling vor ihr, in Götter Schönheit; sein Diadem von Diamanten funkelte wie ein Gürtel von Sternen um seine Stirne, und sein Ansehn war blendend, als wär er aus einem höheren Reiche der Wesen gekommen; in der Hand hatte er das Bildniß der Dame, die wir schon kennen. „Prinzeßin, sagte er, ich danke dir viel, und bin glücklich. Werde auch glücklich!“

Bei diesen Worten berührte er sie mit dem Bildniß der Dame, und sie entschlummerte in Ohnmacht. Als sie erwachte, glaubte sie zu träumen, denn sie fand sich am Ufer eines Baches, und wußte nicht, wie sie dahin gekommen war. Es weiß ja freilich so Mancher nicht, wie er dahin oder dorthin gekommen ist, und denkt denn doch, es müße so sein. Aber als sie sich im Bache bespiegelte, und sich nun so ganz dem Bilde der Schäferin auf den Glasscheiben ähnlich fand, da wußte sie nicht, ob sie es selbst noch wäre, oder ob ein seltsamer Wahnsinn sie überfallen habe? – Sie war eine Schäferin, und doch war sie eigentlich eine Prinzeßin, wie sie gar wohl sich erinnerte. Sie trug, wie die Schäferin im Bilde, einen weißen Anzug vom feinsten Mußelin, mit Brabanter Kanten, die schon zweitausend Jahr vor ihrer Erfindung, heimlich allgemein bekannt waren, und einige strahlende Diamanten hielten den Gürtel besetzt. Sie war eine Prinzeßin und eine Schäferin, und, was die Hauptsache war, sie war schön. Ihr Schäferstab war dick vergoldet, wie man sich denken kann, und die Bänder um den Hut waren mit Edelsteinen besetzt, wie sich ebenfalls von selbst versteht, weil es eine Schäferprinzeßin war. – Seltsam, daß sich eine am Ufer des Baches weidende Schaafheerde bei ihr einfand, sich um sie her lagerte, als hätte sie ihr schon lange angehört, und der hütende Spitzhund, mit Namen Philax, sich vor ihr auf die Hinterbeine [124] niedersetzte, und, wedelnden Schwanzes, ein Stücklein Brodt von ihren schönen Händen schmeichelnd erharrte.

„Was bin ich denn nun eigentlich? fragte sie sich selbst. Schäferin oder Prinzeßin?“ – Sie wußte sich die Frage nicht zu beantworten. Hirtin zu sein, war so süß; Prinzeßin zu sein, war so hoch und erhaben. Prinzeßin aber und Hirtin zugleich, war Alles in Allem und in Einem.

Sie wußte nicht einig mit sich zu werden und schlummerte unter dem Schatten eines schönen Baumes in ihren zweifelnden Gedanken ein.

Ziemlich ähnlich war es dem Prinzen gegangen. Er fühlte, daß eine völlige Umwandlung mit ihm vorgegangen war, und er sahe dieselbe mit eigenen Augen, als er an einen klaren, von hohen Erlen umschatteten Teich kam und im Waßer des Teiches seine Gestalt erblickte. Er fand, daß er bis auf die kleinsten Züge dem Schäfer glich, welchen er auf den Fensterscheiben gesehen hatte, bis auf die Kleidung sogar. Selbst eine Heerde Schafe fand sich auch bei ihm ein, so, als ob sie nie einen andern Herrn gehabt hätte, und der treue Hund mit freundlich wedelndem Schwanze fehlte der Heerde auch nicht. Sogar für eine Hütte hatte der Zauber gesorgt, die Alles enthielt, was ein Schäfer zu seinem Glücke verlangen kann. Sie lag am Ende des Waldes in einem blumenreichen, von schönem Silberbach durchschlängelten Thale. An beiden Ufern des Baches standen die Hütten friedlicher Hirten unter Fruchtbäumen.

Bald war der Prinz mit den gutmüthigen Hirten des Thales bekannt, und hatte mit ihnen schon eine Zeitlang gelebt; aber wie schön auch Alles war, dennoch fand er sich sehr einsam und allein.

Als er eine Zeitlang im einförmigen Hirtenleben zugebracht hatte, kommt er durch Zufall an den Ort, wo die schöne Schäferin [125] schlummert. Wie ward es ihm, da er sie selbst erblickte, die schon im Bilde sein Herz bewegt hatte. Er zitterte, er kniete neben ihr nieder und war im Anschauen der himmlischen Gestalt versunken. – Sie erwachte und war betroffen, den schönen Schäfer auf den Fensterscheiben hier lebendig zu sehen. Beide näherten sich bald einander, denn sie waren einander ja schon durch die Gemälde bekannt, und daher liebten sie sich auch einander sehr bald, obwohl Keins in dem Andern etwas Höheres vermuthete, als Schäfer und Schäferin.

Sie erzählten sich, wie oft sie einander gesehen hätten. Da gab es Fragen, da gab es Antworten, da gab es Bewunderung und Erstaunen, und sie wußten nun, wer sie waren, und fühlten, daß sie vom Schicksal für einander bestimmt wären, obwohl sie sich in ihrer vorigen Gestalt so sehr vor einander gegraut hätten.

Sie blieben, was sie jetzt waren, und verlangten nicht in das Leben der vorigen Hoheit zurück. Sie hatten Gesundheit, Unschuld, Frieden und Liebe, und waren glücklich dadurch. Er lehrte die Hirten des Thales Bäume veredeln, eßbare Kräuter erziehen und mancherlei Künste mehr, und Sie lehrte die Hirtinnen mancherlei weibliche Künste, die zur Anmuth und Bequemlichkeit des Lebens dienen.

Aus dem Thale, worin sie lebten, stammt das schöne Hirtenleben her, welches späterhin in Arkadien wieder recht aufblühete, und aus diesem Thale dorthin gekommen war.