Die Zauberflöte

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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Die Zauberflöte
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 126–148
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[126]
15. Die Zauberflöte.

Nicht weit von der Hauptstadt des Landes Kohrasan, mitten in einem unendlich großen Walde, lag ein wunderherrliches Schloß, welches vor Jahrtausenden ein König der Geister hatte erbauen laßen.

Lange war das Schloß unbewohnt geblieben, jetzt aber wohnte eine mächtige Fee darin, die für grausam und gefährlich ausgeschrien war, weil sie nicht jeden vorwitzigen Narren erlauben wollte, aus bloßer Neugier ihr Schloß auszuspähen, und dann Dinge davon zu erzählen, an welchen kein Wort wahr war.

Der König von Kohrasan hatte einen Prinzen, der Lulu hieß, und ein großer Liebhaber von der Jagd war, die er denn auch in dem großen Walde fast täglich trieb, zumal da des Wildes zu viel war. Er hütete sich aber dem Gebiete der Fee zu nahe zu kommen, denn es war bekannt, daß das selten ganz ungeahndet geschehen durfte: „Man muß Niemand beleidigen, sagte er, aber auch Niemand fürchten, wenn man Frieden haben will.

Es war eines Tags eine große Jagd im Walde, und Lulu hatte sich vorgenommen, auf kein geringeres Wild zu jagen, als auf einen Tiger, deren es viele im Walde gab. Er ließ daher das kleinere Wild, Luchse und Füchse, ungehindert gehen. Aber jetzt kam ein mächtiger Tiger daher, der eine überaus schöne weiße Gazelle verfolgte. „Da ist mein Wild!“ sagte er, und setzte dem Tiger nach. Dieser konnte die Gazelle nicht erlangen, die ihm durch ihre leichte Behendigkeit mit den künstlichsten Sprüngen und Wendungen immer entging, aber er konnte eben so wenig an den Tiger kommen. Es ging dahin und dorthin, bergauf bergab; er kam in Gegenden, wohin er noch niemals gekommen war, und ehe er sich deßen [127] versahe, fand er sich mitten in dem großen Garten, der das Schloß der Fee umgab. Tiger und Gazelle waren im Gehölze verschwunden.

„Gut! sagte der Prinz, bin ich doch nicht aus Vorwitz hieher gekommen!“ und wollte eben wieder umkehren, als die blitzenden Thorflügel des Schloßes aufsprangen und die Fee in einem Strahlengewande hervortrat, welches wie Blendspiegel blendete. Aber selbst auch aus ihren Augen gingen Lichtströme aus.

Sie schritt wie eine aufsteigende Morgensonne auf ihn zu. Er aber verbarg die Augen hinter seinen beiden Händen, um nicht zu erblinden, und als er am Rauschen ihres Gewandes ihre Nähe merkte, sagte er: „zürne nicht, hohe Fee, ich bin nicht durch Schuld des Vorwitzes, sondern des Zufalls in deinem Garten!“

„Ich weiß es, sagte die Fee. Laß deine Augen frei. Aller Lichtglanz ist nur denen gefährlich, deren Herz finster ist, deins aber ist unschuldig und hell; ich kenne dich lange!“

Er schlug seine Augen auf, und eine Frau stand vor ihm voll hoher Würde, voll Güte und Freundlichkeit auf ihrem Angesicht. Das that ihm sehr wohl, wie immer es wohl thut, wo sich Hoheit mit Güte paart.

Sie nahm ihn mit in ihr Schloß, und sagte, sie bedürfe seiner Dienste. Da sprach er, sie möge über seinen Willen und seine Kraft befehlen, er sei recht willig und bereit zu Allem.

„Was ich fordere, sagte sie nun, erfordert nicht Macht und Stärke, aber Klugheit und Geist. Unweit von hier wohnt ein Zauberer, der mir durch einen unglücklichen Zufall einen vergoldeten Feuerstuhl entwendete, den ich von deinem und meinem Urstammvater, dem weisen Dschiamschid, ererbt habe, und der mir über das ganze Reich der Geister eine unbeschränkte Gewalt ertheilte. Ich kann [128] ihn nur durch einen Jüngling wieder erhalten, der noch im Herzen ganz rein und schuldlos ist, wie du, und ich vertraue dir.“

Der Zauberer, zu dem ich dich sende, ist eben kein großer Geist, aber doch wachsam, weil er sehr argwöhnisch ist, einer Jungfrau wegen, die er geraubt hat und eingesperrt hält. In deiner natürlichen Gestalt würde er dir nimmermehr trauen. Hier! nimm diesen Ring, der dir jede Gestalt gibt, die du wünschest; du wirst ein Greis oder ein Jüngling, je nachdem du seinen Diamant ein oder auswärts drehst; und wenn du in Gefahr solltest kommen, so wirf ihn in die Höhe, dann bin ich im Augenblicke bei dir. Nimm auch diese Flöte. Du kannst alle Leidenschaften damit hervorrufen und besänftigen, und Liebe und Zorn erregen und stillen. Die Anwendung von beiden Stücken überlaß ich deiner Klugheit. Sei vorsichtig. Das Beste, was ich besitze, sei dein Lohn!“

Sie führte ihn in ihrem Wolkenwagen so weit, daß sie ihm das Schloß des Zauberers zeigen konnte, durfte ihn aber nur bis hinter eine Bergspitze bringen, um von dem Zauberer nicht entdeckt zu werden.

Ein Paradies lag zu seinen Füßen, als er die Bergspitze erstiegen hatte. Durch liebliche Blumenaue floß ein silberheller Strom in tausend schlängelnden Windungen, mit welchen er liebliche Inseln einschloß. Jetzt stürzte er über Gestein rauschend hinab, jetzt zog er still und ruhig dahin. Hügel mit Fruchtbäumen, Lustwäldern und wildes Gesträuch schmückten die Aue, und bewachsene Anhöhen stiegen immer höher, bis sie sich an einen dichten Wald anschloßen, welcher das Thal von allen Seiten umgab. Auf einer Anhöhe in der Mitte des Thales stand ein Schloß, welches wie hellpolirter Stahl schimmerte.

Dieß war das Schloß des Zauberers, zu welchem Lulu hinschritt, nachdem er durch den mit dem Diamant einwärts gedreheten Ring sich zum Greise mit einem Eisbarte verwandelt hatte.

[129] Als er an das Schloß kam, war nirgends ein Eingang. Es schien ein einziger ungeheurer Thurm, der auf einem hohen und steilen Stahlfelsen stand, auf welchen hinauf zu kommen ohne Flügel unmöglich schien.

Lulu setzte sich unter einen Baum, in einem schattigen Orangenhain und blies auf seiner Flöte, und die Flöte gab Töne, wie er sie noch niemals gehört hatte und die sein Innerstes bewegten tief und wundersam. Blies er sanft, so war es, als spräche lispelnd der Abendwind mit den Blättern der Baumgipfel, oder als seufzten die Nachtigallen unter den Bäumen, oder als sänge eine Mutter dem Kinde ein leises Wiegenlied. Hauchte er stärker, so hallten gewaltige Chöre von den Bergen mit rauschenden Winden und brausenden Fluten, und der Donner rollte in lauten Schlägen darunter.

Lulu erkannte nun die geheimen Kräfte der Flöte und sahe, wie mannichfaltige Anwendung sie zuließ. Er blies ein trauerndes Klaglied und es war, als ob ihm die Bäume und Wälder, und die Hügel und Thäler und Rehe und Hirsche und alles Geflügel zuhörten. Aber im Schloße wollte sich Niemand regen. Da stieß er ein paarmal heftig in seine Flöte und das Wild floh erschrocken in den Wald, und das Schloß schien zu erbeben.

Der Zauberer war dadurch im Schlafe erschreckt, sahe zum Fenster hinaus und rief hinab: „Was dudelst du hier unter meinem Fenster, du Dudeldei, und störst meinen Schlaf? Such dir einen andern Platz, oder ich will dir einen anweisen!“

Lulu that nicht, als ob er ihn höre; sondern spielte ein lustiges, liebliches Stück, trillernd und hüpfend, als sollt es zum Tanz gehen. Der Zauberer spitzte die Ohren und öffnete den Mund, als wollte er die Töne verschlingen: „Der alte Eisbart, versteht seine [130] Sache,“ sagte er; und ich muß ihn doch sehen. Er legte seinen Morgenrock an, schlich durch ein Hinterpförtchen aus dem Schloße, und stand auf einmal vor dem Spielmann.

Lulu erschrak fast vor dem rauchhaarigen Riesen mit Wurstlippen, Hängebacken und weitem Schlappbauche, der mit kleinen Schweinsaugen ihn anblinzelte, die tief im rothhaarigen Kopfe lagen.

„Du pfeift gar hübsch, alter Eisbart, will ich dir sagen; denn ich verstehe Etwas von deiner Sache, das kannst du mir glauben.“

„Ei, antwortete Lulu, das will ich Euch denn wohl glauben, denn Ihr seid ja ein stattlicher Herr, der gewiß weit in der Welt umher gewesen ist, wo man so Etwas schon lernt. Euch glaub ichs, aber mir selbst freilich hätt ichs nimmermehr geglaubt!“

„Höre! sagte der Zauberer, willst du Dienst bei mir haben, und mein Spielmann werden?“

„Nein, Herr! ich diene Niemand, antwortete Lulu; der Spielmann und der Sänger müßen frei sein, wie die Vögelein Gottes unter dem Himmel, sonst werden Klang und Stimmen heiser. Auf hohen Befehl spielts und singts sich nicht gut!“

„Bist ein närrischer Kautz, bei meiner Treu! lachte der Zauberer; aber trage nur die Nase nicht gar zu hoch; man will ja doch leben!“

„Zu leben find ich überall, sprach Lulu, denn wo ich hin komme und wo mein Spiel gefällt, da hab ich Alles vollauf. Ich könnte schon Schätze gesammelt haben, aber was mach ich damit? Hab ich Kleid und Speise und einen Becher guten Wein, so hab ich, was ich brauche; und wo ich mit meinem Spiel eine frohe Stunde kann machen, da bin ich recht willig und bereit, [131] und habe meine Freude daran. Für Geld aber ist meine Kunst viel zu hoch!“

„Nun, das heißt das Maul voll nehmen;“ sagte der riesige Mann.

„Gar nicht! erwiederte der alte Spielmann. Ich mache die Traurigen fröhlich, und tröste sie; ich errege Mitleid und Thränen; ich besänftige den Zorn der Frauen, errege Liebe, mache zärtlich, empfindsam, und noch vieles Andere mehr, Alles durch Macht und Gewalt meiner Töne.“

„Nun, das heiß ich aufschneiden!“ sagte der Zauberer, aber Lulu stellte sich sehr beleidigt, steckte seine Flöte ein und schien fortgehn zu wollen.

Der Zauberer hielt ihn beim Arm, und sagte, er möge doch Spaß verstehen; fragte ihn, wer er sei? und woher er sei? und als er vernommen, der Spielmann sei als eine verlaßene Waise von einem Derwisch aufgenommen, der hab ihm das Spiel gelehrt, und diese Flöte geschenkt, mit welcher er die Welt durchzogen, da mochte der Zauberer denken, er sei sicher bei diesem Alten, und kam mit dem Antrage hervor, mit in sein Schloß zu gehen, und ein störriges Ding von Jungfrau, das ihn nicht heirathen wollte, ihm mit seiner Flöte geneigt zu machen.

„Herr, sagte Lulu, Ihr fordert grade das Schwerste von mir, das mir gar oft wohl auch gelungen ist, aber nicht allemal. Indeßen will ich es Euch zur Liebe versuchen; aber nach einigen Stunden muß ich weiter ziehn!

„Du darfst aber nicht mit meiner Frau sprechen, sagte der Zauberer.“

„Sehr wohl, erwiederte Lulu entrüstet; was geht mich denn seine Frau und seine Burg an? Geh der Herr hinein und pfeife [132] seiner Frau so viel süße Worte vor, als dem Herrn beliebt. Ich aber ziehe meines Weges.“

Kurz: Lulu ging, nach manchem Hin und Herreden, mit ins Schloß. Der Zauberer schlug an den Felsen von Stahl, und es öffneten sich zwei Thorflügel, deren Fugen zuvor das schärfste Auge nicht bemerkt hätte, und schloßen sich von selbst wieder zu, als sie hinein waren.

Es ging eine dunkle Wendeltreppe hinauf, dann durch einen finstern Gang, dann durch viele verschloßene Thüren und endlich in einen geräumigen Saal, der sein Licht von einem einzigen Fenster empfing, das mit starken Eisenstäben vergittert war.

Hier saßen neun zarte weißgekleidete Jungfrauen und spannen an elfenbeinernen Rädern, und die zehnte stand an einem Tisch mit güldener Weife und weifte ab, was die andern gesponnen hatten. Ein dickbauchiger, breitmauliger Zwerg war Aufseher, und welche der Jungfrauen nicht fein oder nicht fleißig spann, der gab er mit seiner Gerte einen Hieb auf die Finger.

„Setz dich dort in dem Winkel, Alter, sagte der Zauberer. Diese hier sind meine Trotzköpfe, die immer halsstarriger werden, je strenger ich bin. Aber wir wollen schon sehen, wer es am längsten wird aushalten. Die Spulen sollen von heut an täglich größer und die Weife immer schwerer werden, und ehe nicht die Spulen voll gesponnen und die Weife abgeweift ist, gibt es keine Mahlzeit und keinen Schlaf. – Nun spiel auf, Alter; die Mädchen haben lange nicht getanzt.“

„Die armen Mädchen seufzten und einige Thränen fielen heimlich aus den Augen, aber die Schönste unter Allen, die Weiferin, gab dem Zauberer einen verachtenden Seitenblick und sahe nach dem Spielmann, und da sie einen ziemlich zusammengerunzelten Alten [133] sahe, wendete sie gleichgültig die Augen von ihm ab. Der Alte aber war von ihrem himmlischen Gesichte so betroffen, daß er zitternd seine Flöte fallen ließ, ein Stück nach dem andern.

„Als er die Stücke wieder zusammengefügt hatte, spielte er ein klagendes, seufzendes Lied, wie wenn Gefangene in ihrem Kerker klagen und nach Freiheit und Luft seufzen.

Die Mädchen weinten heiße Thränen und die Hände sanken. Sidi, die schöne Weiferin, sahe dem Alten ins Gesicht, und Zauberer und Zwerg sperrten den gaffenden Mund auf, als ob die damit auch hören wollten.

Das Klagelied ging in ein schwebendes, hüpfendes Tanzlied über, zu welchem die Rädlein lustig schnurrten; aber die Töne wurden bald wieder klagend, schmachtend und seufzend, die Räder standen still, die Mädchen holten tief Athem und die schöne Sidi schien wehmüthig süß zu träumen.

Der Zauberer meinte, das heulige, wehmüthige Pfeifen tauge nichts, denn die Mädchen heulten so schon genug, aber der Alte stellte sich gleich wieder zornmüthig und drohte zu gehen.

„Aber, fragte der Zauberer, meinst du denn, Alter, daß dein Pfeifen schon ein Bißchen geholfen habe?“

„Nun, sagte der Alte; hat denn der Herr nicht gesehen, wie sie traurig geworden sind und haben Thränen geweint, und weiß nicht einmal, welch ein gut Zeichen das ist? Laße mich der Herr noch drei oder vier solcher Stückchen gespielt haben, da soll er schon sehen. Aber der Herr sollte auch selbst Etwas für sich thun, und mir meine Kunst nicht selbst verderben.

„Nun?“ fragte der Zauberer.

„Was? fuhr der Alte fort; der Herr will in der Welt gewesen sein, und geht hier vor der Mädchen Augen in seinem Nachtkittel [134] umher. Da mag er ihnen ja freilich gar wunderschön gefallen! Zieh der Herr sich beßer an, leg er den reichsten Schmuck an, und sodann plag er die armen Dinger nicht durch die Hiebe seines dicken Zwerges und durch allzuviele Arbeit. Denkt er denn, die Liebe der Jungfrau durch Martern zu gewinnen?“

„Hör, Alter, sagte der Zauberer, indem er ihm auf die Achsel klopfte, du bist mir ein Schlaukopf. Was die Kleidung betrifft, darin hast du fürwahr recht, und der Zwerg soll mich ankleiden. Spiele ihnen indeßen noch ein Paar hübsche Stückchen.“

Damit gingen Zauberer und Zwerg aus dem Saal.

Sie waren kaum heraus, als die Jungfrauen zu flüstern anfingen, aber ohne im Spinnen aufzuhören, denn das Tagewerk wollte gethan sein.

Jetzt drehete Lulu seinen Ring und stellte sich, ein schöner goldlockiger Jüngling, vor Sidi hin, die heftig erschrack. „Keine Furcht! schöne Sidi, flüsterte der Jüngling. Ich bin der Sohn des Königs von Kohrasan, und eine Fee sendet mich zu Eurer Aller Befreiung. Nur sage mir, wo der Goldstahl ist, auf welchem so viel ankommt.“

„O Jüngling, rief Sidi erblaßt, verbirg dich eilends! fliehe, du bist verloren, wenn dich der Zauberer entdeckt, und keine Mache wird dich vor seinen Geistern beschützen, und den Geisterstahl wirst du niemals erlangen, denn er trägt ihn in seinem Busen bei Tag und Nacht, läßt selbst bei Tage sich von seinen starken Geistern in dem obersten Gipfel des Thurmes bewachen, und sogar sein Liebling, der Zwerg, weiß nicht, wo er schläft. O fliehe! fliehe!“

Lulu nahm Sidi bei der Hand und sagte: „Wie könnt ich fliehen, da ich deiner Befreiung wegen hergekommen bin, und dich nun auch selbst gesehen habe. Wie könnt ich? – Eile, schöne Sidi, wenn du noch Etwas von dem Stahle weißst, es mir zu entdecken. [135] Der Zauberer kleidet sich prächtig an, um dir zu gefallen, und wird bald wieder da sein. Ich habe dich durch mein Spiel ihm sollen geneigter machen; stelle dich doch, als ob du es ein wenig geworden wärst, damit er Vertrauen zu meinem Spiel gewinne, welches vielleicht meinem Vorhaben sehr dienlich werden kann.“

Lulu wollte weiter sprechen, aber eine Spinnerin, die vor dem Saale gelauscht hatte, kam schnell herein und rief: „Er kommt.“ Da waren sie allesammt sogleich bei ihrer Arbeit, Lulu aber als Greis wieder in seinem Winkel, wo er so heimlich pfiff, daß man es vor der Saalthüre vor den schnurrenden Rädern kaum hören konnte.

Der Zauberer wollte beim Eintritt schon murren, als er das liebliche, leise Flüstern und Lispeln der Flöte hörte, das ihm gefiel. Er hatte sich durch seine Geister so reich schmücken laßen, daß er die Kostbarkeiten an Stoffen, Perlen und Diamanten kaum tragen konnte.

„Hat deine Kunst Etwas geholfen?“ fragte er den Spielmann? Das mein ich gewiß, antwortete dieser; aber freilich werden sie über Eure Strenge wohl noch ein wenig maulen; gebt ihnen jedoch nur ein Mal, oder ein kleines Fest, so werden sie ihren Unwillen auch bald vergeßen.“

Der Zauberer wollte doch sehen, was das Spiel geholfen hätte, und näherte sich der Weiferin mit süßen Gebehrden.

„Zürnst du noch auf mich, liebe Kleine? sagte er, mit einer Stimme, die er so süß machte, als er nur konnte. Hast du mirs vergeßen?“

Er würde eine schlimme Antwort erhalten haben, aber Lulu nahm seine Flöte unter den Arm, drehete seinen Ring, stellte sich hinter Zauberer und Zwerg, und sahe als schöner Jüngling bittend [136] die Jungfrau an, die nun erröthend und mit ängstlicher Schaam die Augen niederschlug. Das hielt der Zauberer für ein sehr gutes Zeichen, und das war es auch wohl, aber nur freilich für ihn nicht.

„Ja, du zürnst nicht mehr! sagte der Zauberer, du sahst, wie treu ich dich liebe; willst du mir denn auch nun ein wenig gut sein?“

Lulu hatte indeßen die rechte Hand auf sein Herz gelegt, und blickte sehnsüchtig die Jungfrau an. Diese aber sagte: „Wenn ich dich nun lieb hätte, würdest du mich und meine Jungfrauen von der Sklavenarbeit befreien?“ Das versicherte der Zauberer mit theuren Schwüren, Lulu aber breitete die Arme gen Himmel aus.

„Beweise mir deine Liebe durch Thaten, sagte Sidi zum Zauberer, blickte aber dabei verstohlen auf Lulu, du wirst ja dann sehen, ob ich dich lieben werde.

Das war dem Zauberer ein köstliches Wort, und er wollte in seinem Entzücken die Jungfrau umarmen. Da drehete Lulu schnell seinen Ring und stieß so heftig in die Flöte, daß das Schloß erbebte, die Thüren erzitterten und die Fenster klirrten. Der Zauberer fuhr erschrocken zurück und die Mädchen erhoben ein Angstgeschrei. Selbst Lulu erschrack, lockte aber sogleich schmeichelnde besänftigende Töne aus der Flöte hervor. Das war sein Glück, denn der Zauberer hatte schon die Hand ans Schwerdt gelegt und rief grimmig: „du alter Gaudieb, was bläsest du so gräßlich? Nimm deine Kehle in acht, das will ich dir rathen!

Lulu entschuldigte sich, er habe unversehens einen falschen Griff gethan, den die Flöte nicht ertrüge, ohne laut aufzukreischen, der Zauberer aber rieth ihn, sich vor den falschen Griffen zu hüten.

Sidi bat den Zauberer schmeichelnd dem Alten zu verzeihen, der ja so viel schönes geblasen habe; die Flöte möge wohl ein wunderliches [137] empfindliches Ding sein. Dabei klopfte sie ihm sanft die Wangen.

Der Zauberer kam darüber außer sich, und wollte gleich Hochzeitmahl halten, wie sehr Sidi auch bat, nur noch einige Tage zu warten, damit sie sich erst erholen und vorbereiten könne, aber er meinte, das seie nur jungfräuliche Verstellung, denn sie blühe ja wie eine Rose, und die Aeuglein blinkten wie Sterne.

Er hörte weiter auf keine Einreden, sondern schlug mit dem Stahl Feuer. Funken sprühten daraus zahllos hervor, und die Funken verwandelten sich in eben so viel Geister, in Schützen mit blinkenden Waffen, die den Meister umringten.

Dieser sprach: „Die Hälfte von Euch durchstreife die Gegend rings umher. Alles werde durchsucht; gebt Nachricht! die andere Hälfte besetze das Schloß von Innen und Außen. Fort!“

Die Schützen verschwanden sogleich; der Stahl sprühete noch einmal Funken, und es kamen eine Menge Sklaven und Sklavinnen, reich gekleidet. Der Zauberer befahl: „Räumt auf; schafft der Braut die reichsten Kleider und den kostbarsten Schmuck und sorgt für ein köstliches Mahl!“

Im Augenblicke waren Weife und Räder verschwunden, große helle Fenster wurden in den Mauern sichtbar, und eine Tafel von Elfenbein erhob sich in der Mitte des Saales. Die schöne Sidi seufzte schwer. Sie sahe, welch ein trauriges Loos sie sich durch ihre verstellte Freundlichkeit gegen den Zauberer bereitet hatte. Wo sollte sie Rettung finden?

Sie stand in traurigen Gedanken, als die Sklavinnen sie abholten, um sie zum Feste zu schmücken; der Zauberer aber zog den Alten bei Seite und sagte: „Hör, Alter! deine Kunst ist freilich nicht unrecht. Sidi zürnt nicht mehr, und zeigt eben keinen Widerwillen, [138] aber liebreich ist sie doch auch noch nicht. Ich dächte, du spieltest bei der Mahlzeit noch ein Paar sanfte Stückchen, die ihr das Herz zurecht setzen.“

„Nun, antwortete der Alte, das hab ich ja vorher schon gemeint und will es recht gern thun.“

„Ich bin dir vielen Dank schuldig, sagte der Zauberer, und wenn Alles gut abgegangen ist, will ich dich lohnen. Sprich, was verlangst du?“

„Es scheint, erwiederte der Spielmann, Ihr habt ein etwas schwaches Gedächtniß. Ich meine, Ihr wüßtet es schon, daß ich für meine Kunst nichts nehme als eine gute Bewirthung.“

„Ja, sprach der Zauberer, es ist wahr, das hast du gesagt, und das soll dir auch werden. So bald meine Braut so ist, wie ich es wünsche, wird für dich und meinen Zwerg besonders gedeckt, und wenn du gegeßen hast, wird dich einer meiner Schützen über das Gebirge begleiten.“

„Nun, fürwahr, sprach der Alte, Ihr seid doch ein grundedelmüthiger Mann. Nachdem ich Euch mit meiner Kunst gefällig gewesen bin, wollt Ihr, da die Sonne schon sinkt, so gefällig sein, mich unter freien Himmel übernachten zu laßen, wahrscheinlich weil Ihr denkt, so eine alte Natur ist gegen Schnupfen und Erkältung abgehärtet und so stählern als Euer Schloß. Ich merke, daß Ihr ein vornehmer Herr seid. Gott erhalte Euch bei Eurem hochvornehmen Zartgefühl.“

Hiermit steckte er seine Flöte ein, griff nach seinem Wanderstabe und wollte gehen. Der Zauberer wurde unruhig, daß seine Braut so lange blieb. Das böse Gewissen fürchtet überall Gefahr, und obwohl er seine Geisterschützen ums Schloß gestellt hatte, und wußte, [139] daß keine Mücke herein oder heraus konnte, ward ihm doch unheimlich.

„Bleib!“ sprach er zum Alten und ging der Braut nach; aber zu den Schützen, die im Saale geblieben waren, sprach er: „Laßt, bei harter Züchtigung, den alten Burschen hier nicht aus dem Saal!“ – „Und du, fuhr er den Alten an, thust du nicht, was ich eben dir befohlen habe, so laß ich einen Eichbaum spalten und dich hineinklemmen, und du sollst darin bleiben, bis dir Geier und Raben Herz und Leber ausgefreßen und Hirn und Augen ausgehackt haben.“

„Hoh! hoh!“ sagte der Spielmann, indem der Unhold ging, aber es war ihm nicht wohl ums Herz, indem er es sagte. Indeßen wollte er doch auch wißen, wo die schöne Sidi sei, zu welcher sein Herz ihn beim ersten Blick hingezogen hatte. Er setzte seine Flöte an und lockte lustige, schwirrende und trillernde Töne aus ihr hervor. Die Geisterschützen und Sklaven sahen ihn staunend an; er aber war darüber der Saalthüre immer einige Schritte näher und näher gekommen, und jetzt wollte er unbemerkt hinaus. Da erfaßte ihn der garstige Zwerg mit einem Zetergeschrei beim Rockzipfel und wollte ihn halten. Lulu wollte sich nicht mit Gewalt losreißen, weil er Lärm befürchtete. So blies er denn ein Liedchen, welches neckend und doch auch zornig war, wo es schäkerte und scherzte, und wiederum summte, knurrte und brummte, und endlich Alles böse und beißig wurde.

Da knirschten die Schützen und Sklaven mit den Zähnen, und ballten die drohenden Fäuste gegen den Zwerg. Der aber wurde auch tückisch, schalt die Schützen und Sklaven mit grimmiger Gebehrde, daß sie den alten Spielmann nicht zurück gehalten hätten, und drohete ihnen mit der Gerte, womit er sie auf Befehl des Zauberers [140] oft hatte züchtigen müßen. Da wurden sie noch wilder, fuhren über den Zwerg her, stießen ihn und schleuderten ihn wie einen Ball aus einer Hand in die andere. Jetzt schwebte er an diesem, jetzt an jenem Ende des Saales; jetzt an der Decke, jetzt an dem Boden; jetzt wirbelnd im Kreise umher, und das so blitzschnell, daß ihm der Athem entging.

Während die Geister mit dem Zwerge ihr grimmiges Ballspiel trieben, schlich Lulu dem Zauberer nach, und kam durch mancherlei Gänge an ein Zimmer, deßen Thür ein wenig aufklaffte und worin gesprochen wurde. Es war die Stimme des Zauberers welche sagte: „Liebe Barsine, sei ruhig; ich habe den Feuerstahl durch dich; das soll dir nie vergeßen werden. Wie grausam würde sich die Fee an uns beiden rächen, käme der Stahl, den du ihr raubtest, wieder in ihre Hände. Laß mich nur erst ihre Tochter, die Sidi, geheirathet haben, dann sind wir sicher, und will sie dann mir weh thun, trifft es ihre Tochter ja mit. Dann will ich deine Treue vergelten, und dein Sohn Barka (der war sein Zwerg) soll der Erbe meiner Macht und Wißenschaft werden. – Jetzt muß ich fort, und vor allen Dingen erst erforschen, was die Fee etwa im Schilde führt.“

Lulu lief zurück, der Zauberer aber stieg auf die Zinne seiner Burg mit einem Sehrohr und sahe nach dem Waldschloß der Fee. Die saß mit einigen Feen und Königinnen lachend und scherzend bei Tafel. „Vor der bin ich jetzt wohl sicher,“ sagte er und stieg von der Zinne hinab. Er konnte aber nicht sehen, daß die Fee in ihrem großen Spiegel Alles wahrnahm, was auf seiner Stahlburg vorging. In diesem Spiegel sahe Niemand etwas Besonderes, als nur sie allein. Eben hatte sie das lustige Ballspiel der Geister mit dem Zwerge gesehen und heimlich darüber gelächelt.

[141] Als Lulu in den Saal zurück kam, spielten die Geister noch Fangball mit dem Zwerge. Lulu besänftigte sie durch ein Paar Töne und sie warfen ihn in den Winkel eines Sofas, wo er athemlos keuchte.

Jetzt traten der Zauberer von der einen Seite, und die Prinzeßin im Wunderglanze ihrer Schönheit und ihrer Kleidung von der andern Seite in den Saal. Die Schützen standen in Ordnung, und Lulu war in seinem Winkel. Der Zwerg hatte sich vom Sofa erhoben und machte dem Alten ein grimmiges Gesicht, die Schützen aber hieb er mit seiner Gerte auf die Hände.

Der Spielmann, der die Jungfrau in ihrer Schönheit aber auch in ihren Thränen sahe, sann und sann, wie er dem bösen Zauberer seine Beute entwinden wollte. Er hatte viel Rath, aber keiner ließ sich ausführen, und so sann er immer wieder auf neuen Rath, der aber auch nichts taugte. Er wollte fast verzweifeln. Das würde er wohl unterlaßen haben, hätte er bedacht, daß da und dort sie zu Dutzenden beisammen sitzen um Rath zu ersinnen, und finden nichts als Unrath.

Der Zauberer trat zu seiner weinenden Braut. „Was weinst du, hold Liebchen, sprach er. Hab nur Geduld, du sollst dich noch recht freuen.“ Er führte sie zur Tafel, und ihre Jungfrauen saßen zu beiden Seiten. Die Geister trugen auf, der Zwerg war der Mundschenk.

„Nun, Alter spiele! so was, wie meine Braut gern hört, so – so recht sanft und beweglich; das höre ich auch gern.“

Sidi hatte eben den Alten innig angeblickt, und er spielte, spielte so wundersam froh und entzückt, heiter und seelig, und so seltsam unaussprechlich, und doch wieder für Sidi so verständlich, [142] als wären die Töne Worte, und wollten ihr sagen: „Freue dich, Holde! du bist gerettet!“

Seine Töne setzten die aufwartenden Geister und Sidis Jungfrauen in Bewegung und sie schwebten, hüpften und tanzten nach dem Lufthauch der Flöte, als wären sie selbst lauter Luft. Alle waren begeistert und der Zauberer, der ohnedieß einen Becher nach dem andern getrunken hatte, schien seinen Argwohn verloren zu haben; aber der Zwerg, dem noch alle Ribben weh thaten, war sehr übellaunig und suchte den Alten der Flöte zu berauben, welcher er das Ribbenweh verdankte.

„Lieber Herr, sprach schmeichelnd der Zwerg, hätt ich die Flöte des Alten, so könnt ich dir alle Abend ein hübsches Liedchen blasen; ich dächte, ich wollte die Griffe bald lernen, wenn sie mir einer von deinen Geistern zeigte. Dann hättest du den wunderlichen Alten nicht nöthig, der dich vorhin so häßlich erschreckte.“

„Ei, du feiner Bursche, rief der Zauberer, das ist ein prächtiger Einfall!“ „Hast du es gehört, Alter, rief er dem Spielmann zu, du sollst deine Pfeife meinem Knaben geben, der wird sie bald blasen lernen.“

„Ei, antworte Lulu, das will ich gern glauben; nur daß ich denn nicht wüßte, wie ich mich durch die Welt bringen sollte, und müßte noch auf meine alten Tage verhungern.“

„Kannst ja deinen prächtigen Fingerring mit dem Diamant verkaufen, sagte der Zwerg tückisch.“ – Sorgfältig hatte ihn Lulu zu verbergen gesucht, aber der Zwerg hatte denselben entdeckt, als sich Lulu in der Saalthür von ihm losreißen wollte.

„Was? rief der Zauberer; einen Ring hast du? den hab ich ja gar nicht gesehen. Zeig ihn doch einmal! Wo hast du ihn her?“

[143] Jetzt war der Alte in großer Noth. Wenn die Flöte nicht noch eine besondere Kraft hat, dachte er, so bleibt mir nichts übrig, als den Ring in die Höhe zu werfen.

Er trat, gleichsam als wär er aufgebracht, dem Zauberer einige Schritte entgegen: „Das heißt doch Gastfreiheit! Ich diene dem Herrn aufs beste bei seiner Braut, zum Dank soll ich ihm noch meine Flöte, meine Erhalterin, da laßen. Ob denn der Herr nicht ein Bißchen Schaam mehr hat? – Nun! gegen seine Geister kann ich nicht streiten. Ich blase mir noch ein Stückchen, das letzte, und dann fahre wohl, du treue, liebe Gefährtin. – Ihm, Herr, wirds aber nicht zum Seegen gedeihen.“

Er sahe die Flöte wehmüthig an, er seufzte, er setzte sie an die Lippen. Sidi war in der höchsten Angst.

Es war das süßeste Wiegenlied, was Lulu seiner Flöte entlockte; es war wie ein leises Hin- und Herschaukeln, ein sanftes Lullen, ein mildes Wehen zartes Lufthauchs. Alles wurde still und stumm, die Augen fielen zu; die Köpfe nickten; die Gäste lehnten sich an ihre Sitze, die Schützen waren mit dem Gewehr im Arm und die Sklaven mit den Schüßeln auf den Händen wie versteint, und Alles lag zuletzt in dem allerfestesten Schlafe, der Zauberer am meisten, der sehr viel Wein getrunken hatte.

Lulu küßte dankbar seine Flöte, trat zu dem Zauberer hin und zog ihm leise den Stahl aus dem Busen, der in einer ledernen Tasche steckte. Indem er den Stahl untersuchte und unversehens eine Stahlfeder berührte, erwachten die Geister, sahen sich verwundernd an und machten gegen Lulu so dehmüthige Gebehrden, als ob sie seine Befehle erwarteten. – Indem er sich besann, was er mit dem Unhold anfangen sollte, regte sich Sidi im Schlummer. Er drehete seinen Ring und weckte sie ganz auf. „Du bist erlöst, [144] schönes Mädchen, rief er entzückt. Siehe den Geisterstahl in meiner Hand!“

Sidi sank ihm dankbar in die Arme, und beide hielten sich lange und schweigend umschloßen.

„Bring mich nun zu meiner Mutter!“ bat Sidi. Sie soll dir meine Befreiung verdanken, denn sie ist mächtig und gütig; es ist die Fee Perine.“

„O wie glücklich! rief Lulu; Sie eben ist es, die mich hieher gesendet hat, und hat mir Flöte und Ring gegeben, und eine schöne, schöne Verheißung obendrein. Nun verstehe ich Alles.“

Sidi erzählte nun, wie sie hieher gekommen. „Mein Vater war der König Sabalem von Kaschmir, der seiner Weisheit und Tugend wegen im ganzen Morgenlande berühmt war. Meine Mutter schätzte ihn sehr hoch und nahm ihn zum Gemahl.“

„In den ersten Wochen ihres Glücks hatte meine Mutter den Geisterstahl nicht mit sonstiger Sorgfalt bewacht. Der tückische Zauberer dort hatte dem Stahl schon lange nachgetrachtet und die Barsine, eine Sklavin meiner Mutter beredet, ihr denselben zu entwenden. So gerieth er in seine Hände, da er ihn aber nicht recht zu gebrauchen verstand, so fingen die mächtigsten Feen und Geister viel Unfug an, und es entstanden Kriege und Empörungen und verderbliche Zeiten. Da zog sich meine Mutter im tiefen Gram in ihr Waldschloß zurück.“

„Als ich 14 Jahr alt war, erzählte mir meine Mutter die Geschichte ihres Verlustes. Der Zauberer, sagte sie, sei immer in Furcht, er möchte wieder um den Stahl kommen, und sie könnte ihn dann etwa züchtigen. Er werde daher gewiß Alles anwenden, mich in seine Gewalt zu bekommen. Ich sei nur innerhalb des Schloßgartens [145] sicher, deßen Grenzen zu übertreten sie mir deshalb verbot.“

„Eines Abend ging ich mit meinen Jungfrauen im Garten lustwandeln. Einige Schritte vor uns hüpfte ein Rabe, der sich wenig um uns kümmerte. Er flatterte von einem Blumenbeete zum andern, wühlte mit dem Schnabel in dem Boden, zerpickte meine schönsten Blumen, biß sie an den Stielen ab, oder trat sie mit den Füßen nieder. Wir scheuchten den Unverschämten, wir warfen mit kleinen Steinen nach ihm; dann flatterte er schreiend weiter und fing seinen Unfug von neuem an. Unvermerkt gefiel uns das kindische Spiel. Wir liefen ihm nach, wir warfen nach ihm. So kamen wir in der Dämmerung unvermerkt über die Rasengrenze des Gartens. Ach unglückliche Unvorsichtigkeit, durch welche die Mutter den Stahl und ich die Freiheit verlor! – Es war zu spät, als ich den Irrthum bemerkte, und eiligst zurückfliehen wollte. Der Zauberer trat aus dem Gebüsch, schlug den Stahl und rief mit Donnerstimme: „Halloh! Jäger heraus! die Tauben entfliehn!“ Da ward jeder Funke ein starker Mann, und wir wurden durch die Luft in dieses Schloß entführt.“

Der Zwerg, der stehend eingeschlafen war, schwankte während dieser Erzählung auf seinen schwachen Krummbeinen hin und her, und stieß jetzt mit der Nase so heftig auf eine scharfe Stuhlkannte, daß er erwachte. Er dehnt die Glieder, er reibt sich die Augen, er sieht den Jüngling und die Jungfrau im Fenster kosen und erschrack. Er stößt den Zauberer an, und als das nicht hilft, zieht er ihn bei den langen Ohren, und kniff hinein. Da der erwachte, zeigt ihm der Zwerg die Beiden im Fenster. Wüthend springt der Zauberer auf und will wie ein Blitz mit gezücktem [146] Schwerdt auf den Jüngling eindringen, der sich kaum zur Wehre setzen kann. Das hatte er aber auch nicht nöthig, denn die Schützen stellten sich vor ihn und wurden seine Schützer, und die Sklaven fielen dem Zauberer in den Arm und hielten ihn fest.

Von dem lauten Schrei Sidis erwachten die Mädchen. Lulu warf nun seinen Ring in die Höhe; der Zauberer aber sahe, daß er um den Geisterstahl gekommen war. Da gab er freundliche Worte und sagte: „Du hast mich betrogen, es soll dir aber nichts helfen, denn ohne meinen Willen kommt Niemand aus diesem Schloße. Gib mir den Stahl zurück, der für dich von keinem Gebrauch ist; nimm dafür Sidi und ihre Jungfrauen hin, und noch so viel Diamanten und Kostbarkeiten, als ihr fortbringen könnt.“

„O! wie großmüthig! rief Lulu. Sehe der Herr: das ist das rechte Gemüth! das ist eine edle Gesinnung; obwohl sie ein Bißchen spät kommt. Beliebe sich aber der Herr zu erinnern, daß ich ein Nachtlager mir auf seiner Stahlburg gewünscht habe; dabei wollen wirs laßen.“

Der Zauberer bebte vor Wuth, aber er vermochte nichts mehr gegen die Macht des Stahles. Eben dachte er auf einen Rath, als die Decke des hohen Saales wie ein Nebel verwallte, und im Sonnenglanz die Fee Perine auf ihrem Wolkenwagen herabschwebte. In der Angst verwandelte er sich in einen Falken, aber die Fee beugte sich aus dem Wagen ein wenig seitwärts und schlug den Falken mit der Hand. „Sei ein Uhu, sagte sie, denn diese Gestalt ziemt sich beßer für dich!“ Plötzlich wurde er zum schwarzgrauen Uhu, der, im hellen Sonnenglanz der Fee geblendet, sich an den Wänden den Kopf fast zerschmetterte, bis er endlich auf ein Fenster stieß, das [147] er für freie Luft hielt. Das Fenster zerbrach, und der Uhu kam mit blutigem Kopfe davon.

Zitternd war der Zwerg unter den Tisch gekrochen, aber die Fee sagte: „Komm nur hervor, Barka; du thust mir leid, und ich würde dein gern verschonen, aber du hast die tückische Natur mit deinem Vater, dem Zauberer, gemein, obwohl du nicht weißest, daß er dein Vater ist. So werde denn ein Leichenhun.“ Da ward der Zwerg zu der kleinsten Eule, zum Käutzlein, und flog dem Vater durch das zerbrochene Fenster nach.

„Jetzt sind wir glücklich; sagte die Fee zu Lulu und Sidi, die vor ihr knieten, und zärtlich ihre Hände küßten. Dir, liebe Tochter, hätte ich längst gern geholfen, aber ich konnte nicht, denn ich stehe unter höherer Macht. Ich war im Glücke zu sorglos, und habe dafür schmerzlich gebüßt, wenn ich in meinen Spiegeln deine Trübsal sahe.“ „Lulu, ich danke dir, und meine Tochter ist dein. Du bist unser Retter, und der Erste, dem meine Flöte gehorchte, weil du reines Herzens warst. Glaubt mir es, Kinder, alle schönen, himmlischen Töne des Lebens klingen nur aus reinen Herzen hervor.“

Hierauf fragte sie: „Wo ist Barsine?“

Barsine trat zitternd hervor und warf sich weinend vor ihr nieder.

„Du hast mir sehr weh gethan, Barsine, sagte die Fee sanft, ich hatte es nicht um dich verdient. Aber ich weiß, du hast es bereuet, und Reue versöhnt, zumal da du aus Uebereilung gefehlt hast. Du ziehst wieder mit mir, und wirst mich wohl nicht mehr verrathen.“

„Nimmer! nimmer!“ sagte Barsine mit bebender Stimme.

[148] Die Geister entließ sie, bis auf neuen Ruf, ihres Dienstes, und hieß sie fröhlich sein. Das waren sie auch, denn sie wußten, welch gütige Herrin sie war, und hatten geseufzt, als sie dem Zauberer unterthan werden mußten.

Jetzt bildete sich ihr Wolkenwagen wieder, in welchem die Prinzeßin mit ihren Jungfrauen und Lulu und auch Barsine Platz hatten. Sie umfuhr auf demselben dreimal die Stahlburg, indem sie dazu eigene Töne aus der Flöte hervorlockte, die wie silberne Zymbeln[1] klangen, und immer lieblicher wurden; aber dann gingen sie in Mißlaute über und wurden wild und verworren und immer wilder, als wollten alle Elemente brausend und schnaubend im Grimme sich einander vernichten. Und als sie zum drittenmal die Stahlburg umfahren war, bebte es, daß die Luft davon wogte, und mit dem Krachen von tausend Donnern zerfiel die Burg, und deckte den Boden mit einer Lage von Sand und Staub.

Jetzt schwebte der Wagen weiter, bis zum Waldschloß der Fee. Dort waren Sidis und Lulus Väter, und es wurde ein herrliches Vermählungsfest gefeiert.


  1. Verbeßerungen S. 471: st. Zymbale l. Zymbeln