RE:Acheloos 8

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 214216
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8) Acheloos spielt als Flussgott in Kult und Mythus eine grosse Rolle. Er ist der Sohn des Okeanos und der Tethys (Hesiod. th. 337–340. Lykoph. 712 mit Schol. Akusilaos bei Macrob. Sat. V 18, 10. Hyg. fab. praef., wo Pontos = Ὠκεανός und Mare = Τηθύς als seine Eltern genannt werden und an der Überlieferung nicht zu rütteln ist), in einer andern Tradition der Sohn der Erde (Schol. Verg. G. I 8). Nach Akusilaos a. a. O. war er der älteste und am meisten verehrte der 3000 Flüsse, die Tethys dem Okeanos gebar. In der Ilias ist er neben Okeanos selber der gewaltigste Flussgott, der nur dem Zeus weichen muss (XXI 193). So erscheint er in der ältesten Vorstellung überhaupt als der Urstrom, dem alles Fluss- und Quellwasser sein Dasein verdankt (Wieseler Votivrelief aus Megara 6f. Bruhn zu Eurip. Bakch. 519). Der Kult des A. ist demgemäss weit verbreitet: vor allem in Akarnanien, wo A. auf zahlreichen Münzen erscheint (zusammengestellt von Imhoof-Blumer Wiener numismat. Ztschr. X 13ff. Imhoof-Blumer und Keller, Tier- und Pflanzenbilder XIII 22) und einen Agon hat (Schol. T zu Il. XXIV 616). Das Orakel des Zeus Νάϊος zu Dodona pflegte Opfer an A. anzuordnen: Macr. Sat. V 18, 8 (Ephoros). Schol. T zu Il. XXI 194. XXIV 616. Carapanos Dodone, texte 133. Weitere Stätten der Verehrung sind nachweisbar in Athen (Plat. Phaidr. 230 B. Schol. T zu Il. XXIV 616), in Oropos und Megara (Paus. I 34, 3. 41, 2), in Aigosthena bei Megara (Dedications-Inschrift bei Forchhammer Halkyonia 32), in Didymoi, auf Sicilien und auf Rhodos (Schol. T zu Il. XXIV 616), in Mantineia (IGA 104) und in Mykonos (Dittenberger Syll. 373, 35ff.). In Metapont hat A. einen Agon (Münzen bei Millingen anc. coins I 21. Friedländer -v. Sallet Berl. Münzkab² 678. Coll. Dupré 47). Mit diesem und dem akarnanischen Agon des A. ist zusammenzustellen, dass im Heroikos des Philostratos (III 12 p. 678) das Gespenst des Protesilaos einem Athleten befiehlt, vor seinem Auftreten zu Olympia dem A. Ἐναγώνιος zu opfern. Aus jener alten Vorstellung vom A. als Urwasser erklärt es sich, dass A. von Dichtern und sonst vielfach für „Wasser“ gebraucht wird: Macr. Sat. V 18, 4–11 (aus Didymos, mit Benutzung des Ephoros und Akusilaos und Belegen aus Euripides und Aristophanes). Sch. Verg. a. a. O. (Orph. fgm. 268 Abel). Sch. ABTGen. zu Il. XXI 194. Schol. T zu Il. XXIV 616. Hes. s. v. Et. M. 181, 12. Eustath. Il. 353, 16. 500, 47. 1231, 12. Aischyl. Pers. [215] 859. Eurip. Andr. 167 (dazu Musgrave) nebst Schol.; Bakch. 624. Ar. Lys. 381. Kallim. epigr. 29. Ov. fast. V 343. Die Wassernymphen heissen Töchter des A. (Plato Phaidr. 263 d. Verg. Cop. 15. Colum. X 263); auf den Nymphenreliefs erscheint in den Grotten regelmässig das Haupt des Acheloos: Sammlung Saburoff XXVIII (aus Megara). Schöne griech. Reliefs 117. 118. Müller-Wieseler DAK II 44, 555. Wieseler a. a. O. 23, 15–17. Damit ist die Grotte des A. und der Nymphen auf einem Gemälde des älteren Philostratos zu verbinden (I 23, 1). A. ist der Vater aller Quellen, insbesondere der Dirke in Theben (Eur. Bakch. 519. R. Unger Paradoxa Thebana 182–191) und der Kastalia (Paus. X 8, 9 aus Panyassis). Mit der Peirene in Korinth zeugt er den Leches und Kenchreas, Paus. II 2, 3. Die meisten A.-Sagen sind akarnanisch. A. ist der Vater der Kallirrhoe: diese wird später die Gattin des Alkmeon (s. d.), nachdem dieser auf Geheiss Apollons sich durch A. von dem Morde seiner Mutter hat entsühnen lassen; durch Kallirrhoe und Alkmeon wird A. Grossvater des Akarnan und des Amphoteros, die, nachdem sie die Ermordung des Alkmeon gerächt haben, von A. nach Delphi geschickt werden, um dort das fluchbeladene Halsband der Eriphyle dem Apollon zu schenken: Paus. VIII 24. 8–10. Apd. bibl. III 7, 5, 3. 7, 7, 1. Philostr. vit. Apoll. VII 25; her. XX 33. Lukian. de salt. 50. Ov. met. IX 409ff.; fast. II 43. Bethe theban. Heldenlieder 135ff. Von einem Begleiter des Alkmeon soll A., der früher Thoas hiess, den Namen erhalten haben; Steph. Byz. A. ist ferner der Vater der Seirenen, die er entweder mit einer der Musen (Kalliope, Melpomene und Terpsichore werden genannt) oder mit Sterope, der Tochter des Porthaon, zeugt: Lykophr. 671 c. schol. 712 c. schol. Ap. Rhod. IV 892 c. schol. Paus. IX 34, 3. Apd. bibl. I 3, 3, 4; fgm. Sabb. 18, 15. Schol. Od. XII 39. Lukian. a. a. O. Nonn. Dion. XIII 313. Ov. met. V 551. XIV 87. Claud. rapt. Pros. II 254–257. PLM V 154. Hyg. fab. praef.; fab. 125. 141. Schol. Verg. G. I 8. Nach einer bei Claudian, Ovid, Hygin, schol. Verg. a. a. O. vorliegenden Version werden die Seirenen verwandelt durch Demeter, weil sie den Raub der Persephone nicht verhindert haben; damit ist zu verbinden, dass Demeter, während sie die Tochter sucht, den A. dreimal überschreitet: Kallim. hymn. VI 13. A. bat nach dieser Verwandlung seiner Töchter die Erde, seine Mutter, ihn aufzunehmen: an der Stelle, wo das geschah, sprang der Fluss A. hervor. Schol. Verg. G. a. a. O. Die Entstehung der Echinaden aus den Anschlämmungen des A. hat ihren sagenhaften Ausdruck in der Erzählung gefunden, dass die Echinaden Wassernymphen waren, die A. strafte, weil sie ihn bei der Einladung zu einem Opferfeste nicht berücksichtigt hatten. Ov. met. VIII 578ff. Lukian. de salt. 50. A. verführt Perimele, die Tochter des Hippodamas, die, von ihrem Vater verstossen, sich ins Meer stürzt und auf Bitten des A. in die Insel Perimele verwandelt wird. Ov. met. VIII 590ff. Diese Perimele ist zu identificieren mit Perimede, der Tochter des Aiolos und der Enarete, mit der A. den [216] Orestes und den Hippodamas zeugt: Apd. bibl. I 7, 3, 4. Des Weiteren ist A. der Vater der Eurymedusa, einer Geliebten des Zeus: Clem. Rom. hom. V 13. Spätere, an akarnanische Ortsnamen anknüpfende Traditionen verlegen an den A. die Auffindung des Weines durch Staphylos, einen Hirten des Oineus (Probus und Schol. Verg. G. I 9) und die Einführung der Mischung des Weines und des Wassers durch Kerasos (Hyg. f. 274. Ov. fast. V 343). Die bekannteste A.-Sage ist der Kampf des A. mit Herakles. Beide bewerben sich um Deïaneira und ringen mit einander. A. verwandelt sich dabei in eine Schlange und in einen Stier. In Stiergestalt wird er von Herakles bei den Hörnern gepackt, das eine Horn bricht Herakles ab und übergiebt es dem Oineus, dem Vater der Deïaneira, als Brautgeschenk. Nach anderen Erzählungen erhält A. sein Horn von Herakles zurück, nachdem er diesem zum Austausch das Füllhorn der Amaltheia gegeben. Der Kampf des Herakles begegnet auf mehreren schwarzfigurigen Vasenbildern (s. u.), er war dargestellt auf dem Throne des amyklaeischen Apollon (Paus. III 18, 6) und im Schatzhause der Megarer zu Olympia (ebend. VI 19, 2). Pindar und Sophokles sind die ältesten litterarischen Zeugen. Soph. Trach. 6ff. 504ff. Schol. ABGen. zu Il. XXI 194 (wo Pindar citiert wird). Strab. X 458. Philostr. iun. im. 4. Diod. IV 35. Hyg. fab. 31. Apd. bibl. II 7, 5, 1. Lukian. a. a. O. Dio Chrys. or. 60 (II 190, 23 D.). Zenob. II 48. Nonn. Dion. XVII 238. XLIII 12ff. Prop. III 34, 33. Ov. met. VIII 870ff. IX 1ff. 83ff.; her. IX 138. XVI 271; Am. III 6, 35. 101. Senec. Herc. Oet. 302ff. 498ff. Stat. Theb. IV 406. VII 416. Sil. It. III 40. Claudian XXIX 171. Boeth. phil. cons. IV 7, 23. Schol. Verg. G. I 8; Aen. VIII 300. Rationalistische Ausdeutungen und Umbildungen der Sage bei Diodor a. a. O. Schol. T zu Il. XXI 194. Kedren I 246 Bekker. Malalas 164 Di. (aus Gergithion). Phot. quaest. Amphil. 107 Migne. Eust. Dion. Per. 431. Auch mit dem lydischen A. wird Herakles in Verbindung gebracht: Schol. T zu Il. XXIV 616. Auf einer Münze von Phaselis in Lykien (?) erscheint Herakles mit Acheloos: Rev. num. N. S. IX (1864) 153. Über die bildlichen Darstellungen des A. und insbesondere des Kampfes mit Herakles vgl. O. Jahn Arch. Zeit. 1862, 313ff. und M. Lehnerdt ebenda 1885, 106ff. Die bildende Kunst stellt in der älteren Zeit den A. dar als Stier mit menschlichem Oberleibe und Armen (so auf den schwarzfigurigen Vasen), später als Stier mit Menschenkopf. In der für die Flussgötter gewöhnlichen Bildung als Mensch mit Stierhörnern erscheint A. selten (Arch. Zeitung 1862 T. CLXVIII 3. 4). Ganz alleinstehend ist die Bildung als Meerdrache mit gehörntem menschlichem Kopfe und Armen (Gerhard auserl. Vasenb. II 115. Arch. Zeitg. 1885, 110).