RE:Aitolos

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 11271129
Aitolos (Sohn des Oxylos) in der Wikipedia
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Aitolos (Αἰτωλός) ist überall der Eponym des aetolischen Stammes; er hat nur diese sagengeschichtliche, keine – soweit wir sehen – religiöse Bedeutung.

a) Im genealogischen Epos ist A. für uns [1128] nicht mehr nachweisbar; wir erfahren von ihm zuerst aus Hekataios von Milet fr. 341 (b. Ath. II 35 a. b, wozu FHG I praef. XVI b Schol. Thuc. I 3, 2 hinzuzunehmen); darnach ist A. Sohn des Oineus, Enkel des Orestheus, des Begründers des aetolischen Königshauses. Orestheus aber ist Sohn des Deukalion, Bruder des Marathonios und Pronoos, dessen Sohn Hellen, so dass Aitolos auf einer Stufe mit Aiolos, Doros und Xuthos steht (als deren Vetter), die auch Hekataios nach dem genealogischen Epos als Söhne des Hellen gekannt haben wird – so stehen die Aetoler neben, oder wenn man will, ausserhalb der eigentlichen Griechenstämme. Ob Hekataios den Zusammenhang des A. mit Elis anerkannte, ist aus den Fragmenten (91 = 348) nicht zu ersehen.

b) Nach Ephoros, dessen Darstellung in zahlreichen Brechungen vorliegt (fr. 15. 29, abfällige Kritik der Erzählung bei Strab. IX 423. Ps.-Scymn. 473ff. Conon 14, vgl. U. Hoefer Konon, Text und Quellenuntersuchung 1890, 69f.), stand auf dem Marktplatze der Eleier, d. h. doch der Stadt Elis, eine Statue des Oxylos mit einer Aufschrift, wonach A., das autochthone Volk von Elis verlassend, in heissem Kampfe das Kuretenland, d. h. Aetolien, besiedelte; sein Nachkomme im 10. Gliede habe ἀρχαίην ... τήνδε πόλιν (Elis) gegründet. Und im aetolischen Therma, dem Orte, wo von Alters her die Beamtenwahlen stattfanden, befand sich unter dem Bilde des A. ein Epigramm, welches besagte, dass er, der Sohn des Endymion, nahe bei Olympia am Alpheios geboren, das Land besiedelt habe. Ephoros fügt zu dem Inhalt der Epigramme im wesentlichen nur die Begründung, dass Salmoneus, König der Epeier und Pisaten, den A. aus Elis vertrieben habe. Nun wird die Statue in Elis – von der zu Therma lässt sich nichts ausmachen – schwerlich älter sein, als die Gründung dieser Stadt durch συνοικισμός etwa im J. 471 (Diod. XI 54. Gilbert Gr. St.-Alt. II 102, 3), wahrscheinlich, wenn ἀρχαίην ... πόλιν die Stadt und nicht den Staat bedeutet, sogar erheblich später, als die Erinnerung bei dem geistig nicht sehr geweckten Volke schon etwas verschwommen war.

c) Die Gründung der Stadt Elis setzt auch das Grab des Aitolos, Sohnes des Oxylos, voraus, welches in dem Stadtthor an der nach Olympia führenden Strasse gelegen war, gemäss dem Orakelspruch, dass der Leichnam weder in noch ausserhalb der Stadt liegen sollte. Der Gymnasiarch brachte am Grabe alljährlich Totenopfer dar, angeblich noch zur Zeit des Pausanias (V 4, 4). Der Heros sollte das Thor gegen das Eindringen der Feinde schützen: Lobeck Agl. I 281 u. Rohde Psyche I 150, 2.

d) Nach der gewöhnlichen Darstellung der mythologischen Handbücher war A. Sohn des Endymion (wie im Epigramm von Therma) und der Asterodia (= Selene) oder Chromia, Tochter des Itonos, Enkelin des Araphiktion (thessal.), oder der Hyperippe, Tochter des Arkas (diese Varianten bei Paus.), oder einer Najade, oder endlich der Iphianassa (Apd.). Als Siegespreis in einem vom Vater zu Olympia angesetzten Wettlauf erhielt sein Bruder Epeios die [1129] Königsherrschaft; der dritte Bruder, Paion, wanderte aus zu den Paionern; A. bleibt, muss aber wegen unfreiwilliger Tötung des Apis, Sohnes des Iason aus Pallantion, bei den Leichenspielen für Azan, den Sohn des Arkas, fliehen (so am ausführlichsten Paus. V 1, 3–8; mit Weglassung verschiedener Nebenumstände Apd. I 7, 6. Daïmachus fr. 8, FHG II 442. Schol. Pind. Ol. III 19 Boeckh). Er geht nach Aetolien, tötet dort seine Gastfreunde Doros, Laodokos und Polypoites, Söhne des Apollon und der Phthia, und giebt dem eroberten Lande seinen Namen, Apd. I 7, 7. Seine Söhne von der Pronoe sind nach Apollodor Pleuron und Kalydon, die Eponymen der bekannten aetolischen Städte; nach Daïmachus Pleuron, dessen Söhne Kures und Kalydon. Nach Apollodor ist Oxylos, der die Dorer nach dem Peloponnes führt und bei der Teilung Elis erhält, sein Nachkomme im 4. Gliede, Enkel des Kalydon; nach Paus. V 3, 6 im 8., nach dem eleischen Epigramm im 10. Gliede. Der Grund, weswegen A. von Elis nach Aetolien auswandert, damit sein Nachkomme Oxylos wieder nach Elis zurückkehrt und dort festen Besitz ergreift, ist von H. D. Müller Mythol. d. griech. Stämme I 32f. klar erkannt, der daran sein Gesetz von der Rück- oder Doppelwanderung verdeutlicht: die Einwanderer nahmen nur das Besitztum ihres Stammvaters Aitolos in Anspruch (verkannt von Bernhard bei Roscher Myth. Lex. I 203). Wenn die Epigramme von Elis – und wohl auch Therma – spät sind und uns die alten Quellen der Mythographen hier fehlen, so giebt dieser Thatbestand noch lange nicht die Berechtigung, in der Weise von Beloch Rh. Mus. XLV (1890) 562f. daran zu zweifeln, dass wirkliche historische Erinnerungen zu Grunde liegen. Schon vor dem συνοικισμός von Elis in der 476 (oder 472?) gedichteten 3. olympischen Ode Pindars (v. 12 Momms.) heisst der eleische Hellanodike Αἰτωλὸς ἀνήρ (im übrigen s. Aitolia und Oxylos).

e) A. bei den Lokrern: nach Ps.-Scymn. 587ff. (Ephoros?} war A. Sohn des Amphiktion, Enkel des Deukalion, König der Lokrer von Opus (ἀπέναντι δ’ Εὐβοίας). Vgl. Steph. Byz. s. Φύσκος und die lokrische Deukalionsage, Preller-Robert Gr. Myth. I 85, 1. Zu den ozolischen Lokrern versetzt den Orestheus Paus. X 38, 1 mitsamt der Geschichte des Hekataios fr. 341; Orestheus war Grossvater des A. (s. o.). Über Oxylos in Lokris vgl. auch Beloch a. a. O.

f) In der Liste der Erfinder bei Plinius steht VII 201: lanceas Aetolos, iaculum cum ammento (Speer mit Wurfriemen) Aetolum Martis filium (invenisse dicunt).

Nachträge und Berichtigungen

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Band S III (1918), Sp. 69
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     S. 1129, 51 zum Art. Aitolos:

Aitolos ist bei den Lokrern ein später Eindringling. Er ist zwischen Amphiktyon und Physkos eingeschoben. (Ps.-Skymn. 590 und Steph. Byz. s. Φύσκος), während die einfache lokrische Sage Physkos zum Sohne Amphiktyons macht, Aristot. frg. 561 Rose³ (Plut. quaest. graec 15. Eustath. Il. 277, 17). Besonders sinnlos ist die Angabe (bei Ps.-Skymn.), daß er König von Opus sei, da im östlichen Lokris die Ätoler bekanntlich nie festen Fuß gefaßt haben. Dagegen seit 339/8, als Philipp ihnen Naupaktos übergab (Strab. XIV 427), ist das westliche Lokris bis 166 unter ihrer Herrschaft geblieben, und die Einschiebung ist ohne Zweifel nach diesem Jahre gemacht worden. Physkos war erwählt als Sohn des A. gerade deswegen, weil die Lokrer ursprünglich Physker, dann Lokrer hießen, und als Abkömmlinge des Vaters von Physkos, womit der eigentliche lokrische Stammbaum anfing, konnten die Ätoler den vollkommensten Anspruch auf das Land erheben.