RE:Amardoi

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 17291733
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Amardoi (Ἄμαρδοι), Name eines in Medien am Südufer des kaspischen Meeres, zwischen den Kadusiern (s. d.) im Westen und den Hyrkanern (s. d.) im Osten wohnenden Volkes, das gewöhnlich Mardi (Μάρδοι, s. d.) genannt wird. Nach ihm hiess der jetzige Sefîd-Rûd (pers. ‚Weisser Fluss‘) oder Qyzyl-Ûzän (türk. ,Roter Fluss‘), der wahrscheinlich die Grenze gegen die Kadusier bildete, Amardos (s. d.). Die Namensform A. findet sich bei Strabon in wiederholten Aufzählungen der am kaspischen Meere wohnenden Völker (XI 508. 510. 514. 523) und aus ihm bei Stephanos Byz., bei Pomponius Mela (III 39. 42) und Plinius (n. h. VI 36, die Hss. Amarbos; aber nicht VI 50, wo die Lesart Amardi falsch ist, s. u.). Von den Stellen des Strabon wird XI 514 ausdrücklich als aus Eratosthenes entnommen bezeichnet (Berger Geogr. Fragm. d. Eratosth. 314); es ist daher auch XI 507, wo ebenfalls Eratosthenes als Quelle genannt ist (Berger a. a. O. 324), das hsl. überlieferte Μάρδων mit Casaubonus und Koraïs und gegen Kramer, C. Müller und Berger (a. a. O.) in Ἀμάρδων zu ändern. Von den übrigen Stellen des Strabon darf zunächst auch die Erwähnung der A. in XI 508 und 510 auf Eratosthenes zurückgeführt werden, wenngleich derselbe dort nicht direct benützt worden ist, sondern wahrscheinlich durch Vermittlung desjenigen Schriftstellers, der in die eratosthenische Aufzählung der kaspischen Völker den Namen der Γῆλαι (s. d.) einfügte (Γῆλαι καὶ Καδούσιοι καὶ Ἄμαρδοι). Theophanes von Mytilene, der wahrscheinlich zuerst von diesem Volksstamme Kunde gegeben hat (Strab. XI 503. Fabricius Theophanes v. Mytilene u. Quintus Dellius als Quellen der Geographie des Strabon 192f. frg. 55), scheint es jedoch nach der Fassung des betreffenden Fragments nicht gewesen zu sein. Die letzte Stelle des Strabon, in der die A. genannt werden (XI 523), steht im Zusammenhange mit Nachrichten, die aus den Commentarien des Quintus Dellius geschöpft sind (frg. 8 bei Fabricius a. a. O. 227, s. auch 231). Auch hier ist die Erwähnung der A. im Anschlusse an die der Kadusier nur durch eine directe oder indirecte Benützung des [1730] Eratosthenes zu erklären. Gegen den selbständigen Gebrauch der Namensform A. seitens des Dellius könnte man den Umstand anführen, dass er in einem anderen Falle, zur Bezeichnung der Nationalität des Führers des Antonius auf seinem Rückzüge durch Atropatene, die Form Μάρδος gebraucht (Plut. Ant. 41. 47. 48 sechsmal; s. auch Bürcklein Quellen u. Chronologie der römisch-parthischen Feldzüge in d. J. 713–718 d. St. 19ff.), wenn es nicht, abweichend von Bürcklein (a. a. O. 20, 2) und Fabricius (a. a. O. 231), wahrscheinlicher wäre, in jenem Marder einen Angehörigen des in dem Gau (gavar) Mardastan der armenischen Provinz (aškharh) Vaspurakan (s. die dem Moses von Khorene zugeschriebene Geographie aus dem 7. Jhdt. n. Chr. ed. Patkanow Text 19, russ. Ubers. 48; Werke des Moses v. Khorene ed. Veneta 609) wohnenden Stammes (über ihn s. u. Mardoi) zu vermuten. Genau dieselbe Stelle des Eratosthenes mit den Namen der kaspischen Küstenvölker, die bei Strabon XI 507 ausgeschrieben ist, reproduciert auch Plinius (n. h. VI 36) mit ausdrücklicher Nennung seines Gewährsmannes (Berger a. a. O. 324). Die Hss. haben dort Amarbos, das schon Sillig in Amardos verbessert hat (s. auch Roesler S.-Ber. Akad. Wien LXXIV 1873, 194,1), v. Jan und Detlefsen aber beibehalten haben. Bei Pomponius Mela (III 39. 42) endlich erscheinen die A. zusammen mit den Pestici (III 39) oder Paesici (III 42), den Πασιανοί des Strabon (XI 511), auf der Ostseite des kaspischen Meeres, an der zwischen ihnen beiden gelegenen Mündung des Oxos (inter Amardos et Paesicos os aperit). Hier liegt offenbar eine Verwechslung der am Unterlauf des Amardos (Sefîd-Rûd) wohnenden A. mit den Aparni oder Parni (s. d.) vor, die thatsächlich in der Nähe der Mündung des Oxos in das kaspische Meer sassen (s. auch Roesler a. a. O. 185f.). In der Quelle des Mela, hierfür wohl wie für andere Teile der Beschreibung des kaspischen Meeres die Chorographie des Augustus (s. Schweder Beiträge zur Kritik der Chorographie des Augustus 61ff.), haben die Namen und Wohnsitze beider Küstenvölker gestanden und sind von ihm zusammengeworfen worden, indem er den Namen des einen mit den Wohnsitzen des anderen verknüpfte. Die Angaben aber, die jene Quelle über die A. enthielt, gehen auch mit höchster Wahrscheinlichkeit auf Eratosthenes zurück. Die vorstehende Übersicht ergiebt, dass der Name A. überall, wo er vorkommt, unmittelbar oder mittelbar aus den Geographika des Eratosthenes stammt, und dass er ausschliesslich diejenigen Marder bezeichnet, die am Südufer des kaspischen Meeres zwischen den Kadusiern und Hyrkanern wohnten. Die Quelle aber, der Eratosthenes seine Nachrichten über das kaspische Meer und dessen Küsten entnommen hat, ist der Fahrtbericht des Patrokles (s. Roesler a. a. O. 184. 194. Berger a. a. O. 94ff. 325. K.J. Neumann Herm. XIX 169f.), der als praefectus classis des Seleukos Nikator und Antiochos Soter (Plin. n. h. VI 58) zwischen 285 und 282 (K. J. Neumann a. a. O. 185) die Küsten des kaspischen Meeres befahren hat. Einzig und allein auf diesen Mann geht also die Form A. zurück, während sowohl seine Zeitgenossen, die Alexanderhistoriker, als auch später die Schriftsteller der Parthergeschichte [1731] für jenes Volk nur die Form Mardoi (s. d.) verwenden. Im Widerspruch zu der selbstverständlichen Folgerung, dass bei richtiger Überlieferung eine jede Wiedergabe der eratosthenischen Aufzählung der kaspischen Völker den Namen der östlichen Nachbarn der Kadusier in der von Patrokles mitgeteilten Form A. enthalten müsse, scheint das von Dionysius Periegetes (732) gebrauchte Μάρδοι (οἱ θ’ ὑπὲρ αἶαν – τρηχεῖαν ναίουσι Καδούσιοι · ἄγχι δὲ Μάρδοι) zu stehen. Die Substitution dieser Form für das zu erwartende A. erklärt sich aber am einfachsten und ungezwungen aus metrischen Gründen, oder aus einer indirecten Benützung des Eratosthenes durch Vermittlung einer Schrift, in der die Form mit A durch die ohne A ersetzt war. In Bezug auf die Anwendung der Namensform A. muss noch einer oft wiederkehrenden irrtümlichen Ansicht gedacht werden, da auf dieselbe weitere Combinationen gegründet worden sind. Es ist die Meinung, als sei A. eine allgemein gültige Nebenform des Volksnamens Mardoi, als hätte ein jeder Stamm, der diesen letzteren Namen führte, auch ein Anrecht auf den ersteren gehabt. Ganz besonders ist dies von den schon bei Herodotos (I 125) erwähnten Mardern in der Persis angenommen worden, indem man aus der ganz unmissverständlichen Bemerkung des Strabon (XI 523), wonach die A., d. h. das kurz vorher erwähnte kaspische Volk, auch, wie der Stamm in der Persis, Μάρδοι genannt würden (καὶ γὰρ οὕτω λέγονται οἱ Ἄμαρδοι), folgerte, dass nun umgekehrt auch die persischen Mardoi, wie jene, A. gehiessen hätten, während Strabon auf die Bezeichnung auch der A. durch den kürzeren Namen nur deshalb aufmerksam macht, weil er in der Übereinstimmung der Namen einen Beweis für die ethnische Zusammengehörigkeit der persischen Marder sowie des armenischen Stammes dieses Namens mit den kaspischen (A) Mardern sah. Jene falsche Verallgemeinerung des Namens A. findet sich schon in der verworrenen Auseinandersetzung Mannerts (Geogr. d. Griech. u. Röm. V 2, 95f.) über die Mardi und A.; auch Forbiger (Handb. d. alt. Geogr. II 595f.) scheint sich über die beschränkte Bedeutung desselben nicht klar geworden zu sein. C. Müller überträgt offenbar ebenfalls den Namen A. auf die persischen Marder, da er die Stellen XI 523. 524. in denen von diesen die Rede ist, im Index seiner Strabonausgabe unter Amardi aufführt. Auch bei Duncker (Geschichte des Altertums IV5 247) liegt die verkehrte Auffassung jener Strabonstelle der Angabe zu Grunde, dass die Marder Herodots bei späteren Schriftstellern auch Amarder hiessen. Derselbe Irrtum hatte schon früher Norris (Journ. Roy. Asiatic Soc. London XV 4. 164) dazu verführt, den Namen, der in der zweiten Art der Achaemenideninschriften zur Bezeichnung von Susiane (s. d.) dient. (H)a-pir-ti (Norris transcribiert A-far-ti; Oppert Ha-pir-ti, Sayce Kha-pir-ti, Weisbach A-pir-ti), auch (H)al-pir-ti und (H)al-tu-pir-ti (Weisbach Die Achämenideninschriften zweiter Art 99), mit dem Namen A. zu identificieren, indem er diesen, mit Berufung auf Strabon XI 523. auf das von Nearchos (Strab. XI 524. Arr. Ind. 40, 6; frg. 34 Müll.) erwähnte den Persern benachbart wohnende Gebirgsvolk der Marder überträgt. Diese Combination wird von [1732] Spiegel (Êrân 13. 80) gebilligt, indem er noch auf eine Stelle des Plinius (n. h. VI 19 nach älterer Zählung) verweist, in der ,Amarder als ein Stamm scythischer Abkunft an der Grenze von Medien und Elymais‘ genannt seien. Er hat aber zwei Stellen (n. h. VI 50. 134), die nichts mit einander zu thun haben, zusammengeworfen; an der ersten steht, in einer Liste jenseits des Iaxartes wohnender skythischer Völker, der Name Homodoti (s. d.), wofür fälschlich Amardi gelesen wurde; die zweite enthält eine Angabe über die Wohnsitze von Mardern (supra eos [d. h. Oxios] parent Parthis Mardi et Saitae ii qui praetenduntur supra Elymaida), die als identisch mit den von Herodotos und Nearchos erwähnten zu betrachten sind. Dagegen hat Kiepert (Lehrb. d. alt. Geogr. 140) die Zusammenstellung von (H)apirti und A., zunächst allerdings aus geographischen Gründen, abgelehnt, wobei er vorsichtig den Namen A. nur für das kaspische Küstenvolk gebraucht. Seitdem hat aufs neue Sayce (zuerst in Transactions of the Soc. of Biblical Archeology III 467ff., dann ausführlicher in Actes du sixieme congrès international des orientalistes, tenu en 1883 à Leide II 1, 639f. 644f.) mit der grössten Entschiedenheit, aber einer ebenso grossen Kritiklosigkeit und Oberflächlichkeit in der Auslegung der Zeugnisse der Alten – so soll Strabon das kaspische Küstenvolk der Marder zu Amardern gemacht haben – die Identität der Marder des Nearchos, die von ihm nach dem Vorgange von Norris erst zu Amardern umgeschaffen werden, mit (H)apirti (altsusisch Ḥa-pirti; Inschriften v. Mâl-Ämîr A-a-pir(-ir)-ra, nach P. Jensen zu sprechen Ajapira oder Aipira) behauptet und Sprache und Schrift der zweiten Art der Achaemenideninschriften sowie der eine ältere Form derselben Sprache und Schrift aufweisenden Inschriften von Mâl-Ämîr (Ost-Südost von Šûštär) als amardisch bezeichnet. Hierin ist ihm jedoch der neueste Bearbeiter jener Inschriften, Weisbach (Die Achämenideninschriften zweiter Art 23), mit Recht nicht gefolgt. Die Identificierung von (H)apirti und A. lässt sich in keiner Weise aufrechterhalten, aus dem einfachen Grunde, weil das eine der beiden zu identificierenden Dinge überhaupt nicht vorhanden ist, oder doch wenigstens nicht da, wo man es braucht; sich aber etwa auf (H)apirti zu berufen, um das Vorkommen des Namens Amardoi zwischen Susiane und Persis zu beweisen, dürfte doch wohl logisch nicht zulässig sein. Es bleibt nun noch das Verhältnis zwischen den beiden Namensformen Ἄμαρδοι und Μάρδοι zu erörtern. Bereits Zeuss (Die Deutschen 289 Anm.) hat auf das Vorhandensein von Doppelformen, mit anlautendem A und ohne ein solches, bei persischen Namen aufmerksam gemacht und als Beispiele Ἄπαρνοι (Strab. XI 511) neben dem gewöhnlichen Πάρνοι (s. d.), Ἄμαρδοι neben Μάρδοι angeführt. Zu diesen beiden Fällen hat dann J. Olshausen (M.-Ber. Akad. Berl. 1880. 345) noch die uns durch die Bîsutûninschrift des Darius I. bekannt gewordene einheimische Form Asagartija neben Σαγάρτιοι (s. d.) hinzugefügt (s. auch unter Akessaia). Wenn man von der nicht gerade wahrscheinlichen Vermutung absieht, als beruhten die A-Formen lediglich auf einem Missverständnis ihrer ersten Überlieferer, die ein pronominales Element [1733] oder eine Form des Verbum substantivum für einen Bestandteil des Namens selbst gehalten hätten, so giebt es zur Erklärung jener Doppelformen sprachlich drei Möglichkeiten. Am nächsten liegt die Annahme, dass das anlautende a kurz war. Ein solches ǎ fällt im Neuîrânischen lautgesetzlich ab (vgl. J. Darmesteter Études iraniennes I 111); aber dass dieser Vorgang vereinzelt schon sehr frühzeitig eingetreten ist, das beweist die schon bei Herodotos vorkommende Form Σαγάρτιοι (*Sagartija) gegenüber dem von Darius I. gebrauchten Asagartija, dessen anlautendes a sicher kurz gewesen ist. Hierher würde auch Ἄπαρνοι - Πάρνοι gehören, wenn Tomaschek (S.-Ber. Akad. Wien LXXXVII 1877, 96) Recht hätte, es mit avestischem aperenâjûka, pählävî apurnâjak, ,Kind, Knabe,‘ wörtlich ,nicht volljährig‘, neupers. burnâ ‚Knabe, Jüngling‘, zusammenzustellen, was jedoch im höchsten Grade zweifelhaft ist. In Bezug auf Amardoi jedoch erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass das anlautende a kurz gewesen sei, da es dann kaum etwas anderes sein könnte, als ein a privativum. Die zweite sich darbietende Möglichkeit ist, dass das anlautende a lang war, dass es sich also um Doppelformen handelt, wie Ἀτροπατηνή *Âturpâtân) neben Τροπατηνή, (*Turpâtân, vgl. auch den armenischen Geschlechtsnamen Trpatuni, Sebêos Geschichte des Heraklius ed. Patkanow 48. 50. 51. 65. 66; näheres unter Tropatene), wie neupers. âtäš ,Feuer‘ neben täš (s. auch unter Akola). So wird man sich am besten auch das Verhältnis zwischen Ἄμαρδοι und Μάρδοι und zwischen Ἄπαρνοι und Πάρνοι denken. Beide Fälle in der gleichen Weise zu erklären, empfiehlt sich schon deshalb, weil sie beide dem Küstengebiet des kaspischen Meeres angehören. Ist aber das A von Amardi wirklich lang, lautete der Name *Âmardha, dann wird man mit Notwendigkeit dazu geführt, den Namen der Stadt Âmul in Mâzändärân damit zusammenzustellen, diesen für die lautgesetzliche jüngere Form von *Âmardha zu erklären, denn älteres rdh wird im Neupersischen regelmässig zu l (vgl. J. Darmesteter a. a. O. 97), Âmul, jetzt die Hauptstadt eines grossen Distriktes der Provinz Mâzändärân, war früher die Hauptstadt von Täbäristân, das den östlichen Teil des jetzigen Mâzändärân umfasste, und liegt innerhalb des Gebietes, das uns als Wohnsitz der Marder bezeichnet wird. Unter der angegebenen Voraussetzung hat diese Identification einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Der Vollständigkeit halber mag auch noch die dritte Möglichkeit erwähnt werden, dass nämlich das anlautende A einem einheimischen ha entspräche, also eigentlich mit einem Spiritus asper, , zu schreiben sei, und dass dieses ha, wie in der neupersischen Partikel aus hamè (vgl. J. Darmesteter a. a. O. 215), abgefallen, Mardoi also die lautlich jüngere Form von A. sei. An dieser Stelle genügt es, das was sich zur Erklärung des Verhältnisses zwischen den Formen A. und Mardi sagen lässt, beigebracht zu haben. Die Vermutungen, die sich an den Namen Mardi selber knüpfen lassen, werden zweckmässiger unter Mardoi erörtert werden. Dort wird auch die Geographie, Ethnographie und Geschichte aller Stämme, die diesen Namen geführt haben, behandelt werden.