RE:Ate

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 18981901
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Ate (Ἄτη). Personification der Unheil bringenden Verblendung, ebenso aber auch eines durch diese herbeigeführten Frevels und des ihm als Strafe folgenden Unheils, ist als solche stets eine blasse Allegorie geblieben und hat es nie zu einer vollen Persönlichkeit gebracht. Für die begriffliche Erklärung im einzelnen ist daher auf die Wörterbücher zu verweisen; hier können nur die Grundzüge angedeutet werden.

In der Ilias ist ἄτη im allgemeinen ganz unpersönlich [1899] gedacht; es ist die Verblendung, welche ins Verderben führt: Patroklos, von Apollon entwaffnet und betäubt, wird von der ἄτη erfasst (XVI 805); Dolon ist durch Hektors Versprechungen πολλῇσιν ἄτῃσιν παρὲκ νόον geführt (X 391); wenn Aineias sich dem Peleiden entgegen stellt, so erscheint er von der ἄτη ergriffen ἀτέοντα XX 332). Auch in der Odyssee ist es ähnlich: die Erinys legt dem Menschen die ἄτη ἐπὶ φρένας (XV 234). Nur an zwei Stellen der Ilias wird dieser ganz unpersönliche Begriff plötzlich allegorisierend zu einer Persönlichkeit verdichtet; dass eine solche Vorstellung ‚naiv und hochalt‘ sei, wie Welcker (Griech. Götterl. I 709f.) annimmt, ist aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich: einmal wegen der gezwungenen und schemenhaften, nichts weniger als naiven, Durchführung der Allegorie; dann aber, weil der von der A. erzählte Mythos (Il. XIX 91ff.) seine Züge anderen Partien des Epos entlehnt und selbst zweifellos erst nachträglich in die Rede des Agamemnon eingeschoben ist. A. erscheint hier als ehrwürdige (πρέσβα, für A. ein merkwürdiges Beiwort; steht es hier vielleicht in dem Sinne von πρεσβυτάτη?) Tochter des Zeus, die Verderbliche, ἡ πάντας ἀᾶται (durch Verblendung ins Unheil führt); sie geht auf leisen Sohlen, darum schleicht sie sich so unvermerkt ein; auch wandelt sie nicht auf dem Erdboden, sondern κατ’ ἀνδρῶν κράατα. Das ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob sie den Menschen auf den Köpfen herumginge (wie es gewöhnlich gedacht wird, vgl. Rhian. bei Stob. Anth. III 4, 33 Hense. Aristid. I 15 Dindf.); hätte der Dichter das gemeint, so würde ihn wohl die Lächerlichkeit dieses Bildes veranlasst haben, es zu vermeiden. Die Schwierigkeit für das Verständnis liegt darin, dass er überhaupt nicht an ein Bild gedacht hat, sondern auch die personificierte A. ihm ein Begriff blieb, die Verblendung, die, ohne dass man sie merkt, in den Köpfen der Menschen herumschleicht. So kommt auch im folgenden nicht A. in Person zu Zeus, ihn zu verblenden, sondern Heras listige Rede bethört ihn, so dass er πολλὸν ἀάσθη. Erst als Zeus erkennt, dass er der ἄτη anheimgefallen, erscheint A. plötzlich als wirkliche Person: nicht gegen Hera wendet sich der Zorn des Gottes, sondern gegen A., die er bei den glänzenden Haaren packt und im Zorn auf die Erde schleudert, indem er einen grossen Eid schwört, sie solle nie wieder zurückkehren auf den Olympos und in den gestirnten Himmel. Sie aber gelangt schnell zu den Werken der Menschen, auf die sich nun ihr unheilvoller Einfluss erstreckt: aufs neue sinkt hier die Personification zur Allegorie herab. Es ist also nur das eindrucksvolle Motiv des Hinabwerfens, das der A. hier volle Persönlichkeit verleiht: sie muss dazu einen Körper haben, und ihre Haare müssen erwähnt werden. Dies Motiv ist erfunden in Erinnerung einerseits an die Strafe, welche Hera Il. XV 17ff. von Zeus erleidet, andererseits an das wiederholt erwähnte Hinabwerfen des Hephaistos zur Erde (wie wenig persönlichen Gehalt auch dieser Zug hatte, beweist u. a. die rein bildliche Verwendung bei Plut. de Pyth. orac. 6, wo gesagt wird, mit der ἄτη sei damals auch die ἡδονὴ aus dem Himmel hinabgeworfen worden). Die übrige Allegorie steht auf einer Stufe mit den Fässern [1900] des Bösen und Guten im Hause des Zeus (Il. XXIV 527ff.) und dem Fass der Pandora (Hes. op. 94ff.).

Die andere Stelle der Ilias, welche A. personificiert (IX 502ff.), entwirft von ihr eine ganz verschiedene Schilderung: war dort das unvermerkte Einschleichen der Bethörung zum Ausgangspunkte der Allegorie genommen, so geht Phoinix hier in seinem Märchen von der Schnelligkeit aus, mit der das Verderben seinen Lauf nimmt, im Gegensatz zu der langwierigen und mühsamen Heilung des angerichteten Schadens durch die ‚Bitten‘ (λιταί, d. h. versöhnende Reden); war dort von den zarten Füssen der A. die Rede, so, heisst sie hier stark und schnellfüssig; sie eilt den Bitten voran, und diese hinken mühselig, verrunzelt und (verlegen) schielend hinterdrein. Aber damit ist die Einheitlichkeit auch bei dieser Allegorie (denn Personification kann man kaum sagen) erschöpft; wenn Phoinix fortfährt: ,wer die Bitten (diese, nicht A., sind hier Töchter des Zeus) ehrt, dem bringen sie Segen; verachtet sie aber einer, so bitten sie Zeus, dass diesem die A. folge‘, so hat er vergessen, dass ja nach seiner Schilderung die A. den Bitten vielmehr voranläuft.

Ebensowenig ist es als wirkliche Personification zu erachten, wenn Hesiodos (Theog. 230) die A. zwischen lauter Allegorien als Tochter der Eris in sein genealogisches System einreiht. Auch in der Folgezeit finden wir nur selten den Versuch, A. zu personificieren; allenfalls kann man hierher rechnen, dass nach Empedokles (389 Stein, vgl. Zeller Philosoph. d. Griech. I⁵ 808) Ἄτης ἐν λειμῶνι κατὰ σκότος ἠλάσκουσιν — schwerlich die Abgeschiedenen in der Unterwelt, nach den Citaten (Prokl. Tim. V 339 B. Iulian. or. VII 226 B. Themist. or. XIII 178 B. XX 240 C), die die Erde als ein Jammerthal hinstellen, vielmehr die Menschen, die auf der Erde im Banne der A. in dumpfer Verblendung umherirren; halb personificiert ist A. auch bei Panyassis (frg. 13 Kink.), wo gesagt wird, beim Gelage gelte der dritte Becher der Hybris und der A. Auch die attische Tragoedie, so oft sie das Wort ἄτη gebraucht, erwähnt die A. als Person nur ganz vereinzelt. Aischylos (Ag. 1124) nennt sie schnell und stellt sie als über die Menschen triumphierend dar (Sieb. 956ff. ἕστακε δ’ Ἄτας τρόπαιον ἐν πύλαις, ἐν αἷς ἐθείνοντο, καὶ δυοῖν κρατήσας ἔληξε δαίμων); als Daimon der Unterwelt erscheint sie auch Agam. 1433 (neben Erinys und Dike) und Choeph. 383 (wo sie Zeus als ὑστερόποινος emporsendet); daneben stehen aber zahlreiche Stellen, wo ἄτη rein begrifflich gebraucht wird; ferner auch das schöne Gleichnis Pers. 820ff. (wenn die Hybris in Blüte schiesst, trägt sie als Frucht die Ähre der ἄτη, zur thränenreichen Ernte), vgl. Solon frg. IV 36 (PLG⁴ II 38: die aufschiessende Blüte der ἄτη vertrocknet vor den Strahlen der εὐνομία). An die Personification kann man allenfalls noch denken an Stellen wie Aisch. Agam. 764ff.; Choeph. 467. 1078. Soph. Tereus frg. 533 Nauck² u. s. (keine derartige Stelle bei Euripides). Als Personification kann es auch kaum angesehen werden, wenn ein Mensch gelegentlich als ἄτη bezeichnet wird, z. B. Orph. Hymn. XII 13 (Herakles treibt die Unholde, κακὰς ἄτας, aus; von Rohde Psyche 219, 1 wohl unrichtig aufgefasst). Kallim. frg. [1901] 486 (Achilleus als ἄτη Ἀργείων). Plut. Alex. 3 (Alexandros als ἄτη der Welt). Rein symbolisch ist es auch aufzufassen, wenn man seit alexandrinischer Zeit den Hügel, auf dem Ilion stand, als Hügel des Verderbens (Ἄτης λόφος) bezeichnet (Lyk. 29 mit Tzetz. Apollod. III 12, 3, 2. Steph. Byz. s. Ἴλιον. Diogenian. I 85. Hesych. s. (Ἄτης λόφος. Eustath. 1175, 62 Il. XIX 128). Erst bei ganz späten Schriftstellern finden wir A. als Person wieder, Q. Smyrn. I 753 (Rächerin der Hybris). IV 201 (Daimon der Verblendung). Nonn. Dion. XI 113ff. (bethört den Ampelos).

Bei dieser Sachlage ist es erklärlich, dass uns eine Darstellung der A. inschriftlich gesichert nicht erhalten ist; wir dürfen unbedenklich behaupten, dass A. in der antiken Kunst überhaupt nicht dargestellt worden ist. Wenn man Kunstdarstellungen vereinzelt auf A. gedeutet hat (vgl. G. Koerte Personif. psychol. Affecte in d. späteren Vasenmalerei, Diss. München 1874, 8ff. Helbig Führer I nr. 496. Sauer Aus der Anomia 105), so muss dies als unmethodisch bezeichnet werden; alle diese Figuren sind allgemein Erinys, oder mit den von der Bühne her als Personennamen geläufigen Namen Apate (s. d.) oder Lyssa zu benennen; A. selbst ist nie Bühnenfigur gewesen.

Litteratur. C. F. Nägelsbach Hom. Theol. 25. Lehrs Rh. Mus. I 1842, 593ff. (= Pop. Aufs. 221ff.). Nägelsbach De religionib. Orestiam Aeschyli continentib. (Festschr. z. Saecularf. d. Univ. Erlangen 1843) 10ff. K. Eichhoff V. d. Ate oder Sinnesbethörung durch d. Gotth. (Progr. Gymn. Duisburg 1846) 15ff. F. Lübker D. Sophokl. Theol. u. Ethik (Kiel 1851) I 55. Welcker Griech. Götterl. (1857) I 709ff. Scherer De Graecor. ἄτης notione atque indole (I. Diss. Monast. 1858. II. Progr. Gymn. Dionysian. Rheine 1866). E. Berch D. Bedeutung d. Ate b. Aeschylus (Progr. Städt. Gymn. Frankfurt a. M. 1876) 27ff. B. Niese D. Entwickl. d. hom. Poesie (1882) 64f. Leop. Schmidt D. Ethik d. alt. Griech. (1882) I 247f. Preller-Robert I 534.