RE:Atlantes 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 21072109
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2) Nach Vitruv VI 10, 6 der griechische Name für die in der Baukunst üblichen Stützen in Gestalt einer männlichen Figur, entlehnt von der Darstellung des die Welt tragenden Atlas; Stützfiguren in Gestalt bekleideter Frauen hiessen Caryatides. So wird auch das Wort ἄτλαντες von Moschion in der Beschreibung des Prachtschiffes Hierons II. gebraucht (Athen. V 208 b), und Hesychios erklärt Ἄτλαντα als einen ὠμοφόρον. Die Römer sollen statt dessen das Wort telamones angewendet haben, wofür Vitruv keine Erklärung kennt; aber Telamo ist nur eine andere Form des Namens Atlas, derer sich z. B. Ennius bedient hatte (Serv. Aen. I 741 = IV 246). In den griechischen Colonien am Pontus Euxinus steht τελαμών für στήλη und auch für Postament einer Stele (CIG 2053 b. 2056. add. 2056 d; viele andere Beispiele bei Latyschew Inscr. orae septentr. Pont. Eux.).

Es ist nicht deutlich, ob Vitruv unter Atlanten und Telamonen nur nackte Figuren versteht. Die an der στοὰ περσική am Markte von Sparta das Dach tragenden simulacra barbarico vestis ornatu nennt er I 1, 6 ebenso wie Pausanias III 11, 3 Perser (es war auch Mardonios und Artemisia darunter). Er hält diese aus der medischen Beute gestiftete Halle für das erste Beispiel der Verwendung von Persern als architektonischer Stützen, aber nach Pausanias Ausdruck ist es wahrscheinlich, dass gerade die Stützfiguren erst bei dem späteren Aus- oder Umbau der Halle hergestellt worden seien. Da die Proportionen einer menschlichen Gestalt nicht mit der Höhe einer Halle harmonieren, standen die Perser in Sparta ἐπὶ τῶν κιόνων (ebenso die bekleideten Jünglinge in der Einfassung der Bronzestele Arch. Zeit. XXXIX 1881, 14 und an dem Baldachin des Dionysos auf Münzen von Tanagra, Arch. Zeit. XLIII 1885, 263, ferner die nackten Frauen an dem Tetrakionion auf der Vase Mon. d. Inst. VIII 9; vgl. auch das römische Wandbild ebd. XI 44 und Kaibel Epigr. gr. 1072). Hoch aufgestellt, aber ungewiss an welcher Stelle, waren auch die berühmten nackten Atlanten am Zeustempel in Akragas und die kleinen, die Deckenwölbung tragenden A. im Tepidarium der kleinen Thermen in Pompeii (v. Rohden Die Terracotten von Pomp. XXV); ebenso [2108] hatten die schlangenfüssigen, mit Pfeilern verbundenen Stützfiguren der sog. Gigantenhalle in Athen besondere Postamente (s. Wachsmuth Stadt Athen I 158. II 526. Le Bas Voy. arch. mon. fig. 28. 29). Einen Bogen tragen die A. auf dem römischen Grabrelief im Museum zu Berlin nr. 841. Als Telamonen waren auch die beim Dionysostheater in Athen gefundenen Silene (Ἐφημ. ἀρχ. 1862, 136, 3. Πρακτικά 1879, 14) verwendet, die mit den im Louvre (Fröhner Notice de la sculpt. ant. 272–275) und in Stockholm befindlichen Silenen übereinstimmen sollen (Piot Bull. de l’Acad. des inscr. 1869, 23); vgl. dazu die die Rücklehne tragenden Silene an dem Theatersessel des Dionysospriesters Friederichs-Wolters nr. 2150, die Inschrift aus Magnesia Athen. Mitt. XIX 1894, 36 und die bei Theaterdecorationen genannten Centauri sustinentes epistylia Vitr. VII 5, 5 und die Britanni Verg. Georg. III 25. Ein Satyr als Telamon auch im Museum von Syrakus, vielleicht vom Altar des Hieron. Auf einer Münze Marc Aurels sind die Säulen einer Aedicula des Mercur durch Hermen ersetzt (Cohen² III nr. 534), vgl. dazu das römische Relief im Museum zu Berlin nr. 957. Kniende Silene sind nachträglich als Träger der Bühne des athenischen Theaters benützt worden (Mon. d. Inst. IX 16. Annali XLII 1870, 99; über die Wiederholungen in römischen Museen s. Luckenbach Arch. Zeit XLI 1883, 91; vgl. Arch. Jahrb. II 1887, 200). Sonst finden sich kniende A. weniger in architektonischer als in tektonischer Verwendung (z. B. v. Rohden a. a. O. XXVI 1. 2; ein kniender Perser im Museum zu Berlin nr. 493 a; drei kniende Erzcolosse unter dem grossen Krater in Samos Herod. IV 152; Perser unter einem Dreifuss Paus. I 18, 8), wie überhaupt Stützfiguren jeglicher Art an Tischen und Stühlen (bereits am amyklaeischen Thron Paus. III 18, 7; über die spätere Art, die Füsse von Götterthronen mit Figuren zu verzieren, s. Hauser Arch. Jahrb. IV 1889, 255; vielleicht stammen von solchen Möbeln Hermen und Figuren, wie die im Museum zu Berlin nr. 16. 91. 92. 539. 1065ff.), an Dreifüssen, Kandelabern, Spiegeln u. a. Geräten und Möbeln ungemein häufig sind (s. Curtius Arch. Zeit. XXXIX 1881, 14. Raoul-Rochette Mémoire sur les représentations fig. d’Atlas, Paris 1835, 60ff. 78). Möglicherweise ist eben aus dem Kunsthandwerk das Atlantenmotiv auf die Architektur übertragen worden, und zwar wie es scheint zuerst in der griechischen Architektur. Wiewohl das ägyptische Kunsthandwerk Stützfiguren liebt, z. B. an Geräten häufig die Griffe in Menschengestalt bildet, sind ihr architektonische Telamonen doch unbekannt; nur die Verzierung der Pfeiler durch eine vorgesetzte Osirisfigur kommt vor (Perrot und Chipiez Gesch. d. Kunst im Altertum I 495). Zu Herodots Worten in der Beschreibung des von Psammetich gebauten Apishofes II 153 (vgl. Diod. I 67) ἀντὶ δὲ κιόνων ὑπεστᾶσι κολοσσοὶ δυωδεκαπήχεις τῇ αὐλῇ s. Perrot 339f. Auch eine phoinikische aus Elfenbein geschnitzte Doppelkaryatide von echt architektonischem Charakter, die in Assyrien gefunden worden ist (im britischen Museum), muss wegen ihrer Kleinheit von einem Geräte stammen, vielleicht von einem Stuhl; [2109] assyrische Götterthrone und persische Königsthrone werden bisweilen von menschlichen Figuren gestützt (vgl. dazu neuerdings Puchstein Ztschr. f. Assyriologie IX 1894, 411ff.); über ägyptische Throne vgl. Athen. Mitt. VII 1882, 11 Anm.