RE:Atlas 3

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 21192133
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3) Die mythologische Figur des A. hat so überaus verschiedene Deutungen und Beurteilungen gefunden, dass es notwendig scheint, zuerst ohne Rücksicht auf antike und moderne Deutungsversuche die Überlieferung zusammenzustellen, um so eine sichere Grundlage der Beurteilung zu gewinnen. [2120]

I. Überlieferung.

a) Genealogisches.

Bereits der älteste litterarische Zeuge, Hesiodos, zeigt uns A. in die allgemeine Götterhierarchie eingereiht, und zwar als Titanensohn (der Titanensohn öfters selbst Titan genannt, z. B. Aisch. Prom. 426. Lucan. IX 654. Hyg. fab. 150. Serv. Aen. IV 247; ja sogar Gigant, Schol. Il. XVIII 486. Joh. Tzetz. Theog. [Abh. Akad. Berlin 1840, 150; überliefert Ἄντλας, corr. Wieseler]. Seine Eltern sind der Titan Iapetos und die Okeanide Klymene (Hes. Theog. 507ff. 746, danach Musaios [vgl. Robert Eratosth. p. 12ff. Schol. Il. XVIII 486. Theon Schol. Arat. 254. Apollod. I 2, 3. Ovid. met. IV 632. Eustath. Il. XVIII 485 [1155, 44ff.]. Schol. Aisch. Prom. 347). Varianten: als Vater werden Uranos (Diod. III 60. Theon a. a. O.) und Aither (Serv. Aen. IV 247. Hyg. fab. praef.) genannt; als Mutter Ge (Hyg. praef.), die Okeanide Asia (Apollod. I 2, 3. Schol. Apoll. Rhod. I 444), Libye (Plin. n. h. VII 203), Hemera (Serv. Aen. IV 247); Poseidon und Kleito nennt als Eltern des A. die Atlantisdichtung des platonischen Kritias (p. 113 D); wenn Stoll in der früheren Ausgabe dieser Real-Encyclopädie (abgedruckt auch in Roschers Lex. I 707) auch Hesperos als Vater und die Okeanide Aithra als Mutter aufführt, so beruht dies auf einem Missverstehen der Stellen des Musaios a. a. O. und Diodoros IV 27. Als Brüder des A. werden seit Hesiod. a. a. O. gewöhnlich Prometheus, Epimetheus und Menoitios gedacht (Apollod. I 2, 3; nur die beiden ersten nennt Theon a. a. O., nur Prometheus Aisch. Prom. 351f. Schol. Apoll. Rhod. I 444); dagegen ist bei Diodor. III 60 der sonst eine Generation höher stehende Kronos Bruder des A.; bei Diodor. IV 27 Hesperos; bei Hygin (praef.) die Titanen Briareus, Gyges, Steropes, Hyperion, Polos; im Atlantismärchen des platonischen Kritias (p. 114 Cff.) erzeugten Poseidon und Kleito fünf Zwillingspaare: A. und Eumelos, Ampheres und Euaimon, Mneseus und Autochthon, Elasippos und Mestor, Azaes und Diaprepes. Als Gattin des A. erscheint gewöhnlich entweder die Okeanide Pleïone (Apollod. III 10, 1, 1. Ovid. fast. V 81ff. Schol. Apoll. Rhod. III 225. Theon Schol. Arat. 254. Hyg. astr. II 21. Eustath. Il. XVIII 485 [1155, 44ff.]) oder die Okeanide Aithra (Ovid. fast. V 171. Musaios, Hyg. astr. II 21. Schol. Germ. p. 75, 10. Schol. Il. XVIII 486. Eustath. a. a. O. Hyg. fab. 192); vereinzelt Hesperis, Tochter des Hesperos (Diod. IV 27); Kalypso (Steph. Byz. s. Αὔσων); Selene (auf einem Vasenbilde, s. u.); wenn Schol. Eur. Phoin. 1129 Hesione überliefert ist, so kann man dies nur als Schreibfehler für Pleïone betrachten.

Töchter des A. und der Pleïone (nach Musaios der Aithra) auf dem Kyllene geboren (Apollod. III 10, 1, 1) sind Maia (von Zeus Mutter des Hermes, Hes. Theog. 938. Simon. frg. 18 Bgk.⁴ Hellan. Schol. Il. XVIII 486. Eur. Ion 1ff. Eratosth. Katast. 23. Apollod. III 10, 2, 1. Ovid. fast. V 85f. Verg. Aen. VIII 138ff. Serv. z. d. St. Hyg. astr. II 21), Elektra (von Zeus Mutter des Dardanos und Iasion, Hellan. a. a. O. Eratosth. a. a. O. Apollod. III 12, 1. Verg. Aen. VIII 134. Serv. z. d. St. Dion. Hal. I 61, 1 [Iasos]. Hyg. fab. 155. 192; astr. II 21. Schol. Eur. Phoin. 429 [überliefert Eetion]; der Harmonia, Schol. Eur. Phoin. [2121] 7. 1129), Taygete (von Zeus Mutter des Lakedaimon, Hellan. a. a. O. Eratosth. a. a. O. Apollod. III 10, 3, 1. Hyg. fab. 155), Alkyone (von Poseidon Mutter des Anthas, Paus. II 39, 8. IX 22, 5. Steph. Byz. s. Ἀνθηδών; der Aithusa, Apollod. III 10, 1, 2; des Hyrieus, Hellan. a. a. O. Eratosth. a. a. O. Apollod. a. a. O. Hyg. fab. 157; des Hyperenor, Apollod. Hyg.; des Hyperes, Paus. II 30, 8; des Telamon [?] nach einer halikarnassischen Inschrift, Dittenberger Syll. II 372), Kelaino (von Poseidon Mutter des Lykos, Hellan. Eratosth. Apollod.; des Lykos und Nykteus, Hyg. astr. II 21; des Eurypylos, Akesandros FHG IV 285; von Prometheus [!] Mutter des Lykos und Chimaireus, Tzetz. Lyk. 132), Sterope (von Ares Mutter des Oinomaos, Hellan. Eratosth. Hyg. astr. II 21; Gattin des Oinomaos, Apollod. III 10, 1, 1. Paus. V 10, 6), Merope (Gattin des Sisyphos, Mutter des Glaukos, Hellan. Eratosth. Apollod. III 10, 1, 1). Die sieben Töchter des A. erscheinen bereits bei dem Boioter Hesiodos (Erga 383) mit dem altbekannten Gestirn der Pleiaden identificiert (der Name verschieden erklärt, vgl. Preller-Robert I 464, 4), von denen die boiotische Sage erzählte, sie seien jungfräuliche Gefährtinnen der Artemis gewesen, die der Jäger Orion fünf Jahre verfolgte, bis er sie fast erreichte; da hätten sie zu Zeus um Rettung gefleht, und dieser habe sie erbarmend in einen Schwarm Tauben verwandelt, den er dann unter die Sterne versetzte (Pind. frg. 74. Schol. Il. XVIII 486. Theon Schol. Arat. 254). Bei der Identification der Pleiaden mit den Atlantiden, die ja sämtlich als Ahnfrauen von Herrschergeschlechtern galten, musste das Motiv der Jungfräulichkeit fortfallen, und eine andere Erklärung für die Verstirnung gefunden werden; nach Aischylos frg. 312 N.² versetzte sie Zeus aus Mitleid mit ihrer Trauer um die Leiden ihres Vaters A. unter die Sterne; eine Verlegenheitsausrede ist es, wenn Diodor. III 60, 5 sagt, sie seien wegen ihrer σωφροσύνη verstirnt. Zugleich suchte und fand man auch Erklärungen dafür, dass man gewöhnlich von den sieben Pleiaden nur sechs zu erkennen vermag, indem der siebente Stern wegen seiner geringen Grösse und Helligkeit dem Auge nur schwer sichtbar ist: man sieht eben nur die sechs mit Göttern verbundenen, während Merope aus Scham über ihre Mesalliance mit dem Sterblichen Sisyphos unsichtbar bleibt (Hellan. und Eratosth. a. a. O.); oder Elektra, die Mutter des Dardanos, verlässt aus Trauer über Ilions Fall den Reigen der Schwestern und irrt mit aufgelöstem Haar als Komet umher, Arat. εἰς Θεόπροπον (Schol. Arat. 257. 259. Schol. Il. XVIII 486); oder eine der Pleiaden ist vom Blitze getroffen (Schol. Arat. 254).

Dem Vater der Pleiaden gab Musaios (a. a. O.) auch die ebenfalls seit alters bekannte Sternengruppe der Hyaden (andere Genealogien derselben s. Artikel Hyades) zu Töchtern und dichtete, A. habe zwölf Töchter und einen Sohn Hyas gehabt; als dieser auf der Jagd durch ein wildes Tier (fera, Ovid fast. V 178; Schlange, Schol. Arat. 254. Schol. Il. XVIII 486; Löwe, Hyg. astr. II 21; Eber oder Löwe, Schol. Germ. p. 75, 10. Hyg. fab. 192; der Dichter hatte wohl das nur kurz erwähnte Untier unbestimmt mit einem allgemeinen Worte wie κνώδαλον oder dergleichen bezeichnet, [2122] vgl. Robert Eratosth. 13f.) seinen Tod gefunden hatte, grämten sich fünf seiner Schwestern zu Tode und wurden, ihm zu Ehren Hyaden genannt, unter die Sterne versetzt. Das Missliche bei dieser Combination war, dass Musaios nun nicht wusste, was er mit den übrigen sieben Töchtern, den Pleiaden, anfangen sollte, um sie unter die Sterne zu bringen; liess er alle zwölf aus Trauer um Hyas sterben, so musste es Wunder nehmen, dass nicht auch alle den Namen Hyaden erhielten; und dass die Pleiaden aus Trauer um A., die Hyaden aus Trauer um Hyas zu Sternen wurden, klang auch sonderbar. Das Auskunftsmittel ist ebenso frostig und gekünstelt wie die ganze Combination: die Pleiaden sterben auch (gemeint doch wohl aus Trauer um Hyas), aber später(!), und weil ihre Zahl grösser ist (πλείους), so heissen sie als Sterne nun Pleiaden (Schol. Il. XVIII 486 mit der Verbesserung von v. Wilamowitz bei Robert a. a. O. 43).

Ausser diesen beiden Gruppen werden noch als Kinder des A. genannt: 1) die Hesperiden (von Hesperis), Schol. Germ. p. 117 Breys. (Pherekyd.). Diod. IV 27 (andere Genealogien derselben s. Preller-Robert I 563f. und Artikel Hesperis); wenn Pasiphae als Mutter des Ammon bei Plut. Agis 9 Tochter des A. heisst, so ist sie als Hesperide gedacht, vgl. Wide Lakon. Kulte 247. 249. 2) Dione, Gemahlin des Tantalos, Mutter des Pelops (Hyg. fab. 83) und der Niobe (Ovid. met. VI 174f.); eine Dione erscheint auch unter den dort als Nymphen von Dodona aufgefassten Hyaden bei Pherek. Schol. Il. XVIII 486. 3) Kalypso, Od. I 52. VII 244ff. Apoll. Rhod. IV 574f. Apollod. epit. VII 24 Wagner. Hyg. fab. 125; vgl. v. Wilamowitz Homer. Unters. 23. 4) Maira, Gemahlin des Königs Tegeates von Tegea, Mutter des Skephros und Leimon, Paus. VIII 48, 6; ihr Grab sowohl in Tegea wie in Mantineia gezeigt, Paus. VIII 12, 7. 5) Hesperos, Diod. III 60. Tzetz. Lyk. 879. 6) Auson (von Kalypso), Steph. Byz. s. Αὔσων. 7) Vielleicht ist auch Amphitrite in der Erzählung des Eratosthenes Katast. 31, der sie vor Poseidons Liebesverfolgung zum König A. auf die Insel Atlantis fliehen lässt, als Tochter des A. gedacht.

So steht A. in der Überlieferang als der Ahnherr zahlreicher Fürstengeschlechter da, nicht nur in der Peloponnes (Pelops Sohn der Dione; Korinth: Merope; Elis: Sterope; Lakonien: Taygete; Arkadien: Maia, Maira), sondern auch im übrigen Griechenland (Boiotien: Alkyone, Kelaino) und in weiterer Ferne (Ilion: Elektra; Italien: ebenfalls Elektra, vgl. Serv. Aen. VIII 134; ferner auch durch Auson und Latinus, die Söhne der Kalypso, Steph. Byz. s. Αὔσων. Apollod. epit. VII 24 Wagner; Kyrene: Eurypylos Sohn der Kelaino, Ammon Sohn der Pasiphae); ja selbst Homer und Hesiod sollten in letzter Linie von (dem euhemeristisch als weisen Erfinder der Mathematik und Musik gedachten, s. u.) A. abstammen, Suid. s. Ἡσίοδος. Die Auffassung des A. als des Ahnherrn der meisten Fürstenhäuser scheint Hellanikos seinem Werke Atlantis zu Grunde gelegt zu haben, vgl. auch Diod. III 60, 4. Preller-Robert I 84.

b) Mythen des A.

Im Mythos hat A. die Aufgabe, den Himmel zu tragen; er trägt ihn auf Kopf und Händen (Hes. Theog. 517ff. 746ff.) oder [2123] auf den Schultern (Apollod. I 2, 3), auf dem Rücken (Aisch. Prom. 427ff. Eur. Ion 1ff.), auf dem Nacken (Ovid. fast. V 180) u. s. w.; ohne nähere Angabe der Art des Tragens oft erwähnt (Pind. Pyth. IV 289f. Eur. Hipp. 747. Aristot. Metaph. IV 23, 1023 a. Cic. Tusc. V 3. Ovid. fast. V 83. Quint. Smyrn. XI 419. Schol. Aisch. Prom. 347; vgl. πόλος Ἀτλάντειος, Eur. Peirithoos frg. 597 N.); den Olymp trägt er auf den Schultern bei Ovid. fast. V 169. Diese Auffassung, dass der Himmel, wie immer gedacht, direct auf ihm ruht, beherrscht das ganze Altertum; sie allein ist auch in der Kunst dargestellt worden, s. u. Unvereinbar damit ist eine andere zweifellos ebenfalls sehr alte Vorstellung darüber, auf welche Weise der Himmel über der Erde schwebend befestigt sei: er ruht auf Säulen, wie die Decke eines μέγαρον (vgl. Ibykos frg. 58 Bgk.⁴). Ein später Homeride versuchte dennoch beides zu vereinigen und kam dadurch zu der matten Vorstellung (Od. I 53f., vgl. U. v. Wilamowitz Eurip. Herakles II 130f.), A. habe jene Säulen, die Himmel und Erde auseinander halten (ἀμφὶς ἔχουσιν), unter seiner Aufsicht. Lediglich mit Rücksicht auf diese mit dem Ansehen des Namens Homer umkleidete Erfindung lässt Aischylos (Prom. 351ff., vgl. Schoemann Des Aesch. gef. Prom. 302. Kausche Mythol. Aesch., Diss. Hal. IX 165) den Himmel auf einer Säule aufruhen, gegen die sich A. mit seinen Schultern stemmt (doch wohl, um sie vor dem Umstürzen zu sichern). Spätere lassen A. die Weltaxe auf den Schultern halten (Verg. Aen. VIII 137. Ovid. met. II 297. VI 175) oder gar mit den Schultern drehen (Aristot. d. mot. an. 3 p. 699 a 27. Verg. Aen. IV 482. VI 797. Schol. Hes. Theog. 509). Immer jedoch ist es nur der Himmel, den A. trägt; und wenn ihn Pausanias am Kypseloskasten (V 18, 4) und in dem Gemälde des Panainos (V 11, 5) Himmel und Erde halten lässt, so dürfen wir darin mit Preller-Robert I 502, 1 nur eine ungeschickte Anspielung auf den Odysseevers sehen, wenigstens liefert Pausanias selbst das inschriftliche Material, welches ihn widerlegt (s. u.). Bereits bei Hesiod (Theog. 517ff.) trägt A. den Himmel nicht freiwillig, sondern κρατερῆς ὑπ’ ἀνάγκης, als eine von Zeus ihm zuerteilte Aufgabe (ταύτην γάρ οἱ μοῖραν ἐδάσσατο μετίετα Ζεύς); hat schon hier seine Thätigkeit, wenn auch nicht deutlich ausgesprochen, den Charakter einer Strafe, so ist sie bereits bei Pindar (Pyth. IV 287ff.) ausdrücklich die Strafe für frevelhafte Überhebung; ähnlich auch bei Aischylos (Prom. 347. 427; vgl. Schol. 347). Spätere wussten auch den Grund der Strafe genauer anzugeben: A. hatte am Aufstand der Titanen teilgenommen (Serv. Aen. IV 247. Eust. Od. I 52), war sogar deren Anführer gewesen (Hyg. fab. 150); oder er hatte sich an der Zerreissung des Dionysos beteiligt (Prokl. Plat. Tim. I 53 C). In der Odysseestelle wird noch von A. ausgesagt, er kenne die Tiefen des Meeres (ὅς τε θαλάσσης πάσης βένθεα οἶδε), ein Zug, der wiederum von der Unüberlegtheit zeugt, mit welcher jener Nachdichter zu Werke ging: die Worte sind nämlich von Proteus entliehen (Od. IV 385f.), für den sie selbstverständlich vortrefflich passen, während man sich bisher vergeblich bemüht hat, sie auch bei A. erklärlich zu finden (vgl. U. v. Wilamowitz [2124] Homer. Unters. 23. M. Mayer Gig. u. Tit. 87. Steuding Roschers Lex. II 2110).

Weil ferner der Göttergarten stets in Verbindung mit A. oder doch nahe seinem Standort gedacht wird, die Hesperiden sogar gelegentlich als seine Töchter erscheinen (s. o.), so wird A. auch in das Hesperidenabenteuer des Herakles verwickelt. Nach einer Version dieses Abenteuers (die übrigen s. unter Herakles, Hesperis) nahm A. thätigen Anteil daran. Bereits am Kypseloskasten (s. u.) war er dargestellt, den Himmel tragend und zugleich im Besitz der Äpfel, die er für Herakles aus dem Hesperidengarten geholt hatte, und die er jenem nun vorenthielt; dafür bedrohte ihn Herakles mit dem Schwerte. Nach dieser Version gab er sie natürlich unter dem Zwange der Drohung ohne weitere Weigerung her. Auch Aischylos gab wohl diese Version wieder, wenn er im gelösten Prometheus diesen dem Herakles Weg und Mittel zur Erlangung der Hesperidenäpfel sagen liess. Eine scherzhafte Wendung scheint Pherekydes (nach Stesichoros?) in die Geschichte gebracht zu haben (Schol. Apoll. Rhod. IV 1396. Apollod. II 5, 11, 11): damit A. zu den Hesperiden gehen konnte, die Äpfel zu holen, musste sich Herakles dazu bequemen, ihm zeitweilig die Himmelslast abzunehmen; als nun A. mit den Äpfeln zurückkehrte, gefiel ihm die wiedererlangte Freiheit so gut, dass er sich weigerte, den Himmel wieder aufzuladen und dem Herakles erklärte, dieser solle die Last nur weiter tragen, er selbst wolle die Äpfel dem Eurystheus bringen. Da gedachte Herakles, was ihm Prometheus geraten, der ihn zu A. geschickt und das Eintreten dieses Falles vorhergesehen hatte; er erklärte sich ganz bereit, den Himmel weiter zu tragen; nur wolle er sich erst eine gedrehte Wulstbinde (σπεῖρα) als Polster zurecht machen; so lange möge ihm A. die Last wieder abnehmen. A. merkte die List nicht, legte die Äpfel auf die Erde, lud den Himmel auf, und Herakles ging mit den Äpfeln davon. Dass diese ironische Auffassung des A., welche den Humor der dorischen Eroberer atmet, nicht bei Aischylos vorgekommen sein kann, liegt auf der Hand; auch in der Kunst hat sie keine Wiedergabe gefunden (s. u.).

Endlich finden wir bei späteren Schriftstellern A. auch zu Perseus in Beziehung gesetzt, um die Identität des Titanensohnes A. mit dem Berge A. durch Versteinerung zu erklären: König A. (s. u.) wurde, weil er den Perseus ungastlich und mit Drohungen abwies, von diesem versteinert (Ovid. met. IV 627ff., danach Serv. Aen. IV 246; am Berge A. bezwingt Perseus die Medusa, Orph. Lith. 542ff.); oder als Hirt wird A. von Perseus versteinert (Polyidos PLG⁴ III 632); oder die lebende Medusa versteinert ihn durch ihren Blick (Lucan. IX 654f.).

II. Deutung.

a) Antike Deutungen.

Bereits im Altertum hat man sich vielfältig damit beschäftigt, die Sagenfigur des A. und sein Himmeltragen zu deuten. Die antiken Deutungen lassen sich in philosophische und rationalistische einteilen. Die ersteren fassen A. meist als Personification der Weltaxe auf, Schol. Aisch. Prom. 428 (die κίονες sind Nord- und Südpol). Schol. Eur. Hipp. 3. 747. Eust. Od. I 52 (1389, 59), oder des Horizontes, [2125] Schol. Arat. 254; am tiefsten fasst ihn Aristoteles auf (de caelo II 1 p. 284 a 18), wenn er ihn als die ἀνάγκη ἔμψυχος bezeichnet, die Himmel und Erde auseinander hält. Unter den rationalistischen Erklärungsversuchen ist wohl der älteste die Deutung auf einen Berg im nordwestlichen Africa (zuerst Herodot. IV 184; vgl. Schol. Aisch. Prom. 428. Schol. Eur. Hipp. 3. 747; erst durch die Feldzüge der Römer unter Claudius wurde das A.-Gebirge bekannter, daher die ausführlichen Schilderungen bei Pomp. Mela III 100f. und besonders bei Plin. n. h. V 5ff. 11. 13; sehr schön führt Verg. Aen. IV 246ff. poetisch die Vergleichung des Berges und des Titanengreises mit wolkenumhülltem Haupt, schneebedeckten Schultern und starrendem Gletscherbart durch; dass dagegen Euripides [frg. 1098 N.] den A. als ὄρος ὑπερνεφές bezeichnet habe, ist unwahrscheinlich und beruht wohl auf einem Missverständnis; Nauck will die Angabe auf den Anfang des Ion beziehen; besser vielleicht Bergk Jahrb. f. Philol. LXXXI 417 und ihm folgend v. Wilamowitz auf Hipp. 747). Über den Versuch, Berg und Person durch das Motiv der Versteinerung zu vereinigen, s. o. Eine zweite rationalistische Auffassung, die bei dem Urahn so vieler Königshäuser sehr nahe lag, war die als mythischer König; so ist er König des Reiches Atlantis im platonischen Atlantismythos (Plat. Krit. 113f.) und bei Eratosthenes Katast. 31; vgl. auch Ovid. met. IV 627ff. (danach Serv. Aen. IV 246). Dion. Hal. I 61, 1. Sehr verbreitet ist ferner die Meinung, unter A., der den Sternenhimmel trägt, sei ein weiser Astronom, Mathematiker, Entdecker der Himmelskugel, Philosoph (Diod. III 60. IV 27. Xenag. Schol. Apoll. Rhod. IV 264. Vitruv. VI 10, 6. Plin. n. h. II 31. Paus. IX 20, 3. Aelian. bei Eust. Od. I 52. Diog. Laert. prooim. 1. Schol. Aisch. Prom. 428. Tzetz. Lyk. 879), ja Musiker (Verg. Aen. I 741) zu verstehen; so wird denn erzählt, Hermes (Serv. Aen. I 741) und Herakles (Herodor. frg. 24, FHG II 34. Serv. Aen. IV 246) hätten bei ihm Astronomie gelernt; auch die oben erwähnte Genealogie des Homer und Hesiod geht von dieser Auffassung aus. Als Hirt erscheint A. bei Polyidos a. a. O.; mit Telamon identificiert ihn Ennius bei Serv. Aen. I 741. IV 246 (vgl. oben Telamon als Sohn des A., und Atlanten = Telamonen in der Kunst als Gebälkträger).

b) Moderne Deutungen.

Die neueren Mythologen scheiden sich bei der Beurteilung des A. in zwei Lager, je nachdem sie von der bei Hesiod in den Iapetidenbrüdern zweifellos vorliegenden Allegorie oder von der aus dem Tragen des Himmels und den Himmelssäulen ableitbaren Natursymbolik ausgehen. So glaubte Völcker (Iapet. Geschl. 49ff.) in A. eine allegorische Personification der Schiffahrt zu erkennen, wobei er sich hauptsächlich von dem so wenig charakteristischen θαλάσσης πάσης βένθεα οἶδε leiten liess; ähnlich urteilten Raoul-Rochette Mém. sur les repr. fig. du personnage d’Atlas (Paris 1835) 24. G. Hermann Opusc. VII 241ff. K. O. Müller Proleg. 191. Nägelsbach Hom. Theol. 81ff. (der noch bestimmter an die phoinikische Schiffahrt dachte). K. O. Müller erklärte (Gött. gel. Anz. 1838, 379), der Ausdruck ‚A. trägt den Himmel‘ sei zuerst [2126] eine hyperbolische Bezeichnung der äussersten Standhaftigkeit gewesen und dann allegorisch personificiert worden, und ferner (Proleg. 118), die vier Iapetossöhne in ihrem Zusammenhang bildeten eine fast allegorische Dichtung von den vier Hauptcharakteren des menschlichen Geschlechts. Dass der allegorische Sinn des Mythos der ursprüngliche sei, hatte auch Heffter (Allg. Schulztg. 1832 II 593ff.) angenommen. Gerhard (Griech. Myth. I 87) sieht in A. und Prometheus die Elemente eines auch ohne die Götter frei waltenden, dafür aber allerdings von Zeus bekämpften menschlichen Daseins. Auch Welcker (Griech. Götterl. I 743ff.) geht von der allegorischen Auffassung aus; ihm ist A. mit seinen Brüdern eine tiefsinnige Allegorie der Menschheit; A. repräsentiert das τλητὸν γένος ἀνδρῶν; andererseits versucht er diese Auffassung mit der natursymbolischen von dem Meere als Himmelsträger zu vereinigen; dagegen geht er soweit, die Existenz eines Berges A. überhaupt in Abrede zu stellen und zu behaupten, Herodot habe sich ein Märchen aufbinden lassen.

Dies führt uns über zu der natursymbolischen Auffassung; hier waren es besonders die Säulen des Himmels und die Vorstellung des A. als Berg, welche zur symbolischen Deutung einluden. Jacobi (Myth. Wörterb. I 167) versteht unter den Säulen die rings um die Erde laufenden Spitzen eines Berges, dessen Wurzeln im Meere stehen; ähnlich auch Göttling (Ges. Abh. I 188f.). Preller (Griech. Myth. I 348f.) sah in A. die stützende Macht des Meeres und dachte sich die Säulen auf dem Meeresgrund stehend, so dass sie dem (verkehrten) Ausdrucke des Pausanias gemäss Himmel und Erde trugen; das letztere suchte auch Letronne (Ann. d. Inst. II 161ff.) ausführlich darzulegen, und auch Gerhard (Akad. Abh. I 16ff. 42ff.) war dieser Meinung. Ebenso meint Heffter (a. a. O.), Homer denke die Säulen im Meer ringsum (ἀμφίς) verteilt, so dass A. sie nur bewache; diese Vorstellung verkenne den bei Hesiod gegebenen ursprünglichen (allegorischen) Sinn des Mythos. Stoll (in der früheren Ausgabe dieser R.-E., danach Roschers Lex. I 705f.) hat die sonderbare Vorstellung von Säulen, die auf der Erde aufstehend das Himmelsgewölbe am Rande tragen, und die dort von dem Meeresriesen A. mit seinem Leibe (αὐτός) getragen werden. Friederichs (Arch. Ztg. XII 1854, 255f.) geht von dem libyschen Berg aus; Homer rede von einer Vielheit von Säulen, indem er an den vielgipfeligen Berg denke; Aischylos von einer Säule, indem er den Berg als Ganzes fasse.

Alle diese, zum Teil mit viel Geist und Scharfsinn ausgedachten Erklärungsversuche sind hinfällig, indem sie entweder ganz Unwesentliches, ja nachweislich Unrichtiges zum Ausgangspunkt nehmen, oder von der allegorischen Auffassung ausgehen, die bei einer Figur mit so tiefem mythischen Hintergrund unbedingt auch dann für secundär gehalten werden müsste, wenn wir nichts Ursprünglicheres nachweisen könnten. Keine Religion ist ursprünglich Allegorie: erst wenn sie in Mythologie ausartet, drängen sich allegorische, meist moralisierende Ideen ein. Endlich haben alle die genannten Gelehrten nicht oder doch nicht mit hinreichender Deutlichkeit erkannt, dass der [2127] Mythos von A. eine Entwicklung durchgemacht hat, und also nicht als feststehender Punkt, sondern als historischer Verlauf zu betrachten ist. Der erste, der diesen Gesichtspunkt hervorhob und trotz Irrtümern im einzelnen wenigstens einen Teil der Entwicklung richtig erkannte, war Bergk (Jahrb. f. Philol. LXXXI 416ff.). Seitdem ist diese Auffassung immer mehr zur Geltung gelangt, vgl. v. Wilamowitz Homer. Unters. 23; Eurip. Herakles II 129ff. M. Mayer Gig. u. Tit. 86ff. Preller-Robert I 561ff. Steuding Roschers Lex. II 2109f.

c) Deutung und Entwicklung der Sage.

Der Versuch, die Entwicklung der Sage zu verfolgen und eine Deutung zu finden, muss ausgehen von dem Orte, wo A. ursprünglich localisiert war. Dies ist unzweifelhaft Arkadien; auf Kyllene werden die Atlantiden geboren (Apollod. III 10, 1, 1); Maia, die arkadische Erdgöttin, ist des A. Tochter und gebiert auf Kyllene den Hermes; A. wohnt auf dem arkadischen Thaumasion (Dion. Hal. I 61, 1 nach Sylburgs evidenter Verbesserung; überliefert Καυκάσιον ὄρος); seine Tochter ist die arkadische Heroine Maira; die Schlange des Hesperidengartens trägt den Namen des arkadischen Flusses Ladon; vgl. auch Serv. Aen. VIII 134: tertius Arcadicus. In Arkadien also trägt A. den Himmel, in Arkadien ist er Ahnherr der peloponnesischen Fürstenhäuser; dies giebt uns den Schlüssel zum Verständnis der Sagenfigur. Von welcher Seite man auch in den peloponnesischen Küstenlandschaften die gewaltigen Felsenmassen des arkadischen Hochlandes betrachtet, überall türmt sich die mächtige Bergmauer empor und scheint fast bis in den Himmel hinein zu ragen. Wie natürlich war es da für die Peloper (um mit diesem Namen die alteingesessene Bevölkerung der Halbinsel zu bezeichnen, von deren Religion noch so zahlreiche Spuren durch die dorische Tünche hindurch leuchten), zu sagen: da oben hoch im Gebirge, wo der Garten der Götter ist, den kein Sterblicher betritt, da steht ein riesenhafter Mann und trägt auf dem Haupt und den unermüdlichen Händen den Himmel, dass er nicht auf die Erde falle! Wer kann aber dieser peloponnesische Urvater, der Vater der Erdgöttin, der Himmelsträger, anders sein als der Himmelsgott selbst, als dessen Sohn ihn spätere Genealogien bezeichnen? Zu demselben Ergebnis gelangt man auch mit Hülfe der Etymologie (vgl. auch Wide Lakon. Kulte 18): allgemein anerkannt ist die Ableitung des Namens Ἄτλας vom Stamme τλα, tragen, dulden; er bezeichnet den Himmelsträger; mit ihm ist nicht nur dem Namen nach aufs engste verwandt der ebenfalls ursprünglich peloponnesische Tantalos, auch über seinem Haupte schwebt eine Last, von deren einstiger Sonnenbedeutung sich noch Spuren erhalten haben (Eur. Or. 982ff.; frg. 777 N.), und Schol. Eur. Or. 981 bezeichnet ihn geradezu als Himmelsträger. Atlas = Tantalos ist aber eine Hypostase des Himmelsgottes, den man allgemein als Zeus zu bezeichnen pflegt; hierauf weisen die Epikleseis des Zeus Ταλετίτας in Sparta (Le Bas-Foucart 162 k) und Ταλλαῖος auf Kreta (CIG II 2554. Bull. hell. III 1879, 292f.), vgl. auch den Helioskult auf dem Taygetosgipfel Taleton (Paus. III 20, 4), den kretischen Talos und Hesych. s. Τάλως· ὁ ἥλιος. So ist denn auch die [2128] Gemahlin des Himmelsgottes A. ursprünglich die Himmelsgöttin Aithra, mit ihr vereint wird er zum Ältervater der peloponnesischen Menschheit. Erst als man den Riesen, welcher den Himmel mit seinen Gestirnen trägt, durch Identificierung seiner sieben Töchter mit den Pleiaden in den Zusammenhang dieser boiotischen Sternsage brachte, verdrängte die aus dem Namen der Pleiaden hergeleitete Pleione die ältere Aithra. Das Tragen der Himmelslast konnte, sobald die göttliche Bedeutung des Trägers verdunkelt war, leicht als Strafe aufgefasst werden; so wurde der ‚Träger‘ zum ‚Dulder‘, und ein Anlass der Strafe wurde gesucht und gefunden. Über das Verhältnis dieser Vorstellung zu der von Säulen, die den Himmel tragen (so nennt Pindar Pyth. I 19 den Aitna κίων οὐρανία), ist bereits oben gesprochen.

Zugleich aber wurden, je mehr sich der Horizont der Griechen nach Westen hin mit dem Vordringen der Schiffahrt in die westlichen Gewässer erweiterte, die Lande der Phantasie, der Göttergarten, die Inseln der Seligen u. s. w., und mit ihnen der Standort des A. in immer weitere Ferne gerückt. Bereits bei Hesiod (bei dem charakteristischerweise die Vorstellungen vom Erebos in der Tiefe und der Nacht im Westen noch durcheinander gehen, vgl. Preller-Robert I 37) steht A. am Ende der Erde, wo sich Nacht und Tag begegnen. An den Grenzen der Schiffahrt war auch das Ende der Welt, da war der Garten der Götter und der Standort des A.; zunächst, wohl unter kyrenaeischem Einfluss (Wide a. a. O. 249. Studniczka Kyrene 120), an der Syrte, beim tritonischen See, was auch Spätere (Apoll. Rhod. IV 1396ff.) gelegentlich noch beibehalten; später aber ganz allgemein im äussersten Westen von Libyen (Aisch. Prom. 352), wo die Schiffahrt zu Ende ist (Eur. Hipp. 742ff.; Her. 394ff.), am Rand des Okeanos (Pherekyd. Schol. Apoll. Rhod. IV 1396), der nun der atlantische heisst, wie das Volk, das dort wohnt, Atlanten genannt wird; oder gar darüber hinaus auf dem Inselreich Atlantis. Nur vereinzelt kamen daneben andere Localisierungen vor, so bei den Hyperboreern im hohen Norden (Apollod. II 5, 11, 2. 11), in Phrygien (Herodor. frg. 24, FHG II 34), in Italien (Serv. Aen. VIII 134). Im griechischen Mutterlande finden wir A. nur noch in Boiotien localisiert (vgl. Dibbelt Quaest. Coae mythogr., Diss. Gryph. 1891, 5ff.), aber nicht als Himmelsträger, sondern als mythischen Ahnherrn: Hyrieus, der Sohn der Alkyone, ist Eponym von Hyria; sein Bruder Anthas Eponym von Anthedon; Lykos und Nykteus, die Söhne der Kelaino, gehören nach Theben (auch die Inseln der Seligen, auf welche Apollodor den Lykos versetzt, sind thebanisch, vgl. Schol. Lyk. 1194); über die Verbindung mit den Pleiaden und Hyaden ist schon gesprochen: Hyas ist Eponym der Hyanten in Onchestos und Hyampolis; die tanagraeische Localisierung endlich (Paus. IX 20, 3) ist deutlich das Ergebnis später künstlicher Mache und steht auf einer Stufe mit den Apollonsagen von Tegyra (s. o. S. 22, 17ff.).

Die euhemeristischen Ausdeutungen späterer Zeit sind bereits oben entwickelt; die allegorische Auffassung erscheint im Altertum nur vereinzelt: Hesiod hat durch die genealogische Umgebung, in welche er A. versetzte, den physischen Träger [2129] in die ethische Sphäre gezogen; dieser Versuch hat aber erst bei den Neueren Beachtung gefunden und ist von diesen irrigerweise zum Ausgangspunkt der Beurteilung gemacht worden.

III. Kunstdarstellungen.

Die ältesten Darstellungen des A. gehören noch der archaischen Kunst an. Ganz vereinzelt ist hier seine Anwesenheit beim Raube seiner Töchter Taygete und Alkyone durch Zeus bezw. Poseidon, am amyklaeischen Thron (Paus. III 18, 10). Sonst beziehen sich sämtliche überlieferte Darstellungen auf sein Abenteuer mit Herakles oder doch auf sein Amt als Himmelsträger. So finden wir ihn am Kypseloskasten dargestellt (Paus. V 18, 4): A. hält den Himmel (und die Erde; über diesen Zusatz des Periegeten s. o.) auf der Schulter, in der Hand die Hesperidenäpfel; Herakles dringt mit dem Schwerte auf ihn ein; Beischrift Ἄτλας οὐρανὸν οὗτος ἔχει, τὰ δὲ μᾶλα μεθήσει. Dass die hier befolgte Version nicht die humoristische des Pherekydes ist, leuchtet ohne weiteres ein. Eine in Olympia befindliche, später teils im Schatzhause der Epidamnier, teils im Heraion untergebrachte Gruppe altertümlicher Schnitzbilder aus Cedernholz, von Theokles und Hegylos (Paus. VI 19, 8), zeigte eine etwas andere Auffassung: man sah den Hesperidenbaum mit der Schlange, dabei Herakles und die Hesperiden, zugleich auch A., wie er den Himmel trug; hier war es also Herakles selbst, der die Äpfel holte, und A. war nur als Nachbar (und Vater?) der Hesperiden gedacht, oder Herakles hatte sich bei ihm Rats erholt. Unter den erhaltenen Denkmälern ist das älteste eine kyrenaeische Schale aus Caere im Vatican (abg. Mus. Greg. II 67 [71], 3. Gerhard Auserl. Vas. II 86. Wiener Vorlegebl. D 9, 7 u. ö.; vgl. Puchstein Arch. Ztg. XXXIX 217, 2. Studniczka Kyrene 120. Helbig Führer II 299 nr. 275). Hier ist A. wie bei Hesiod und Aischylos (vgl. Hub. Schmidt Observ. arch. in carm. Hesiodea, Diss. Hal. 1891, 11f.) seinem Bruder Prometheus gegenübergestellt: nackt, bärtig, mit langem Haar, trägt er den als unförmlichen Klumpen gebildeten Himmel auf dem Nacken, die Last, unter der seine Kniee einknicken, mit der Linken unterstützend, die Rechte in die Seite gestemmt. Wohl mit Unrecht stellt Reisch (bei Helbig a. a. O.) die Deutung als zweifelhaft dar und weist auf eine andere Deutung (Tityos und Tantalos als Büsser im Hades) hin; schon die Bedeutung, welche A. für Kyrene hatte (s. o.), spricht für die Deutung des Vasenbildes auf A. Der attischen Kunst gehört bereits an eine sf. weissgrundige Lekythos aus Eretria im Nationalmuseum zu Athen (Jnv. 1006, abg. Journ. Hell. Stud. XIII 1892 pl. III, vgl. p. 9ff. [E. Sellers]): hier ist es Herakles, unverkennbar durch sein Löwenfell, welcher den Himmel (gebildet als flache Scheibe oder als Kasten mit Mond und Sternen darauf) gebückt auf der linken Schulter hält und die Last mit beiden Händen unterstützt; von rechts kommt schnellen Schrittes auf ihn zu A. (nackt, langes Haar, Bart, Binde) und bietet ihm in jeder Hand zwei Äpfel dar. Nichts deutet hier auf die Version des Pherekydes, welche die Herausgeberin auch hier erkennen will; das Bild ist durchaus ernsthaft, und kein unbefangener Beschauer kann mehr herauslesen, als dass A., [2130] nachdem er seinen Auftrag ausgeführt, die Äpfel niederlegen und den Himmel übernehmen wird. Etwas jünger als dies Werk attischer Kunst ist ein peloponnesisches Werk, eine der Metopen vom Zeustempel zu Olympia (abg. u. a. Wiener Vorlegebl. VIII 12, 1. Overbeck Plastik I⁴ 335; neueste und beste Abb. Olympia III [Bildw. in Stein und Thon] Taf. 40, 10, vgl. 45, 10). Nach Pausanias (V 10, 9) wäre hier Herakles dargestellt, im Begriff dem A. seine Last abzunehmen. Das wieder aufgefundene Bildwerk belehrt uns, dass der Perieget sich geirrt hat; er hat, da Herakles in den Metopen nicht das charakteristische Kleid des Löwenfelles trägt, die beiden Personen verwechselt: nicht A., sondern Herakles (bärtig, nackt, nach rechts gewandt) ist es, der den Himmel gebückt trägt, ihn mit den Händen unterstützend; in sinnreicher Weise hat der Künstler die Figur in den architektonischen Zusammenhang eingeordnet, indem er den Himmel selbst nicht darstellte, sondern das Tempeldach (zunächst das Geison) als Himmel denkt, unter den der Held noch ein zusammengelegtes Kissen als Polster geschoben hat. Von rechts tritt A. auf ihn zu, ihm die Äpfel darbietend; links hinter Herakles steht noch eine gewöhnlich als Hesperide gedeutete weibliche Figur, die dem Helden tragen hilft: vielleicht ist sie mit Jul. Schneider (Die 12 Kämpfe des Her. in d. ält. griech. Kunst, Diss. Leipz. 1888, 63) als Athena zu deuten. Auch hier hat man die humoristische Version des Pherekydes sehen wollen, was schon dadurch unmöglich wird, dass Herakles die Last bereits auf ein Polster gelegt hat, also nicht den Vorwand brauchen kann, er wolle sich eines zurecht legen; übrigens spricht der ganze Charakter des Werkes gegen eine solche witzelnde Auffassung.

Aus der entwickelten Kunst des strengen Stils kennen wir nur litterarisch das Gemälde des Panainos an den Schranken des Zeusthrons zu Olympia (Paus. V 11, 5): A. hält den Himmel (und die Erde, derselbe Irrtum wie oben), vor ihm steht Herakles, bereit, ihm die Last abzunehmen. Dazu gehören noch zwei in der Beschreibung ungeschickt getrennte Hesperiden mit den Äpfeln. Welche Version hier dargestellt war, können wir nicht wissen, zumal es wohl möglich ist, dass Pausanias hier denselben Irrtum beging wie bei der Metope. Von erhaltenen Werken ist zu nennen ein etruskischer Spiegel im Vatican (abg. Mus. Greg. I 36 [15], 2. Gerhard I 137. Müller-Wieseler II 64, 827. Wiener Vorlegebl. VIII 12, 2; vgl. Helbig Führer II 337 nr. 294): A. (Aril), von vorn gesehen (Bart, nackt, mit gedrehter Binde), hält auf dem Nacken den Himmel (Klumpen, darauf Sterne angedeutet), den er mit den Händen unterstützt: neben ihm eine Silphionstaude. Herakles (Calanice = καλλίνικος) entfernt sich mit den Äpfeln. Auch hier ist kein Anlass, ein humoristisches Element vorauszusetzen. Ferner ein streng-rf. attischer Stamnos der Sammlung Campana (abg. Ann. d. Inst. 1859 tav. GH), wo wir zum erstenmal der Auffassung des A. als König begegnen: auf der Vorderseite bringt Herakles die Äpfel dem Eurystheus (sehr ansprechend, aber leider nicht genügend begründbar ist die Deutung Furtwänglers Roschers Lex. I 2228: Herakles bringt sie auf den Olymp zu Zeus), auf [2131] der Rückseite steht König A. (Bart, Locken, Kranz Chiton, Mantel, Scepter) mit einer Hesperide traurig vor dem beraubten Baum. Als König unter den Hesperiden sitzend ist nach Robert (Preller-Robert I 564, 2) A. auch auf der Meidiasvase (Brit. Mus. E 230; abg. Wiener Vorlegebl. IV 1, 2) dargestellt; doch ist die Beischrift der Figur (Α…Σ, gewöhnlich zu Α[ἰήτη]ς, von Robert zu Ἄ[τλα]ς ergänzt) nach Cecil Smiths neuer Revision (Journ. Hell. Stud. XIII 1892, 120, nach erneuter Reinigung durch briefliche Mitteilung bestätigt) vielmehr mit Sicherheit ΑΚΑΜΑΣ zu lesen. Eine ‚nolanische‘ Amphora campanischer Localfabrication (Brit. Mus. 865; abg. Inghirami Mon. Etr. V 17. Passeri III 249. d’Hancarville III 94. Gerhard Akad. Abh. Taf. XX 5–6) zeigt A. zum erstenmal karikiert: nackt und ungeschlacht, mit Zottelbart und Tierohren, steht er in Vorderansicht da, die zusammenknickenden Beine breit auseinander gesetzt, und trägt auf dem Nacken den Himmel (Kugel mit Mond und Sternen, die obere Hälfte durch den Bildrand abgeschnitten) und unterstützt ihn mit den Händen; dabei steht mit bedauernder Gebärde eine weibliche Mantelfigur, auf dem Kopfe einen Kalathos (Hesperide?). Auf der Rückseite erblickt man den Hesperidenbaum, an dem drei Äpfel hängen, und um den sich eine zweiköpfige Schlange ringelt; den einen Kopf sucht eine links stehende Hesperide zu beschwichtigen, auf den andern eilt von rechts der nackte und gänzlich waffenlose Herakles mit besänftigender Gebärde zu. Ob die Bull. d. Inst. 1870, 100f. beschriebene praenestinische Ciste (A. [bartlos] trägt den Himmel [Mond und Sterne darauf], ein Mann entfernt sich nach links, zurückblickend; dabei unerklärte Nebenfiguren) in diese Zeit gehört, ist unbekannt.

Aus der Zeit des freien Stils sind vornehmlich drei tarentinische Vasenbilder zu nennen. 1) Die Rückseite der Archemorosvase, Amphora aus Ruvo im Mus. Naz. zu Neapel 3255 (abg. Gerhard Akad. Abh. Taf. II): um den von der Schlange umwundenen Hesperidenbaum sind sieben Hesperiden gruppiert. Oberhalb des Baumes steht A. (nackt, Bart, langes Haar, Mäntelchen über Oberarme) in Vorderansicht steif da, auf dem Kopf den Himmel (Segment mit Sternen, vom oberen Rande begrenzt, anscheinend nicht eine Kugel gemeint, da die untere Grenze deutlich abgeplattet ist) tragend und ihn mit beiden Händen unterstützend. Rechts naht Helios auf einem Zweigespann, links reitet Phosphoros ab; auf halber Höhe links von A. steht Herakles im Gespräch mit ihm (er holt also nur seinen Rat ein), weiter links sitzt Athena, von der aus Nike auf Herakles zu fliegt. 2) Bruchstücke einer Amphora aus Ruvo im Berliner Museum 3245 (abg. Gerhard Akad. Abh. Taf. XIX. Müller-Wieseler II 64, 828. Daremberg-Saglio Dictionn. I 526, 611): im unteren Felde sieht man den Hesperidenbaum, um den sich die Schlange windet, welche von einer Hesperide getränkt wird; weiter rechts sitzt eine Frau mit Leier, auf die ein Eros zufliegt. Im oberen Felde thront mit Scepter und Prachtgewand zeusähnlich König ΑΤΛΑΣ, links hinter ihm steht, die Lehne des Throns anfassend, σΕΛΑΝΑ mit Schleier und Mondscheibe über dem Kopf, durch ihre Stellung deutlich als Gattin des A. bezeichnet (das Schema [2132] der Gruppe ist den Unterweltsvasen entnommen, wo das Herrscherpaar der Unterwelt in dieser Weise erscheint); vor ihm steht ˫ΗΡΑΚΛΗς, dem er Auskunft erteilt; rechts noch die Gruppe des hoch auftretenden ΕΡΜΑΣ und seiner Mutter, der Atlantide Μαία, durch welche als Ort der Handlung Arkadien angedeutet scheint. 3) Nur uneigentlich gehört hierher ein rf. ruveser Oxybaphon der Sammlung Caputi in Ruvo (abg. Heydemann Vase Caputi, 9. hall. Winckelm.-Progr. 1884 Taf. II), das in scherzhafter Weise Herakles mit dem Himmel belastet und dadurch wehrlos zeigt, während zwei Satyrn ihm unter Hohn und Spott seine Waffen fortnehmen; A. fehlt in dieser Darstellung. Erwähnt muss auch noch eine attische Amphora aus Ruvo werden, einst zu Neapel in der Sammlung Barone (abg. Bull. Nap. IV tav. 5. Müller-Wieseler II 64, 824): A. (nackt, Bart, langes Haar, Shawl von rechter Schulter vorn zur linken Hüfte) trägt auf dem Nacken die Himmelskugel (mit Sternen und Tierkreis), die er mit der Rechten unterstützt, während er die Linke in die Seite stemmt; ihm gegenüber sitzt eine Sphinx. Schon die (allegorische) Zusammenstellung ist hier verdächtig, ausserdem manche Einzelheiten, so dass das von Furtwängler (Roschers Lex. I 710) geäusserte Misstrauen gerechtfertigt erscheint; vielleicht ist nicht nur stark übermalt, sondern es sind auch Stücke zusammengesetzt, die nicht zusammengehören.

Erst in hellenistischer Zeit versuchte man den Himmelsträger A. auch statuarisch zu gestalten, und zwar in der pergamenischen Kunstschule. A. wird hier höchst pathetisch als unter der Last des Himmelsgewölbes in körperlicher und seelischer Qual zusammenbrechend aufgefasst. Hierher gehören vor allem die von K. Lange in ihrem Zusammenhang erkannten, aber irrig als gebälktragender Atlant erklärten farnesischen Bruchstücke in Neapel und im Pal. Farnese zu Rom (abg. Arch. Ztg. XLI 1883, 81ff., vgl. Friederichs-Wolters nr. 1420), deren Kunstrichtung den Sculpturen des pergamenischen Altars verwandt ist. Besser erhalten ist eine ebenfalls einst farnesische Statue im Mus. Naz. zu Neapel (abg. Mus. Borb. V 52. Gargiulo Racc. I 84. Clarac 793, 1999 A. Müller-Wieseler II 64, 822. Roschers Lex. I 710 u. ö.): A. ist hier völlig ins Knie gesunken, und hält mit mühselig qualvollem Ausdruck den Himmel (Kugel mit den Zeichen des Tierkreises). Zwar stark ergänzt, aber doch soweit antik, um die Eigenart der Darstellung erkennen zu lassen, ist eine Statue der Villa Albani (abg. Guattani Mon. Ined. 1786, Luglio tav. III. Zoëga Bassiril. I 108. Müller-Wieseler II 64, 823; vgl. Helbig Führer II nr. 843): A. trägt hier den Himmel in der Form einer Scheibe (mit den Zeichen des Tierkreises) auf dem Rücken. Erwähnt seien noch zwei Bronzestatuetten in Arolsen (Gädechens nr. 144) und in Arles (gef. 1790 im Marseiller Hafen, abg. Notice sur J. F. Paul Fauris de Saint-Vincent, Aix, an VIII, pl. 1, wie ich aus Raoul-Rochette a. a. O. 65, 12 sehe; vgl. Arch. Ztg. XIV 1856, 205*); ferner ein Relief aus römischer Zeit in Sparta (Athen. Mitt. II 417 nr. 257); einige Gemmen, zum Teil von zweifelhafter Echtheit (Berl. Mus., Stosch VI 112. Tölken V 1, 63. Müller-Wieseler II 64, 829. [2133] Gerhard Akad. Abh. IV 8; Onyx in Gerhards Besitz, Müller-Wieseler II 64, 826. Gerhard Akad. Abh. IV 4; Berl. Mus., Stosch II 1765. Tölken IV 90. Gerhard Akad. Abh. IV 5; Carneol Orléans, Lippert Dactyl. I 588), und ein Contorniat (Eckhel D. N. VIII 308). A. unter der Last des Himmels fast zusammenbrechend und Herakles bereit, ihm den Himmel abzunehmen, schildert auch die rhetorische Gemäldebeschreibung Philostr. Eik. II 20. Das Arch. Ztg. XX 1862 Taf. 166, 1 abgebildete Grabrelief aus Cherchel ist von Engelmann (ebd. XXXI 1873, 134f.) als Fälschung erwiesen; gefälscht ist auch nach Furtwängler (Roschers Lex. I 711) die Münze Mionnet Suppl. V 197, 1162.

Schliesslich wurde in römischer Zeit der Typus des den Himmel tragenden A. auch auf architektonische Gebälkträger übertragen, und die bei den Römern gewöhnlich Telamone genannten Gebälkträger der Architektur mit einer Verallgemeinerung des Namens A. Atlanten genannt (Vitruv. VI 10, 6), s. Atlantes Nr. 2.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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S. 2119, 62 zum Art. Atlas Nr. 3.

Die mythologische Figur des A. wurde irgend einer orientalischen Gottheit gleichgestellt und sowohl in den syrischen Tempeln (Lucian. de dea Syra 38) wie von den Manichaeern und in den Mithrasmysterien verehrt. Er wird mehrmals auf den Mithrasdenkmälern dargestellt (Cumont [223] Mon. myst. Mithra I 90). Er galt sogar als der asiatische Erfinder der Astrologie (Bouché-Leclercq Astrol. grecque 576).