RE:Cornelius 354

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 15011504
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354) P. Cornelius Scipio Nasica Serapio. Er war der Sohn des Scipio Nasica Corculum Nr. 353 und begann seine Laufbahn noch bei dessen Lebzeiten, denn im J. 605 = 149 wurde er bereits mit Cn. Scipio Hispanus Nr. 347 nach Karthago gesandt, um die von Rom geforderte Auslieferung der Waffenvorräte zu überwachen (App. Lib. 80). Um die Aedilität bewarb er sich vergeblich. Cicero Planc. 51 sagt, dass ein P. Nasica, quo cive neminem statuo in hac re publica fortiorem, bei der Bewerbung um dieses Amt durchgefallen sei, aber trotzdem zum Consulat gelangte, ganz ähnlich wie in derselben Zeit C. Marius und mehrere andere. Val. Max. VII 5, 2 erzählt, dass einer der vier Männer mit Namen P. Scipio Nasica, die er zusammenwirft, als Bewerber um die curulische Aedilität, die rauhe Hand eines Bauern drückend, diesen fragte, ob er auf den Händen zu gehen pflegte, und dass er nicht gewählt wurde, weil sich die Landtribus durch den unpassenden Witz beleidigt fühlten und gegen ihn stimmten. Zeitgenosse der anderen von Cicero genannten [1502] Männer war allerdings der Consul von 643 = 111, aber dennoch empfiehlt es sich, die Anekdote auf dessen Vater zu beziehen, weil auf diesen die ciceronische Bezeichnung und die Unpopularität des Mannes besser passt. Das Jahr seiner Bewerbung um die Aedilität ist nicht bekannt. Das Consulat erhielt Nasica im J. 616 = 138 zusammen mit Dec. Iunius Brutus und zeigte sich damals besonders als hochmütigen, plebejerfeindlichen Junker. Namentlich geriet er mehrfach in ernsten Streit mit dem Volkstribunen C. Curiatius, und dieser hängte ihm den Beinamen Serapio wegen seiner Ähnlichkeit mit irgend einem verachteten Sclaven oder Freigelassenen dieses Namens an (Liv. ep. LV. Val. Max. IX 14, 3. Plin. n. h. VII 54. XXI 10 [dazu Herm. XXXII 471]), welches Cognomen nicht blos in der Umgangssprache, sondern auch in dem Elogium Nasicas (Cic. ad Att. VI 1, 17) und in den Fasten Aufnahme fand (entstellt zu Nasica Rabione bei Idat., dagegen nur Nasica Chronogr. Chron. Pasch.; P. Cornelius Cassiod.; vielleicht ist er der Consul P. Cornelius auf dem neugefundenen Senatsconsult aus Delphi II 5, vgl. 11, Bull. hell. XXIII 1899, 14. 40 = Dittenberger Syll.² 930). Beiden Consuln gemeinsam wurde durch Senatsbeschluss die Untersuchung über die Mordthaten im Silawalde übertragen, bei denen gewisse Staatspächter stark compromittiert waren (Cic. Brut. 85—88); sodann hatten sie Truppen auszuheben für den Krieg in Spanien, dessen Führung Brutus erhielt. Es geschah mit Zustimmung der Tribunen, dass die Consuln einen dabei ergriffenen Deserteur mit öffentlicher Auspeitschung und Verkauf in die Sclaverei bestraften (Liv. ep. LV. Frontin. strat. IV 1, 20), aber dem Antrag der Tribunen, zehn Mann von der Aushebung zu befreien, widersetzten sie sich, und es kam dahin, dass sie von Curiatius ins Gefängnis abgeführt wurden (Cic. de leg. III 20. Liv. ep. LV). Als derselbe von ihnen Massregeln zur Bekämpfung einer Teuerung forderte, antwortete ihm Nasica in der Volksversammlung, wobei er der tobenden Menge mit dem stolzen Worte Schweigen gebot, er wisse besser als sie, was dem Staate nützlich sei (Val. Max. III 7, 3). Bei einer solchen Gesinnung konnte es nicht ausbleiben, dass Nasica an die Spitze der Aristokraten trat, die sich gegen die Reformen des Ti. Gracchus zusammenschlossen. Wohl nur die Gegner haben den Eigennutz als sein treibendes Motiv hingestellt (Plut. Tib. Gracch. 13, 2); man mag seine That beurteilen, wie man will, die Überzeugung von der Gerechtigkeit seiner Sache wird man ihm nicht bestreiten dürfen. Nasica setzte im Senate durch, dass der Commission für die Ackerverteilung fast alle notwendigen Mittel versagt wurden (Plut. a. O.), und bekämpfte heftig den Vorschlag, die attalische Erbschaft den Zwecken der Reformpartei dienstbar zu machen (Oros. V 8, 4). Die Tribunenwahlen des J. 621 = 133 brachten die Katastrophe, an der er in hervorragender Weise beteiligt war. Während auf dem Capitol vor dem Iuppitertempel die stürmische Volksversammlung stattfand, harrte der Senat im Heiligtum der Fides in dem Bezirk des capitolinischen Iuppiters selbst (vgl. Hülsen Festschrift f. H. Kiepert 211—223) der Entscheidung. [1503] Nur unsichere Kunde von dem, was dort vorging, scheint hierher gelangt zu sein; eine Bewegung des Gracchus konnte, weil seine Stimme nicht gehört wurde, gedeutet werden, er fordere das Diadem. Der Consul P. Mucius Scaevola weigerte sich, Gewalt gegen ihn anzuwenden, wie es daraufhin die Mehrheit des Senats ungestüm verlangte; da rief Scipio Nasica, wer den Staat retten wolle, solle ihm folgen, gürtete sein Gewand, ergriff das nächste Stück Holz als Waffe und eilte allen voran auf den Wahlplatz. Der Kampf war kurz, die Gegenwehr war schwach; Gracchus und sein Anhang wurden erschlagen. Spätere haben behauptet, Gracchus sei von Nasicas eigener Hand gefallen; die Mütter beider waren Schwestern, und die That erschien dann wie ein grauser Brudermord aus einer alten Sage. Das Wahre daran mag gewesen sein, dass sich Nasica laut und öffentlich zu der Rolle, die er gespielt hatte, bekannte; das Volk verstummte vor ihm in zitternder Ehrfurcht (Diod. XXXIV 33, 7; derselbe Zug in der Geschichte seines Consulats Val. Max. III 7, 3). Die erhaltenen Berichte und Urteile über Nasica gehen hauptsächlich auf die Gegner der gracchischen Bewegung und der durch sie eingeleiteten Revolution zurück; Cicero und Livius mussten ihrer ganzen politischen Gesinnung nach seine That des Ruhmes wert achten und preisen, wenn ihnen auch sein starrer Fanatismus unheimlich erscheinen mochte. Die Darstellungen der Griechen stehen zum Teil unter dem Einfluss des Poseidonios, der Nasica schon wegen dessen Hinneigung zur Stoa (Cic. Tusc. IV 51) in günstigem Licht sah. Diesen Stimmen gegenüber bewahrt Rhet. ad Her. IV 68 ein vom furchtbarsten Hasse der Demokraten gezeichnetes Zerrbild Nasicas (vgl. Marx Proleg, seiner Ausgabe 105f.), und auch anderweitig (z. B. bei Plut.; s. o.) begegnen Spuren ähnlicher Auffassung. Ausführlichere Darstellungen Rhet. ad Her. IV 68. Vell. II 3, 1. Val. Max. III 2, 17. Diod. XXXIV 7, 2. 33, 6f. Plut. Tib. Gracch. 19, 2f. Appian. bell. civ. I 16; kürzere Berichte Cic. Catil. I 3; de domo 91; Planc. 51 (s. o.). 88; Phil. VIII 13; de or. II 285; Brut. 107. 212; rep. VI 8 (aus Macrob. somn. Scip. I 4, 2); Tusc. IV 51; de off. I 76. 109. Liv. ep. LVIII. Val. Max. I 4, 2. V 3, 2 e. VII 5, 2. Quintil. inst. or. V 13, 24. Flor. II 2, 7. Oros. V 9, 1. Auct. de vir. ill. 64, 7. Ampel. 26, 1; zur Kritik der Überlieferung Ed. Meyer Untersuch, zur Gesch. der Gracchen (Halle 1894) 7. 26f. Ed. Schwartz Götting. gel. Anzeigen 1896, 794. Verschiedene Zeugen bezeichnen Nasica schon zur Zeit der Ermordung des Gracchus als Oberpontifex (Cic. Catil. I 3; Tusc. IV 51; vgl. nat. deor. III 5. Val. Max. I 4, 2. Appian. bell. civ. I 16), Plutarch (Tib. Gracch. 21, 2) erst bei seiner Abreise aus Italien, und Velleius II 3, 1 schiebt in seine Erzählung von dem Auftreten Nasicas gegen Gracchus den Satz ein: ob eas virtutes primus omnium absens pontifex maximus factus est. Dieser Ausdruck darf nicht allzu wörtlich genommen und die Wahl Nasicas zum Oberpontifex trotzdem vor seine Gesandtschaftsreise, möglicherweise sogar vor die Katastrophe des Gracchus noch ins J. 621 = 133 gesetzt werden; auch die Bemerkung des Livius ep. LV über seinen nächsten Nachfolger: [1504] P. Licinius Crassus consul, cum idem pontifex maximus esset, quod nunquam antea factum erat, extra Italiam profectus proelio victus et occisus est, bietet keinen entscheidenden Gegenbeweis, da Livius selbst vielleicht nicht in der Sendung extra Italiam, sondern in dem gewaltsamen Tode eines Pontifex maximus etwas bisher Unerhörtes gesehen haben kann (vgl. auch Bardt Die Priester der vier grossen Collegien 5f.). Für die geringe Bekanntschaft der Späteren mit der Laufbahn Nasicas ist daneben charakteristisch, dass Metellus Scipio, als er diesem seinem Urgrossvater (proavus Cic. Brut. 212; ad Att. VI 1, 17) eine Statue errichtete, sein Bild und seine Ämterlaufbahn mit denen des älteren Africanus verwechselte und vertauschte (Cic. ad Att. VI 1, 17, vgl. CIL I² p. 186). Im J. 622 = 132 nahm Nasica an der Verfolgung der Anhänger des Gracchus teil (Plut. Tib. Gracch. 20, 4; vgl. o. Bd. III S. 571 gegen Ed. Meyer a. 0. 23, 4), wurde aber anscheinend selbst von M. Fulvius Flaccus mit einer Anklage bedroht (Cic. de or. LT 285). Jedenfalls war der Unwille des Volkes jetzt zu solchem Hass emporgewachsen, dass die Entfernung des Nasica wenigstens für einige Zeit ratsam schien. Er ging unter dem Vorwande einer Legatio libera (an der Spitze einer Fünfercommission, Strab. XIV 646) nach Asien und ist hier in Pergamon noch in demselben Jahre nach kurzer Zeit gestorben (Cic. Flacc. 75; vgl. rep. I 6. Val. Max. V 3, 2e. Plin. n. h. VII 120. Auct. de vir. ill. 64, 9. Plut. Tib. Gracch. 21, 2). Er hatte als Redner sich einer grossen Achtung erfreut, weil er ebenso sprach, wie er dachte und fühlte; Leidenschaftlichkeit und Härte verriet sein Reden wie sein Handeln (Cic. Brut. 107; de off. I 109).

Nachträge und Berichtigungen

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Band S III (1918), Sp. 261
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354) Für den Ursprung des Beinamens Serapio vgl. noch Quintil. inst or. VI 3, 57. Über das Consulat Scipios handelt jetzt Liv. ep. Oxyr. LV, wo der Konflikt der Consuln mit den Volkstribunen und das Einschreiten gegen die Deserteure in dieser Reihenfolge berichtet werden. Zu den Berichten über die Katastrophe des Ti. Gracchus vgl. noch Cic. Mil. 8. 72. 83. In Pergamon ist die Inschrift des Grabmals Scipios gefunden worden, die in lateinischer und griechischer Sprache nur die zur Zeit seines Todes von ihm bekleideten Ämter eines Legaten und des Pontifex maximus nennt (Athen. Mitt. XXXV 483f. = Dessau 8886).