RE:Dion 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 834846
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2) Sohn des Hipparinos aus Syrakus. Er stammte aus einem vornehmen, begüterten Hause. Der Vater, Freund und College des Dionysios I. (s. d. Nr. 1), hatte sein Vermögen durch die Gunst des Tyrannen noch bedeutend vermehrt, und auch D. selbst wird das seinige dazu beigetragen haben. D. ward etwa 410 v. Chr. geboren; nach dem Tode des Vaters wurde Dionysios I. sein Vormund und bald darnach durch die Ehe mit Aristomacha sein Schwager. Später gab ihm Dionysios nach dem Tode des Thearidas, dessen Witwe, seine Tochter Arete, zur Gattin. D. gehörte also zu den nächsten Angehörigen des Tyrannen. Er war von stattlichem Äusseren, begabt, eine ernste Natur, die sich von der sonst [835] am Hofe des Tyrannen herrschenden Leichtfertigkeit und Genusssucht abwandte. Dionysios schätzte ihn sehr hoch, verwandte ihn gerne im Staatsdienst, schickte ihn besonders auf Gesandschaften, z. B. nach Karthago, wobei sich D. auch auswärts Freunde erwarb und politische und militärische Erfahrungen sammelte (Plut. Dio 3. 6. Nepos Dio 1. Diod. XVI 6, 2. Schol. Plat. epist. p. 320 A). Beim Tode des Dionysios zeichnete er sich durch ruhige Besonnenheit aus und trug wesentlich dazu bei, der Regierung des jüngeren Dionysios Festigkeit zu geben. Er erbot sich im ersten Kronrat, mit den Karthagern Frieden zu schliessen oder, wenn der Krieg fortgesetzt werden solle, dazu 50 segelfertige Trieren zu stellen. Er erwies sich als allen weit überlegen, wurde unentbehrlich und hatte grossen Einfluss (Plut. Dion 6ff.; comparat. Dion. et Brut. 3). Sein Werk wars, dass Platon aus Athen nach Syrakus eingeladen ward. D. hatte ein ungewöhnlich starkes Interesse für Philosophie. Er stand den Pythagoreern nahe und hatte dann als junger Mann Platon bei dessen erster Anwesenheit in Syrakus (um 388 v. Chr.) kennen gelernt und war mächtig von ihm angeregt worden. Er gedachte durch Platon den Dionysios, der sich zuerst einer wüsten Schwelgerei ergab, auf bessere Wege zu bringen; er hoffte ferner ein anderes Regierungssystem einzuführen, die Willkür zu beseitigen und die Tyrannis in eine gesetzliche Regierung umzuwandeln. Denn wenn er auch den Herrschern angehörte, so fühlte er doch tief die verderblichen Wirkungen, welche die Tyrannis auf Herrscher wie Beherrschte ausübte (Plut. Dio 4. 9ff. Plat. epist. VII 324 A. 326 B. Cic. de off. I 155; de orat. III 139). Mit diesen Absichten fand D. in der Umgebung des Tyrannen, den Werkzeugen und Trägern des bisherigen Regiments, starken und erfolgreichen Widerstand. Die Hauptsache war, dass der Tyrann selbst ihn nicht liebte, sondern fürchtete. Als der ältere Dionysios auf dem Sterbebette lag, hatte D. versucht, bei ihm zu Gunsten der Söhne seiner Schwester, der Aristomache, zu wirken, die als Kinder der syrakusischen Frau in der Bürgerschaft mehr Anklang hatten (Plut. Dio 3. 6. Nepos Dio 2). Dies begründete bei dem neuen Herrscher, dem Sohne der lokrischen Frau, ein unvertilgbares Misstrauen. Dazu kam ein persönlicher Gegensatz; D. war hochfahrend, stolz und rauh und gab sich keine Mühe, sich den Liebhabereien des Dionysios anzupassen und sein Missfallen am höfischen Treiben zu verhehlen. Kurz, Dionysios argwöhnte, und vielleicht nicht ganz ohne Grund (Plut. Dio 12), D. habe es auf seinen Sturz abgesehen und wolle die Herrschaft an sich selbst oder an die Söhne seiner Schwester bringen. So konnten die Gegner D.s mit Erfolg ihm entgegenwirken. Dem Platon setzten sie andere Philosophen und Litteraten an die Seite, vor allem den aus der Verbannung zurückgerufenen Philistos. Platons Wirksamkeit kam daher, so gern er auch von Dionysios gesehen ward, doch dem D. nicht zu Nutze. Als der Philosoph kam, fand er die Gegner D.s schon in voller Arbeit, und etwa vier Monate später musste D. weichen; er ward plötzlich auf ein Schiff gesetzt und zunächst nach Italien entfernt, von wo er sich über [836] Korinth nach Hellas begab. Sein Bruder Megakles begleitete ihn oder folgte bald nach. Anlass gab ein dem Dionysios übersandtes Schreiben D.s an seine karthagischen Freunde, worin er bat, die Verhandlungen mit Dionysios nicht ohne seine Vermittelung zu führen (Plut. Dio 14f.; de adul. et am. 9 p. 53 E. Nepos Dio 3f. Plat. epist. VII 329 und mit starker Entstellung Diod. XVI 6, 3).

D.s Verbannung erregte grosses Aufsehen und ward in der Stadt wie in der Herrscherfamilie, besonders von den Frauen, aufrichtig betrauert. Dionysios suchte daher die Verschickung zu mildern, es sei keine Verbannung, sondern nur eine zur Sicherheit beider Teile notwendige Reise (vgl. Cic. ad Att. XV 10). Er gestattete, dass dem Verbannten ein grosser Teil seines Vermögens und seiner Einkünfte nachgesandt ward, so dass D. in Hellas als grosser Herr mit allem Glanz auftreten konnte (Plut. Dio 17. Nepos Dio 4. Val. Max. IV 1 ext. 3). Er bereiste den Peloponnes, besuchte die verschiedenen Feste, knüpfte allerwärts Verbindungen an und erwarb sich Freunde. Die Spartaner gaben ihm trotz ihrer Freundschaft mit Dionysios das Bürgerrecht. Auch in Epidauros ward er ausgezeichnet, wie eine jüngst gefundene Inschrift lehrt (Cavvadias Fouilles d’Epidaure I 106 nr. 243). Besonders lange und gern lebte er in Athen im Verkehr mit Platon und der Akademie, an die er sich ganz anschloss; er trug für Platon die Kosten der Choregie und beschenkte den Speusippos (Plut. Dio 17; Aristid. 1). Bei alledem hatte er den dringenden Wunsch heimzukehren, und lange machte ihm Dionysios Hoffnung. Als der Tyrann Platon aus Syrakus entliess, versprach er, dass D. bald, sobald der Krieg, den er damals führte, zu Ende wäre, zurückkehren sollte (Plat. epist. III 316 E. VII 338 A. Plut. Dio 16). Allein die Zusage ging nicht in Erfüllung, D. ward hingehalten. Um seine Rückkehr zu ermöglichen, entschloss sich Platon auf Bitten D.s und seiner Freunde, der dringenden Einladung des Dionysios Folge zu leisten, und ging zum drittenmal nach Sicilien. Wenn er käme, hatte Dionysios versprochen, sollte dem D. sein Recht werden (Plat. epist. III 317 B. VII 339 C. Plut. Dio 17). Jedoch auch diese Versprechungen erwiesen sich als eitel, sie waren nur gemacht, um den grossen Platon heranzulocken. Vielmehr verschärfte sich, während der Philosoph in Syrakus war, der Gegensatz des Tyrannen gegen D. noch mehr. Dionysios legte, angeblich im Interesse des Sohnes, Hand auf das Vermögen D.s, das 100 Talente betrug (Plat. epist. VII 347 B). Auf Platons ernste Vorstellungen verstand er sich zu einem, übrigens stark verclausulierten Abkommen, worin er dem D. den Genuss seiner Einkünfte zusagte und die Rückkehr nicht eigentlich versprach, aber offen hielt. Aber auch diese Abmachung trat nicht in Kraft; D.s Geld ward zurückgehalten, Platon geriet durch seine Freundschaft für D. eine Zeit lang in ernste Gefahr, und als er glücklich loskam und bei den Olympien 360 v. Chr. wieder mit D. zusammentraf, musste er ihm melden, dass die Aussicht auf Rückkehr verschwunden sei (Plat. epist. III 317f. VII 345 C. Plut. Dio 19). Dionysios hat offenbar seinen Gegner hingehalten. Er fürchtete ihn, [837] wollte ihn nicht zurückkehren lassen, machte ihm aber Hoffnungen, um offene Feindseligkeiten zu vermeiden. Um dies zu verstehen, muss man erwägen, dass D.s Rückkehr in Syrakus ohne Zweifel einen Systemwechsel, vielleicht auch den Bürgerkrieg bedeutet haben würde. Auch war des Tyrannen Argwohn nicht ganz ohne Grund und ward durch D.s selbstbewusstes Auftreten in Hellas, durch seine dort geführten Reden noch vermehrt. Der Gegensatz war nicht mehr auszugleichen, es kam zum völligen Bruch. Ein deutlicher Ausdruck dafür war, dass nunmehr Dionysios die Gattin D.s, Arete, zwang, einem andern Manne, dem Timokrates, die Hand zu reichen (Plut. Dio 21; vgl. Plat. epist. XIII 363 E).

D. fasste sogleich den Entschluss, sich an Dionysios zu rächen und die Rückkehr mit Gewalt zu erzwingen (Plat. epist. VII 350 B. Plut. Dio 22), wozu er sich mit den reichen Mitteln, die ihm noch immer zu Geboten standen (Plut. comp. Dion. et Br. 4), nunmehr zu rüsten begann. Die Zeit war insofern günstig, als in diesen Jahren, wo in Hellas die grossen Kriege ruhten, an Mannschaften kein Mangel war. Aber die Aufgabe war doch schwer, und die Vorbereitungen nicht leicht, zumal da sie möglichst geheim betrieben werden mussten. Aber D. rechnete auf die Stimmung auf Sicilien; er hatte dort überall Freunde, auch am Hofe des Tyrannen und unter den Barbaren, und wusste, dass das Regiment zerfahren und zwieträchtig, dass der Tyrann und sein Treiben allgemein gering geschätzt werde und alles zu einer Erhebung bereit sei (Aristot. polit. V p. 1312 a 4. Plut. comp. Dion. et Brut. 4). Wahrscheinlich trat er auch mit den Karthagern in Verbindung und durfte auf deren wohlwollende Neutralität rechnen. Da er auf Sicilien alles gut vorbereitete, so konnte er es wagen, mit einer kleinen aber auserlesenen Schar von 800 Söldnern sein Unternehmen zu beginnen, das ein tollkühnes Wagnis schien. Sein Bruder Megakles stand ihm zur Seite, ferner fand er in den Kreisen der Akademie eifrige und wertvolle Unterstützung. Zwar Platon lehnte jede Teilnahme ab (Plat. epist. VII 350 B. C, die entgegenstehenden Aussagen, wie Cic. de orat. III 139. Aelian. v. h. III 17 sind wertlos), aber Speusippos, Eudemos, Timonides, der Seher Miltas, der Achaeer Alkimenes u. a. gingen mit. Unter den zahlreichen syrakusischen Verbannten fanden sich nur 25 Teilnehmer. Der bedeutendste, Herakleides, scheint sich anfangs ihm angeschlossen zu haben, entzweite sich aber mit ihm und wollte auf eigene Faust vorgehen (Plat. epist. III 318 C. VII 348 B. Plut. Dio 22. 32. Nepos Dio 5. Diod. XVI 6, 5). Auf Zakynthos sammelten sich die Truppen. Als sie hörten, es ginge gegen Syrakus, machten sie Schwierigkeiten, liessen sich aber beruhigen. Während der Vorbereitungen zur Abfahrt verfinsterte sich der Mond, den 9. August 357 v. Chr. (Plut. Dio 24; Nik. 23. Oppolzer Kanon der Finsternisse 338).

Die ganze Expedition zählte nur fünf Schiffe. Die geringe Zahl ward ersetzt durch die Güte der Mannschaften und die Entschlossenheit des Führers, der um jeden Preis dem Gegner an den Leib wollte (Aristot. polit. V p. 1312 a 33). Ausserdem nahm D. für den Zulauf, auf den er rechnete, [838] einen ansehnlichen Vorrat von Waffen mit sich. Um der syrakusischen Flotte, die unter Philistos bei Iapygien aufpasste, zu entgehen, schlug er den ungewöhnlichen Weg über das offene Meer ein und erreichte nach 12 Tagen Pachynon, die Südspitze Siciliens. Da D. nicht so nahe bei Syrakus landen wollte, so fuhr man weiter westwärts, ward aber dabei Anfang Septembers von einem stürmischen Nordwind erfasst und in die Syrte verschlagen. Es war ein besonderer Glücksfall, dass der Wind nach Süden drehte und die Expedition in einigen Tagen Minoa im karthagischen Gebiete Siciliens erreichte. Hier befehligte D.s Freund, Synalos, der anfangs, da er von nichts wusste, Widerstand versuchte. D. erzwang die Landung and nahm den Platz ein. Als dann der Karthager den D. erkannte, nahm er ihn freundlich auf und leistete ihm willkommenen Beistand (Plut. Dio 25. Diod. XVI 9, 4). Man erfuhr, dass Dionysios vor kurzem mit einer Kriegsflotte nach Italien abgegangen sei; auf das Drängen seiner Soldaten, beschloss daher D., diesen günstigen Umstand zu benutzen, und setzte sich ohne längeren Aufenthalt gegen Syrakus in Bewegung; die Waffenvorräte u. a. schickte Synalos nach. Unterwegs gingen aus Akragas, Gela, Kamarina und anderen Gemeinden, auch aus dem syrakusischen Landgebiete dem D. ansehnliche Verstärkungen zu, im ganzen etwa 5000 Mann. In Syrakus befehligte Timokrates, der sogleich den Herrscher benachrichtigte. Er hatte in Epipolai eine Besatzung von Leontinern und Campanern aus Katane. Diese Leute verliessen ihren Posten und zogen in ihre Städte ab, als D. die Nachricht ausgehen liess, er wolle sich zunächst dahin wenden. In Akrai erhielt D. davon Nachricht und rückte sofort im Eilmarsch vor das nunmehr von Verteidigern fast ganz entblösste Syrakus, wo bei seiner Ankunft das Volk sich erhob und über die Freunde und Schergen des Tyrannen herfiel. Timokrates, der in Epipolai stand, konnte die Inselburg nicht mehr erreichen und ritt davon. Auf der Flucht verkündigte er überall, wie furchtbar D.s Macht sei, und trug dadurch den Abfall in weitere Kreise. Von den Syrakusanern feierlich eingeholt, zog D. durch das temenitische Thor in die Altstadt ein, verkündete den Bürgern und den übrigen Sikelioten die Freiheit und durchzog dann unter überschwenglichen Huldigungen des Volkes die Achradina. Er ward hierauf mit seinem Bruder Megakles zum bevollmächtigten Feldherrn (στρατηγὸς αὐτοκράτωρ) gewählt; auf ihren Wunsch wurden den beiden Brüdern 20 Collegen zur Seite gestellt, von denen die Hälfte aus den mit D. zurückkehrenden Verbannten genommen war. Nun ward auch Epipolai genommen und die dort in Haft gehaltenen Bürger befreit. Nur die Inselburg Ortygia befand sich noch in der Gewalt des Tyrannen und ward durch eine Mauer von der Stadt abgesperrt (Plut. Dio 47ff. Nepos Dio 5. Diodor. XVI 9, 5ff.; vgl. Aristot. rhetor. ad Alex. 9 p. 1429 b 15).

Der Abfall ergriff das ganze dionysische Sicilien; alles schloss sich an D. an, und überall ward die dionysische Herrschaft beseitigt, so in Leontinoi und Messana, die vertriebenen Naxier kehrten zurück und wurden unter Andromachos [839] in Tauromenion angesiedelt, das jetzt wieder eine rein griechische Stadt wurde, und sicherlich geschah anderswo dasselbe (Nepos Dio 5, 5. Diod. XVI 7, 1. 9, 6. 16, 1. Plut. Dio 48). Selbst nach Italien griff die Bewegung über; D. erhielt von da Zuzug; er setzte überhaupt alles gegen den Tyrannen in Bewegung, auch die Barbaren; denn es hängt damit zusammen, dass sich der Stamm der Brettier damals von den Lukanern loslöste und als eigenes Gemeinwesen einrichtete (Diod. XVI 9, 6. Strab. VI 255). Die befreiten sicilischen Städte thaten sich zu einem Bunde zusammen (Plut. Dio 40), um nunmehr den weiteren Kampf gegen den Tyrannen aufzunehmen, der sich auf Ortygia und in Italien noch fest behauptete.

Erst sieben Tage, nachdem D. in Syrakus eingezogen war, kam Dionysios aus Italien an, zu spät zur Bettung der Stadt, aber früh genug, um das Befreiungswerk D.s stark zu erschweren. Er versuchte zu unterhandeln, zunächst mit D. allein, der ihn an das Volk verwies. Der Tyrann zeigte sich geneigt, die Herrschaft ganz niederzulegen, aber während man sich darüber besprach und die Syrakusaner die Vorsicht vergassen, überfiel und eroberte er plötzlich die gegen Ortygia gezogene Mauer und schlug die Syrakusaner in die Flucht, wurde jedoch von D. und seinen Söldnern nach hitzigem Kampfe wieder vertrieben. In diesem Treffen zeichnete sich D. rühmlichst aus; er ward verwundet (Plut. Dio 30. Diod. XVI 11, 3ff. Polyaen. strat. V 2, 7). Dionysios nahm jetzt die Verhandlungen wieder auf. Er lud den D. ein, die Herrschaft oder einen Teil davon selbst zu übernehmen (Plut. Dio 31. Polyaen. V 2, 8). Vielleicht gehört in diese Zeit der von Cornelius Nepos (Dio 5, 6) erwähnte Vorschlag einer Teilung der Herrschaft, wonach Dionysios die italischen Besitzungen, sein Sohn Apollokrates Syrakus oder doch die Insel, endlich D. die übrigen sicilischen Städte übernehmen sollte. Alle diese Verhandlungen führten zu keinem Ziele, da D. und die Syrakusaner auf Abdankung des Dionysios bestanden. Wohl aber gelang es diesem, durch derartige Vorschläge in Syrakus beim Volke Misstrauen gegen D. zu erwecken. Es muss damals in Syrakus eine starke demokratische Strömung bestanden haben. Man dachte, wie begreiflich, nach dem Sturze der Tyrannis die frühere Demokratie wiederherzustellen. Ohne Zweifel dürstete die lange unterdrückte Bürgerschaft nach ungezügelter Freiheit, nach Rache an den Tyrannen und gründlicher Beseitigung ihrer Einrichtungen. Diesem Streben trat der ernste D. entgegen, der keineswegs ein Freund der Demokratie war und von seiner dictatorischen Gewalt ohne Zweifel Gebrauch machte. Alle Zeugnisse stimmen darin überein, dass er ein gebieterisches, stolzes, rauhes Wesen hatte und nicht verstand, sich die Gunst des Volkes zu erwerben. Er stand an der Spitze einer fremden Söldnerschar und hatte zu seiner persönlichen Sicherheit eine Leibwache um sich (Plut. Dio 28. 33), und da er zugleich dem Tyrannenhause so nahe verwandt war und selbst einer der vornehmsten Diener der Herrscher gewesen war, und ihm jetzt Dionysios so verlockende Anerbietungen machte, so entstand der Verdacht und die Furcht, dass er sich [840] selbst zum Herrscher machen wolle, um diese Zeit nun, bald nachdem der erste Angriff des Dionysios zurückgeschlagen und die Befestigung gegen Ortygia wieder hergestellt war, traf Herakleides mit einigen Schiffen und Verstärkungen aus dem Peloponnes ein, um bei der Befreiung der Stadt zu helfen (Plut. Dio 32. Diod. XVI 16, 2). Er wusste sich die Stimmung der Bevölkerung rasch zu nutze zu machen und verbündete sich alsbald mit der Demokratie und ihren Führern, die ihn eifrig auf den Schild erhoben, um ihn als zweiten Befreier dem D. entgegenzustellen.

Um den Tyrannen vollends zu bezwingen, machten sich die Syrakusaner mit Eifer an den Seekrieg und brachten eine ansehnliche Flotte zusammen. Vermutlich war ein Teil der dionysischen Schiffe in ihre Hände gefallen, dazu kamen die kleine Flotte des Herakleides und der Zuzug der verbündeten Sikelioten. Aus eigenem Antrieb versammelte sich nun das Volk und wählte den Herakleides zum Nauarchen (etwa Frühjahr 356 v. Chr.). Zwar trat D. dazwischen und veranlasste die Aufhebung des ungesetzlichen Beschlusses, durch den seine eigenen Befugnisse geschmälert wurden, aber er kam doch dem Volke entgegen und ernannte nunmehr selbst den Herakleides zum Nauarchen. Von jetzt ab hatte er in ihm einen ebenso ehrgeizigen wie rücksichtslosen und erbitterten Rivalen, der sich bei äusserlicher Fügsamkeit sogleich daran machte, in Gemeinschaft mit den Wortführern der Demokratie, D. aus dem Sattel zu heben. Er scheint übrigens ein recht geschickter Admiral gewesen zu sein, denn der Seekrieg ward mit Erfolg geführt; die Syrakusaner hatten das Übergewicht und begannen, den Dionysios auch zu Wasser einzuschliessen und ihm die Zufuhr abzuschneiden, worüber es zu häufigen Gefechten kam. Wenn auch hier D. die oberste Leitung hatte, so ward doch durch die Erfolge der Flotte Herakleides immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die Seesiege verdankte man der Bürgerschaft, nicht den Söldnern D.s, und so kam man zur Ansicht, diese seien jetzt überflüssig. Überdies waren sie beschwerlich und recht kostspielig, und es war der Stadt nicht leicht, sie neben der Flotte zu unterhalten. Man war mit der Soldzahlung in Rückstand geblieben, das Geld war also knapp und die Kriegslasten schwer. Der Staatschatz war ja in den Händen des Tyrannen, das dionysische Finanzsystem mit seinen hohen Steuern war gefallen, und wahrscheinlich mussten die Kosten des Krieges durch directe Steuern aufgebracht werden. Auch nach dieser Richtung hin ward es erwünscht, sich D.s und seiner Söldner zu entledigen. So entstand ein tiefer Riss zwischen D. auf der einen Seite und Herakleides mit der Demokratie auf der andern; den Vorteil davon hatte der Tyrann, der jedes Mittel versuchte, um die Stellung und das Ansehen D.s weiter zu untergraben (Plut. Dio 31–35).

Zunächst jedoch war Dionysios dringend der Hülfe bedürftig. Sein Nauarch Philistos hatte inzwischen in Italien eine bedeutende Macht gesammelt und versuchte wahrscheinlich von Rhegion aus mit Heer und Flotte dem bedrängten Herrscher Luft zu machen (Sommer 356 v. Chr.). Zuerst [841] unternahm er einen Überfall auf Leontinoi, der misslang, dann erschien er mit der Flotte vor Syrakus, ward aber von den Syrakusanern entscheidend geschlagen, gefangen genommen und umgebracht (Diod. XVI 16, 3. Plut. Dio 35). Nun erklärte sich Dionysios bereit, abzudanken und die Burg mit dem ganzen Inhalte zu überliefern, wenn man ihm freien Abzug und die Einkünfte eines bestimmten Landbesitzes gewähren wollte Die Syrakusaner lehnten dies ab, nach einem unserer Berichte gegen D.s Rat; sie verlangten bedingungslosen Abzug. Jedoch gelang es dem Dionysios, bei einem günstigen Winde die Wachsamkeit der syrakusischen Flotte zu täuschen. Mit seiner besten Habe entkam er nach Italien und liess seinen Sohn Apollokrates mit ausreichender Besatzung auf der Burg zurück, zum grossen Verdrusse der Bürgerschaft, die den Herakleides dafür verantwortlich machte. Da lenkte dieser den Sturm ab, indem er den Weg der demokratischen Reform oder Restitution beschritt und eine neue Verteilung des Landbesitzes und der Häuser beantragte. D. widersetzte sich dem Antrage eifrig, aber Herakleides hatte die Mehrheit für sich. Der Vorschlag ward angenommen und dann ging man weiter; man beschloss, die Söldner D.s nicht mehr zu bezahlen und neue Strategen zu wählen, d. h. D. abzudanken. Dies wurde allen Hindernissen zum Trotz durchgeführt (Mittsommer 356 v. Chr.); die Bürgerschaft wählte 25 Strategen, darunter den Herakleides. D. entschloss sich hierauf, die Stadt zu verlassen Und mit ihm seine Leute, die sich um ihren Lohn betrogen sahen. Herakleides versuchte zwar, die Söldner auf seine Seite zu ziehen, und versprach ihnen Anteil am Bürgerrecht, aber sie hielten an D. fest und verliessen mit ihm die Stadt. Als sie abzogen, gingen die Syrakusaner zu offenen Feindseligkeiten über; zweimal versuchten sie anzugreifen, wurden aber mit leichter Mühe zurückgetrieben (Plut. Dio 87ff. Diod. XVI 16, 4ff.).

D. ging nach Leontinoi, wo auch sein Heer Aufnahme und Versorgung fand. Eine Versammlung der Bundesgenossen ward dahin berufen; D. brachte seine Beschwerden gegen die Syrakusaner vor, deren Abgesandte zugegen waren und sich rechtfertigten. Aber die Versammlung trat auf D.s Seite und versuchte in Syrakus zu vermitteln, ohne jedoch etwas zu erreichen. Aber was die Bundesgenossen nicht vermochten, bewirkte der Feind. Es gelang dem Dionysios von Lokroi aus dem schon bedrängten Apollokrates eine ansehnliche Proviantsendung unter dem Neapoliten Nypsios zukommen zu lassen. Dabei hatten die Syrakusaner den begleitenden Kriegsschiffen ein siegreiches Gefecht geliefert und einige Schiffe erbeutet. Die Bürgerschaft feierte den Sieg durch Zechgelage, und während in der Nacht alles, auch die Wachen im Festrausch lag, überraschte Nypsios die Mauer der Syrakusaner an der Ortygia, nahm sie und legte eine Bresche hinein. Die barbarischen Söldner ergossen sich mit Mord, Raub und Plünderung auf den Markt und die benachbarten Stadtteile. Die Strategen standen der Gefahr ratlos gegenüber, und schon näherte sich der Angriff dem bevölkertsten Stadtteil, der Achradina, da entschlossen sich die Syrakusaner [842] auf Antrag angesehener Männer, besonders der Ritter, den D. zur Hülfe zu rufen. D. machte sich von Leontinoi sofort, noch am Abend auf den Weg. Inzwischen hatten sich gegen Abend die Feinde zurückgezogen, Herakleides und die Demagogen schöpften wieder Mut, suchten D. fernzuhalten und forderten ihn auf, umzukehren, während anderseits die Ritter und ihre Gesinnungsgenossen ihn zu eilen baten; in Syrakus ging eben alles drunter und drüber, und D.s Marsch ward durch die widersprechenden Botschaften aufgehalten. Aber die Feinde kehrten am Morgen mit doppelter Wut zurück und hausten fürchterlich, niemand ward verschont, alles Erreichbare ward angezündet. Dies machte allem Schwanken ein Ende; Herakleides selbst liess zuletzt den D. um Hülfe bitten; D. kam in höchster Eile, drang durch die brennenden Strassen vor und warf nach erbittertem Kampfe den Feind in die Befestigungen zurück (Plut. Dio 40ff. Diod. XVI 19ff.).

D. war also wieder Herr in Syrakus, seine Gegner, die Demagogen, wanderten aus. Jedoch Herakleides mit seinem nächsten Anhange blieb; er erbat die Gnade des Siegers, die ihm gewährt ward; die beiden Gegner söhnten sich aus. Zunächst wurde die Befestigung aufs schnellste wieder aufgebaut und die zahlreichen Gefangenen ausgelöst, dann beantragte in einer Volksversammlung Herakleides, den D. abermals zum bevollmächtigten Strategen zu Lande und zu Wasser zu wählen. Da jedoch die Menge den Oberbefehl zur See für Herakleides verlangte, so gab er nach und liess jenen in sein Amt zurückkehren (Plut. Dio 47f.). Herakleides war also wieder in seine frühere Stellung eingesetzt, und bald geriet D. mit ihm in einen neuen, noch heftigeren Streit, der alles lähmte und dem D. endlose Schwierigkeiten machte. Zunächst beseitigte D. die gewünschte und schon beschlossene neue Ackerteilung, liess den früheren Beschluss aufheben und erweckte dadurch allgemeines Missvergnügen, das nun Herakleides sich gleich zu nutze machte. Dieser trat offen wieder an die Spitze der Opposition; während er in Messana, wahrscheinlich gegen Dionysios, zu Felde lag, wiegelte er die Flottenmannschaften erfolgreich gegen D. auf. Er ging noch weiter, insgeheim verbündete er sich gegen D. mit Dionysios. Die Sache blieb jedoch nicht ganz verborgen, im Heere brach darüber Zwietracht aus, Mangel und Ratlosigkeit waren die weiteren Folgen (Plut. Dio 48f.). Den Vorteil davon hatte Dionysios. In seinem Auftrage erschien der Spartiate Pharax, der vorher den Pact mit Herakleides vermittelt hatte, bei Neapolis im Gebiete von Akragas. Im Verein mit Herakleides, also mit Landheer und Flotte, zog D. gegen ihn aus. Der Zeitpunkt war jedoch nicht günstig, und D. wollte nicht schlagen, aber Herakleides und die Schiffsleute zwangen ihn durch ihre Verdächtigungen, dem Pharax ein Treffen zu liefern. D. erlitt zwar keine entscheidende Niederlage, wurde aber besiegt. Er hatte vor, den Angriff zu wiederholen, aber diese Absicht ward durch Herakleides vereitelt, der unmittelbar nach dem Treffen sich mit der Flotte nach Syrakus aufmachte, um sich der Stadt zu bemächtigen. Allein D. erhielt rechtzeitig Kunde, kam dem Gegner glücklich zuvor und schloss [843] ihm die Thore. Jetzt verband sich Herakleides mit einem andern Spartiaten, Gaisylos, der damals im Namen Spartas die Führerschaft auf Sicilien forderte. D. wies diesen Anspruch zurück, nahm aber die Vermittelung des Gaisylos in seinem Streit mit Herakleides an. Es erfolgte nochmals eine Versöhnung; Herakleides schwur unter Bürgschaft des Gaisylos mit feierlichem Eide dem D. Freundschaft und fand nun wieder Aufnahme. Offenbar hatte er in der Bürgerschaft einen grossen Anhang, so dass es für D. immer wünschenswert war, mit ihm in ein besseres Verhältnis zu gelangen. Bald darnach wurde beschlossen, die Flotte, die viel kostete und damals nichts zu thun hatte, ganz aufzulösen. Damit ward die gefährlichste Quelle der Zwietracht verstopft und zugleich Herakleides seines hohen Commandos entkleidet (Plut. Dio 49f.). Die Inselburg ward zu Lande weiter belagert, und da Entsatz ausblieb, Mangel eintrat und die Soldaten schwierig wurden, so musste Apollokrates capitulieren. Er übergab die Waffen und Ausrüstung dem D. und fuhr mit der Besatzung in Begleitung seiner Mutter und Schwester ab. D. zog in die Burg ein und konnte nach langer Trennung Schwester, Gattin und Sohn begrüssen. Arete, die in der Zwischenzeit sich mit einem andern Manne hatte vermählen müssen, nahm er wieder in sein Haus auf, 355/4 v. Chr. (Plut. Dio 50f. Aelian. v. h. XII 47).

Erst jetzt war Syrakus ganz frei, das Werk vollendet. D. stand auf der Höhe des Ruhmes, der damals in der ganzen Welt erscholl (Plat. epist. p. 320 D). Es handelte sich jetzt darum, die Gemeinde neu einzurichten und die errungene Freiheit zu sichern. Nachdem D. zuerst seine Freunde und Kampfgenossen reichlich belohnt hatte, ging er an das Verfassungswerk. D. hatte vor, der Stadt neue Ordnungen und Gesetze zu geben. Die Demokratie, wie sie damals in Syrakus bestand oder bestehen sollte, war nicht nach seinem Sinne, und er hatte in der That mit ihr und ihren Führern schlimme Erfahrungen gemacht. Als Schüler der Pythagoreer und Platons wollte er eine aristokratischere Ordnung einführen; es scheint, dass er ernstlich die Absicht hatte, die platonischen Gedanken nach Möglichkeit zu verwirklichen. Näheres lässt sich über seine Absichten kaum sagen; nach Plutarch (Dio 53) wollte er nach lakonischem und kretischem Muster eine aus Königtum, Demokratie und Aristokratie gemischte Verfassung begründen; dies entspricht den Vorschlägen, die ihm im 8. platonischen Briefe (p. 355f.) in den Mund gelegt werden, und Plutarchs Bericht wird daher stammen, D. könnte in der neuen Verfassung sich die Stelle eines Königs zugedacht haben (vgl. Plut. compar. Timol. et Aemil. 2). Jedoch kann jener Brief schwerlich als echtes Zeugnis für D.s Absichten angesehen werden. Es scheint aber, dass ihm besonders Korinth als Muster vorschwebte; vor allen Dingen kam es ihm darauf an, die Allmacht der Volksversammlung einzuschränken, deren beständige Einmischung den Gang der Ereignisse so schädlich beeinflusst hatte.

Diesen Entwürfen widersetzten sich Herakleides und die Demokraten, die nicht ohne Berechtigung erwarteten, dass jetzt die Dictatur aufhören [844] und die verkündete Freiheit ins Leben treten würde. Überhaupt kam D. den Forderungen des Volkes durchaus nicht entgegen. Man empfand es sehr übel, dass er die Akropolis nicht zerstörte, sondern besetzt hielt, wenn er dort auch nicht wohnte, dass er das Grab des Dionysios verschonte. Man behauptete sogar, er habe den Tyrannen absichtlich entkommen lassen (Plut. Dio 53; comp. Dion. et Brut. 2; Timol. 22). Viel böses Blut machte es, dass er für sein Verfassungswerk Berater und Gehülfen aus Korinth kommen liess, die er für zuverlässiger hielt als die Syrakusaner. Herakleides lehnte es ab, mit D. zusammen zu wirken, und dieser sah voraus, dass die beabsichtigte Verfassungsreform bei ihm starken Widerstand finden würde. Schon früher hatten D.s Freunde dringend geraten, den unversöhnlichen Widersacher zu beseitigen; jetzt, wo die äussere Gefahr vorüber, der Krieg mit dem Tyrannen beendigt war, gab er ihnen nach und liess den Mann in seinem Hause umbringen. Er richtete ihm darnach ein prächtiges Leichenbegängnis aus und folgte der Bahre mit seiner ganzen Kriegsmacht. Das Volk trauerte um den Ermordeten; doch gelang es dem D., wie Plutarch berichtet, es zu überzeugen, dass die That im Interesse der Ordnung und des Friedens notwendig gewesen sei. In Wahrheit machte die Beseitigung des Rivalen nicht nur in Syrakus, sondern auch bei den anderen Sikelioten grossen, beängstigenden Eindruck; denn Herakleides hatte nicht nur bei der Menge, sondern auch in den höheren Kreisen der Bürgerschaft in Ansehen gestanden (Nepos Dio 6, 3). Wenn er ein Jahr früher nach D.s zweitem Einzug in Syrakus beseitigt worden wäre, so würde man es verstanden haben, jetzt musste die That als ein Ausfluss tyrannischer Willkür erscheinen und die schlimmsten Befürchtungen erwecken. D. rechtfertigte den von Herakleides und den Demokraten so oft ausgesprochenen Verdacht, dass er sich nur an die Stelle des früheren Tyrannen habe setzen wollen. Gewiss lag ihm solche Absicht ferne. Er war kein Tyrann, sondern ein Dictator, der die Aufgabe hatte, die Stadt nach schweren Wirren zu beruhigen und neu zu ordnen, wie einst Pittakos und Solon, wie später Timoleon, der in manchen Stücken ganz ähnlich verfahren ist. D. war aber nächster Verwandter des Tyrannen, seine Vergangenheit, seine politische Gesinnung, sein ganzes Wesen forderten das Misstrauen heraus, das er nun selbst so schrecklich bestätigte. Es scheint, dass er bald zur Erkenntnis kam, welchen Fehler er begangen, und die That bereute. Er hat sich dadurch vieler Herzen entfremdet und die Rache herausgefordert.

Auch sonst hatte D. mit Schwierigkeiten, besonders financieller Art, zu kämpfen. Er belohnte nach der Einnahme Ortygias seine Soldaten und Freunde reichlich, zuweilen zu reichlich (Plut. Dio 52). Auch nach der Befreiung behielt er ferner seine Söldner im Dienst; er bedurfte ihrer, um sich zu behaupten und seine Reformen durchzusetzen; aber die Kosten dieser zahlreichen und ohne Zweifel gut besoldeten Truppen lasteten schwer auf der Stadt. Um den Bedürfnissen gerecht zu werden, diente wahrscheinlich das Tyrannengut, ferner die Habe seiner politischen [845] Gegner, die früher und jetzt nach dem Tode des Herakleides aus Syrakus entflohen waren. Jedoch auch die übrige Bürgerschaft, D,s eigene Freunde mussten beitragen (Nepos Dio 7), und dadurch ward die Unzufriedenheit noch vermehrt. Sie brach überall hervor; laut sprach man aus, er sei ein Tyrann. Selbst seinen Söldnern und seiner nächsten Umgebung, unter denen sich manche Abenteurer von zweifelhaftem Werte befanden, teilte sich diese Stimmung mit. Auch unter ihnen hatte D. wenige treue Freunde; die alten waren zum Teil gestorben; überhaupt war er ein einsamer Mann. Er war empfindlich, er wurde jetzt misstrauisch, begann für sein Leben zu fürchten und traf Vorkehrungen zu seinem Schutze. Darin unterstützte ihn eifrigst der Athener Kallippos, unter seinen Officieren einer der angesehensten und tapfersten. Nachdem dieser sich, wie es scheint, früher einmal mit D. entzweit hatte (Aristot. rhet. I p. 1373 a 18), erwarb er jetzt sein besonderes Vertrauen. D. übertrug ihm die Sorge für seine Sicherheit; um die Gegner aufzuspüren, ihre Pläne zu erforschen, ward er ermächtigt, wie ein Gleichgesinnter mit ihnen zu verkehren. Kallippos war ein Verräter; als er den Umschlag in der Gesinnung der Syrakusaner sah, hatte er beschlossen, D. zu stürzen, sich selbst an seine Stelle zu setzen und zugleich mit dem Nimbus der Tyrannenmörder zu schmücken. Nicht unwahrscheinlich klingt, auch die Nachricht, dass Dionysios ihn durch eine grosse Geldsumme, 20 Talente, erkauft habe (Plut. Dio 54). Gestützt auf D.s Vertrauen konnten er und sein Bruder Philostratos (Nepos Dio 9, 2. Plat. epist. VII 333 E) in voller Sicherheit alles vorbereiten, mit D.s Feinden in Verbindung treten und Soldaten und Volk bearbeiten. Um diese Zeit geschah es, dass D.s einziger Sohn Hipparinos (nach anderen Aretaios), fast noch ein Knabe, der die strengere Zucht des Vaters nicht ertragen wollte, sich das Leben nahm (Plut. Dio 55. 31; consol. ad Apoll. 33 p. 119 B. Nepos Dio 4, 3. 6, 2. Aelian. v. h. III 4). Durch Kallippos ward jetzt das aufregende Gerücht verbreitet, D. wolle den Apollokrates, den Sohn des Dionysios, zu seinem Nachfolger machen und also die alten Tyrannen zurückkehren lassen.

D. wurde vor Kallippos mehrfach dringend gewarnt, wollte aber nicht darauf achten. Er resignierte sich und erklärte, lieber sterben zu wollen, wenn er nicht einmal vor seinen Freunden sicher wäre (Plut. Dio 56; de vit. pudore 4 p. 530 C; apophth. p. 176 F. Val. Max. III 8 ext. 5). Die Frauen jedoch, Aristomacha und Arete, gaben sich nicht zufrieden; sie stellten den Kallippos zur Rede, der sich durch einen feierlichen Eid von dem Verdacht reinigte und sich nun doppelt beeilte. Schon wenige Tage später, an einem Feste der Kora, wo D. sich zu Hause hielt, brachte er die That zur Ausführung. Er liess die festen Punkte der Stadt durch seine Leute besetzen; die Wache vor D.s Hause ward von Verschworenen bezogen, die Mörder, leukadische Soldaten, traten ein, von ihnen ward D. erst gebunden, dann abgeschlachtet. Die Schwester und die Gattin D.s wurden ins Gefängnis geworfen. Freunde waren in der Nähe, darunter Kallippos und sein Bruder; aber niemand vermochte oder wagte zu helfen. Erst als die Nachricht der Blutthat durch die Stadt eilte, kamen [846] D.s Anhänger zusammen und versuchten seinen Tod zu rächen; es entstand ein Auflauf, in dem einige Unschuldige das Leben verloren. Sein Leichnam wurde in der Stadt an bevorzugter Stelle feierlich beigesetzt und durch ein Denkmal geehrt. D. starb etwa 55 Jahre alt, etwa vier Jahre nach seiner Landung auf Sicilien, Ol. 106, 3 = 354/3 v. Chr. (Plut. Dio 57f. Nepos Dio 8f. Diodor. XVI 31, 7. Plat. epist. VII 333 E).

D. war mit der Akademie, der ersten wissenschaftlichen und litterarischen Genossenschaft der Zeit, eng verbunden, und seine Person wie sein Schicksal hat in diesen Kreisen, aber auch bei den Gegnern lebhafte Teilnahme gefunden. Dadurch ist es geschehen, dass er gleichzeitige Historiker fand und dass wir über ihn verhältnismässig gute und reichliche Nachrichten besitzen. Philistos wird im letzten Teile seines Werkes ihn nur gelegentlich berührt haben. Zuerst hat einer von seinen Begleitern, der Akademiker Timonides von Leukas, in einer an Speusippos gerichteten Schrift seine Geschichte erzählt, ohne Zweifel im Sinne D.s und der Akademie (FHG II 83. Plut. Dio 31. 35). Unmittelbaren Anteil an den Ereignissen hatte wahrscheinlich der Historiker Athanis von Syrakus, der Fortsetzer des Philistos (FHG II 81, o. Bd. II S. 1939, 12). Ein dritter, Hermias von Methymna, ist nur dem Namen nach bekannt (Diodor. XV 37, 3. FHG II 80). Noch erhalten sind die platonischen Briefe, von denen nr. 3, 4, 7, 8 und 13 am meisten in Betracht kommen. Wenn auch vielfach bezweifelt wird, ob sie von Platon geschrieben sind, so müssen sie doch von einem mit den Personen und Sachen vertrauten Manne herrühren und haben daher den Wert gleichzeitiger Äusserungen. Diese und ähnliche Quellen standen den späteren Historikern zu Gebote, Theopompos, Ephoros und zuletzt Timaios, dessen Darstellung allem Anschein nach den grössten Einfluss gewonnen hat. Unter den erhaltenen Quellen steht obenan Plutarchs Biographie. Sie ist einseitig und dem D. sehr günstig gesinnt, in dem sie den Philosophen und Schüler Platons verehrt. Sie übergeht vieles, hat aber die ursprüngliche und echte Überlieferung am besten und reinsten erhalten. Die Erzählungen Diodors (Buch XVI) und des Cornelius Nepos (de excell. ducibus 10) zeigen unter einander manche Verwandtschaft. Sie sind stark verkürzt, ungenau und phrasenhaft und schöpfen nicht mehr aus erster Hand. Sie sind daher mit Vorsicht zu benutzen, haben aber manche gute Nachricht erhalten.

Litteratur: Grote History of Greece X 332ff. (Cap. 84f.). Holm Gesch. Sicil. II 156ff. 452ff. und die dort citierte Litteratur. Freeman History of Sicily IV 239ff. Wilh. Schuhardt Dion (Jahresb. d. Realsch. von Halberstadt) 1875. Mor. Pfalz Dion der Syrakusaner, Chemnitz 1877. Aeg. Guil. Timmermann De Dionis et Timoleontis vitis capite quaedam, Leiden 1893. H. Th. Karsten De Platonis quae feruntur epistolis, Utrecht 1864.