RE:Cornelius 275

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band IV,1 (1900), Sp. 14081417
Cornelius Nepos in Wikisource
Cornelius Nepos in der Wikipedia
GND: 118747681
Cornelius Nepos in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|IV,1|1408|1417|Cornelius 275|[[REAutor]]|RE:Cornelius 275}}        

275) Cornelius Nepos, municeps des Vibius Severus (s. d.) und des Insubrers T. Catius (Plin. epist. IV 28. 1), was, wenn man die Bezeichnung als Padi accola bei Plin. n. h. III 127 wörtlich [1409] nimmt, auf Ticinum als Vaterstadt führen würde (Mommsen Herm. III 62; dagegen Unger Der sog. Cornelius Nepos 134f.), jedenfalls aus dem transpadanischen Gallien und damit Landsmann des Catull (quem Gallia praebuit Catullo, Auson. ecl. 1, 9), der ihm eine Sammlung seiner kleineren Gedichte (c. 1) widmete (anerkennende Erwähnung Catulls bei Nepos vit. XXV 12, 4). Seine ἀκμή setzt Hieron. chron. a. Abr. 1977 ins J. 714 = 40: Cornelius Nepos 1 scribtor historicus clarus habetur. Doch muss er damals schon in höheren Jahren gestanden haben, denn er bezeichnete Dinge, die unter der Regierung des Ptolemaios X. Lathyros von Ägypten († 81 v. Chr.) vorgefallen waren, als sua aetate geschehen (Plin. n. h. II 169) und rechnete die Aedilität des P. Lentulus Spinther (691 = 63) als bereits geraume Weile nach seiner eigenen Jünglingszeit gelegen (Plin. n. h. IX 137); im J. 689 = 65 hörte er in Rom Ciceros Verteidigungsrede für C. Cornelius mit an (Hieron. c. Ioann. Hierosol. 12 = Migne lat. 23, 365 refert Cornelius Nepos se praesente isdem paene verbis, quibus edita est, eam pro Cornelio seditioso tribuno defensionem peroratam), ein senatorisches Amt hat er nie bekleidet (Plin. epist. V 3, 6), gestorben ist er nach 712 = 32, dem Todesjahre des Atticus (vit. XXV 19, 1: haec hactenus Attico vivo a nobis edita sunt; nunc quoniam fortuna nos ei superstites esse voluit, reliqua persequemur) und zwar divi Augusti principatu (Plin. n. h. IX 137. X 60), d. h. wohl nach dem J. 727 = 27. Während er mit Atticus durch langjährige intime Freundschaft verbunden war (vit. XXV 13, 7 atque hoc non auditum sed cognitum praedicamus: saepe enim propter familiaritatem domesticis rebus interfuimus), datieren die offenbar durch Atticus vermittelten Beziehungen zu Cicero (überschätzt von Gell. XV 28, 1 M. Ciceronis ut qui maxime amicus familiaris fuit), wie es scheint, nur aus den letzten Lebensjahren des letzteren und sind nicht allzu enger Natur; noch im November 710 = 44 weiss Cicero über die häuslichen Verhältnisse des Nepos nicht besonders gut Bescheid (ad Att. XVI 14, 4 male narras de Nepotis filio; valde mehercule moveor et moleste fero. nescieram omnino esse istum puerum), und die Stelle ad Att. XVI 5. 5 (Juli 710 = 44) Nepotis epistulam exspecto. cupidus ille meorum? qui ea, quibus maxime γαυριῶ, legenda non putet. et aisμετ’ ἀμύμονα‘: tu vero ἀμύμων, ille quidem ἄμβροτος klingt etwas kühl ironisch; die Correspondenz beider lag später in einer mindestens zwei Bücher umfassenden Sammlung vor (Cicero in libro epistularum ad Cornelium Nepotem secundo Macrob. Sat. II 1, 14; Cicero . . . . . ad Cornelium Nepotem Suet. Caes. 55, vgl. Ammian. Marc. XXI 16, 13. XXVI 1, 2. Prisc. G. L. II 383, 1 K.; Nepos Cornelius ad Ciceronem Lact. inst. III 15, 10); vielleicht hat Nepos, wie er eine Biographie Ciceros schrieb (s. u.), sich auch an der Veranstaltung der Gesamtausgabe seiner Werke beteiligt und geht darauf die Bemerkung des Fronto epist. p. 20 Nab.: contigisse quid tale M. Porcio aut Q. Ennio u. s. w. quid M. Tullio tale usu venit? quorum libri pretiosiores habentur, si sunt ⟨a⟩ Lampadione aut Staberio u. s. w. aut Attico aut Nepote. Ob man [1410] das Citat Varro in Nepote haec praesepes dixit (Charis. p. 59, 15 K.) auf einen nach Nepos benannten Logistoricus des Varro beziehen darf, bleibe dahingestellt.

Unter seinen Werken waren, abgesehen von kleineren lyrischen Productionen, deren Plin. epist. V 3, 6 beiläufig gedenkt, das älteste (denn sie lagen dem Widmungsgedichte des Catull um geraume Zeit voraus, Catull. 1, 3ff. namqus tu solebas meas esse aliquid putare nugas, iam tum cum ausus es unus Italorum omne aevum tribus explicare cartis, doctis, Iuppiter, et laboriosis) die drei Bücher (tribus cartis Catull.) Chronica (so Auson. epist. 12 p. 238, 4 Peip.; in primo chronico Gell. XVII 21, 3), der erste Versuch dieser Art (unus Italorum Catull.), in dem es vor allem darauf ankam, durch eine Reihe von Synchronismen eine allgemeine Zeittafel der Hauptereignisse der griechischen und römischen Geschichte aufzustellen. Vorbild und Quelle war für ihn in erster Linie die Chronik des Apollodoros (Solin. 1, 27; vgl. E. Rohde Rh. Mus. XXXVI 534), und wie dieser hat er auch die Chronologie der Litteraturgeschichte besonders ausführlich berücksichtigt (Homer Gell. XVII 21, 3; Archilochos ebd. 21, 8); die Gründung Roms setzte er wie Polybios u. a. Ol. 7, 2 = 750 v. Chr. (Solin. 1, 27; vgl. G. F. Unger Rh. Mus. XXXV 13ff.), aber er begann nicht (wie Atticus) erst mit ihr, sondern auch die mythische Zeit war behandelt (Saturnus als König von Latium, Minuc. Fel. 21, 4, Tertull. apol. 10; ad nat. II 12. Lact. inst. I 13, 8), und darauf geht vielleicht die Bezeichnung des Werkes als einer Art von apologi bei Auson. a. a. O. apologos Titiani et Nepotis chronica quasi alios apologos (nam et ipso instar sunt fabularum) ad nobilitatem tuam misi gaudens atque etiam glorians fore aliquid, quod ad institutionem tuorum sedulitatis meae studio conferatur. Die Stelle beweist auch, dass das Buch noch in späterer Zeit zur Orientierung und zum Nachschlagen benutzt wurde; in der Litteratur ist die Chronik des Nepos, wie es scheint, durch das selbständigere Werk des Atticus zurückgedrängt worden, doch können wir Benützung ausser bei Cicero (Rohde a. a. O. 533) mit Sicherheit bei Gellius und Solin (bei letzterem ist sie eine indirecte) nachweisen, und auch in der Naturgeschichte des Plinius ist eine Zeittafel benützt, die auf der Chronik des Nepos als Grundlage beruhte (F. Münzer Beitr. z. Quellenkritik d. Naturgeschichte d. Plinius 334ff.).

Aus einem Werke Exempla besitzen wir drei Fragmente, die mit ausdrücklicher Angabe des Titels citiert werden, ein ganz farbloses aus dem zweiten Buche (Charis. p. 146, 19 K. Nepos Exemplorum II ,a virgine Vestale‘ inquit), aus Buch V die Geschichte von den nach der Schlacht bei Cannae zu Austauschverhandlungen nach Rom geschickten Gefangenen Hannibals (Gell. VI 18, 11), endlich ohne Buchzahl und sogar ohne Namen des Verfassers (in Exemplis repositum est), aber mit Sicherheit auf dies Werk zurückzuführen, die Erzählung von der grossherzigen Handlungsweise des älteren Ti. Sempronius Gracchus gegenüber Scipio Asiaticus und dem Africanus maior (Gell. VI 19, 1); wir haben uns das Werk also als eine nach sachlichen Gesichtspunkten geordnete Anekdotensammlung [1411] vorzustellen, von der Art, wie sie uns in dem Werke des Valerius Maximus vorliegt, der gewiss das Buch des Nepos ausgiebig benützt hat (Traube S.-Ber. Akad. Münch. 1891, 405); ja wenn wir die Disposition von Nepos Werke de viris illustribus vergleichen (s. u.), ist es sehr wahrscheinlich, dass Valerius Maximus gerade ihm die Einteilung der Beispiele in römische und ausländische entlehnt hat. Aus den Exempla stammt vielleicht (Traube a. a. O.) das von H. Dessau Herm. XXV 471f. nachgewiesene Neposfragment bei Augustin. contra sec. Iulian. respons. IV 43 (= Migne lat. 45, 1362) über die Kynogamie des Krates und der Hipparchia, dagegen ist es sehr fraglich, ob die zahlreichen, unter dem Namen des Nepos bei Plinius erhaltenen culturgeschichtlichen Notizen (s. darüber Münzer a. a. O. 322ff.) nicht vielmehr einem eigenen Werke angehören, das von dem Steigen des Luxus auf allen Gebieten des Lebens handelte (Bauluxus Plin. n. h. XVI 36. XXXVI 48, auch XVII 3f., wo Nepos nicht direct genannt ist, aber Traube a. a. O. die Herkunft aus ihm erkannt hat, ferner Priscian. G. L. II 383, 4 K. und dazu Münzer a. a. O. 327; Edelmetalle und Edelsteine XXXIII 146. XXXVI 59; Purpur IX 137; Speise und Trank X 60. IX 61. XIII 104. 106). Dass wir den Titel des Werkes nicht kennen, hat nichts Befremdliches, da das Gleiche der Fall ist bei einer weiteren Schrift des Nepos, deren Spuren sich bei Pomponius Mela und ebenfalls bei Plinius (indirecte Benützung des Nepos nimmt für beide ohne ausreichenden Grund C. Wagener Comment. Woelfflin. 3ff. an) verfolgen lassen; es muss eine Chorographie des gesamten Erdkreises gewesen sein, denn die Bruchstücke beziehen sich auf den Okeanos (Mela III 45. Plin. II 170), den Weg vom Arabicus sinus nach Gades (Mela III, 90. Plin. III 169), Mauretanien (Plin. V 4), Gallia cisalpina (Plin. III 125. 127. 132, auch VI 5; vgl. O. Hirschfeld S.-Ber. Akad. Berl. 1894, 343ff. Münzer a. a. O. 334f.) u. a.; besonders treten die bestimmten Zahlenangaben hervor, so für die Breite des fretum Gaditanum (Plin. III 4) und der Alpen (Plin. III 132), für die Entfernung des thracischen vom kimmerischen Bosporos (Plin. VI 77) und des Pontos vom Caspischen Meer (Plin. VI 31), für den Umfang der Insel Cerne und ihren Abstand von Karthago (Plin. VI 199); es war also wohl ein Periplus, der vielleicht zu der ps.-apollodoreischen γῆς περίοδος (o. Bd. I S. 2862) in demselben Verhältnisse stand, wie Nepos Chronica zu Apollodors Chronik; die Annahme jedenfalls, dass das Buch einen specifisch paradoxographischen Charakter getragen habe, wird durch nichts gerechtfertigt (denn Plin. V 4 portentosa (iraeciae mendacia . . . nostros nuperque paulo minus monstrifica quaedam de iisdem tradidisse geht nur auf Nepos Leichtgläubigkeit in Bezug auf übertriebene Grössen und Entfernungsangaben über die Stadt Lixos), und vollends unmöglich ist es, wie F. Cipolla Rivista di filologia XI 1883, 372ff. es versucht, die Fragmente dieses Werkes alle in der Chronik unterzubringen (die Abhandlung von G. M. Columba Bollettino di filologia classica V 1898, 11–16 ist mir nicht zugänglich).

Aber der Schwerpunkt von Nepos schriftstellerischer Thätigkeit liegt in seinen biographischen [1412] Arbeiten, und zwar, da wir eine mehrbändige Biographie Ciceros (Gell. XV 28, 1 in librorum primo, quos de vita illius composuit) und eine ausführliche Lebensbeschreibung des älteren Cato (vit. XXIV 3, 5 huius de vita et moribus plura in eo libro persecuti sumus, quem separatim de eo fecimus rogatu T. Pomponii Attici) nur aus flüchtigen Erwähnungen kennen, auf dem grossen Werke de viris illustribus (Cornelius Nepos in eo libro, qui Vita inlustrium inscribitur Zusatzscholion zu Serv. Aen. I 368), vgl. Hieron. de vir. ill. prol. fecerunt quidem hoc idem . . . apud Latinos . . Varro, Santra, Nepos, Hyginus et ad cuius nos exemplar provocas Tranquillus. Die Citate mit Buchzahl (Nepos de inlustribus viris II Charis. p. 220, 12 K.; in libro Cornelii Nepotis de inlustribus viris XIII Gell. XI 8, 5; Cornelius Nepos inlustrium XV Charis. p. 141, 24 K.) reichen bis zum 16. Buche (Cornelius Nepos inlustrium virorum libro XVI Charis. p. 141, 13 K.), die Citate beweisen ferner, dass die dargestellten Persönlichkeiten nach Gattungen geordnet waren, und zwar die römischen Vertreter jeder Gattung gesondert von den griechischen, bezw. auswärtigen; dem auf uns gekommenen Buche von den ausserrömischen Feldherrn folgte ein solches über die römischen Feldherrn (vit. XXIII 13, 4 sed nos tempus est huius libri facere finem et Romanorum explicare imperatores, quo facilius collatis utrorumque factis qui viri praeferendi sint possit iudicari; aus diesem Buche stammen die Fragmente über Marcellus Plut. Marc. 30; comp. Pelop. c. Marc. 1, Africanus maior Serv. Aen. I 368, Lucullus Plut. Luc. 43, Augustus Suet. Aug. 77), dem de latinis historicis, von dem Bruchstücke vorliegen (s. u.), entsprach ein solches de historicis graecis (vit. X 3, 2 sed de hoc in eo libro plura sunt exposita, qui de historicis graecis conscriptus est), ein Buch handelte de regibus graecis (vit. XXI 1, 1 hi fere fuerunt graecae gentis duces . . . praeter reges; namque eos attingere noluimus, quod omnium res gestae separatim sunt relatae). Da die Nichtrömer voranstanden und nach Ausweis des Fragmentes aus Buch XIII (Gell. XI 8, 1ff. über A. Albinus), das dem Buche de historicis latinis angehören muss, die ungeraden Zahlen den Römern zufielen, hat Nepos, offenbar ebenso wie Varro in seinen Imagines, denen er ja auch in der Trennung sachlicher Gruppen und von Römern und Ausländern folgte, ein allgemein einleitendes Buch vorangeschickt, das wahrscheinlich die ganze Anlage des Werkes und die Scheidung der einzelnen Kategorien rechtfertigte und auf das sich vielleicht Suet. de gramm. 4 Cornelius quoque Nepos in libello, quo distinguit litteratum ab erudito bezieht. Wir würden dann eine Gesamtzahl von mindestens 17 Büchern, d. h. einem Einleitungsbuche und acht Buchpaaren anzunehmen haben. Von diesen stehen inhaltlich sicher nur die drei Paare der reges, duces und historici, dazu kommt nach dem auf Terenz bezüglichen Citate Suetons vit. Terent. p. 27, 6. 31, 2 Reiff. eine Abteilung de poetis; eine Behandlung der Staatsmänner kann unmöglich gefehlt haben (Rosenhauer Philol. Anz. XIII 740 vermutet als Titel nach Ampel. 19 qui in toga fuerunt inlustres; vgl. auch A. Hafner Quaestiunculae Plinianae, cum [1413] appendice de Cornelii Nepotis librorum de viris illustribus numero, Neuburg 1898), auf litterarischem Gebiete ergeben sich die fehlenden Kategorien der philosophi, oratores, grammatici von selbst. Dass auch die bildenden Künstler eine eigene Gruppe ausmachten, wird durch Plin. n. h. XXXV 16 hunc [der korinthische Maler Ekphantos] eodem nomine alium fuisse quam quem tradit Cornelius Nepos secutum in Italiam Demaratutn, Tarquini Prisci Romani regis patrem, fugientem a Corintho tyranni iniurias Cypseli, mox docebimus durchaus nicht erwiesen (Oehmichen Plinian. Studien 205. Robert Archaeol. Märch. 123f.; das Fragment gehört wahrscheinlich in das culturhistorische Werk, vgl. Münzer Herm. XXX 542f.), und damit ist der Hypothese Brunns (S.-Ber. Akad. Münch. 1875, 311ff.; vgl. Furtwängler Jahrb. f. Philol. Suppl. IX 25ff.), nach der Nepos eine wichtige Quelle des Plinius insbesondere für die Biographien der Maler gewesen wäre, der Boden entzogen. Dass das ganze Werk auf einmal publiciert wurde, zeigen Äusserungen wie vit. praef. 8 sed hic plura persequi cum magnitudo voluminis prohibet tum festinatio, ut ea explicem, quae exorsus sum; quare ad propositum veniemus et in hoc explicemus libro de vita excellentium imperatorum, und namentlich Verweisungen auf spätere Teile des Werkes als auf bereits vorliegende (vit. X 3, 2 sed de hoc in eo libro plura sunt exposita, qui de historicis graecis conscriptus est). Da das ganze Werk dem Freunde Atticus gewidmet war (die feierliche Widmung stand offenbar am Anfange des ersten Buches, in den Vorreden der einzelnen Bücher konnte dann eine formlosere Anrede Platz greifen; darum hat Heerwagen Münch. gel. Anz. 1846, 243 mit Unrecht das blosse Attice vit. praef. 1 beanstandet), so muss es vor dem Tode dieses Mannes (722 = 32) herausgegeben sein; es ist aber später noch eine zweite Ausgabe erfolgt, deren Spuren sich in den erhaltenen Teilen an zwei Stellen deutlich zeigen. Auf uns gekommen sind in zusammenhängender Überlieferung 1) unter dem Titel de excellentibus ducibus exterarum gentium (so die beste Form; dass der Titel nicht ursprünglich ist, zeigt das starke Schwanken der Hss.) 20 Biographien griechischer Feldherrn (Miltiades, Themistocles, Aristides, Pausanias, Cimon, Lysander, Alcibiades, Thrasybulus, Conon, Dion, Iphicrates, Chabrias, Timotheus, Datames, Epaminondas, Pelopidas, Agesilaus, Eumenes, Phocion, Timoleon), an die sich nach einer kurzen Übersicht über die bereits in dem Buche de regibus graecis behandelten königlichen Feldherrn (XXI) anhangsweise die Viten des Hamilcar und Hannibal (XXII. XXIII) anschliessen; 2) mit der Überschrift excerptum e libro Cornelii Nepotis de latinis historicis eine kurze Biographie des älteren Cato und eine ausführliche des Atticus (XXIV. XXV); 3) überschrieben verba ex epistula Corneliae Gracchorum matris ex eodem libro Cornelii Nepotis excerpta zwei Bruchstücke eines Briefes der Cornelia (s. u. Nr. 407) an ihren Sohn C. Gracchus (vgl. über diesen Brief und die ziemlich reiche Litteratur über die Echtheitsfrage die Ausführungen von Münzer unten S. 1594f., wo die Zweifel an der Authenticität mit Recht zurückgewiesen [1414] werden; da dessen Vita (ein Citat aus ihr auch bei Plut. Ti. Gracch. 21) jedenfalls in der Abteilung ‚Staatsmänner‘ stand, so deutet die Bezeichnung in eodem libro nur das Gesamtwerk an und ist erst nachher, wegen des unmittelbar vorausgehenden Stückes, fälschlich auf de latinis historicis bezogen worden. In dem ersten Teile, dem sogen. ,Feldherrnbuche‘, heben sich die ersten 20 Biographien von den drei letzten Abschnitten sehr deutlich ab (vgl. namentlich XXI 1 und 5), und da wir XXIII 13, 1 ein Citat aus der Chronik des Atticus in einer Form vorgebracht finden, die den Tod des Verfassers voraussetzt (namque Atticus . . in annali suo scriptum reliquit; vgl. Asbach Anal, hist. et epigr. lat., Diss. Bonn. 1878, 34), so rechtfertigt sich die Annahme, dass diese drei Abschnitte (möglicherweise auch die Vita des Datames [XIV], des einzigen Nichtgriechen innerhalb der ersten 20 Stücke, deren Aufnahme auch XIII. 4, 5f. eigens motiviert wird) erst bei der zweiten Auflage hinzugefügt wurden (vgl. B. Lupus Jahrb. f. Philol. CXXV 397). Denn eine solche Neubearbeitung bezeugt für die Atticusvita Nepos selbst XXV 19, 1 haec hactenus Attico vivo edita a nobis sunt, nunc, quoniam fortuna nos superstites ei esse voluit, reliqua persequemur; er fügte damals die vier Schlusscapitel 19–22 hinzu. Für die Chronologie der ersten Ausgabe ist es von Wichtigkeit, dass Nepos die Verheiratung der Tochter des Atticus mit M. Vipsanius Agrippa schon in dieser erwähnte (XXV 12, 1f.), dagegen die Verlobung der aus dieser Ehe hervorgegangenen Tochter mit dem nachmaligen Kaiser Tiberius, welche erfolgte, als jene kaum ein Jahr alt war (vix anniculam), erst in den Zusatzcapiteln (XXV 19, 4); diese Heirat scheint in das J. 717 = 37 zu fallen (Dessau Prosopogr. III 439). Dass der Vermittlung des M. Antonius bei diesem Ehebunde mit der entschuldigenden Wendung non est enim celandum (XXV 12, 2) gedacht wird, weist auf die Zeit des Zerwürfnisses zwischen Antonius und Octavian hin, so dass alles mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die J. 719 oder 720 = 35 oder 31 führt. Die zweite Ausgabe ist jedenfalls vor 727 = 27 erschienen, da der Kaiser XXV 19, 2–4. 20, 3. 5 nur Caesar (die Bezeichnung imperator Divi filius XXV 19, 2 giebt keine genauere Datierung, da die Behauptung des Cass. Dio LII 41, Augustus habe das Praenomen Imperator erst im J. 725 = 29 angenommen, durch die Urkunden widerlegt wird, vgl. Mommsen St.-R, II² 744, 2), nicht Augustus heisst. Von dem Buche de latinis historicis besitzen wir ausser den Biographien des Cato und Atticus und einem Citate bei Suet. rhet. 3 noch ein, offenbar in die Vorrede gehöriges Stück, welches in warmen Worten des Verlustes gedenkt, den der Tod des Cicero auch für die Kunst der lateinischen Geschichtsschreibung bedeutet habe; es findet sich auf dem Vorsatzblatte der Wolfenbütteler Hs. von Ciceros philippischen Reden (Gudian. 278 saec. XIII); in dasselbe Buch würde auch das von Giac. Cortese (Rivista di filol. XII 1884, 396ff.) aus einem Palimpsestblatte mitgeteilte anonyme Stück über die Historiker A. Postumius (cos. 603 = 151) und A. Albinus (auf den sich das Neposfragment bei Gell. XI 8 bezieht, s. o.) gehören, wenn nicht [1415] gegen die vom Entdecker versuchte Zuweisung an Nepos schwerwiegende Bedenken geltend gemacht worden wären (F. Buecheler Rh. Mus. XXXIX 622f.).

Ungebührliche Schwierigkeiten hat lange Zeit die Thatsache bereitet, dass in den Hss. zwar die Lebensbeschreibungen des Cato und Atticus (sowie die epistula Corneliae) als aus Cornelius Nepos excerpiert bezeichnet sind, das Feldherrnbuch aber, sowohl an der Spitze wie in der Subscription, nicht diesen Namen, sondern den des Aemilius Probus trägt, während zugleich ein der Subscription vorangehendes Epigramm von 6 Distichen die Widmung des Buches von einem Probus an den Kaiser Theodosius II. (408–450) gerichtet enthält. Daher geben auch die ältesten gedruckten Ausgaben die Vitae unter dem Namen des Aemilius Probus, bis O. Gifanius (Ausg. d. Lucrez, Antwerpen 1566) und Dion. Lambinus (Ausg. von 1569) die Meinung zum Durchbruche brachten, dass die Vitae sämtlich demselben Verfasser, und zwar einem Schriftsteller nicht des 5. Jhdts. n. Chr., sondern des Überganges von der Republik zur Kaiserzeit, also dem Cornelius Nepos angehören; in neuerer Zeit ist dann namentlich W. F. Rinck (1818, dann in den Prolegomena der Rothschen Ausgabe, 1841) wieder dafür eingetreten, dass das Feldherrnbuch Eigentum des Aemilius Probus sei, der es mit der Absicht verfasst habe, den verlorenen Teil de ducibus exterarum gentium der viri illustres des Nepos zu ergänzen. Die Frage kann jetzt als gelöst gelten, nachdem L. Traube (S.-Ber. Akad. Münch. 1891, 409ff., s. o. Bd. I S. 581f.; die ganz künstliche Erklärung von F. Vogel Jahrb. f. Philol. CLI 1895, 779ff. bezeichnet gegen Traube einen Rückschritt) festgestellt hat, dass nach dem deutlichen Wortlaute des Epigramms Probus (samt seinem Vater und Grossvater) nicht Verfasser, sondern Schreiber, bezw. Sammler der historischen Schriften ist, zwischen denen sein Epigramm steht, und dass sein Name nur irrtümlich den des wahren Verfassers im ersten Teile verdrängt hat. Dass der Verfasser des ersten Teiles kein anderer gewesen sein kann, als der des zweiten, liegt in der ganzen Natur der Sammlung, die sich doch unmöglich aus den Bestandteilen verschiedener Werke de viris illustribus zusammensetzen konnte. Darum entbehrt die von G. F. Unger (Der sog. Cornelius Nepos, München 1881 = Abh. Akad. Münch. I Cl. XVI Bd. I Abt. 129ff.) mit grosser Gelehrsamkeit verfochtene Ansicht, dass der Verfasser der Lebensbeschreibungen des Cato und Atticus zwar Cornelius Nepos, der des Feldherrnbuchs aber C. Iulius Hyginus (s. d.) sei, schon von vornherein der inneren Wahrscheinlichkeit; dazu ist ihm aber der von ihm S. 100ff. unternommene Beweis einer durchgehenden sprachlichen Verschiedenheit zwischen beiden Gruppen von Biographien entschieden missglückt; vgl. B. Lupus Jahrb. f. Philol. CXXV 1882. 379ff. H. Rosenhauer Philol. Anzeig. XIII 733ff. R. Bitschofsky Jahresber. LXXII 1892, 90ff. Das von Unger a. a. O. 146ff. aufgestellte Sündenregister von Anachronismen, Verwechslungen, historischen und geographischen Schnitzern reduciert sich bei genauerer Nachprüfung auf einen etwas geringeren Umfang, jedenfalls beweist es nichts gegen die Autorschaft des [1416] Cornelius Nepos am Feldherrnbuche, sondern lehrt uns nur, ihn als Historiker geringeren Ranges einschätzen. In der That stehen die Biographien des Nepos nach Auffassung, Inhalt und Darstellung auf einem ziemlich niedrigen Niveau; dass die Biographien des Cato und Atticus sich vor denen des Feldherrnbuches einigermassen auszeichnen, erklärt sich leicht daraus, dass die erstere auf der Vorarbeit einer viel umfassenderen Lebensbeschreibung desselben Mannes beruht (s. o.), die zweite aber den nächsten Freund und Vertrauten des Verfassers zum Gegenstande hat. Aber diese Stücke lassen die Grundfehler der übrigen Biographien nicht verkennen, das Fehlen einer grösseren historischen Anschauung, die mangelnde Ordnung und Disposition, die Unfähigkeit Wesentliches und Nebensächliches zu unterscheiden, die Vorliebe für Anekdoten und sog. ‚culturhistorisches‘ Detail (dafür ist die Vorrede des Feldherrnbuches lehrreich), das platte Moralisieren (XXV 19, 1 quantum poterimus, rerum exemplis lectores docebimus, suos cuique mores plerumque conciliare fortunam); vgl. ausser den Darlegungen von Nipperdey in der Einleitung der grösseren (p. XXIVff.) Ausgabe die kurze, aber treffende Charakteristik bei C. Wachsmuth Einl. in die alte Gesch. 212f. und E. Norden Antike Kunstprosa I 204ff. Nepos wendet sich nicht an einen feineren litterarischen Geschmack, sondern an das breite Publicum, auf dessen Bildungsniveau er hinabsteigt (XVI 1, 1 cuius de virtutibus dubito quemadmodum exponam, quod vereor, si res explicare incipiam, ne non vitam eius enarrare, sed historiam videar scribere; si tantummodo summas attigero, ne rudibus graecarum litterarum minus dilucide appareat quantus fuerit ille vir, itaque utrique rei occurram, quantum potuero, et medebor cum satietati tum ignorantiae lectorum); seine ganze Darstellung beruht auf der Aufgabe der Rhetorenschule viros inlustres laudare vel vituperare (Suet. rhet. 1), darum sind seine Quellen nicht sowohl die Historiker grossen Stiles, als rhetorisierende Geschichtswerke und die panegyrisch gefärbte oder pikante Biographienlitteratur (zur Quellenfrage Goethe Die Quellen Cornels zur griechischen Geschichte. Gr. Glogau 1878 und namentlich E. Lippelt Quaestiones biographicae, Diss. Bonn. 1889, 37ff.; vgl. auch Wachsmuth a. a. O. 213. Norden a. a. O. 205). Benützung des biographischen Werkes ist mit Sicherheit nachzuweisen bei Plutarch (W. Soltau Jahrb. f. Philol. CLIII 1896, 123ff. 357ff.) und in den Bobienser Ciceroscholien (p. 311–312 Or.), auch darf es trotz gegenteiliger Behauptung als gesichert gelten, dass die gemeinsame biographische Quelle des Ampelius und der unter dem Namen des Aurelius Victor überlieferten Schrift de viris illustribus Nepos war (nach den älteren Arbeiten von H. Haupt 1876 und H. Hildesheimer 1880 vgl. namentlich J. Rosenhauer Symbolae ad quaestionem de fontibus libri qui inscribitur de viris illustribus urbis Romae, Kempten 1882. K. Schüller G. Fr. Ungers Hypothese über das Feldherrnbuch des Cornelius Nepos, Görz 1897).

Die sehr zahlreichen Hss. des Cornelius Nepos (Übersicht in der Ausgabe von Roth p. 207ff.) gehören fast durchweg erst dem 14. oder 15 Jhdt. [1417] an (auch die Excerpte aus 16 Vitae in einem Codex Patavinus, über welche J. Freudenberg Jahrb. f. Philol. CXI 1875, 495ff. handelt), die wichtigste von ihnen ist der von Roth (Rh. Mus. VIII 1853, 626ff.) erst nachträglich aufgefundene Codex Parcensis (P) zu Löwen, der eine wenn auch verderbte, so doch selbständige Überlieferung darstellt. Die älteste und beste je bekannt gewordene Handschrift ist die jetzt verlorene D, von P. Daniel (seine Collation wurde von J. Bongarsius an Gottfr. Jungermann verliehen und ist hinter der Frankfurter Ausgabe von 1608 abgedruckt) und O. Gifanius verglichen (Mitteilungen aus seinen Notizen, sowohl von ihm selbst in den Collectanea seiner Lucrezausgabe 1566, als in des P. Manutius Scholia in Attici vitam [bei dem Comment. in epist. Cic. ad Att. 1547] und durch Vermittlung des Cl. Puteanus in den Neposausgaben des J. Savaro 1602 und Andr. Schottus 1609, sowie in den Randbemerkungen des P. Petavius zum Cod. Vatic. Regin. 768), wahrscheinlich in Frankreich im 11. oder 12. Jhdt. geschrieben. D und P, vielleicht auch ein von J. H. Boecler (Strassburger Ausg. von 1640) benutzter Leidensis (L), repräsentiert jede für sich eine eigene Überlieferung, alle andern Hss., unter denen der Gudian. 166 (A) zu Wolfenbüttel schon durch sein Alter (saec. XII–XIII) hervorragt, bilden eine einzige, in verschiedene Gruppen sich spaltende Familie. S. darüber ausser Roth a. a. O. Nipperdey Opusc. 3ff. G. Gemss Zur Reform der Textkritik des Cornelius Nepos, Berlin 1888; Berl. philol. Wochenschr. 1889, 801 ff. H. Muzik Wien. Stud. XVI 1894, 47ff. A. Gercke Jahrb. f. Philol. Suppl. XXII 1895, 34f. Von den älteren Ausgaben, unter denen die des D. Lambinus (Paris 1569) eine ehrende Hervorhebung verdient, kommt heute praktisch nur noch die Sammelausgabe von A. van Staveren, namentlich in der erweiterten Neuherausgabe durch G. H. Bardili, Stuttgart 1820, in Betracht. Die Grundlage für die Textkritik schuf die Ausgabe von C. L. Roth, Basel 1841, auf die sich sowohl die kritische Ausgabe von C. Halm (Leipz. 1871), als die mit knappem Apparate versehene Recension von C. Nipperdey (Berlin 1867) gründet; Textesrecognitionen u. a. von C. G. Cobet (Leiden 1881), M. Gitlbauer (4. Aufl. Freiburg 1893), A. Fleckeisen (Leipz. 1884); beste erklärende Ausgabe von C. Nipperdey (1849, 2. Aufl. von B. Lupus 1879; kleinere Ausgabe, 10. Aufl. von B. Lupus 1895). Die neuere Litteratur (Teuffel-Schwabe Röm. Litt.-Gesch. § 198, 9–12) zur Textkritik (darunter von noch heute unvermindertem Werte C. Nipperdey In Cornelio Nepote spicilegium criticum, Leipz. 1850 und Spicilegii alterius pars I–VI, Jena 1868–1871, jetzt zusammen Opusc. 3–196) und zum Sprachgebrauche des Cornelius Nepos (grundlegend B. Lupus Der Sprachgebrauch des Cornelius Nepos, Berlin 1876) ist kaum zu übersehen; vgl. die guten Berichte von G. Gemss Jahresber. d. Berl. philol. Vereins (Ztschr. f. Gymn.-Wesen) 1892, 40ff. 1894, 56ff. 1897, 82ff. 1899, 96ff.