RE:Cornelius 336

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 14621471
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336) P. Cornelius P. f. L. n. Scipio (CIL I² p. 25 zum J. 560 und p. 134 zum gleichen Jahr) Africanus (maior).

Ämter und Würden: Trib. mil. 538 = 216 (Liv. XXII 53), aed. cur. 542 = 212 (Liv. XXV 2), cons. 549 = 205 (Liv. XXVIII 38, 6), cens. 555 = 199 (CIL I² p. 25),cons. II 560 = 194 (CIL I² p. 25); vgl. CIL I² p. 201 elog. 37. Er war vom J. 199 bis zu seinem Tode Princeps senatus während dreier Censurperioden (Liv. XXXIV 4, 3, vgl. XXXII 7. XXXVIII 28). Ausserdem gehörte er zur Priesterschaft der Salier, Polyb. XXI 13. Liv. XXXVII 33.

Familie: Seine Gattin Aemilia (o. Bd. I S. 592 Nr. 179), die Schwester des Siegers von Pydna, gebar ihm 2 (3?) Söhne: P. (Liv. XL 42; dessen Grabschrift CIL VI 1288; vgl. Mommsen CIL I p. 19) und L. oder Cn. (Liv. XLI 27. Val. Max. III 5, 1, IV 5, 3), sofern Scipio nicht zwei Söhne, L. und Cn., gehabt hat (Mommsen CIL I p. 13), und zwei Töchter, deren ältere sich mit P. Cornelius Nasica verheiratete, deren jüngere die Mutter der Gracchen wurde (Liv. XXXVIII 57. CIL I² p. 201 nr. 39. Gell. n. a. XII 8).

Leben: Scipio hat in dem Griechen Polybios und in vielen seiner Landsmänner (Gell. n. a. VI 1) begeisterte Verehrer und Herolde seiner Thaten gefunden. Seine eigenartige Persönlichkeit verschaffte ihm bald den Ruf, als stehe er unter besonderem Schutze der Götter (Liv. XXVI 19f. = Cass. Dio frg. 57. 38), eine Auffassung, der sein eigenes Benehmen Vorschub leistete. Er berief sich auf göttliche Anweisungen, die er im Traume empfangen habe, und weilte täglich eine Zeit lang im Tempel des Iuppiter Capitolinus (Liv. XXVI 19). Polybios (X 2. 9) verwahrt seinen Helden gegen die Auffassung, als verdanke er seine Thaten göttlicher Mitwirkung, nicht seiner eigenen Tüchtigkeit. Die verstreut erzählten Charakterzüge des Scipio vereinigt Mommsen (R. G. I₈ 632f. zu einem einheitlichen Bilde; vgl. auch Ihne R. G. II² 323f. Unzweifelhaft hat sich früh um den persönlich sympathischen und in seinen Leistungen ungewöhnlichen Mann ein Sagenkranz von seiner Geburtsgeschichte bis zum Ende seines Lebens gewoben, der uns berechtigt, von einem Scipionenromane zu sprechen. Die Abgrenzung des geschichtlich Wahren von den dichterischen Zuthaten ist allerdings damit dem [1463] subjectiven Ermessen überlassen und wird sich mit der wünschenswerten Schärfe nicht ermöglichen lassen.
218–212: Jugend. Scipio ist zu der Zeit, da er zum erstenmale auftritt, im J. 218, nach der von Polyb. X 3 durch ὡς ἔοικεν eingeschränkten Angabe siebzehnjährig, nach anderer Angabe (Liv. XXVI 18, 7; vgl. Weissenborn-Müller zu Liv. XXI 46, 7) 18 Jahre alt, mithin etwa 235 geboren. Auf das gleiche Jahr führt die Angabe des Val. Max. III 7, 1, wonach er im 24. Lebensjahre stand, als er nach Spanien abgehen wollte. Etwas älter erscheint er nach Polyb. X 6, wonach er beim Beginne seiner Thätigkeit in Spanien, 211/210, im 27. Jahre steht. In der Schlacht am Ticinus (218) beteiligte er sich an der Rettung seines Vaters, des damaligen Consuls (Nr. 330), wurde auch von ihm öffentlich als sein Retter belobt (Polyb. X 3, 6), lehnte jedoch die corona civica als ihm nicht zustehend ab (Plin. n. h. XVI 14; vgl. Wölfflin Herm. XXIII 1888, 307–310. 479) und erkannte damit wohl das Verdienst eines ligurischen Sclaven (Liv. XXI 46, 10 nach Coelius) als grösser an. Unter den nach der Schlacht bei Cannae nach Canusium geflüchteten Römern befand sich auch der jugendliche Kriegstribun P. Scipio; ihm und dem Ap. Claudius Pulcher übertrug man, nachdem Scipio gegen den Plan, Italien zu verlassen und die römische Sache damit aufzugeben, heftig aufgetreten war, vorläufig den Oberbefehl, bis der Consul Varro, an den sie die Rettung dieses Truppenteiles gemeldet hatten, persönlich erschien und Anordnungen traf (Liv. XXII 53f. Cass. Dio frg. 57, 28). Im J. 212 wurde er Aedilis curulis (Liv. XXV 2); als seinen Amtsgenossen nennt Livius den M. Cornelius Cethegus. Auch dieses Ereignisses in seinem Leben hat sich die ausschmückende Erzählung bemächtigt. Livius berichtet von den Bedenken, die sich an die Jugend des Bewerbers knüpften, und von ihrer Beschwichtigung durch einen kecken Ausspruch des Scipio. Polybios (X 4f.) erzählt, wie er seinem älteren Bruder L. durch seine Anwesenheit zur Wahl zum Aedilen verholfen habe, stellt aber den Erfolg so dar, als sei P. zusammen mit seinem Bruder Aedil geworden, was, da bei Livius ausdrücklich der Namen des Mitaedilen des P. angegeben ist, als ein Versehen des Polybios erscheint, zumal da Polybios die Bewerbung und die Wahl beider Brüder in die Zeit des Beginnes der spanischen Unternehmungen des Vaters, also auf 217, verlegt.

211–206: Spanien. Nach dem Tode seines Vaters P. (Nr. 330) und seines Oheims Cn. (Nr. 345) in Spanien wurde Scipio vom Volke zum Proconsul mit dem Commando nach Spanien gewählt, 211 nach Liv. XXVI 18, 7, und begab sich im selben Jahre dorthin. Ist der Tod der beiden Scipionen erst 211 eingetreten (s. Nr. 345), so bleibt für die Meldung von ihrem Tode und für die Entsendung des Praetors Claudius, der Scipio ablösen soll, nicht genügend Zeit. Nach Livius Angabe – abweichende Datierung erwähnt Livius später (XXVII 7, 5) – sind die heiden Scipionen 212 gefallen, dann hat die Wahl im J. 211 stattgefunden. Auf 30 Schiffen fuhr Scipio mit 10 000 Soldaten und 1000 (?) Reitern bis nach Emporiae, marschierte nach Tarraco [1464] und von da zu den Winterlagern des Heeres. Hier liess er dem Marcius, der die Trümmer des Heeres bei dem Untergange der Scipionen gerettet hatte, alle Ehre widerfahren, ersetzte den Nero durch seinen Propraetor Silanus und wies den von ihm mitgebrachten Soldaten die Winterquartiere an. Er selbst kehrte nach Tarraco zurück, Liv. XXVI 19. Dem Silanus überliess er die Deckung dieses Teiles von Spanien und brach im Frühling 210 mit 25 000 Soldaten und 2500 Reitern gegen Neukarthago auf. Am siebenten Tage – doch vgl. Ihne R. G. II 325, 1 – kam er vor der Stadt an, gleichzeitig seine Flotte unter Führung des C. C. Laelius. Es gelang ihm, mit Benutzung der Ebbezeit von der Wasserseite her in die Stadt einzudringen. Dem Vorbilde seiner Verwandten folgend, behandelte er die spanischen Geiseln, die seine Kriegsgefangenen wurden, freundlich und schickte sie in ihre Heimat zurück, Polyb. X 9–17. 34. Liv. XL VI 41–49. Die Anordnungen, die er in Neukarthago traf, bedingten einigen Aufenthalt; dann kehrte Scipio nach Tarraco zurück, Liv. XXVI 51; die Siegesbotschaft brachte C. Laelius nach Rom, Liv. XXVII 7. Das Commando wurde ihm im Winter dieses Jahres auf unbestimmte Zeit verlängert, Liv. XXVII 7, 17; doch vgl. XXVII 18. Im J. 209 traf Scipio auf Hannibals Bruder Hasdrubal bei Baecula unweit des oberen Baetis und besiegte ihn in einer zweitägigen Schlacht. Von einer Verfolgung des nach Nordost abziehenden Gegners glaubte Scipio mit Rücksicht auf die beiden anderen noch im Felde stehenden karthagischen Heerführer absehen zu müssen. Die ihm von den Spaniern angebotene Königskrone lehnte er ab, Polyb. X 38–40. Liv. XXVII 18f. Cass. Dio frg. 57, 48. Sollte die Schlacht den Erfolg haben, den beabsichtigten Übergang Hasdrubals über die Pyrenäen zu verhindern, so ist dem Scipio diese Aufgabe misslungen. Immerhin auffallend ist es, dass Hasdrubal sich durch eine Niederlage den Weg nach Gallien eröffnete, wenngleich die Berufung auf die drohende Nähe der beiden andern feindlichen Heerführer bei Polyb. X 39 wie eine Rechtfertigung erscheinen mag. Dieses Bedenken hat Keller (Der zweite punische Krieg und seine Quellen 67–77) dahin geführt, auf Grund ähnlicher Züge in den Beschreibungen des Polybios und des Livius von dieser Schlacht bei Baecula und einer späteren, die nach Polybios bei Ilipa, nach Livius bei Baecula im J. 206 dem Hasdrubal, Gisgos Sohn, geliefert wurde, die erste Schlacht als eine Doublette zu betrachten, die zur Rechtfertigung dessen, dass Scipio seine Hauptaufgabe in Spanien nicht erfüllt hatte, in den Reihen seiner Parteigenossen erfunden worden sei. Danach sei also Hasdrubal, Hamilcars Sohn, nie bei Baecula von Scipio besiegt und ernstlich am Übergang über die Pyrenäen behindert worden. Appian (Ib. 25–27) kennt jedenfalls nur eine Schlacht in Baetica, die bei Carmo, in der Scipio den Hasdrubal, Gisgos Sohn, besiegte (Keller a. a. O. 61), an der auch, wie in der zweiten Schlacht bei Baecula (s. u.), Mago und Massinissa teilnahmen. Jedenfalls ist mit Hasdrubals Abzug die Aufgabe Scipios wesentlich kleiner geworden, so dass ihm der Senat im J. 208 die Abgabe von einer Reihe von Schiffen nach Sardinien zumuten [1465] konnte, Liv. XXVII 22. Die Nachricht von der Entsendung mehrerer Tausende nach Italien an M. Livius zur Hülfe gegen Hasdrubal beruht auf dem Zeugnis einiger von Liv. XXVII 38, 11 nicht namhaft gemachter Schriftsteller. Von seinem Hauptquartier in Tarraco aus unternahmen Scipio oder seine Unterfeldherrn in den J. 207 und 206 erfolgreiche Vorstösse gegen die karthagischen Feldherrn: Silanus besiegte den Mago in einer Schlacht in Keltiberien und nahm dabei den neuen Führer Hanno gefangen, L. Scipio, des P. Bruder, eroberte die Stadt Orongis (= Aurgi? CIL II p. 452); P. Scipio selbst siegte im J. 206 bei Ilipa (? nach Polyb. XI 20–24) oder bei Baecula (Liv. XXVIII 13–16) oder bei Carmo (Appian. Ib. 25. CIL II p. 188) über Hasdrubal, Gisgos Sohn, in dessen Heere Mago, Hannibals Bruder, und Massinissa kämpften. Hasdrubal verliess infolgedessen Spanien und fuhr nach Africa. Beim König Syphax soll er mit Scipio zusammengetroffen sein, der zuerst durch seinen Freund C. Laelius mit dem Könige hatte verhandeln lassen und dann auf des Königs Wunsch persönlich zum Abschlusse eines Bündnisses am Hofe erschienen sein soll, Polyb. XI 24. Liv. XXVIII 17f. Der Vorstoss gegen das letzte Bollwerk der karthagischen Macht, gegen Gades, wurde verzögert durch die Züchtigung dreier römerfeindlich gesinnter Städte, Castulo, Iliturgi und Astapa, alle drei im Gebiete des Baetis gelegen (Liv. XXVIII 19–23), durch den Kampf gegen die abtrünnigen Ilergetenhäuptlinge Mandonius und Indibilis (Polyb.: Andobales; Polyb. XI 31–33. Liv. XXVIII 31–34) und durch einen Soldatenaufstand im Lager bei Sucro, den Scipios Erkrankung hervorgerufen hatte und seine persönliche Anwesenheit wieder dämpfte (Polyb. XI 25–30. Liv. XXVIII 24-29). Endlich konnte Scipio dem vorausgeschickten Marcius folgen; in einer Unterredung gewann er den Massinissa für die römische Sache; Mago verliess Gades, und die Stadt ergab sich den Römern, Liv. XXVIII 35–37. Scipios Aufgabe in Spanien schien damit für den Augenblick gelöst; die Wettspiele, die Scipio schon vor dem Zuge nach Gades in Neukarthago veranstaltete (Liv. XXVIII 21), sollten wohl die bisherigen grossen Erfolge feiern. Die Stadt Italica besiedelte Scipio von neuem und gab ihr den Namen (Appian. Ib. 38). Das J. 206 neigte sich seinem Ende zu, und Scipio begab sich eilends zur Consulwahl nach Rom. Die Provinz überliess er der Fürsorge zweier seiner Feldherrn, Polyb. XI 33. Liv. XXVIII 38. Die Chronologie, der Livius folgt, giebt an verschiedenen Stellen zu Bedenken Anlass. Schon das Jahr der Übernahme des Commandos ist nicht sicher (s. o.), die erste Schlacht bei Baecula gegen Hasdrubal, Hamilcars Sohn, wäre nach Kellers Ansicht (s. o.) zu streichen, das J. 206 scheint mit Ereignissen überlastet (Weissenborn zu Liv. XXVIII 16, 14. Ihne R. G. II 371, 2). Eine befriedigende Lösung der Zeitfragen hat sich nach Beschaffenheit unserer Quellen bisher nicht gefunden. Als fester Punkt ist nur Scipios Abreise nach Rom in der zweiten Hälfte des J. 206 anzusehen. Über die Thätigkeit Scipios in Spanien vgl. Mommsen R. G. I⁸ 633–637. Ihne R. G. II 324–330. 349–351. 365 (hier namentlich die Charakteristik der Quellen) –376.

205–200: Italien, Sicilien, Africa. In Italien empfing ihn der Senat ausserhalb Roms im Tempel der Bellona; ein Triumph, den ihm Appian. Ib. 38 zuerkennt, stand ihm in seiner Stellung als Proconsul nicht zu, Liv. XXVIII 38. Spiele in Rom feierten seinen Sieg, Liv. XXVIII 45, 12. Für das J. 205 wurde Scipio zum Consul gewählt, und da sein Amtsgenosse P. Licinius Crassus als Pontifex maximus Italien nicht verlassen durfte, so verzichtete dieser auf die Verlosung der Amtsbezirke und überliess dem Scipio Sicilien, Liv. XXVIII 38. Der Senat scheint dem jungen Helden nicht sehr geneigt gewesen zu sein, Plut. Fab. Max. 25. Weder gestattete er ihm eine Aushebung, sondern wies ihn auf freiwillige Leistungen für Heer und Flotte an (Liv. XXVIII 45f.), noch gab er seinem Wunsche, Africa als Provinz zu erhalten, nach. Die Drohung Scipios, sich über den Senat hinweg mit dem Volke zu verständigen, erzielte eine Abmachung dahin, dass Scipio, falls er es im Interesse des Staates für angebracht halte, die Erlaubnis erhielt, nach Africa hinüberzugehen. So ging Scipio im J. 205 nach Sicilien, Liv. XXVIII 40–46. Dem Rate Massinissas, baldigst nach Africa überzusetzen (Liv. XXIX 4), konnte Scipio nicht folgen. Er plante einen Überfall auf Locri und entschied durch seine Anwesenheit den Kampf zu Gunsten der Römer. In seiner Abwesenheit mordeten und plünderten seine Soldaten in Locri und versagten dem Pleminius den Gehorsam; dieser wieder handelte später aus privater Rachsucht gegen Scipios Befehl. Die Anklage der Locrer gegen Pleminius gab im Senate dem Q. Fabius Anlass, auf die Lockerung der Disciplin in Scipios Heere hinzuweisen und mit Unterstützung von Scipios eigenem Quaestor Cato (Plut. Cat. min. 3) eine auch gegen Scipio gerichtete Untersuchung durchzusetzen. Ganz unberechtigt ist dieser Vorwurf mangelnder Disciplin in Scipios Heere – damit verbunden der einer offen zur Schau getragenen Vorliebe für griechisches Wesen (Cass. Dio frg. 57, 62) – nicht; aus seinem africanischen Feldzuge berichtet Appian. Lib. 15 ähnliches bei der Eroberung der Stadt Locha, auf die Vorkommnisse bei Sucro in Spanien lässt Livius den Fabius selbst hinweisen. Der mit der Untersuchung betraute Praetor des J. 204 M. Pomponius traf den Scipio in Syrakus. Der Anblick von Scipios Heer und ) von seiner Kriegsbereitschaft überzeugte den Pomponius ; auf Grund seines Berichtes gestattete der Senat dem Scipio ausdrücklich den Übergang nach Africa, Liv. XXIX 6–9. 19–22. Zwar traf inzwischen von Syphax, den Hasdrubal, Gisgos Sohn, mit der Hand seiner Tochter für die karthagische Sache gewonnen hatte, ein Absagebrief in Syrakus ein; doch setzte Scipio seine Vorbereitungen zum Übergange nach Africa fort und wählte von den in Sicilien liegenden Legionen gerade die fünfte und sechste aus, die das Unglück von Cannae miterlebt hatten und seitdem als degradiert erschienen. Entscheidend mag für ihn dabei auch die Erwägung gewesen sein, dass diese Truppen durch mehr als zehnjährigen Dienst die meiste Übung im Waffenhandwerk haben mussten. Jede der beiden Legionen hatte 6200 pedites und 300 equites. Ebenfalls aus dem exercitus Cannensis entnahm Scipio Cavallerie und Infanterie der socii [1467] nominis Latini, Liv. XXIX 23–24. Über die Gesamtzahl seiner Truppen lässt sich Sicheres nicht feststellen. 40 Kriegsschiffe (vgl. auch Liv. XXX 41) und gegen 400 Transportschiffe bewerkstelligten den Übergang, Liv. XXIX 26, 3. Nach feierlichem Gebete ging die Überfahrt im ganzen günstig, nach Coelius dagegen sehr ungünstig von statten; man landete im J. 204 bei Utica, Liv. XXIX 25–28. Ihne R. G. II 393 Anm. Das imperium ist dem Scipio alljährlich verlängert worden; für das J. 204 sagt es Liv. XXIX 13, 3. Die Erteilung des Commandos ohne zeitliche Beschränkung, die nach Liv. XXX 1 im Beginn des J. 203 erfolgt ist, steht mit der erneuten Anfrage an das Volk im Beginne des J. 202 (Liv. XXX 27) im Widerspruche. Für das J. 202 und 201 liegen wieder Livius ausdrückliche Angaben vor (XXX 27. 41). Nachdem Massinissa zum römischen Heere gestossen war (Liv. XXIX 29), folgte Scipio seiner Flotte nach Utica und begann die Belagerung dieser Stadt. Zwar besiegte Massinissa den karthagischen Feldherrn Hanno bei Salaeca unweit Utica und nahm ihn gefangen, wobei Verrat im Spiele war (Appian. Lib. 14); doch nötigte das Erscheinen der beiden Heere des Hasdrubal und des Syphax den Scipio, die Belagerung, die bereits 40 Tage gedauert hatte, vor Beginn des Winters aufzugeben. Er verschanzte sich jedoch unfern der Stadt auf einer Landzunge, Liv. XXIX 34f. Das J. 203 begann mit vergeblichen, vielleicht nicht ganz ehrlich gemeinten Verhandlungen mit Syphax. Ein nächtlicher Angriff auf die Lager der beiden feindlichen Feldherrn war von Erfolg begleitet, doch sammelten sich die Heere bald wieder, und auf den Magni Campi, die nach Polyb. XIV 8 fünf Tagemärsche von Utica entfernt liegen, besiegte Scipio die Karthager, Polyb. XIV 1–8. Liv. XXX 3–8. Einem neuen Entsatzversuche von Utica, den die Karthager zu Wasser unternahmen, konnte Scipio, der bereits nach Tunis vorgerückt war, nur durch schleunige Rückkehr entgegentreten und trotzdem nicht verhindern, dass die karthagische Flotte einen kleinen Vorteil über die römische errang, Polyb. XIV 9f. Liv. XXX 9f. Inzwischen war dem Massinissa die Gefangennahme des Syphax am 24. Juni 203 gelungen, und Scipio ordnete den Laelius mit der Beute zur Berichterstattung nach Italien ab, Ovid. fast. VI 761. Liv. XXX 11f. 16. Appian. Lib. 26; die durch Sophonisbe ins Wanken gebrachte Bundestreue des Massinissa wusste er sich geschickt zu erhalten. Liv. XXX 13–15. Ein Waffenstillstand von 45 Tagen wurde während einer Friedensgesandtschaft den Karthagern bewilligt, Liv. XXX 24f. Appian. Lib. 31. Eutrop. III 21. Gegen Ende des J. 203 landete Hannibal bei Leptis in Africa (Liv. XXX 25) oder vielleicht auch bei Hadrumetum: auf diesen Ort weist das Erholungsbedürfnis seiner Soldaten, denen in Hadrumetum nach der Seefahrt Rast gegönnt wurde, hin, Liv. XXX 29 und Weissenborn z. d. St. Von Hadrumetum zog er – Zwischenglieder in den Unternehmungen beider Parteien fehlen hier wohl bei Polybios und Livius, während Appian. Lib. 36 ein für die Römer siegreiches Reitertreffen bei Zama und Lib. 39 die Einnahme der ,grossen‘ Stadt Parthos kennt – nach Zama, dessen Lage [1468] Polyb. XV 5 (Liv. XXX 29) fünf Tagemärsche westlich von Karthago angiebt, das aber auch nach Liv. XXIX 9 nicht weit von Naraggara gelegen sein muss. Appian. Lib. 40 giebt die Stadt Cilla als in der Nähe des Schlachtortes gelegen an; vgl. Mommsen R. G. I⁸ 658 Anm. Ihne R. G. II² 414. Die Zusammenkunft beider Feldherrn förderte kein Ergebnis, die Schlacht entschied (am 19. Oct. 202? Zonar. IX 14. Weissenborn zu Liv. XXX 32, 4–6; vgl. dazu XXX 36, 8, jedoch Mommsen R. G. I⁸ 658 Anm.) zu Gunsten Scipios. Die römische Flotte fuhr nun von Utica, dessen Einnahme noch immer nicht gelungen war, da die Belagerung von der Landseite von Scipio verschiedentlich aufgegeben worden war (vgl. z. B. Appian, Lib. 30), nach Karthago, das Heer rückte bis Tunis vor. Dort begannen, nachdem auch Syphax Sohn Vermina dem Scipio erlegen war, die Friedensverhandlungen, Polyb. XV 6–14. Liv. XXX 30–36. Appian. Lib. 43–48. Der neue Consul des J. 201 Cn. Lentulus, der mit einer Flotte an der Küste Africas die Unternehmungen Scipios unterstützen sollte, suchte, wie schon der Consul des J. 202, Ti. Claudius, den Ruhm der Beendigung des Krieges (Liv. XXX 27, 5), die Ehre des Friedensschlusses dem Scipio streitig zu machen; doch entschied das Volk, bei Appian. Lib. 65 der Senat, auf Antrag zweier Tribunen für Scipio. Er schloss den Frieden ab und fuhr nach Lilybaeum mit seinem Heere zurück, Polyb. XV 18f. Liv. XXX 43f. Appian. Lib. 56. Scipio kehrte nach Italien zurück und zog im Triumphe, dem Syphax folgte (Polyb. XVI 23; dagegen Liv. XXX 45. Weissenborn z. d. St.), in Rom ein. Scipio führte seit jener Zeit den Beinamen Africanus, Polyb. XVI 23. Liv. XXX 45; wenn ihn Polyb. XVIII 18 ,der Grosse‘ nennt, so ist darin wohl kein offizieller Titel zu sehen, ebensowenig wie z. B. bei Plut. Cat. min. 3. Die Soldaten, die mit Scipio in Africa gesiegt hatten, erhielten Landanweisungen in Italien; dieselbe Vergünstigung wurde später auch auf die Truppen ausgedehnt, die an seinen spanischen Feldzügen teilgenommen hatten. Die in Spanien gelobten Spiele feierte Scipio im J. 200, Liv. XXXI 4. 49. Das Einschreiten gegen Hannibal, das man in Rom auf Veranlassung von dessen persönlichen Gegnern beschloss, fand die Billigung Scipios nicht, Liv. XXXIII 47. Über Scipios Thätigkeit seit seiner Rückkehr aus Spanien bis zum Friedensschlusse vgl. Mommsen R. G. I⁸ 652–660. Ihne R. G. II² 380–405. 411–423.

199–189: Italien, Africa, Asien. Im J. 194 wünschte Scipio als Consul, da der Krieg gegen Antiochus bevorstand, dass einer der beiden Consuln Makedonien als Provinz erhielte; der Senat jedoch bestimmte beiden Consuln Italien. So hatte Scipio wenig oder gar keine Gelegenheit zu kriegerischen Thaten – entweder hat er mit seinem Amtsgenossen gemeinsam in Oberitalien Krieg geführt oder ist gar in Rom geblieben – und hielt die Wahlcomitien für das kommende Jahr ab, Liv. XXXIV 43. 48. 54. Nach Plut, Cat. min. 11 soll Scipio dem Cato das Commando in Spanien haben abnehmen lassen und selbst dort kurze Zeit ohne besonderen Erfolg den Oberbefehl geführt haben; nach Nep. Cat. 2 hat Scipio [1469] seine dahin gehende Absicht beim Senate nicht durchzusetzen vermocht, womit die Notiz von der Auflösung des spanischen Heeres des Cato bei Livius (XXXIV 43) zu vereinigen wäre. Um einen Grenzstreit zwischen den Karthagern und Massinissa zu schlichten, ging Scipio im J. 193 mit zwei andern Gesandten nach Africa, hatte aber wohl den Auftrag, die strittige Frage offen zu lassen, und handelte danach, Liv. XXXIV 62. Ebenso soll Scipio nach Livius Quelle Acilius. und Claudius – die Nachricht findet sich auch bei Appian. Syr. 9f. – als Gesandter zu König Antiochus nach Ephesus gegangen sein, und dort soll das Gespräch mit Hannibal über den grössten Feldherrn stattgefunden haben, Liv. XXXV 14. Als im J. 190 sein Bruder L. mit C. Laelius Consul war, verschaffte P. Scipio, als der Senat zwischen den beiden Consuln schwankte – nach Cic. Phil. XI 17 erst, nachdem die Entscheidung schon gegen L. Scipio gefallen war – seinem Bruder das Commando gegen Antiochus durch das Anerbieten, selbst mit ins Feld zu ziehen; nach Cic. pro Mur. 32 ersuchte ihn sogar der Senat darum, seinen Bruder zu begleiten, Liv. XXXVII 1. Appian. Syr, 21. Vor seiner Abreise liess Scipio auf dem Capitol als Abschluss des vom Forum auf das Capitol führenden Weges einen Bogen erbauen, der mit zwei Pferden und sieben goldenen Bildsäulen geschmückt wurde und vor dem zwei marmorne Becken Aufstellung fanden, Liv. XXXVII 3. In Griechenland zog P. als Legat seines Bruders nach Amphissa voraus. Im Lager bei Amphissa wandten sich athenische Gesandte im Interesse der schwer bedrängten Aitoler an Scipio und hätten auch ihr Ziel erreicht, wenn nicht L. Scipio an seinen ungünstigeren Bedingungen festgehalten hätte; doch erwirkte ihnen Scipio einen sechsmonatlichen Waffenstillstand, Polyb. XXI 4. Liv. XXXVII 6f. Beim Übergange des Heeres von Europa nach Asien veranlasste die Rücksicht auf Scipios Stellung als Salius, der seinen jeweiligen Aufenthalt noch nicht verlassen durfte, eine Verlangsamung des Marsches, Polyb. XXI 13. Liv. XXXVII 33. Im Verlaufe des Feldzuges war Scipios Sohn – Appian. Syr. 29 verwechselt ihn mit Scipios Adoptivenkel – Gefangener des Antiochus geworden. Des Königs Gesandter Heraklides hatte den Auftrag, hieraus für günstige Friedensbedingungen Vorteil zu ziehen. Die Zumutungen, die Heraklides an Scipio stellte, auch die Bestechungsversuche wies Scipio ab. Als aber Scipio kurz darauf in Elaea unweit Pergamum an der kleinasiatischen Küste krank lag, schickte ihm Antiochus den Sohn zu. Zum Danke dafür soll Scipio dem Könige den Rat gegeben haben, nicht vor der Rückkehr Scipios ins Lager eine Schlacht zu wagen. Der Sinn dieses Rates ist nicht recht durchsichtig, Ihne R. G. III 123f. Antiochus befolgte ihn nicht, und so nahm Scipio an der Entscheidungsschlacht bei Magnesia nicht teil, sondern traf von Elaea aus erst nach der Schlacht mit seinem Bruder in Sardes wieder zusammen und beteiligte sich an den Friedensverhandlungen, Liv. XXXVII 34–37. 45. Appian. Syr. 29f. Polyb. XXI 15. Die Brüder kehrten zu Schiffe nach Brundisium und von dort nach Rom zurück.

188–183. Process. Tod Die letzten Lebensjahre [1470] Scipios sind ausgefüllt mit politischen Kämpfen mit der Partei des Cato und des Flamininus, die in den sog. Scipionenprocessen, Anklagen gegen L. und gegen P. Scipio, den Sieg über ihre Gegner davontrug und den P. Scipio dazu trieb, seiner Vaterstadt den Rücken zu kehren. Ausführlichen Bericht darüber giebt Livius (XXXVIII 50–56) aus der wenig verlässlichen Quelle des Valerius Antias, eine kürzere Darstellung enthält Appian (Syr. 40). Gelegentliche Erwähnungen finden sich bei Gell. IV 18. VI 19, bei Val. Max. III 7, 1 c. V 3, 2 d; bei Sen. cons. ad Pol. 33, 3. Eine eingehende Erörterung der Quellen, der Rechts-, Sach- und Zeitfragen giebt Mommsen Röm. Forsch. II 417-510 (vgl. Münzer u. S. 1475ff.), an dessen Darstellung (459–476) sich das Folgende anschliesst. Bei der Rechenschaftsforderung wegen der Ablieferung von Geldern nach dem Kriege gegen Antiochus, die, sachlich unberechtigt, sich nominell gegen L. Scipio richtete, aber zugleich ein Misstrauensvotum gegen beide Brüder enthielt, rechtfertigte P. seinen Bruder dadurch, dass er die Rechnungsbücher zwar holen liess, sie aber vor den Augen der Senatoren zerriss. Nun ging im J. 184 (Ihne R. G. IV 262: in den letzten Tagen des J. 185) der Trib. pleb. M. Naevius gegen P. Scipio wegen Bestechung von seiten des Antiochus vor. Im ersten Termine entzog ihm Scipio allerdings sein Publicum; es war der Jahrestag von Zama, und das Volk folgte Scipios Aufforderung, ihn zu einem Dankopfer auf das Capitol zu geleiten. Der Process erlitt dadurch jedoch keinen Aufschub. Vor dem Endtermine verliess P. Rom, sei es im Auftrage des Senates, der ihn nach Etrurien schickte, sei es, dass er auf eigene Veranlassung nach Liternum ging, wo ihm angeblich Gesundheitsrücksichten die Rückkehr nach der Hauptstadt verboten, so dass der Process vorläufig sistiert wurde. Seine Rückkehr nach Rom erfolgte, als sein Bruder, der nun ebenfalls vor Gericht gezogen und rechtskräftig verurteilt worden war, ins Gefängnis gebracht werden sollte, eine Massregel, gegen die der Tribun Sempronius Gracchus hindernd auftrat. Darauf verliess P. Scipio Rom und ging auf sein Landgut Liternum in Campanien. Dort starb er, nach der wahrscheinlichsten Angabe (Polyb. bei Liv. XXXIX 52) im J. 183 (dagegen Liv. a. a. O. Cic. Cat. m. 19), und ist auch nach seiner Verfügung dort begraben, Liv. XXXVIII 53. 56; dort will Seneca (ep. 86) seine Grabstätte gesehen haben. Die Nachricht, dass Scipio in Rom gestorben und begraben sei, ist wohl einem Schlusse aus dem Vorhandensein der Scipionengräber vor der Porta Capena (CIL VI 1288) entnommen; da fehlt aber die Inschrift für den Africanus maior. Die Wahrscheinlichkeit wird dadurch nicht gerade grösser, dass dort neben den beiden Bildsäulen des P. und L. auch die des Dichters Ennius gestanden (Liv. XXXVIII 56) oder dass Q. Terentius Culleo wiederum, wie bei Scipios Triumphe, als dankbarer Befreiter dem Sarge das Ehrengeleit gegeben haben soll. Von seinen Reden ist nichts auf die Nachwelt gekommen, Cic. de off. III 1; was später unter dem Namen des Scipio als Rede in seinem Processe ging, hat die Folgezeit bald als falsch erkannt. Liv. XXXVIII 56. Gell. IV 18; vgl. Meyer Orat. Rom. frg. 109 IV.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S III (1918), Sp. 260–261
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336) Ehrendekret von Delos für Scipio Africanus Bull. hell. XVIII 271ff. Taf. XII = IG XI 4, 712 Taf. IV. Die angeblichen Porträtköpfe des Scipio werden jetzt richtiger als solche von Isispriestern angesehen (vgl. Dennison American [261] Journal of Archeol. IX 11–43. Hauser ebd. XII 56f. Wolters Münchner Jahrb. d. bildenden Kunst 1909, II 201f. Helbig Führer durch d. öffentl. Sammlungen in Rom³ I 463f.).