RE:Ioannes 41

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IX,2 (1916), Sp. 18011804
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41–54) Christen.

41) Johannes, Sohn des Fischers Zebedaios in Kepharnaum (Galiläa). Mit seinem älteren Bruder Jacobus gehörte er zu den ältesten Jüngern Jesu, Evang. Marci 1, 19. Daß er auch nach dem Tode Jesu in der jerusalemischen Urgemeinde zu den Führern gehört hat, zeigen Act. Ap. 3, 1ff. und Galat. 2, 9. Gnostisch gefärbte Legende über seine spätere Wunder- und Missionswirksamkeit in den Acta Ioannis und Acta Apostolorum Apocrypha II 1 ed. Bonnet 1898, 151–216, vgl. Th. Zahn Acta Ioannis 1880. Die seit 200 unangefochtene kirchliche Überlieferung liegt dort zugrunde, wonach dieser jungfräuliche Apostel von Jerusalem nach Asien übergesiedelt sei, dort als Heidenmissionar große Erfolge gehabt habe und im höchsten Alter um 100 n. Chr. friedlich entschlafen wäre (Iren. adv. haer. III 3, 4. Clem. Alex. de divite serv. 42. Euseb. hist. eccl. III 23). Papias freilich wollte wissen, daß er wie sein Bruder Jacobus von den Juden ermordet worden ist (s. De Boor Texte und Untersuchungen V 2, 1888, 170 und Ed. Schwartz Über den Tod der Söhne Zebedaei 1904), und Papias ist der älteste Zeuge! Von den neutestamentlichen Schriften hat die Tradition diesem J. fünf zugeschrieben, die Ἀποκάλυψις Ἰωάννου, drei Briefe (einen namenlosen und zwei, deren Verfasser sich als ὁ πρεσβύτερος bezeichnet) und ein ursprünglich noch namenlos umlaufendes Evangelium. In Bezug auf die erstgenannte Schrift hat zwar von ca. 250 an die orientalische Kirche ihr Vertrauen aufgegeben, doch nur aus dogmatischen und Geschmacksgründen; in Rom hat vor 200 ein Presbyter Gaius sowohl das Evangelium wie die Apokalypse als Werke ketzerischer Herkunft zu verwerfen gewagt. Die beiden kleineren J.-Briefe haben sich langsamer als Apostel- und sonach kanonische Schriften durchgesetzt, und der I. J.-Brief ist, so viel wir wissen, von keiner Seite ausdrücklich beanstandet worden, doch hat zeitweilig (um 400) die syrische Kirche auch ihn nicht in ihrem Kanon gehabt. Glänzend kann man die äußere Bezeugung der fünf johanneischen Schriften nicht nennen. Über Papias, Bischof von Hierapolis, und seinen Zeitgenossen, den Apologeten Iustinus Martyr († 165) reicht sie nirgends hinauf. Eine unbefangene Untersuchung der Schriften selber muß ihr widersprechen. Zunächst steht fest, daß die Apokalypse nicht von der gleichen Hand wie das Evangelium und der Brief herrühren kann. Denn während es bei den letzteren fraglich ist, ob ihr Verfasser überhaupt das Hebräische als Muttersprache gekannt hat, ist die Apokalypse voll von groben Semitismen, auch steht ihr religiöser Gehalt, ein gereinigtes, zum Universalismus [1802] erhobenes, und mit glühender Liebe zu dem Messias Jesus, auf dessen baldige Wiederkunft zum Weltgericht man mit inbrünstiger Sehnsucht hofft, ausgestattetes Judentum, der Theologie des Evangeliums, das die Juden nur noch als Vertreter einer feindlichen Religion kennt und in dem geschichtlichen Jesus den fleischgewordenen Gott = Logos sieht, der das Heilswerk durch diese Fleischwerdung, Tod und Auferstehung bereits vollendet, weil den Geist in die Welt hineingeführt hat, so fremd als nur möglich gegenüber. An eine Entwicklung des Autors von jenem mehr jüdischen Standpunkt zu dem Spiritualismus des Evangeliums kann man aber schon der Zeitlage wegen nicht denken. Denn die Apokalypse mit ihrem grimmigen Haß auf Rom, das christenmordende, ist frühestens in den letzten Jahren Domitians (etwa 93–96) unterzubringen; das Evangelium aber, das für den Gnostiker Valentinus um 140 und seine Schule schon eine so hohe Autorität besaß wie für den Bischof Papias, muß demnach vor 125 entstanden sein; selber eher geneigt, das Christentum als höchste Erkenntnis zu verstehen, kann der vierte Evangelist nicht eine die Kirche bereits bedrohende pseudochristliche Gnosis erlebt haben. Der höchstwahrscheinlich mit dem Verfasser des Evangeliums identische Verfasser des ersten J.-Briefs führt zwar leidenschaftlich den Kampf gegen Sekten, die die wahre Menschheit Christi – sein ins Fleischgekommensein – leugnen, aber dieser Vorstoß des Gnostizismus weist in eine Zeit vor der Ausbildung der gnostischen Lehrsysteme. Die kleinen J.-Briefe, von denen der eine jeden Verkehr mit Irrlehrern verbietet, der andere gegenüber dem aufkommenden Machtdünkel der Führer von Lokalgemeinden die Ehrfurcht vor den Wanderpredigern erhalten sehen möchte, wären um 150 ganz wohl verständlich; aber so stark sie auch an die Art des Evangeliums und des ersten Briefs anklingen, reicht doch ihr Umfang nicht aus, um zu entscheiden, ob hier mehr literarischer Einfluß oder Zugehörigkeit zu einer Schule (oder religiösen Richtung) oder Identität des Verfassers angerufen werden muß. Benützung der Paulinischen Briefe kann man in den johanneischen nicht nachweisen, aber schwerlich wäre die Briefform in I Joh., wo ein Ungenannter der gesamten Christenheit guten Rat erteilen will, ohne den Vorgang des Paulus gewählt worden, und zweifellos kennt der Evangelist die drei synoptischen Evangelien, hat auch die Absicht gehabt, nicht vielleicht sie zu verdrängen, aber eine höhere, weniger an geschichtlichen Einzelheiten hängenbleibende, als das Bild des Erlösers als der vollkommenen Offenbarung des Gottes der Wahrheit, des Lebens und der Liebe zeichnende, Bearbeitung der synoptischen Stoffe der Welt darzubieten. Er schildert sein Christusideal, wie er es aus Glauben und Reflexion sich erarbeitet hat, unbehindert durch Erinnerungen an den Jesus der Geschichte: schon damit ist ausgeschlossen, daß einer der Jünger Jesu der Verfasser wäre, abgesehen von zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen, die bei dem Zebedäiden unglaublich heißen müßten. Andrerseits ist zweifellos, daß sowohl der Evangelist als der Verfasser von I Joh. (1, 1–4) als Augenzeuge respektiert zu werden verlangt; [1803] der Presbyter in II Joh. 1. III Joh. 1 könnte ja auf den von Papias (bei Euseb. hist. eccl. III 39, 4) deutlich von dem ‚Jünger‘ unterschiedenen Presbyter J. weisen, und die Apokalypse versieht ihren Verfasser J. überhaupt mit keinem Titel, so daß wir bei ihr bequem mit jenem Presbyter des Namens J. auskämen, der ebensogut in Ephesus sein Domizil gehabt haben, wie gelegentlich auf der asiatischen Insel Patmos freiwillig oder gezwungen (Apoc. 1, 9) geweilt haben kann. Aber Joh. 21, 24 fordert unzweideutig für das Evangelium den J. Zebedaei als Verfasser. Und wenn das Zeugnis dadurch an Wert verliert, daß cap. 21 an das Evangelium, das ursprünglich in 20, 30f. den trefflichsten Schluß besaß, nachträglich angeschoben worden ist, möglicherweise von einem Fremden, so bleibt doch auch im Evangelium der Eindruck, daß die Figur des nie mit Namen genannten Lieblingsjüngers, der an Jesu Herzen liegt – zumal der Zebedäide Johannes sonst in rätselhafter Weise unterdrückt würde – einen aus dem Kreis der Zwölfe, eben jenen J. als den in Jesu tiefste Gedanken völlig und besser als Petrus, erst recht Matthaeus und Markus eingeweihten Apostel darstellen soll: und was das Evangelium enthält, will als das Sonderwissen dieses Eingeweihten geachtet sein. Joh. 21, 24 bietet also nur den Schlüssel zu dem Geheimnis, das über dem Erzähler von Joh. 1–20 ruht. Die Rolle eines in Asien hochangesehenen Missionars, des Presbyters J., auch wenn dieser sich noch auf einzelne Berührungen mit Jesus berufen konnte, würde dem Unbekannten, der das vierte Evangelium als einen Kommentar zu der wahren Offenbarung des Gottessohnes entwarf, keinenfalls genügt haben. Der Evangelist hat also halbpseudonym geschrieben; von dem Apokalyptiker, der sich einfach J. nennt und seine hohen Ansprüche 22, 19f. nur auf seine Prophetenworte gründet, vermögen wir das nicht zu behaupten. Zwischen 100 und 125 wird der 4. Evangelist nicht zu weit von Antiochia entfernt, auf heidenchristlichem Boden, aber immer noch in scharfem Kampf gegen das Judentum sein Hauptwerk geschrieben haben. – Eine, wenn überhaupt lösbare, so doch jetzt noch nicht zur Entscheidung reife Frage schafft die seit 25 Jahren bei der Apokalypse, bei dem Evangelium schon länger gemachte Wahrnehmung, daß mehrere Hände bei dem Werk tätig gewesen sind, so daß wir entweder eine starke Benützung fremder Vorarbeiten oder Interpolationen, Erweiterungen, Streichungen oder aber mehrere Redaktionen anzunehmen hätten. Die älteren Teilungshypothesen beim Evangelium dienten meist dem Zweck, einen Teil der Tradition aufrecht zu erhalten; was gar zu schlecht zu einem Jünger und Augenzeugen wie Johannes Zebedaei paßte, wurde einem späteren Bearbeiter zugeschoben. Der Rest galt dann als echt apostolisch. Neuerdings haben insbesondere J. Wellhausen und Ed. Schwartz völlig unabhängig von solcher Absicht eine Verteilung des Inhalts vom Joh.-Evangelium unter zwei Autoren versucht, Wellhausen mit dem Zugeständnis, daß in der Sprachform sich wenig von der Differenz erkennen lasse, auch streckenweise ein Auseinanderhalten des älteren Textes von der Überarbeitung untunlich sei. Starke Mängel der Komposition, Wiederholungen, auch [1804] Disharmonie der Anschauungen wie über die letzten Dinge empfehlen solche Hypothese; wenn cap. 21 später hinzugesetzt ist, die Perikope von der Ehebrecherin (Joh. 7, 53–8, 11) durch reinen Zufall Gastrecht im Evangelium erlangt hat, können auch anderswo Korrekturen, vielleicht tiefgreifende, an dem ersten Entwurf gemacht worden sein, dann natürlich von fremder Hand, wenn auch innerhalb der Kreise, denen wir das eigenartige Werk verdanken.

Für die Apokalypse hat zuerst D. Völter (1882) die Einarbeitung einer älteren Apokalypse mit rein endgeschichtlichen Phantasien behauptet; Eb. Vischer diese Urschrift als jüdisch charakterisiert. Daß die Materialien des Hauptstücks der Apok. cap. 3–19 wenig von spezifisch christlichen Gedanken, umsomehr Verwandtschaft mit allerlei orientalischer kosmologischer Spekulation zeigen, wird immer deutlicher: die Entscheidung über die Frage der Komposition hängt jetzt zunächst von der Einzelexegese ab: wer z. B. Apoc. 13, 18 die Geheimzahl 666 auf Nero deutet, wird über die Zeitfrage anders urteilen als wer darin nur die Dreieckszahl und in all den phantastischen Gestalten, Siegeln, Posaunen, Schalen usw. nur Scherben aus alter exotischer Mythologie findet. Das religiös Wertvolle gehört bei der Apokalypse jedenfalls so gut wie ausschließlich dem (letzten) Redaktor an, dem, der die 7 Briefe an die asiatischen Gemeinden in cap. 2. 3 entworfen, der aber auch im weiteren Verlauf des Werks, trotzdem er vielleicht seitenlang ältere ‚Weisheit‘ sich nur eben aneignete, seiner Stimmung je und je kurzen Ausdruck verliehen hat. Und als kirchengeschichtlicher Faktor einzustellen ist die Apokalypse wie das Evangelium erst von dem Augenblick an, wo die fertigen Bücher, in dem heutigen Umfang, sich siegreich in der Christenheit durchsetzen. Vgl. Jülicher Einleitung in das Neue Testament 1906 (1913) §§ 19–22. 30. 31. W. Bousset Kommentar über die Offenbarung des Johannes 1906. J. Wellhausen Das Evangelium Johannis 1908. Ed. Schwartz Aporien im 4. Evang. (Nachrichten d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, Phil.-hist. Kl. IV) 1908. Frz. Boll Aus der Offenbarung Johannis 1914.