Zum Inhalt springen

RE:Iulius 398

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
I. Pollux, griech. Sophist in Athen z. Zt. des Marc Aurel und des Commodus
Band X,1 (1918) S. 773779
Iulius Pollux in der Wikipedia
GND: 100321739
Iulius Pollux in Wikidata
Bildergalerie im Original
Register X,1 Alle Register
Linkvorlage für WP   
* {{RE|X,1|773|779|Iulius 398|[[REAutor]]|RE:Iulius 398}}        

398) Iulius Pollux (Ἰούλιος Πολυδεύκης), griechischer Sophist unter Marc Aurel und Commodus in Athen, Verfasser des wichtigen erhaltenen Onomastikon. Außer diesem, insbesondere den jedem der zehn Bücher vorangestellten Briefen an Commodus, geben über ihn Auskunft Philostrat βιοὶ σοφιστῶν II 12 p. 257. Kayser, Suid. s. v. Bearbeitung von Hemäterhuis in der Ausgabe des Pollux Amsterd. 1706, Ranke Pollux et Lucianus, Quedlingburg 1831, M. Naechster De Pollucis et Phrynichi controv., Leipz. 1908.

§ 1. Aus dem ägyptischen Naukratis gebürtig, Sohn eines Grammatikers, vom Rhetor Hadrianos, einem Schüler des Herodes, in Athen ausgebildet, [774] wurde er durch die Gunst des Commodus der Nachfolger seines Lehrers auf dem von Kaiser Hadrian begründeten, von Marc Aurel reich dotierten Lehrstuhl attizistischer Redekunst zu Athen: Philostrat. p. 258, 22. Pollux 8. Brief, wo er über seine Tätigkeit sagt: ὁσημέραι δύο λόγους τὸν μὲν ἐκ θρόνου λέγων, τὸν δ’ ὀρθοστάδην. Daß seine Ernennung im J. 178 erfolgte und nach heftiger Konkurrenz, vor allem mit Phrynichos, dem Verfasser des Ἀττικιστὴς ἢ περὶ Ἀττικῶν ὀνομάτων, wovon nur die von Lobeck 1820 und Rutherford 1881 edierte Ecloga erhalten ist, und der ebenfalls dem Commodus gewidmeten σοφιστικὴ παρασκευή, hat M. Naechster De Pollucis et Phrynichi controversiis, Leipzig. Diss. 1908, 29ff., 83 wahrscheinlich gemacht. Nach Philostrat hatte Pollux den Commodus durch seine ,honigsüße Stimme bezaubert‘. Aber seiner Redekunst stellt derselbe ein schlechtes Zeugnis aus: τοὺς σοφιοτικοὺς τῶν λόγων τόλμῃ μῦλλον ἢ τέχνῃ ξυνέβολλε θαρρήσας τῂ φύσει (p. 258, 1). Die wenigen von ihm mitgeteilten Stilblüten des Pollux gehören allerdings formell zum Manieriertesten, inhaltlich zum Leersten, was in der zweiten Sophistik viel sagen will. Auch in den Widmungsbriefen seines Onomastikon und an den wenigen Stellen, wo eigene Bemerkungen von ihm erhalten sind, zeigt sich derselbe unerträglich gespreizte Stil. Suidas führt außer dem Onomastikon folgende Werke des Pollux an: διαλέξεις ἤτοι λαλιάς, μελέται, εἰς Κόμμοδον Καίσαρα ἐπιθαλάμιον, Ῥωμαϊκὸν λόγον, σαλπιγκτὴν ἢ ἀγῶνα μουσικόν, κατὰ Σωκράτους, κατὰ Σινοπέων, Πανελλήνιον, Ἀρκαδικόν. Pollux starb 58 Jahre alt, hinterließ einen unmündigen Sohn. Sein von Suidas überlieferter Spitzname Ἀρδουέννας ist nicht aufgeklärt; vgl. Hemsterhuys 25. Ranke 8f.

§ 2. Der vordrängerische, selbstbewußte, schöne Mann mit dem hohlen Kopf und herausforderndem Glück ist natürlich heftig angefeindet worden. Wir kennen aus erhaltenen Schriften noch zwei seiner Gegner, Phrynichos und Lukian. Phrynichos als Schüler des strengsten Attizisten Aristides hatte die Feindschalt gegen Pollux als Schüler des laueren Hadrian ebenso wie gegen den lockersten Attizisten Chrestos schon geerbt (Naechster 83). Er hatte in seinen Ἀττικὰ ὀνόματα (Ecloga) die Bücher I–VII, besonders VI, VII des Onomastikon des Pollux scharf kritisiert. Pollux verteidigt sich dagegen im X. Buch, in dem er noch einmal die schon VI, VII behandelten Geräte mit ausführlicheren Zitaten belegt. Da er sich im Briefe vor VIII seines Katheders rühmt, den er 178 bestiegen hat, so faßt Naechster 29ff. die Polemik des Phrynichos als Konkurrenzkampf um den Lehrstuhl auf. Der Versuch von Bories (Phrynichi praepar. sophistica 1911 p. XII), die Herausgabe Ἀττικὰ ὀνόματα (Ecloga) vor 176 zurückzuschieben, indem er die dem Commodus gewidmete σοφιστικὴ παρασκευή, die die Ἀττικὰ ὀνόματα gelegentlich berichtigt (p. XI), als Bewerbung des Phrynichos um den θρόνος auffaßt und 176 datiert, ist umso bedenklicher, als Phrynichos die 37 Bücher seiner παρασκευή erst in hohem Alter abgeschlossen hat: denn schon in der Vorrede zum 5. Buche hat er über die Beschwerden des Alters geklagt (Phot. bibl. cod. 158 p. 100 B, 36 Bekker).

[775] Lukian hat den Pollux verhöhnt im ῥητόρων διδάσκαλος. Das hat bereits Graevius auf Grund eines Lukianscholions (p. 174. 12 und 180. 4 Rabe), das er freilich versehentlich auf den Lexiphanes bezog, behauptet, Hemsterhuys vor seiner Ausgabe des Pollux I 27 f. (1706) mit Wärme bestritten, Ranke (Pollux et Lucianus, Quedlinburg 1831, 30ff.) zweifellos erwiesen. Wenn der ῥητόρων διδάσκαλος c. 24 seinen Vater in Verbindung mit den ägyptischen Städten Ξόις und Θμοῦις nennt und von sich selbst sagt οὐκέτι Ποθεινὸς ὀνομάζομαι (bisher nicht aufgeklärt), ἀλλ’ ἤδη τοῖς Διὸς καὶ Λήδας παισὶν ὁμώνυμος γεγένημαι (von Palmerius und Hemsterhuys I 32 A auf Διοσκουρίδης gedeutet), wenn er c. 75 dem Schüler als wichtige Erfordernisse des großen Sophisten hinstellt τὸ μέγιστον μὲν τὴν ἀμαθίαν, εἶτα θράσος ἐπὶ τούτῳ καὶ τόλμαν καὶ ἀναισχυντίαν (vgl. § 19. 21. 23. 24), wenn c. 11 sein μελιχρὸν φώνημα gepriesen (vgl. τὸ Ὑμέττιον ἐκεῖνο ἀνοίξας στόμα) und seine weichliche Schönheit hervorgehoben wird, so trifft das alles aufs beste mit Pollux Charakteristik bei Philostrat zusammen: Πολυδεύκης ὁ Ναυκρατίτης .. τοὺς σοφιστικοὺς τῶν λόγων τόλμῃ μᾶλλον ἢ τέχνῃ ξυνέβαλλε θαρρήσας τῇ φύσει, καὶ γὰρ δὴ καὶ ἄριστα ἐπεφύκει .. μελιχρᾷ τῇ φωνῇ βασιλέα Κόμμοδον θέλξας. Eine ausgesonnene Bosheit ist es, den Verfasser des ungeheuren Onomastikon sagen zu lassen c. 16: ἀλλὰ σχήματος μὲν τὸ πρῶτον ἐπιμεληθῆναι χρὴ μάλιστα καὶ εὐμόρφου τῆς ἀναβολῆς, ἔπειτα δὲ πεντεκαιδεκάτου ἢ οὐ πλείω γε τῶν εἴκοσιν Ἀττκὰ ὀνόματα ἐκλέξαι ποθέν, καὶ ταῦτα ἀκριβῶς ἐκμελετήσας, πρόχειρα ἐπ’ ἄρκας τῆς γλώσσης ἔχε, τὸ ἄττα καὶ κᾷτα καὶ μῶν καὶ ἀμηγέπη καὶ λῷστε καὶ τὰ τοσαῦτα καὶ ἐν ἅπαντι λόγῳ καθάπερ τι ἥδυσμα ἐπίταττε αὐτῶν.

Rankes Beweis bleibt bestehen, obgleich eine seiner Stützen fallen muß. Denn die von ihm p. 5 besprochenen acht iambischen Trimeter (Bandini Cd. Graecor. Laurent. catalog. II 469), die sich in den in Bethes Ausgabe p. XI/XII aufgezählten Hss. (auch in den sechs p. XI unten genannten) finden, sind byzantinisch, wie mir P. Maas bestätigt mit Hinweis darauf, daß sie alle zwölfsilbig sind, paraxytonisch schließen und Zäsur hinter der fünften oder sechsten Silbe haben, während Ranke sie dem Pollux selbst zuschrieb, um auf sie Lukians Worte zu beziehen: Ἀμαλθείας κέρας (§ 6) und σοὶ δὲ ἄσπορα καὶ ἀνήροτα πάντα φυέσθω (§ 8), die auch in jenen Versen vorkommen. Der byzantinische Dichter wird vielmehr Lukian gekannt haben.

Dagegen liegt keine Veranlassung vor, auch Lukians Lexiphanes mit Graevius auf Pollux zu beziehen. Das hat Hemsterhuys 30 mit Recht betont. Denn es finden sich, wie er bemerkt, nicht nur nicht viele der von diesem ὑπεραττικός (c. 25) vorgesprudelten Glossen im Onomastikon, sondern es sind auch die Fehler nicht gemacht, die dem Lexiphanes c. 25 aufgemutzt werden: χιτώνιον wird Poll. VII 44 nicht als Männerkleid ausgegeben, und δουλάρια III 35 nicht als männliche Dienerschaft, auch mißbilligt Pollux IX 137 ausdrücklich τευτάζειν, während im Lexiphanes c. 21 τευτάζεσθαι unter den besonders schlimmen Brocken genannt wird. Ferner entspricht weder das Auftreten des Lexiphanes dem des ῥητόρων διδάσκαλος, [776] noch sein Stil: Lexiphanes redet nur in seltenen Glossen fast unverständlich, wie Lykophrons Alexandra und Dosiadas in seinem βωμός (c. 25); der ῥητόρων διδάσκαλος aber lehrt in der oben ausgeschriebenen Stelle c. 16 vielmehr, 15, höchstens 20 Ἀττικᾶ ὀνόματα als Würze der Rede überzustreuen. In der Tat hat Pollux von seltenen Worten, soweit wir sehen, nicht übermäßig Gebrauch gemacht. Daß die im Rhet. praec. c. 16 genannten Ἀττικὰ ὀνόματα (ἄττα, κᾷτα, μῶν, ἀμηγέπη, λῷστε) im Lexiph. c. 21 wiederkehren, beweist nichts.

§ 3. Das Onomastikon in zehn Büchern ist uns nur im Auszug erhalten, wie das Scholion vor I in einigen Hss. lehrt, vgl. Nachricht. Götting. Ges. Phil.-Hist. Kl. 1895, 832ff. Alle bekannten Hss. gehen auf ihn zurück. Allein im Parisinus 1630 bibl. nationale fol. 92 v finden sich wenige dürftige Exzerpte, die aus einem reicheren, also älteren Exemplar stammen, publiziert von E. Miller Revue archéol. N. S. XXVII (1874) 260ff., doch ist das Plus sehr gering und sein Wert Null; s. Bethes Ausgabe p. XIV Anm. Der Archetypus unserer Hss. war in Majuskeln, also vor dem 9. Jhdt. geschrieben und mit Scholien (S. 337) und Varianten (S. 336) ausgestattet. Wahrscheinlich ist er von Arethas von Patrai (907 Erzbischof von Kaisareia) selbst oder auf seine Veranlassung verfaßt (S. 338). Vier Hss.-Klassen sind aus ihm abgeleitet. Zwei von ihnen hat man im 15. Jhdt. vereinigt, um einen möglichst vollständigen Text zu gewinnen. Eines dieser Exemplare ist der Editio princeps von Aldus, Venedig 1502, verständiger Weise zugrunde gelegt, der außerdem noch einen verschollenen selbständigen Codex hinzugezogen hat.

Für die folgenden Ausgaben des Karteromachos bei Junta in Florenz 1520 und bei Simon Gryneus, Basel 1536, ist neues Material nicht benützt. Erst Wolfgang Seber, Frankfurt 1608, dann Lederlin (I–VII) und Hemsterhuys (VIII-X) haben für die Amsterdamer Ausgabe 1706 (2 Bde. fol. mit noch unentbehrlichen Indices) sowohl selbst Hss. eingesehen als auch wertvolle Kollationen von Jungermann († 1610), Falckenburg († 1578), Schott († 1629) verarbeitet, zugleich für Emendation und Erklärung das meiste beigetragen, letztere noch heute wichtig. Becker schuf 1846 eine feste Grundlage der Recensio, indem er mit glücklichem Griffe die vier wichtigsten Hss. herausgriff. Die gesamten bekannten Hss. trug zusammen, ordnete Bethe und baute auf ihr einen neuen Text (I–V, Leipzig 1900), der erst ein wirkliches Bild der Überlieferung gibt, unter dem Text ist die Parallelüberlieferung notiert.

§ 4. Für die Gebildeten, die seit dem Siege des Attizismus Ende des 1. Jhdts. v. Chr. das klassische Attisch statt ihrer eigenen Sprache, der κοινή, zu schreiben und in der stilisierten Rede auch zu sprechen durch die Mode gelehrter Überbildung gezwungen wurden, waren Wörterbücher nötig, die ihnen die erlaubten Worte nachwiesen und womöglich belegten. Wir verdanken dieser Marotte die attizistischen Lexika in alphabetischer Anordnung und das Onomastikon des Pollux. Es ordnet die ὀνόματα Ἀττικά sachlich an. I gibt die Bezeichnungen und Wendungen für Götter, ihre Kultstätten, Bilder, Altäre, Tempel, [777] Herrichtung und Zerstörung, Priester, Seher, Seherkunst, Fromme, Gottlose usw. Es folgen Könige, Färbung, Kaufleute, Handwerker, Haus, Schiffe, Heerwesen, Pferde und Reitkunst, Landbau, Pflug, Wagen, Bienen. II behandelt den Menschen, stellt zusammen die Worte für die Altersstufen, Geburt, Glieder usw. III Geschlecht, Verwandtschaft, Ehe, Kinder, Freunde, Herren, Sklaven, Bankiers, Geld, Landaufenthalt, Reise, Trauer, Freude, Krankheit, Kauf, Verkauf usw.; IV Bildung: Grammatik, Rhetorik, Philosophen, Sophisten, Dichter, Musik und ihre Instrumente, Tanz, Theater, Astronomie, Medizin. V Jagd, Hunde, Jagdtiere; Frauenschmuck; Mut, Furcht, Pharmazie, Gebet, Ruhm; dazwischen Synonyme für εἶμι, ποιῶ, ἴσον, βούλομαι usw. VI Gastmahl, Wein, Speisen, Salben, Unterhaltung, Schmeichler usw. VII Markt, Kauf, Verkauf, Händler, Waren, Geld, Handwerke, Geräte. VIII Gericht, Richter, Prozesse, Strafen, Sykophanten usw.; πολιτικὰ ὀνόματα Ἀττικά. IX Stadt und Land, Münzen, Spiele der Kinder, der Erwachsenen, Synonyme für ὅμοιος, ἀπάτη, κωμῳδεῖν, ἀρκεῖν usw. X Geräte verschiedenster Art, wie Gefäße, Klinen, Aborte, Waschgeschirr, Tische, Kochgeschirr, Salbgefäße, Damentoilette, Ephebengeräte usw. Inhaltsübersichten vor jedem Buch aus den Hss. in der Amsterdamer Ausgabe 1706.

Die Anordnung ist keineswegs übersichtlich. Besonders sind die langen Synonymenreihen z. B. in V und IX nur zufällig auffindbar. Manches ist doppelt behandelt, schwerlich immer bewußt. Absichtlich aber sind in X viele der in VI, VII behandelten Dinge noch einmal durchgenommen und mit mehr Zitaten belegt, um der Kritik des Phrynichos zu begegnen (Naechster 29).

§ 5. Selbstverständlich hat Pollux Arbeiten seiner Vorgänger benützt. Im Briefe IX zitiert er ein Onomastikon des Sophisten Gorgias (s. o. Bd. VII S. 1618, 47) und im Briefe X Eratosthenes Σκευογραφικόν, die er natürlich trotz seines souverän verächtlichen Urteils ausgebeutet hat. Die Arbeiten des Aristophanes von Byzanz hat er in II περὶ ὀνομασίας ἡλικιῶν reichlich benützt, so in III περὶ συγγενικῶν ὀνομάτων, und III 51–83 πολιτικὰ ὀνόματα, in IX περὶ τῶν παρ’ Ἕλλησι παιδιῶν; vgl. Fresenius De λέξεων Aristophan. ex Sueton. excerptis Byz., Wiesbaden 1875. L. Cohn Jahrb. f. Phil., Suppl. XIII [1884] 861. König Iubas θεατρικὴ ἱστορία hat als Quelle für IV b nachgewiesen Rohde De Pollucis in apparatu scaenico enarrando fontibus, Leipzig 1870. Rufus Ephesius περὶ ὀνομασίας τῶν τοῦ ἀνθρώπου μορίων liegt II zugrunde: Voigt Sorani liber quatenus restitui possit, Greifswald Diss. 1882, 24ff. Aber auch Soran ist benutzt: Diels Doxographi Gr. 208; vgl. auch Zarncke Symbolae ad Pollucem tractatum de partibus corporis humanis, Leipzig 1885 (1. de Ruf. Eph., 2. de ceteris Pollucis subsidiis, 3. de Pamphilo Pollucis auctore). Daß er das große Werk des Pamphilos in 95 Büchern περὶ γλωσσῶν (ἤτοι λέξεων) nicht angegangen, wäre unwahrscheinlich: Rose Aristotel. Pseudepigraph. Leipzig 1863, 426 für X, Stojentin De Pollucis in publicis Atheniensium enarrandis auctoritate, Breslau 1875 für VIII. Daneben auch das Lexikon des Epaphroditos, Naechster 5. Kaum zu entscheiden ist, ob Pollux durch [778] deren Vermittlung oder direkt Werke benützt habe, wie des Attizisten Caecilius von Kale Akte ἐκλογὴ λέξεων, aus dem Stücke im Onomastikon nachgewiesen sind von Boysen De Harpocrationis lexici fontibus, Kiel 1876, 27.

Für VIII ὀνόματα δικαστικὰ καὶ πολιτικά liegt Parallelmaterial besonders reich vor. Die Urquelle ist der zweite systematische Teil des Buches über den Staat der Athener von Aristoteles, aber es ist nicht direkt benutzt, sondern für Pollux, Harpokration und die Lexica Cantabrigiensia und Bekkeri V liegt ein kompiliertes Onomastikon zugrunde: so nach Wentzel S.-Ber. Akad. Berl. 1895, 477. Mit unzureichenden Gründen Bursy De Aristotelis πολιτείας Ἀθηναίων partis alterius fonte et auctoritate, Diss. Dorpat (Jurjew) 1897, vgl. Wentzel Gött. gel. Anz. 1897, 616ff., wo er seine Beweise in den Prolegomena seiner Ausgabe der Rednerlexika eingehender darzulegen verspricht: bisher nicht erschienen.

Die Verschiedenartigkeit der Quellen des Pollux ist im Onomastikon deutlich wahrnehmbar sowohl in der Disposition (vgl. z. B. Fresenius 11f. 13), wie in dem Hin- und Herschwanken zwischen attizistischen und lexikographischen Interessen (Althaus 6).

Zweifellos hat Pollux aber natürlich auch selbst gelesen und exzerpiert. Mußte er doch als Redelehrer und Attizist seine Muster fleißig lesen und seine Schüler dazu anleiten in der Art, wie z. B. Quintil. X es tut. Die bei der Lektüre gemachten Notizen hat er eingearbeitet. Das läßt sich im einzelnen nicht mehr nachweisen. Sein Originalwerk ließ vermutlich öfter und deutlicher seine eigenen Beobachtungen hervortreten, als es in der erhaltenen Epitome geschieht. Freilich darf ein εὗρον u. dgl. nicht immer als Beweis gelten, daß er das Wort selbst aus der Quelle geschöpft habe. Selbst exzerpiert hat er z. B. Xenophons Kynegetikos für V 18ff., περὶ ἱππικῆς für I 188 neben dem älteren Simon von Athen (Rh. Mus. LI [1896] 67 und Oder Anecd. Cantabrigiensia, Berlin 1896. 13f.): Althaus 23ff. Michaelis De Pollucis studiis Xenophonteis, Halle Diss. 1877.

§ 6. Das Onomastikon des Pollux erfuhr von seinem Konkurrenten Phrynichos bittere Kritik in dessen Ἀττικὰ ὀνόματα (Ecloga). Er warf ihm vor, daß er unattische Wörter aus Homer, Herodot, sogar äolische aus Alkaios und Sappho aufgenommen habe, während er selbst nur die reinen und strengen Attiker als Muster gelten läßt. Darüber gut Naechster 1-33. Das sind prinzipielle Streitigkeiten, die schon ihre Lehrer Aristides und Hadrian unter sich und mit Chrestos geführt hatten. Phrynichos wollte den Wert des Onomastikon für den Gebrauch der Attizisten dadurch herabsetzen. Aber sein strenger Attizismus verlangte denn doch gar zu viel. Die Zeitgenossen wie Nachfahren haben Phrynichos wie Pollux’ Arbeiten viel benützt, ja das Polluxwerk scheint noch mehr Anklang gefunden zu haben als die Arbeiten jenes, nicht zum wenigsten wohl wegen seiner sachlichen Anordnung: ist uns das Onomastikon doch zwar auch nur in Epitome, aber unvergleichlich reicher überliefert als die beiden Werke des Phrynichos. Für uns ist es eine unschätzbare Quelle, in ihrem Reichtum nur mit Athenaios vergleichbar, der es allerdings noch [779] übertrifft. Welche Fülle von Zitaten aus verlorenen Schriftstellern durch das Onomastikon erhalten ist, zeigt der Index auctorum der Amsterdamer Ausgabe II 158–164. Die Attizisten, besonders Komiker, stehen obenan, darunter so seltene Sachen wie Simons Buch über die Reitkunst II 190ff., Drakons νόμοι VIII 42, 125. IX 61, attische Volksbeschlüsse aus Krateros ψηφισμάτων συναγωγή VIII 126, auch sonst benützt, wie z. B. wohl für X 126 und für Alkibiades’ konfiszierten Hausrat X 36. 38. 40, vgl. CIA IV 1 p. 178, 227 d, A. Wilhelm Österr. Jahresh. IV (1902) 236. Neben den Attikern aber zum Ärger des Phrynichos nicht nur Homer, Hesiod, Herodot, Ktesias, Demokrit, sogar Sappho, Alkaios, Anakreon, Stesichoros, Simonides, Epicharm, Sophron, Rhinthon, Antimachos, Kerkidas, Anyte, Arat, Kallimachos, Nikander usw. Das Onomastikon gibt uns neben Athenaios wohl die beste Vorstellung von der umfassenden, geduldigen lexikographischen Arbeit der antiken Philologen.

[Bethe. ]