RE:Alkibiades 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 15161532
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2) Der berühmte Staatsmann und Feldherr. Enkel des vorhergehenden A., Sohn des tapferen und vaterlandsliebenden Kleinias, der in der unglücklichen Schlacht bei Koroneia den Tod fand (Frühling 446). Seine Mutter war Deinomache, die Tochter des Alkmeoniden Megakles und Enkelin des grossen Gesetzgebers Kleisthenes. Vgl. Herod. VIII 17. Thuk. V 43. VI 89. Plat. Alk. I 103 a. 105 d. 112 c. 123 c. Plut. Alk. 1. Aelian v. h. II 1. Isokr. XVI 11. Nepos Alc. 1. Die Ortsgemeinde, zu der A. gehörte, hiess Skambonidai, das Adelsgeschlecht, dessen Angehöriger er war, Eupatridai. Vgl Isokr. XVI 25. v. Wilamowitz Kydathen 119; Hermes XXII 121. Toepffer Hermes XXII 479ff.; Att. Geneal. 175ff. Die Güter des A. lagen nicht in der Gemeinde, bei der er angeschrieben war, sondern im Demos Erchia (Platon. Alk. I 123. Young Erchia a deme of Attika, New-York 1891). Das Geschlecht der Eupatridai führte seinen mythischen Ursprung wahrscheinlich auf den Muttermörder Orestes zurück. Hirzel Rh. Mus. XLIII 631ff. Toepffer Att. Geneal. 176. Wir wissen, dass zwischen den Vorfahren des A. und den Spartanern ein Gastfreundschaftsverhältnis bestand, das später, wohl aus politischen Gründen, aufgelöst wurde. Thuk. V 43. VI 89. Ferner berichtet Thukydides an einer von der modernen Skepsis ohne Grund angezweifelten Stelle (VIII 6), dass der Name A. lakonischen Ursprunges und aus der Familie des Eudios in das attische Adelsgeschlecht übergegangen sei. Es ist möglich, dass die athenischen Eupatriden ein aus dem Peloponnes in Attika eingewandertes Geschlecht waren. Die Übertragung des Namens Alkibiades hat natürlich in einer viel früheren Zeit stattgefunden, als eine Generation vor dem Staatsmann A., der seinen Namen sicherlich nach seinem Grossvater, nicht nach dem Vater des Spartaners Eudios, erhalten hat. Denn der Name A. wird in der spartanischen Familie natürlich ebenso wie in dem athenischen Adelsgeschlechte abgewechselt haben, in welchem wir diesen Wechsel noch verfolgen können.

Wie die meisten Geburtsjahre ist auch das des A. nicht überliefert, was die modernen Gelehrten zu ebenso weitläufigen als vagen Berechnungen veranlasst hat. Vgl. die umfangreiche Litteratur bei Hertzberg Alkibiades der Staatsmann und Feldherr (Halle 1853) 60ff. Sein Alter wird von Nepos (Alc. 10) in runder Summe auf ungefähr 40 Jahre angegeben (Alcibiades annos circiter quadraginta natus diem obiit supremum), sein Tod von Diodor (XIV 11) in das Jahr Ol. 94, 1 = 404 gesetzt. Da [1517] der Vater Kleinias in der Schlacht bei Koroneia (446) fiel, so wird die Geburt des A. ungefähr in die Mitte des 5. Jhdts. fallen. Näher lässt sich die Zeit derselben nicht bestimmen. Die Vormundschaft über A. und seinen Bruder Kleinias wurde beim Tode des Vaters in die Hände des Perikles und seines Bruders Arrhiphron aus dem Geschlechte der Buzygai gelegt, wobei gewiss die verwandtschaftlichen Beziehungen beider Familien in Rücksicht kamen. Plut. Alk. 1. 3. Athen. XII 525 B. Isokr. XVI 28. Plat. Alk. I 104 b. 118 c. 124 c; Prot. 320 a. Xen. mem. I 2, 40 u. s. Über das nähere Verwandtschaftsverhältnis des Perikles zu A. ist in neuerer Zeit viel verkehrtes gesagt worden; vgl. die verschiedenen Ansichten bei W. Vischer Alkibiades und Lysander, Kleine Schriften I 98, 1 (‚Wie Perikles dem Alkibiades verwandt gewesen sei, vermag ich nicht zu entscheiden‘). Es lässt sich auf Grund unserer Überlieferung hierüber zu ziemlicher Gewissheit gelangen. Des A. Mutter Deinomache war bekanntlich eine Enkelin des Gesetzgebers Kleisthenes (Isokr. XVI 26; vgl. Plut. Alk. 1. Lys. XIV 49. Ps.-Andok. IV 34), dessen Bruder Hippokrates durch seine Tochter Agariste, die der Buzyge Xanthippos heiratete, der Grossvater des Perikles mütterlicherseits wurde (Herod. VI 131). Der Stammbaum des Perikles und A. traf also in weiblicher Linie in dem Vater der beiden Alkmeoniden Kleisthenes und Hippokrates zusammen (s. das Stemma S. 1557f.). Als sehr nahe lässt sich dieser Verwandtschaftsgrad nicht bezeichnen. Wenn der von A. Kirchhoff (CIA IV p. 192) kürzlich aus dem Zeugnisse des Aristoteles Ἀϑην. πολ. 22 und eines auf der athenischen Burg gefundenen Ostrakons gezogene Schluss seine Bestätigung fände, so würde das Verwandtschaftsverhältnis der beiden Männer noch um einen Grad näher sein, indem ihr Stammbaum in Hippokrates, dem Bruder des Kleisthenes, zusammenträfe. Vgl. Art. Alkmaionidai. A. war vermählt mit Hipparete, einer Tochter des Hipponikos aus dem Geschlechte der Kerykes, einer Schwester des Kallias, zu dem die Frau nach einer unglücklichen Ehe mit A. zurückkehrte. Plut. Alk. 8. Toepffer Geneal. 179. Der Grabstein vor dem athenischen Dipylon mit der Aufschrift Ἱππαϱέτη Ἀλκιβιάδου Σκαμβωνίδου (CIA II 2543) hat mit ihr nichts zu schaffen. Vgl. U. Koehler Athen. Mitt. X 378. Die Erziehung, welche Perikles dem jungen A. angedeihen liess, wird von den Alten wenig gerühmt (Plat. Alk. I 118 e. 122 b. 124 c; Protag. p. 320 a. Plut. Alk. 1; Lycurg. 16); auf alle Fälle ist es dem grossen Manne weder gelungen, dem Übermut des hochbegabten Knaben bei Zeiten Zügel anzulegen, noch auch in dem heranreifenden Jünglinge sich einen Schüler zu erziehen, der einst, als Nachfolger des grossen Volksführers, seine wunderbare Begabung zum Heile des Staates der Athener verwandt hätte. Die Züge, welche den A. im späteren Leben kennzeichnen, traten schon bei dem Knaben scharf hervor; eine brennende Begierde, überall der Erste zu sein und Aufsehen zu erregen, verwegene Entschlossenheit, gepaart mit frechem Mutwillen, fiel schon in seiner Jugend auf. Bei dem Jüngling nahm der kecke Übermut eine immer schlimmere Richtung; bis tief in sein Mannesalter hinein waren [1518] es tolle Ausschweifungen, dreiste Verhöhnung der Sitte und der öffentlichen Ordnung, übermütige Verletzung einzelner Mitbürger, die seine Bahn bezeichneten. Und dennoch ward dieser Mann der Liebling der Athener, die ihn mit Liebe und Bewunderung verzogen haben, wie selten ein Volk einen seiner gediegensten Vertreter. Denn A. besass einen Zauber der Persönlichkeit, der die grössten Männer seiner Zeit fesselte und noch heute seine Kraft nicht eingebüsst hat. Der uralte Adel seines Hauses, sein immenser Reichtum, vor allem seine bestrickende körperliche Schönheit, die ihn nie verlassen hat (Plut. Alk. 1. 4. 16. 24. Plin. n. h. XXXVI 28. Diod. XIII 68. Nepos 1,2 u. a. m.), waren glänzende Mitgaben. Dabei entwickelte der junge Eupatride bald eine eminente geistige Begabung, die auf der staatsmännischen Laufbahn ihm die höchsten Ehren zu verheissen schien, und bei seinen ersten Waffenproben eine edle Tapferkeit, die wohl manchen mit seinen wilden Streichen aussöhnen mochte. Und wie, wenn er gewinnen wollte, jeder Reiz und die bezauberndste Liebenswürdigkeit ihm stets unwiderstehlich zu Gebote stand, so trugen auch seine Launen, die Ausbrüche seines Übermutes, ja frevelhaften Sinnes, doch den Schimmer einer Genialität, die vor allem die stets schadenfrohe und für geistreichen Witz empfängliche Masse des athenischen Volkes in begeisterte Bewunderung versetzte. Auf die zahlreichen, in den Biographien erhaltenen Anekdoten aus der Jugendzeit des A. kann hier nicht eingegangen werden. Es gab unter den geistigen Grössen, die damals Athen schmückten, nur einen Mann, der diese üppig reiche Kraft auf ernstere Bahnen zu lenken gestrebt hat: Sokrates. Aber wenn es ihm auch gelang, vorübergehend einen bedeutenden Einfluss auf A. zu gewinnen (vgl. Plut. Alk. 1. 4. 6. Nepos 2, 2–4. Plat. Alk. I 135 dff.; symp. 212 c. 222 b), wenn auch beide Männer auf den Schlachtfeldern bei Poteidaia und Delion in blutiger Entscheidung treu zu einander gestanden haben (Plat. symp. 219 e ff. 221 c. Plut. Alk. 7. Isokr. XVI 12. Diog. Laert. II 23 u. a.): auf die Entwicklung des Charakters des jungen Staatsmannes vermochte der sittliche Ernst des Sokrates nicht bestimmend einzuwirken. Vgl. Philippi Alkibiades, Sokrates, Isokrates, Rh. Mus. XLI 1886, 13ff. Des A. politischer Charakter ist stets als ein interessantes historisches Problem angesehen und vom Hass und der Gunst der Parteien bald in dieser, bald in jener Richtung ausgemalt worden. A. überragte, als er nach Perikles Tode energischer in das öffentliche Leben von Athen eingriff, seine athenischen Zeitgenossen weit an geistiger Kraft und Bedeutung; und er war sich dessen selber wohl bewusst. W. Vischer (Kl. Schr. I 105) schildert ihn mit folgenden Worten: ,Der schönste Mann in Athen, von hohem Wuchse und unverwüstlicher Körperkraft, ein ebenso tapferer Krieger, als ein einsichtsvoller Feldherr, von unwiderstehlicher persönlicher Liebenswürdigkeit, wo er gewinnen wollte, an Beredtsamkeit den meisten Zeitgenossen überlegen, in diplomatischen Verhandlungen fein und gewandt, prachtliebend und freigebig bis zur äussersten Verschwendung, hochfahrend und trotzig gegen Gleiche und Höherstehende, [1519] gegen Niedere, wo sie ihm nicht in den Weg traten, wohlwollend und freundlich, so musste A. bald der Liebling des athenischen Volkes werden, und die höchste Stellung konnte ihm, so schien es, so wenig entgehen, wie einst dem Perikles.‘ Vollkommen erfüllt von diesem souveränen Gefühl seiner unwiderstehlichen Kraft, die sich so lange nur gegen Sitte und Gesetz gewandt hatte, die nur den eigenen Willen als Masstab anerkannte, ward in A., den ein unbändiger Ehrgeiz erfüllte, immer energischer die Begierde lebendig nach der unbestrittenen Suprematie zunächst in seiner Vaterstadt. Ob ihm je als letztes Ziel die ausgesprochene Tyrannis vor Augen gestanden, mag dahingestellt bleiben; vgl. J. Beloch Die attische Politik seit Perikles (Leipz. 1884). Es geht in der That ein despotischer Zug durch sein Leben, der sich nicht verkennen lässt. Diesem Drange nach Herrschaft ordnete A. oft sehr wesentliche Rücksichten unter; es war ihm ein Leichtes, bald die Partei des Demos, bald die der Oligarchie zu ergreifen, wie er ebenso, in der Zeit seines Exils, ohne Mühe sich mit vollendeter Gewandtheit den Sitten der Völker anschmiegte, zu denen ihn sein Schicksal hinführte (vgl. Plut. Alk. 2. 23. Nepos 11, 2–5. Athen. XII 534. Aelian. v. h. IV 15). Aber andererseits stand dem unbegrenzten Erfolge des A. in seiner eigenen Persönlichkeit das grösste Hindernis entgegen: es fehlte ihm der sittliche Ernst; es fehlten ihm bei allen brillanten Talenten als Redner, Diplomat und Feldherr die bauenden Kräfte. Wohl mögen manche seiner genialen Streiche nur schlaue Maske gewesen sein. Doch verfolgte er auch seine egoistischen Ziele nicht immer mit klarer Consequenz, sondern oft nur wie ein geistreiches Spiel, in rohem Übermute die wesentlichsten Interessen verletzend und seine eigene Stellung untergrabend. So trifft ihn endlich das Verhängnis, dass er überall dem tiefsten Misstrauen begegnet, dass dieselben Menschen und Kräfte sich feindlich gegen ihn kehren, als er, sei es weil das Leben ihn geläutert, sei es weil schlimme Schicksale ihn kältere Besonnenheit gelehrt haben, eine festere Haltung angenommen hatte. Der Frevelmut seiner Jugend bleibt ihm unvergessen; und alle Tugenden, die er jetzt entfaltet, gelten nunmehr nur als ein trügerischer Schein.

Ohne auf die vereinzelten Spuren der früheren politischen Thätigkeit des A. näher einzugehen, folgen wir seiner öffentlichen Laufbahn von dem Augenblicke an, wo (422 v. Chr.) Kleons Tod ihm zuerst einen freieren Spielraum öffnete. Bis zu diesem Zeitpunkte vorzugsweise nur durch sein wildes Privatleben in weiteren Kreisen bekannt, hatte er als Politiker wahrscheinlich in einem socialen Gegensatze zu der plebejischen Demagogie Kleons gestanden, wie es seine persönliche Stellung und seine vornehme Abkunft mit sich brachte. Erst die Ereignisse nach Kleons Tode führten ihn dahin, in eigentümlicher Weise die alte demokratische Politik seines Hauses aufzugreifen und nunmehr, als adeliger Demagoge, die Führung des Demos gegenüber der aristokratisch-conservativen Partei des Nikias in seine Hand zu nehmen. Die Entwicklung seines Gegensatzes zu Nikias [1520] wird zunächst auf ganz persönliche Motive zurückgeführt. A. hatte sich nach der Katastrophe von Sphakteria vielfach bemüht, durch rücksichtsvolle Pflege der spartanischen Gefangenen die einst von seinem gleichnamigen Grossvater abgebrochene Proxenie mit Sparta zu erneuern (Thuk. V 43, vgl. VI 89. Plut. Alk. 14. Isokr. XVI 10. Beloch Att. Politik 51). Auch hatte er mit Eifer dahin gestrebt, die Leitung der Friedensunterhandlungen des J. 421 zu gewinnen, und gerade hier hatten ihn die Spartaner schwer verletzt, indem sie sich statt mit ihm begreiflicherweise mit dem ebenso friedfertigen als ängstlichen Nikias in Verbindung setzten (Thuk. a. a. O. Plut. Alk. 14; Nik. 9. 10). Dieser Fehlschlag gab der politischen Thätigkeit des A. zuerst eine bestimmte Richtung. Der Gegensatz zu Nikias und den Spartanern führte ihn nunmehr an die Spitze der athenischen Kriegs- und Actionspartei, wo er schnell die Demagogen zweiten Ranges verdunkelte und eine rastlose Agitation entwickelte. Die zahlreichen Schwierigkeiten, auf welche bekanntlich die Durchführung des Friedens vom J. 421 überall stiess, die wachsende Gereiztheit der Athener gegen Sparta wegen langsamer und ungenügender Erfüllung der Friedensbedingungen beförderten die Pläne des A. ausserordentlich. So gelang es ihm bald, nachdem die unnatürliche Stillstandspolitik des beschränkten Nikias in den Verruf gebracht worden war, den sie verdiente, ein Bündnis mit Argos, Mantineia und Elis einzuleiten (von denen namentlich das demokratische Argos in altem Hader mit Sparta stand). Die Bemühungen einer mit umfassenden Vollmachten ausgerüsteten spartanischen Gesandtschaft, die Athener von dieser Bahn abzulenken, wusste A. mit raffinierter List zu vereiteln. Thuk. V 45. Holm Griech. Gesch. II 466. Der neue Bund wurde im Frühling 420 abgeschlossen (Plut. Alk. 14. 15; Nik. 10. Thuk. V 43–47. Diod. XII 77. Paus. I 29, 10. V 12, 7; der Wortlaut des Bündnisses bei Thuk. V 47 und auf der Inschrift CIA IV 46 b; vgl. A. Kirchhoff Hermes XII 368ff. Holm II 458). Seitdem verfolgte A. mit Energie den Plan, Sparta vollständig zu isolieren, ihm mitten im Frieden seine peloponnesische Machtstellung schrittweise zu beschränken und Athens Vorposten auf der Halbinsel bis an die Grenzwälle der lakedaemonischen Macht vorzuschieben. Dieses war der leitende Gedanke bei der bunten Reihe politischer Bewegungen, die A., der selbst mehrere Male den Peloponnes betrat, in den nächsten Jahren nach Abschluss der neuen Coalition und mit deren Hülfe in der Nordhälfte der Halbinsel hervorrief, deren Detail man bei Diod. a. a. O. Thuk. V 48. 52–56. Plut. Alk. 15; Nik. 10. Isokr. XVI 6 findet. Besonders erfolgreich war der Aufenthalt des A. in Achaia, wo es ihm gelang, die Bürger von Patrai für Athen zu gewinnen und zum Bau von langen Mauern zu veranlassen, welche die Stadt mit dem Meere verbinden sollten. Aber der glänzende Sieg, den die Spartaner im August des J. 418 bei Mantineia über die Truppen der Coalition davontrugen, zerriss mit einem Schlage das Netz, mit dem A. die peloponnesische Grossmacht zu umgarnen begonnen hatte. Allerdings eröffneten, [1521] treu dem seltsamen Charakter ihrer Taktik zwischen dem archidamischen und dem dekeleïschen Kriege, die Spartaner weiter keine directen Feindseligkeiten gegen Athen, obwohl ein starkes athenisches Corps bei Mantineia mitgefochten hatte (Thuk. V 61–74. Diod. XII 79). Dagegen löste sich nach dieser schweren Niederlage die antilakonische Coalition binnen kurzer Zeit vollständig auf. Argos trat sogar gegen Ende des J. 418 in Frieden und Bündnis mit Sparta, und die Oligarchen, die eine solche Wendung herbeigeführt hatten, rissen zu Anfang des J. 417 auch formell die höchste Gewalt in Argos an sich. So waren alle Pläne des A. in Bezug auf den Peloponnes vollständig gescheitert. Er hatte aber hinreichende Energie und Gewandtheit, eine bald darauf in Argos eintretende Veränderung rasch zu benutzen, um wenigstens diesen wichtigen Platz den Spartanern wieder bleibend zu entfremden. Die brutale Willkür, mit welcher die neue Oligarchie in Argos schaltete, rief schon im Sommer des J. 417 eine demokratische Erhebung hervor. Infolge dessen verlangte man in Argos wieder nach Freundschaft und Bündnis mit Athen. Da war A. der Mann, der den Argivern mit Rat und That zur Hand ging, der sie bei dem Bau langer Mauern zwischen Stadt und Hafen mit höchstem Eifer unterstützte und schliesslich (im J. 416) durch Wegführung von 300 verdächtigen Bürgern die Demokratie im Lande zu sichern wusste (Thuk. V 76–84. Plut. Alk. 15. Diod. XII 80f. Paus. II 20, 1). Die fünf Jahre seit 421 v. Chr. hatten den A. in Athen eine ganz ausserordentliche Macht gewinnen lassen; der Glanz, mit dem er bei den olympischen Spielen im J. 416 v. Chr. (Ol. 91) auftrat, bezauberte die Massen des attischen Volkes (Thuk. VI 16. Isokr. XVI 14. 17. Plut. Alk. 11ff. Andokid. IV 25f. 29f. H. Förster Die Sieger in den olymp. Spielen. Zwickau 1891, 20). Seine energische Befehdung der Spartaner war nicht minder populär. Aber noch immer behauptete Nikias eine sehr einflussreiche Stellung; und das Fehlschlagen der peloponnesischen Pläne des A. war nicht geeignet, dieselbe zu erschüttern, wenn auch der Versuch, den A. durch den Ostrakismos zu entfernen (zu Anfang des J. 417), durch ein unerwartetes Zwischenspiel von Intriguen vereitelt wurde und statt seiner der Urheber des Ostrakismos, Hyperbolos aus Perithoidai, in die Verbannung gehen musste (vgl. Plut. Alk. 13; Nik. 11; Aristid. 7. Thuk. VIII 73. Beloch Att. Politik 339. Valeton de Ostracismo, Mnemosyne 1888. Philippi Über einige Züge aus der Gesch. des Alkibiades, Hist. Zeitschrift 1887, 398ff. Holm II 467). Im folgenden Jahre (416 v. Chr.) wurde die Insel Melos unterworfen, die sich bisher hartnäckig der athenischen Herrschaft widersetzt hatte. Der grausame Beschluss, alle waffenfähigen Einwohner der Stadt hinzurichten und den Rest derselben in die Sklaverei zu verkaufen, wird der Initiative des A. zugeschrieben (Ps.-Andok. IV 22. Plut. Alk. 16. Thuk. V 84–116. CIA I 54. 181 Z. 6. 7. Beloch Att. Politik 57. Holm II 463f.). Auf die Dauer musste dem thatenbedürftigen Manne der Friede mit Sparta ebenso unerträglich werden wie das unnatürliche Bündnis [1522] mit dem unentschlossenen und furchtsam zurückhaltenden Nikias. Bei einer solchen Lage der Verhältnisse ergriff A. mit leidenschaftlichem Interesse eine neue Gelegenheit, die sich ihm darbot, um die Athener zu einer Unternehmung im grossartigsten Stile zu bestimmen, deren Gelingen seine eigene Macht in Athen und Griechenland unwiderstehlich machen musste. Im J. 416 riefen die von Selinus und Syrakus schwer bedrängten Bürger von Egesta auf Sicilien Athen um Hülfe an. Unbekümmert um das unter den obwaltenden Verhältnissen Griechenlands Bedenkliche einer weitgreifenden Operation in entlegener Gegend, unbekümmert um die ungeheuren Schwierigkeiten, die einer erfolgreichen Operation und dauernden Festsetzung der Athener auf Sicilien entgegenstanden, erhitzte A. die Phantasie seiner Landsleute und entzündete bei den Athenern eine wilde Gier nach grossen Thaten und beutereichen Eroberungszügen, die nicht einmal in Sicilien ihre Grenze finden sollten. Es war in der That die höchste Zeit, dass Athen in die sicilischen Angelegenheiten energisch eingriff, wenn es nicht seinen ganzen im Laufe der Zeit daselbst erworbenen Einfluss wieder verlieren wollte. So geschah es, dass sich trotz der Gegenbemühungen des Nikias das Volk für den Krieg entschied, den A. samt dem Nikias und Lamachos zu Heerführern ernannte und die umfassendsten Rüstungen anordnete, 415 v. Chr. (Thuk. VI 6-26. Diod. XII 83. 84. XIII 2. Plut. Nik. 12. 15; Alk. 17. 18. 21. Müller-Strübing Aristophanes und die histor. Kritik, Leipz. 1873, 24. Beloch Att. Politik 58). Aber während sich bereits alles nach den kühnen Wünschen des A. zu gestalten schien, begann plötzlich der Boden unter seinen Füssen zu wanken. Schon waren die Rüstungen in Athen so gut wie vollendet, da fand man am Morgen des 11. Mai 415 die grosse Mehrzahl der Hermen, welche die athenischen Strassen und Plätze bedeckten, schmählich verstümmelt. Das machte in der Stadt einen furchtbaren Eindruck. Die durch die colossalen Rüstungen erregte öffentliche Stimmung war schon durch böse Vorzeichen bewegt worden; jetzt kam ein umfassender Frevel dazu, der von einer sehr grossen Anzahl frecher Hände zugleich verübt worden war; das Volk beruhigte sich nicht bei dem Gedanken, es sei dies nur der Ausbruch jugendlichen Übermutes berauschter Zecher, der Umfang des Frevels und der darin liegende brutale Hohn gegen einen tiefgewurzelten volkstümlichen Kultus, den man besonders tief empfand, liess in der Meinung der Massen auf eine schwere, der Verfassung drohende Gefahr, liess auf ein weitverzweigtes antidemokratisches Complott schliessen. Die ganze Haltung aber, die A. seit Jahren beobachtet hatte, machte es in unzähligen Augen wahrscheinlich, dass er weder einem solchen Frevel, noch solchen Plänen fremd sei. Und indem dergestalt die Stimmung der Massen sich gegen ihn zu erhitzen begann, gewannen seine zahlreichen Feinde, die erklärten Demagogen, jene Männer, die wir einige Jahre später als oligarchische Revolutionäre wirken sehen, eine unvergleichlich günstige Gelegenheit, den verhassten Mann zu vernichten. Das Dunkel jener Frevelnacht vom 10./11. Mai ist niemals ausreichend erhellt worden. Nur das [1523] ist wohl gewiss, dass A. an dem Hermensturm nicht beteiligt war; dagegen, mögen nun die Schuldigen wirklich nur aus rohem Übermut die Hermen zertrümmert, mögen sie etwa den Plan gehabt haben, durch eine solche That das Volk in Entsetzen zu treiben und dadurch von der Ausführung des sicilischen Feldzuges, dem Lieblingsplane des A., abzubringen, jedenfalls wussten des A. Gegner aus diesem Ereignis politisches Capital zu schlagen und seinen Sturz mit raffinierter Geschicklichkeit herbeizuführen. Im Eifer, die Hermenfrevler zu entdecken, hatten die Athener, Volk und Rat, nicht allein hohe Denunciantenpreise ausgesetzt und eine ausserordentliche Untersuchungscommission bestellt, sondern auch jedermann, selbst Sklaven und Metoeken, aufgefordert, jeden ihnen bekannten Religionsfrevel zu denuncieren. Damit war A. verloren. Denn als nun eine Reihe von Sacrilegien zur Anzeige kam, wurde A. zwar nicht als Hermenfrevler angefochten, wohl aber auf Grund eines von seiten des Pythonikos und der Agariste zur Anzeige gebrachten schlimmen Frevels anderer Art: wegen der frivolen Verhöhnung der heiligen eleusinischen Mysterien. Darauf hin erhob, weil der Feldherr zur Zeit als Beamter vor einer einfachen γραφὴ ἀσεβείας geschützt war, nach längerer erfolgreicher Agitation bei den Massen der Demagoge Androkles die Klage wegen Verletzung der Mysterien in der Form der Eisangelie. Als man in der Volksversammlung zunächst über Annahme oder Ablehnung dieser Klage verhandelte, forderte A. die sofortige strengste Untersuchung. Gleichviel ob schuldig oder nicht, glaubte er, bei dem Volke, vor allem bei den Soldaten, fest genug zu stehen, um, namentlich im Hinblick auf den bevorstehenden Seezug, seine Freisprechung zu erlangen. Dagegen fürchtete er mit Recht, alles werde für ihn in Frage gestellt sein, wenn seine Feinde, um seine Abwesenheit bei dem Volke zu seinem Schaden auszunutzen, die Vertagung der Entscheidung bis zu seiner Rückkehr durchsetzen sollten. In diesem Punkte unterlag A. Es gelang der tückischen List seiner Gegner wirklich, den Demos zu zeitweiliger Suspendierung des Processes zu bestimmen, und A. musste in der That gleich darauf die Flotte nach Sicilien abführen. Das war sein Verderben und zugleich das seines Vaterlandes. Kaum hatte A. den Peiraieus verlassen, so wurde die Untersuchung gegen die Hermenfrevler mit leidenschaftlicher Energie in Angriff genommen. Nachdem endlich eine Zeit der Unruhe, der Angst, abscheulicher Thorheiten und fanatischer Verblendung mit der Bestrafung einer Anzahl von dem schwer compromittierten Andokides Denuncierter geendigt hatte, wandte sich der ganze Stoss gegen A. Nach wie vor wurde der Verdacht der Teilnahme desselben an dem Hermenfrevel nicht weiter begründet; desto lebhafter war der Glaube an tyrannische Pläne des Feldherrn bei den Massen geworden, unterstützt durch das Zusammentreffen verschiedener für ihn ungünstiger Umstände. So brachten seine Feinde, an ihrer Spitze der Oligarch Thessalos, Kimons Sohn, eine neue Eisangelie gegen ihn ein wegen frevelhafter Nachahmung der Mysterien in seinem eigenen Hause. Plut. Alk. 22. Krech de Crateri ψηφισμάτων συναγωγῇ (Greifsw. 1888) 30ff. [1524] Das Volk nahm die Klage ohne weiteres an, und sofort ward das Staatsschiff Salaminia nach Sicilien abgeschickt, um den A. zur Untersuchung nach Athen zurückzuführen (die zahlreichen bei Thukydides, Andokides, Plutarch a. a. O. zerstreuten Belegstellen, sowie die Litteratur über die verschiedenen Darstellungen des Hermokopidenprocesses s. bei Droysen Des Aristophanes Vögel und die Hermokopiden, Rh. Mus. 1835, 161–208 und 1836, 27–44. W. Vischer Kleine Schriften I 111. G. Gilbert Beitrage zur inneren Gesch. Athens, Lpz. 1877, 250ff. J. Beloch Att. Politik 59ff. Fokke Rettungen des Alkibiades I. Emden 1883. Philippi Histor. Zeitschrift 1887, 398ff. Holm Griech. Gesch. II 538. U. Koehler Hermokopideninschriften. Hermes XXIII 1888, 392ff. Oberziner Alcibiade e la mutilazione delle Erme, Genua 1891). Die gewaltige Flotte der Athener hatte in Sicilien keineswegs sofort die erwarteten grossen Erfolge davongetragen. Unter sehr grossen Schwierigkeiten aller Art hatte man endlich wenigstens die Städte Naxos und Katane gewonnen. Da erschien – das Heer war eben von einem vergeblichen Zuge nach Kamarina zurückgekehrt (Thuk. VI 50–52. Diod. XIII 4. Plut. Alk. 20; Nik. 14) – die Salaminia vor Katane, um den A. nach Athen abzuberufen (Thuk. VI 53. Plut. a. a. O.). A. zauderte keinen Augenblick, das Heer zu verlassen; aber, wohl bekannt mit dem Schicksale, das in Athen seiner wartete, verliess er zu Thurii heimlich sein Schiff und entwich: es war der Wendepunkt seines Lebens (Thuk. VI 61. Plut. Alk. 21. 22; Nik. 15. Diod. XIII 5. Nep. 4, 3. 4). Denn nunmehr verurteilte ihn das Volk abwesend zum Tode, confiscierte seine Güter und liess den Mysterienschänder von den Priestern und Priesterinnen mit dem Staatsfluche belegen (Thuk. a. a. O. Plut. Alk. 22. 23. Nep. 6, 5. Diod. a. a. O. u. 69. Iust. V 1. CIA IV p. 176ff. U. Koehler Hermes XXIII 1888, 392ff.). Die Kunde von diesen Schritten erfüllte den A., der von Thurii nach Kyllene in Elis gegangen war (Thuk. VI 61. 88, vgl. Plut. Alk. 23. Diod. XIII 5. Isokr. XVI 3. Fokke Rettungen des Alkibiades II. Emden 1886. A. Philippi Histor. Zeitschrift 1887, 398ff.), mit der leidenschaftlichsten Rachgier. Werkzeuge seiner Pläne wurden die Spartaner; auf seine Anträge wurde A. gegen Ende des J. 415 in Sparta aufgenommen (Plut. Alk. 23. Thuk. VI 88. Diod. a. a. O. Nep. 4, 5) und wusste bald einen vollständigen Umschwung in der spartanischen Politik herbeizuführen, ihr eine früher nicht gekannte Beweglichkeit zu verleihen, dieselbe mit dämonischer Sicherheit in die Richtung leitend, in der sie den Athenern tötliche Schläge versetzen sollte. Dem Einflusse, den er durch seinen überlegenen Geist ausübte, gab man sich in Sparta um so bereitwilliger hin, je mehr der geniale Flüchtling es verstand, auch äusserlich in jeder Beziehung sich in die Sitten und Bräuche seiner neuen Heimat einzuleben (Plut. Alk. 23. 24). A. war es, der die Spartaner bestimmte, den von dem athenischen Heere hart bedrängten Syrakusiern neue Streitkräfte und den trefflichen Heerführer Gylippos zu Hülfe zu senden (414 v. Chr., Thuk. VI 62–73. 88–104. VII 2. 3. Diod. [1525] XIII 6ff. Plut. Alk. 23; Nik. 15–19). A. brachte ferner die Spartaner dahin, dass sie auch in Griechenland wieder den directen Kampf gegen Athen eröffneten (413 v. Chr.); auf seinen Rat unternahm man nicht wieder nutzlose Raubzüge von kurzer Dauer nach Attika, sondern verschanzte sich in Attika selbst bei dem Flecken Dekeleia und hielt von diesem Platze aus die Stadt Athen nunmehr Jahre lang im drückendsten Blokadezustand (Thuk. VI 91. VII 18f. 27. 28. VIII 5. Diod. XIII 8. 9. Plut. Alk. 23. Nep. 4, 7. Paus. III 8, 3 u. a.). Und als dann die Athener im Herbst des J. 413 die furchtbare Niederlage auf Sicilien erlitten hatten, und auch an der Küste von Asien allenthalben die oligarchische Partei in den Bundesstädten auf Abfall, die persischen Satrapen auf Benutzung dieser günstigen Umstände dachten, da war es wieder A., dessen gewichtige Stimme die Wagschale für die spartanische Partei sinken machte, die den weiteren Krieg in Ionien führen und mit dem Satrapen Tissaphernes in Verbindung treten wollte (Thuk. VIII 5–7, vgl. 15. 17. 29. Diod. XIII 34. Plut. Alk. 24. Iust. V 2). Unter seiner Mitwirkung fielen, als er im Sommer 412 mit dem spartanischen Admiral Chalkideus und fünf Schiffen in Ionien erschien, Chios, Erythrai, Klazomenai, Teos und Milet zu den Spartanern ab. Zugleich wurde mit Tissaphernes ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Athen abgeschlossen (Thuk. VIII 11–18, vgl. 45. Lys. XIV 30. 36. Plut. Alk. 24. Nep. 4, 7. Iust. V 2. E. Curtius Griech. Gesch. II 695. 699. Holm Griech. Gesch. II 552. A. Kirchhoff Sitzungsber. d. Berl. Ak. 1884, 399). Inzwischen brachte die ungeheure Energie, mit welcher die Athener zur Verteidigung ihrer asiatischen Herrschaft rüsteten, die raschen Erfolge der Peloponnesier in Ionien allmählich zum Stehen; ja, ungeachtet der Admiral Astyochos bedeutende peloponnesische Verstärkungen nach Asien geführt hatte, gelang es dem Athener Phrynichos, die Milesier samt peloponnesischen und persischen Hülfstruppen in einem Seegefechte unter den Mauern ihrer Stadt zu schlagen, 412 v. Chr. (Thuk. VIII 25. 26, vgl. 45. CIA I 184. Boeckh-Fränkel Staatsh. d. Ath. II 63. Beloch Att. Politik 68. Holm II 554). Doch wurden die Athener durch das Herannahen einer peloponnesischen Flotte verhindert, ihren Sieg auszunutzen, und mussten sich nach Samos zurückziehen, das in unwandelbarer Treue an Athen festhielt. Vgl. CIA I 65. Von hervorragender Bedeutung für den Fortgang des Krieges wurde der Umschlag in der Politik des A., der zunächst durch persönliche Rücksichten hervorgerufen wurde. Der Flüchtling, der allmählich überall, wo er auftrat, ein tiefes Misstrauen gegen sich erstehen sah, hatte durch seine glänzenden Erfolge die glühende Eifersucht vieler mächtigen Spartaner hervorgerufen; er hatte ferner den König Agis durch Verführung seiner Gemahlin Timaia aufs tiefste beleidigt. Näheres hierüber bei Hertzberg Alkibiades 295. Den Spartanern lästig geworden, wurde er nun beschuldigt, den Verlust der Schlacht bei Milet durch Verrat herbeigeführt zu haben, und bald erhielt Astyochos von Sparta aus Befehl, den A. ermorden zu lassen (Plut. Alk. 23. 24; Lys. 22; [1526] Agesil. 3ff. Thuk. VIII 1. 15. 45. Nep. 5, 2. Iust. V 2. Holm II 555). Rechtzeitig gewarnt, flüchtete A. (412) von Milet zu Tissaphernes (Thuk. VIII 45. Plut. Alk. 23. Iust. u. Nep. a. a. O.); Rache an den Spartanern zu nehmen und sich dann den Heimweg nach Athen zu bahnen, ward jetzt seine Aufgabe. Wie einst die Spartaner, so wusste er jetzt durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und die grosse Geschicklichkeit, mit der er sich der persischen Art anzubequemen verstand, den Satrapen gänzlich für sich zu gewinnen (Plut. Alk. 23f. Nep. 5, 3. 11, 6. Iust. V 2. Athen. XII 535 e. Aelian. v. h. IV 15, 2. Nicolai Politik des Tissaphernes, Bernburg 1863). Er überzeugte den Perser, dass es durchaus nicht im Interesse des persischen Reiches liege, eine der kämpfenden Grossmächte Griechenlands so nachhaltig zu unterstützen, dass sie die andere rasch und gründlich überwältigen könne. Es sei weit angemessener, in unentschiedenen Kämpfen beide Teile einander schwächen zu lassen. Daher möge Tissaphernes zunächst die Spartaner (die eventuell für Persien weit schlimmere Feinde abgeben würden, als die Athener) mehr sich selbst überlassen, namentlich aber die königliche Hülfsflotte zurückhalten und auch sonst reservierter auftreten. Tissaphernes ging sehr bereitwillig auf diese neue Lehre ein; und auf des A. weiteren Rat verkürzte er zunächst den peloponnesischen Truppen den ausbedungenen Sold. Seine ganze Haltung wirkte, wie A. es wünschte, binnen kurzem lähmend auf die Bewegungen der Peloponnesier, zu grossem Vorteil für die Athener, die nach der Schlacht bei Milet ihre Streitkräfte auf Samos, ihrem jetzigen Hauptwaffenplatze in Ionien, concentrierten (Thuk. VIII 45–57, vgl. 29. 37. 50. 78. 87. Plut. Alk. 25. Iust. V 2. Isokr. XVI 7. Holm II 555). Unter diesen Umständen glaubte A. nunmehr weiter vorschreiten zu können. Er setzte sich von Magnesia am Maeander aus mit mehreren der angesehensten Männer im athenischen Schiffslager in Verbindung. Genau vertraut mit der oligarchischen Strömung, die seit der sicilischen Niederlage in Athen immer mächtiger geworden war, erklärte der schlaue Politiker den Männern, mit denen er in Verbindung trat: er sei bereit, sich den Athenern wieder anzuschliessen, ihnen auch die Freundschaft des Tissaphernes zu vermitteln, nur müsse man in Athen eine oligarchische Verfassung einführen und ihm den gebührenden Anteil an der Macht zugestehen (Thuk. VIII 47. 49. 50 Plut. Alk. 25. Iust. V 3. Nep. 5, 3. Beloch Attische Politik 69. Holm II 556). Obwohl dem A. gegenüber eben so sehr von unredlichen Hintergedanken geleitet, wie er ihnen gegenüber, gingen die athenischen Oligarchen doch bereitwillig auf seine Pläne ein; umsonst bemühte sich Phrynichos, zwar selbst ein Oligarch, aber dem A. bitter feind, durch directes Entgegenwirken wie durch Intriguen der bedenklichsten Art, den Plänen des A. hindernd in den Weg zu treten. Er konnte nicht vereiteln, dass seine Parteigenossen den Peisandros und einige andere Männer nach Athen schickten. Es gelang dem Peisandros, durch grelle Ausmalung der drohenden Staatslage das Volk zur Ergebung in das angeblich [1527] Unvermeidliche vorzubereiten, die Abberufung des Phrynichos zu erwirken und, während insgeheim alle Massregeln zum Sturze der Demokratie angebahnt wurden, für sich und zehn andere Gesandte die Vollmacht zu Unterhandlungen mit A. und Tissaphernes zu erlangen (Thuk. VIII 48–54, vgl. 64. Plut. Alk. 25. 26. Iust. V 3). Als jedoch nun die Unterhandlungen mit dem Satrapen wirklich begannen, da zeigte es sich, dass A. seinen Einfluss auf Tissaphernes weit überschätzt hatte. Tissaphernes hatte weder ein Interesse, noch den Mut, das spartanische Bündnis mit dem athenischen zu vertauschen. Da wusste denn A. durch Aufstellung von ganz unannehmbaren Bedingungen die Unterhandlung zum Scheitern zu bringen; und er operierte dabei so geschickt, dass er auf der einen Seite der Gefahr der Wortbrüchigkeit entging, auf der andern aber den Anschein gewann, als sei er doch im Herzen der Demokratie mehr ergeben als der Oligarchie (Thuk. VIII 56. Nep. 5, 3. Holm II 560). Von A. zwar enttäuscht und hintergangen, gaben aber die Oligarchen ihr persönliches Spiel nicht auf; es gelang ihnen wirklich, in Athen im J. 411 die Demokratie zu stürzen und das unter dem Namen der ‚Vierhundert‘ bekannte oligarchische Regiment aufzurichten. Holm II 556. Aristot. Ἀϑ. πολ.. 29ff. Aber damit erreichten ihre Erfolge den Höhepunkt. Denn das athenische Heer auf Samos beantwortete diese Revolution mit einem energischen Proteste im Sinne der alten Verfassung, stellte erprobte Demokraten, wie Thrasyllos und Thrasybulos, an seine Spitze und berief, zunächst wohl noch immer in der Hoffnung auf persische Unterstützung, den A. zu sich. Beloch Att. Politik 72. Holm II 563. A. stand auch nicht an, durch ausschweifende Versprechungen persischer Hülfe sich die Ernennung zum Feldherrn zu sichern. Thatsächlich wusste er durch ein gewandtes Intriguenspiel das Vertrauen zwischen Tissaphernes und den neuerdings wieder mit ihm versöhnten Peloponnesiern zu lähmen, während er andererseits einsichtig und glücklich genug war, dem Unwillen seiner Krieger mit Erfolg zu begegnen, die zweimal allen Ernstes aufbrechen wollten, um die Oligarchie in Athen mit Gewalt zu stürzen (Thuk. VIII 57-86. Plut Alk. 26. Diod. XIII 34ff. 41f. Isokr. XVI 7. Iust. V 3. Nep. 5, 4). Bekanntlich brach dann die Oligarchie der Vierhundert nicht lange nachher in sich selbst zusammen, und aus diesen inneren Unruhen, die dem athenischen Staate den Verlust der wichtigen Insel Euboia und mancher anderen Punkte von grossem Werte zuzogen, ging endlich eine gemässigte Demokratie hervor, 411 v. Chr. (Thuk. VIII 91–96. Aristot. Ἀϑην. πολιτ. 33. Beloch Att. Polit. 74. Holm II 565. A. Bauer Forschungen zu Aristoteles Ἀϑ. πολιτεία [München 1891] 151). Eine der ersten Handlungen derselben war die formelle Rehabilitierung des A. (Thuk. VIII 97. 98. Plut. Alk. 27. 33. Diod. XIII 48). Inzwischen waren auf dem Kriegsschauplatze bedeutende Veränderungen eingetreten. Tissaphernes hatte sich, um die Peloponnesier und des Astyochos energischen Nachfolger Mindaros zu beschwichtigen, bald nach dem Übertritte des A. nach Aspendos begeben, angeblich um die dort versammelte, 147 [1528] Segel starke phoinikische Flotte ihnen zuzuführen. Sofort war aber auch A. ihm mit 13 Schiffen gefolgt, um, wie er den Athenern versprach, die königliche Flotte entweder ihnen zuzuführen oder ihre Vereinigung mit den Peloponnesiern zu vereiteln. Da die phoinikischen Schiffe in der That nicht im aegaeischen Meere erschienen, so glaubte sich Mindaros nicht mehr an die Beziehungen zu Tissaphernes gebunden. Er führte seine Flotte nach dem Hellespont, um sich hier, wo der viel zuverlässigere Perser Pharnabazos und einige spartanische Heeresabteilungen den Athenern bereits eine Menge von Städten entrissen hatten, wo es möglich schien, durch Sperrung der Seestrassen den Athenern die pontische Zufuhr abzuschneiden, mit Pharnabazos zu vereinigen (Thuk. VIII 87. 88. 99, vgl. 61f. 64. 69. 80. 107. Plut. Alk. 26. 27. Diod. XIII 38–40). Damit begann für Athen eine neue grosse Gefahr, aber auch die Zeit, wo A. seine ganze gewaltige Kraft mehrere Jahre hindurch in glänzendster Weise im Interesse des Staates entfalten konnte. Gleich nach Mindaros Abfahrt war ihm die athenische Flotte, ohne auf A. zu warten, der noch geraume Zeit in den karischen Gewässern operierte (Thuk. VIII 108. Plut Alk. 27. Diod. XIII 42), nach dem Hellespont gefolgt. Thrasybulos und Thrasyllos bestanden bei Kynossema mit Mindaros ein blutiges Seegefecht, 411 v. Chr. (vgl A. Bauer Forsch. zu Aristoteles Ἀϑ. πολιτεία 167), und nach längerem Schwanken des Kriegsglückes brachte endlich die rechtzeitige Ankunft des A. in dem schweren Treffen von Abydos den Athenern einen glänzenden Sieg (Thuk. VIII 99-107. Diod. XIII 38ff. 45–47. Xen. Hell. I 1, 1–7. Plut. Alk. 27). Von Tissaphernes, der die Peloponnesier wieder zu versöhnen hoffte, verhaftet, als er nach dem Siege von Abydos von neuem sein Glück bei dem persischen Satrapen versuchte, wusste A. schon nach 30 Tagen zu entkommen (Xen. Hell. I 1,9. 10. Plut. Alk. 27. 28) und nahm im J. 410 vom Chersones aus den Krieg mit neuer Energie auf. In der mit bewundernswerter Kunst eingeleiteten Schlacht bei Kyzikos (410 v. Chr.} vernichtete er die peloponnesische Flotte und schlug die feindlichen Truppen auch zu Lande (Xen. Hell. I 1, 11–23. Diod. XIII 49–52. Plut Alk. 28. Polyaen. I 40, 9). Der nach dieser Schlacht von den Spartanern angetragene Friede wurde in Athen abgewiesen. Beloch Athen. Pol 76ff. In der nächsten Zeit hat A. dann durch eine Reihe glücklicher Kriegsthaten die Einnahme von Perinth, die Schlacht bei Abydos, die Gewinnung von Chalkedon, die Eroberung von Selymbria, die Erstürmung von Byzantion) die Küsten vom Hellespont bis zum Bosporus, mit Ausnahme von Abydos, für Athen wieder gewonnen und dadurch den Athenern sowohl die pontische Zufuhr gesichert, als auch reiche Geldquellen an Contributionen, Zöllen und Tributen wieder eröffnet (Curtius Griech. Gesch. II6 877, 189. A.Kirchhoff Hermes XVII 623ff. v. Wilamowitz Hermes XXII 243. Xen. Hell. I 3. Diod. XIII 66. Plut. Alk. 30. 31. Paus. I 29, 13. CIA IV 61a). In Chrysopolis, etwas nördlich von Chalkedon, wurde eine Zollerhebungsstätte (δεκατευτήριον) eingerichtet und von allen [1529] den Bosporus passierenden Schiffen der zehnte Teil der Ladung als Steuer erhoben (Xen. Hell. I 1, 22. Polyb. IV 44, 4. Diod. XIII 64. Boeckh-Fränkel Staatsh. der Ath. I 396). Nach diesen Erfolgen und Errungenschaften kehrte A., um sich endlich in der lang entbehrten Vaterstadt dem Volke als ruhmgekrönten Sieger zu zeigen, im Frühling des J. 408 nach Athen zurück. Am Plynterienfeste des J. 408 v. Chr. landete er im Peiraieus. Er wurde enthusiastisch empfangen und feierte einen glänzenden Triumph. Seine Popularität, die er durch neue glänzende Versprechungen zu steigern wusste, erreichte ihren Gipfel, als er im September d. J. den Athenern es ermöglichte, unter dem Schutze seiner Truppen ohne Scheu vor den Feinden in Dekeleia die lange unterbrochene Iakchosprocession zu Lande nach Eleusis zu führen (Xen. Hell. I 4. Diod. XIII 68. Plut. Alk. 32. Herbst Rückkehr des Alkibiades, Hamburg 1843. Breitenbach Das Jahr der Rückkehr des Alkibiades, Jahrb. f. Phil. 1872, 773ff. J. Beloch Zur Chronologie der letzten Jahre des peloponnesischen Krieges, Philologus XLIII 261 ff.). Um so weniger schlummerte bei seinen zahlreichen Gegnern das alte Misstrauen; jetzt mehr denn je war zu fürchten, er werde sich zum Tyrannen aufwerfen, zumal ihn das Volk schon zum alleinigen unumschränkten Oberfeldherrn zu Wasser und zu Lande ernannt hatte. Daher eilten seine Gegner, Oligarchen wie Demagogen, unter rascher Bewilligung aller seiner militärischen Forderungen den Gefürchteten bald wieder zu entfernen; dann hofften sie ihn leicht zu stürzen. Denn so hoch gespannt war die Hoffnung, welche die Menge auf A. setzte, und ihre Anhänglichkeit an den Feldherrn auch jetzt so wenig auf nachhaltigen Motiven begründet, dass jedes Misslingen leicht lediglich auf seine Schuld und seinen bösen Willen zurückgeführt werden konnte (Xen. I 4, 8-20. Plut. Alk. 32–35. Diod. XIII 68f. Iust. V 4. Nep. 5,7. 6, 1ff. 7, 1. 3. Athen. XII 535). Die Erwartungen der Feinde des A. gingen vollkommen in Erfüllung. Im Herbste des J. 408 verliess er den Peiraieus mit 100 Kriegsschiffen, 1500 Hopliten und 150 Reitern. Schon der misslungene Angriff auf das abgefallene Andros verstimmte die Athener tief (vgl. Thuk. VIII 64. 69. Xen. I 4, 21ff. Plut. Alk. 35. Diod. XIII 69. Curtius Griech. Gesch. II 763). Und noch schlimmer wurde es, als A. wieder nach Ionien segelte, um den Krieg von Samos aus zu führen, und die erwarteten Siegesbotschaften nicht eintrafen. Grote, der die veränderte Situation in Ionien vortrefflich würdigt, glaubt, A. sei durch seine glänzende Aufnahme in Athen gleichsam berauscht und darum nachlässig und übermütig geworden; er misst darum den nachher gegen ihn erhobenen Anklagen einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit und Berechtigung bei. Man braucht, glauben wir, indessen nicht so weit zu gehen. Die Lage in Ionien war für A. sehr gefährlich geworden, da ihm neuerdings hier zwei gefährliche Gegner von grossen Mitteln und hoher Energie gegenübergetreten waren. Erstens befand sich seit dem J. 408 des Perserkönigs Dareios Nothos Sohn Kyros als Karanos in Sardes; an sich ein heftiger Feind der Athener und [1530] der listigen Politik des Tissaphernes, war er durch den ebenso gewandten wie thatkräftigen Lysandros, der seit derselben Zeit spartanischer Flottenführer war, gänzlich gewonnen und bestimmt worden, den Peloponnesiern umfassende Geldmittel zu Gebote zu stellen. Mit diesen Mitteln in der Hand schlug Lysander ein bisher noch nicht erprobtes Verfahren ein. Von Ephesos, seinem Waffenplatze, aus organisierte er überall eine oligarchische Propaganda gegen die Anhänger Athens; an Streitkräften dem A. noch nicht gewachsen, vermied er hartnäckig jede Entscheidung mit den Waffen, aber erhöhte den Sold seiner Seeleute in der Art, dass auf der athenischen Flotte unter den zahlreichen geworbenen Leuten Desertion einriss. Unter solchen Umständen konnte A. nichts Ernsthaftes unternehmen; die Notwendigkeit, Geld herbeizuschaffen, nötigte ihn zu Raubzügen und zu Erpressungen, bei denen auch befreundete Städte nicht immer verschont blieben. Als nun im J. 407 in des A. Abwesenheit sein Unterfeldherr Antiochos gegen den Befehl seines Admirals bei Notion einen Angriff auf Lysander gewagt und die Schlacht verloren hatte, da wallte in Athen der Zorn des Volkes von neuem gegen A. auf. Alle Anklagen über Leichtsinn, Gewissenlosigkeit, Räubereien und Schwelgereien, alle Verdächtigungen wegen angeblicher verräterischer Pläne des A. fanden nunmehr Gehör, und das Volk enthob seinen Liebling des Oberbefehls, um statt seiner zehn Strategen, darunter Konon, des Timotheos Sohn, mit der Führung des Krieges zu betrauen (Xen. Hell. I 5, 1–20. Plut. Lys. 4. 5. 9; Alk. 35. 36. Diod. XIII 69. 70f. 73f. Iust. V 5. Nep. 7, 1. 2. 3. W. Vischer Alkibiades und Lysandros, Kl. Schriften I 136. Holm II 571. W. Judeich Kleinasiatische Studien, Marburg 1892, 24). A. kehrte nicht wieder nach Athen zurück, sondern begab sich von Samos nach dem thrakischen Chersones, wo er schon früher bei Paktye sich für einen solchen Fall einige feste Schlösser angelegt hatte. Hier lebte er wie ein autonomer Machthaber, fehdete mit den benachbarten thrakischen Stämmen und knüpfte mit anderen Verbindungen an (vgl. Diod. XIII 74. 105. Plut. Alk. 36. 37; Lys. 10. Xen. Hell. I 5, 17. II 1, 25. Nep. 7, 4. 8, 1. Iust V 5). In die Politik der Zeit aber vermochte er nicht wieder einzugreifen. Misstrauen und Eifersucht bestimmten die athenischen Feldherren, denen A. vor der grossen Entscheidungsschlacht bei Aigospotamoi (405 v. Chr.) seine Dienste anbot, ihn schnöde abzuweisen (Plut. Alk. 36. 37; Lys. 9–11. Xen. Hell. II 1, 16–26. Diod. XIII 104f. Nep. 8, 1–3). Der Untergang der athenischen Macht zog auch den des A. nach sich. Die Rache der Spartaner fürchtend und nachher auch noch von einem Verbannungsurteil der Dreissig zu Athen getroffen (Xen. Hell. II 3, 42–4, 14. Isokr. XVI 15. 16. Iust. V 8. Lysias XIX 52), verliess A. bald nach dem Fall von Athen, im Frühling 404, den Chersones und fand bei dem Perser Pharnabazos eine Zuflucht. W. Judeich Kleinasiatische Studien 32ff. Hier ereilte ihn sein Schicksal. A. hegte die Absicht, sich nach Susa zu dem neuen Perserkönig Artaxerxes II. zu begeben und denselben durch Enthüllung der Umtriebe seines Bruders Kyros für seine Interessen [1531] in Bewegung zu setzen. So knüpften sich an des A. Namen bald tausend Hoffnungen der besiegten Parteien in Athen wie in Kleinasien; aber auch Furcht und glühender Hass der neuen siegreichen Gewalten, der athenischen Oligarchie und der asiatischen Dekarchie, der Spartaner und des Kyros. Es ist auf Befehl der spartanischen Regierung geschehen, dass Lysandros den Pharnabazos veranlasste, den A. in dem phrygischen Flecken Melissa zu töten. Sein Tod ist uns ausführlich geschildert worden. A. ist im J. 404 (Ol. 94,1) v. Chr. gestorben, als Pythodoros in Athen Archon war. Plut. Alk. 37–39. Nep. 9. 10. Iust. V 8. Diod. XIV 11. Isokr. XVI 40. Athen. XIII 574 e. f. P. Krumbholz De Asiae minoris satrapis Persicis (Leipzig 1883) 50. Über die von Plutarch überlieferte Erzählung, A. sei von zwei Brüdern, deren Schwester er verführt, umgebracht worden, vgl. W. Judeich a. a. O. 33. Der Kaiser Hadrian soll, als er auf seinen Orientreisen den Flecken Melissa berührte, auf dem Grabhügel des A. eine Statue aus parischem Marmor errichtet und ein jährliches Totenopfer für A. angeordnet haben (Athen. XIII 574 f). Das umfangreiche, auf A. bezügliche biographische Detail ist in Hertzbergs Buch ‚Alkibiades der Staatsmann und Feldherr‘ (Halle 1854) gesammelt worden.

Bildliche Darstellungen des A. Es wird uns überliefert, dass die Schönheit des A. die Künstler veranlasst hätte, nach dem Kopf desselben Hermenköpfe zu bilden. Proklos zu Platon I 114. Plin. n. h. XXXVI 28. Clemens Alex. Protrept. p. 16, 35. Die einzige nähere Nachricht, die wir über das Aussehen des A. besitzen, verdanken wir Athenaeus (XII 534 c κόμην ἔτρεφεν ἐπὶ πολὺ τῆς ἡλικίας. Vgl. Friederichs-Wolters Berlins antike Bildwerke (Berlin 1885) S. 484. Über die berühmte Darstellung des A. auf den Knieen der Nemea: Athen. XII 534 d. Plut. Alk. 16. Paus. I 22, 6. Jahn-Michaelis Pausaniae descriptio arcis Athen. p. 4. Das Gemälde war ein Werk von Polygnots Bruder oder Neffen Aristophon. Vgl. G. Loeschcke Vermutungen zur griech. Kunstgeschichte (Dorpat 1884) 8. Statuarische Darstellungen des A. werden in der Litteratur mehrfach erwähnt. Nach Dio Chrysost. XXXVII 122 R. verfertigte der Bildhauer Polykles eine Statue des A.; vgl. Urlichs Rh. Mus. V 151. Brunn K. G. I 273. C. Robert Hermes XIX (1884) 300ff. Pyromachos stellte den A. auf einem Viergespann stehend dar (Plin. n. h. XXXIV 80), Nikeratos bildete ihn in einer Gruppe mit seiner Mutter (Plin. n. h. XXXIV 88). Die Samier sollen die Erzstatue des A. im Heraion als Weihgeschenk aufgestellt haben (Paus. VI 3, 15). In Rom ist A. neben Pythagoras auf Veranlassung eines Orakels auf dem Forum in Erz aufgestellt worden (Plut. Numa 8. Plin. n. h. XXXIV 26). Die vom Kaiser Hadrian auf dem Grabhügel des A. errichtete Statue aus parischem Marmor ist bereits erwähnt worden (Athen. XIII 574f). Die bekannte, in vielen Wiederholungen erhaltene Marmorbüste im Vatican (Monum. d. Inst. VIII 25), die W. Helbig Ann. d. Inst. XXXVIII (1866) 228ff. für A. in Anspruch genommen hat, muss demselben abgesprochen werden, wie P. Wolters (Berlins [1532] antike Bildwerke 1321) auf Grund unserer Überlieferung über die Haartracht des A. (Athen. XII 534 c) dargethan hat. Nach einer Vermutung B. Gräfs ist der schöne behelmte Kopf im Vatican (Friederichs-Wolters 482, abgeb. Visconti Iconogr. grecque I tav. XIV 3. 4), den Wolters bereits mit Recht wegen seines jüngeren Stiles dem Themistokles abgesprochen hat, auf A. zu beziehen. Der Kopf stellt einen schönen jugendlichen Feldherrn mit langem Haupthaar dar und zeigt nach Gräf eine so grosse stilistische Verwandtschaft mit Kephisodot, dass er ihn am liebsten für ein Werk aus der Hand dieses Künstlers halten möchte. Das Neapler Marmorrelief, welches angeblich den A. unter Hetären darstellt, hat mit diesem nichts zu schaffen (Gerhard und Panofka Neapels antike Bildwerke S. 85, 283. Friederichs-Wolters 1894). Dasselbe gilt von den bei Visconti Iconogr. grecque I tav. XVI 1–5 abgebildeten Köpfen und der zur Zeit des Plinius in Rom befindlichen Darstellung des A. als Eros mit dem Blitz in der Hand, die mehr als zweifelhaft sind (Plin. n. h. XXXVI 28. W. Klein Arch.-epigr. Mitt. IV 1880, 24. K. Wernicke Arch. Jahrb. V 1890, 148ff.). Über den Eros im Wappen des A. vgl. Athen. XII 534 e. Plut. Alk. 16. Wie der Name des Kleinias, so findet sich auch der des A. auf einer attischen Vase als Lieblingsaufschrift. K. Wernicke Griechische Vasen mit Lieblingsnamen (Berl. 1890) 91. 100. 121. 123f. W. Klein Griech. Vasen mit Lieblingsinschriften (Wien 1891) 62.