RE:Nikagoras 8

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XVII,1 (1936), Sp. [1936 216]–[1936 218]
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8) Nikagoras I. aus Athen, Sohn des Mnesaios, Enkel des Minukianos I. und Vater des Minukianos II. (Suid. s. Νικαγόρας vgl. Stegemann Art. Minukianos und den Stammbaum der Familie bei Schissel Klio XXI 371) stammte aus einer Familie, die Plutarch und Sextus unter ihre Ahnen zählte und in der die Beschäftigung mit der Rhetorik gewissermaßen erblich war. Aber im Gegensatz zu Großvater und Vater, die politische Redner und Theoretiker des πολιτικὸς λόγος gewesen waren, war er Sophist, d. h. epideiktischer Redner und Redelehrer (Schissel 367 § 5).

Leben. N. ist wahrscheinlich unter Marcus Aurelius etwa 175-180 geboren. Denn er hat, noch als Jüngling, schon den Thessalier Hippodromos erlebt, der nach Münscher (o. Bd. VIII S. 1746, 62) den σοφιστικὸς θρόνος in Athen etwa 190-200 einnahm. Schissel 367 äußert die Vermutung, daß N. zu den Schülern desselben gehört habe. Ferner war er ziemlich gleichaltrig mit Flavius Philostratos, der ihn Vit. soph. II 33, 4 unter seine noch lebenden Freunde rechnet (Münscher Philol. Suppl. X 489, 47), neben Apsines aus Gadara, der wie Maior ein Zeitgenosse [217] des N. gewesen ist. N. hat zusammen mit Flavius Philostratos und Apsines zwischen 230-238 in Athen gelebt (Münscher Philol. Suppl. X 489). Dazu stimmt, daß Suidas (s. Νικαγόρας] N. I, in die Zeit des Kaisers Philippus Arabs (244-249), an den er noch einen πρεσβευτικός richtete, und früher (s. Μαΐωρ) verlegt. Nach einer eleusinischen Inschrift (Syll.³ 845; vgl. auch Syll. or. 720) war dieser N. Inhaber des kaiserlichen Lehrstuhles für Beredsamkeit in Athen, wohl um 230. Ferner war er nach derselben Quelle und Philostratos τῶν ἱερῶν κῆρυξ, nahm also den dritten Rang in der Reihe der eleusinischen Mysten ein. Später hat er in Athen mit dem peripatetisch geneigten Mittelplatoniker Longinos verkehrt. Porphyrios (Euseb. praep. ev. X 3, 1) läßt ihn Gast des Longinos sein bei einem Festmahle anläßlich des Geburtstages von Platon und sich an dem Tischgespräche über Plagiatliteratur beteiligen mit Bemerkungen nach Pollion (Münscher Philol. Suppl. XIII 2, 136) über den literarischen Diebstahl Theopomps an Xenophon (Euseb. 3, 9–11). Da nach Schissel 368 Porphyrios den Inhalt dieses Gespräches durch seinen Lehrer gekannt hat, ist man durch dasselbe nicht gezwungen, die Lebenszeit des N. über das J. 250 auszudehnen.

Lehrmeinung. Die Teilnahme am Festmahle zu Ehren Platons beweist zwar noch nicht, daß N. Platoniker war (Schissel 368), aber dies wird doch wahrscheinlich gemacht durch die Freundschaft mit Longinos und den Familienstolz auf den zum Platonismus hinneigenden Plutarch, den er auf der oben erwähnten Inschrift mit erwähnt.

Stil. Für seinen Stilcharakter ist bezeichnend, daß er einerseits nach Philostrat. vit. soph. p. 112, 40 K. die Tragödie die Mutter der Sophisten nannte, wozu die an ihm von Himerios or. XXIII 21 gerühmte σεμνότης paßt, anderseits Xenophonverehrer war. Philostratos hätte ihn sicher sehr gelobt; denn er behandelt ihn, wie er p. 119, 23 K. sagt, nur darum nicht, weil man ihm nicht glauben würde wegen seiner Freundschaft mit N.

Schriften (alle nicht erhalten):

1. Βίοι ἐλλογίμων: Für diese Biographien ist an das Vorbild seines berühmten Ahnen Plutarch und an das seines Freundes Philostratos zu erinnern. Als mutmaßliche Quelle für die Geschichte der kaiserlichen Sophistik betrachtet sie E. Rohde Gr. Rom.³ 385 Anm. Vgl. Christ-Schmid II⁶ 691,1.

2. Eine πεπλασμένη ὑπόθεσις über die Kleopatra in der Troas: Es handelt sich hier wohl um die o. Bd. XI S. 734, 1 Nr. 10 von Eitrem genannte Kleopatra. Solche Hypothesen dienten in den Schulen als Lektüre für den Anfangsunterricht und wurden auch in den Rhetorenschulen herangezogen als Material für Progymnasmen, z. B. Ethopoiien (Raddatz o. Bd. IX S. 417, 32).

3. Πρεσβεθτικός an Philippus Arabs: Diesen mit Aristeides or. XXX K. zu identifizieren (so Groag Wien. Stud. XL 44 unter Beistimmung von M. Rostovtzeff Social and economical history of the Roman Empire 614) geht [218] darum nicht an, weil diese Rede keinen Bezug auf den Anlaß, also die Gesandtschaft, nimmt (Schissel a. O. E. Richtsteig Burs. CCXI 50).